Wir sind Gutedel!

03 Mrz 08
3. März 2008

Und als der Vorhang aufging, stand da eine Big-Band vor einem überlebensgroßen BILDblog-Logo, gebildet aus 3500 leeren Weinflaschen, Gesamtgewicht knapp 2 Tonnen.

Es war wie ein Traum.

Ich hatte, zugegeben, vorher noch nicht einmal davon gehört, dass es eine traditionsreiche Weinsorte namens Gutedel gibt. Und ich hätte das Markgräflerland auch nicht mit Sicherheit richtig in der südwestlichsten Ecke Deutschlands platziert, in Baden, zwischen Rheinebene und Schwarzwald. Aber dann kam im Januar der Brief von der Markgräfler Gutedelgesellschaft, dass wir ihren Preis gewonnen hätten. Schon die bunte Mischung aus Preisträgern war bemerkenswert, die Ausschreibung („Menschen, deren Eigensinn öffentlich und im besten Sinne kreativ wirksam wird“) klang nach einer begehrenswerten Auszeichnung — und dann war da noch das kluge Motto: „Guter Wein, in Maßen genossen, schadet auch in größeren Mengen nicht“.

Ich hatte gedacht, dass das ein schönes Wochenende wird, aber auf das, was Christoph und mich erwartete, war ich nicht vorbereitet. Nicht auf diesen Aufwand, nicht auf so viel Aufmerksamkeit und Interesse, nicht auf solche unkomplizierte, unaufdringliche, herzliche Gastfreundschaft. 500 Menschen waren ins Stadthaus von Neuenburg am Rhein gekommen, um zu feiern und den ersten Gutedel vom Müllheimer Reggenhag 2007 zu trinken, der ein sehr guter Jahrgang sein soll. Christoph Wirtz hielt eine Laudatio, die so pointiert und pointenreich war, so schonungslos und böse und gut gelaunt, wie ich sie selten gehört habe und sicher noch nie auf etwas, an dem ich beteiligt war. (Leider weigert er sich bislang hartnäckig, sie rauszugeben, aber das kriegen wir noch hin.)

Anstatt das 225-Liter-Fass, das den Preis darstellt, anzuzapfen, wie es Tradition ist, zog der Stifter Hermann Dörflinger beherzt einen Gutedel aus dem Flaschenlogo, um mit uns anzustoßen. Der Kabarettist Mathias Deutschmann, einer der Gründer der Gutedelgesellschaft, ätzte noch ein wenig, und es gab Markgräfler Suppenfleisch mit Bouillonkartoffeln und frischem Meerrettich — wie die „Badische Zeitung“ heute schreibt, „eines der ehrlichsten badischen Gerichte“, quasi als Gegensatz zur „Bild“-Zeitung.

Das aufrichtige Essen kam vom „Taberna“ in Müllheim, einem modernen Restaurant mit italienischer Küche, das wie ein Fremdkörper in der sonst (zumindest von außen) piefig wirkenden Gaststättenlandschaft in Richtung Schwarzwald wirkt. Dorthin ging es nach dem offiziellen Teil auch zum Weiterfeiern, -trinken und -essen. Die Stimmung, die dort herrschte, scheint einigermaßen typisch zu sein — oder wie der „Gault Millau“ formuliert: „Das Taberna betreibt auch einen Weinhandel, wovon seine mitunter recht trinkfeste Klientel umfassend profitiert.“ Bis halb sieben Uhr morgens sollen die letzten durchgehalten haben.

Zum Glück aber bekommt man ja vom Gutedel keinen Kopf (was, wenn ich mich recht entsinne, irgendwie mit der unfassbar niedrigen Restsüße des Weines (0,4 g/l) zusammenhängen soll, vielleicht ist mir beim Versuch, die Behauptung mit dem ausbleibenden Kater einer angemessen schweren Belastungsprobe zu unterziehen, die ein oder andere Erinnerung durcheinandergeraten — leider mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt ist aber, wie mir ein älterer Mann am Waschbecken in der Herrentoilette des Stadthauses eindringlich die Regel mit auf den Weg gab: „Es gibt Badische und Unsymbadische“). Allerdings gab es am Abend darauf auf Einladung von Hermann Dörflinger noch einen Vergleichstest, wie der Organismus darauf reagiert, über viele Stunden viele verschiedene gute Weine von ihm durcheinander zu trinken — nicht so gut. Wir saßen in einem kleinen Häuschen zusammen, das die Dörflingers inmitten ihrer Weinberge haben und von dem aus man wunderbare Sonnenuntergänge über den Vogesen sehen können soll (im Dunkeln sieht man vor allem das neue Gewerbegebiet Müllheim-West, was der Stimmung und Gemütlichkeit keinen Abbruch tat).

Diesmal hatte Torsten Jauch vom „Taberna“ unter anderem junge Ziege mitgebracht, die man hier „Gitzi“ nennt — und einen sensationellen Schokoladenpudding. (Das „Taberna“ hat übrigens eine Homepage, bei der sich ein Großteil der Fotos auch hervorragend als Bildschirmschoner oder -hintergrund eignet. Keine Ahnung, ob man vom Angucken schon zunimmt, ich halte das aber für wahrscheinlich.)

Für mich war diese Preisverleihung die wunderbarste überhaupt (und das nicht nur, weil man den Preis trinken kann). Ich bin eigentlich jemand, der lieber mit 4 Leuten feiert als mit 40 oder 400 — aber in der Form, in die Markgräfler die Geselligkeit pflegen, kann ich mich sehr für sie begeistern. Das Wochenende wird ein toller Motivationsschub sein — sobald der Restalkohol nicht mehr das Formulieren und Buchstabieren erschwert.

Hillary Clinton

02 Mrz 08
2. März 2008

Plädoyer für die Zicke. Die Regeln der Medien sind grausam: Warum Obama nur gewinnen und Hillary Clinton nur verlieren kann.

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Ist denn niemand für Hillary? Warten alle nur darauf, dass sie endlich aufgibt? Oder ist es fast schöner, sie noch länger verlieren zu sehen, Vorwahl um Vorwahl, noch ein bisschen zu rechnen, wie aussichtslos ihr Kampf längst ist, noch ein bisschen zu lästern, über den Einsatz ihres Mannes, noch ein bisschen zu zeigen, wie hinter ihr im Publikum immer ältere Leute stehen, während bei Barack Obama die Jugend, die Zukunft ist?

Fast möchte man schon deshalb für Hillary Clinton sein, um gerade nicht Teil dieser erstaunlichen Welle zu sein, von der Obama getragen wird. Und auch, um sich den Mechanismen der Medien zu widersetzen, die einen wesentlichen Anteil daran haben, dass alles gegen Hillary Clinton zu sprechen scheint.

Ganz einig sind sie sich noch nicht, ob der richtige Fachausdruck nun „Obamomentum“ oder „Obamentum“ ist. Aber dass man über den Siegeszug von Barack Obama nicht reden kann, ohne das Phänomen des „Momentums“ zu beschreiben, steht außer Frage. Das Faszinierende an diesem Phänomen ist, dass es schon dadurch entsteht, dass man seine Existenz behauptet.

Einen äußeren Anlass braucht es auch, und bei Barack Obama war einer der wichtigsten der Sieg bei den ersten Vorwahlen in Iowa. Zu gewinnen gab es dort zwar kaum Wahlmänner, aber eben: Momentum, und schon am Wahlabend konnte man zum Beispiel auf CNN sehen, wie der Schwung entsteht, den ein Kandidat angeblich durch eine solche symbolische Wahl bekommt: dadurch, dass Dutzende Kommentatoren, Moderatoren, Experten und Korrespondenten den ganzen Abend behaupten, dass dieser Sieg dem Kandidaten diesen Schwung bescheren werde.

Menschen sind eher bereit, sich zu Siegern zu bekennen. Diese Wirkung wird durch die Medien — insbesondere in einem Biotop wie der amerikanischen Vorwahl, in dem aus sehr begrenztem Material unendliche Mengen content produzieren werden müssen – so massiv verstärkt, dass sich ein Rückkopplungseffekt einstellt, der alles überlagert. Am Ende ist es egal, ob es ursprünglich wirklich ein Momentum gab: Wenn die Medien der Meinung sind, es gebe einen solchen Schwung, und das oft genug beteuern, wird es ihn auch geben.

Es gibt eine Reihe solcher sich selbst verstärkenden Effekte in diesem Vorwahlkampf, und fast alle funktionieren zugunsten von Obama. Da ist etwa die Frage, ob die Superdelegierten, die nicht durch das Votum in den Bundesstaaten gebunden sind, einen wachsenden Druck verspüren, massenhaft zu Obama überzulaufen – weil es den Wählern schwer zu vermitteln wäre, wenn sie anders stimmten als das Fußvolk. Vermutlich gab es tatsächlich, bevor auch nur ein einziges Medium diesen Gedanken formulierte, Superdelegierte, die diesen Druck verspürten. Aber so richtig entstand dieser Druck natürlich erst dadurch, dass die Medien die Frage breit diskutierten, ob es diesen Druck gebe. (Ohnehin wird in solchen Debatten gerne so getan, als gebe es eine faktische überwältigende Stimmenmehrheit und nicht nur eine wachsende, aber immer noch knappe Mehrheit – plus ein gewaltiges Momentum, natürlich.)

Die Erzählstruktur, die Dramaturgie und Rollenverteilung haben sich inzwischen so verfestigt, dass selbst Hillary Clintons Erfolge entsprechend umgedeutet werden. Sie bekam vorige Woche viel Applaus für eine Bemerkung am Ende einer Fernsehdebatte: Was immer geschehe, ihnen beiden, ihr und Barack Obama, werde es gutgehen – die Frage, um die es wirklich gehe, sei, ob es Amerika gutgehen werde. Das allgemeine Lob für diesen Moment wurde schnell vergiftet, als die ersten Kommentatoren fragten, ob das nicht ein guter Satz wäre, sich mit Würde aus dem Rennen zu verabschieden.

Der Aufstieg Obamas vom Außenseiter zum Favoriten beruht natürlich nicht ausschließlich darauf, dass ihn die Regeln begünstigen, nach denen Medien aus Entwicklungen Theaterstücke machen und aus Ereignissen Szenen darin. Obama reflektiert das echte Bedürfnis vieler Amerikaner nach einer anderen Art von Präsidenten. Und so wie sein sicheres Auftreten viele Beobachter überrascht hat, so katastrophal waren viele Fehler, die Clintons Kampagne machte. Dass die Dramaturgie in diesem Maße gegen sie spricht, ist auch ihre eigene Schuld. Sie hat versucht, die Rolle der unvermeidlichen Kandidatin zu spielen. Das hätte funktionieren und alle anderen Mitbewerber marginalisieren können. Aber schon ein einziges Ergebnis wie das in Iowa reichte aus, dieses Rollenbild als unrealistisch zu entlarven – und ihre Wunschdramaturgie zu vernichten. Fortan war Obama immer in der leichteren, attraktiveren Position: der des Herausforderers, des Underdogs, desjenigen, der aufholt. Obama konnte nur gewinnen, Clinton nur verlieren. Jeder Sieg für ihn war ein vernichtender Schlag gegen sie. Jeder Sieg für sie war das eigentlich normale Ergebnis, über das er sich nicht grämen musste.

Erstaunlicherweise hat sich diese Lesart bis heute erhalten – obwohl Obama jetzt in jeder Hinsicht führt. Clinton muss unbedingt Punkte machen, und er gewinnt schon, wenn sie ihn nicht vernichtend schlägt. Sie muss ackern, er nichts tun, außer gelegentlich ihre Angriffe abzuwehren – oder abtropfen zu lassen.

Ihre Behauptung, dass sie, im Gegensatz zu ihm, genug Erfahrung mitbringe, um vom ersten Tag der Amtszeit an das Land führen zu können, macht sie angreifbar. Schon der kleinste Fehler, wie das Stolpern über den Namen des nächsten russischen Präsidenten, genügt scheinbar als Beweis dafür, dass es mit dieser Behauptung nicht so weit her sein kann. Sie muss ihre behaupteten Qualitäten jederzeit beweisen. Ihm reicht es, wenn er gelegentlich kompetenter ist, als sie ihm unterstellt. (Und, keine Frage: Das gelingt ihm regelmäßig.)

Selbst wenn man all diese Regeln kennt, nach denen Medien funktionieren, und die Rollen identifiziert hat, die die Kandidaten spielen oder zugeschrieben bekommen haben (und wer wie Obama gleichermaßen mit John F. Kennedy und Ronald Reagan verglichen wird, hat fast schon gewonnen), selbst dann ist es erstaunlich, mit wie viel Häme die Kommentatoren jeden Fehler, jede Niederlage Clintons kommentieren.

Wie tragisch ist das für sie: In jedem anderen Wahlkampf hätte sie, schon weil sie eine Frau ist, als Symbol für den Wandel, für einen radikalen Wandel Amerikas gegolten. Außer natürlich im Wettbewerb mit einem Schwarzen. Wenn Clinton öffentlich davon spricht, wie sehr ihre Wahl auch bedeuten würde, dass eine Frau die „gläserne Decke“ durchbräche, erntet sie angesichts ihres Gegners und der ungleich größeren Revolution, die seine Wahl darstellen würde, vor allem Spott – was ebenso nachvollziehbar wie ungerecht ist.

Betrachtet man die Kandidatenkür der Demokraten als Wettstreit zwischen zwei Vertretern unterrepräsentierter sozialer Gruppen, ist Hillary Clinton ebenfalls im Nachteil: Jedes auch nur annähernd rassistische Argumentationsmuster ist ein starkes Tabu; sexistische Äußerungen dagegen gelten nur als nicht besonders fair – die Unzulässigkeit von solchen Sprüchen wie dem des rechten Radio-Mannes Rush Limbaugh, Amerika sei noch nicht bereit, zuzusehen, wie sein Präsident vor ihren Augen „sich in eine alte Frau verwandelt“, lässt sich verlachen.

Es muss eine besondere Genugtuung gewesen sein für Hillary Clinton, nach all den (teils selbst verschuldeten) Zumutungen durch die Medien, dass sich am vergangenen Wochenende wenigstens die traditionsreiche Comedysendung „Saturday Night Live“ auf ihre Seite schlug -– und über den merkwürdig unterschiedlichen Umgang mit den beiden Kandidaten mokierte. In einem ebenso lustigen wie offensichtlich ernst gemeinten Monolog brach Moderatorin Tina Fey eine Lanze für Clinton. Sie mokierte sich über die scheinbare Angst der Amerikaner, mit Hillary gleichzeitig einen Co-Präsidenten Bill Clinton zu wählen, und kommentierte ironisch: „Ja, das wäre furchtbar: Zwei intelligente, qualifizierte Menschen zu haben, die gemeinsam daran arbeiten, Probleme zu lösen. Warum sollte Starsky mit Hutch reden? Ich will die Show ,Starsky‘ sehen!“ Dann schwärmte sie noch davon, dass Clinton selbstverständlich eine bitch sei, eine fiese Zicke, denn Zicken erreichten etwas im Leben, und rief: „Bitch is the new black!“

Es war ein wohltuender und notwendiger Kontrast zur „Obamania“, vermutlich aber ein folgenloser. Wenn Hillary Clinton und ihre Leute nun anfangen, sich über echte und vermeintliche Benachteiligungen in der Berichterstattung zu beschweren, macht das die Sache nur noch schlimmer. Selbst berechtigte Kritik stößt auf Häme und Empörung und wird als Rundumschlag einer schlechten Verliererin gewertet. Egal, was sie tut: Es scheint unmöglich, aus ihrer Rolle herauszukommen.

James Poniewozik, der Medienkritiker von „Time“, sieht immerhin eine kleine Chance, dass es Clinton gelingen könnte, einige Wähler in den entscheidenden Vorwahlen in der kommenden Woche davon zu überzeugen, dass eine Stimme für sie eine Stimme gegen die Medien wäre und gegen die ungerechte Behandlung, die ihr zuteilwird – in schmerzhafter Erinnerung an die ungerechte Behandlung, die den Demokraten so oft zuteilwurde.

Wenn Barack Obama tatsächlich die Vorwahlen gewinnt, wird er den Gegenwind der konservativen Meinungsmacher, die es immer noch schaffen, die Tagesordnung zu bestimmen, mit voller Wucht zu spüren bekommen. Dann werden die Rollen in dem Drama neu verteilt. Obama wird nicht mehr der Underdog sein, sondern der Favorit, und anders als im innerdemokratischen Rennen werden all die Ressentiments, die sich gegen ihn und seine Herkunft wecken lassen, ins Spiel gebracht. Die ersten konservativen Radiomoderatoren laufen sich schon warm und nennen konsequent und bedeutungsschwanger Obamas zweiten Vornamen: „Hussein“!

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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Quellen und weiterführende Links:

„Huffington Post“: „Go Hard Or Go Home? The Media Drumbeat For A Hillary Exit“

„Tuned-in“-Blog von „Time“: „Live from New York Ohio: Hillary’s SNL Defense….“

Howard Kurtz, „Washington Post“: „‚Soft‘ Press Sharpens Its Focus on Obama“

„Boston Globe“: „The Double Standard“

Tina Fey über Hillary Clinton in „Saturday Night Live“:

Hillary Clinton zu Gast in der „Daily Show“:

Der Malte von Spreeblick

27 Feb 08
27. Februar 2008

… ist nicht mehr [Nachtrag: nur] Der Malte von Spreeblick, sondern Der Malte von malte-welding.de. (Die Idee mit der Adresse hat er sich total von mir abgeguckt, die Sau.) Jetzt muss er nur noch mal was Tolles bloggen, damit man mal einen Anlass hätte, darauf hinzuweisen.

Zoomer. Wir machen Werbung.

27 Feb 08
27. Februar 2008

Gut, zumindest hat sich damit die Frage erledigt, ob das neue Nachrichtenjugendzukunftsgetöse Zoomer auf sowas wie journalistische Qualität setzt oder im Zweifelsfall doch lieber Promoplattform für Schwesterobjekte des Besitzers Holtzbrinck sein will. Hätte man sich dann nicht auch den demonstrativen Einsatz von Anstandsopa Ulrich Wickert sparen können? Oder braucht man ihn dann extra, so als Image-Ausgleich zum schmutzigen Alltag?

(Komischerweise nicht erwähnt in dem MeinVZ-Gegruschel von Zoomer wird das journalistisch zweifellos spannendste Thema des Tages rund um die VZ-Familie und ihr Bedürfnis, der Polizei zum Beispiel beim Identifizieren von Kiffern helfen zu können, als PR-Desaster sehr schön aufbereitet in zwei Teilen von Torsten Kleinz.)

Nachtrag, 28. Februar, 10.30 Uhr. Das MeinVZ-Stück ist von der Zoomer-Startseite verschwunden — obwohl es nach der Zoomer.de-Logik, die auf einer Mischung aus Aktualität und Leserinteresse bei der Platzierung von Themen beruht, dort stehen müsste. Offenbar kann man also auch von Hand in diesen angeblich automatisierten Ablauf eingreifen — vielleicht wenn einem ein Artikel im Nachhinein peinlich ist? Auch in der Übersicht der Top-Themen fehlt der Artikel.

Nachtrag, 12.30 Uhr. Zoomer-Chefredakteur Frank Syré schreibt in den Kommentaren:

das Stück ist kurzzeitig unten, weil es überarbeitet wird. Die kritische Anmerkung ist natürlich völlig richtig, das Bild ist völlig daneben und der Hinweis auf die Konzern-Verwandtschaft muss natürlich sein. Als Erklärung (entschuldigt den Fehler natürlich nicht): Da war gestern am späten Abend die Aufmerksamkeit weg. Wird grade angepasst.

Im Artikel selbst, der inzwischen auch wieder in der „Top-News“-Übersicht aufgetaucht ist, steht jetzt folgende Erklärung:

Liebe Leser,

da haben wir etwas verbockt: In der ersten Version dieses Beitrags haben wir nicht darauf verwiesen, dass MeinVZ — ebenso wie zoomer.de — zur Holtzbrinck-Gruppe gehört. Das macht man natürlich so. In den einschlägigen Blogs ist das prompt und zu Recht angeprangert worden. Wir sind uns darüber im klaren, dass unsere Berichterstattung über den neuen StudiVZ-Spross von der ein oder anderen Seite ins Reich der PR gerückt wird. Zugegeben: Der Verdacht drängt sich auf, sind wir doch verbandelt.

Anders als „Don Alphonso“ suggeriert, hat Zoomer die ersten, kritischen Kommentare der Leser nicht gelöscht. Sie sind nach wie vor online — aktuell allerdings nur auf der zweiten Seite des zweiseitigen Artikels. Dass die Kommentarfunktion gesperrt sei, wie auf der ersten Seite steht, ist wohl nur ein technisches Versehen.

Nachtrag, 12.45. Scheint ein hektischer Tag zu sein, heute in der Zoomer-Redaktion. Jetzt ist der Artikel nur noch auf einer Seite — dafür aber mit korrekt angedockten Kommentaren.

Springer 1968, im „Spiegel“ der Zeit

25 Feb 08
25. Februar 2008

Springer-Blätter fälschen und unterdrücken Nachrichten. Das war das schlichte Urteil von Kai Hermann, als er im Frühling 1968 für die „Zeit“ untersuchte, wie „Bild“, „B.Z.“ und die anderen Zeitungen aus dem Hause Axel Springer über die Demonstrationen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke berichteten.

Springer forderte daraufhin von der „Zeit“ eine Unterlassungserklärung. Die Wochenzeitung sollte sich verpflichten, nicht mehr zu behaupten:

  • Die Berliner Springer-Zeitungen verfälschen die Wahrheit.
  • Die Redakteure der meisten Springer-Blätter konnten das Fälschen nicht lassen.
  • In den Berliner Springer-Zeitungen wurden Nachrichten unterdrückt.

Weil die „Zeit“ aber, wie der „Spiegel“ am 13. Mai 1968 gut gelaunt berichtete, gerne bereit war, „mit einer Fülle von Belegen“ diese Behauptungen nachzuweisen, sorgten sich die Rechtsvertreter Springers, dass das selbst beantragte Verfahren zum Springer-Tribunal würde. Plötzlich versuchten die Anwälte, das Thema von der Springer-Berichterstattung auf die Berichterstattung der Berliner Springer-Blätter zu Ostern zu reduzieren. Und Otto Köhler schrieb im „Spiegel“:

Doch auch die verzweifelte Selbstbeschränkung nützte dem Verlagshaus Springer nichts. Denn selbst die Beweismittel, die [Springers Anwalt] Arning dafür anbot, daß die Springer-Zeitungen wenigstens zu Ostern nicht gefälscht hätten, erschienen dem Gericht zu dürftig.

Ein Beispiel: Kai Hermann hatte es als „Falschmeldung“ bezeichnet, daß „Bild“ als einzige Zeitung der Bundesrepublik einen Gladbecker Möbelhausbrand mit der Suggestivschlagzeile „Ist das Demonstration? Ist das Diskussion? Möbelhaus in Brand gesteckt“ oppositionellen Studenten zur Last legte.

Um zu beweisen, daß „Bild“ hier nicht gefälscht habe, legte Arning dem Gericht eine dpa-Meldung vor. Doch der Hinweis auf studentische Beteiligung lautete: „Möglicherweise in Zusammenhang mit den Demonstrationen der letzten Tage steht ein Großbrand am Ostersonntag.“ Das reichte, um mit „Bild“-Balken-Zeilen in der ganzen Bundesrepublik Demonstranten zu Möbelhausanzündern zu machen.

Das Gericht gab der „Zeit“ weitgehend Recht und entschied, dass man einstweilig behaupten dürfe, dass die Berliner Springer-Blätter die Wahrheit verfälschen und ihre Redakteure das Fälschen nicht lassen können. Die „Zeit“ hätte allerdings nicht behaupten dürfen, dass „in Berliner Springer-Zeitungen Nachrichten von Übergriffen und Brutalitäten auf seiten der Polizei konsequent unterdrückt werden“. Denn wie der „Spiegel“ süffisant hinzufügte:

Konsequent nicht. Da auch Springer-Redakteure Menschen sind, geht ihnen solch eine Nachricht manchmal durch.

Was für Zeiten das waren! Was für Zeiten das waren, kann man wunderbarerweise jetzt selbst nachlesen; geschildert nicht nur aus dem Rückblick der Historiker, sondern aus Zeugnissen der damaligen Gegenwart: In den „Spiegel“-Artikeln von damals, die mit dem ganzen Archiv seit kurzem kostenlos zugänglich sind.

Kaum eine Woche verging im Jahr 1968, in der sich der „Spiegel“ nicht an Axel Springer und seinem Imperium abarbeitete. Manchmal genügte es, einfach unkommentiert ein Gerichtsurteil abzudrucken, wie die bemerkenswerte Entscheidung des Amtsgerichtes Esslingen, das es am 22. Oktober 1968 ablehnte, ein Hauptverfahren wegen Nötigung gegen einen Anti-Springer-Demonstranten zu eröffnen. Der 25-Jährige hatte vor der Ausfahrt eines Esslinger Verlages geparkt, um die Auslieferung der „Bild-Zeitung“ verzögern zu helfen. Und das Gericht argumentierte:

(…) Der Verleger Axel Cäsar Springer beherrscht einen Großteil des deutschen Zeitungsmarktes. Diese Machtstellung wird bei der öffentlichen Meinungsbildung wie auch im wirtschaftlichen Leben rigoros ausgenutzt … Die Springer-Zeitungen sind außerdem Musterbeispiele publizistischer Verantwortungslosigkeit. Es wird nicht objektiv berichtet — viele Richter wissen das aufgrund der falschen Gerichtsberichte über eigene Verhandlungen (auch in Esslingen sind konkrete Fälle bekannt) –, sondern aus Stimmungsmache, oder um einen Knüller zu haben, die Wahrheit gebogen, ja, es wird effektiv gelogen.

So wird im nichtpolitischen Sektor wahrheitswidriger, gefühlsbetonter Klatsch gemacht; im politischen Sektor, wo nicht so leicht zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterschieden werden kann, wird zumindest die Kritik eliminiert und nur eine bestimmte Meinung gemacht. Was dies bei der Verbreitung insbesondere der „Bild-Zeitung“ bei der einfacheren Bevölkerung bedeutet, bedarf keiner Erörterung.

(…) Auch die politisch engagierten Studenten erkannten die Gefahr für unsere Demokratie durch die Konzentration und die Gleichschaltung der Presse und vertraten mehrfach diese Meinung, speziell im Hinblick auf die Springer-Presse.

Diese unbequemen Studenten wurden hierauf von der Springer-Presse in einen Topf geworfen mit Gammlern und Halbstarken und als Radaubrüder qualifiziert … Die politischen Ansichten dieser Studenten mögen radikal, ja revolutionär sein; in einer freiheitlichen Demokratie sollte eine freie Presse aber objektiver darüber berichten. Wenn „Bild“ am 7. 2. 1968 schreibt: „Man darf über das, was zur Zeit geschieht, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Und man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen“, so ist dies nicht eine demokratische Auseinandersetzung mit einem Andersdenkenden, sondern üble Stimmungsmache und Aufhetzung zu Gewalttaten (§ 130 StGB!).

Vor diesem Hintergrund ist die Meinung, der Mordanschlag auf Rudi Dutschke sei ein mittelbarer Erfolg der durch die Springer-Presse gegen die radikalen Studenten aufgewiegelten und manipulierten Öffentlichkeit, zumindest verständlich. (…)

Auf fast zwei Seiten dokumentierte der „Spiegel“ nach den Oster-Unruhen überwiegend kritische Stimmen über Springer — darunter dieses wunderbare Zitat aus der „Bayerischen Staatszeitung“ vom 19. April 1968:

Zahlreiche Analysen des Inhalts der „Bild-Zeitung“ haben den Nachweis erbracht, daß dieses Blatt seit Jahren immer wieder seine Leser einseitig, lückenhaft und unsachlich informiert … Sie scheut nicht davor zurück, die Wahrheit zu verfälschen, wenn mit der Unwahrheit Ressentiments aufgerührt werden konnten. Die „Bild-Zeitung“ spiegelt sehr deutlich wider, wie Zeitfragen von einem Teil unserer Gesellschaft, und zwar von den intellektuell wenig Geschulten, von einseitig Orientierten und halb Informierten erörtert werden. Dieses Gespräch ist durchsetzt mit Halbwahrheiten, Neid, Haß und Vorurteilen, mit Dummheit, Spießbürgertum und Desinteresse.

Schon mit der ersten Ausgabe des Jahres 1968 hatte der „Spiegel“ eine achtteilige Serie über Axel Springer begonnen („Ich werde Deutschland wiedervereinigen, ob Sie es glauben oder nicht“). Darin unter anderem auch ein „Psychogramm Axel Springers“ von Wilhelm Backhaus, der pikanterweise jahrelang als Kolumnist für Springer schrieb und die Bedeutung von „Bild“ so zusammenfasste:

In Deutschland hingegen sind seit dem Kriege gerade Minderwertigkeitsgefühle und Ressentiments verlegerisch zu nutzen, und das gelang Springer mit dem kongenialen Chefredakteur von „Bild“, Peter Boenisch, noch auf eine besondere, viel gefährlichere Weise. Sie erreichten es, daß sich der Konsument von „Bild“ nicht mehr mit dem Lesen begnügt; er wird aktiviert, man animiert ihn zur Zuschrift, man redet ihm ein, daß seine Stimme Volkes Stimme sei, daß Deutschland durch seinen Mund spricht.

So ist das Millionenheer der „Bild“-Leser bewußt zu einer politischen Macht aufgebaut worden, die ebenso bewußt gelenkt wie ausgespielt werden kann. Ihr Gewicht ist längst viel zu groß, als daß irgendein Politiker es noch wagt, sich ihr entgegenzustellen. Daß dies keine bloß konstruierten Spekulationen sind, hat Springer selbst durch die wiederholte Behauptung bestätigt, er und seine Politik erhielten ihren Auftrag, ihre Legitimation durch die tägliche Millionenzahl seiner Zeitungskäufer und -leser.

Am 22. Januar beschrieb der „Spiegel“ das Verhältnis zwischen Axel Springer und dem „Bild“-Chefredakteur Peter Boenisch:

(…) „Bild“-Boenisch weiß, was der „Bild“-Verleger wünscht — edel sein oberhalb der Rentabilitätsgrenze.

Um dieses respektablen Ziels willen wird täglich der eklige „Bild“-Brei aus Blut, Tränen und Hormonen angerührt und an Millionen Leser verfüttert. Es Boenisch vorzuhalten, hieße einem Marinaden-Händler den Matjes-Geruch ankreiden. Eine Zeitung, die täglich von fünf Millionen Deutschen gekauft werden soll, muß widerwärtig sein. (…)

Selbst die „Spiegel“-Leserbriefe jener Zeit sind lesenwert:

Als Zeitungs- und Zeitschriftenhändler, der sich gegen die einseitige, uniformierte Meinungsmache der Springer-Presseerzeugnisse zur Wehr setzte und in Leserbriefen (auch im SPIEGEL, wie extra vom Chefjustitiar erwähnt wurde) seiner Meinung Ausdruck gab, wurde mir von einem zum anderen Tag die Belieferung aller im Springer-Verlag erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften gesperrt; „damit wurde meine Existenzgrundlage vernichtet.

Ich begrüße daher die SPIEGEL-Serie über diesen Mammutkonzern, der nicht diskutieren will, sondern jeden, der sich die veröffentlichte Meinung dieser Blätter nicht aufzwingen läßt und widerspricht, unter Druck setzt. Ich hoffe, daß dieser Presse-Allmacht recht bald die Flügel beschnitten werden, damit unsere Demokratie lebendig bleibt und nicht im Sumpf diktatorischer Gleichmacherei zur Farce wird.
Mellendorf (Nieders.) HERMANN PIEPER

Gebt Springer auch den Rest der Presse, dann hält die Wahrheit ganz die Fresse!
Berlin ALEX ARMBRÜSTER

Stärkt Axel Springer, bekämpft alle Pinscher!
Eschborn (Hessen) WILHELM HÖRNICKE

Und genüsslich zitierte das Nachrichtenmagazin, was Axel Springer über den „Spiegel“ sagte – natürlich nicht dem „Spiegel“ direkt, sondern in einem Fernsehgespräch:

In der Sendung „Dialog“ des Zweiten Deutschen Fernsehens fragte Klaus Harpprecht am vergangenen Donnerstag Axel Springer, was er von der Kritik an seinem Konzern halte:

SPRINGER: Ich würde sagen, die Angriffe im SPIEGEL und „Stern“, die berühren mich wenig, fast gar nicht. Ich will hier etwas verraten: Ich lese die auch nicht. Es ist der Ratschlag eines guten Freundes, sie nicht zu lesen. Ich lasse sie lesen. Das, was dort an perfiden Dingen, unwahren Dingen über mich gesagt worden ist und über unser Haus gesagt worden ist, da haben mich die juristischen Berater meines Hauses belehrt, daß man heutzutage da nicht einschreiten kann. Wir haben es also auch gelassen.

Wenn man all das heute liest, fällt auf, mit wieviel Leidenschaft und teilweise offensichtlicher Lust sich der „Spiegel“ in die Auseinandersetzung mit Springer stürzte — natürlich auch selbst nicht frei von Ideologie, aber in beeindruckender Breite und Tiefe, mit vielen Dokumentationen und offenkundig getragen von dem Gefühl der großen Bedeutung dieses Themas.

Die Bedienung des neuen „Spiegel“-Wissensportals ist noch ein ziemlicher Alptraum. Aber die Schätze, die sich darin finden, lohnen das mühsame Graben. Und weil sich alle Artikel unmittelbar verlinken lassen und ohne Registrierung gelesen werden können, wird das Archiv allmählich von Google entdeckt werden, und bei irgendwelchen Suchen wird man ganz selbstverständlich auf „Spiegel“-Artikel aus vergangenen Jahrzehnten stoßen. Das ist, nicht nur wenn es um die 68er geht: revolutionär.