Programmhinweis

22 Jun 07
22. Juni 2007

Am Samstagabend versuchen wir uns wieder einmal am Fernseh-Liveblogging. Anlass ist die diesjährige Sommerausgabe von „Wetten, dass…?“, live aus Mallorca. Mit Roberto Blanco! Dieter Bohlen! Mark Medlock! Regina Halmich! Liz Hurley!

Und mit Peer und mir. Samstag, 20.15 Uhr. Hier.

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Reden ist Silber, Löschen ist Gold

22 Jun 07
22. Juni 2007

Ich weiß nicht, ob der „Welt“-Reporter in Brüssel übernächtigt war oder zuviel vom Riesling probiert hat oder doch nur die Tastatur seines Laptops klemmte, bevor er dies bloggte:

Ich würde das nicht aufspießen, wenn „Welt Online“-Oberchef Christoph Keese nicht vor ein paar Wochen so getönt hätte:

Im Journalismus gibt es keinen Einhandbetrieb, sondern Autoren, die Texte schreiben, und Redakteure, die Texte bearbeiten, oft in einem vielstufigen Verfahren. Erst dadurch entsteht professioneller Journalismus.

Gute Redaktionen lesen Texte in drei, vier oder fünf unterschiedlichen Stufen gegen, bevor diese veröffentlicht werden. Was am Ende in der Zeitung oder online erscheint, ist Teamarbeit.

[… Künftig werden] alle Blogs eigener Redakteure vor der Veröffentlichung gegengelesen.

Lustigerweise hat die „Welt“ gestern sämtliche Blog-Einträge, die Keese selbst in seinem „Welt Online“-Blog „Im Newsroom“ geschrieben hat, per RSS-Feed noch einmal verschickt:

Quasi als Abschiedsgruß, denn die Einträge sind nicht mehr da. Und das Blog auch nicht. Wer auf die Links klickt, bekommt nur eine Fehlermeldung. Der „Welt Online“-Chef bloggt nicht mehr vom „Balken hoch über Berlin“, wie er das am 24. April in seinem ersten von insgesamt drei Einträgen nannte.

Das ist vielleicht ein bisschen peinlich, aber nicht sehr. Denn das ist (unter anderem) so schön am Bloggen: Man kann es einfach ausprobieren, es kostet nichts, und wenn man merkt, dass es nicht funktioniert — warum auch immer — lässt man es wieder.

Schlimm ist aber, dass die „Welt“ sich wieder nicht traut, mit ihren Lesern zu kommunizieren. Keeses Blog-Einträge sind einfach gelöscht worden, zusammen mit schätzungsweise ein paar Dutzend Leserkommentaren. Ohne Spuren, ohne Erklärung, nur mit einer Meldung, die den Fehler beim Leser sucht. Welcher Zacken wäre Keese aus der Krone gebrochen, wenn er seinen Lesern noch einen kurzen letzten Eintrag geschenkt hätte, mit ein, zwei Sätzen der Erklärung (Keine Zeit / Aufwand überschätzt / Vielbeschäftigter Chefredakteur / Nur ein Experiment / Trotzdem Dank an die Leser / Verweis auf andere lesenswerte „Welt“-Blogs)?

Zum Relaunch von „Welt Online“ schrieb Keese den Lesern:

Wir wollen uns von einem Sendemedium zu einem Dialogmedium wandeln.

Und zum Start von „Welt Debatte“ hatte sein Kommentarchef Vollzug verkündet:

Damit entwickelt sich WELT ONLINE endgültig vom sender– zum dialogorientierten Medium und ermöglicht den Nutzern ein Höchstmaß an Interaktivität und Offenheit.

[via]

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Die Preisfrage

20 Jun 07
20. Juni 2007

Ich habe lange überlegt, ob ich nach Köln fahren soll, um dort heute den Grimme-Online-Award in Empfang zu nehmen, und Freunde und Kollegen nachhaltig mit meinem Endlosgegrübel genervt.

Ein netter Kollege von dpa fragte gestern den Tag über immer wieder nach, ob ich mich schon entschieden hätte oder ihm wenigstens eine Tendenz sagen könnte. Denn wenn ich führe, sei das Thema für die Agentur abgeschlossen. Wenn nicht, müsse man das noch mal ganz neu aufziehen.

Natürlich schmeichelt es meiner Eitelkeit, wenn eine persönliche Entscheidung plötzlich angeblich Nachrichtenwert hat. Aber eigentlich war mir das nicht Recht. Ich wollte kein großes Statement gegen das Grimme-Institut abgeben. Aber ich wollte eigentlich auch nicht Teil dieses Rummels in Köln sein und auf der Bühne stehen und gute Miene zum bösen Spiel machen.

Denn das waren dann doch zu viele Pannen und Fehler in diesem Jahr. Ein Preis, der professionell gemachte Internet-Angebote auszeichnen will, kann sich nur ein begrenztes Maß an Unprofessionalität leisten. Er müsste zum Beispiel wissen, wie man eine Zuschauerabstimmung so organisiert, dass sie nicht Stunden zu früh plötzlich zuende ist. Er müsste wissen, was für eine Aufregung entsteht, wenn es auffällt und man hinterher womöglich noch fadenscheinige Entschuldigungen sucht.

Ich kann auch nicht verstehen, dass weder die Jury noch das Grimme-Institut vorausgesehen haben, wie ihre Entscheidung, das Angebot eines Jury-Mitgliedes „nachzunominieren“ (ohnehin ein erklärungsdürftiger Prozess), in der Öffentlichkeit wirken würde. Entweder hätten sie diese Entscheidung gar nicht treffen dürfen (wovon ich immer noch überzeugt bin), oder sie hätten sie viel früher und gründlicher auf die Kritik eingehen müssen.

Viele der Kritiker aber haben bis heute den Ablauf der Entscheidungen nicht richtig verstanden. Sie sehen in der Entscheidung der Jury, den nachnominierten Kandidaten aus ihrer Mitte nun auch noch auszuzeichnen, eine Bestätigung dafür, dass die Jury die Kritik nicht nur ignoriert, sondern sich auch noch extra trotzig über sie hinwegsetzt. Dabei ist diese Entscheidung bereits vor dem ganzen Wirbel gefallen. Und wer das Abstimmungsverfahren bei Grimme kennt (ich war einige Male in der Jury des Grimme-Fernsehpreises), weiß: Wenn eine Jury jemanden nachnominiert, hält ihn eine Mehrheit der Jury vermutlich auch für preiswürdig — deshalb sind Nachnominierte immer besonders heiße Kandidaten dafür, tatsächlich einen Preis zu bekommen.

Dass die Abläufe, die manche Verschwörungstheorie widerlegen, vielen Kritikern nicht bekannt sind, liegt zum Teil daran, dass einige von ihnen seit Wochen so sehr damit beschäftigt sind, laut zu brüllen, dass sie inzwischen nur noch ihre eigenen Echos hören. Aber es liegt auch an der Unfähigkeit Grimmes, sie zu erklären. Gerade im Internet und mit den Mitteln des Internets.

Einige der Stellungnahmen des Veranstalters in den letzten Tagen deuten leider darauf hin, dass man das in Marl immer noch nicht verstanden hat. Dass man immer noch glaubt, alles sei letztlich richtig gelaufen, abgesehen von ein paar Pannen, für die man nichts könne. Eine Sprecherin sagte gestern zum Beispiel, erst durch „nicht ganz korrekte Darstellungen in einigen Blogs“ seien die Vorgänge zum Skandal geworden. Mit Verlaub: Das zu sagen, ist unklug und falsch. Die Nachnominierung eines Jury-Mitglied darf man auch bei korrektester Darstellung für einen „Skandal“ halten. Und übrigens auch dann, wenn die Regeln des Grimme-Online-Awards bei dieser Entscheidung penibel eingehalten worden sind. Wie Martin Schöb gestern in der „taz“ schrieb:

Auch hier wurden die Statuten also nicht verletzt, wie Uwe Kammann, Direktor des Grimme-Instituts, in einer Stellungnahme schreibt. Das stimmt, spricht aber umso klarer gegen die Statuten.

Ich finde, es gibt zu Recht viel Kritik am Grimme-Online-Award in diesem Jahr — vor allem beunruhigt mich, wie wenig die Veranstalter dieses Internet-Preises das Internet verstanden zu haben scheinen.

Aber manche Kritik ist maßlos, hysterisch und abwegig. Zum Teil zielt sie erkennbar ohnehin nicht auf den Preis, sondern nutzt ihn nur, um mit anderen Gegnern abzurechnen. Zum Teil steckt dahinter anscheinend auch die Lust an der gemeinsamen Jagd auf ein leichtes Opfer.

Der massivste Vorwurf ist der der „Mauschelei“; er ist auch der unbegründetste. Wenn es die Absicht der Jurymitglieder gewesen sein sollte, einem befreundeten Kollegen „mit undurchsichtigen Geschäften“ oder „nach geheimen Absprachen“ (die Bedeutung von „mauscheln“) einen Award zuzuschustern, sind sie die schlechtesten Mauschler der Welt. Sollte mit „Mauschelei“ eigentlich „Vetternwirtschaft“ gemeint sein, muss die Jury im Fall des „Elektrischen Reporters“, wie gesagt, mit diesem Vorwurf leben. Jenseits dieses Einzelfalls sehe ich aber keine Indizien, die es rechtfertigen würden, die Entscheidungen der Nominierungskommission und der Jury pauschal durch diesen Vorwurf zu entwerten. (Mehr dazu habe ich hier schon einmal aufgeschrieben.)

Es ist ja auch nicht so, dass es inhaltlich absurd wäre, den „Elektrischen Reporter“ in diesem Jahr auszuzeichnen. Absurd ist es nur deshalb, weil sein Betreiber in der Jury saß. (Wie berechtigt die Preise im Einzelnen sind, wer stattdessen eine Auszeichnung verdient hätte, darüber wird ja leider fast gar nicht diskutiert. Auch daran trägt Grimme eine Mitschuld – aber die Blogger zum Beispiel könnten es einfach ändern.)

Ich halte das Grimme-Institut für eine der unbestechlichsten Institutionen in der deutschen Medienlandschaft. Man kann Grimme vieles vorwerfen – aber dass sie korrupt seien? In der Jury des Grimme-Fernsehpreises hatten wir alle Freiheiten. Niemand sagte uns, „öhm, schön wär aber auch, mehr Sendungen vom ZDF auszuzeichnen“. Keiner räusperte sich auch nur, als wir einmal dabei waren, Heinrich Breloer, einen der Säulenheiligen des Instituts, bewusst leer ausgehen zu lassen.

Man kann mir natürlich vorwerfen, als Preisträger und Juror selbst schon Teil des korrupten Grimme-Systems zu sein. Man kann überhaupt allen alles vorwerfen und man wird, wenn man nur verblendet genug ist, für jede seiner Verschwörungstheorien Indizien finden. Man riskiert damit aber, eine Institution wie Grimme, mutwillig und dauerhaft zu beschädigen — und das noch unter dem scheinheiligen Vorwand, sie retten zu wollen. Ich glaube, wir brauchen so eine Institution wie Grimme. Und ich glaube, wir brauchen einen Preis wie den Grimme-Online-Award. Ich wüsste (trotz allem!) keinen renommiertere Auszeichnung im deutschen Internet, und ich glaube (so sehr das altehrwürdige Institut sichtlich mit dem Medium Internet fremdelt), dass es eine gute Heimat für einen solchen Preis ist.

Jedenfalls bin ich jetzt in Köln, gehe gleich zu der Verleihung und bin wild entschlossen, mich über meinen Preis zu freuen und sogar ein bisschen stolz zu sein. Und ich hoffe sehr, dass Grimmes merken, dass es nicht nur an den bösen Bloggern liegt, dass ihr schöner Preis in Verruf geraten ist, sondern auch an ihnen. Und dass sie das bis zum nächsten Jahr ändern können und müssen.

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Nach unten offen

19 Jun 07
19. Juni 2007

Sehr lustig finde ich übrigens, wie sehr die Kollegen beim Versuch, dieses Blogdings zu beschreiben, um Worte ringen. dpa zum Beispiel hat sich für die schöne Formulierung entschieden:

Zu den sechs Ausgezeichneten in drei Kategorien gehört der Medienjournalist Stefan Niggemeier, der für seinen nach ihm benannten Blog ausgezeichnet wird (…).

Und was lobt die Jury selbst an diesem von mir nach mir benannten Blog vor allem? Das Grimme-Institut weiß es: die „nach unten offenen Kommentarspalten“.

Ich habe keine Ahnung, was damit gemeint ist und inwiefern Öffnungen in andere Richtungen weniger preiswürdig gewesen wären; entscheidend scheinen aber weder die „Kommentare“ noch die „Spalten“ an sich zu sein. Die Agentur epd berichtet nämlich:

Die Juroren lobten die „nach unten offenen Kommunikationsseiten“ des Medienjournalisten Stefan Niggemeier (…).

Pöh.

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Lachen, Lernen und Staunen mit der WAZ

19 Jun 07
19. Juni 2007

Die sind lustig, bei der „WAZ“.

Letzte Woche rief ja der Herr Binder bei mir an, der neue Unternehmenssprecher, und sagte, ich könne jetzt aufhören, die „WAZ“ zu „schlagen“: Sie hätten die Falschmeldung von der G8-Randale längst berichtigt. Auf waz.de. Als ich ihm sagte, dass das, was da steht, keine Berichtigung, sondern eine Verschlimmbesserung ist, weil das Zitat nicht stimmt, beendete er schnell das Gespräch und sagte, da müsse sich Frau Fischer (der Autorin des Textes mit der Falschmeldung) noch einmal drum kümmern.

Ich habe danach nichts mehr von ihm gehört. Die „Korrektur“ mit dem falschen Zitat steht unverändert da.

Am 8. Juni schon hatte ich in der Sache auch eine Mail an Ulrich Reitz geschickt, den Chefredakteur der „WAZ“. Ich fragte ihn:

  • Hat die WAZ diesen Fehler berichtigt?
  • Berichtigt die WAZ grundsätzlich Fehler in ihrer Berichterstattung; gibt es z.B. eine feste Korrekturrubrik?
  • Warum fehlt das Thema Fehlerkorrektur im neuen Verhaltenskodex der WAZ? Glauben Sie, dass es weniger wichtig ist als das Thema Schleichwerbung, wenn es darum geht, das „Vertrauenskapital“, das Regionalzeitungen genießen, nicht zu gefährden?

Ich habe darauf bis heute keine Antwort bekommen.

Aber am vergangenen Donnerstag nahm Reitz an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Printmedien im Wandel“ im Wandel teil und beklagte sich, ohne meinen Namen zu nennen, über meine Impertinenz. „Was soll ich da reagieren“, fragte er sinngemäß und sagte, ebenfalls sinngemäß (ich war nicht dabei): „Ich lasse mir doch nicht meine Agenda aufzwingen!“

Das ist eine interessante Formulierung für einen Journalisten. Denn mal abgesehen davon, dass ich das Thema ja nicht frei erfunden habe, sondern es durch die Weigerung der „WAZ“ aufkam, ihre Leser korrekt zu informieren — machen Journalisten das jeden Tag: anderen ihre „Agenda“ aufzwingen. Sie rufen Politiker, Unternehmen, Sportler, Kulturschaffende an und erwarten Antworten zu den Themen, die sie für wichtig erklären. (Diskussionsteilnehmer hatten das Gefühl, dass Herr Reitz größere Probleme mit dem Gedanken hat, dass auch Journalisten und Medien damit leben müssen, Gegenstand von Berichterstattung und kritischen Nachfragen zu sein. Aber das ist ja nichts Neues.)

Heute saß versehentlich Stephan Holthoff-Pförtner, ein Vertreter der „WAZ“-Gesellschafter, beim Kölner „Medienforum“ auf der Bühne und sagte Sätze wie:

„Blogger verdienen nach meiner Ansicht nicht den Schutz des Artikel 5.“

Besonders gut hat mir gefallen, dass er laut dem Branchendienst DWDL sagte, Bloggen sei „wie Wikipedia“. Dort könne auch schon mal drei Wochen lang stehen, dass der österreichische Kanzler Moser heiße.

Ganz anders als bei der „WAZ“ also. Dort stünde es für immer.

(Mit Dank an Jens!)

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