Kennste einen Bombenangriff, kennste alle: Das „heute journal“ nimmt’s in Syrien nicht so genau

23 Okt 15
23. Oktober 2015

Am vergangenen Freitag berichtete das „heute journal“, wie die russische Luftwaffe in Syrien nicht nur Stellungen des IS bombardiert, sondern auch Städte, die von der oppositionellen Freien Syrischen Armee kontrolliert werden. Der Film begann so:

Stahlblauer Himmel über Syrien. Beste Sicht für Jagdbomber mit ihrer todbringenden Fracht.

Mittwoch, 14. Oktober. Bomben schlagen ein in der Syrischen Kleinstadt Darrat Ezzah. Sie treffen eine Wohnsiedlung.

Unter den Toten und Verletzten sind Kinder, Frauen und ein Hochzeitspaar. Sie haben vor 6 Tagen geheiratet. Die Braut stirbt unter den Trümmern.

Der Bräutigam erliegt erst heute seinen Verletzungen. Er war 22 Jahre alt.

(Mann 1:) „Meine Familie und ich waren im Haus, als eine Rakete eingeschlagen ist. Das war definitiv keine Fassbombe. Die haben einen viel kleineren Explosionsradius. Hier in Darrat Ezzah leben nur Zivilisten. Aber ich sagen euch, auch wenn unser Ort jetzt zerstört ist: Wir werden am Ende die Sieger sein.“

Die Einwohner von Darrat Ezzah sind überzeugt, dass die Bombardierungen dieser Woche nicht von Assads Luftwaffe,

sondern vom russischen Militär geflogen wurden.

(Mann 2:) „Wir haben alle noch tief geschlafen, als sie uns um 7 Uhr morgens angegriffen haben. Dabei gibt es hier weit und breit keine IS-Terroristen. An diesem Ort leben doch nur Zivilisten! Wir haben genau gesehen, dass es russische Kampfjets waren.“

(Mann 1:) „Schau her, Obama, was mit uns passiert. Wir werden angegriffen, während wir schlafen.“

Wenn ich Ihnen jetzt sagen würde, dass der Mann, der da auf dem Geröllhaufen steht und über den Raketeneinschlag in sein Haus redet (Mann 1), dort gar nicht am 14. Oktober stand und auch nicht derselben Woche, sondern am 6. Oktober – wären Sie dann überrascht? Oder würden Sie sagen: Naja, klar, das sind halt viele Aufnahmen von verschiedenen Bombenangriffen, ungefähr aus der Zeit, ungefähr aus der Gegend, passt schon, stimmt ja?

Es ist nämlich tatsächlich so: Die Aufnahmen von diesem Mann und auch noch einige weitere, die später im Bericht vorkommen, sind über eine Woche vorher entstanden. Sie wurden vom Informationsamt der Stadt Darrat Ezzah (auch: Dar Ta’izzah) am 6. Oktober bei YouTube hochgeladen:

Beim ZDF hält man das für unproblematisch. Ein Sprecher teilt mir auf Anfrage mit:

Die „heute-journal“-Berichterstattung über zivile Opfer von Luftschlägen in Syrien vom 16. Oktober 2015 stützte sich auf Bildmaterial, das im Zeitraum vom 5. bis 15. Oktober 2015 rund um Aleppo entstanden ist. Die einzige im Beitrag konkret formulierte Datumsangabe, „14.10.2015“, bezieht sich eindeutig auf den Angriff des in der Eingangsszene gezeigten Militärjets.

Wer den Beitrag aufmerksam verfolgt, nimmt dessen zeitlichen Rahmen nicht als „Tagesreportage“ wahr. Wenn es dennoch so sein sollte, bedauert die Redaktion dies. Aus dem Beitrag geht jedenfalls klar hervor, dass es sich um mehrere Angriffe handelte („Bombardierungen dieser Woche“), und dass die Einwohner von Darat Ezza unter systematischem und langanhaltendem Beschuss leiden.

Das sehe ich anders. An keiner Stelle sagt der Bericht, dass die Einwohner von Darat Ezzah unter systematischem und langanhaltendem Beschuss leiden. Und selbst wenn die Formulierung von den „Bombardierungen dieser Woche“ darauf hinweisen soll, ist sie genau genommen falsch, denn zu sehen war eine Bombardierung der vorangegangenen Woche.

Für mich ganz ohne Zweifel erweckt der „heute journal“-Beitrag den Eindruck, der Mann kommentiere den Angriff vom 14. Oktober, mit dem der Film beginnt. Es ist die klassische Abfolge eines Nachrichtenfilms: Wir sehen zuerst die Flieger. Dann den Bombeneinschlag. Dann, wie Opfer geborgen werden. Dann wütende oder verzweifelte Kommentare von Augenzeugen. Dass der Augenzeuge in diesem Fall einen anderen Angriff kommentiert, der an einem anderen Tag möglicherweise in der Nähe stattfand, kann der Zuschauer nicht ahnen.

Kurz nachdem der Mann (am 5./6. Oktober) gesprochen hat, kommt Dara Hassanzadeh, einer der Autoren des Films, in Bild und spricht – nun wieder, ohne es ausdrücklich zu sagen, über den Angriff vom 14. Oktober:

„Die Militärexperten von Jane’s Defence aus London haben zweifelsfrei verifiziert, dass es sich bei diesem Flugzeugtyp um die russische Maschine SU-34 Fullback handelt. Von dieser Maschine, so sehen wir das in unserem Rohmaterial, wurden Bomben auf die Stadt geworfen. Nicht zweifelsfrei verifizieren können wir, ob die gefundene Bombe tatsächlich auch von diesem Flieger abgeworfen wurde.“

Das ist ja schön, dass der Kollege so genau erklärt, was man zweifelsfrei verifizieren konnte und was nicht. (Hassanzadeh hält auch Vorträge zum Thema Videoverifizierung.) Aber was hilft diese Genauigkeit, wenn im Rest des Beitrags Aufnahmen von unterschiedliche Angriffen, die mindestens eine Woche auseinanderliegen, wild miteinander vermischt werden, ohne das in irgendeiner Weise kenntlich zu machen?

Ich habe keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass die jeweiligen gezeigten Aufnahmen echt sind. Es geht auch nicht darum, ob das ZDF hier, wie es von einschlägig bekannten und immer hemmungsloseren Hetz- und Hassseiten behauptet wird, bewusst lügt, um „Kriegspropaganda“ gegen Russland zu betreiben. Es geht schlicht um journalistisches Handwerk, das es nach meinem Verständnis verbietet, Bilder verschiedener Ereignisse miteinander zu vermischen, ohne das kenntlich zu machen. Ich bin ein bisschen erstaunt, dass das „heute journal“ das auch auf Nachfrage anders sieht.

Super-Symbolfoto (114)

22 Okt 15
22. Oktober 2015

[via @zodiac1978]

Früher war auch mehr Lichterkette: Wie alte Aufnahmen in einen aktuellen „Tagesschau“-Film kamen

21 Okt 15
21. Oktober 2015

„Die ARD hat eingeräumt, einen Bericht in der ‚Tagesschau‘ über eine Lichterkette für Flüchtlinge in Berlin manipuliert zu haben.“ So berichtet es die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ in ihrem Online-Auftritt.

Und tatsächlich waren in der kurzen Nachricht im Film am vergangenen Samstag neben aktuellen Aufnahmen auch Bilder von 2003 zu sehen. Damals hatten kurz vor dem Beginn des Irak-Krieges über 100.000 Menschen eine Lichterkette für den Frieden gebildet. Diesmal nahmen nach Polizeiangaben nur sieben- bis achttausend Leute teil; der Veranstalter sprach von 20.000 Teilnehmern. Durch die Verwendung von Archiv-Aufnahmen wirkte die aktuelle Lichterkette in der „Tagesschau“ also erfolgreicher.

Der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, räumte gegenüber der „Jungen Freiheit“ zwar keine Manipulation, aber einen Fehler ein. Die Archivbilder hätten natürlich nicht verwendet werden dürfen. Und: „Wenn die ‚Tagesschau‘ Material sendet, das nicht vom gleichen Tage ist, blenden wir normalerweise ein Datum beziehungsweise den Hinweis ‚Archiv‘ ein.“

Aber: Wie kann sowas passieren? Wie können in eine aktuelle Nachrichtensendung zwölf Jahre alte Archivaufnahmen rutschen?

Gniffke hat eine Erklärung dafür. Die steht allerdings nicht in der „Jungen Freiheit“. Sie geht so:

Dieser Nachrichtenfilm hatte eine Länge von 22 Sekunden und basierte auf dem Mitschnitt einer Live-Sendung des RBB vom gleichen Abend. In dieser Sendung wurde auch Archivmaterial aus dem Jahr 2003 verwendet, aus dem auch in der Tagesschau insgesamt rund drei Sekunden gezeigt wurden. Während im RBB im Text darauf hingewiesen wurde, dass es sich um Archivmaterial handelt, unterblieb in der Tagesschau dieser Hinweis.

RBB-Reporter Ulli Zelle meldete sich in der Berliner Nachrichtensendung „Abendschau“ zweimal live vom Brandenburger Tor. Er sprach unter anderem mit dem Organisator und mit Teilnehmern der Lichterkette und zeigte, wie es kurz vorher am Ernst-Reuter-Platz und an der Siegessäule aussah – noch ziemlich mickrig:

Dann fuhr er fort:

Also, es wird sich dann tatsächlich eine Kette bilden, wenn alles so klappt, und dann wird es so aussehen. Hier sind die Bilder aus 2003. Berlin wirklich durchzogen von einer Lichterkette, damals noch gegen den Irak-Krieg.

Die „Tagesschau“ hatte kaum mehr als zehn Minuten Zeit, daraus einen Film zu schneiden. Und so lässt sich tatsächlich nachvollziehen, wie die alten Bilder in den aktuellen Nachrichtenfilm kommen konnten.

Aber: Wirklich verstehen kann ich es trotz des Zeitdrucks nicht. Der RBB hatte zwar keine Jahreszahl eingeblendet, aber der Wechsel in die Vergangenheit ist deutlich – nicht nur durch den Off-Text, sondern auch dadurch, dass Ulli Zelle zwischendurch wieder ins Bild kam. Dass die 2003-Aufnahmen älter sind, kann man auch anhand der schlechteren Bildqualität erahnen.

Der Verdacht (natürlich auch der politisch klar positionierten „Jungen Freiheit“) liegt nahe, dass die ARD die Pro-Flüchtlings-Demonstration größer und erfolgreicher aussehen lassen wollte, als sie war. Die „Manipulation“ scheint die Vorbehalte der schärfsten Medienkritiker und -gegner zu bestätigen.

Bemerkenswert ist, dass der Redakteur, der aus dem Live-Material schnell den Film zusammenschnitt, nicht das erstbeste gesendete RBB-Material nahm, sondern die Szenen von sehr vereinzelt herumstehenden Menschen am Ernst-Reuter-Platz und der Siegessäule zugunsten der größeren Menschenmengen, die etwas später gezeigt wurden (aber von 2003 stammten), verschmähte.

Ist das ein Zeichen für eine Manipulationsabsicht? Nicht unbedingt. Es ist zunächst einmal ein normaler journalistischer Reflex, die attraktiveren Bilder vorzuziehen. Eine manipulative Absicht im Sinne einer bewussten Verzerrung der Wirklichkeit aus politischen Gründen ist nicht notwendig.

Trotzdem: So etwas darf nicht passieren. Auch nicht für vermeintlich läppische drei Sekunden. Weil die reichen, um weiteres Vertrauen zu erschüttern oder Misstrauen zu zementieren.

Und wenn stimmt, was Kai Gniffke sagt: „Qualitätskontrolle hat bei ARD-aktuell einen sehr hohen Stellenwert“ – dann müsste so etwas ausgeschlossen sein. Auch im Eifer des Gefechts, das in diesem Fall ja nicht einmal eine plötzliche dramatische Nachrichtenlage war, sondern nur der Versuch, eine Demonstration sehr aktuell relativ prominent in der „Tagesschau“ zeigen zu können – ein Ehrgeiz, über dessen Sinnhaftigkeit man ohnehin diskutieren könnte, zumal angesichts der relativ geringen Teilnehmerzahl.

Die Szenen aus der „Abendschau“ des RBB und der Nachrichtenfilm in der „Tagesschau“ im Video:

Nachtrag, 22. Oktober. Die „Junge Freiheit“ hat die Erklärung mit der „Abendschau“ jetzt nachgetragen.

Nachtrag, 13:50 Uhr. Die „Tagesschau“ hat sich auf ihrer Facebook-Seite zu dem Vorgang geäußert und erklärt den Fehler so:

Der Kollege, der zehn Minuten vor der Sendung aus dem Livesignal eine kurze Bilderstrecke schneiden musste, hatte in der Eile versäumt, den Kopfhörer aufzusetzen. Er konnte deshalb nicht hören, dass der RBB-Kommentator an einer Stelle den Hinweis auf eine Sequenz älterer, ähnlicher Bilder gegeben hat.

Puh.

Terroristen unter Flüchtlingen? Wie man mit Fehlalarmen Alarm schlägt

09 Okt 15
9. Oktober 2015

Das sind beunruhigende Nachrichten: Unter die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sollen sich auch Terroristen mischen. Innenminister Thomas de Maizière habe entsprechende Hinweise.

So melden es diverse Medien:



Die Quelle dafür ist ein Interview, das der Innenminister den Zeitungen der Funke-Gruppe gegeben hat. Darin sagt er, angesprochen Sorgen der Bürger, „ob Deutschland ein sicherer Ort bleibt“, tatsächlich:

Es gab und es gibt Hinweise von Nachrichtendiensten aus dem Ausland, dass sich Terroristen unter die Flüchtlinge mischen.

Seine Antwort geht aber weiter:

Das zeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit mit anderen Nachrichtendiensten ist, auch wenn sie zum Teil aus Staaten kommen, die nicht ganz unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung haben. Wir nehmen all diese Hinweise ernst und gehen ihnen nach. Bisher hat sich keiner dieser Hinweise irgendwie bewahrheitet.

Es gab Hinweise, sagt der Innenminister, aber bislang waren sie alle falsch. Es war jedes Mal falscher Alarm. Das schließt nicht aus, dass es in Zukunft anders sein wird, aber bisher hat sich kein Hinweis bewahrheitet.

Und daraus machen deutsche Medien – nicht nur solche wie „Focus Online“, sondern auch solche wie „Zeit Online“ – dass der Innenminister Hinweise auf Terroristen unter den Flüchtlingen hat? Das ist natürlich in einem wortwörtlichen Sinne korrekt, so wie jeder Fehlalarm ja auch ein Alarm ist. Es verkehrt die Aussage des Innenministers aber in ihr Gegenteil.

Die „Thüringische Landeszeitung“ hat die Sache mit den „Hinweisen“ der Einfachheit halber in der Überschrift gleich ganz weggelassen und titelt schön knackig:

Die Einschränkung de Maizières, dass sich keiner der Hinweise bewahrheitet habe, findet sich zwar auch in allen Meldungen im Kleinergedruckten. Aber beim Texten von Überschriften und Vorspännen spielte das offenkundig keine Rolle, wie etwa die „Hannoversche Allgemeine“ beweist, die grob irreführend formuliert: 


Hinweise auf „Terroristen“ unter Flüchtlingen

Die Bundesregierung verfügt nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) über Informationen, dass mit den Flüchtlingen auch mutmaßliche Terroristen nach Deutschland kommen.

Die Nachrichtenagentur dpa hatte das Interview in der Nacht mit dem gegensätzlichen Titel verbreitet:

Hinweise auf Terroristen unter den Flüchtlingen nicht bewahrheitet

Die Konkurrenz von AFP schickte dann aber drei Stunden später die ungleich aufregendere Variante über die Ticker:

De Maizière: Hinweise auf „Terroristen“ unter den Flüchtlingen – Deutschland „im Fokus des internationalen Terrorismus“

Auch das zweite Zitat aus diesem Titel verliert an Brisanz, wenn man es im Original liest. De Maizière sagte:

Aber wir waren und sind im Fokus des internationalen Terrorismus. Wir hatten Anschlagsversuche, man denke nur an die sogenannte Sauerlandgruppe.

Der Innenminister spricht hier also nicht, wie man als Leser denken müsste, von einer neuen Gefährdung, sondern formuliert, dass „wir“ im Fokus des Terrorismus „waren und sind“. Diese Formulierung lässt AFP gleich ganz weg.

Heute Nacht schickte dpa übrigens auch einen Korrespondenten-Bericht „‚Die Stimmung kippt!‘ – Der Faktor Angst in der Flüchtlingskrise“. Und in ein paar Tagen können all die Medien, die jetzt aus Fehlalarmen Alarme gemacht haben, staatstragend-besorgt fragen, wie das nur passieren konnte, dass die Stimmung so schnell kippte, und woher die nur kommt, die ganze Angst.

Nachtrag, 18.50 Uhr. Die „Hannoversche Allgemeine“ hat Überschrift und Vorspann geändert:

Keine Hinweise auf Terroristen unter Flüchtlingen

Hinweise ausländischer Nachrichtendienste auf Terroristen unter den nach Deutschland kommenden Flüchtlingen haben sich nach Worten von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) bisher nicht bewahrheitet.

Ein lebenslanger Makel: Warum Springer Kachelmann 635.000 Euro zahlen soll

01 Okt 15
1. Oktober 2015

Bei „Bild“ verstehen sie nicht, wie sie vom Landgericht Köln dazu verurteilt werden konnten, Jörg Kachelmann mehrere Hunderttausend Euro Geldentschädigung zu zahlen. „Gibt nun mal Urteile, die man nicht versteht“, twitterte die stellvertretende Chefredakteurin Tanit Koch. Und: „Ganz im Ernst: Wenn ich das erklären könnte, müßten wir ja nicht in Berufung.“ Lustig.

Vielleicht hat sie nur die Pressemitteilung ihres Verlages gelesen, nach deren Lektüre man tatsächlich nicht verstehen kann, warum das Gericht Kachelmann eine Rekordsumme zugesprochen hat. Vielleicht hätten ihr ein paar Stellen aus der Urteilsbegründung beim Verstehen geholfen. Diese zum Beispiel:

[…] Der Kläger [Kachelmann] wurde durch die Berichterstattung der Beklagten [„Bild“] als gewaltaffiner und frauenverachtender Serientäter charakterisiert, der aus eigensüchtigen Motiven nicht nur mehrere Partnerinnen gleichzeitig gehabt, sondern diese auch systematisch zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse belogen haben soll. Dass eine den Kläger derart abqualifizierende Berichterstattung nicht nur eine erhebliche Prangerwirkung entfaltet und zu einer sozialen Isolation führt, sondern den Kläger zudem mit einem Makel belegt, den er trotz des Freispruchs sein Leben lang mit sich führen wird, bedarf sicherlich keiner weiteren Erörterung.

Tatsächlich stellte das Gericht fest, dass es keine konkreten Anhaltspunkte fand, dass „Bild“ „hinsichtlich der rechtswidrigen Persönlichkeitsrechtsverletzungen vorsätzlich und mit Schädigungsabsicht gehandelt hätte“. Ihr könne „nur der Vorwurf gemacht werden, auf einem außerordentlich schwierigen Gebiet der Abwägung der widerstreitenden Grundrechtspositionen die rechtliche Grenzziehung fahrlässig verfehlt zu haben“. Diese Zitate finden sich in der Pressemitteilung von Springer.

Allerdings belegt das Gericht äußerst detailliert, wie „Bild“ diese Grenze wieder und wieder und wieder und wieder verfehlte. Es spricht von einer „wiederholten und hartnäckigen Verletzung der Privatsphäre des Klägers“. Insgesamt 18 Mal sei Kachelmann von der „Bild“-Berichterstattung „schwerwiegend in seiner Privat- bzw. Intimsphäre verletzt“ worden. Dadurch, dass „Bild“ Kachelmanns private Kommunikation veröffentlichte, ohne dass es einen Zusammenhang zu dem Verfahren gegen ihn gab. Dadurch, dass „Bild“ „detailreich über seine vermeintlichen sexuellen Beziehungen mit diversen Frauen“ berichtete. Dadurch, dass „Bild“ „mehrfach und entgegen der Unschuldsvermutung über vermeintliche weitere sexuelle Übergriffe“ berichtete, „obschon lediglich die Aussage des vermeintlichen Opfers als vermeintliche Beweistatsache vorlag“. Und dadurch, dass „Bild“ „unter hartnäckiger Verletzung der Privatsphäre des Klägers mehrfach Fotos [veröffentlichte], die ihn als Häftling in der JVA und im Hof der Kanzlei seiner Verteidigerin zeigten, ohne dass er die Möglichkeit gehabt hätte, dieser – mitunter heimlichen – Nachstellung zu entkommen“.

Es geht, wie man an dieser Aufzählung erahnt, in diesem Prozess nur am Rande um knifflige Grenzfälle bei der Berichterstattung über ein Strafverfahren, bei dem ein Prominenter einer Vergewaltigung angeklagt wird. Um Fragen wie die, ob das, was vor Gericht verhandelt wird, in jedem Fall auch öffentlich berichtet werden darf.

Ausschlaggebend für die hohe Geldentschädigung waren viele Fälle klarer, schwerer Persönlichkeitsrechtsverletzungen. Die „Bild“-Leute nahmen – wie andere Medien und insbesondere die des Burda-Verlages auch – den strafrechtlichen Vorwurf als Vorwand, alle möglichen, dafür irrelevanten Details und Behauptungen über das Privat- und Intimleben von Kachelmann öffentlich zu machen. Dass schon die Berichterstattung über Kachelmanns Festnahme, die Anschuldigungen und den Prozess sein Image nachhaltig schädigten, ist sicher richtig. Aber hier geht es um Berichte, die sich in keiner Weise mit einem irgendwie gearteten Informationsinteresse der Öffentlichkeit rechtfertigen lassen – und schon gar nicht mit der Unschuldsvermutung vertragen.

Bleiben wir noch einmal kurz bei den Fotos, die „Bild“ heimlich von Kachelmann beim Hofgang im Gefängnis aufnahm und veröffentlichte. Und staunen, wie die Rechtsabteilung von „Bild“ sie laut Gericht rechtfertigt:

Hinsichtlich der Fotos des Klägers in der JVA sei sich der Kläger der Beobachtung durch Fotografen bewusst gewesen und habe es billigend in Kauf genommen, dass er während des Hofgangs fotografiert worden sei. Ferner zeigten die Fotos den Kläger im Innenhof der JVA, der vom öffentlichen Straßenraum aus einsehbar sei. Zudem habe die Beklagte in Ausübung ihrer „Wachhundfunktion“ aus Anlass einer jeweils neuen Entwicklung im Ermittlungs- und Strafverfahren gegen den Kläger aufgrund eines aktuellen Berichterstattungsinteresses berichtet, so dass die Darstellung der Fotos im Zusammenhang mit dem Strafprozess gegen den Kläger, insbesondere der Untersuchungshaft in der JVA, seinem Umgang mit der wiedergewonnenen Freiheit nach Aufhebung des Haftbefehls und der Gewährung eines Prozessurlaubs in Kanada, stünde.

Das Gericht sieht darin hingegen einen Eingriff „in den Kernbereich der Privatsphäre“:

Denn der Kläger befand sich in einer Situation, in der er nicht erwarten musste, von der Presse behelligt zu werden, wobei dies vorliegend umso mehr gilt, als sich der Kläger in der betroffenen Situation nicht in einem öffentlich zugänglichen Verkehrsraum bewegte. Ein besonderes Gewicht kommt auch der Tatsache zu, dass die Beklagte die Bilder heimlich, d.h. ohne Kenntnis des Klägers und unter Ausnutzung von technischen Mitteln aufnahm.“

Die „Bild“-Zeitung habe die Fotos allein zur Befriedigung der Neugier der Öffentlichkeit veröffentlicht, obwohl sie hätte erkennen können, dass sie dadurch

den Kläger gegenüber der Öffentlichkeit als Häftling in einer Situation vorführte, in der er der Verfolgung durch die Fotografen – selbst wenn er sie wahrgenommen hätte – nur unter Aufgabe des täglichen Hofgangs hätte entkommen können, ihr mithin ausgeliefert war.

„Bild“ veröffentlichte auch rechtswidrig Textnachrichten, die Kachelmann der zeitweise bekannten Popsängerin Indira Weis schrieb (Überschrift: „Er schickte ihr 50 heiße Flirt-SMS“). Das Gericht nennt die Weitergabe und wörtliche Veröffentlichung mit allen Einzelheiten des Ausdrucks mehr als eine „bloße Indiskretion“, nämlich „eine komplexe Preisgabe der Person des Klägers an die Öffentlichkeit.“ Der „Bild“-Zeitung sei insofern

eine rücksichtslose Verfügung über die Person des Klägers vorzuwerfen. Denn der Beklagten war schon aufgrund der Umstände – der Kläger befand sich in Untersuchungshaft, das Ermittlungsverfahren dauerte an – bewusst, dass dieser keine Einwilligung zur wörtlichen Veröffentlichung der betreffenden SMS-Nachrichten erteilen würde.

„Bild“ verbreitete mehrmals Vorwürfe von anderen angeblichen Affären Kachelmanns, wonach er zum Beispiel ihnen gegenüber gewalttätig geworden sei – auch dann, wenn jeder Beweis für die Richtigkeit dieser ihn stigmatisierenden Behauptungen fehlte:

Basiert […] der Vorwurf einzig auf einer Anzeige/Aussage einer Person, gehört es zu der journalistischen Pflicht eines Presseorgans auch, die Glaubhaftigkeit derselben zu hinterfragen. Dies ist hier offenkundig nicht geschehen, obschon der Beklagten diese Pflicht hätte bekannt sein müssen. […]

Im Ergebnis bleibt der den Kläger stigmatisierende Verdacht, eine weitere Frau misshandelt zu haben, stehen, ohne dass seitens der Beklagten ausgewogen berichtet worden wäre.

„Bild“ veröffentlichte Auszüge aus privaten Emails, die „keinen über die allgemeine charakterliche Abqualifizierung des Klägers hinausgehenden Bezug zu der ihm vorgeworfenen konkreten Tat, seinen vermeintlichen Motiven, anderen angeblichen Tatvoraussetzungen oder der Bewertung seiner Schuld“ herstellten. Das Gericht schreibt:

Vor diesem Hintergrund läuft der Kläger aber Gefahr, ungeachtet der rehabilitierenden Wirkung eines Freispruches von dem Vorwurf der schweren Vergewaltigung und gefährlichen Körperverletzung in den Augen einer breiten Öffentlichkeit weiterhin mit dem Makel eines charakterlich defizitären, lügnerischen und perfiden Verhaltens gegenüber Frauen gebrandmarkt zu sein, ohne dass ein über die Befriedigung der bloßen Neugier hinausreichendes Informationsinteresse erkennbar wäre.

Das Gericht räumt ein, dass das Berichterstattungsinteresse über das Strafverfahren aufgrund der Prominenz Kachelmanns und der Schwere des Vorwurfs immens gewesen sei.

Gleichwohl rechtfertigt dieses außergewöhnlich große Informationsinteresse der Öffentlichkeit […] nicht jedwede Berichterstattung, da gerade bei der Berichterstattung über das Bestehen eines Verdachts der Begehung einer Straftat durch die Medien besondere Gefahren für den jeweils Betroffenen bestehen. Denn Verdächtigungen, Gerüchte und insbesondere Berichterstattungen durch die Medien werden oft für wahr genommen, ihre später erwiesene Haltlosigkeit beseitigt den einmal entstandenen Mangel kaum und Korrekturen finden selten die gleiche Aufmerksamkeit wie die Bezichtigung, insbesondere wenn es später zu einem Freispruch unter dem Gesichtspunkt in dubio pro reo kommt. Deswegen gebietet die bis zur rechtskräftigen Verurteilung zu Gunsten des Angeklagten sprechende Unschuldsvermutung eine entsprechende Pflicht der Medien, die Stichhaltigkeit der ihr zugeleiteten Informationen unter Berücksichtigung der den Verdächtigen bei identifizierender Berichterstattung drohenden Nachteile gewissenhaft nachzugehen, und eine entsprechende Zurückhaltung, gegebenenfalls einhergehend mit einer Beschränkung auf eine ausgewogene Berichterstattung.

Die Entschädigung, die Kachelmann zugesprochen wurde, soll zum einen den ihm entstandenen (immateriellen) Schaden wieder gutmachen, andererseits aber auch abschrecken – das Gericht spricht von „Kompensationszweck“ und „Präventionsgedanken“: Durch die Höhe der Geldentschädigung solle „Bild“ „verdeutlicht werden, in Zukunft bei der Berichterstattung über vergleichbare Geschehnisse eine größere Sorgfalt und Zurückhaltung an den Tag zu legen“.

Der entstandene Schaden für Kachelmann sei aber auch immens und anhaltend:

Zum anderen ist zu beachten, dass der Kläger zumindest auch durch die seine Intim- und Privatsphäre verletzende sowie in weiten Teilen reißerische Berichterstattung der Beklagten nicht nur während des Zeitraums derselben, sondern auch in Zukunft als frauenverachtender und gewaltbereiter Wiederholungstäter stigmatisiert wurde bzw. bleiben wird, wodurch sowohl sein berufliches Wirken als auch sein Privatleben massiv beeinträchtigt wurden bzw. bleiben werden.

Die „Bild“-Zeitung hingegen meinte laut Gericht, dass „sämtliche zum Beleg einer angeblich systematischen Verletzung seiner Privatsphäre genannten Berichterstattungen harmlos seien“. Auch hätte sie ihn nicht diffamiert, „da jeweils die Auseinandersetzung in der Sache im Vordergrund gestanden habe“. Und weiter:

Jedenfalls habe der Kläger sich durch den persönlichen Rundumschlag gegen Justiz, die Presse, das vermeintliche Opfer und die Frauenwelt in seinem Buch selbst hinreichend Genugtuung verschafft und Details zu seinem Intim- und Sexualleben preisgegeben. Es gebe deshalb keinerlei Grund, ihm zusätzlich nun auch noch eine Geldentschädigung in Millionenhöhe zuzusprechen.

In Millionenhöhe nicht, entschied das Kölner Landgericht. Aber in Höhe von 635.000 Euro.