Die Premium-Community von stern.de

22 Jul 15
22. Juli 2015

Bei stern.de wünschen sie sich, dass die Leute mit ihnen diskutieren. Auf vier Artikeln auf der Startseite haben große Bapperl geklebt mit der Aufforderung: „Diskutieren Sie mit“!



Die Gesamtzahl der unter diesen Artikeln abgegebenen Kommentare: null.

Das klingt jetzt erstmal nicht so viel, muss man aber natürlich durch die Zahl der Artikel teilen. Die so ermittelte Diskussionswilligkeit pro gefeatureten stern.de Artikel liegt dann ziemlich genau bei: null.

In einem Interview mit der Fachzeitung „Horizont“ zum Relaunch der Seite vor vier Wochen hatte „Stern“-Online-Chef Philipp Jessen gesagt:

Wir wollen Premium-Inhalte und wir wollen auch eine Premium-Community. Der Community-Bereich soll eine Bereicherung darstellen und einen echten Mehrwert bieten. Das heißt, wir werden nicht alle Artikel kommentierbar machen, sondern nur die, bei denen wir das Gefühl haben, da lohnt es sich. Die Diskussionen werden immer von einem Community-Manager, dem Autor selbst oder einem Experten begleitet. Das Ziel ist eine lebhafte Debatte, bei der vernünftig miteinander geredet wird, und die auch für die Teilnehmer und die Autoren einen echten Mehrwert bietet. Wir wollen keine Abladestelle für Frust oder für Trolle aus Osteuropa sein. Zum Start werden wir lediglich ein bis drei Artikel zur Diskussion freigeben, aber ich will das natürlich schnell ausweiten. Wir müssen aber unsere Qualitätsstandards sicherstellen.

Und das mit dem Qualitätsstandards scheint ja soweit geklappt zu haben.

Nachrichten mit Bart

von Boris Rosenkranz
21 Jul 15
21. Juli 2015

Der Trend, dass Menschen Vollbart tragen, ist nach Annahmen der Deutschen Bartagentur (dba) so gut wie vorbei. Unter ihrem Tarnnamen „Deutsche Presseagentur (dpa)“ veröffentlichte die dba am vorigen Freitag ein Video, das diverse deutsche Medien übernahmen. Die Illustrierte „Stern“ titelte:

Screenshot stern.de 20.7.2015

Die Deutsche Bartagentur hatte das Video unter dem Titel „Ist der Bart ein Auslaufmodell?“ angeboten und berichtet, dass 45 Prozent aller deutschen Männer einen Bart tragen und überwältigende 12 Prozent „sogar einen Vollbart“. Weil beim hauseigenen dba-Friseur aber in letzter Zeit immer wieder Leute erzählen, dass der Vollbart-Trend allmählich auslaufe, berichtete dba weiter: „Allerdings, so hören wir in letzter Zeit immer wieder, soll der Vollbart-Trend allmählich auslaufen.“

Im Beitrag wird das unter anderem belegt durch eine „Mode-Expertin“, die sagt, dass es Männer gibt, die mit Bart toll aussehen und andere, bei denen ein Bart wie eine Verkleidung wirkt. Außerdem sagt ein Vollbartträger, dass sein Vollbart kaum von der Vollbart-Mode beeinflusst ist. dba schlussfolgert: „Im Klartext, wie so oft: Erlaubt ist halt einfach, was gefällt. Aber will man den aktuellen Trends zumindest ein wenig folgen, man darf sich schon mal wieder rasieren.“

Mit Bart-Trends kennt sich dba aus; die Agentur berichtet seit Jahren darüber.

Bereits am 28.2.2013 fragte dba, schon etwas bang:

„Was wird aus dem Vollbart?“

Grund dafür war, dass der Schauspieler Ben Affleck im Film „Argo“ einen Bart trug, diesen aber nach der Oscar-Verleihung abrasierte: „Doch hat Afflecks Rasur das Ende des Vollbarts eingeläutet – ist der Trend vorbei?“ Im Text ist zu erfahren, dass die einen so sagen, die anderen so, und dass sich ingesamt sagen lässt: „Zahlreiche Bartträger können die Gesichtsbehaarung also noch ein bisschen länger behalten.“

Am 19.12.2013 berichtet dba im „Szene-ABC: Was 2013 angesagt war“:

„B wie Bart: der wachsende Trend bei Männern, vom Hipster bis zum ‚Bild‘-Chefredakteur. Zeit fürs ‚Glattrasiert‘-Comeback?“

Offenbar nicht. Am 28.1.2014 bietet dba einen KORR-Bericht an:

„Haarige Zeitreise – Männer gehen wieder zum Barbier“

(These: „Bärte sind nicht nur voll im Trend, sondern müssen auch gepflegt werden.“)

Am 23.4.2014 meldet dba den:

„Bart des Tages“

(Besitzer: Franz Beckenbauer.)

Am 24.4.2014 meldet dba dann:

„Der Kaiser trägt Bart – Beckenbauer mit neuem Look“

Am selben Tag bringt dba dazu ein Experten-Interview („Bartweltmeister: ‚Als Kaiser ist man zum Bart verpflichtet‘“) und eine Zusammenfassung („Des Kaisers neuer Bart – Hype um Beckenbauers neuen Look“).

Einen Tag später, am 25.4.2014, bietet dba/audio einen Korri-Talk, O-Töne und ein Umfrage zum Thema „Bart im Trend“ an (These: „Männliche Zottelgesichter und kein Ende in Sicht – der Bart-Trend sprießt weiter.“).

Eine Monat später, am 25.5.2014, meldet dba:

„Kaiser Franz wieder ohne Bart“

Am 19.6.2014 dann eine Sport-Meldung:

„Beim Barte des Profis: Pirlo und Co. Sorgen für Wildwuchs bei WM“

(Die Korrespondentin berichtet, dass viele Fußballer bei der WM über den Platz laufen, „als sei die Rasierklinge noch nicht erfunden“. Und dass das „viele“ andere nicht so gut finden. Zitat dba: „A-bart-ig! So urteilen viele über den Schnauzer von Hugo Almeida“. Und über all die anderen Bärte. Denn: „Ob Milch-, Ziegen-, Spitz-, Kinn-, Backen– oder Stoppelbart: Glatt wie ein Kinderpopo ist nur der Ball.“)

Am 26.6.2014 verkündet dba/video:

„Eigentlich waren immer Rocker, Althippies und Bergbauern bekannt für Vollbärte. Doch die Gesichtswolle liegt voll im Trend.“

Am 24.7.2014 meldet dba in „Neues aus der Szene“:

„Der Mann von heute zupft sich nicht nur die Augenbrauen und hört Helene Fischer. Er trägt seit längerem Vollbart, wie gerade beim Start der RTL-Kuppelshow ‚Die Bachelorette‘ zu sehen war.“

Am 16.10.2014 entdeckt dba:

„Banker mit Bärten“

(Die Meldung wird natürlich über das dba-Wirtschaftsressort verschickt. These: „Der Bart als Accessoire für modebewusste Männer ist nun auch in den Chefetagen deutscher Banken angekommen.“)

Am 1.12.2014 meldet dba im „Szene-ABC: Was 2014 angesagt war“:

„B wie Burger und Bart: Zwei Szene-Phänomene, die fast schon totgeglaubt waren, denen aber 2014 noch immer in Trendlokalen und im Gesicht vieler Männer gehuldigt wurde. Ist’s 2015 endlich vorbei?“

Anderthalb Monate später, am 12.1.2015, ist klar: Nee, nicht endlich vorbei.

„Matthew McConaughey ist jetzt Bartträger“

Am 22.1.2015 meldet dba in „Neues aus der Szene“:

„‚Supergeil‘-Sänger zieht blank: Ende des Bart-Trends?“

(Weil im Werbespot einer Supermarkt-Kette der Hauptdarsteller seinen Bart abrasiert und singt, dass es zu viel Bartträger gibt, wähnt dba, naja, mal wieder das Ende. Aber da haben sie die Rechung ohne den Dings von der CSU gemacht!)

Am 27.4.2015 meldet dba:

„Guttenberg hat jetzt einen Bart“

(Was sich offenbar auf Guttenbergs Leben nachhaltig auswirkt, wie dba schreibt: „Mit Bart schloss der CSU-Politiker am Montag bei einem Auftritt in Oberbayern eine Rückkehr in die deutsche Politik bis auf Weiteres aus.“ Ohne Bart wäre ihm das bestimmt nicht passiert.)

Unmittelbar nachdem bekannt wurde, dass nun auch der supercoole Guttenberg Bart trägt, fragt dba am 29.4.2015 gemeinerweise:

„Ist der Vollbart out?“

Man sehe ihn an „Kneipen-Tresen in Berlin-Neukölln“, in der Fernsehwerbung und sogar „auch an Karl-Theodor zu Guttenberg“: „Dabei soll er schon wieder out sein, war bereits öfter zu lesen.“

Ist er aber wohl doch nicht.

Am 25.5.2015 meldet dba das Ergebnis einer YouGov-Umfrage:

„Dreitagebart ist der Lieblingsbart der Deutschen“

Und:

„Umfrage: Männer mit Bart besonders attraktiv“

Tja, aber jetzt, wie eingangs erwähnt, läuft der Bart-Trend echt mal langsam aus. Darauf können Sie sich verlassen, denn ihre Kompetenz im Bart-Journalismus beweist dba seit Jahrzehnten. Der formschönste Leadsatz einer dba-Meldung ist bereits mehr als 20 Jahre alt; er wurde am 13.10.1992 veröffentlicht, wieder, wie alle anderen Meldungen auch, unter dem Tarnnamen „Deutsche Presseagentur (dpa)“:

„Ob Affe oder Mensch, beim Manne sprießt er im Gesicht – der Bart, ein sekundäres Geschlechtsmerkmal.“

Forsa-Chef Güllner entkräftet Kritik von drei Leuten an seiner Umfrage

20 Jul 15
20. Juli 2015

Manfred Güllner, der Chef des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, hat am Wochenende im Deutschlandfunk Stellung genommen zur Kritik an den Methoden einer „Stern“-Umfrage. Unter dem Hashtag #forsafragen hatten sich viele Menschen auf Twitter über die Art der Fragestellung lustig gemacht, bei der man nur zwischen den Alternativen wählen konnte, Merkel für ihre Griechenland-Politik zu loben oder für einen erzwungenen Grexit zu sein. Auch renommierte Sozialforscher hatten Forsa handwerkliche Fehler vorgeworfen.

Martin Zagatta, Deutschlandfunk: (…) Ihr Institut ist ja zu dem Ergebnis gekommen in der jüngsten Umfrage, glaube ich, die Mehrheit hier in Deutschland sei mit Merkels Griechenland-Kurs zufrieden und vor allem vielen Anhängern der Grünen gefalle die Griechenland-Politik von Frau Merkel. Das ist von Experten ganz heftig kritisiert worden. Bleiben Sie bei diesen Aussagen oder war da die Fragestellung doch etwas verkürzt?

Manfred Güllner: Nein. (…) Wir haben ja hier tatsächlich danach gefragt, ob das, was Merkel an dem konkreten Wochenende gemacht hat, von der Mehrheit der Menschen gebilligt wird, und das ist eindeutig gebilligt worden, da gibt es ja auch andere Zahlen. Und die Kritik kam ja nur von drei Leuten, wenn ich das richtig sehe. Das eine war Herr Niggemeier, nun, dem haben wir mal versucht …

Zagatta: Ein Blogger.

Güllner: Ja, der schreibt ab und zu mal irgendwas …

Zagatta: Ja, der bekannteste Blogger in Deutschland.

Güllner: Ja, was heißt Blogger? Wir müssen auch immer sehen, repräsentieren die Blogger nun auch 80 Millionen Menschen in Deutschland und über 60 Millionen Wahlberechtigte. Und wenn da Herr Niggemeier mal ein paar Leute lesen, ist das ja weiß Gott nicht die Mehrheit.

Zagatta: Ja, aber Ihre Umfrage ist ja auch kritisiert worden von relativ renommierten Universitätsprofessoren.

Güllner: Ja, das sind zwei Leute. Ich habe gerade einen davon, das Buch hier, das ist der Herr Diekmann, der ein Buch über empirische Sozialforschung geschrieben hat, was ich meinen Studenten immer nicht empfehle zu lesen, weil es ein merkwürdiges Buch ist. Der sagt beispielsweise, um 1.000 Leute zu befragen, braucht man drei Wochen. Stellen Sie sich mal vor, wir würden für Sie eine Umfrage machen und würden Ihnen in drei Wochen Ergebnisse liefern, dann ist das doch schon längst im Hut! Nein, das sind Leute, die ich natürlich kenne und wie gesagt …

Zagatta: Ja, Herr Güllner, in diese Fachdiskussion will ich mich auch gar nicht einmischen!

Jörg Kachelmann und die Verbrecher von kabel eins

15 Jul 15
15. Juli 2015

Schalten wir um zu kabel eins. Dort läuft am Sonntag eine neue Doku des Grauens: „Die spektakulärsten Kriminalfälle — dem Verbrechen auf der Spur“.

Der Sender bewirbt sie mit einem dreißigsekündigem Trailer, in dem es heißt:

Dunkle Geheimnisse.

Undurchschaubare Abgründe.

Verhängnisvolle Taten.

Diese Menschen sind bis zum Äußersten gegangen und wurden zu Verbrechern, die jeder kennt.

Welche Motive hatten sie? Und warum ziehen uns wahre Kriminalfälle so in ihren Bann?

Die Faszination des Grauens in der neuen Doku.

„Die spektakulärsten Kriminalfälle — dem Verbrechen auf der Spur“. Am Sonntag um 20:15 Uhr.

Man muss es im Original gesehen und die Stimme des Sprechers und die dramatische Musik gehört haben, um es angemessen würdigen zu können:


 

Im Bild, unter anderem: Hans-Jürgen Rösner und O.J. Simpson, Marianne Bachmeier und Jürgen Harksen — und Jörg Kachelmann, der Wettermoderator, der von dem Vorwurf, eine Frau vergewaltigt zu haben, freigesprochen wurde.


Und kabel eins zeigt den — noch einmal: rechtskräftig freigesprochenen — Moderator als Verbrecher, den jeder kennt — was auf eine ironische Weise fast schon wieder treffend ist, angesichts der Vorverurteilung und der anhaltenden Folgen des Prozesses und der Berichterstattung für Kachelmann.

Kachelmanns Anwalt hat die Sendergruppe ProSiebenSat.1, zu der kabel eins gehört, abgemahnt. Die „Behauptungen“ über Kachelmann seien „allesamt unwahr“: Es habe schon keine Tat gegeben, deshalb auch kein Motiv und kein „Grauen“, das faszinieren könnte. Die Behauptung, Kachelmann sei ein „Täter“ bzw. „Verbrecher“ werde „in ehrenrühriger Weise und wider besseres Wissen aufgestellt“.

ProSiebenSat.1 bestätigte auf Anfrage, die geforderte Unterlassungserklärung abgegeben zu haben und den Trailer nicht mehr zu zeigen. In der Sendung selbst werde Kachelmann selbstverständlich in keiner Weise als Verbrecher dargestellt.

Kachelmann behält sich vor, eine Geldentschädigung zu verlangen.

Brief an Hermann Beckfeld, Chefredakteur der „Ruhr Nachrichten“

von Boris Rosenkranz
15 Jul 15
15. Juli 2015

Lieber Hermann Beckfeld,

seit mehr als drei Jahren versenden Sie nun Briefe. Nicht einfach so, mit der Post, wie jeder andere; Sie schreiben Ihre Briefe öffentlich, in die „Ruhr Nachrichten“, weil Sie es können, Sie sind ja Chefredakteur – wer sollte es Ihnen also verbieten?

Mehr als 100 Briefe haben Sie bis heute verfasst, alle zwei Wochen kommt ein weiterer hinzu. Sie schreiben an alle möglichen Menschen: an Prominente, an Politiker, an Lottogewinner, an Mütter, an Ihre Pförtnerin, an andere Chefredakteure und zur Not auch mal an Roman-Figuren oder – als ob die im Himmel die „Ruhr Nachrichten“ läsen! – an Verstorbene.

Eigentlich hätten Sie „längst aufgehört, diese Briefe zu schreiben“, schreiben Sie in einem dieser Briefe, und ich sähe dafür auch gute Gründe, aber Ihre Leser bestärken Sie angeblich weiterzumachen. Sogar ein Verlag hat sich inzwischen gefunden, der die Briefe als Buch vertreibt. Mit diesem Buch gehen Sie auf Lesereise. Da sitzen dann Prominente neben Ihnen, zum Beispiel Peter Maffay. Es wird viel gelacht.

Auch ich lese gelegentlich, was Sie, der Franz-Josef Wagner des Ruhrgebiets, so dichten. Wenn mein Pathos gerade knapp ist oder ich nur noch wenig Schwulst im Haus habe, schaue ich einfach in einen Ihrer Briefe; da ist immer von allem genug, zuweilen gar so viel, dass ich Vorrat für ein ganzes Jahr habe.

scrrenshot ruhrnachrichten.de 14.7.2015

Manchmal frage ich mich dann, wie Sie Ihre Briefe schreiben. Ich stelle mir vor, dass Sie dabei knien oder eine ähnlich anbetende Haltung einnehmen, um zum Beispiel Robbie Williams zuzukumpeln, dass Sie (bis auf den jungen Boris Becker) keinen kennen, der so „unvergleichlich authentisch“ sei, eine so „magnetische Anziehungskraft“ habe und ein so „unwiderstehliches Lächeln“; oder, kurz geschrieben: dass Sie niemanden (bis auf Boris Becker) kennen, der „solch eine Ausstrahlung hat wie Du“.

Oder Sie schreiben an die Eiskunstläuferin Katarina Witt, das „schönste Gesicht des Sozialismus“, den „Kufen– und Kurvenstar“, der „für den Erfolg mit so vielen blauen Flecken bezahlte, nicht nur auf der Haut“.

Oder, und nun wird es interessant: an Klaus Engel, den Chef des Essener Chemie-Konzerns Evonik, ein Unternehmen gleich bei Ihnen umme Ecke. „Sehr geehrter Herr Dr. Engel“, heben Sie an, um den Manager dann für seine „ehrliche[n] Aussagen“ und seine „wertvolle[n] Ratschläge“ zu ehren. Sie preisen das für Engel angeblich „typische Lächeln, das eigentlich gar nicht zu einem Manager passt“, ein Lächeln, „so menschlich natürlich, das Bescheidenheit, ja, fast Schüchternheit ausstrahlt“. Sie himmeln Engel förmlich an, beruflich wie privat: „Ich weiß, dass Sie niemals versäumen würden, den Hochzeitstag mit Ihrer Frau zu feiern.“

Auch wenn Sie an Pressesprecher oder Politiker oder an beide in einer Person schreiben, ist Ihnen so etwas wie journalistische Distanz eher lästig. An den ehemaligen Bürgermeister der Stadt Obertauern, der dort auch ein Hotel betreibt und einst Tourismus-Chef war, schreiben Sie: „Unter all den Weltmeistern bist Du für mich der Champion“, und mit diesem Weltmeister-Champion würden Sie gerne mal wieder „bei einem Gläschen Rotwein“ an seiner Bar sitzen. „Dein Tisch war stets umlagert, weil Du es schon immer blendend verstanden hast, uns Journalisten einzufangen“. Und wie gut der Ex-Tourismus-Bürgermeister darin ist, im Einfangen, dafür ist Ihr Brief der beste Beleg.

Auch die Chefin der Tourismus GmbH in Rheinland-Pfalz, die „liebe Gabi“, hat Ihr Herz geklaut, vor 40 Jahren schon, „40 Jahre, in denen ich Deine Arbeit schätzen lernte“. Und: „Wie habe ich Dich jedes Jahr auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin, an Eurem Stand in einer stickigen Messehalle bewundert.“ Also, wäre ich die Gabi, ich würde mich freuen über einen Chefredakteur zu meinen Füßen, der so verlässlich meine Arbeit macht und einen Brief in seine Zeitung tippt, der klingt, als wäre er aus Pressemitteilungen der Tourismus GmbH zusammenkopiert.

Aber sicher liegt es nur an der guten Arbeit der Tourismus-Chefin, dass man zudem etliche Artikel über Ausflugsziele und Veranstaltungen in Rheinland-Pfalz in den „Ruhr Nachrichten“ findet. Und nicht etwa daran, dass Sie Ihren Redakteuren Gabis Pressemitteilungen wärmstens ans Herz legen.

Lieber Hermann Beckfeld,

im Kern, das haben Sie sicher schon gemerkt, bewundere ich Sie ein bisschen.

Nicht für die Briefe. Aber dafür, dass es bei Ihnen im Verlag und in der Redaktion offenbar niemanden gibt, der Ihnen die Tastatur wegnimmt. Und dafür, dass Ihre Leserinnen und Leser Sie angeblich dafür auch noch rühmen, dass Sie so unzertrennlich eng mit allen sind.

Das ist verrückt. Das ist selten. Das wäre mal ein Thema für einen Dankesbrief.

Supernette Grüße
Boris Rosenkranz

PS. Der Vollständigkeit halber: Ich war so zwischen 2001 und 2004 freier Mitarbeiter in der – inzwischen geschlossenen – Bochumer Redaktion der „Ruhr Nachrichten“.