Wer hat’s erfunden? (2)

10 Mrz 08
10. März 2008

Zu meinem Beitrag über den wenig einfallsreichen Claim von Roger Schawinskis neuem Radiosender erreicht mich die folgende Leserzuschrift von Roger Schawinski:

1. Der Name Radio 1 (oder RadioEins) ist keine Erfindung des RBB. Seit vielen Jahren sendet Radio One der BBC. Auch in anderen Städten der Welt gibt es Radios mit diesem Namen. Grund: Es ist der einfachste Namen für ein Radiosender, der keine weiteren Erklärungen mehr braucht.

2. Der Claim „Nur für Erwachsene“ hat mich tatsächlich fasziniert. Ich halte ihn für genial, unvergleichlich viel besser als die Claims der privaten Sender mit dem Hinweis auf „den besten Mix“ und ähnliches. Obwohl er für die Schweiz nicht geschützt ist, habe ich mich beim RBB erkundigt, ob ich ihn für das Gebiet der Schweiz kaufen kann. Der frühere Chef und Gründer von RadioEins, Helmut Lehnert, der diesen Claim erfunden hat, hat mir in einem Gespräch mitgeteilt, dass er sich beim RBB erkundigen werde. Anschliessend erhielt ich von ihm eine Mail, in der er mir mitteilte, dass ich ihn frei nutzen könne, und zwar – Zitat – „als Geschenk des Hauses.“ Insofern habe ich mich also absolut korrekt verhalten, finde ich. In all meinen öffentlichen Erklärungen habe ich immer darauf hingewiesen, dass ich diesen Claim nicht erfunden, sondern vom Berliner Sender übernommen habe. In keiner Phase habe ich mich mit fremden Federn geschmückt.

3. Radio 1 wird in Sachen Musik ein völlig anderes Programm anbieten also RadioEins Berlin. Das ist ein wichtiges Unterscheidungskriterium. Hingegen habe ich beider Firma Apparat die Rechte für die Popsplits erworben, die RadioEins seit Jahren ausstrahlt, und zwar für die gesamte Schweiz. Diese Rechte gehören dieser Firma und nicht RadioEins. Es ist also eine Form von Franchising, nicht ganz unüblich bei den elektronischen Medien. Dies nur als Hinweis, damit mir nicht unterstellt wird, ich habe auch in diesem Bereich abgekupfert.

4. Radio 1 ist im Gegensatz zu RadioEins ein privates Radio. Trotzdem habe ich dem RBB eine Zusammenarbeit angeboten. Es erschien mir reizvoll, das spannendste Radio von Berlin mit dem hoffentlich spannendsten Radio von Zürich in eine für beide Seiten sinnvolle Beziehung zu bringen. Der RBB hat dies jedoch abgelehnt.

5. Ich bin der Meinung, dass die privaten Radio sowohl in der Schweiz wie in Deutschland durch das Formatkonzept beschädigt worden sind, welches ihnen in den letzten Jahren durch Berater überall verordnet worden ist. Radio 1 möchte zu den alten Tugenden des Privatradios zurückfinden, welche ich als erster im deutschsprachigen Raum bereits 1979 eingeführt habe.

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Das ist keine Gegendarstellung, und Herr Schawinski hat auch nicht von mir verlangt, dass ich diese Anmerkungen veröffentliche — es aber erlaubt.)

Kurz verlinkt (15)

08 Mrz 08
8. März 2008

Johnny Haeusler im Spreeblick über Kommentare, allgemein:

(…) obwohl ich gelernt habe, Trolls zu ignorieren, Rassisten zu löschen und auf Unterstellungen oder Lügen möglichst nicht zu reagieren, bleibt nicht nur für den oder die Betreiber eines Blogs oft ein bitterer Beigeschmack und ein Verlust an Spaß übrig, wenn auf einen längeren Artikel persönliche Anfeindungen gegen den Autor, andere Leser oder Dritte in den Kommentaren stattfinden.

(…) Der Ton mancher Kommentare, die Art der Auseinandersetzung, wie sie teilweise in Blogs geführt wird, scheint zu einem Blog-Image zu führen, das dem Medium nicht gerecht wird und das vielleicht potentielle Leser abschreckt und somit ein Wachstum der Blogosphäre verhindert.

Und Anke Gröner über die Kommentare hier, konkret.

Monster, unautorisiert

08 Mrz 08
8. März 2008

Gestern ist eine Beraterin von Barack Obama zurückgetreten, die Hillary Clinton in einem Interview ein „Monster“ genannt hatte. Samantha Power hatte unmittelbar hinzugefügt, die Bemerkung sei „off the records“, also nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Kritiker warfen der britischen Zeitung „The Scotsman“, die das Interview führte, deshalb vor, sie hätte das Zitat nicht verwenden dürfen. Der „Scotsman“ dagegen betont, es sei vereinbart gewesen, das Interview „on the record“ zu führen — was der Gesprächspartner dann sagt, dürfe auch veröffentlicht werden; ein nachträgliches Zurückziehen gebe es nicht.

In Deutschland ist es immer noch die Regel, dass alle Interviews nachträglich autorisiert werden. Wenn ein Interviewpartner (oder sein Pressesprecher) hinterher pointierte Bemerkungen und offenherzige Kommentare bereut, kann er sie in aller Regel und Ruhe nachträglich revidieren. Was Frau Power wirklich von Frau Clinton hält, hätte bei einem deutschen Printmedium vermutlich niemand je erfahren.

Andererseits kam auch die neue weiche Linie von Kurt Beck gegenüber der Linkspartei im Westen offenbar dadurch an die Öffentlichkeit, dass ein Journalist der „Neuen Presse“ gegen die Gepflogenheit aus einem Hintergrundgespräch mit dem SPD-Chef berichtete und die vereinbarte Vertraulichkeit brach.

Der „Monster“-Fall beschäftigte auch den konservativen amerikanischen Fernsehmoderator Tucker Carlson (mit dem sich der Komiker und Medienkritiker Jon Stewart vor Jahren eine denkwürdige Auseinandersetzung lieferte). In seiner MSNBC-Show „Tucker“ stellte Carlson die britische Journalistin zur Rede, die das Interview mit Samantha Power geführt hatte, und schuf einen dieser Fernsehmomente, die so schrecklich sind, dass man weder hin- noch wegsehen kann:

(„Acquiescent“ heißt übrigens „fügsam“ oder „ergeben“.)

Es lohnt, sich auf MSNBC.com auch einen längeren Ausschnitt aus der „Tucker“-Sendung anzusehen. Carson scheint ein größeres Problem mit britischen Medien zu haben — und schon den Gebrauch der Landesbezeichnung „United Kingdom“ für exzentrisch zu halten.

(via Huffington Post)

Nachtrag: Einige lesenswerte Gedanken zur „off the record“-Praxis stehen im Time-Blog von James Poniewozik.

Wer hat’s erfunden?

07 Mrz 08
7. März 2008

Seit Roger Schawinski nicht mehr Sat.1-Chef ist, kennt er sich mit dem Fernsehen aus. Kaum eine Woche vergeht, in der er seinen unfähigen Nachfolgern und ehemaligen Konkurrenten in Aufsätzen, Interviews und Büchern nicht erklärt, was sie alles falsch machen. Kurz gesagt: Sie kopieren zuviel und sind zu wenig kreativ.

Roger Schawinski ist nach seinem Abschied von Berlin zurückgegangen in die Schweiz. Dort hat er den Radiosender „Radio Tropic“ übernommen. In zehn Tagen soll er runderneuert als angeblich erstes privates Programm für 30- bis 60-Jährige in der Schweiz den Regelbetrieb aufnehmen.

Roger Schawinski hat seinen Sender „Radio 1“ genannt. Und ein guter Slogan ist ihm auch eingefallen:

[audio:http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wp-content/radio1b.mp3] [audio:http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wp-content/radio1.mp3]

Ja. Darauf muss man erst einmal kommen.

Googlelos

06 Mrz 08
6. März 2008

Ich gehöre zu den (offensichtlich zahlreichen) Leuten, bei denen Google seit rund einer Stunde nicht erreichbar ist. Und wenn ich „Google“ sage, meine ich nicht nur die Suchmaschine, bei der ich im Fall ihrer Nicht-Erreichbarkeit nach Ersatz-Suchmaschinen suchen würde. Ich meine auch den Feedreader meiner Wahl. Und, vor allem: das Mailprogramm meiner Wahl.

Gut, ich wusste immer schon, dass ich von Google abhängiger bin, als gut sein kann. Aber ich hatte immer gedacht, das würde sich in einer Form rächen, dass meine Mails oder die systematische Auswertung meiner Suchanfragen der letzten zehn Jahre an den Meistbietenden versteigert würden. Nicht, dass Google mich einfach eines Tages ausschließen würde.

Das Gefühl ist schlimm. So kündigt sich in unseren Zeiten die Apokalypse an: „Google ist down“. Der Anfang vom Ende. Beunruhigende Gedanken: …soeben ist nun auch in den südlichen Server ein Flugzeug gestürzt…

Dazu die Unfähigkeit, die Tatsache zu akzeptieren, den Computer auszumachen und, sagen wir, das Eisfach abzutauen. Nein. F5. Geht es, wenn ich google.fr eingebe? Nix. Google News? Nix. Google Reader? Nix. Hängt YouTube auch? YouTube hängt auch. Sogar die Google-Ads werden nicht angezeigt. Nochmal nach was suchen. F5. Escape. F5. Ins Postfach gucken. Geht nicht. Jetzt? Jetzt? Jetzt? Jetzt? Jetzt?

Jetzt?

Nachtrag, 17.31 Uhr: Jetzt.