Gedruckt weniger streng als online: Der Ethik-Kodex der „Zeit“

31 Mrz 14
31. März 2014

Man ahnt sowas ja nicht, aber auch die gedruckte „Zeit“ hat einen Ethik-Kodex. Es gibt ihn noch nicht so lange wie bei der Online-Schwester, nämlich erst seit Januar 2013, und er ist weniger umfangreich. Er lautet so:

CODE OF ETHICS
für DIE ZEIT

1. JOURNALISTISCHE UNABHÄNGIGKEIT

a. Redakteure der ZEIT legen mögliche Interessenkonflikte gegenüber ihrem direkten Vorgesetzten offen. Ein möglicher Interessenkonflikt liegt vor, wenn durch Mitgliedschaft, Bekleiden eines Amtes oder durch ein Mandat in Vereinen, Parteien, Verbänden und sonstigen Institutionen einschließlich Religions– und Weltanschauungsgemeinschaften, durch Beteiligung an Unternehmen, durch gestattete Nebentätigkeit oder durch Beziehungen zu Personen oder Institutionen der Anschein entstehen kann, dass dadurch die Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit/Objektivität der Berichterstattung über diese Vereine, Parteien, Verbände, Unternehmen, Personen und sonstigen Institutionen beeinträchtigt werden könnten. Der direkte Vorgesetzte entscheidet, ob der Auftrag aufrechterhalten wird, und ggf., ob der Umstand, der den möglichen Interessenkonflikt begründet, mit Zustimmung des Redakteurs in dem Artikel offengelegt wird.

b. Aktienbesitz wird innerhalb des Wirtschaftsressorts offengelegt.

c. Die Redaktion der ZEIT nimmt keine Journalistenrabatte in Anspruch. Auch von der privaten, außerdienstlichen Nutzung von Journalistenrabatten wird abgeraten. Insbesondere ist es nicht gestattet, bei privater Beantragung von Journalistenrabatten auf DIE ZEIT als Arbeitgeber zu verweisen.

d. Alle Arten von Geschenken werden sozialisiert, soweit sie einen Wert von 40 Euro überschreiten. Redakteure liefern Geschenke bei einer zentralen Stelle ab. Am Ende des Jahres werden sie zugunsten eines wohltätigen Zwecks versteigert.

e. Bücher oder andere Produkte von Redakteuren werden nicht redaktionell bewertet. Bei eventuellen Vorabveröffentlichungen solcher Werke wird die Befangenheit für den Leser deutlich gemacht.

f. Jede Nebentätigkeit von Redakteuren muss der Chefredaktion zur Genehmigung vorgelegt werden. Die Prüfung erfolgt unter Berücksichtigung einer möglichen Beeinflussung der Berichterstattung, einer möglichen Beschädigung der Marke ZEIT sowie unter arbeitsökonomischen Gesichtspunkten der Redakteure. Der Chefredakteur muss seine Nebentätigkeiten dem Verleger mitteilen.

g. Freie Mitarbeiter müssen Tätigkeiten in den journalismusnahen Bereichen Marketing, PR offenlegen. Eine Tätigkeit in einem dieser Bereiche schließt in der Regel die redaktionelle Bearbeitung inhaltlich verwandter Themen bei der ZEIT für den Zeitraum eines Jahres aus, wenn nicht in beiderseitigem Einvernehmen eine Regelung getroffen werden konnte, die eine Einflussnahme auf die Berichterstattung ausschließt.

2. QUALITÄTSSICHERUNG

a. Jeder in der Printausgabe der ZEIT erscheinende Text wird in aller Regel außer von dem Autor noch von mindestens zwei Personen auf sachliche und stilistische Korrektheit überprüft. Zusätzlich überprüft das Korrektorat jeden Text auf Orthografie, Interpunktion und Grammatik. Die Verantwortung für die Richtigkeit von Daten und Fakten verbleibt beim Autor bzw. beim im Impressum als „verantwortlich“ Genannten.

b. Werden in Printartikeln Fakten (insbesondere zur Stützung eigener Argumente) wiedergegeben, die sich im Nachhinein als falsch erweisen, ist dies, nach Möglichkeit vom Autor selbst, im Blatt zu korrigieren.

c. Sofern zeitnah möglich, werden auch Fehler in bei ZEIT ONLINE veröffentlichten Texten aus der Printredaktion nach Rücksprache mit dem Autor online korrigiert.

3. SELBSTVERPFLICHTUNG

Etwaige Verstöße gegen den Code of Ethics ziehen keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen nach sich. Davon ausgenommen sind Verstöße gegen Pflichten, die sich bereits aus dem Arbeitsverhältnis der jeweiligen Kollegin/des jeweiligen Kollegen ergeben.

Texte müssen also bei der gedruckten „Zeit“ von mindestens zwei zusätzlichen Personen „auf sachliche und stilistische Korrektheit überprüft“ werden, online genügt es, wenn ein Kollege redigiert.

Das ist allerdings der einzige Punkt, bei dem der Kodex für das gedruckte Produkt strengere Regeln vorsieht als für den Internet-Ableger. Eine Reihe anderer Vorgaben, die für „Zeit Online“ gelten, fehlen hingegen bei der Print-„Zeit“, darunter der komplette Block, der sich den heiklen „Beziehungen zu Anzeigenkunden“ widmet. Aus der „Zeit“ heißt es zur Erklärung: Der Gedanke, dass ein Werbekunde Einfluss auf die redaktionellen Inhalte des Wochenblattes nehmen könnte, sei für dessen Leser so abwegig, dass sie es schon zweifelhaft fänden, wenn ihre Zeitung glaubte, es ausdrücklich in einem Kodex ausschließen zu müssen.

Nun ja. Andererseits hatte die „Zeit“ ihren Kodex ohnehin bisher nicht selbst veröffentlicht. (Sie hat ihn mir allerdings auf Nachfrage ohne größere Umstände zur Verfügung gestellt.)

Erstaunlicherweise verzichtet die gedruckte „Zeit“ — anders als „Zeit Online“ — in ihrem Kodex auch vollständig auf Richtlinien, unter welchen Umständen Reisekosten für ihre Journalisten von denen übernommen werden dürfen, die ein Interesse an der Berichterstattung haben. Dabei ist gerade das ein Feld, bei dem ein Versuch hilfreich wäre, klare Vorgaben zu definieren.

Anders als ihren Online-Kollegen ist „Zeit“-Journalisten jedenfalls nicht untersagt, Politiker auf deren Kosten auf Reisen zu begleiten. Auch für den Reiseteil gibt es keine Vorgaben. „Zeit Online“ nimmt dieses Ressort von den strengen Bezahl-Regeln aus und fordert nur, die Finanzierung durch Dritte transparent zu machen. In der gedruckten „Zeit“ fehlt eine solche Kennzeichnung im Einzelnen. Stattdessen gibt es nur einen allgemeinen Hinweis in dieser Form:

Hinweis der Redaktion: Bei unseren Recherchen nutzen wir gelegentlich die Unterstützung von Fremdenverkehrsämtern, Tourismusagenturen, Veranstaltern, Fluglinien oder Hotelunternehmen. Dies hat keinen Einfluss auf den Inhalt der Berichterstattung.

Die gedruckte „Zeit“ sieht, anders als „Zeit Online“, offenbar auch keine Notwendigkeit, Werbung für kommerzielle Produkte des eigenen Verlages im Kodex zu reglementieren.

Die Vorgabe, dass Autoren, die für Corporate-Publishing-Medien (wie sie auch die „Zeit“-Schwester Tempus Corporate GmbH herstellt), nicht über ähnliche Themen für die „Zeit“ schreiben dürfen, fehlt im Print-Kodex, ist aber Teil einer separaten Vereinbarung.

Die Ethik-Regeln haben eine Sollbruchstelle. Sie hört auf den Namen Josef Joffe. Für den „Zeit“-Herausgeber gilt der Kodex offenbar bestenfalls nur bedingt. Obwohl er in einer unüberschaubaren Zahl von Vereinen, Verbänden und Gremien engagiert ist, insbesondere solchen mit engen Verbindungen zu den USA, habe ich bislang keinen Transparenzhinweis unter seinen „Zeit“-Artikeln gefunden. Auch die Pflicht, Fakten („insbesondere zur Stützung eigener Argumente“), die sich im Nachhinein als falsch erwiesen haben, im Blatt zu korrigieren, scheint für ihn nicht uneingeschränkt zu gelten.

Bei Fehlern, die Nicht-Joffes passieren, sollen Korrekturen aber in Zukunft auch bei den Online-Veröffentlichungen der Print-Artikel eingepflegt werden — vor einem Jahr war das anscheinend noch nicht umgesetzt, weshalb der „Zeit“-Irrtum über die Existenz einer „Shitstorm-Agentur“ online offenbar für alle Zeit ohne Korrektur bleiben muss.

Merkwürdig sind auch die Umstände eines Artikels, den die Redakteure Jochen Bittner und Matthias Nass in der „Zeit“ 7/2014 veröffentlichten. Sie berichteten darin über die außenpolitische Neuorientierung Deutschlands und ein dabei entscheidendes Papier namens „Neue Macht, neue Verantwortung“. Entwickelt wurde es von einer Arbeitsgruppe, in der ein Jahr lang „Beamte aus dem Kanzleramt und dem Auswärtigen Amt ebenso mit[diskutierten] wie Vertreter von Denkfabriken, Völkerrechtsprofessoren, Journalisten sowie die führenden Außenpolitiker aller Bundestagsfraktionen“. Einer der „mitdiskutierenden“ Journalisten: Jochen Bittner.

Ein „Zeit“-Autor schreibt über ein Projekt, bei dem eine neue Außenpolitik verhandelt wird, woran er selbst beteiligt war, ohne das zu erwähnen — ein klarer Verstoß gegen den Kodex. Angeblich handelte es sich nur um eine Panne: Versehentlich habe der eigentlich vorgesehene Transparenz-Hinweis gefehlt. In der folgenden Woche veröffentlichte die gedruckte „Zeit“ eine dezente „Klarstellung“ ohne Entschuldigung. Unter der Online-Fassung des Artikels fehlt bis heute jeder entsprechende Hinweis.

Es scheint mühsam zu sein. Trotz Kodex.

Angeblich gibt es trotzdem tatsächlich eine zunehmende Sensibilisierung für Fragen von Transparenz und Distanz in der Redaktion. Eine Folge davon ist, dass die „Zeit“ ihren Platz in der berüchtigten Bilderberg-Konferenz aufgegeben hat, den sie über viele Jahrzehnte inne hatte — „unwiderruflich“, wie es heißt. Dieser Sitz wird nun von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner besetzt.

Super-Symbolfoto (103)

27 Mrz 14
27. März 2014

[entdeckt von BILDblog-Leser Flo A.]

Jan Böhmermanns Traum und Mühe: Ein Besuch beim „Neo Magazin“

26 Mrz 14
26. März 2014

Im Vorraum zum Studio hängt sie noch, die Anzeigetafel, auf der mit großen Klackerbuchstaben „ROCHE & BÖHMERMANN“ zu lesen war. Nun steht da nur noch: „BÖHMERMANN“. Auf einem alten Poster zur Sendung, an der Tür zum Besprechungszimmer, hat jemand das Gesicht von Charlotte Roche mit dem von Kermit überklebt. Haha: Frosch & Böhmermann.

Anscheinend war es doch größer, das Trauma, das die Moderatorin hinterließ, als sie sich Anfang des vergangenen Jahres sehr abrupt von der Talkshow verabschiedete. Aber etwas hat überlebt: die Zusammenarbeit von Jan Böhmermann mit der Bild– und Tonfabrik. Und das ist ein Glück. Gemeinsam produzieren sie wöchentlich das „Neo Magazin“, und die Filmhochschulstudenten von der Produktionsfirma geben mit ihrer Arbeit, mit präzisen und aufwändigen Inszenierungen, auch halbgaren und läppischen Ideen eine professionelle Brillanz.

Mittwochs am späten Nachmittag, wenn die Aufzeichnung einer neuen Folge beginnt, sieht es hinter den Kulissen aus wie bei einem Abschlussball. Lauter junge Leute, die plötzlich in Hemd, Krawatte und schwarzem Anzug dastehen: Kameraleute, Lichtarbeiter, Tonmänner, Praktikanten. Wer seine feinen Sachen nicht dabei und im Produktionsstress keine Zeit mehr hat, lässt sie sich von jemandem mitbringen. Denn wenn Böhmermann mit der Bild– und Tonfabrik eine Sendung aufzeichnet, gibt es einen Dresscode: „Abendgarderobe“.

Es ist ein dreiviertelernst gemeintes Symbol dafür, dass man hier gemeinsam etwas Besonderes zelebriert: die Herstellung von Fernsehen. Böhmermann hat die Mitarbeiter neulich gefragt, ob ihnen das lästig ist; ob sie sich von dem Konfirmanden-Ritual inzwischen lieber wieder verabschieden würden. Sie haben Nein gesagt. Sie wollen sich weiter jede Woche feinmachen fürs Fernsehenmachen.

So ernst nehmen sie es hier mit der Albernheit.

„Wir sind nicht nur eine Produktionsfirma“, sagt Böhmermann, „sondern auch eine Werbeagentur für das, was wir machen wollen.“ Noch nie habe er irgendwo gearbeitet, wo man sich gemeinsam so viel Mühe gebe. Und dieses Mühegeben, das ist, vielleicht mehr noch als irgendein besonderes Talent, was diese Show von vielen anderen deutschen TV-Produktionen unterscheidet.

„Neo Magazin“ im kleinen digitalen Kanal ZDFneo ist die vielleicht verschwenderischste Sendung im deutschen Fernsehen: die größte Mühe für das kleinste Publikum. In guten Wochen enthält sie schon in den Eröffnungsszenen mehr Ideen und Leidenschaft als anderswo ganze Programmstrecken. Opulent inszenierte Musical– oder Filmparodien.

Oder ein animiertes Riesenwimmelbild des Illustrators Christoph Hoppenbrock, das vor Anspielungen auf Inspirationsquellen für die böhmermannsche Fernsehunterhaltung aus allen Nähten platzt.

Im Vorspann reitet Böhmermann säbelschwingend auf einem Triceratops durch eine zerfallene Zeitungslandschaft, während Witold Lutosławskis anstrengende Melodie ertönt, die ältere deutsche Fernsehzuschauer als Erkennungsmelodie des „ZDF-Magazins“ mit Gerhard Löwenthal kennen. Konstantin Gropper von „Get Well Soon“ hat sie eigens für das „Neo Magazin“ remixt.

Es folgte eine halbe Stunde, die man als Late-Night-Show bezeichnen würde, wenn dieses Genre nicht in Deutschland als tot gelten würde. Was nicht sein müsste, wie Böhmermann findet: Man müsste sich nur mal richtig anstrengen und etwas einfallen lassen.

Das Studio liegt im angesagten Kölner Stadtteil Ehrenfeld inmitten einiger unansehnlicher Gewerbegrundstücke, im Hof gleich neben einer Teppichwäscherei, deren Logo so altmodisch ist, dass es in Berlin-Mitte als hippes Retro-Design durchginge. Aber das sind keine Hipster hier, es sind Nerds. Stolz führen sie die Technik vor, alles selbst konzipiert und zusammengeschraubt, die Regie, die Projektion der Hintergründe auf die wabenförmige Wand, woanders gibt es sowas angeblich gar nicht, schon gar nicht für so wenig Geld.

(Das animierte Logo in der Projektion hinter Böhmermann ist übrigens seit der zweiten Staffel kein schnödes dallidallihaftes Sechseck mehr, wie man glauben könnte, sondern ein Ikosaeder: ein aus zwanzig gleichseitigen Dreiecken bestehender platonischer Körper, der in der richtigen Draufsicht aussieht — wie ein Sechseck. Da haben Sie doch mal was, mit dem Sie beim nächsten Gucken mit Freunden angeben können.)

Vor kurzem war dies noch eine Lagerhalle für Sportgeräte. Es ist eigentlich zu schmal als Studio, aber es ist ihrs. Hier können sie bauen und experimentieren, anstatt Fertiges zu nutzen.

Philipp Käßbohrer ist einer der beiden Geschäftsführer der Bild– und Tonfabrik, 30 Jahre alt, aus Biberach an der Riß. „Keiner hier ist tätowiert“, sagt er, wie zum Beweis, dass man es hier mit grundsoliden, spießigen Leuten aus der Provinz zu tun hat. Böhmermann fügt hinzu: „Wir hatten mal eine tätowierte Mitarbeiterin, die hatte auch ein Piercing, aber die ist jetzt in Berlin.“

Er erzählt, wie wichtig Tugenden wie Disziplin und Verlässlichkeit seien, und stöhnt, wie wenig selbstverständlich die in der Branche seien. So einer ist er.

Im vergangenen Sommer sind sie zusammen nach New York gefahren, um sich anzugucken, wie in Amerika Fernsehen gemacht wird. Böhmermann war beeindruckt. „Das ist anders als hier, wo man bei Unterhaltungsproduktionen sagt: Ach komm, wir halten einfach die Kamera drauf, wird schon lustig werden.“

Eigentlich bräuchte er mehr gute Autoren, sagt Böhmermann. „Aber solche Leute haben dann eben Hauptprogramm-Preise.“ Es würde helfen, mehr als eine Sendung in der Woche zu machen, „damit du Leute binden und ihnen eine Perspektive bieten kannst.“ Und als Übung für ihn.


Foto: ZDF

Mit dem klassischen Stand-Up, den sie hier natürlich Sit-Up nennen, weil Böhmermann dabei in seinem Schreibtischsechseck sitzt, ist er regelmäßig — zu recht — unzufrieden. Das werde halt nur richtig gut, wenn man es wieder und wieder und wieder macht.

Jan Böhmermann hat einen Traum. Er will eine Late-Night-Show im ZDF moderieren, nach Mitternacht, nach Markus Lanz.

Er kann ganz unironisch ins Schwärmen geraten, wenn er müde nach einem Probentag beim Italiener sitzt und es ihn aus der Kurve trägt, während er von diesem „absoluten Wunschtraum“ erzählt …

„Nicht weil ich Schmidt beerben will, sondern weil das die beste aller Sendungen ist, die man machen kann und das Team am wenigsten unterfordern würde. Und das ist total crazy, seinen Platz zu finden, wenn man sowas glaubt zu können oder schon gut kann und bald noch besser zu können. Es wäre eine Show, in der du alles machen kannst und die du als Plattform für alles nutzen kannst: Gäste einladen, Musiker auftreten lassen. Es wäre eine tolle Startplattform für andere Inhalte, eine selbstgestaltete, das ZDF sich selbst gönnende Möglichkeit, Programm zu machen.“

Es würde für den Anfang schon helfen, das „Neo Magazin“ in der Nacht im ZDF-Hauptprogramm zu wiederholen. Allein das brächte deutlich mehr Zuschauer. „Ein größeres Publikum, das bedeutet: Mehr Reaktionen auf Aufrufe, mehr Beschwerden und Lob. Es werden ganz andere Sachen freigesetzt, und es macht mehr Spaß.“

Böhmermann hadert mit der fehlenden Perspektive. Er sehnt sich sehr nach einer größeren Bühne.

Er nutzt die Möglichkeiten, auf ZDFneo Fernsehen zu machen, das nicht auf Bedenken, Konventionen und die Erwartungen eines Massenpublikums Rücksicht nehmen muss. Gleichzeitig plagt ihn die Sorge, dass die Leute denken, dass er nur sowas könnte. Dass er nicht wüsste, dass die Sendung anders sein müsste, wenn sie in einem größeren Rahmen stattfände, und dass er das nicht auch könnte. Er sagt: „Wir machen nur Independent-Fernsehen, weil wir es müssen.“

Er ist ehrgeizig, und er misstraut manchen Verlockungen der Branche. Seine Spitzen gegen Joko und Klaas, „die Privatfernseh-Fuzzis“, „die beiden superlustigen Geldautomaten-Visagen“, mit denen er er freundschaftlich verfeindet ist und sich einen senderübergreifenden Mittelgroßkrieg liefert, haben neben dem schlichten Spaß am Spiel einen ernsten Kern: Böhmermann sieht diese ganzen lukrativen Werbeverträge kritisch. Er schwört stattdessen darauf, „den Lebensstandard niedrig zu halten — das entspannt total“. Zur Not werde er seinen Lebensunterhalt auch damit bestreiten können, auf einer Bühne in Bremen-Vegesack vor hundert Zuschauern zu stehen.

Müssen sie nicht langsam erwachsen werden, er und Olli Schulz, Joko und Klaas? „Glaube ich nicht“, sagt Böhmermann. „Wir müssen mehr Zuschauer haben. Und Vertrauen.“

Böhmermann macht sich Mut mit dem Gedanken, dass die Biologie auf ihrer Seite sei, „die Leute werden älter, und irgendwann sagt man halt: Gottschalk ist super, aber wollen wir nicht den Winterscheidt ausprobieren, der kann das doch auch. Wenn wir nicht grobe Fehler machen und weiter versuchen, konstant gute Sachen zu machen, muss sich das doch mal auszahlen.“

Am Abend des Deutschen Fernsehpreises, als die Produzenten Philipp Käßbohrer und Matthias Schulz für „Roche & Böhmermann“ ausgezeichnet wurden, aber nicht Roche und Böhmermann, hat er mir mal detailliert die verschiedenen Generationen der Möchtegern-Late-Night-Talker nach Harald Schmidt analysiert. (Leider war ich ein bisschen betrunken und habe mir keine Notizen gemacht, und obwohl Böhmermann nicht trinkt, kann er sich auch nicht mehr genau daran erinnern.) Jedenfalls gehöre er schon nicht mehr zur Generation der Niels Rufs, die Schmidt und seine ironische Uneigentlichkeit imitierten, sondern zur nächsten Generation, die von Schmidt geprägt wurde, aber eine eigene Haltung suchte: „Wenn wir selbst ins Fernsehen gehen, können wir entweder sagen, wir machen es genau so — und daran scheitern, weil diese Referenz unerreichbar ist. Oder wir nehmen es als Basis unserer Kunst und entwickeln was eigenes.“

Vielleicht sogar doch irgendwann in einer eigenen richtigen Late-Night-Show? „Das Altwerden in der eigenen Sendung“, sagt Böhmermann, „ist auf jeden Fall ein erstrebenswerter Zustand.“

(Am Freitag kommender Woche werden Böhmermann, Schulz und Käßbohrer für „Neo Magazin“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Dieser Text ist Bonus-Material zu einem Artikel, den ich für das „SZ-Magazin“ über Böhmermann geschrieben habe.)

Jetzt neu: Dasselbe in Grün!

25 Mrz 14
25. März 2014

Zwei Jahre war das letzte Design dieses Blogs erst alt, aber es erschien mir am Ende doch arg karg. Jetzt ist nicht nur mehr Farbe, sondern die Gestaltung ist auch responsive, das heißt: Sie passt sich der Bildschirmgröße an. Die Schrift ist wieder die kernige „Vollkorn“, die Friedrich Althausen gerade überarbeitet und erweitert hat.

Die Grundlage für das neue Design ist ein kommerzielles WordPress-Theme, bei dem ich an ungefähr 700 kleinen Schrauben herumgedreht habe, bis es mir gefiel. Mit großer Wahrscheinlichkeit habe ich es dadurch geschafft, dass irgendwelche Elemente auf anderen Computern und in anderen Browsern unleserlich sind oder grauenhaft aussehen. Falls das bei Ihnen der Fall ist, freue ich mich über einen Hinweis in den Kommentaren oder per Mail.

Außerdem ist dies natürlich eine gute Gelegenheit, sich über irgendwelche Änderungen zu beschweren, Anregungen und Wünsche zu äußern. Ich will aber nicht versprechen, sie alle umzusetzen. Ich hoffe, das neue Aussehen gefällt Ihnen — oder Sie gewöhnen sich wenigstens dran.

„Erinnert an den frühen Stockhausen und Boulez“: Beckmann re-rezensiert

20 Mrz 14
20. März 2014

Seit ich gestern über die merkwürdige Welle von ähnlich klingenden Jubel-Rezensenten zu Reinhold Beckmanns Platte auf Amazon geschrieben habe, sind ein paar Kritiken dazu gekommen. Einige davon sind in bester Tradition eines unterschätzten literarischen Genres verfasst: der, nun ja, grandios irren Amazon-Rezension. (Zählt das schon als Mem? Und gibt es dafür einen Namen?)

Jedenfalls lesen sich die schönsten und irgendwie angemessensten Besprechungen von Reinhold Beckmann & Band: „Bei allem sowieso vielleicht“ jetzt so:

Jens Schüßler:

Ein must-have für Fans chilliger Ober– und Zwölftonmusik

Im Jahre 1889 lernte der französische Komponist Claude Debussy die indonesische Gamelan-Musik während der Pariser Weltausstellung kennen und war begeistert. Sofort versuchte er, die Tonleitern dieser Musik auch für seine eigenen Kompositionen zu verwenden. Auch der Ragtime, ein Musikstil, der von schwarzen Pianisten im Süden der USA entwickelt worden war, interessierte ihn sehr und inspirierte ihn zu einigen Kompositionen. Zur selben Zeit schrieb der schon ältere tschechische Komponist Antonin Dvorcak während eines Amerikaaufenthaltes die Sinfonie “Aus der Neuen Welt”. In dieser verwendet er indianische und afroamerikanische Themen in einer Weise, die der Einbeziehung europäischer Volksmusik in den Kompositionen von Brahms, Mahler und Grieg entsprach. Diese Offenheit für außereuropäische Musik setzte sich weiter fort und war eine wichtige Quelle für den Durchbruch zur Atonalität. So hat etwa Igor Strawinskys in seiner Ballettmusik “Sacre du Printemps” aus dem Jahre 1913 Einflüsse aus dem russisch-asiatischen Raum verarbeitet. Unter dem Eindruck der explosionsartigen Verbreitung der Jazzmusik in den 20er Jahren schrieben u.a. Strawinsky, Paul Hindemith und Ernst Krenek Kompositionen, die vom Jazz beeinflusst waren. In den USA versuchten George Gershwin, Paul Whiteman und Aaron Copland, einen amerikanischen Kompositionsstil unter Einbeziehung von Jazzelementen zu entwickeln.

Alles das toppt Beckmann nun mit diesem Album. Ein must-have für Fans chilliger Ober– und Zwölftonmusik.

Karte für das Konzert in Harsewinkel lag schon unterm Weihanchtsbaum. Wir sehen uns dort

radionase:

Wuchtige Expulsationen, kristalline Strukturen, mächtige Klangsprache

(…)

in seinem Werk erhebt dieser Komponist eine neue, eine aufregende und unverbildete Stimme, erinnert letztlich an die ersten Stücke der „Musique concrete“, auch an den frühen Stockhausen, an Nono und Boulez. In ruhigen, introvertierten Passagen lässt sich bisweilen der Einfluss der Minimal-Komponisten um Riley erahnen, doch ist hier das tonale Feld einfühlsamer bestellt, klarer abgegrenzt gegen den Einfluss banaler Linien, die die stark strukturell beeinflusste Klangwelt gerade dieser Komponisten immer mit sich nach unten auf die Ebene von Popmusik zu ziehen droht. Strenge Klangökonomie, ja –ökologie durchweht dieses Werk, jeder Anflug von Süßlichkeit zerstiebt schon im Ansatz. Beckmann errichtet kristalline Strukturen, webt klangliche Protuberanzen innerhalb der Möglichkeiten seiner sich selbst auferlegten, strengen Kompositionsmatrix. Trotzdem verleugnet er nicht den musikantischen Impetus, der in seiner immanenten Unschuld an Hindemith erinnert und damit Adorno Lügen straft.

Fazit: Herrlich leichte Sommerlektüre mit Pfiff!

K.K.:

Ich kann das oben angegebene Produkt $article_name vorbehaltlos empfehlen. Als ich $article_medium endlich erwerben konnte, war ich mehr als positiv überrascht. Ich werde auch in Zukunft $article_name immer wieder konsumieren und habe gleich noch einmal zugegriffen, da auch der Preis $article_price für das Produkt $article_name sehr gut ist. Ich freue mich schon auf weitere sehr gute Angebote von $article_manufacturer.

BlueCaravan:

Ich denke, ich spreche für viele eingefleischte Beckmann-Fans, wenn ich sage, dass er es uns in den letzten Jahren nicht immer leicht gemacht hat. Angefixt durch seine New-Wave-beeinflussten Anfänge, bin ich ihm freudig in seine (stilprägende!) Hochphase in der frühen Romantic-Punk-/Gothic-Szene (The Cure wären ohne ihn ebensowenig denkbar gewesen wie Arcade Fire) gefolgt und ging auch seine — für damalige Verhältnisse — absolut kühne Grunge-Antizipation aus voller Überzeugung mit. Seine Ausflüge in den Grindcore machten es mir dann schon etwas schwerer, aber mit einigen Jahren Abstand muss ich einräumen, dass gerade seine Stockhausen-Adaption den Test der Zeit hervorragend bestanden hat.

(…)

Was auf dem Cover noch nach Altersmilde und Biedermeier aussieht, entpuppt sich bereits beim ersten Durchlauf als radikale Neuinterpretation der Prog-Chanson-Tradition. Vom ersten Ton an ist klar: Hier musiziert einer, der es nicht nötig hat, sich auf irgendwelche Vorbilder zu berufen, im Gegenteil. An seinem nach wie vor vorhandenen (oder im TV-Exil wiedererwachten?!) Anspruch, selbst derjenige zu sein, auf den sich andere berufen, lässt Beckmann keinen Zweifel. (Und tatsächlich ließen die Huldigungen von Avicii bis Van Morrison nicht lange auf sich warten, selbst Brian Wilson soll sich schon lobend geäußert haben.)

(…)

Lothar:

Zuerst war ich enttäuscht, aber dann merkte ich gerade noch rechtzeitig, dass ich aus Versehen das Beckmann FS1 Frühbeet Typ Allgäu gekauft hatte (aber 5 Sterne). Als ich dann endlich den richtigen Artikel hatte, sah die Welt schon ganz anders aus.

Wie aus einem Ü-Ei gepellt präsentiert Funsport-Legende Beckmann ein Album, das erquicklicher kaum sein könnte. Schon die Ouvertüre, die er nach dem Vorbild noch viel berühmterer Musiker verfasste, beeindruckt mit der verblüffenden Kombination mehrerer gleichzeitig bespielter Instrumente. Von der Gitarre bis zum Schlagzeug ist alles am Start.

Track 2, der bekanntlich auf jedem Album einen besonderen Stellenwert hat, macht mit dem 8-minütigen Didgeridoo-Solo in der Mitte (das Smoke-on-the-Water-Riff) Appetit auf mehr. Zum Beispiel auf Stairway to Heaven oder aber auch Wonderwall. Stattdessen jedoch kommt — wieder eine Überraschung — Track 3: Werder Bremen gegen den HSV. Die Leistungen beider Mannschaften pendeln sich Mitte der ersten Halbzeit auf niedrigem Niveau ein und die Partie bleibt torlos, aber dem Künstler kann man das natürlich nicht vorwerfen. Da muss auch einfach mehr aus dem Publikum kommen.

(…)