Exklusiv im „Focus“: Das erstletzte Interview mit Schweinsteiger nach der WM

von Boris Rosenkranz
08 Dez 14
8. Dezember 2014

Na, endlich. Gut fünf Monate nach der Fußball-Weltmeisterschaft hat der „Focus“ in der aktuellen Ausgabe mal was im Blatt, worauf alle viele Fußballfans gewartet haben: „Bastian Schweinsteiger in seinem ersten Interview nach dem WM-Titel“. Das erste Interview also. Exklusiv.

"Focus" Titel 8.12.2014

Okay, gut, am 14.7.2014, einen Tag nach dem WM-Endspiel, war da schon mal so ein Interview mit Bastian Schweinsteiger in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Aber das ist ja nur die NOZ, die lesen sie beim „Focus“ wahrscheinlich nicht so oft. Naja, und dann gab es allerdings am 21.8.2014 noch so ein exklusives Interview mit Bastian Schweinsteiger in „Bild“.

Ausschnitt "Bild"-Titel 21.8.2014

Jetzt redet er: „39 Tage nach dem WM-Triumph bricht Bastian Schweinsteiger sein Schweigen“, steht da in „Bild“. Und im Innenteil, auf Seite 16, ganz oben:

"Bild" 21.8.2014

„Focus“ hat das „1. Interview nach dem WM-Triumph“ damals auch gemeldet:

Focus Online Screenshot 21.8.2014

Und ein paar Wochen nach dem ungefähr ersten Nach-WM-Interview in „Bild“ hatte die „Welt“ ein Interview mit Bastian Schweinsteiger. Und vor ein paar Tagen hatte „Bravo Sport“ noch was Exklusives im Heft und online. So ein Exklusiv-Interview mit, ähm: Bastian Schweinsteiger.

Screenshot bravo.de 7.12.2014

Und dann hat noch – das sollte man jetzt keinesfalls unterschlagen – der achtjährige Lemmy ein Interview geführt. Mit Bastian Schweinsteiger. Für den „Disney Channel“. Am 23.8.2014, kurz nach dem zweiten, dritten oder vierten ersten Interview in „Bild“.

Und dann war da wohl noch irgendein Exklusiv-Interview bei Sky, kurz vor Lemmy, und vielleicht waren da auch noch ein paar. Aber nach all diesen exklusiven ersten Nach-WM-Interviews mit Bastian Schweinsteiger hat der „Focus“ nun wirklich das erste exklusive Interview mit Bastian Schweinsteiger nach der Fußball-WM geführt. Das muss man der Münchner Illustrierten schon lassen.

Nachtrag 9.12.2014, 11:22 Uhr. Besonders peinlich scheint es den Redakteuren beim „Focus“ ja nicht zu sein, dass sie ihr aktuelles Interview mit Bastian Schweinsteiger vollmundig als „erstes Interview nach dem WM-Titel“ verkaufen, obwohl das nicht stimmt. Wenigstens online mal korrigieren? Ach, Quatsch. Dort brüstet sich die Illustrierte weiter damit. Trommelwirbel, bitte:

Über sein grandioses Spiel im Finale der WM sprach der 30-Jährige nie öffentlich. Bis jetzt. Im FOCUS-Interview sagt der neue Kapitän der Nationalelf: „Durch den WM-Titel bin ich sogar noch gieriger auf Titel geworden. Gesättigt bin ich noch lange nicht.“

Wenn man ein Zitat so hervorhebt und als Ankündiger für ein Interview nutzt, muss das ja eine Neuigkeit sein, nicht? Oder eine ganz besondere Stelle aus einem ganz besonderen Interview. Schauen wir mal in die Druckfassung:

[…] Durch den WM-Titel bin ich sogar noch gieriger auf Titel geworden. Gesättigt bin ich noch lange nicht! Ich weiß jetzt, wie man große Fußballtitel holt. Und diese Momente, den Pokal in die Höhe zu halten, will ich wieder haben. Immer und immer wieder. Ich gebe sogar zu: Große Titel machen süchtig. […]

Und nun schauen wir in das Interview, das „Bild“ mit Bastian Schweinsteiger bereits am 21.8.2014 geführt hat:

Ich bin durch den WM-Titel eher noch gieriger geworden. Etwas Großes zu gewinnen, löst bei mir kein Gefühl der Sättigung aus. Das habe ich schon nach dem Champions-League-Triumph mit Bayern gemerkt. Im Gegenteil: Ich weiß jetzt, wie man die ganz großen Fußball-Titel holt. Und ich will diese Momente, in denen man die Pokale hochhält, immer wieder haben. Solche großen Titel können süchtig machen.

Aber, wurscht, wenn der halt auch immer dasselbe redet. Als „Focus“-Redakteur haut man das halt nochmal raus und vergisst dabei einfach, dubdidu, dass das längst in „Bild“ gestanden hat. Weil die bei Springer das nämlich auch längst vergessen haben. Jetzt, mit Bezug auf das „Focus“-Interview, titelt „Bild“:

Schlagzeile "Bild" Online 7.12.2014

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Super-Symbolfoto (108)

28 Nov 14
28. November 2014

Aus der aktuellen „Zeit“. Ich freue mich über Erklärungsvorschläge.

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Programmhinweis (47)

27 Nov 14
27. November 2014

Am Montag bin ich einer der Redner bei der traditionellen Veranstaltung der Frankfurter Aids-Hilfe in der Paulskirche zum Welt-Aids-Tag.

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Marie, 15, kauft eine Zeitschrift und WDR 2, 64, macht einen Beitrag draus

26 Nov 14
26. November 2014

Eine alte Journalistenregel besagt, dass „Hund beißt Mann“ keine Nachricht ist, „Mann beißt Hund“ mangels Alltäglichkeit aber schon.

In diesem Sinne sind wir jetzt also so weit, dass „Jugendlicher liest Zeitschrift“ eine Nachricht ist. Mehr noch: Es könnte ein ganzes journalistisches Genre werden.

„Spiegel Online“ brachte Anfang vergangener Woche ein Stück, das die Überschrift trug: „Moritz, 16, kauft eine Zeitschrift.“ Darin schildert der 16-jährige Moritz, wie er sich vor einer Bahnfahrt eine Zeitschrift kaufte: eine Ausgabe von „Geo Epoche“. Es war angeblich seine erste Zeitschrift, und die Geschichte hat kein Happy-End: Er schenkte sie seinen Eltern. „Im Internet gibt’s mehr Für und Wider.“

Heute Vormittag brachte der Radiosender WDR 2 einen Beitrag, der davon handelt, dass sich die 15-jährige Marie eine Zeitschrift kaufte.

Moderator: Die klassischen Magazin-Zeitschriften stecken derzeit ziemlich tief drin in einer Krise, und das sieht man an jedem Kiosk. Die, die vor dem Regal mit „Spiegel“, „Stern“, „Focus“ und Co. stehen, haben meistens ziemlich viel graue Haare auf dem Kopf. Es fehlt einfach — der Lesernachwuchs. Aber da helfen wir gerne aus. Wir haben nämlich Marie aus Münster harte Kost vorgesetzt. Sie soll Deutschlands wichtigstes Polit-Magazin lesen, einfach mal so. Wir haben sie dabei beobachtet. Denn: Marie ist noch minderjährig.

Sprecher: Marie ist mutig. Denn beim Zeitschriftenhändler greift sie zum „Spiegel“. Von der Wochenzeitschrift hat die 15-Jährige schon viel gehört. Die soll ja ganz gut sein.

Marie: Ich weiß nur, dass sich der „Spiegel“ halt viel mit Politik beschäftigt. Und ich dachte, dann kann man sich den ja mal angucken.

Sprecher: Also schnell drin rumblättern.

Marie: Ich hab‘ eigentlich mal so Seite für Seite durchgeguckt. (…) Aber da war viel dabei, was mich gar nicht interessiert hat.

Sprecher: Eigentlich das meiste, wenn sie ehrlich ist. So richtig hängen bleibt Marie nur bei Geschichten, in denen es um Schicksale von Menschen und nicht um Politik geht. Das Interview mit einer Mini-Jobberin zum Beispiel, die entlassen wurde, das ist interessant. (…) Aber für viel mehr reicht es nicht im Heft. Das Interesse erlahmt schnell.

Marie: Ich hab auch ganz viel übersprungen. Da war mir viel zu viel Text zu lesen. Und viel zu viel, was mich nicht interessiert und mich nicht angesprochen hat.

Sprecher: Medien konsumiert die 15-Jährige, wen wundert’s, nur über Smartphone und Internet. Wie eigentlich fast alle in ihrem Freundeskreis. (…) Beim Zeitschriftenlesen (…) ist sie auf das angewiesen, was da steht. Nachprüfen geht dann nicht so schnell wie im Internet.

Marie: Weil ich das in der Zeitschrift hab‘, würd‘ ich jetzt nicht denken: Ah, ok, da kann ich ja nochmal drauf zurückgreifen oder so. Im Internet hat man’s dann mit einem Klick.

Sprecher: Bleibt das Fazit: Marie und Zeitschriften, das wird wohl nichts. Zumindest nicht in nächster Zeit.

Marie: Ich bleib‘ beim Handy. Und beim Internet.

Moderator: Jugend forscht am Kiosk. Ergebnis: Die klassischen Magazine verlieren eine junge Leserin, noch bevor sie ein zweites Mal zum „Spiegel“ greift.

Nächste Woche dann im Programm: Nadja, 17, probiert zum ersten Mal dieses Radiohören aus. Und ca. 2016: Jakob, 16, sucht den Jugendkanal von ARD und ZDF.

(Der „Spiegel“ hat übrigens laut „Media Analyse“ 6 Millionen Leser, davon sind 1,11 Millionen, also jeder Fünfte, zwischen 14 und 29 Jahre alt. WDR 2 hat laut „Media Analyse“ werktäglich eine Reichweite von 3,7 Millionen Hörern, davon sind 412.000, also jeder Neunte, zwischen 14 und 29 Jahre alt.)

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Die verrohte Kommentarkultur des Deutschlandfunks

25 Nov 14
25. November 2014

In diesen Tagen ist viel von einer „Hassgesellschaft“ die Rede und von einer „verrohten Kommentarkultur“. Komischerweise ist damit fast immer nur das gemeint, was Leute im Netz unter Artikel schreiben. Nicht das, was zum Beispiel der Deutschlandfunk so ausstrahlt.

Am Sonntag war dort ein Kommentar von Burkhard Müller-Ullrich zu hören. Er hatte einen der Spots gesehen, mit denen das Bundesumweltministerium vor allem junge, internetaffine Menschen erreichen will, um sie für Klimaschutz zu interessieren und zum Mitmachen zu gewinnen. Die Kampagne heißt „Zusammen ist es Klimaschutz“.

Ein Clip zeigt, wie ein Mädchen im Teenageralter mutmaßlich spät abends nach Hause kommt, die Eltern beim Sex überrascht und dann lieber das Licht ausschaltet — was ja, höhö, eh gut für die Umwelt ist.

Über 1,7 Millionen Mal ist der Film auf YouTube angesehen worden, womit das erste Ziel der Kampagne, Aufmerksamkeit, sicher mehr als erfüllt ist. Ob der Witz und die Verbindung mit dem Thema Klimaschutz gelungen ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.

Die von Burkhard Müller-Ullrich ist eine ganz besondere. Er sieht in dem Film eine Darstellung und Beschönigung von Kindesmissbrauch.

Dass Kinder ihre Eltern beim Geschlechtsverkehr überraschen, ist eher eine Standardsituation in Film und Fernsehen — und vermutlich auch eine Standardangst von Eltern und Jugendlichen. Müller-Ullrich kommt das abartig vor. Ausführlich fragt er sich anfangs, ob die Bundesumweltministerin oder einer ihrer Mitarbeiter so etwas wohl als Teenager erlebt und dadurch ein „Kindheitstrauma“ erlitten habe, das sie nun durch den Film „psychotherapeutisch zu bearbeiten“ versuche — als sei die Situation und ihre Verwendung in einem Werbefilm so abwegig.

Detailliert beschreibt er den Film und dass der Vater „a tergo“ in die Frau „eindringt“ bzw., sicherheitshalber noch einmal mit umgekehrter Deutsch-Latein-Verteilung formuliert, sie „von hinten penetriert“. Dass die „geschlechtsreife Tochter“ ihrem Vater, der sie „geil und gestört“ anblickt, „aufmunternd zunickt“, das ist für den Deutschlandfunk-Kommentator Ausdruck „einer der übelsten Männerphantasien“.

Wirklich? Welche üble Männerphantasie genau? Der Tochter im Teenageralter zusehen zu können, wie sie ihren Eltern beim Geschlechtsakt zusieht und … nickt? Bevor sie das Licht ausmacht? Weil sie es nicht sehen will?

Es gehört schon eine ziemlich üble Männerphantasie dazu, hier eine üble Männerphantasie am Werk zu sehen. Aber Müller-Ullrich setzt noch einen drunter. Er sieht in der schlichten Aufforderung, Strom zu sparen, nicht nur „Agitprop im Gewand von Volksaufklärung“. Er fügt noch hinzu:

Es ist verständlich, dass eine Ministerin, deren Namen niemand kennt, alles daransetzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber die Mixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch hätte man eher einer Grünen als einer SPD-Frau zugetraut.

Das sagt er wirklich.

Die Mixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch hätte man eher einer Grünen als einer SPD-Frau zugetraut.

Einen solchen doppelten Tiefschlag muss man erst einmal hinbekommen. In einem Satz nicht nur aus einer peinlichen Situation einen „Kindesmissbrauch“ zu machen. Sondern auch noch vage anzudeuten, dass grüne Frauen bekanntermaßen Kindesmissbrauch propagieren.

Er lebt danach noch ein paar Müller-Ullrich-Phantasien aus:

Das Motto dieser Kampagne lautet: „Zusammen ist es Klimaschutz“. Doch ab wie vielen ist „zusammen“? Empfiehlt die Ministerin auch Gangbangs im Dunklen? Deutschland als Darkroom? Und was ist mit der Heizung? Sollen wir gegen den Triebhauseffekt nicht besser im Kalten kopulieren?

Hahaha, Triebhauseffekt, hahaha.

Er belässt es nicht bei lustigen Wortspielen:

Bekanntlich beruht die ganze Klimapolitik auf einer Portion Wahnsinn. Doch jetzt gibt es einen Bildbeweis, dass im Umweltministerium richtige Psychopathen zugange sind. Einer Regierung, die solche Filmphantasien bestellt, bezahlt, freigibt und als unterhaltsam bezeichnet, die es überhaupt für ihre hoheitliche Aufgabe hält, solchen Quatsch zu produzieren, solch einer Regierung ist natürlich alles zuzutrauen. Wahrscheinlich hört sie auch Stimmen.

Der Film als Beweis, dass im Umweltministerium „Psychopathen“ arbeiten, die ihre „übelsten Männerphantasien“ ausleben und „Kindesmissbrauch“ zeigen oder betreiben, obwohl das doch eigentlich Sache der Grünen ist? Im Deutschlandfunk ist das ein sendefähiger Kommentar und akzeptabler Beitrag zur Meinungsbildung. Ausdruck der „verrohten Kommentarkultur“ einer „Hassgesellschaft“ würde es wohl erst, wenn es ein Leser oder Hörer unqualifiziert irgendwohin kommentierte.

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