Der Fluch der Gleichgültig (3)

25 Nov 07
25. November 2007

Für Artikel, die irgendwelche journalistischen oder sprachlichen Mindeststandards erfüllen, scheint das Wochenende nicht ideal zu sein. Nach stern.de blamiert sich diesmal Spiegel Online mit einem Stück über die Kontroverse um die Oxford Union. Der berühmte Debattierclub der Universität hat den verurteilten Holocaust-Leugner David Irving und den Chef der rechtsextremen BNP, Nick Griffin, zu einer Debatte über die Grenzen der freien Meinungsäußerung eingeladen, die morgen stattfinden soll.

Spiegel Online schreibt:

Verteidigungsminister Browne und der ehemalige Staatsminister Denis McShane haben ihre Teilnahme bei der Oxford Union schon abgesagt.

Richtig ist: Sie haben wegen der Einladung Irvings und Griffins ihre Teilnahme an anderen Veranstaltungen der Oxford Union abgesagt. Zu der mit Irving und Griffin waren sie nicht eingeladen.

Spiegel Online schreibt:

Mehr als 1000 Unterschriften versammelt eine an Premier Gordon Brown gerichtete Petition, die das Verbot der Veranstaltung verlagt [!].

Die Petition rief Brown nur dazu auf, die Veranstaltung zu verurteilen.

Spiegel Online schreibt:

Für Like Tryl, den Präsidenten der Oxford Union, geht der Protest an der Sache vorbei. Die Veranstaltung solle dazu dienen, Irving und Griffin zu attackieren. „Sie am Auftritt zu hindern wird sie nur zu Märtyrern der freien Rede machen“, erklärte er dem „Guardian“.

Der Mann heißt Luke Tryl und hat das nicht dem „Guardian“ gesagt (vermutlich meint „Spiegel Online“ ohnehin den „Observer“), sondern in einer Erklärung an die Mitglieder, die er auf der Internetseite der Union veröffentlichte.

Spiegel Online schreibt:

Die Studentengewerkschaft hat eine Kundgebung im Rahthaus [!] von Oxford geplant, zu der auch Holocaust-Überlebende erscheinen sollen.

Die Kundgebung hat am vergangenen Dienstag stattgefunden.

Vielleicht wäre es ein Option, wenn die deutschen Nachrichtenportale im Internet einfach am Wochenende zumachten. Ich meine, die meisten gedruckten Zeitungen erscheinen ja sonntags auch nicht, warum sollen sich ihre Online-Ableger unnötig verausgaben?

[Mit Dank an Valentin Langen!]

Nachtrag: Spiegel Online hat teilweise nachgebessert und einen „Hinweis der Redaktion“ hinzugefügt. Als Quelle für Luke Tryls „Märtyrer“-Aussage wird nun nicht mehr der „Guardian“ genannt, sondern der „Observer“. Tatsächlich stammt sie — wie gesagt und im „Observer“ angegeben — aus seiner Botschaft an die Mitglieder, die auf der Homepage der Oxford Union steht. Vielleicht ist das aber auch egal.

2. Nachtrag: Nun stimmt’s im „Hinweis der Redaktion“, aber immer noch nicht im Artikel. Hilfe.

Diekmanns Dank

25 Nov 07
25. November 2007

Ich lese gerade Kai Diekmanns Großen Selbstbetrug, und weil ich die Spannung nicht mehr aushielt, habe ich schon mal nachgesehen, wie’s ausgeht. (Kl. Scherz.)

Jedenfalls ist die Danksagung auf der letzten Seite bemerkenswert. Anscheinend hat die halbe „Bild“-Redaktion beim Schreiben des Buches mitgeholfen. Alle Gelbmarkierten sind (teils ehemalige) „Bild“-Autoren:

Zwischen den Namen der Kollegen stehen die von Utz Claassen und Joachim Hunold. Das ist auch nur halb überraschend.

Den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von EnBW Claassen kürte „Bild“ in zwei Jahren gleich dreimal zum „Gewinner“ des Tages: Dafür, dass er als erster Ausländer mit dem „Kreuz des Ordens des Heiligen Nikolaus“ geehrt wurde (23.07.2005), dafür, dass sein Unternehmen Trikot-Sponsor der Erst– und Zweitligaspitzenreiter Stuttgart und Karlsruhe war (14.11.2006) und dafür, dass sein Unternehmen Trikot-Sponsor von Meister Stuttgart und Aufsteiger Karlsruhe war (21.05.2007). Dreimal traf sich Oliver Santen mit Utz Claassen zu einem seiner berüchtigten großen Interviews (03.04.2006, 10.01.2007, 29.09.2007), ohne auch nur einmal die vielfältigen Vorwürfe gegen den Manager zu erwähnen. „Bild“ druckte Claassens Buch „Mut zur Wahrheit“ als fünfteilige Serie vorab und schenkte ihm eine Folge der Reihe „So gibt’s neue Jobs“, in der „die wichtigsten Chefs“ in „Bild“ „erklärten“, „wie es mit Deutschland wieder aufwärtsgeht“.

Der Air-Berlin-Chef Joachim Hunold bekam nur ein Gespräch mit Oliver Santen (6.3.2007) und einen Gastbeitrag in der Serie „Eurokraten entmachten unsere Politik!“, wurde dafür aber achtmal „Gewinner“ des Tages (7.10.2003, „BILD meint: Guten Flug!“; 30.01.2004, „BILD meint: Keine Luftnummer!“; 9.9.2004, „BILD meint: Willkommen im Club der Dichter!“; 29.6.2005, „BILD meint: Überflieger!“; 12.10.2005, „BILD meint: Überflieger!“; 5.11.2005, „BILD meint: Überflieger!“, 9.3.2006, „BILD meint: Überflieger!“; 27.2.2007, „BILD meint: Himmelsstürmer!“).

Ein bisschen gestaunt habe ich, dass Roger Köppel, der frühere „Welt“-Chefredakteur und heute Besitzer und Chefredaktor der Schweizer „Weltwoche“, als Korrektor und Hinweisgeber in der Danksagung auftaucht. Oder sagen wir so: Welcher Leser von Köppels „Weltwoche“-Interview mit Diekmann hätte das geahnt? Es beginnt es so:

Kai Diekmann, wir haben drei Jahre im gleichen Konzern zusammengearbeitet, trotzdem sind Sie mir persönlich undurchsichtig geblieben. Wer sind Sie eigentlich?

(Das ist natürlich nichts im Vergleich zu Köppels sagenhaft irreführender Frage nach der Berichterstattung über Thomas Borer.)

Bleibt nur die Frage: Wer ist Dr. Otto C. Hartmann?

Super-Symbolfotos (32)

22 Nov 07
22. November 2007

Fast erscheint mir hier schon die fröhliche Ironie meines Rubrikentitels unangemessen, aber sehen Sie selbst, was dem Online-Auftritt der österreichischen Zeitung „Die Presse“ eingefallen ist:

[entdeckt von Sönke Klüss]

Zehn Minuten Recherche

21 Nov 07
21. November 2007

Ich verstehe es nach wie vor nicht. Geschenkt: Die Leute, die bei Online-Medien arbeiten, sind schlecht ausgebildet, verdienen wenig, haben keine Zeit. Aber wenn bei Angeboten wie „Spiegel Online“ oder sueddeutsche.de, wo Agenturmeldungen nicht automatisch durchgeschleift werden, ein Mitarbeiter eine Meldung auf den Tisch bekommt wie diese von AFP über eine Meinungsumfrage unter demokratischen Wählern in Iowa: Hat der dann nicht einmal die zehn Minuten, die es dauern würde, bei einem der beiden Auftraggeber dieser Umfrage vorbeizusurfen oder bei Google nach amerikanischen Medien zu suchen, die darauf Bezug nehmen? Er könnte auf diese Weise leicht noch ein, zwei interessante Details finden, die nicht in der deutschen Agenturmeldung stehen und die die eigene Meldung dann von der Massenware der Konkurrenz absetzen würden. Er könnte Hilfe bekommen bei der Interpretation der Nachricht. Er könnte die Originaldaten entdecken (ABC News, „Washington Post“). Und er könnte sogar merken, dass die Meldung von AFP (wie so viele Agenturmeldungen) fehlerhaft ist.

Denn anders als AFP behauptet, ist Barack Obama laut der Umfrage von Washington Post und ABC in Iowa nicht an der „bisherigen Favoritin“ Hillary Clinton „vorbeigezogen“. Obama lag bereits bei der letzten Umfrage im Juli vor Clinton und hat den knappen Vorsprung nur ein wenig ausgebaut.

Das wäre ganz leicht herauszufinden gewesen, man hätte trotzdem eine Meldung gehabt, sogar eine korrekte, und ich behaupte: Mehr als zehn Minuten Recherchezeit wären dafür nicht nötig gewesen.

Und trotzdem steht bei sueddeutsche.de ein Artikel: „Obama zieht in Iowa an Clinton vorbei“.

Und Spiegel Online titelt noch abwegiger: „USA: Obama zieht an Clinton vorbei“ und fantasiert von einem „überraschenden Ergebnis einer Umfrage zur US-Präsidentschaftswahl“.

Woran liegt das? Mangelt es an Zeit? An Kenntnissen? Oder nur am Willen? Ist der Gedanke, sich beim Verwandeln einer Agenturmeldung in einen eigenen Artikel nicht ausschließlich und vollständig auf diese eine Agenturmeldung zu verlassen, völlig abwegig? Warum nutzen ausgerechnet Onlinejournalisten nicht die fantastischen Möglichkeiten der schnellen Onlinerecherche, um ihre Artikel besser zu machen?

PS: Na gut, es ist vielleicht nicht nur eine Frage des Onlinejournalismus. Mit schlafwandlerischer Sicherheit haben sich natürlich auch die Rechercheprofis von „Bild“ die Falschmeldung herausgesucht, um Clinton in der Zeitung von heute zur „Verliererin“ des Tages zu erklären, nicht ohne den AFP-Fehler richtig breit zu treten:

„Bislang lag Hillary Clinton (60) in allen Umfragen für die US-Präsidentschafts-Kandidatur der Demokraten klar vorn. Jetzt zog ihr Rivale Barack Obama (46) an ihr vorbei.“

Nachtrag, 22. November. ts weist in den Kommentaren zu Recht darauf hin, dass Clinton in den Umfragen anderer Institute in den vergangenen Wochen tatsächlich vor Obama lag. So gesehen ist die AFP-Formulierung richtig, Obama sei an Clinton „vorbeigezogen“. Genauer gesagt: wieder vorbeigezogen, denn auch „Newsweek“ sah ihn vor eineinhalb Monaten schon mit vier Prozentpunkten vor Clinton.

Endlich ein neues Porträtfoto!

20 Nov 07
20. November 2007

Oh, Mist. Mit dem Mietwagen zu schnell gefahren.

Und angesichts des beigefügten Beweisfotos ist Leugnen wohl sinnlos.