Studie über Pegida-Demonstranten zeigt: Pegida-Demonstranten lehnen Teilnahme an Studie ab

15 Jan 15
15. Januar 2015

Jetzt wissen wir also, wer der „typische“ Pegida-Demonstrant ist: Er „entstammt der Mittelschicht, ist gut ausgebildet, berufstätig, verfügt über ein für sächsische Verhältnisse leicht überdurchschnittliches Nettoeinkommen, ist 48 Jahre alt, männlich, gehört keiner Konfession an, weist keine Parteiverbundenheit aus und stammt aus Dresden oder Sachsen“. Das behauptet eine Studie der Technischen Universität Dresden auf der Grundlage einer Umfrage unter Teilnehmern der Demonstrationen.

Zutreffender ist vermutlich eine andere Aussage: Der typische Pegida-Demonstrant nimmt ungern an Umfragen teil. Zwei Drittel derjenigen, die dafür angesprochen wurden, lehnten hier ab.

Nun gibt es bei solchen Umfragen immer einen Anteil von Menschen, die keine Auskünfte geben. Das ist solange kein Problem, wie man davon ausgehen kann, dass diejenigen, die an der Umfrage teilnehmen, repräsentativ sind für alle. Dass es also keinen systematischen Unterschied gibt zwischen Antwortwilligen und Antwortunwilligen.

Für einen solchen non-response bias spricht hier aber einiges. Man kann durchaus vermuten, dass zum Beispiel gerade Pegida-Teilnehmer mit extremeren Meinungen sich weigern, Auskunft zu geben. Der Ökonom Hannes Hemker schreibt im Blog „Politischer Spielraum“:

Schliesslich ist es mehr als wahrscheinlich, dass es die radikaleren zwei Drittel der Demonstranten waren, die die Umfrage mit dem „Establishment“ verweigerten – so wie sie auch regelmäßig Interviews mit der „Lügenpresse“ verweigern. Dieses Artefakt der selektiven Nichtbeantwortung erklärt wahrscheinlich auch, warum Pegida in der Umfrage demographisch so „normal“ aussieht: weil es sich bei den Befragten um das gebildete, relativ reiche, sozial relativ integrierte Drittel der Demonstranten handelt.

Das Drittel der Angesprochenen, das Auskunft gegeben hat, unterscheidet sich möglicherweise grundlegend von den zwei Dritteln, die keine Auskunft gegeben haben. Ich kann natürlich nicht beweisen, dass das stimmt. Der Punkt ist aber: Die Verantwortlichen der Studie können nicht beweisen, dass das nicht stimmt. Sie wissen nicht, ob die 35 Prozent, die mit ihnen gesprochen haben, wirklich „typische“ Pegida-Demonstranten sind.

Sie tun aber so, als ob. Und veröffentlichen unter anderem solche Diagramme:

100 Prozent sind in dieser Darstellung die 400 Menschen, die bereit waren, sich bei einer Pegida-Demonstration befragen zu lassen. Vielleicht hilft es, sich anzusehen, wie sich das Diagramm verändert hätte, wenn man die rund 800 Demonstranten, die nicht mitmachen wollten, berücksichtigen würde:

Anders gesagt: Es gibt allen Anlass, die Ergebnisse der Umfrage mit größter Vorsicht und Zurückhaltung zu interpretieren. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans Vorländer, der die Studie durchgeführt hat, tut das nicht. Er hat für die Presse eine Präsentation zusammengestellt, die den Eindruck erweckt, er könne exakte Aussagen über den „typischen“ Pegida-Demonstranten treffen (bis hin zur Angabe: „48 Jahre alt“).

Dass zwei Drittel der angesprochenen Demonstranten eine Mitwirkung ablehnten, geht aus der Präsentation nicht hervor. In der Pressemitteilung der TU Dresden wird es nur beiläufig erwähnt.

In den Medien stießen Vorländers vermeintliche Erkenntnisse auf großes Interesse — und auf wenig Lust, sie wegen ihrer beschränkten Aussagekraft zurückhaltend zu interpretieren:

Die große Zahl von angesprochenen Demonstranten, die nicht mitwirken wollte, wird in einigen Artikeln angesprochen, aber in den wenigsten problematisiert. „Spiegel Online“ immerhin äußert am Ende eines Artikels auf der Grundlage eigener Beobachtungen Zweifel:

Die Forscher hatten die Schwierigkeit, dass zwei von drei Angesprochenen ihnen keine Antwort gaben.

Macht dies ihre Ergebnisse zur Zusammensetzung der Demos weniger aussagekräftig? Zumindest als Reporter vor Ort gewinnt man den Eindruck, dass vor allem die schlechter gebildeten Pegida-Teilnehmer das Gespräch verweigern: Oft erhält man nur Antworten wie „Sie schreiben doch eh, was sie wollen“ oder „Als Journalist wissen Sie doch eh schon alles“.

Vorländer, der Leiter der Studie, hält die Zahl der Antwortverweigerer für unproblematisch. „Solche Quoten sind in der empirischen Sozialforschung normal“, sagt er auf Anfrage. Ein „Effekt der Verzerrung“ lasse sich für ihn nicht feststellen.

Die „Leipziger Volkszeitung“ gibt in ihrem Bericht eine Ahnung davon, wie außergewöhnlich die Umstände waren:

Die Studie hat aber ein Problem: Von den angesprochenen Pegida-Teilnehmern verweigerten rund 65 Prozent jede Aussage. Zudem sei den Befragern eine teils feindselige Stimmung entgegen gebracht worden. Für manche hätte die Umfrage aber auch fast eine therapeutische Wirkung gehabt. Einige hätten sich gegenüber den Wissenschaftlern ihren ganzen Frust von der Seele geredet.

Die ungewöhnliche Umfragesituation könnte die Antworten vielfältig verzerren, etwa auch, wenn die Befrager als staatlich finanzierte Wissenschaftler als Repräsentanten des „Mainstream“ wahrgenommen werden, der diese Demonstrationen täglich öffentlich verurteilt. Das würde womöglich auch erklären, warum so viele Befragte diffus eine „Unzufriedenheit mit der Politik“ nannten und sich nicht negativ über den Islam äußerten.

Man weiß es einfach nicht genau. Auch wenn eine Studie und viele Medien den gegenteiligen Eindruck erwecken.

[mit Dank an Johannes Ost für den Hinweis]

Nachtrag, 16. Januar. Die Agentur epd berichtet, dass Vorländer die Kritik an seiner Untersuchung zurückweist: „Ich habe nicht behauptet, dass die Erhebung repräsentativ im strengen Sinne des Wortes ist.“ Gleichwohl lasse die Zufallsauswahl der Befragten „einen validen Blick auf die soziodemografische Zusammensetzung und die Motivationen“ der «Pegida»-Anhänger zu:

Laut Vorländer ist ein hoher Anteil von Antwort-Verweigerern bei allen Erhebungen üblich. Bei telefonischen Umfragen etwa gebe es nur eine Beteiligung von 20 Prozent. Mit einer Erfolgsquote von 35 Prozent unter etwa 1.200 angesprochenen Personen liege die Ablehnungsquote „im erfahrungsgemäß zu erwartenden Bereich der empirischen Sozialforschung, vor allem unter den besonderen Bedingungen einer Demonstrationsversammlung“.

Vorländer betonte, dass seine Interviewer explizit darauf hingewiesen hätten, dass sie keine Medienvertreter seien. „Das erste, was die ‚Pegida‘-Anhänger wissen wollten, war, ob wir Journalisten sind. Erst als wir das verneint haben, wollten sie mit uns reden.“ Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass diejenigen, die sich nicht beteiligt haben, andere Meinungen vertreten als die Umfrageteilnehmer.

NAchtrag, 16:20 Uhr. Vorländer äußert sich auch im Interview mit wiwo.de.

Die „Tagesschau“. Wo man schöne Inszenierungen nicht blöd hinterfragt.

14 Jan 15
14. Januar 2015

Vielleicht könnte die „Tagesschau“ jemand anderes finden, der öffentlich auf Kritik an ihrer Arbeit reagiert? Jemanden, für den eine „Diskussion“ etwas anderes ist als eine Ansprache, der ein irgendwie ausgleichendes Wesen hat und womöglich sogar noch ein Bewusstsein dafür, dass er von uns Zuschauern bezahlt wird? Jemanden, der nicht alles noch schlimmer macht? Kurz gesagt, jemand anderes als Kai Gniffke?

Es gibt ja gerade ein bisschen Aufregung um die Bilder von den Staats– und Regierungschefs beim großen „Republikanischen Marsch“ in Paris am vergangenen Sonntag. „Le Monde“ berichtete, dass die gar nicht in dem Sinne den Zug anführten, wie man es aufgrund der Berichte in den Nachrichtensendungen und der Fotos in den Zeitungen glauben mochte. Sie waren nicht wirklich Teil der Menschenmenge; vor und hinter ihnen war die Straße offenbar abgesperrt. Die „taz“ und „Spiegel Online“ meldeten sogar, dass es sich um eine „einsame Nebenstraße“ gehandelt habe.

Ich kann verstehen, dass Menschen das ärgert, wenn sie das erfahren. Wenn sie Grund haben anzunehmen, dass Journalisten ihnen etwas vormachen und Komplizen bei einer Inszenierung sind, anstatt diese Inszenierung kenntlich zu machen. Natürlich ist jede Auswahl eines Fotos oder eines Filmausschnittes eine subjektive Entscheidung. Es ist aber nicht die Aufgabe von Journalisten, den Aufmarsch von mehreren Dutzend Staats– und Regierungschefs durch eine geschickte Wahl der Perspektive besonders eindrucksvoll wirken zu lassen.

Die Chefredakteurin der „taz“, Ines Pohl, verknüpfte diesen Fall mit der heutigen Kür des Begriffs von der „Lügenpresse“ zum „Unwort des Jahres“. Sie sagte: „Leider belegt der Umgang mit den Bildern des Pariser Marsches der Mächtigen, dass das Wort ‚Lügenpresse‘ nicht nur ein Hirngespinst der Pegida-Anhänger ist, sondern dass die Wirkung der Bilder — übrigens auch für deutsche Medienmacher — manchmal wichtiger ist als die Dokumentation der Realität.“

Das hat bei ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke eine Halsschlagader platzen lassen. Im „Tagesschau“-Blog schreibt er:

Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wieder richtig auf die Fresse bekomme: Mir langt’s.

Der Vorwurf der Inszenierung sei eine „wilde Verschwörungstheorie“ und „kompletter Unfug“.

Er wirft dann mehrere Nebelkerzen und stellte fest, dass es „immer eine Inszenierung“ sei, wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, dass die französische Polizei ihren „Job verfehlt“ hätte, wenn sie die Politiker nicht von den anderen Menschen abgetrennt hätte (was kaum jemand ernstlich bestreitet), und dass, „sorry“, Kameraleute und Fotografen eben nicht immer einen Hubwagen zur Hand hätten. Und nach einem rätselhaften Einschub — „bei aller Selbstkritik“ — beklagt er sich schließlich darüber, dass solche Kritiker seine sensiblen Kollegen ganz kirre machten:

Ich wehre mich dagegen, über jedes Stöckchen zu springen, dass uns Verschwörungstheoretiker hinhalten. Denn sonst sickert noch viel mehr des Giftes der Furcht in unseren Berufsstand ein. Denn diese Diskussionen hinterlassen Spuren in den Redaktionen. Statt unser Bewusstsein für Qualitätsjournalismus zu schärfen, sind sie dazu angetan Redaktionen zu verunsichern.

Mit keinem Wort geht er auf die zentrale Frage ein, warum „Tagesschau“ oder „Tagesthemen“ nicht — und sei es noch so beiläufig, durch einen Halbsatz oder einen Kameraschwenk — deutlich machten, dass die Politiker in einem gehörigen Sicherheitsabstand vom eigentlichen Marsch ein kleines Stück für die Fotografen liefen. Warum seine Redaktion die Menschen nicht in einer Weise informiert hat, die verhindert hätte, dass offenbar eine erhebliche Zahl von ihnen, inklusive mehrerer Zeitungsredaktionen, sich in die Irre geführt fühlten, als sie später das Szenario aus anderer Perspektive sahen. Warum ARD und ZDF mit ihren Formulierungen den Eindruck erweckten, die Politiker hätten sich unter die Massen gemischt und „Seite an Seite“ mit dem Volk demonstriert.

Natürlich ist der Vorwurf einer „Verschwörung“ absurd, wenn etwa das Erste selbst am Nachmittag in seiner Live-Übertragung auch gezeigt hat, wie die Politiker getrennt vom Rest der Menschenmenge liefen. Aber deshalb ist doch nicht die Kritik an den Medien absurd, die in ihren Nachrichten und Fotos einen gegenteiligen Eindruck erweckt haben. Deshalb ist doch nicht die Frage unberechtigt, ob unter anderem die „Tagesschau“ ihren Zuschauern nicht diese Information hätte mitliefern sollen.

Ja, Herr Gniffke, fast alles ist Inszenierung. Und je häufiger Medien in einer Welt, in der das Publikum skeptisch geworden ist und sich aus ungezählten anderen Quellen informieren kann, diese Inszenierungen kenntlich machen, indem sie einfach mal einen Schritt zurücktreten, aufzoomen, zur Seite schwenken, umso größer ist ihre Chance, auch in Zukunft noch als glaubwürdig zu gelten. Wir brauchen viel, viel mehr Dekonstruktionen der Inszenierungen und Scheinwirklichkeiten. Dass Gniffke das nicht nur nicht versteht, sondern auch noch zurückpöbelt, lässt für die „Tagesschau“ das Schlimmste befürchten.

Wenn er weniger wütend gewesen wäre, hätte er es vielleicht geschafft, einen Teil der Kritik sachlich zu entkräften. Die Aufnahmen entstanden nämlich nicht in einer einsamen Seitenstraße, sondern durchaus auf der Strecke, die auch für den Trauermarsch genutzt wurde: auf dem Boulevard Voltaire. Insofern ist die Aussage nicht ganz falsch, dass die Politiker den „Republikanischen Marsch“ anführten — nur halt mit erheblichem Abstand.

Davon liest man bei Gniffke allerdings nichts. Stattdessen appelliert er:

Halten wir es doch einfach mal aus, dass es eine große Geste von Millionen von Menschen und zahlreichen Politikern gab, an der nichts auszusetzen ist.

Andere Journalisten hatten durchaus eine Menge an dieser „großen Geste“ auszusetzen, und das kann man mögen oder lästig finden, aber das gehört durchaus zur Aufgabe eines Journalisten, ein schönes, gefühliges, scheinbar stimmiges Bild zu stören. Es spricht Bände über das Selbstverständnis des Chefredakteurs von ARD-aktuell, dass er lieber die perfekte Inszenierung bewahren will, den Schein, das gute Gefühl: Halten wir das doch einfach mal aus.

Nachtrag, 14. Januar, 18:10 Uhr. Kai Gniffke hat im „Tagesschau“-Blog einen im Ton versöhnlichen Nachtrag veröffentlicht.

Super-Symbolfoto (109)

13 Jan 15
13. Januar 2015

Mal abgesehen von allem anderen: Kann mir jemand die Symbolik erklären? (Wenn’s geht, unter Berücksichtigung der Haie.)

Best of Vorgestern: Die schnellste langsamste Show bei RTL

von Boris Rosenkranz
13 Jan 15
13. Januar 2015

Mag sein, dass diese RTL-Sendung auf eine Art clever ist oder zumindest clever gemacht, wie Kollege Niggemeier sagt. Clever, weil sie die „Buzzfeedisierung des Fernsehens“ sei und mit all ihren Mini-Hitlisten das biete, womit „Buzzfeed“ zumindest im Netz und bei Teenagern supergut ankommt: kurze, schnell zu konsumierende Häppchen. Das ist Internetlogik im linearen Fernsehen.

Titel "Best of...! Deutschlands schnellste Rankingsshow" Screenshot (RTL)

Doch, ja, clever ist das – aber allenfalls aus Sendersicht. Weil so ein Format günstig ist. Es braucht lediglich einen Autoren, der Archiv und Internet bedienen kann, einen Cutter und einen Off-Sprecher. Kein Studio. Keinen Moderator. Nix weiter. Und fertig ist „Best of…! Deutschlands schnellste Rankingshow“, die vergangenen Sonnabend erstmals am frühen Abend lief und von der RTL meint:

Wenn Sie diese Sendung gesehen haben, können Sie wirklich mitreden.

Das ist lustig. Und Quark. Denn diese Sendung ist nicht schnell, wie es im Titel heißt; und sie erzählt nicht die „47 besten Geschichten der Woche“, wie der Off-Text flunkert. „Best of…!“ ist ein Mischmasch aus Herzschmerz-Sendung, Promi-Show, Tier-Doku, Ratgeber, Wetterbericht, ausgedachten Facebook-Postings von Stars, die sich irgendwer bei RTL für 2015 wünscht, und natürlich Crosspromotion für „Deutschland sucht den Superstar“ und „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“.

Manches davon ist tatsächlich aktuell, etliche der Geschichten aber, die da in irgendeiner Hitliste auf irgendeinem (redaktionell auserkorenen) Platz landen, sind alt, manche steinalt, und ein Video, das RTL als Wochen-Knaller verkauft, gab es schon, da quietschrauschten einige Leute noch mit Modem durchs Internet.

Beispiele gefällig? Gerne.

Die Motorradfahrerin, die hinter Leuten herfährt, die Müll aus dem Autofenster werfen? Das Youtube-Video dazu ist vom 15.9.2014. Das Model, das mit dem Kopf gegen den Außenspiegel eine Reisebusses knallt? War bereits Anfang Mai 2014 lustig. Und zu dem Hund, der einem Extremsportler zugelaufen ist und ihm nicht mehr von der Seite weicht, titelte die NZZ am 22.11.2014:

Screenshot NZZ 22.11.2014

Nur anderthalb Monate später ist also auch RTL auf den Hund gekommen, was noch mal lustiger ist, wenn in derselben Sendung über den russischen Armee-Chor geunkt wird, dieser habe „erst jetzt“ eine Version des Vorjahres-Hits „Happy“ eingesungen. Off-Text RTL: „Meine Güte, die verschlafen echt alles.“

(Ach ja, die Geschichte des Studenten, der 130 Pfund abnimmt und dann seine Eltern überrascht, ist zwar neu auch nicht neu, und der Student heißt nicht „Lukas Irving“, sondern „Lucas Irwin“; und die Zwillingsschwestern, die aufgrund einer Essstörung angeblich Kerzen und Bücher verzehren, heißen nicht „Adele und Anita Murphy“, sondern „Adele Murphy“ und „Anita Smith“. Aber das nur nebenbei.)

Hatten wir auf der Liste der ältesten Geschichten eigentlich schon die ersten drei Plätze vergeben? Nein? Oh. Dann schnell jetzt:

Platz 3

Der Typ, der eine Arschbombe in den vereisten Swimmingpool macht und böse aufknallt, weil das Eis nicht bricht. Ist offenbar von 2012.

Platz 2

Der Fuchs, der kopfüber in den Tiefschnee taucht, auf der Suche nach Essen. Lief mal im WDR Fernsehen, bei Youtube ist der Ausschnitt auf 2009 datiert. Das WDR-Logo ist bei RTL noch zu erahnen.

Platz 1

Ungeschlagener Spitzenreiter. Der Werbespot, in dem sich ein Auto gemächlich durch eine malerische Landschaft schiebt, als plötzlich ein schreiendes Monster ins Bild springt – dieser Spot ist von 2004, also elf Jahre alt, Werbung für Kaffee, und wer ein Mal im Internet war, ist da mindestens drei Mal drüber gestolpert.

Screenshot Werbespot "K-fee" (2004)

Kein Wunder, dass der Start für RTL eher mäßig ausgefallen ist. Wenn man der Quote glaubt, haben rund 810.000 Menschen zugesehen, ein Marktanteil von 12,3 Prozent. Andererseits könnte man, wenn man es gesehen hat, auch sagen: immerhin waren es 810.000 Menschen. Zumal der Sendetag undankbar war, nur Stunden nach den Terror-Morden in Paris.

Dass die mit keinem Wort erwähnt werden, ist jetzt nicht per se schlimm, weil nicht zwangsläufig jede (Unterhaltungs-)Sendung über die Attentate in Frankreich berichten muss. Wenn eine Sendung aber „Deutschlands schnellste Rankingshow“ sein will, mit Themen, über die gerade alle reden, und wenn diese Sendung obendrein eine Rubrik hat, die den Titel trägt: „Sechs Personen, die diese Woche einen Orden verdient hätten“ – na, wer fiele Ihnen da gerade so ein?

Nee, falsch.

RTL schlägt unter anderem vor, einen Orden an ein kanadisches Pärchen zu verleihen, das sich gerade ein Auto gekauft hat. Weil es die Luxus-Reise nach Hawaii, die es zu dem Auto geschenkt bekommen hat, nun – wow! – selbst verschenken will. (Wo man sich, laut RTL, zwinker, noch bewerben kann. Bis Donnerstag. Falls man zufällig in Alberta, Kanada lebt. Und „liebevoll“ ist.)

Naja, da ist es irgendwie folgerichtig, dass RTL im Mini-Ranking „6 Personen, die diese Woche besser im Bett geblieben wären“ den britischen Prinz Andrew auf den ersten Platz wählt, weil der gerade verdächtigt wird, eine Minderjährige missbraucht zu haben. Sie verstehen, ja? Missbrauch. Bett. Liegen bleiben. Haha.

Würde diese Sendung tatsächlich schnell und aktuell sein; wäre sie bissig, witzig, etwas klüger; und würde sie sich so etwas Skurriles wie Haltung zutrauen – dann könnte das unter Umständen sehr unterhaltsam sein. Ein Mal wagen sie es, etwas Haltung an den Tag zu legen und wählen die Kölner Anti-Pegida-Demo auf Platz 1 der Ordenswürdigen. Das war’s. Und die nächste „Best of…!“-Folge, die kommenden Sonnabend läuft, ist wahrscheinlich so schnell, dass sie jetzt schon fertig ist.

Korrektur, 14.1.2015. Die Geschichte des Studenten, der so viel abgenommen hat, ist auch nicht neu; sie lief anderswo bereits Anfang 2014. Ich habe das im Text korrigiert. (Danke für den Hinweis in den Kommentaren.) Die „Bravo“ hat die alte Geschichte übrigens Anfang Januar 2015 einfach auch noch mal gebracht.

Breaking News: Merkel sagt zum 5. Mal, dass der Islam zu Deutschland gehört

12 Jan 15
12. Januar 2015

„Spiegel Online“ macht gerade mit der Nachricht auf, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel sich den Worten des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff angeschlossen habe: Der Islam gehöre zu Deutschland. Auch die meisten anderen großen Online-Medien vermelden das groß und prominent als Neuigkeit. Die Nachrichtenagenturen haben entsprechend berichtet.

Das ist verblüffend, denn Merkel hat sich Wulffs Aussage schon kurz nach seiner berühmten Rede im Oktober 2010 zu eigen gemacht. Und seitdem immer wieder.

2010:

2011:

2012:

2014:

Natürlich ist es eine Nachricht, wenn Merkel auch und gerade in der aktuellen Debatte nach den Anschlägen von Paris diesen Satz wiederholt und damit ein politisches Zeichen setzt. Aber das ist eine ganz andere Nachricht als die, die gerade auf den meisten Nachrichtenseiten steht und so tut, als habe Merkel etwas getan, was sie vorher noch nicht getan hat.

Müsste man nicht erwarten können, dass politische Journalisten wissen, dass Merkels Satz keine Premiere ist, und das entsprechend einordnen?

[Disclaimer: Ich habe jetzt nicht nachgeschaut, ob es wirklich erst das fünfte Mal war.]

Nachtrag, 22:40. Auf tagesschau.de ist aus der Formulierung „Kanzlerin Merkel hat sich das bekannteste Zitat von Ex-Präsident Wulff zu Eigen gemacht“ nun „… erneut zu Eigen gemacht“ geworden.

Nachtrag, 13. Januar. Die Tageszeitungen von heute: