Kein Symbolfoto

19 Sep 07
19. September 2007

Der Siegeszug des Symbolfotos im Internet — vielleicht ist er doch noch aufzuhalten. Die Kollegen beim Deutschlandfunk zum Beispiel haben sich entschieden, ein Radiofeature zum Thema „grau“ nicht mit einem Symbolfoto zu bebildern, sondern mit einer Abbildung des Gegenstandes selbst:

Leser Frank L. aus B., der’s entdeckt hat, findet’s „zugegebenermaßen eher abstraktwitzig“, weist aber auf Quellenangabe und Zusatzfeature hin:

(ui, man kann’s sogar vergrößern. mit klick. geil.)

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Factually Incorrect (2)

19 Sep 07
19. September 2007

Ein schönes kleines Beispiel dafür, wie „Politically Incorrect“ schlichteste Tatsachen ignoriert, ist auch dieser Eintrag von gestern:

Mal abgesehen davon, dass nicht die „Wikipedia“ den Eintrag zu „Taqiyya“ löschen wollte, sondern ein einziger Benutzer — die Sache hatte sich, als PI den Artikel gestern gegen 20.45 Uhr veröffentlichte, längst erledigt, sogar ganz ohne die sonst übliche Abstimmung Entscheidung eines Administrators. Bereits gestern Morgen um 9.41 Uhr hatte der Nutzer seinen Löschantrag zurückgezogen; ab 9.44 Uhr war der Eintrag nicht mehr als Löschkandidat gekennzeichent.

Aber die Meldung „Wikipedia will ‚Taqiyya‘ nicht löschen“ hätte die PI-Autoren und –Leser wohl einfach nicht genug in ihrem Verfolgungswahn bestätigt.

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Factually Incorrect

18 Sep 07
18. September 2007

Beate Klein, eine der Hauptautorinnen beim erfolgreichen Hass– und Hetzblog „Politically Incorrect“ (PI), schreibt:

Als relativ häufig aufgerufene Internetseite gegen den Mainstream ist PI immer wieder Zielscheibe linker Journalisten, die in Schmähartikeln ihre oft vor Un– und Halbwahrheiten strotzenden Diffamierungen verbreiten. Da die eigentlichen Beiträge für diese Medien zwar ärgerlich, in der Regel aber nicht angreifbar sind, zieht man einzelne Kommentare heran, um die Bösartigkeit und radikale Gesinnung PIs „beweisen“ zu können.

Ja, das ist echt blöd, dass die eigentlichen Beiträge von PI so selten angreifbar sind.

Gut, jetzt mal abgesehen von Beate Kleins Eintrag über das angebliche Blog von Murat Kurnaz, den sie den „zotteligsten Unschuldigen aller Zeiten“ nennt. Das Blog war nicht von Murat Kurnaz, was Frau Kleins Eintrag, sagen wir: angreifbar machte. Sie hat ihn sicherheitshalber nicht korrigiert, sondern ohne Erklärung gelöscht.

Ach so, und mal abgesehen von dem Eintrag von Jens von Wichtingen, der in Südafrika Sprachkurse veranstaltet und bei PI für Übersetzungen zuständig ist, über die angebliche Wandlung der BBC zur „Stimme Mekkas“.

Er berichtet:

Bei der BBC hat man sich entschlossen, den ganzen Schritt zu machen. In Zukunft wird man jedesmal bei Nennung des moslemischen Propheten Mohammed den bei Moslems gebräuchlichen Zusatz (Friede sei mit ihm) verwenden. Begründet wird das mit religiöser Toleranz – weil man dies ja auch bei anderen Religionen machen würde, wenn sie denn einen solchen Brauch hätten.

Die BBC-Seite, die seine Quelle für diesen Hammer ist, der bei den PI-Kommentatoren Fassungslosigkeit auslöst, ist allerdings vom 9.3.2006. Was laut PI „in Zukunft“ passiert, scheint also mindestens seit eineinhalb Jahren Praxis zu sein.

Und schon mit einfachsten Englischkenntnissen könnte man der Quelle entnehmen, dass die BBC dem Namen Mohammeds keineswegs „jedesmal“ die Worte „Friede sei mit ihm“ (peace be upon him / pbuh) hinzufügen wird. Die Regelung betrifft nur die Islamrubrik der Religionsseiten auf bbc.co.uk. Eine einfache Suche zeigt, dass die BBC den Zusatz auf den Nachrichtenseiten nicht verwendet.

(PI-Kommentator Phygos ist dennoch so erschüttert, dass er erklärt, dass England damit für ihn „endgültig als Urlaubsland flach fällt“, während PI-Leser Bokito vor Überreaktionen warnt: Schließlich könne man auch „jeden Samstag in Düsseldorf auf der Königsallee Heerscharen von Schleierschlampen beim Shoppen in den Nobel-Boutiqen anschauen. (…) Vor den Anhängern eines Kinderf**ers auf dem Boden zu kriechen ist die schlimmste Demütigung, die sich ein denkender Mensch vorstellen kann.“)

Ach so, und „angreifbar“ sind natürlich auch die PI-Einträge, in denen immer noch die Mär verbreitet wird, britische Banken hätten die Sparschweine abgeschafft, um die Gefühle muslimischer Kunden nicht zu verletzen — eine längst widerlegte Falschmeldung, die auch Henryk Broder und Udo Ulfkotte verbreiten, was dann wiederum PI aufgreift usw usf.

Ja, die PI-Autoren, für die „Gutmensch“ ein anderes Wort für „Nazi“ ist und die Andersdenkende als „dummdeutsche Multikultischwuchteln“ bezeichnen, sind gerne nicht nur politisch, sondern auch faktisch inkorrekt.

Als die „Berliner Morgenpost“ es wagt, einen Deutschen, der einen Rabbi angegriffen hat, einfach als „Deutschen“ zu bezeichnen, obwohl seine Eltern aus Afghanistan stammen, veröffentlicht ein PI-Gastautor bedeutungsschwanger die E-Mail-Adresse für Leserbriefe der Zeitung. Und die Kommentatoren überbieten sich in empörten Leserbriefen an die Zeitung, und keiner merkt, dass unter dem Artikel die Worte „AP“ stehen, weil es sich um eine Agenturmeldung handelt.

Der PI-Beitrag fordert, den mutmaßlichen Täter nicht als Deutschen, sondern als „afghanischen Moslem“ zu bezeichnen. Und die Kommentatoren erkennen die Gesinnung dahinter und sprechen offen aus, was die PI-Autoren nur andeuten. Ein „Junker“ schreibt:

Er ist kein TATSÄCHLICHER Deutscher, sondern ein “Passdeutscher”. Wenn ein Dackel ein Schild mit der Aufschrift “Schäferhund” um den Hals trägt, bleibt er ein Dackel, bis zu seinem seligen Ende!

Der Täter ist Afghane mit deutschem Pass, hat seiner Religion entsprechend einen Juden fast getötet und wartet nun darauf, das Selbe mit einem Christen machen zu können.

Wenig später spricht ein „Beowulf“ von einem „Kanakenmob“, und ein „Entfernungsmesser“ gerät ins Onanieren:

Meine Freundin kam von der Arbeit nach Hause. Ich hatte Besuch von zwei Freunden. Wir saßen im Hof, hinter uns mein alter Bundeswehrunimog. Meine Freundin erzählte uns, sie sei von drei Kanaken in einem roten BMW-Cabrio angemacht worden: Hy Alde, willst figgen?

Als Deutscher Hauptfeldwebel und PzZgFhr habe ich nach kurzer Lagebeurteilung meinen Entschluß gefasst und in die Worte “Aufsitzen, Männer” artikuliert. Wir also den Mog gestartet und auf den Innenstadtring gefahren. Das ist das bevorzugte Cruisin-Gebiet der Kamelf…er! Vor der übernächsten Ampel überholt uns ein rotes BMW-Cabrio. Bestzung: 3 Kanaken. Die halten vo der roten Ampel, wir nicht!

Schön mit gut Schmackes denen den Kofferraum verkleinert. Die guggten wie Säue am Samstag. Meine Männer und ich abgesessen, denen kalr gemacht, wer wir si´nd und was wir machen wenn sie die Fresse aufreisen. Die waren sehr kooperativ. Meine Versicherung hat den Schaden am BMW gelöhnt. Den Schaden am 1,5-Tonner habe ich mit was Farbe und nem Pinsel beseitigt!

„Beowulf“ antwortet ihm: „gefällt mir“, und ein „Bavarian“ kommentiert: „Gut gemacht!“

Ich weiß nicht, ob Beate Klein, Stefan Herre, Jens von Wichtingen und die anderen PI-Macher auch davon träumen, „Kanaken“ in den BMW zu fahren. Bestimmt finden sie schon den Gedanken „diffamierend“. Was können sie schon dafür, dass sich in ihrem Wohnzimmer ein rassistischer Mob trifft, dem sie mehrmals täglich frisches Popcorn und was zu lesen geben?

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Redaktionell unabhängig

13 Sep 07
13. September 2007

„Eins von diesen Dingen gehört nicht zu den anderen“, sangen wir mit der „Sesamstraße“, und auf der Startseite von stern.de gibt es das Spiel auch:

Zwischen die diversen redaktionellen Angebote der „Stern“-Familie hat sich ein Hinweis auf die neue RTL-Show „6! Setzen“ geschmuggelt. Ohne jeden Umweg führt er direkt auf die Seite zur Sendung auf RTL.de. „Wir“ haben ein Trainingslager eingerichtet? stern.de? Nö: RTL. Ach, da ist ja auch das Logo. Wie praktisch.

Das ist jetzt einerseits nicht so überraschend, denn erstens gehört der „Stern“ ebenso wie RTL zum weiten Universum von Bertelsmann, und zweitens produziert die Firma I&U von Günther Jauch nicht nur die Sendung „Stern TV“, sondern auch „6! Setzen“ — bleibt alles irgendwie in der Familie.

Aber andererseits ist das doch nicht ganz das, was man sich unter der Trennung von Redaktion und Werbung bei Möchtegernqualitätsseiten so vorstellt.

Dabei hat es an Werbung für Jauchs neue Show auf stern.de ohnehin schon nicht gemangelt: In „Stern TV“ hat Jauch gestern fleißig dafür getrommelt, und auf den Seiten von „Stern TV“ auf stern.de lässt sich das in schöner Ausführlichkeit nachlesen — ebenfalls mit dem prominent platzierten Hinweis, dass man sich doch direkt an der Quelle informieren soll: Im „Trainingscamp“ auf rtl.de.

Aus der stern.de-Redaktion ist zu hören, die Anweisung zur ungekennzeichneten Werbung auf der Startseite sei von „ganz oben“ gekommen, wo auch immer das sein mag.

Auf meine Frage, ob stern.de solche Aktionen für alle RTL-Sendungen mache oder nur die von I&U produzierten, antwortete stern.de-Chef Frank Thomsen, es handele sich um eine einmalige Aktion, eine „redaktionelle Kooperation“: Man habe von RTL eine Reihe von Fragen bekommen, aus denen stern.de einen Wissenstest gemacht habe, der bei den Lesern sehr gut angekommen sei. Im Gegenzug habe RTL darum gebeten, einen solchen Hinweis-Kasten zu bekommen, der ins Trainingscamp führt. „Wenn’s Pro Sieben oder das ZDF gewesen wäre“, sagt Thomsen, „hätten wir auch nicht anders entschieden.“

Ich frage mich nur, warum das ZDF dann zum Beispiel für seine Mediathek groß auf den teuren Werbeplätzen von stern.de wirbt, wenn doch redaktionelle Plätze so einfach zu haben sind.

(Genau genommen produziert Jauchs Firma „Stern-TV“ übrigens nicht für RTL, sondern für die Firma dctp, und zwar, wie es in der Zulassung durch die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) heißt, „von RTL rechtlich und redaktionell unabhängig“. Auf diese Weise erfüllt RTL seine Pflicht, Sendezeiten an „unabhängige Dritte“ abzugeben, was die Meinungsvielfalt sichern soll. Ja, genau.)

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Und über die Überschrift reden wir noch!

13 Sep 07
13. September 2007

Vor einiger Zeit bin ich von zwei Schülern der Deutschen Journalistenschule in München (auf der ich auch war) für ihre Abschlusszeitschrift interviewt worden. Und weil ich das Ergebnis so gelungen finde und fürchte, dass kaum jemand das schöne Magazin zum Thema Fehler in die Finger bekommt, veröffentliche ich den Text einfach selbst — mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier über Wahrheit im Boulevard, das „System Bild“ und seine Freude am Streiten

Interview: Till Haase, Adrian Renner
Foto: Ulf Hanke

Herr Niggemeier, auf Bildblog.de decken Sie seit zweieinhalb Jahren die Fehler der Bild-Zeitung auf, mit 40.000 Lesern täglich sind Sie Deutschlands meistgelesener Blog. Warum hat Ihnen die Bild-Zeitung noch nicht Ihr Bild-Abonnement gekündigt?

Das wäre wohl eine etwas kurzsichtige Strategie. Aber wir hatten die lustige Situation, dass wir bei Bild angefragt haben, ob wir ihr Archiv nicht als kommerzieller Kunde nutzen können. Es hat dann sehr lange gedauert bis wir eine Antwort erhalten haben. Das Ergebnis war: nein, auch gegen Geld nicht.

Der letzte Bildblog-Eintrag ist inzwischen drei Tage alt. Ist das gut oder schlecht für Bildblog?

Schlecht, um ehrlich zu sein. Weil ich glaube, dass Bild in den letzten drei Tagen Fehler gemacht hat, auch gravierende. Wir haben sie nur nicht entdeckt.

Wie entdecken Sie denn Fehler in Bild? Haben Sie eine Fehlersuchstrategie?

Gut die Hälfte der Fehler entdecken wir durch Hinweise unserer Leser. Und dann lohnt es sich immer, bestimmten Signalwörtern nachzugehen. Bei „Geheimplan“ zum Beispiel schauen wir, ob das nicht schon vor einem Monat veröffentlicht wurde, oder bei „sagte zu Bild“, ob das nicht in einer Nachrichtenagentur stand. Und natürlich immer, wenn Bild über Außerirdische schreibt.

Was ist das dann für ein Gefühl, wenn man einen Fehler gefunden hat? Freude?

Nee. Meistens ist das ein Entsetzen. Ich bin immer wieder fassungslos, wenn man anfängt, eine Geschichte nachzurecherchieren, und sieht, was Bild daraus gemacht habt. Amüsieren kann ich mich bei diesen blöden Fehlern, wenn man sich sagt: Mein Gott, die haben das wieder nicht kapiert. Da kommt eine gewisse Schadenfreude auf.

Einen Fehler muss man auch beweisen. Auf welche Quellen verlassen Sie sich denn?

Es hilft, Originaldokumente zu finden, wissenschaftliche Studien zum Beispiel. Es hilft, wenn Nachrichtenagenturen oder andere Zeitungen über ein Thema geschrieben haben, wobei wir da auch vorsichtig sind. Ganz heikel ist es, wenn Aussage gegen Aussage steht. Wir wollen aus Bildblog kein Gegendarstellungsportal machen, nach dem Motto: Bild schreibt etwas und wir geben jedem eine Stimme, der sagt, das habe ich so aber gar nicht gemeint.

Gehen Sie bis zum Beweis der Tat, bis sie augenfällig ist, von einer Unschuldsvermutung aus?

Im Idealfall ja. Aber es ist die Unschuldsvermutung gegenüber einem Serientäter. Wenn einer schon 100 alte Frauen ausgeraubt hat, muss man ihm die 101. neu beweisen. Aber es gibt gute Gründe, ihn für verdächtig zu halten.

Seit Januar dieses Jahres finanziert sich Bildblog neben Spenden und dem Verkauf von Bildblog-Produkten auch über Werbung auf der Seite. Ist der Druck, Fehler zu finden, seitdem gestiegen?

Wir ertappen uns manchmal bei dem Gedanken, denn natürlich haben wir mehr Leser auf der Seite, je mehr wir schreiben, versuchen dem aber nicht nachzugeben. Der eigentliche Druck ist ein anderer. Wir bekommen täglich Dutzende Hinweise von unseren Lesern, und wir versuchen allen nachzugehen und alle nachzurecherchieren. Dieser Druck ist viel stärker als der Werbedruck.

Bildblog ist für den Aufruf, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann zu fotografieren und die Bilder an Bildblog zu schicken, stark kritisiert worden. War diese Aktion richtig?

Zunächst war die Aktion im Nachhinein eher enttäuschend, weil wir so wenig Bilder erhalten haben. Was ich bei der Kritik nicht verstanden habe, ist, dass uns vorgeworfen wurde, wir würden uns auf Bild–Niveau begeben. Ich finde es grundsätzlich nicht verwerflich, Leser aufzufordern, Bild spannende Fotos zu schicken. Verwerflich ist, dass bei der Veröffentlichung dieser Fotos das Persönlichkeitsrecht offensichtlich keine Rolle spielt.

Warum macht denn Bild so viele Fehler? Weil sie es will oder weil sie es nicht besser kann?

Beides. Bild macht absichtlich Fehler, Dinge werden falsch dargestellt, weil es dann eine „bessere“ Geschichte wird. Und Fehler entstehen, weil Bild schlampig arbeitet. Wenn man beides zusammenfasst, könnte man sagen, dass vielleicht die Wahrheit bei Bild nicht das Entscheidende ist.

Sondern die Verwertbarkeit?

Ja. Ich glaube, jeder Bild–Mitarbeiter arbeitet unter einem immensen Druck, die bestmögliche Geschichte abzuliefern, und das ist nicht immer die, die am Ende noch zutrifft. Dahinter muss im Einzelfall nicht einmal immer eine böse Absicht stecken. Anders ist es bei Themen, wo Bild eine Agenda hat, bei der Rente zum Beispiel. Für Bild lohnt es sich einfach, jeden Tag aufzuschreiben, dass die Renten nicht sicher sind, selbst wenn sie dafür Argumente erfinden oder Tatsachen verdrehen muss.

Kann es denn eine Bild-Zeitung ohne Fehler überhaupt geben?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Wallraff hat vor 30 Jahren in seinen Büchern Mechanismen beschrieben, bei denen ich das Gefühl habe, die gelten heute immer noch. Dieses Stille-Post-Spiel zum Beispiel, dass am Ende jemand die Überschriften über den Text macht, der die Ursprungsfassung gar nicht kennt.

Wenn sich über so lange Zeit nichts ändert, ist es dann das System Bild, dass die Fehler hervorruft?

Es ist das Prinzip, auf jeden Mitarbeiter den Druck aufzubauen, die Geschichte zu liefern, die zur größten Schlagzeile taugt. Das führt im besten Fall dazu, dass Bild Sachen herausfindet, die andere nicht herausfinden. Aber oft genug führt es dazu, dass Leute aufschreiben, was sie oder ihre Vorgesetzten für die gute Geschichte halten. Ich weiß nicht, ob Bild ohne dieses Prinzip funktionieren kann, ob man Bild revolutionieren oder reformieren kann.

Sehen Sie sich denn selbst als Chronisten oder als Entertainer?

In diesem Gegensatz zu 100% Chronist, wobei: Chronist klingt mir fast zu unbeteiligt. Was wir machen, hat auch etwas Kämpferisches. Aber mir ist klar, dass uns Leute lesen, weil wir etwas Lustiges über Bild schreiben.

Passt Idealist besser als Chronist?

Ja. Darf ich das nachträglich nehmen?

Angenommen, Sie wären Chef einer großen Tageszeitung. Würden Sie einen Redakteur einstellen, der bei Bild gearbeitet hat?

Das kommt auf den Einzelfall an. Halb im Scherz könnte ich sagen, man muss diesen Menschen ja auch eine Perspektive geben. Ihnen Wege aufzeigen, aus dem Unrechtssystem Bild herauszukommen.

Und Ihre Perspektive? Wenn man böse wäre, könnte man sagen, Sie haben schon fast Ihr ganzes Leben lang genörgelt, was wollen Sie denn als Rentner noch machen?

Vielleicht werde ich dann zum positiven Menschen, weil ich mich so ausgenörgelt habe, und schreibe Rosamunde-Pilcher-Romane. Ich halte das für sehr unwahrscheinlich.

Aus: „Klartext — Das Magazin der Deutschen Journalistenschule“. Nummer 11. Lehrredaktion 45K.

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