Googlelos

06 Mrz 08
6. März 2008

Ich gehöre zu den (offensichtlich zahlreichen) Leuten, bei denen Google seit rund einer Stunde nicht erreichbar ist. Und wenn ich „Google“ sage, meine ich nicht nur die Suchmaschine, bei der ich im Fall ihrer Nicht-Erreichbarkeit nach Ersatz-Suchmaschinen suchen würde. Ich meine auch den Feedreader meiner Wahl. Und, vor allem: das Mailprogramm meiner Wahl.

Gut, ich wusste immer schon, dass ich von Google abhängiger bin, als gut sein kann. Aber ich hatte immer gedacht, das würde sich in einer Form rächen, dass meine Mails oder die systematische Auswertung meiner Suchanfragen der letzten zehn Jahre an den Meistbietenden versteigert würden. Nicht, dass Google mich einfach eines Tages ausschließen würde.

Das Gefühl ist schlimm. So kündigt sich in unseren Zeiten die Apokalypse an: „Google ist down“. Der Anfang vom Ende. Beunruhigende Gedanken: …soeben ist nun auch in den südlichen Server ein Flugzeug gestürzt…

Dazu die Unfähigkeit, die Tatsache zu akzeptieren, den Computer auszumachen und, sagen wir, das Eisfach abzutauen. Nein. F5. Geht es, wenn ich google.fr eingebe? Nix. Google News? Nix. Google Reader? Nix. Hängt YouTube auch? YouTube hängt auch. Sogar die Google-Ads werden nicht angezeigt. Nochmal nach was suchen. F5. Escape. F5. Ins Postfach gucken. Geht nicht. Jetzt? Jetzt? Jetzt? Jetzt? Jetzt?

Jetzt?

Nachtrag, 17.31 Uhr: Jetzt.

Chronologie einer Falschmeldung V

06 Mrz 08
6. März 2008

Erinnern Sie sich an die Geschichte von der Falschmeldung über eine Demonstration in Rostock gegen den G8-Gipfel? Die Nachrichtenagentur dpa hatte fälschlicherweise behauptet, der Globalisierungsgegner Walden Bello hätte von der Bühne zur Gewalt aufgerufen. Viele Online- und Print-Medien übernahmen den Fehler, manche schmückten ihn aus, kaum einer korrigierte ihn (die „WAZ“ schon gar nicht) — und die „Neue Zürcher Zeitung“ verbreitet ihn trotz diverser Nachfragen und Hinweise unbeirrt bis heute.

Diese Geschichte also dreht gerade eine überraschende kleine Ehrenrunde auf der Meta-Ebene. Der „Journalist“, das Verbandsorgan des Deutschen Journalistenverbandes, berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über Pläne, den Pressekodex auf Online-Medien auszuweiten, und über die Schwachstellen des Online-Journalismus. In dem Artikel heißt es:

Bekannt wurde [Jens] Bergers Blog www.spiegelfechter.com während des G8-Gipfels in Heilgendamm. Berger (…) wies dem reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenportal einen dicken Patzer nach. Spiegel Online hatte bei einer Anti-G8-Demo den philippinischen Globalisierungskritiker Walden Bello nach einer Rede falsch und sinnentstellend zitiert. Das Onlineleitmedium legte ihm die Worte in den Mund: „Wir müssen den Krieg in diese Verstaltung tragen.“ Tatsächlich hatte Bello sich bei seiner Aussage auf den Irak-Krieg bezogen und sinngemäß gefordert, das Thema Irak-Krieg mit in die Veranstaltung zu bringen. Auch dpa und im Gefolge etliche andere Medien hatten die reißerische Schlagzeile verbreitet.

(…) Der Hamburger Onlineprimus musste sich später öffentlich entschuldigen.

Das trifft es nicht.

Nicht Spiegel Online hatte Bello die falschen Worte „in den Mund gelegt“, sondern dpa. Und nicht dpa hatte die reißerische Spiegel-Online-Schlagzeile weiter verbreitet, sondern umgekehrt. Der „Hamburger Onlineprimus“ hatte sich hinterher vorbildlich verhalten, den Fehler frühzeitig korrigiert, die Korrektur deutlich gemacht, seine Genese erklärt.

Im Gegensatz zu Spiegel Online bis heute nicht entschuldigt hat sich der „Spiegelfechter“ Jens Berger, von dessen ersten Darstellungen der „Journalist“ offenkundig die falschen Abläufe übernommen hat. Berger war zwar damals einer der ersten, die auf die Diskrepanz zwischen verbreitetem und tatsächlichem Zitat hinwies. Er entwickelte daraus aber eine haltlose Verschwörungstheorie gegenüber Spiegel Online:

SPON [Spiegel Online] hat sein sinistres Ziel erreicht – mit rund 2 Millionen Besuchern, die mit dieser gefälschten Meldung gefüttert werden, wird erfolgreich Meinungsmache betrieben (…).

Er ging so weit, Spiegel Online eine „absichtliche Fälschung“ zu unterstellen.

Was für eine schöne Pointe bei einem Artikel über die Fehleranfälligkeit von Online-Medien wegen des Aktualitätsdrucks, unter dem sie im Gegensatz zu Print-Medien leiden, und des Kommerzialisierungs- und Boulevardisierungsdrucks, unter dem sie im Gegensatz zu Bloggern leiden: Dass ausgerechnet eine Monatszeitschrift im Zusammenspiel mit einem Blogger so einen Fehler produziert.

Einfach mal abschalten!

04 Mrz 08
4. März 2008

Soeben erreicht mich folgende Pressemitteilung:

Schalter (Symbolfoto).
Foto: Winnie Quan.

Berlin / Hannover. Die CeBIT startet mit einem Paukenschlag. Das erfolgreiche Blog stefan-niggemeier.de/blog, bekannt als Innovationsmarktführer im Bereich der Medienbloggerei und preisgekrönt für seine nach unten offenen Kommentarspalten, hat heute bekannt gegeben, als erstes Blog weltweit eine individuell abschaltbare Kommentarfunktion einzuführen. „Auf diese Weise kommen wir den Wünschen vieler Blog-Leser nach, die sich von diesem interaktiven Moment bedroht fühlten oder das unfassbare Gesabbel unter viele Einträgen nicht mehr ertrugen“, erklärte Blog-Betreiber Stefan Niggemeier das neue Feature in dem nach ihm benannten Blog. Durch das Zu- und Abschalten der Diskussion mit den Lesern kann jeder das Niveau des Blogs mit einem einzigen Klick vervielfachen und halbieren bzw., je nach Standpunkt, halbieren und vervielfachen.

Sascha Lobo, strategischer Berater und Vermarkter von stefan-niggemeier.de/blog, sieht in der Technik einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Professionalisierung der Blogosphäre und erwartet eine Explosion der Werbeerlöse im bis zu einstelligen Prozentbereich: „Die Kommentare auf stefan-niggemeier.de/blog beweisen die intensive Mitmachability von Blogs bis tief in die unteren Zielgruppen hinein. Durch die individuelle Abschaltbarkeit wird sich die Nutzervarianz sehr stark einengen — ein klarer Vorteil für den Werbekunden, weil Kommentare nicht mehr unbeabsichtigt gelesen oder geschrieben werden dürften.“

Lobo plant darüber hinaus eine strategisch parallel aufgestellte Kommentarcommunity, oder kurz Kommmmunity, um sich als „First Mover im Bereich Individualized Commentary Annoyance Modulation“ zu positionieren. Niggemeier will mit der Erweiterung auch philosophisches Neuland erobern: „Ob der Kommentar da ist oder nicht, das bestimmt allein der Nutzer, beides ist gleichzeitig möglich.“ Das Projekt soll gleichzeitig als Hommage an das Digitale Kommentariat verstanden werden, als technisches Denk-Mal, das den Menschen zeigen soll, dass bis heute nicht in allen Ländern Kommentare möglich sind.

Das Feature beruht auf einer Technologie aus der PHP-Manufaktur Dipl.-ix.

Fakten sind uns Wurst

04 Mrz 08
4. März 2008

Wer mag es wohl unbesehen geglaubt haben und weiter verbreiten, das „Bild“-Schauermärchen von dem Jungen, der nur nett und unwissend seine Schweinefleisch-Würstchen mit den muslimischen Schulkameraden teilen wollte und böse dafür bestraft wurde — ein weiterer Schein-Beleg für unsere Kapitulation vor dem Islam, der mindestens zweifelhaft ist?

Also, mal abgesehen von den Hassbloggern von „Politically Incorrect“?

Richtig, und ich hätte darauf gewettet: die „Achse des Guten“. In diesem Fall Dirk Maxeiner.

Wir sind Gutedel!

03 Mrz 08
3. März 2008

Und als der Vorhang aufging, stand da eine Big-Band vor einem überlebensgroßen BILDblog-Logo, gebildet aus 3500 leeren Weinflaschen, Gesamtgewicht knapp 2 Tonnen.

Es war wie ein Traum.

Ich hatte, zugegeben, vorher noch nicht einmal davon gehört, dass es eine traditionsreiche Weinsorte namens Gutedel gibt. Und ich hätte das Markgräflerland auch nicht mit Sicherheit richtig in der südwestlichsten Ecke Deutschlands platziert, in Baden, zwischen Rheinebene und Schwarzwald. Aber dann kam im Januar der Brief von der Markgräfler Gutedelgesellschaft, dass wir ihren Preis gewonnen hätten. Schon die bunte Mischung aus Preisträgern war bemerkenswert, die Ausschreibung („Menschen, deren Eigensinn öffentlich und im besten Sinne kreativ wirksam wird“) klang nach einer begehrenswerten Auszeichnung — und dann war da noch das kluge Motto: „Guter Wein, in Maßen genossen, schadet auch in größeren Mengen nicht“.

Ich hatte gedacht, dass das ein schönes Wochenende wird, aber auf das, was Christoph und mich erwartete, war ich nicht vorbereitet. Nicht auf diesen Aufwand, nicht auf so viel Aufmerksamkeit und Interesse, nicht auf solche unkomplizierte, unaufdringliche, herzliche Gastfreundschaft. 500 Menschen waren ins Stadthaus von Neuenburg am Rhein gekommen, um zu feiern und den ersten Gutedel vom Müllheimer Reggenhag 2007 zu trinken, der ein sehr guter Jahrgang sein soll. Christoph Wirtz hielt eine Laudatio, die so pointiert und pointenreich war, so schonungslos und böse und gut gelaunt, wie ich sie selten gehört habe und sicher noch nie auf etwas, an dem ich beteiligt war. (Leider weigert er sich bislang hartnäckig, sie rauszugeben, aber das kriegen wir noch hin.)

Anstatt das 225-Liter-Fass, das den Preis darstellt, anzuzapfen, wie es Tradition ist, zog der Stifter Hermann Dörflinger beherzt einen Gutedel aus dem Flaschenlogo, um mit uns anzustoßen. Der Kabarettist Mathias Deutschmann, einer der Gründer der Gutedelgesellschaft, ätzte noch ein wenig, und es gab Markgräfler Suppenfleisch mit Bouillonkartoffeln und frischem Meerrettich — wie die „Badische Zeitung“ heute schreibt, „eines der ehrlichsten badischen Gerichte“, quasi als Gegensatz zur „Bild“-Zeitung.

Das aufrichtige Essen kam vom „Taberna“ in Müllheim, einem modernen Restaurant mit italienischer Küche, das wie ein Fremdkörper in der sonst (zumindest von außen) piefig wirkenden Gaststättenlandschaft in Richtung Schwarzwald wirkt. Dorthin ging es nach dem offiziellen Teil auch zum Weiterfeiern, -trinken und -essen. Die Stimmung, die dort herrschte, scheint einigermaßen typisch zu sein — oder wie der „Gault Millau“ formuliert: „Das Taberna betreibt auch einen Weinhandel, wovon seine mitunter recht trinkfeste Klientel umfassend profitiert.“ Bis halb sieben Uhr morgens sollen die letzten durchgehalten haben.

Zum Glück aber bekommt man ja vom Gutedel keinen Kopf (was, wenn ich mich recht entsinne, irgendwie mit der unfassbar niedrigen Restsüße des Weines (0,4 g/l) zusammenhängen soll, vielleicht ist mir beim Versuch, die Behauptung mit dem ausbleibenden Kater einer angemessen schweren Belastungsprobe zu unterziehen, die ein oder andere Erinnerung durcheinandergeraten — leider mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt ist aber, wie mir ein älterer Mann am Waschbecken in der Herrentoilette des Stadthauses eindringlich die Regel mit auf den Weg gab: „Es gibt Badische und Unsymbadische“). Allerdings gab es am Abend darauf auf Einladung von Hermann Dörflinger noch einen Vergleichstest, wie der Organismus darauf reagiert, über viele Stunden viele verschiedene gute Weine von ihm durcheinander zu trinken — nicht so gut. Wir saßen in einem kleinen Häuschen zusammen, das die Dörflingers inmitten ihrer Weinberge haben und von dem aus man wunderbare Sonnenuntergänge über den Vogesen sehen können soll (im Dunkeln sieht man vor allem das neue Gewerbegebiet Müllheim-West, was der Stimmung und Gemütlichkeit keinen Abbruch tat).

Diesmal hatte Torsten Jauch vom „Taberna“ unter anderem junge Ziege mitgebracht, die man hier „Gitzi“ nennt — und einen sensationellen Schokoladenpudding. (Das „Taberna“ hat übrigens eine Homepage, bei der sich ein Großteil der Fotos auch hervorragend als Bildschirmschoner oder -hintergrund eignet. Keine Ahnung, ob man vom Angucken schon zunimmt, ich halte das aber für wahrscheinlich.)

Für mich war diese Preisverleihung die wunderbarste überhaupt (und das nicht nur, weil man den Preis trinken kann). Ich bin eigentlich jemand, der lieber mit 4 Leuten feiert als mit 40 oder 400 — aber in der Form, in die Markgräfler die Geselligkeit pflegen, kann ich mich sehr für sie begeistern. Das Wochenende wird ein toller Motivationsschub sein — sobald der Restalkohol nicht mehr das Formulieren und Buchstabieren erschwert.