Halbe Portion

13 Sep 07
13. September 2007

Vielleicht ist ein Grund für meine anhaltende Faszination mit dem real existierenden Online-Journalismus, dass man täglich denkt: „Blöder geht’s nicht“, und damit immer unrecht hat.

Das Online-Angebot der „Süddeutschen Zeitung“, das bekanntlich seit Monaten von einer Qualitätsoffensive erschüttert wird, berichtete am Montag über einen für heute angekündigten Pasta-Streik in Italien. Und illustrierte den Artikel nicht mit dem Foto eines betroffen aussehenden Nudelgerichts, sondern mit dem halben Screenshot eines Artikels der Online-Ausgabe des britischen „Daily Telegraph“, der bereits vor fast zwei Wochen darüber berichtet hat und die Quelle für den sueddeutsche.de-Artikel ist.

Und wenn Sie beim Bewundern der Absurdität des Ganzen bitte auch Bildunterschrift, Bildzuschnitt und Quellenangabe würdigen würden, vielen Dank.

(Entdeckt hat’s der Lukas.)

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Super-Symbolfotos (25–28)

12 Sep 07
12. September 2007

Vermutlich ist es ungefähr so schwierig, mit dem Redaktionssystem eines Online-Mediums einen Artikel ohne Foto zu veröffentlichen, wie einen versehentlich doppelt gebuchten Joghurt an der Supermarktkasse zu stornieren (Durchsage: „Herr Meyer, Artikel-ohne-Foto an Arbeitsplatz 17, Herr Meyer bitte!“ — und dann sucht der Herr Meyer aus seiner Schreibtisch-Schublade den Zettel mit dem geheimen Spezialcode, schiebt sich seufzend durch die Werkbänke, überprüft stirnrunzelnd den Notfall, lässt den Menschen am Computer ein Formblatt unterschrieben und hebt mit dem Code vorübergehend die Artikel-ohne-Foto-Sperre auf).

Gerade beim Thema Wirtschaft und Finanzen ist die Pflicht zur Illustration eine Plage. Die Kollegen von n-tv.de haben aus der Text-Bild-Schere schon eine Kunstform gemacht, und sie sind nicht allein.

Und deshalb spielen wir heute heiteres Symbolfotoraten mit manager-magazin.de.

Fangen wir mit einer leichten Übung an. Welche Entwicklung an den Aktienmärkten illustriert dieses Foto:

Ja, bei n-tv.de würde die Überschrift des zugehörigen Artikels lauten „Aktienhändler geraten ins Rudern“, aber so plump sind sie bei manager-magazin.de nicht. Hier heißt der Artikel „Kreditkrise: Nur eine Atempause“, und der Bildtext geht so:

Luftholen: Die Börsen atmen derzeit tief durch — um dann frisch durchzustarten, meint Fondsmanager Schupp

(Herr Schupp selbst ist übrigens nicht auf dem Foto.)

Jetzt wird es ein bisschen schwieriger. Wir lautet hier der Bildtext?

Richtig:

Unter Druck: Der starke Euro und der hohe Ölpreis lasten auf den Kursen

Wechseln wir ins Ausland und widmen uns diesen freundlichen asiatischen Menschen und ihren Hühnern:

…die vermutlich, als der Reuters-Fotograf sie besuchte, sich nie erträumt hätten, dass unter ihrem Gruppenfoto einmal folgender Satz stehen würde:

Gedränge an der Börse: Chinas Regierung will dagegen ansteuern

(Ohnehin ist der Bildtext dem Foto schon auf halbem Weg entgegen gekommen, denn eigentlich geht es im zugehörigen Artikel darum, dass chinesische Lehrer ihre Schüler vor den Gefahren warnen sollen, an der Börse zu spekulieren.)

Und nun die Zusatzfrage. Denn trotz der gewissen Bebilderungsrenitenz des Themas gibt es natürlich auch bei manager-magazin.de Bildergalerien. Eine aktuelle heißt: „Krisenherde: Das kann die Börsen auf Talfahrt schicken“, und wenn Sie anhand des ersten Fotos jetzt bitte raten wollen, welche Katastrophe für die Börsen hier symbolisisiert wird?

Kalt, ganz kalt.

Die Auflösung:

Doppelte Bedrohung: Das zweifache Defizit der US-Wirtschaft ist eine Bedrohung der Konjunktur — allerdings nur eine latente

 

PS: Eine Art Bonus-Symbolfoto hat der Abfallkalender entdeckt.
(Mit Dank an Nilz und Konstantin!)

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Das Feigenblatt der Hysterie

10 Sep 07
10. September 2007

Ein Arzt hat mir mal erklärt, wie man Psychose und Neurose auseinanderhält. Der Psychotiker glaubt, dass zwei mal zwei fünf ist. Der Neurotiker weiß, dass zwei mal zwei nicht fünf ist, erträgt es aber nicht.

So gesehen ist die heutige „WatchBerlin“-Kolumne von Michel Friedman schwer neurotisch. Sie beginnt mit diesen Worten:

„Mörder. Feige, brutale, gemeine Mörder, das sind sie, die Terroristen, die in Deutschland Bombenanschläge geplant haben und jetzt entdeckt wurden.“

Ich bin sicher, dass Michel Friedman aus seinem Jurastudium genau weiß, was ein Mörder ist. Aber als grobe Annäherung für den Alltag könnten wir uns vielleicht schon auf die Faustregel einigen: kein Toter — kein Mörder.

Ich kann den Impuls schon nachvollziehen, die maximale Abscheu für die Männer auszudrücken, denen vorgeworfen wird, dass sie viele Menschen umbringen wollten, „unschuldige Menschen“, wie man so sagt. Ich kann auch die Hilflosigkeit nachvollziehen, mit der er versucht, diese Leute, wenn er sie sonst schon nicht greifen kann, wenigstens unter möglichst vielen schlimmen Attributen zu begraben: feige, brutal, gemein.

Wobei „feige“ schon ein komisches Wort in diesen Zusammenhängen. Wünschen wir uns mehr „mutige“ Attentäter? Mehr Draufgänger unter den Terroristen? Mehr Leute, die uns zwar vernichten wollen, aber irgendwie nicht so unfair dabei sind, es nicht auf einen Kampf Mann gegen Mann ankommen zu lassen? Wer von einem „feigen Mord“ oder von „feigen Terroristen“ spricht, versucht etwas zu steigern, was nicht mehr zu steigern ist. Das Wort hat keinen Inhalt, aber eine Funktion: Es ist ein Appell an den Zuhörer, sich gefälligst zu empören. Vermutlich unter der Annahme, dass der Zuhörer längst zu abgestumpft ist, sich über „Mörder“ und „Terroristen“ allein genug zu empören.

Nicht weniger als fünfmal in zweieinhalb Minuten nennt Friedman die Terroristen „feige“, und mit jedem Mal mehr sieht man ihn hinter dem Wort hilflos mit den Armen rudern. „Terroristen sind in Wahrheit feige“, sagt er einmal. Und später: „Sie sind anonym, aber sie sind feige Mörder.“ Was ist das denn für ein Gegensatz?

Es ist ein sehr hilfloser, ein hysterischer Beitrag, den Friedman zur Debatte über die nötigen Reaktionen auf die Bedrohung durch den islamistischen Terror leistet. Das wäre an sich nicht schlimm. Schlimm ist, dass die Hysterie sich als Besonnenheit ausgibt. Friedman sagt:

„Auch wenn’s mir wehtut: Ich denke nach. Ich gebe zu: Ich bin nachdenklich geworden.“

Das ist nicht nur unglücklich formuliert, sondern auch sehr unwahrscheinlich. In einer Debatte, in der es vor allem immer wieder darum geht, das richtige Maß zu finden und die schwierige Entscheidung zu treffen, mit welchen drastischen Reaktionen wir das Überleben unserer Freiheit sichern und mit welchen wir sie töten, würde ein nachdenklicher Mensch darauf achten, dass nicht die letzten klaren Begriffe noch ihren Sinn verlieren.

Wer daran gehindert wurde, einen Mord zu begehen, ist kein Mörder. Und Hysterie nicht Nachdenklichkeit.

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Der kleine blaue Elefant

09 Sep 07
9. September 2007

Für den kleinen blauen Elefanten spricht ja auch, dass er nie Gast bei Reinhold Beckmann war. Fast dreißig Jahre Fernsehkarriere und keine Auftritte in Kochshows, keine Homestories, keine Skandale, kein Fremdgerüssel. Nur freundlich-professionelles Trampeln, Schnaufen, Trompeten, sonntags in der „Sendung mit der Maus“. Dabei wüsste man jetzt, wo er seine eigene Show bekommt, natürlich schon gerne mehr über die Hintergründe: War es ihm dann doch irgendwann zuviel, dieses ewige Augengeklimpere? Hat er es nicht mehr ertragen, wie die Maus sich immer ihren Schwanz abstöpseln konnte, um jedes Problem zu lösen? Hat sie sich geweigert, den Namen auf „Die Sendung mit der Maus und dem Elefanten“ zu erweitern, und der Elefant damit gedroht, das lukrative Angebot anzunehmen, bei den Privaten eine Castingshow zu moderieren, nicht ohne vorher exklusiv in der „Bunten“ über die erschütternden Arbeitsbedingungen im WDR-Kinderprogramm auszupacken? Oder war schon das Engagement der gelben Ente der Anfang vom Ende?

Jetzt jedenfalls tritt der kleine blaue Elefant aus der zweiten Reihe und trompetet ab morgen durch seine eigene Sendung, täglich zweimal im Ki.Ka. Sie richtet sich an Zwei– bis Fünfjährige, hat junge schlanke flippige Menschen statt Armin und Christoph und sogar 16:9. Aber sie ist dem Prinzip der Lach– und Sachgeschichten treu geblieben und schafft es auf wunderbare Weise, sichtlich auf ein Vorschulpublikum zu zielen und trotzdem auch für Erwachsene unterhaltsam, charmant und witzig zu sein.

Und auch wenn Friedrich Streich, der Maus und Elefant erfunden hat, einiges an den neuen Animationen nicht behagt: Auch das rosa Kaninchen, der neue Begleiter des blauen Elefanten, mit dem Streich nichts zu tun hat, ist kein Fremdkörper, sondern ein sympathischer Springinsfeld, der beim Denken nett die Ohren verknotet.

Es ist ein gelungener, sehr behutsam modernisierter Ableger, die Kinder singen „Die Welt ist elefantastisch“, und wenn dem kleinen Blauen der plötzliche Ruhm nicht zu Kopf steigt, ist es ihm zu gönnen, endlich aus dem Schatten der Maus zu treten.

Aber nicht dass Manuel Andrack und Gundula Gause jetzt auf dumme Gedanken kommen!

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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Murat Kurnaz bloggt nicht

06 Sep 07
6. September 2007

Testfrage: Wer ist dieser Mann?

Nein, es ist nicht Murat Kurnaz. Er sieht ihm, genau genommen, nicht einmal ähnlich. Da scheint jemand eine andere Gesichtspartie in ein bekanntes Foto von Murat Kurnaz kopiert zu haben.

Nächste Testfrage: Von wem ist dieses Blog?

Nein, es ist nicht von Murat Kurnaz.

Aber wäre es nicht toll, wenn es von ihm wäre? Wir könnten alle bloggen: „Murat Kurnaz bloggt!“, und uns an dem, was wir da lesen, abarbeiten.

Es ist kein Zufall, dass „Politically Incorrect“ mit seinem neorassistischen Umfeld zu den ersten gehörte, die auf das Blog hinwiesen und behaupteten, es stamme von Kurnaz:

Der zotteligste Unschuldige aller Zeiten — Murat Kurnaz — hat jetzt einen eigenen Internetauftritt. Dort findet man Aussagen wie diese: „Steinmeier… ein Bürokrat des Todes, der deutschen Lagerverwaltungstradition folgend“.

Zu diesem Zeitpunkt fanden sich in dem Fake-Blog auch noch Formulierungen wie diese:

„Nach einigen Tagen bei meiner Familie nun wieder alleine in der Stadt. Egal wohin ich gehe: man kennt mich bereits. Egal — jeden Abend Kokain, mit einem Amerikaner aus L.A. der mir wie ein CIA-Mann vorkommt. Paranoid? An jedem Abend 1000 Euro, die den Besitzer wechselten und das Kokain war offenbar gerade noch okay… Was soll’s jetzt ist es vorbei.“

Gemeinsam mit den Lesern schafften es die „Politically Incorrect“-Macher sogar später in den Kommentaren, selbst die Vermutung, die Texte seien nicht echt, noch gegen Kurnaz auszulegen: Das Deutsch sei viel zu gut, als dass er, der Türke, der Hauptschüler, es geschrieben haben könnte.

Auch kein Zufall, dass ein Mitglied der „Achse des Guten“ von Broder & Co., die auch so gerne politisch unkorrekt wäre, das Blog aufgriff und nutze, sich über Kurnaz lustig zu machen. David Harnasch hält sich nur eine Klammer lang mit der Möglichkeit einer Fälschung auf („so er [Kurnaz] seinen Blog wirklich selbst schreibt und das hier keine Persiflage ist“), um sie im übrigen zu ignorieren:

Welcome to the Blogosphere, Murat!

Wenn ich kurz nach dem 11.9. 2001 zur Kur nach Pakistan gereist wäre (ohne meiner Familie davon zu erzählen), man mich dann nach Afghanistan und Guantanamo verschleppt und dort gefoltert hätte, dann wäre ich auch paranoid. (…)

Zwei Tipps:
1. Weniger koksen, das macht nämlich paranoid.
2. Weniger im Blog drüber schreiben, dass man kokst und das Zeug auch noch käuflich erwirbt, denn zumindest zweiteres ist strafbar und führt, wenn man sich derart sackblöde anstellt, recht zuverlässig tatsächlich zur Strafverfolgung.

Auch die Blog-üblichen Belanglosigkeiten fehlen nicht: „Heute Abend überbacke ich im Ofen Chilli-Nachos mit Käse und rauche einen Joint mit schwarzem Afghanen. Dann nehme ich mir ein Buch und lese. Ich bekam in letzter Zeit viele Bücher geschenkt. Zum Glück, denn Fernsehen macht mich irgendwie verrückt, weil es dort überhaupt nichts zu sehen gibt.“

Apropos „sackblöde“: Das sind die Leute, die sich damit brüsten, „unkonventionell“ zu „denken“? Jede Wette: Wenn auf dem kleinen Foto im Blog Murat Kurnaz mit roter Karnevalsnase abgebildet gewesen wäre, Harnasch und seine Achsenfreunde hätten es immer noch nicht gemerkt und auch das gegen den echten Kurnaz ausgelegt.

Man kann es natürlich auch ganz unideologisch sinnlos machen, wie das Blog medienrauschen (und ähnlich viele andere Blogger):

Kurnaz bloggt

Seit einem Jahr nun ist Murat Kurnaz, „der deutsche Guantánamo-Häftling“ — wie der Stern einmal schrieb –, wieder in seiner Heimat Deutschland.
Nach diversen Medienschauläufen, Aussagen und einem Buch kommt Kurnaz scheinbar so langsam zur Ruhe — oder einem gewissen Alltag. Und in dem spielt ein Weblog auch eine Rolle.
Echt oder Fake?

Was für eine Nullnachricht. Eine Mail an Bernhard Docke, den Rechtsanwalt von Murat Kurnaz, hätte genügt, um zu erfahren, dass er nichts mit diesem Blog zu tun hat und nun dagegen vorzugehen versucht.

Update, 7. September. Als Urheber hat sich ein Moritz […] zu erkennen gegeben, der die Fälschung im Blog nun mit einigem Geschwurbel als „gelebte Literatur“ verbrämt.

„Politically Incorrect“ bleibt bei seiner Darstellung — vermutlich sind die Verantwortlichen voll und ganz damit ausgelastet zu hassen.

Und Gutachsist David Harnasch, der sich als „Journalist für TV, Print und Radio“ bezeichnet, erklärt nun, ihm habe „schlicht die Zeit“ für eine Recherche gefehlt. Na sowas: Die Zeit, Murat Kurnaz öffentlich zu diffamieren und verhöhnen, die hat er irgendwie gefunden.

(Kommentare geschlossen.)

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