Nackt-Selfie-Affäre in der Schweiz: „Jetzt muss er auf die Knie“

von Boris Rosenkranz
20 Aug 14
20. August 2014

Es ist eine pikante Geschichte, mit der gerade in der Schweiz der Boulevard gepflastert wird und die gestern Abend groß im Fernsehen, bei SRF1, diskutiert wurde. In Kurzform geht sie so: Ein Politiker, Nationalrat und Stadtammann, fotografiert sich (halb-)nackt, angeblich auch tagsüber in Diensträumen, und verschickt die Fotos nebst passender Kurznachrichten an eine Frau. Die Bilder und Texte liegen inzwischen, wie angeblich auch Ton-Mitschnitte von Gesprächen des Politikers, in etlichen Schweizer Redaktionsstuben, wo man sich fröhlich über sie hermacht. Allen voran: die Wochenzeitung „Schweiz am Sonntag“.

SRF1_still

Deren Chefredakteur, Patrick Müller, ließ es sich voriges Wochenende nicht nehmen, sein Blatt höchstselbst mit der Story vollzutropfen und ausführlich zu zitieren, was auf den Bildern des Nationalrats Geri Müller zu sehen und in den Nachrichten Schlüpfriges zu lesen ist. Privat waren die Dokumente für die „Schweiz am Sonntag“ nicht mehr, da die Aufnahmen ja im Stadthaus gemacht worden sein sollen, teilweise zur Dienstzeit, weshalb das von öffentlichem Interesse sei.

Zumal dem Nationalrat im Text auch unterstellt wird, er habe, durch sein Amt bevorteilt, die Polizei auf die Frau gehetzt, um an ihr Handy und damit an die Bilder und Nachrichten zu kommen. Klingt wie eine Tatsache, geschrieben aus Sicht des vermeintlichen Opfers, gedruckt in der „Schweiz am Sonntag“:

„Im Polizeiauto ist für sie klar: Der Stadtammann hat die Stadtpolizei losgeschickt, um ihr das Handy wegzunehmen.“

Das ist schon interessant. Hier wird suggeriert, der Politiker habe die Polizei quasi für private Zwecke instrumentalisiert, was tatsächlich von öffentlichem Interesse wäre. Aber die Frage ist: Stimmt es überhaupt? Nationalrat Müller stellte es gestern auf seiner Pressekonferenz anders dar. Die Frau sei in Not gewesen, sagte er, deshalb habe er die Polizei alarmiert. Also, um sie zu schützen. Oder eine andere Frage: Was war das für eine Beziehung? Wie eng war sie? Geht eigentlich niemanden was an, aber auch dazu kursieren verschiedene Versionen. Wie auch dazu, wer auf wen Druck ausgeübt hat. Der Nationalrat auf die Frau? Oder sie (auch) auf den Nationalrat? Es ließe die Sache in jeweils ganz anderem Licht erscheinen.

Aber die Gerüchte sind draußen und all die schmutzigen und erfundenen Details. Die heißeste Erfindung: das Alter der Bekannten. In der „Schweiz am Sonntag“ ist lediglich die Rede von einer „jungen Frau“, doch so wummst das natürlich noch nicht. Plötzlich wird kolportiert, der 53-jährige Politiker habe da was mit einer 21-Jährigen gehabt, worauf man sich natürlich prima einen runterschreiben kann, was auch etliche gemacht haben. Der alte Sack, das junge Ding – das läuft ganz gut, auch wenn es nicht stimmt. Nationalrat Müller hat dazu gestern erklärt, die Frau sei nicht 21, sondern 33 Jahre alt. Naja, und wer hat’s erfunden? Die Gratiszeitung „20 Minuten“. Online schrieb sie, noch bevor „Schweiz am Sonntag“ ihre Print-Geschichte mittags selbst ins Netz stellte:

„Die Geschichte, die die Zeitung ‚Schweiz am Sonntag‘ heute über den Grünen Badener Stadtrat und Nationalrat Geri Müller und dessen angebliche 21-jährige Handy-Sex-Chat-Partnerin schreibt, ist hochbrisant.“

Dass das Alter offenbar nicht stimmt, hat „20 Minuten“ inzwischen begriffen und sich entschuldigt. Chefredakteur Marco Boselli schreibt auf meine Nachfrage: „Der Fehler geschah auf Grund einer – im Nachhinein kaum mehr rekonstruierbaren – Fehlinterpretation des Original-Textes.“ Was wohl darauf hinaus läuft, dass der Autor des Artikels die Altersangabe irgendwo am Wegesrand gefunden hat. Man müsste viel „interpretieren“, um aus der Wendung „junge Frau“ abzuleiten, dass die so etwa genau 21 ist. In ihrer Korrektur schreibt „20 Minuten“, man habe die Altersangabe in allen Artikeln „entfernt“ und weise mittels einer Box darauf hin.

Stimmt.

So eine unscheinbare Box steht auch im Interview mit der „Sexologin Esther Schütz“, das mit der Frage beginnt: „Warum lässt sich eine 21-Jährige mit einem über 50-jährigen Politiker wie Geri Müller ein?“ Und in der zweiten Frage ist von der „21-Jährigen Geliebten“ die Rede. Davor und danach spekuliert die Sex-Tante, wieso irgendwer irgendwas macht, um einen „Kick“ zu bekommen, während „20 Minuten“ dafür Klicks bekommt. In der nun eingefügten Box heißt es, man habe das Interview in der Annahme geführt, die Frau sei 21, das stimme aber nicht. Worin bei „20 Minuten“ allerdings niemand einen Grund sieht, das Interview zu löschen. Stattdessen steht es da und verbreitet weiter Legenden.

Das falsche Alter, die schmierigen, unbestätigten oder erfundenen Details bleiben kleben, wie immer in solchen Fällen. Im Netz findet sich die falsche Altersangabe auch an anderen Stellen, beispielsweise in einem bemerkenswerten Kommentar der „Basler Zeitung“. Der Autor ahmt so etwas wie eine Argumentationskette nach, die bei der Hauptfigur der Serie „House of Cards“ beginnt und über Geri Müller und seine „sexuelle Beziehung zu einer 21-jährigen“ Frau führt, um dann bei Silvio Berlusconi und Bill Clinton anzukommen. Fazit: Vögeln darf man überall, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Oder im Wortlaut:

„Selbstverständlich darf man in der Badener Amtsstube Sex haben, auch auf der Toilette, auf dem Parkplatz, im Lift, wo es eben beliebt – aber man sollte sich nicht erwischen lassen.“

Was schön die schwiemelige Moral zeigt, mit der hier die Geschichte breitgetreten wird. Denn es bedeutet ja schlicht: Machen darf jeder alles, aber sobald er erwischt wird – Feuer frei! Der Autor attestiert dem Politiker dementsprechend noch, einer „organisierte[n] Form von Sexualität“ gefrönt zu haben, da er, der Nationalrat, ja regelmäßig Nachrichten verschickte. Was schweizerisch-ordentlich klingt, aber auch so ähnlich wie „organisierte Kriminalität“. Der Text endet deshalb folgerichtig mit einem Richterspruch:

„Jetzt muss er auf die Knie. Das sind die Mechanismen der Öffentlichkeit.“

Auf die Knie. Weil er sich „erpressbar gemacht“ und „dämlich verhalten“ habe. Kurz abgesehen von der (wahrscheinlich beabsichtigten) sexuellen Konnotation – es ist ein bezeichnendes Bild vom Journalisten, der oben steht und auch bei dünner Faktenlage urteilt, wer sich nun bitteschön in den Staub werfen soll.

Wo Nationalrat Geri Müller übrigens längst ist: Der Nationalrat hat sich gestern Abend in der Sendung „Club“ bei SRF1 einer Runde gestellt, in der mehr als eine Stunde lang ausschließlich über ihn und untenrum geredet wurde.

  • Ebenfalls zum Thema: Kollege Rainer Stadler schreibt im NZZ-Blog, dass Vorsicht hier oberstes Gebot wäre. „Und Schweigen öfters besser.“
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Gastblogger: Boris Rosenkranz

20 Aug 14
20. August 2014

Ich glaube ja, dass ein Grund für die chronische Überlastung der ZDF-Pressestelle darin besteht, dass mehrere Mitarbeiter vor einiger Zeit dafür abgestellt wurden, kleine Boris-Rosenkranz-Voodoo-Puppen zu basteln. Spätestens als er mit einem Kamerateam von „Zapp“ auf dem Mainzer Lerchenberg auftauchte und dort einfach den Fernsehrat beim Sich-Versammeln-im-Konferenzraum filmen wollte. Da könnte ja jeder kommen. Und kommt auch! „Wir hatten in der letzten Zeit ein paar Fälle“, sagt ZDF-Kommunikationschef Alexander Stock, „wo sich ein paar Journalisten im Haus bewegt hatten.“

Jedenfalls entstand bei der Gelegenheit der folgende schöne Beitrag für das NDR-Medienmagazin:

Rosenkranz geht gerne zu Medienanlässen und fällt anderen zur Last, bei einer „Nacht der Medien“ in Hamburg („Herr Struhunz? Wir suchen die Krihise!“) ebenso wie bei Christian Wulffs Buchvorstellung („Herr Wulff, ist das denn heute auch ein Tag, wo Sie sagen, komm‘, wir machen einen Neuanfang, ich verzeih‘ Euch, ihr Medien?“).

Die Sommerpause von „Zapp“ hat er durch frenetisches Twittern überbrückt und nebenbei das ZDF um Kopf und Kragen gefragt.

Die nächsten Wochen tobt er sich neben seiner Arbeit bei „Zapp“ hier im Blog ein bisschen aus.

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Neues von Werther: Suizid-Häufung nach breiter Suizid-Berichterstattung

20 Aug 14
20. August 2014

Selbstmord ist ansteckend. Berichterstattung über Suizide erhöht die Zahl der Suizide. Eine neue Studie aus den Vereinigten Staaten liefert weitere Indizien dafür, dass dieser sogenannte „Werther-Effekt“ tatsächlich existiert.

Die Forscher, unter anderem von der Columbia Universität in New York, untersuchten Selbsttötungen von Jugendlichen in den Vereinigten Staaten zwischen 1988 und 1996. Einerseits Fälle, bei denen sich mehrere Jugendliche innerhalb einer begrenzten Zeit an einem Ort das Leben nahmen. Und andererseits Fälle, bei denen es bei einem einzelnen Suizid blieb. Dann verglichen sie die Berichterstattung in den Zeitungen jeweils nach dem ersten Suizid. Sie stellten fest, dass es signifikante Unterschiede gab.

In den Fällen, in denen es zu weiteren Suiziden kam, hatten die Zeitungen im Durchschnitt häufiger und ausführlicher über Suizide berichtet, mehr Details wie den Namen des Opfers, Zeit, Ort und Methode genannt und häufiger Abschiedsbriefe erwähnt. Die Berichterstattung hatte im Durchschnitt häufiger auf der Titelseite stattgefunden oder war durch ein Foto illustriert; die Beschreibung war expliziter und die Überschriften waren sensationalistischer gewesen.

Die Studie kann keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung und den Folge-Suiziden herstellen, sondern nur eine Korrelation. Die Ursachen für Suizide und ihre Häufung sind komplex, und die mediale Berichterstattung macht sicher nur einen Faktor unter mehreren aus. Die Studie stützt aber die Annahme, dass eine bestimmte Form der Berichterstattung über Suizide die Wahrscheinlichkeit weiterer Suizide erhöht.

48 Cluster von Suiziden von 13– bis 20-Jährigen zwischen 1988 und 1996 bilden die Grundlage der Untersuchung: Keine gemeinsamen, abgesprochenen Suizide, sondern Häufungen an einem Ort mit drei bis elf Suiziden innerhalb eines Zeitraums von bis zu einem halben Jahr. Jedes dieser Cluster verglichen die Forscher mit zwei Suizid-Fällen in ähnlichen Städten, in denen es nicht zu weiteren Suiziden gekommen war.

Sie betrachteten dabei auch Ort und Art des jeweils ersten Suizids, um auszuschließen, dass es besonders auffällige, dramatische oder öffentliche Fälle waren, die für eine größere Berichterstattung sorgten und dadurch zu mehr Nachahmern führten. Todes-Ort und –Art unterschieden sich aber bei den Fällen mit einer anschließenden Häufung nicht signifikant von den Fällen ohne eine anschließende Häufung. Was sich unterschied, war die Berichterstattung.

Einen Zusammenhang mit der Entstehung von Suizid-Häufungen gab es nicht bei allgemeinen Zeitungs-Artikeln über das Thema, sondern nur bei Berichten über konkrete Selbsttötungen von Individuen. Die stärksten Effekte gab es bei Berichten über Suizide von Teenagern — wenn die Leser also mit dem Betroffenen identifizieren können — und von Prominenten — wenn die Leser den Betroffenen verehrten.

Die untersuchten Fälle lagen zwar alle vor dem Aufkommen von Social Media. Sie sind aber nach Ansicht der Autoren immer noch relevant. In einer Untersuchung von 2011, bei der 14– bis 24-Jährigen gefragt wurden, woher sie von einem Suizid erfuhren, hätten zwei Drittel Zeitungsberichte als Quelle genannt, noch vor Freunden und Verwandten (55 Prozent) und Online-Medien (44 Prozent).

Die Ergebnisse sind konsistent mit vielen anderen Studien über den „Werther-Effekt“. Sie bestätigen, welche Bedeutung Empfehlungen wie die der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention haben, nach denen in der Berichterstattung u.a. vermieden werden sollte:

  • einen Suizid auf der Titelseite oder als „TOP-News“ erscheinen zu lassen
  • ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren und Abschiedsbriefe zu veröffentlichen.
  • den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen bzw. den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“).
  • die Suizidmethode und den Ort detailliert zu beschreiben oder abzubilden

Mir fehlt jetzt noch eine Studie, ob die vielen Journalisten, die diese Empfehlungen ignorieren, nicht an die beschriebenen Folgen ihrer Berichterstattung glauben — oder sie sie bewusst in Kauf nehmen.

 
Die Studie:

 
Aus dem Archiv:

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Programmhinweis (45)

14 Aug 14
14. August 2014

Die Leute vom deutschen Subforum für Ask Me Anythings haben mich eingeladen: Von 18 Uhr an kann man mich heute auf Reddit alles fragen. Bin sehr gespannt!

Hier geht’s lang.

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Die schönsten Milchglasscheiben Deutschlands: Was hr und WDR mit Transparenz meinen

14 Aug 14
14. August 2014

Heute zeigen uns der Westdeutsche und der Hessische Rundfunk, wie man Transparenz und Aufklärung vorgaukeln und die Zuschauer trotzdem weiter verschaukeln kann.

Beginnen wir mit der Erklärung des WDR vom Dienstag über seine Hitlisten-Sendungen. Darin heißt es:

Damit [mit der Überarbeitung der Konzepte] reagiert der WDR auf eine gründliche Prüfung seiner bisherigen Ranking-Sendereihen im Fernsehen, die nach der Diskussion um eine Ranking-Show des ZDF veranlasst worden war. Im Gegensatz dazu basieren die Ranking-Sendungen im WDR Fernsehen allerdings nicht auf repräsentativen Umfragen, sondern auf Online-Votings.

So, Hefte raus, Klassenarbeit. Hat der WDR Ranking-Shows produziert, die, wie beim ZDF, auf repräsentativen Umfragen basierten?

Die richtige Antwort lautet: Ja.

Aber das würde man angesichts der Formulierung der WDR-Presseerklärung nicht erahnen. Der zweite Satz spricht, anders als der erste, nicht mehr von allen WDR-Ranking-Reihen, sondern nur von denen, die im WDR-Fernsehen liefen.

Dass er 2012 insgesamt sechs Ranking-Shows (jeweils zwei Teile von „Die schönsten Bauernhöfe / Schlösser / Städte“) im Ersten ausgestrahlt hat, die auf einer repräsentativen Meinungsumfrage beruhten, kann der WDR so geschickt verschweigen.

Auf meine Nachfrage gibt der Sender an, die Umfragen habe das Institut Innofact in Düsseldorf im Februar bzw. März 2012 unter jeweils gut 1000 Menschen durchgeführt. Die Ergebnisse will er mich aber nicht einsehen lassen,

„da es sich um redaktionsinternes Material handelt.“

Redaktionsinternes Material? Das ist ein lustiger Grund. Warum sollte der WDR nicht die Unterlagen des Umfrageinstituts herausgeben? Warum will er nicht einfach die konkrete Fragestellung und die Antworten der Befragten nennen?

Ich kann es mir nämlich tatsächlich nicht vorstellen, wie diese bundesweite, repräsentative Umfrage abgelaufen sein soll, bei der zufällig ausgewählte Menschen sich entscheiden sollten, ob sie den Wintringer Hof in Kleinblittersdorf im Saarland schöner finden oder den Meierhof Rassfeld in Gütersloh oder das Gut Hesterberg in Neuruppin-Lichtenberg, das angeblich auf Platz 1 landete.

Aber diesen Fragen wollte sich der WDR auch nicht stellen, deshalb hatte er ja so getan, als beruhten seine Ranking-Shows, anders als die des ZDF, gar nicht auf repräsentativen Umfragen und als sei jede mögliche Veränderungen an den Ergebnissen schon deshalb nicht so schlimm.

Auf meine Frage, warum der Sender in seiner Presseerklärung diese Shows verschwieg, antwortete der Pressesprecher:

Die Überprüfung dieser Sendereihe für das Erste hat keine Auffälligkeiten ergeben. Der WDR sah keine Veranlassung, auf diesen Umstand explizit hinzuweisen.

Oder überhaupt auf ihre Existenz.

Und dann war da ja noch der hr, der — gemeinsam mit dem WDR — eine Reihe trauriger Hitparaden-Sendungen fürs Erste produzierte, darunter die Show „Die beliebtesten Komiker-Duos der Deutschen“. Dass die Redaktion damals das Ergebnis der Online-Abstimmung von Hand veränderte, hatte der Sender 2012 nach langem Zögern zugegeben. In der vermeintlich großen Aufklärungsrunde jetzt ließ er sie einfach unter den Tisch fallen. Unter dem Blendwort „Transparenz“ in der Überschrift der hr-Pressemitteilung ist dann auch nur noch die Rede von Eingriffen in die Ergebnisse von Online-Votings „im hr-fernsehen“, nicht im Ersten.

Ich habe den Sender deshalb gefragt:

  • Die Presseerklärung und die Aussagen von Herrn Reitze scheinen sich ausschließlich auf Sendungen im hr-Fernsehen und im Radio zu beziehen. Hat der hr auch seine Ranking-Shows im Ersten untersucht?
  • Wie bewertet der hr die auffälligen nachträglichen Veränderungen bei der Sendung „Die beliebtesten Komiker-Duos der Deutschen“, die 2012 von fernsehkritik.tv dokumentiert wurden?
  • Der hr hatte damals angegeben, die Ergebnisse des Online-Votings nachträglich „rechnerisch gewichtet“ zu haben und angegeben, dies sei „ein übliches Verfahren“. Bedeutet das, dass der hr auch bei seinen anderen Ranking-Shows im Ersten entsprechend eingegriffen hat?
  • Wie hat der hr in seinen Ranking-Shows im Ersten das Votum der Prominenten-Jury ermittelt?
  • Wie wurde das Jury-Votum mit dem Ergebnis der Online-Voten kombiniert?

Anstelle von Antworten schrieb mir der Unternehmenssprecher:

Der hr hat alle Ranking-Sendungen, die in den Jahren 2011 bis 2014 erstausgestrahlt wurden und die er zu verantworten hat, überprüft und keine Auffälligkeiten festgestellt. Die von Ihnen thematisierte Ranking-Serie für das Erste war eine Gemeinschaftsproduktion von WDR und HR mit wechselnder Federführung. Zu der von Ihnen angesprochenen Folge „Die beliebtesten Komiker-Duos der Deutschen“ haben wir, die für diese Folge federführend waren, bereits ausführlich im Jahr 2012 Stellung genommen. Bei jenen Sendungen, für die der hr weiterhin die Federführung inne hatte, ist in der Moderation explizit darauf hingewiesen worden, wie die Rangliste entstanden ist: nämlich auf Basis des Online-Votings und der Abstimmung einer prominenten Jury. Damit war transparent, dass es sich bei der Rangliste nicht ausschließlich um die Zuschauermeinung handelte.

Sie meinen das nicht so, mit der Transparenz. Wirklich nicht.

Sie müssen glauben, dass ihr Vorrat an Glaubwürdigkeit unendlich ist.

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