Was geschah wirklich mit Klemen Lavric?

31 Aug 07
31. August 2007

[Warnung: Dieser Eintrag ist vollständig frei von Relevanz.]

Ich bin gerne BILDblogger. Es macht mir Spaß, den Leser-Hinweisen nachzugehen, nach Wegen zu suchen, einer Sache auf den Grund zu gehen, mich in eine fremde Materie einzuarbeiten.

Aber gelegentlich verheddere ich mich in irgendeiner kleinen Recherche und stehe am Ende ratlos vor der Frage: Was mache ich hier eigentlich?

Das hier ist so ein Fall. Gestern machte uns ein Leser auf ein Zitat aufmerksam. Der Duisburger Stürmer Klemen Lavric soll laut „Bild“ gesagt haben: „Als das Angebot von Real Madrid auf dem Tisch lag, hat [Vereinspräsident] Hellmich mich gebeten zu bleiben, um den Aufstieg zu schaffen.“ Der Leser wies darauf hin, dass sich das mit dem Angebot aus Madrid für den Stürmer aus Duisburg schon vor Monaten als Ente entpuppt hätte und schickte einen entsprechenden Link mit, hinter dem es unmissverständlich hieß:

„Das Satire-Magazin ‚Titanic‘ hat sich den Spass erlaubt, und einen eigenen Spielervermittler zu den Zebras geschickt. Der Präsident des MSV Duisburg, Walter Hellmich, war sehr geehrt von dem Angebot, auch wenn er sich in der Öffentlichtkeit sehr zierte, Lavric die Freigabe zu erteilen. Doch dieses Problem hat er jetzt nicht mehr…das Titanic-Magazin hat nämlich bekannt gegeben, dass die ganze Geschichte auf Ihren Mist gewachsen ist.“

Eine Google-Suche nach „Titanic“ und „Lavric“ ergab Dutzende Treffer ähnlichen Inhalts. Selbst in Lavrics Wikipedia-Eintrag fand sich die Episode, sogar mit genauem Datum des „Titanic“-Geständnisses.

Schien also eine klare Sache zu sein, man müsste also nur noch rausfinden, ob Lavric das erfolgreich verdrängt hat oder, höhö, die „Bild“ verspätet nochmal auf die „Titanic“ reingefallen ist.

Ein bisschen komisch war allerdings, dass sich im Netz keine Spuren fanden von einem „Titanic“-Artikel, der den ganzen Fall noch einmal aufbereitet hätte. Auf meine Bitte an die „Titanic“, mir das Stück mal zuzuschicken, bekam ich ein lapidares „nee, warn wir nicht!“ zur Antwort. Der Kollege blieb dabei, als ich das nicht glauben wollte, und fügte nur hinzu: „Es sei denn, Martin Sonneborn, der ja in der Beziehung stets verdächtigt wird, hat das aus Jux einfach zugegeben.“ Auch Martin Sonneborn beteuerte aber auf Nachfrage, weder mit dem vermeintlichen Scherz noch mit seiner vermeintlichen Bestätigung etwas zu tun zu haben.

Aber wie kommt die Behauptung in die Welt? Die meisten Foren geben als Quelle einen Artikel von sport1.de an, den es nicht mehr gibt. In der Wikipedia ist der Verweis auf die „Titanic“ am 20. Februar eingefügt worden, einen Tag, nach dem sie angeblich gestanden hat. Als Beleg ist dort ein Eintrag bei transfermarkt.de angegeben, der nennt wiederum eine(n) „Manu Shareghi“ als Quelle. Wer das ist, weiß ich nicht — der Name taucht fast ausschließlich in Fußballforen als Quelle für irgendwelche Gerüchte auf. Und einen anderen Ursprung der Meldung vom „Titanic“-Bekenntnis habe ich nicht gefunden.

Wer denkt sich sowas aus? Oder verarscht mich die „Titanic“? Wenn nicht, wer steckte wirklich hinter dem Angebot an Lavric? Doch Real Madrid? Aber die haben dementiert. Gab es gar kein Angebot? Aber wovon redete Lavric dann gegenüber „Bild“? Und wen interessiert das? MSV-Duisburg-Fans? „Titanic“-Leser? BILDblog-Abonnenten? Sie?

Bis gestern wusste ich nicht einmal, dass es einen Spieler namens Klemen Lavric gibt. Und heute wühle ich mich durch Versionsunterschiede seines Wikipedia-Eintrages, um herauszufinden, wie die (vermutlich falsche) Erklärung für ein (womöglich nie vorhandenes) Angebot von Real Madrid in die Welt kam. Das ist sehr merkwürdig. Aber so wenig mich dieser Spieler interessiert, so faszinierend finde ich es, wie sehr dieses Gerücht mit der „Titanic“ im Netz zur Wahrheit geworden ist. Noch dazu, weil es mit dem Unterton verbreitet wird: „Glaubt nicht jedes absurde Gerücht.“

Trotzdem. Manchmal frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich?

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Programmänderung

29 Aug 07
29. August 2007

Es hat sich da offenbar bei der Diskussion „Von der Edelfeder zum Contentlieferanten? — Printmedien im Wandel“ am 11. September eine kleine Veränderung ergeben:

Vorher:

Jetzt:

Es heißt, der Kommunikationschefin der Axel Springer AG, Edda Fels, sei es trotz besten Bemühens auch leider nicht gelungen, im Haus einen Ersatz für Christoph Keese zu finden.

Wenn er eh nicht kommt, gibt mir das einen Vorwand, auf der Geschichte rumzureiten, die der Branchendienst „Kontakter“ vor gut drei Wochen nebenbei erwähnt hat. Er berichtete, dass ein Portrait Keeses, das Thomas Delekat 2002 für die „Welt“ über den damaligen Chef der „Financial Times Deutschland“ geschrieben hatte, irgendwann aus dem internen Springer-Archiv entfernt worden sei.

Ich habe leider keinen Zugriff auf das interne Springer-Archiv, aber im Online-Archiv der „Welt“ lässt sich der Artikel auch nicht finden. Und wer immer ihn gelöscht hat — er hat ganze Arbeit geleistet: Im Ganzseitenarchiv der „Welt“ fehlt am 8. Juli 2002 die Seite 30 — das war die Medienseite, auf das Porträt stand, gleich über dem Fernsehprogramm, das auch gelöscht wurde, aber wohl niemand vermisst.

Dabei scheint dem sorgfältig entfernten Artikel objektiv Brisanz zu fehlen. Er ist keine Hinrichtung. Er beschreibt Keeses Erfolge, aber auch — mit amüsierter Distanz — sein Machtgehabe und seine Eitelkeit. Delekat erwähnt Keeses demonstrative Begeisterung für Hamlet und für Vito Corleone, den Paten aus „Der Pate“, dem er eine Seite in der „FTD“ gewidmet habe, um den Lesern die elf mafiosen Prinzipien des Machterwerbs und des Machterhalts zu erklärten (Punkt 10: „Macht schwindet schleichend. Wehre dich gegen kleine Niederlagen, denn sie haben große Auswirkungen.“)

Delekat schrieb:

(…) Keese ist 38, ein Jungmanager in unverwüstlich aufgeräumter Stimmung, einer von der Sorte mit überschüssigem Elan. Jeden Tag beschließt er mit der Enttäuschung, den Terminkalender schon um 24 Uhr beenden zu müssen. (…)

Nur die Wirtschaft, das findet er, kann seiner Schaulust auf das Dramatische im Leben genügen: Kampf, Einsamkeit, Gewinn und Verlust. Im letzten halben Jahr, sagt Keese, habe er fast alle Vorstandschefs der Dax– Liste besucht. Die seien zwar Journalisten gewohnt. Aber bei ihm muss es außerordentlich gewesen sein: „Die sind begeistert, wenn sie jemanden haben, mit dem sie auf Augenhöhe reden können.“

Es stimmt, sagt Keese, es duzt sich jeder in der Redaktion. Ein ehrliches „Du“, behauptet der Chefredakteur, und tatsächlich gibt es dafür eine Erklärung: Er habe sich sämtliche 150 Mitarbeiter im persönlichen Examen vorgeknöpft, „mit Röntgenblick“ durchschaut, seinen Instinkt zugeschaltet, seinem persönlichen Geschmack freien Lauf gelassen und dann über eine Einstellung entschieden. Es ist sein Team, auf Keese eingestimmt, abgestimmt. Wenn die Redaktion ein Sandkasten wäre: Keese hätte das Monopol auf die Förmchen. (…)

Ich habe nicht nachgefragt bei Christoph Keese oder Springer, was hinter der Löschung dieses Artikels stand (und von wem sie veranlasst wurde und wann). Ich hätte vermutlich auch keine Antwort bekommen. Mein letzter Kontakt mit Herrn Keese war Anfang des Jahres im Zusammenhang mit dieser Geschichte, und nach einer (zugegeben: sehr verärgerten und unfreundlichen) Mail von mir, antwortete er, er habe genug von meinen „impertinenten Unterstellungen“ und „selbstgerechten Vorwürfen“ und wünsche keine weitere Kommunikation.

Wäre interessant geworden, am 11. September. Wird’s aber bestimmt trotzdem. (Anmeldung hier.)

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Super-Symbolfotos (24)

27 Aug 07
27. August 2007

Aus der „B.Z.“ vom 16.08.:

Sicher, der diensthabende Redakteur hätte kurz stutzig werden können, dass sich bei dieser Landmine Höhen und Tiefen regulieren lassen und es eine Anschlussmöglichkeit für den „Mix“ mit, äh, anderen Landminen gibt. Andererseits ist das Ding ja wohl klar und deutlich als „Landmine“ beschriftet. Was soll es sonst schon sein? Etwa ein Gitarreneffektgerät?

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Möchten Sie jemanden anrufen?

27 Aug 07
27. August 2007

Am Samstagmorgen gab es für Journalisten zwei Möglichkeiten, sich über die neuen Spielregeln von „Wer wird Millionär?“ zu informieren. Sie konnten entweder eine (fehlerhafte) Meldung der „Bild“-Zeitung übernehmen. Oder die Angaben von der offiziellen Homepage der Sendung abschreiben. (Die dritte Möglichkeit, ein kurzer Anruf bei der auch am Samstag besetzten RTL-Pressestelle, lassen wir aus Gründen des Realismus einfach mal weg.)

Und nun kann man es schon einigermaßen bekloppt finden, dass sich die Nachrichtenagenturen AP und ddp für die „Bild“-Variante entschieden haben. Und dass AP auch am Sonntagvormittag noch einmal als „Wochenendzusammenfassung“ die von „Bild“ übernommene falsche Beschreibung des neuen „Risiko“-Jokers verbreitete, obwohl sich zu diesem Zeitpunkt sogar bild.de schon korrigiert hatte. Und dass AP es nicht übers Herz brachte, in der Korrektur dieser Meldung am Sonntagnachmittag das Wort „Korrektur“ unterzubringen, sondern sie als „zweite Zusammenfassung“ verbrämte.

Aber es kommt noch besser. Raten Sie mal, wer sich ebenfalls nicht auf die richtigen Angaben von RTL, sondern auf die fehlerhaften von „Bild“ und AP verließ:

(Inzwischen ist der entsprechende Artikel bei rtlaktuell.de verschwunden.)

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Tim Mälzer

26 Aug 07
26. August 2007

Ich mag Tim Mälzer. Ich mag, wie er ein großer Junge geblieben zu sein scheint, für den die Medienöffentlichkeit und eine große Bühne eigentlich kein natürlicher Lebensraum ist. Ich mag seine schnoddrige Art, die nicht routiniert und kalkuliert wirkt wie bei Oliver Geißen. Ich mag, wie er sich immer noch in den Routinefloskeln des Fernsehens verheddert, wenn er zum Beispiel nicht weiß, ob er sich herzlich für den Beifall oder für den herzlichen Beifall bedanken soll und dann im Zweifel beides tut. Und aus unerfindlichen Gründen mag ich auch, dass er zwar irgendwie ein großer Koch ist, ihm aber nie mehr als sechs der sieben Standard-Kräuter einer Frankfurter Grünen Soße gleichzeitig einfallen und ihm die genaue Silbenfolge des Wortes „Pimpinelle“ nicht eingängig ist.

Man müsste Tim Mälzer nur irgendwo hinstellen und kochen und quasseln lassen, und es wäre ein Vergnügen zuzusehen. Aber das macht er ja nun auch schon seit ein paar Jahren erfolgreich, und deshalb hat er seit dieser Woche eine große Abendshow auf Vox, die sich nicht mehr auf seine natürlichen Talente verlässt, sondern wirkt, als hätten ihre Entwickler dauernd gezweifelt, ob das schon reicht, und immer neue Elemente in die Show gepropft. Deshalb kocht Mälzer nicht nur, sondern lässt auch zwei Teams gegeneinander antreten, und die kochen auch nicht nur eine Sache, sondern müssen gleichzeitig für eine andere Sache noch Kartoffeln schälen und Gemüse schnippeln und reden und Quizfragen beantworten, die aber nicht Mälzer stellt, sondern ein anderer Moderator, der aber auch nicht der Experte ist, das ist ein Wissenschaftler, der aber auch nicht der einzige bleibt, es kommt später noch ein Professor, und dass Mälzer dessen Namen vergessen hat, ist auch kein Wunder; man hätte es ihm in dem Durcheinander sogar verziehen, den ganzen Professor vergessen zu haben. „Born to cook“ ist eine Sendung, in der zu keinem Zeitpunkt weniger als vier Sachen gleichzeitig passieren, und die Putzfrauen sind nicht zu beneiden, die hinterher nicht nur die Lebensmittelreste, sondern auch die ganzen abgerissenen Satzfetzen, verkochten Gedankengänge und verlorenen Gesprächsfäden aus der Halle kehren müssen.

Man sieht der Show an, dass sie von Johannes B. Kerner produziert wird, in dessen erfolgreicher freitägliche Kochsendung im ZDF fünf Köche parallel fünf Gerichte kochen, mit all dem Gewusel, Durcheinander und Missverstehen, das daraus folgen muss. Sie folgt dem gleichen Prinzip der Reizüberflutung, der systematischen Überforderung durch Multitasking und dem Credo „mehr ist mehr“. Mit etwas Pech wird das ein Trend.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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