Klaubbläser

Ob sie sich nicht als Blut­sau­ge­rin der tra­di­tio­nel­len Medien sehe, wurde [»Huf­fing­ton Post«-]Gründerin Huf­fing­ton kürz­lich gefragt. »Das ist, als würde man sich dar­über beschwe­ren, dass ein Auto schnel­ler ist als ein Pferd«, ant­wor­tete sie. »Schon immer haben neue Tech­no­lo­gien die alten überrollt.«

Der Ver­gleich stimmt nicht ganz. Die »Huf­fing­ton Post« über­rollt andere Medien nicht. Sie beu­tet sie sys­te­ma­tisch aus. Einen Groß­teil ihrer Nach­rich­ten­schlag­zei­len klaubt Huf­fing­tons Crew ein­fach aus ande­ren Medien zusam­men — viele davon sind die Online-Ausgaben tra­di­tio­nel­ler Tageszeitungen.

»Focus«, 11. Mai 2009.

»FOCUS Online« — stol­zer Part­ner der Huf­fing­ton Post in Deutschland.

»Focus Online«, 29. April 2013.

Rufraub im Piraten-Dossier: Die »Zeit« tritt nach

Die Wochen­zei­tung »Die Zeit« hat sich ver­pflich­tet, ruf­schä­di­gende For­mu­lie­run­gen aus ihrem zwei­fel­haf­ten Dos­sier über Film­pi­ra­te­rie (Abb.) nicht mehr zu ver­öf­fent­li­chen. Sie behaup­tet aller­dings das Gegenteil.

Die Direk­to­rin des Alexander-von-Humboldt-Instituts für Inter­net und Gesell­schaft, Jea­nette Hof­mann, hatte vor eini­gen Wochen eine einst­wei­lige Ver­fü­gung gegen das Blatt erwirkt. Es hatte ihr unter­stellt, sie habe sich von Google kau­fen las­sen und bestellte wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nisse gelie­fert. Der Such­ma­schi­nen­an­bie­ter ver­diene nicht nur Geld mit »Raub­ko­pien«, schrieb Kers­tin Koh­len­berg, die stell­ver­tre­tende Lei­te­rin des »Investigativ-Ressorts« der »Zeit«, son­dern ste­cke einen Teil davon auch noch in Stu­dien, »die zu dem Ergeb­nis kom­men, dass Raub­ko­pien keine schlechte Sache sind«. Der Arti­kel ist inzwi­schen wie­der online, aller­dings in einer um die ange­grif­fe­nen For­mu­lie­run­gen berei­nig­ten Version.

Hof­mann hatte sich erfolg­reich unter ande­rem gegen die Behaup­tun­gen der »Zeit« gewehrt, sie halte das Urhe­ber­recht für »über­flüs­sig« und stelle sich »ein­deu­tig auf die Seite derer, die mit ille­ga­len Film­ko­pien Geld verdienen«.

Die »Zeit« hatte dage­gen Wider­spruch ein­ge­legt. Am 12. April kam es des­halb zur münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Land­ge­richt Hamburg.

Dabei einig­ten sich beide Sei­ten auf einen Ver­gleich:

  • Die »Zeit« und »Zeit Online« ver­pflich­ten sich, die umstrit­te­nen For­mu­lie­run­gen über Jea­nette Hof­mann nicht erneut zu veröffentlichen.
  • Hof­mann ver­zich­tet auf eine Gegendarstellung.
  • Hof­mann trägt drei Vier­tel der Kos­ten des Verfahrens.

Die »Zeit« ver­öf­fent­lichte aller­dings eine knappe Woche spä­ter eine Pres­se­mit­tei­lung, in der sie den Aus­gang des Ver­fah­rens anders schildert:

  • Die »Zeit« behaup­tet, Hof­mann hätte auf eine Unter­las­sungs­er­klä­rung des Blat­tes ver­zich­tet. In Wahr­heit ist die Unter­las­sungs­er­klä­rung Teil des Vergleichs.
  • Die »Zeit« behaup­tet, das Dos­sier dürfe »in sei­ner ursprüng­li­chen Form ver­brei­tet wer­den«. In Wahr­heit hat der Ver­lag unter­schrie­ben, die bemän­gel­ten Äuße­run­gen über Hof­mann »nicht erneut zu veröffentlichen«.
  • Und die »Zeit« behaup­tet, sie habe sich »frei­wil­lig« bereit erklärt, »in zukünf­ti­gen Arti­keln die Arbeit von Frau Hof­mann dif­fe­ren­zier­ter zu betrach­ten«. In Wahr­heit hat sie sich ver­pflich­tet, die ursprüng­li­chen Behaup­tun­gen über Hof­mann und ihre Arbeit nicht zu wiederholen.

Das ist eine erstaun­li­che Ver­dre­hung der Tat­sa­chen und ein unfreund­li­cher Akt, nach­dem man sich gerade erst mit der Gegen­seite auf eine güt­li­che Bei­le­gung des Rechts­streits geei­nigt hatte. Jea­nette Hof­mann geht nun wie­derum gegen diese Pres­se­mit­tei­lung juris­tisch vor.

Dem Ver­gleich mit der »Zeit« hatte sie zuge­stimmt, weil ihr das Risiko stei­gen­der Pro­zess­kos­ten zu hoch wurde und sie diese Form der Aus­ein­an­der­set­zung per­sön­lich zu belas­tend fand. Im Kern bestand er für sie darin, dass die »Zeit« die gefor­derte Unter­las­sungs­er­klä­rung abgibt und Hof­mann dafür den Groß­teil der Kos­ten des Ver­fah­rens trägt.

Die Ver­hand­lung war wohl eine abschre­ckende Erfah­rung. Hof­mann sah sich unter ande­rem damit kon­fron­tiert, bewei­sen zu sol­len, dass sie das Urhe­ber­recht nicht für über­flüs­sig hält. Als ver­meint­li­chen Gegen­be­weis hielt ihr der Anwalt unter ande­rem ihre For­mu­lie­rung vor, dass die Her­stel­lung von Infor­ma­ti­ons­gü­tern »nicht auto­ma­tisch Eigen­tums­rechte nach sich zie­hen« müsse. Urhe­ber­rechte seien »nicht alter­na­tiv­los«, hatte Hof­mann for­mu­liert. — Macht sie das überflüssig?

Hof­mann hatte außer­dem bestrit­ten, sich über­haupt dezi­diert mit dem Thema ille­ga­ler Kopien zu beschäf­ti­gen. Der Anwalt der »Zeit« ver­wies dage­gen auf das von Hof­mann her­aus­ge­ge­bene Buch »Wis­sen und Eigen­tum«, in dem ein ande­rer Autor (!) davon schreibt, dass »ille­gale Down­loads fast zur Selbst­ver­ständ­lich­keit gewor­den« seien.

Ange­sichts des Ver­laufs der Ver­hand­lung war sie sich nicht sicher, ob ihre Sicht auf die Dinge aus­rei­chend Aus­sicht hätte, aner­kannt zu wer­den. Darum stimmte sie dem Ver­gleich zu.

Wir fas­sen zusam­men: Die »Zeit« ver­öf­fent­licht ein Pam­phlet über Film­pi­ra­te­rie, das eine Wis­sen­schaft­le­rin dif­fa­miert, gibt vor Gericht eine Unter­las­sungs­er­klä­rung ab und behaup­tet dann in einer Pres­se­mit­tei­lung das Gegen­teil. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um eine der beson­ders seriö­sen Adres­sen des deut­schen Jour­na­lis­mus han­delt, man käme nicht drauf.

PS: Die »Zeit« hatte mir die Pres­se­mit­tei­lung mit den Wor­ten geschickt: »Da Sie in Ihrem Blog über den Sach­ver­halt berich­tet haben, wün­schen wir, dass Sie diese Mel­dung zur Kennt­nis neh­men und den Arti­kel aktua­li­sie­ren.« Das finde ich eine erstaun­li­che For­mu­lie­rung, aber den Wunsch habe ich hier­mit ja erfüllt.

Nach­trag, 26. April. Heute haben die »Pots­da­mer Neu­es­ten Nach­rich­ten«, ein Schwes­ter­blatt der »Zeit«, das Dos­sier nach­ge­druckt — in der ursprüng­li­chen Form, mit allen For­mu­lie­run­gen über Jea­nette Hof­man, für die die »Zeit« eine Unter­las­sungs­er­klä­rung abge­ge­ben hat.

Nach­trag, 8. Mai. Die »Zeit« hat ihre Pres­se­mit­tei­lung entfernt.

Minus mal Minus ergibt EinsPlus: Das Digitalkanalelend von ARD und ZDF

Heute ler­nen wir, wie die ARD sich vor­stellt, in Zukunft junge Zuschauer für den öffentlich-rechtlichen Rund­funk begeis­tern zu kön­nen. Keine Sorge: Um Inhalte geht es dabei nicht.

Zur Ein­stim­mung hilft eine Übung: Wir ver­su­chen, die Digi­tal­ka­näle der ARD von­ein­an­der zu unterscheiden.

Las­sen wir tagesschau24 mal weg, das ist zu leicht, da lau­fen den gan­zen Tag Nach­rich­ten und abends Wie­der­ho­lun­gen aktu­el­ler Maga­zine, Talk­shows und Dokumentationen.

Aber es gibt ja noch Eins­fes­ti­val und EinsPlus.

Laut »Pro­gramm­kon­zept Digi­tale Fern­seh­pro­gramme der ARD« ist Eins­fes­ti­val ein »inno­va­ti­ves, kul­tu­rell ori­en­tier­tes Ange­bot mit jün­ge­rer Aus­rich­tung«. Eins­Plus hin­ge­gen sei zu einem »öffentlich-rechtlichen Service-, Rat­ge­ber– und Wis­sens­an­ge­bot wei­ter­ent­wi­ckelt« wor­den, »das schnell Akzep­tanz bei den Fern­seh­zu­schau­ern gefun­den hat«.

Markt­an­teile I/2013
ZDF­neo 0,8 Pro­zent
ZDF­info 0,6 Pro­zent
ZDF­kul­tur 0,2 Pro­zent
Eins­fes­ti­val 0,3 Pro­zent
Eins­Plus 0,1 Pro­zent
tagesschau24 0,1 Pro­zent
Zuschauer ab 3 Jah­ren. Quelle: ARD

Eins­Plus brachte es im ers­ten Quar­tal 2013 auf einen Markt­an­teil von 0,1 Pro­zent. Das ist unge­fähr das Maß an Zuschauer-»Akzeptanz«, das ent­steht, wenn meh­rere Leute beim Durch­zap­pen ver­se­hent­lich drei Sekun­den bei einem Sen­der hän­gen bleiben.

Die Defi­ni­tio­nen sind also offen­bar nicht hilf­reich. Die Namen schon gar nicht. Aber viel­leicht hilft ein Blick ins Programm:

Auf Eins­Plus läuft die »Late­Line mit Jan Böh­mer­mann«. Auf Eins­fes­ti­val läuft der »1Live Talk« mit Sabine Heinrich.

Eins­Plus zeigt aktu­elle Musik­vi­deos in der Sen­dung »Eins­Plus Charts«. Eins­fes­ti­val zeigt aktu­elle Musik­vi­deos in der Sen­dung »Clipster«.

Eins­Plus bringt »Es geht um mein Leben« mit Pierre M. Krause. Eins­fes­ti­val bringt die »SWR3 late­night« mit Pierre M. Krause.

Gut, ande­rer­seits zeigt Eins­Plus »Die aller­beste Sebas­tian Wink­ler Show« am Diens­tag­abend und Ein­fes­ti­val am Don­ners­tag­abend. Und der aktu­elle »Tat­ort« läuft auf Eins­fes­ti­val am jewei­li­gen Sonn­tag noch­mal um 21:45 und 23:45 Uhr und auf Eins­Plus gar nicht.

Es hilft, das zu wis­sen, um zu ver­ste­hen, warum die Inten­dan­ten der ARD dem ZDF am Mon­tag öffent­lich vor­ge­schla­gen haben, die jeweils drei Digi­tal­ka­näle der bei­den zu fusio­nie­ren. Die ARD ist mit dem, was man euphe­mis­tisch eine Digital-»Strategie« nen­nen könnte, umfas­send geschei­tert. Sie ver­an­stal­tet zwei Sen­der mit irre­füh­ren­den Namen und unkla­rem Pro­fil, die nie­mand aus­ein­an­der­hal­ten kann und kei­ner guckt, sowie eine Nach­rich­ten­dau­er­schleife. Es gelingt ihr nicht, ein kla­res unter­scheid­ba­res Pro­fil für die bei­den Kanäle Eins­Plus und Eins­fes­ti­val zu ent­wi­ckeln, weil das Kon­zept in Wahr­heit darin besteht, dass das eine Pro­gramm vom SWR gemacht wird und das andere vom WDR.

Des­halb ist es für die ARD auch unmög­lich, das zu tun, was nahe­lie­gend wäre: einen ihrer bei­den Möch­te­gern­ju­gend­ka­näle zu schlie­ßen. Denn dann müss­ten ja der WDR oder der SWR etwas auf­ge­ben. Und wenn ARD-Anstalten so etwas könn­ten, gäbe es keine fünf wöchent­li­chen Talk­shows und das ARD-Wirtschaftsmagazin »Plus­mi­nus« würde nicht im Wech­sel von fünf ver­schie­de­nen Mode­ra­to­ren präsentiert.

Doch nun hat die ARD doch noch eine sinn­volle Ver­wen­dung für ihre ver­murks­ten Digi­tal­ka­näle gefun­den: Sie bie­tet an, sie zu opfern, und nutzt sie gleich­zei­tig als Pfand, um das ZDF in eine Sen­der­ehe zu zwingen.

Die ARD hat ange­sichts der doku­men­tier­ten Erfolg­lo­sig­keit unge­fähr nichts zu ver­lie­ren, aber eini­ges zu gewin­nen: Gemein­sam mit dem ZDF würde ein Neu­start mög­lich, der nicht nur gesichts­wah­rend ist, son­dern sogar image­träch­tig: Es wirkt unge­mein ein­sich­tig und spar­sam und poli­tisch vor­aus­ei­lend, mit dem Vor­schlag, drei Sen­der ein­zu­spa­ren, nach vorne zu pre­schen. Gemein­sam könn­ten die Kanäle mehr Geld haben. Und auf eine bizarre Art ist es aus ARD-Sicht womög­lich sogar tat­säch­lich ein­fa­cher, die Riva­li­tä­ten zwi­schen den eige­nen Anstal­ten zu lösen, wenn man Gemein­schafts­sen­der mit dem ZDF bildet.

Alles würde bes­ser wer­den. Durch »inten­si­vere Koope­ra­tio­nen« wäre es mög­lich, die Digi­tal­ka­näle »wei­ter und bes­ser zu pro­fi­lie­ren« — sagt der Sen­der­ver­bund, dem es nicht ein­mal im Ansatz gelun­gen ist, zwei eige­nen Kanä­len ein eige­nes Pro­fil zu geben.

Wenn die sechs Digi­tal­sen­der zu dreien zusam­men­ge­legt wür­den, biete das »die Chance zu einer wei­te­ren Pro­fil­schär­fung der schon beste­hen­den Gemein­schafts­pro­gramme Pho­enix und 3sat«, träumt die ARD. Als ob es da bis­lang an »Chan­cen« geman­gelt hätte und nicht am Wil­len! Was die ARD und das ZDF bis­her daran hin­dert, das Pro­fil von Pho­enix und 3sat zu schär­fen, ver­rät die Pres­se­mit­tei­lung der ARD nicht.

Der Plan der ARD sieht vor, Eins­Plus und ZDF­kul­tur zu einem neuen Kanal für 14– bis 29-Jährige zu ver­ei­nen und Eins­fes­ti­val und ZDF­neo zu einem für 30– bis 49-Jährige. (Dass die ARD letz­tere als »jün­gere Erwach­sene« bezeich­net, spricht Bände.)

Das öffent­lich vor­zu­schla­gen und das ZDF so unter Druck zu set­zen, ist frech. Aber schon das Kon­zept auf der Grund­lage einer sol­chen Alter­sauf­tei­lung an sich ist Unsinn. Ist »Mad Men« eine Sen­dung für 30– bis 49-Jährige? Wie groß ist die Über­ein­stim­mung zwi­schen dem, was ein frisch Puber­tie­ren­der und ein Fami­li­en­va­ter mit­ten im Berufs­le­ben sehen will? Ange­sichts der gründ­lich doku­men­tier­ten Schwie­rig­keit der Öffentlich-Rechtlichen, über­haupt Zuschauer unter­halb von 50 Jah­ren anzu­spre­chen, wäre »ambi­tio­niert« ein schil­lern­der Euphe­mis­mus für den Ver­such, diese dann auch noch nach zwei Alters­grup­pen zu differenzieren.

Aber genau so scheint sich die ARD die zukünf­tige öffentlich-rechtliche Lebens­be­glei­tung der Men­schen vor­zu­stel­len. Erst gucken sie den gemein­sa­men Kika, mit ein­set­zen­der Puber­tät schal­ten sie zum gemein­sa­men Jugend­ka­nal um, mit 30 wech­seln sie dann zum gemein­sa­men jün­ge­ren Älterenkanal.

Des­halb sei es auch keine Lösung, dass die ARD ein­fach einen ihrer Digi­tal­ka­näle abschalte und sich mit dem ande­ren auf ein jun­ges Publi­kum kon­zen­triert, sagte Lutz Mar­mor, der NDR-Intendant und amtie­rende ARD-Vorsitzende, heute Vor­mit­tag bei der Pres­se­kon­fe­renz nach der Früh­jahrs­ta­gung der Inten­dan­ten: Wie soll das gehen? »Die ARD hat die ganz Jun­gen, und dann wech­seln sie zu ZDFneo?«

Mit kei­nem Wort wurde bei der weit über ein­stün­di­gen Pres­se­kon­fe­renz ange­spro­chen, was jün­gere Leute über­haupt sehen wol­len, wel­che For­men der Anspra­che rich­tig wären, wel­che Inhalte feh­len. »Die Ziel­grup­pen fächern sich auf, des­halb brau­chen wir Zusatz­an­ge­bote für diese Ziel­grup­pen«, sagte Mar­mor — als lie­ßen sich diese Ziel­grup­pen formal-technisch auf­grund ihres Alters unterscheiden.

Das ZDF hatte mit sei­nen Digi­tal­ka­nä­len ZDF­kul­tur und ZDF­neo ein bes­se­res Kon­zept: ZDF­kul­tur ist eli­tär, ZDF­neo popu­lär. Auf ZDF­kul­tur lie­fen Kon­zerte, auf ZDF­neo Serien wie »Mad Men« und »30 Rock«. Gleich drei Sen­dun­gen von ZDF­kul­tur sind in die­sem Jahr für einen Grimme-Preis nomi­niert wor­den. Kein Wunder.

Dass das ZDF mit sei­nen Kanä­len ungleich erfolg­rei­cher ist als die ARD, liegt aber auch daran, dass es beson­ders scham­los ist, was das besin­nungs­lose Wie­der­ho­len von zuschau­er­träch­ti­gen Pro­gram­men angeht. Auf ZDF­kul­tur läuft pro Woche 12-mal »Unser Charly«, 13-mal »Ein Heim für Tiere«, 15-mal »Tier­arzt Dr. Engel« und 39-mal die »Hit­pa­rade«. ZDF­neo macht seine Quo­ten nicht zuletzt mit Wie­der­ho­lun­gen von irgend­ei­ner »Soko«, »Inspec­tor Barnaby«, »Raum­schiff Enter­prise« und der schon von RTL end­los wie­der­hol­ten »Nanny«. Und ZDF­info punk­tet mit Hitler.

Eigent­lich hat der feine »Elek­tri­sche Repor­ter« seine Hei­mat auf ZDF­info. Sein ori­gi­nel­ler regu­lä­rer Sen­de­ter­min scheint inzwi­schen der Sonn­tag­vor­mit­tag um 11:30 Uhr zu sein. ZDF­info wie­der­holt die Sen­dung aber auch mon­tags gegen 4:40 Uhr, mitt­wochs gegen 4:35 Uhr, don­ners­tags gegen 0:20 Uhr, sams­tags gegen 4:30 Uhr und sonn­tags gegen 4:45 Uhr. Es scheint eine interne Vor­schrift zu geben, die Sen­dung nicht zu einer Zeit ins Pro­gramm zu neh­men, in der mehr als zwei Dut­zend Men­schen sie zufäl­lig ent­de­cken und schät­zen ler­nen könn­ten.*

Was aus dem eins­ti­gen Anspruch (oder wenigs­tens: Ver­spre­chen) von ZDF­neo (»Wenn ich mich nur berie­seln las­sen will, geh ich unter die Dusche«) gewor­den ist, hat Peer Scha­der neu­lich anschau­lich doku­men­tiert. Zwi­schen den gan­zen Wie­der­ho­lun­gen und dem »Hollywood-Freitag« fand er in einer Woche exakt 45 Minu­ten neues eigen­pro­du­zier­tes Pro­gramm. Sein Fazit über den Kanal:

Bloß ein auf Quo­ten­op­ti­mie­rung getrimm­ter Pro­gramm­pla­ner­sen­der, der sein Publi­kum aus­schließ­lich als Zahl hin­ter der Kom­ma­stelle bei der Markt­an­teils­aus­wer­tung kennt.

Und ZDF­kul­tur ist prak­tisch schon Geschichte: Der Sen­der, der mit sei­ner Spe­zia­li­sie­rung ins­be­son­dere auf Musik immer­hin eine klare Iden­ti­tät hatte, eine höchst öffentlich-rechtliche noch dazu, soll »so rasch wie mög­lich« auf ein »Wie­der­ho­lungs– und Schlei­fen­mo­dell umge­stellt wer­den«, wobei eh längst schon nicht mehr klar ist, woran man erken­nen kön­nen sollte, wann damit begon­nen wird.

Aus­ge­rech­net die­sen — von Inten­dant Tho­mas Bel­lut unge­lieb­ten — Sen­der glaubt sich das ZDF nicht mehr leis­ten zu kön­nen. Und hat dadurch, dass es ihn quasi schon als ein­ge­stellt betrach­tet, den Trumpf in der Hand, dass der Etat, den es nach den Träu­men der ARD mit in eine Jugend­ka­nal­ehe ein­brin­gen soll, gar nicht mehr vor­han­den ist.

»Wir haben ein Manko«, sagte Mar­mor. »Wir haben kein klar defi­nier­tes Ange­bot für die ganz jun­gen, die 14– bis 29-Jährigen.»
Und ich dachte, dass Eins­Plus genau so ein Ange­bot sein wollte und sich bloß man­gels Aus­stat­tung, Krea­ti­vi­tät und Kom­pe­tenz dabei nicht gut anstelle.

Was hätte das ZDF davon, mit der ARD zu koope­rie­ren? Mar­mor sagte, man könne sich heute schon vor­stel­len, wie attrak­tiv ein Sen­der wäre, der die Stär­ken, die ZDF­neo und Eins­fes­ti­val haben, kom­bi­niert. Worin die »Stär­ken« von Eins­fes­ti­val aktu­ell beste­hen, sagte er nicht. Ande­rer­seits deu­tete er an, dass sich, wenn man Eins­fes­ti­val und ZDF­neo zusam­men­legte, viel­leicht Geld spa­ren könnte, das man dann wie­derum in den Jugend­ka­nal ste­cken könnte.

Wie sich tagesschau24 und ZDF­info sinn­voll zusam­men­le­gen lie­ßen, weiß die ARD auch noch nicht. Aber das klingt natür­lich erst­mal gut, und der Pri­vat­sen­der­ver­band VPRT klatschte prompt Beifall.

Die Dis­kus­sion um die Zahl der Digi­tal­ka­näle ist ohne­hin irre­füh­rend. Es kommt nicht dar­auf an, ob es sechs sind, fünf oder drei, son­dern dar­auf, wie die Sen­der sie nut­zen und ob sie einen kla­ren Mehr­wert dar­stel­len, und sei es auch nur für eine kleine Gruppe. ZDF­kul­tur hat das im Ansatz gezeigt. Aber ZDF­kul­tur wird gerade abgewickelt.

*) Nach­trag, 16:30 Uhr. ZDF­info weist mich dar­auf hin, dass der »Elek­tri­sche Repor­ter« um 0:20 Uhr nicht ver­steckt wird, son­dern dort erwie­se­ner­ma­ßen mehr Zuschauer finde, auch in abso­lu­ten Zah­len, als wenn er nicht so spät in der Nacht liefe.

»Gold: Über jeden Zweifel erhaben«

Das ist die Ent­wick­lung des Gold­prei­ses im ver­gan­ge­nen Jahr:

Die fast senk­rechte Linie ganz am Ende, das ist ein Absturz um rund elf Pro­zent. Es ist der dra­ma­tischste Preis­sturz am Gold­markt seit 30 Jahren.

Das kam ver­mut­lich für man­che uner­war­tet, aber für nie­man­den so sehr wie für die Käu­fer von »Focus Money«. Die lesen seit Jah­ren, dass auf nichts in der Poli­tik, der Wirt­schaft, ach was, der Welt Ver­lass ist, außer auf eines:

Dif­fe­ren­ziert wie ein Busch­brand warb die Pos­tille des Freun­des­krei­ses der Apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter noch im ver­gan­ge­nen Okto­ber für den Kauf von Gold:

Und als sich im ver­gan­ge­nen Monat die Anzei­chen häuf­ten, dass es mit dem Gold­preis vor­erst eher nach unten als noch oben gehen könn­ten, setzte das Blatt gegen die unge­wohnt zwei­felnde Titel­frage: »Gold­rally am Ende?« die Ant­wort von nicht weni­ger als 30 Exper­ten, die auf einen Gold­preis von 3000 Dol­lar und mehr wet­te­ten (»Rich­tung 15.000 Dol­lar«):

Die Titel­ge­schichte im Inne­ren trägt sicher­heits­hal­ber die Überschrift:

Gold: Über jeden Zwei­fel erhaben

Sie beginnt so:

Gold hat an Glanz ver­lo­ren. Schon rufen die Ers­ten das Ende der Hausse aus. Zu früh, wie FOCUS-MONEY her­aus­ge­fun­den hat.

Eher wider­wil­lig refe­rie­ren die »Focus Money«-Redakteure die kri­ti­schen Ein­schät­zun­gen von Gold­man Sachs und der Roh­stoff­ex­per­ten der DZ Bank, um dann zu kontern:

Die Für­spre­cher des Gol­des, soge­nannte Gold-Bullen. Deren Anzahl ist nach wie vor hoch. (…)

FOCUS-MONEY (…) fand gewich­tige Argu­mente, die wei­ter­hin für Gold sprechen.

10 000 Dol­lar je Unze? Der Blick auf die aktu­elle Situa­tion zeigt: Auf Dauer spricht nach wie vor vie­les für einen star­ken Goldpreis.

Der Arti­kel endet mit der Goldpreis-, äh, –Pro­gnose von »Brooklyn-College-Associate-Professor« Mit­chell Lang­bert: »It may go to infi­nity«, »Es kann bis ins Unend­li­che gehen«. (Der Mann scheint aller­dings, im Gegen­satz zu »Focus Money«, zu wis­sen, wel­chen Wert sol­che Vor­her­sa­gen in der Pra­xis haben: Am Mon­tag vor einer Woche bloggte er, dass er eine Hälfte sei­nes Gold– und Silber-Besitzes abge­sto­ßen habe.)

Mats und Moritz gehen ans Ende des Regenbogens

Schon der Name ist schön. »Topf voll Gold« haben Mats Schö­nauer und Moritz Tscher­mak ihr Blog genannt, in dem sie über den Markt der Regen­bo­gen­presse in Deutsch­land berich­ten. Sie mei­nen nicht die Bou­le­vard­zei­tun­gen wie »Bild« oder soge­nannte »People-Magazine« wie »Gala« und »Bunte«, nicht ein­mal vier­tel­se­riöse Angrei­fer wie »Clo­ser«, son­dern das Seg­ment, des­sen jour­na­lis­ti­sche Ansprü­che noch dar­un­ter lie­gen: Hefte wie »Frei­zeit Revue«, »Das gol­dene Blatt«, »Neue Woche« und meine alte Freun­din, »Die Aktu­elle«, die Woche für Woche viele Hun­dert­tau­send Exem­plare verkaufen.

Aus irgend­ei­nem Grund gibt es kaum jour­na­lis­ti­sches Inter­esse an die­sen schil­lern­den Pro­duk­ten und ihrer Art, sich aus­zu­ma­len, was in der Welt der Rei­chen und Schö­nen wohl gerade viel­leicht hätte pas­siert sein kön­nen, wenn das Leben die bes­ten Geschich­ten schrei­ben würde und das nicht doch Woche für Woche die Redak­teure die­ser Blät­ter über­neh­men müss­ten. Nur Jörg Tho­mann ver­edelt in der »Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung« die (Fehl-)Leistungen der Blät­ter regel­mä­ßig zu »Herzblatt-Geschichten«.

»Und so läuft das Geschäft unterm Regen­bo­gen, ohne dass sich jemand groß damit aus­ein­an­der­setzt«, schrei­ben Mats und Moritz, was ange­sichts der üblen Metho­den und dreis­ten Lügen schon erstaun­lich ist. So berich­tet die Zeit­schrift »Promi-Welt«, dass die nor­we­gi­sche Kron­prin­zes­sin Mette-Marit »in einer Nacht– und Nebel-Aktion [in Indien] zwei Säug­linge aus einer Kin­der­kli­nik entführte«.

Schö­nauer und Tscher­mak stu­die­ren am Insti­tut für Jour­na­lis­tik der TU Dort­mund und betrei­ben den »Topf voll Gold« als Teil ihrer Bache­l­or­ar­beit. Im schrift­li­chen Teil wol­len sie unter ande­rem ver­glei­chen, wie sich die Zeit­schrif­ten unter­ein­an­der unter­schei­den und im Lauf der Zeit ver­än­dert haben, und fra­gen, wel­chen Ein­fluss und wel­che Funk­tion Blogs neben der her­kömm­li­chen Medi­en­kon­trolle und –kri­tik haben können.

»Vor allem aber inter­es­siert uns die Frage«, sagt Mats Schö­nauer, der auch flei­ßig fürs BILD­blog schreibt, »warum Medi­en­jour­na­lis­ten die­sen rie­si­gen Markt der Regen­bo­gen­presse zum größ­ten Teil unbe­ob­ach­tet las­sen. Das gilt inter­es­san­ter­weise auch für die Wis­sen­schaft: Es gibt kaum Lite­ra­tur und so gut wie keine For­schung zu die­sem Bereich, obwohl er — allein gemes­sen an der Auf­lage — ohne Frage von Rele­vanz ist.«

Das Blog soll die prak­ti­sche Ergän­zung dazu sein. Dort sam­meln sie auch die »Ver­ren­kun­gen der Woche« — das ist das Gegen­stück zu mei­nem »die aktuelle«-Bingo und bie­tet eben­falls die Mög­lich­keit mit­zu­ra­ten, wel­che harm­lose Nach­richt für die absurd spek­ta­ku­lä­ren Schlag­zei­len der Titel ver­ant­wort­lich ist. Das ist manch­mal amü­sant, wenn die »Neue Welt« über Schla­ger­sän­ge­rin Nicole titelt: »Knapp am Tod«, wohin­ter sich Fol­gen­des verbirgt:

Drei­mal schon ist Nicole dem Tod noch gerade so von der Schippe gesprun­gen — drei »Erleb­nisse, die einem kalte Schauer über den Rücken jagen …«

  • 1988 wollte sich Ehe­mann Win­fried unbe­dingt die Flug­schau in Ramm­stein angu­cken. »Weil seine Frau zu Hause zu lange her­um­trö­delte, wurde dar­aus nichts.«
  • 2004 plan­ten die bei­den eine Reise nach Süd­ost­asien. Exakt zu dem Zeit­punkt, als dort der Tsu­nami wütete. Das Paar »ent­schied sich dann jedoch kurz­fris­tig für Südafrika«.
  • Irgend­wann krachte mal bei einer Live­show ein schwe­res Scheinwerfer-Gestell um — »es hätte Nicole erschla­gen kön­nen, fiel aber in die andere Richtung.«

Und manch­mal von aus­ge­such­ter Eklig­keit, wenn die »Frei­zeit Monat« auf ihrem Titel alles tut, um den Ein­druck zu erwe­cken, dass Friso, der Sohn von Bea­trix, der seit einem Unfall im Koma liegt, gestor­ben sei, wenn sie in Wahr­heit nur die ange­kün­digte Abdan­kung der nie­der­län­di­schen Köni­gin meint.

»Kein Plan, wie lange wir das aus­hal­ten«, sagt Mats, »aber noch sind wir hoch­mo­ti­viert.« Ich drü­cke die Daumen.

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