And mostly what I need from you

BBC-Chef Michael Grade ver­lässt den Sen­der, um Chef der kom­mer­zi­el­len Kon­kur­renz ITV zu wer­den. Die Exklusiv-Meldung des »Daily Tele­graph« ist eine Sen­sa­tion und ein Schlag für die BBC. Oder in den Wor­ten des »Telegraph«:

Grade’s defec­tion will stun col­lea­gues and cause may­hem inside the BBC …

Ich wette: Jedes deut­sche Medi­en­un­ter­neh­men, das ähn­lich mit so ungüns­ti­gen Neu­ig­kei­ten in die Schlag­zei­len geriete, würde die Mel­dung in sei­ner eige­nen Bericht­er­stat­tung ver­ste­cken, her­un­ter­spie­len, schönfärben.

Und die BBC?

Macht mit der Mel­dung aktu­ell die UK-Ausgabe ihrer Nach­rich­ten­seite auf. Schreibt gleich im zwei­ten Absatz des län­ge­ren Arti­kels:

The move will be a blow to the BBC, …

Und zitiert dann den Res­sort­lei­ter Wirt­schaft des Sen­ders mit den Worten:

»The timing of Michael Grade’s depar­ture to ITV could hardly be worse for the BBC. … As one mem­ber of the BBC board of gover­nors put it to me, it’s a mess.«

Noch ein­mal: Das sagt ein lei­ten­der BBC-Mann. In einem gro­ßen BBC-Artikel. Auf der BBC-Seite. Über die BBC.

Dafür liebe ich diese Anstalt.

Nach­trag. Und einen Tag spä­ter gibt’s auch noch einen klei­nen Blick hin­ter die Kulis­sen. Wie cool ist das.

Ein Tag wie jeder andere

Der 26. Novem­ber 2006 war ein beson­de­rer Tag für Hans-Jürgen Jakobs. Er musste gleich drei Arti­kel für die heu­tige Medi­en­seite der SZ schrei­ben, die er verantwortet.

Ein Arti­kel han­delt von Ulrich Wickert. Jakobs beginnt ihn mit den Worten:

»Der 31. August 2006 war ein beson­de­rer Tag für Ulrich Wickert (…)«

Ein zwei­ter Arti­kel han­delt von Nina Ruge. Jakobs beginnt ihn so:

»Der 3. Februar 1997 war ein beson­de­rer Tag für Nina Ruge (…)«

Hm.

Als Jakobs letz­tes Jahr einen Arti­kel über den Bör­sen­gang von Pre­miere ver­fasste, begann er ihn mit den Worten:

»Mitt­woch war ein beson­de­rer Tag für ARD und ZDF (…)«

Als Ara­bella Kies­bauer 2004 mit ihrer Talk­show auf­hörte, schrieb Jakobs einen Arti­kel, den er mit den Wor­ten begann:

»Der 6. Juni 1994 war ein beson­de­rer Tag für den Sen­der Pro Sieben.«

Und als Leo Kirch vor zwei vier Jah­ren Springer-Chef Döpf­ner zuset­zen wollte, begann Jakobs sei­nen Text mit den Worten:

»Der 27. Juli 1989 war ein beson­de­rer Tag für den Axel Sprin­ger Verlag.«

Was ich noch fragen wollte

Zwei Kol­le­gen von der »Süd­deut­schen« schrie­ben ges­tern über Pläne in der ARD, »Harald Schmidt« nur noch ein­mal die Woche aus­zu­strah­len, dafür aber eine Stunde lang. Die Quo­ten hät­ten sich — ver­mut­lich wegen der unüber­sicht­li­chen Lage, wann die Sen­dung über­haupt läuft — kon­ti­nu­ier­lich verschlechtert.

Und dann steht da die­ser Satz:

»Obwohl Harald Schmidt nicht in Quo­ten, son­dern in bran­chen­in­ter­ner Auf­merk­sam­keit zu mes­sen ist, demo­kra­ti­sie­ren schlechte Zah­len, zumal in der viel­stim­mi­gen Büro­kra­tie ARD, offen­bar jedes Format.«

Und meine Frage lautet:

Hä?

Dr. Frank Hubers Relevanz

(Ich weiß, dass ich’s bereuen werde, die­ses Fass wie­der auf­zu­ma­chen, aber ich kann’s nicht lassen.)

Dok­tor Frank Huber bie­tet jetzt Blog-Betreibern die Mög­lich­keit, auf sei­nem Blog zu wer­ben. Um sie »bei der Umset­zung effi­zi­en­ter Ver­mark­tungs­stra­te­gien zu unter­stüt­zen«. Und hey, mit der gewal­ti­gen Markt­macht des »1First Media Blogs« im Rücken, da kann so ein Blog schon rich­tig abgehen.

Wie­viele Leser hat Hubers Seite noch­mal genau? Herr Huber macht lei­der nur Anga­ben zu den täg­li­chen »Sei­ten­ab­ru­fen«. Inner­halb eines Monats ent­wi­ckel­ten die sich laut Huber von »ca. 1000″ und »über 2500 … Ten­denz stei­gend« auf »der­zeit ca. 2000″.

Das klingt vage. Zum Glück lässt sich das »1First Media Blog« von Blogscout zäh­len, da kann man das ja genau nach­se­hen. Der Über­sicht hal­ber tra­gen wir ein­fach nur den ent­schei­den­den Bereich von 1000 bis 2500 Impres­si­ons auf und tra­gen mit einer fet­ten roten Linie ein, wie sich die Sache entwickelt:

Oh.

Laut Blogscout hat sich Herrn Hubers Blog im ver­gan­ge­nen Monat gar nicht zwi­schen 1000 und 2500 Zugrif­fen bewegt, son­dern etwa zwi­schen 60 und 420. An den meis­ten Tagen hatte sein Blog laut Blogscout nicht ein­mal ein Zehn­tel soviele Impres­si­ons, wie Huber unter Bezug auf »Awas­tats« als »Zugriff« meldet.

Aber, hey, Quan­ti­tät ist nicht alles, und Hubers Blog ist ja, laut Huber, aktu­ell immer­hin auf »Platz 31 der deut­schen Busi­ness Blog Charts«. Außer, dass das gar nicht stimmt. Hubers Blog ist nur auf Platz 82. Huber gibt ein­fach die Plat­zie­rung in einer ein­zel­nen Bran­che als Gesamt­plat­zie­rung aus.

Wie dem auch sei, bestimmt hat so ein Ban­ner auf Hubers Blog posi­tive Effekte. Huber schreibt: »Durch die erfol­gende Ver­lin­kung kann poten­zi­ell der Google-PR des bewor­be­nen Blogs gestei­gert wer­den.« Der »Google-PR« ist der »Page­Rank«, das Google-Maß für die Rele­vanz einer Seite. Zei­gen rele­vante Sei­ten auf eine bestimmte Seite, nimmt Google an, dass auch diese Seite rele­vant ist. Durch sol­che Ver­lin­kun­gen von Sei­ten mit hohem Page­Rank kann eine Seite also ihren eige­nen Page­Rank stei­gern und wird in den Google-Ergebnissen wei­ter oben ange­zeigt werden.

Diese Sei­ten hier haben aktu­ell einen Page­Rank von 4, BILD­blog von 6, Bild.de von 7.

Der Page­Rank von Hubers Blog ist 0.

Das Internet, exklusiv bei Welt.de

Am Frei­tag erst haben diverse Springer-Blätter »Deutsch­lands moderns­ten News­room« gegrün­det und die Devise »Online first« aus­ge­ge­ben — heute schon fei­ert Welt.de einen klei­nen Scoop im Zusam­men­hang mit dem Amok­läu­fer von Emsdetten:

»WELT.de liegt ein Tage­buch aus den Jah­ren 2004/2005 vor.«

Sen­sa­tio­nell. Und wie kamen die Kol­le­gen daran?

»WELT.de fand das Tage­buch im Internet.«

Im Inter­net, na sowas.

Die Recher­che war, ver­mut­lich, nicht so schreck­lich auf­wen­dig. Es reicht, in eine Such­ma­schine »resis­tantx« ein­zu­ge­ben, den bekann­ten Nick­name des Amok­läu­fers. Seine Livejournal-Seiten sind dann unter den ers­ten Treffern.

Und sie sind noch immer da. Mit ande­ren Wor­ten: Nicht nur WELT.de liegt das Tage­buch aus den Jah­ren 2004/2005 vor. Der gan­zen Welt liegt es vor. Aber glau­ben Sie, der Welt.de-Artikel, der aus­führ­lich aus die­sem Tage­buch zitiert, würde irgendwo einen Link auf die Quelle set­zen? Damit der Leser sich ein eige­nes Bild machen kann, unge­fil­tert von der Aus­wahl des Journalisten?

Aber nein. WELT.de tut so, als sei das ein hand­fes­tes Tage­buch, das nur die­ser Redak­tion vor­liege. Und sowas Exklu­si­ves gibt man natür­lich nicht aus der Hand.

Es ist wohl auch in »Deutsch­lands moderns­tem News­room« noch ein wei­ter Weg, bis Jour­na­lis­ten begrei­fen, wie sehr das Inter­net ihre Arbeit ver­än­dern wird.

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