Super-Symbolfotos (21)

19 Jul 07
19. Juli 2007

Heute mal wieder aus der „Netzeitung“:

[eingesandt von Enrico Mraß]

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Was Jens Voigt an die DDR erinnert

19 Jul 07
19. Juli 2007

Kann mir jemand erklären, was Radprofi-Sprecher Jens Voigt damit meint, wenn er über die Entscheidung von ARD und ZDF, nicht mehr live von der „Tour de France“ zu berichten, sagt:

Das ist ja wie früher in der DDR: Zwei Leute entscheiden gegen den Willen des Volkes.

Soweit mir bekannt ist, haben ARD und ZDF niemandem verboten, sich Live-Bilder von der Tour de France anzusehen, zum Beispiel auf Eurosport, einem Sender, der in über 90 Prozent der deutschen Fernsehhaushalte zu empfangen ist. Meines Wissens haben ARD und ZDF auch nicht verhindert, dass ein anderer Sender an ihrer Stelle von dieser Veranstaltung berichtet; im Gegenteil: Sie haben die Rechte zurückgegeben, damit Sat.1 sie erwerben kann. Und nach jetzigem Kenntnisstand haben ARD und ZDF nicht einmal den Versuch unternommen, die „Tour de France“ an sich abzusagen, sie verbieten zu lassen, ihre Fans zu verfolgen.

Was also genau ist an dieser Entscheidung, „wie früher in der DDR“?

Ich bin kein Sportexperte, aber das bringt mich auf die Palme: Dass diese Leute nicht einfach nur ihr ultrakommerzielles, skrupelloses Geschäft veranstalten, sondern gleichzeitig so tun, als gebe es ein Menschenrecht darauf, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich daran beteiligt und die Einnahmen der Veranstalter und Sponsoren mehrt — durch Lizenzzahlungen und die Aufmerksamkeit, die es dem Unternehmen „Tour de France“ verschafft.

Die „Berliner Zeitung“ hat sich in diesem Jahr übrigens für eine besondere Art der Berichterstattung entschieden: Redakteur Christian Schwager ist vor Ort, berichtet aber unter dem Titel „Die Spritztour“ ausschließlich über „die Tour und die Drogen“ sowie den „Radsport und die organisierte Kriminalität“. Die (vermeintlich) sportlichen Ergebnisse sind auf einen lapidaren Satz am Ende jeder Kolumne reduziert: „Übrigens, in Gelb fährt … .“

Jens Weinreich, Sportchef der „Berliner Zeitung“ und profilierter Sportjournalist der Art, die Kritiker „Nestbeschmutzer“ nennen würden, schrieb vor dem Auftakt:

Kann man sich für einen aufrechten, unabhängigen Sportjournalismus einsetzen, der nicht Promoter von Ereignissen sein will, sondern kritischer Begleiter; der mehr im Blick hat, als nur eine Unterhaltungsfunktion zu erfüllen? Und dann doch wieder, wie üblich, von der Tour berichten? Über die täglichen verlogenen Dramen, die gefallenen und neuen Helden, die wenig später mit gespenstischer Regelmäßigkeit als Betrüger enttarnt werden? (…)

Im Prinzip könnten wir uns hinter dem Allerwelts-Argument verstecken, Journalisten hätten Chronisten zu sein, im Auftrag ihrer Leser. Das stimmt selbstverständlich, aber es wäre zu billig. Denn es gibt Grenzen. Für das, was sich Radsport nennt, wäre ein täglicher Gerichtsreport die angemessene Form. (…)

Diese Form der Berichterstattung, die gewiss nicht nur Freunde finden wird, erscheint uns in diesem Jahr angemessen. Die Aufräumarbeiten im Radsport haben gerade erst begonnen. Es mag einige positive Entwicklungen geben, aber es wird immer noch betrogen und gelogen, vertuscht und geschwiegen, geleugnet und verborgen, verheimlicht und bestritten.

Im Prinzip ist es so: Wer in Gelb fährt, ist völlig unerheblich.

Sein Kommentar zum Ausstieg von ARD und ZDF ist ebenfalls lesenswert.

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Was Sonntagsredner werktags machen

19 Jul 07
19. Juli 2007

Im Mediengeschäft aber geht es nicht nur um den Wohlstand gieriger Anleger, sondern um die Wohlfahrt der Bürger. Wer weniger informiert wird über Politik, Wirtschaft oder Kultur, der weiß auch weniger Bescheid bei der nächsten Wahl. Wer nur noch mit Dampfgeplauder, Seifenopern und Schmonzetten eingedeckt wird, hält die Welt für ein ewiges Oktoberfest. Die res publica aber braucht Menschen, die mitdenken, mitfühlen, mitmachen.

Schreibt Hans-Jürgen Jakobs heute im Leitartikel der „Süddeutschen Zeitung“.

Ich nehme an, es waren Begriffe wie „Dampfgeplauder, Seifenopern und Schmonzetten“, die Thomas Mrazek an das von Jakobs verantwortete Online-Angebot derselben Zeitung erinnerten und zum Mitdenken, Mitfühlen und Mitmachen animierten.

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Nachrichtenleute unter sich

18 Jul 07
18. Juli 2007

Liebe Kollegen von „Spiegel Online“,

was kann ich tun, damit Ihr aufhört, die gerade eingestellten Mischmagazine „Sat.1 am Mittag“ und „Sat.1 am Abend“ als „Nachrichten“ zu bezeichnen?

Ich müsste hier irgendwo noch ein, zwei Folgen rumliegen haben, die könnte ich Euch auf DVD brennen. Ich könnte Euch die noch bestehende Homepage zur Sendung ausdrucken und in die Post packen. Der Kollege Schader hat mehrere Artikel über „Sat.1 am Mittag“ geschrieben, die leiht er Euch bestimmt. Ihr könntet Euch, um ein grobes Bild zu bekommen, eine Ausgabe der RTL-Sendung „Punkt 12″ ansehen und die darin enthaltenen Spurenelemente von Relevanz sowie 80 Prozent der aktuellen Bezüge abziehen. Ich würde Euch nachträglich diesen Ausschnitt aus einem Artikel von mir widmen, der am 26. März 2006 in der „FAS“ erschien:

Diese Woche im aktuellen Magazin „Sat.1 am Mittag“: ein täglicher Gang durch das hochsommerliche Berlin mit den Stromkontrolleuren von der Bewag. Die Bewag gibt’s längst nicht mehr, und ob es je wieder einen Sommer in Berlin geben wird, ist auch gerade offen. Sehen Sie demnächst bei „Sat.1 am Mittag“: Was beim Transit in die DDR zu beachten ist. Und: Unterwegs mit dem Heizer — wie Dampflokomotiven unser Leben verändern werden.

Ich würde Euch das Video runterladen, in dem eine Familie beim Weihnachtseinkauf mit Kindern begleitet wird, und ein Mädchen heult, „weil der Weihnachtsmann immer denkt, eine große Sache reicht“; ein Ausschnitt, der 2002 bei „TV Total“ rauf und runter lief und Weihnachten 2006 in „Sat.1 am Mittag“ als neu verkauft wurde. Bestimmt ließe sich zur Not auch „Sat.1-am Mittag“-Expertin Betty Ballhaus als Zeugin laden, ein dickbusiges Model, das in einem investigativen Beitrag für die Sendung zum Beispiel zur Fußball-WM versuchte, Männer mit dem Angebot einer erotischen Autowäsche vom Fernseher wegzulocken. Womöglich könnte es uns mit vereinten Kräften sogar gelingen, ein paar der Mädels aufzutreiben, die für „Sat.1 am Mittag“ Push-Ups, C-Strings, Strapse, Pumps, Print-Bikinis und Gefrierbeutel getestet haben.

Also, was kann ich tun, damit Ihr versprecht, „Sat.1 am Mittag“ nicht mehr als Nachrichtensendung zu bezeichen, insbesondere dann, wenn Ihr das mit falschen Zahlen kombiniert wie hier:

PS: Und um vielleicht noch einen relativ aussichtslosen Versuch zu unternehmen, in die Diskussion, ob Sat.1 in Zukunft überhaupt noch die Bedingungen eines Vollprogrammes erfüllt, so etwas abwegiges wie Fakten einzustreuen…

Ich finde die Logik der Sat.1-Sparmaßnahmen und die Art ihrer Ausführung ja auch höchst beunruhigend. Aber: „Sat.1 am Mittag“ ist überhaupt erst vor eineinhalb Jahren eingeführt worden. Vorher liefen auf dem Sendeplatz schön „Vera am Mittag“ und Wiederholungen von „Lenßen & Partner“ und „Verliebt in Berlin“. Und die Nachtausgabe der Sat.1-News, die jetzt ebenfalls abgeschafft werden soll, gibt es auch erst seit März 2001. Oder auf die Lebenswelt von „Spiegel“-Mitarbeitern übertragen: Nach „Harald Schmidt“ kamen keine Nachrichten, sondern das „Girls Camp“. Die Sendelizenz von Sat.1 war deshalb nicht in Gefahr.

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Schreib das ab, Kisch!

18 Jul 07
18. Juli 2007

Man merkt dem „Focus Online“-Artikel über Natascha Kampusch ein gewisses Unbehagen an, einfach so eine „Bild“-Meldung zu übernehmen. Die Autorenzeile lautet verblüffender-, aber irgendwie ehrlicherweise:

it/„Bild“

und Herr oder Frau „it“ haben sich nicht davor gescheut, extensiven Gebrauch vom Konjunktiv zu machen:

Die 19-Jährige sei kürzlich mit dem 21-jährigen Sohn ihres Anwalts im Wiener In-Club „Babenberger Passage“ gesehen worden, vermeldete die „Bild“-Zeitung am Dienstag unter Berufung auf das österreichische Boulevardblatt „Krone“. Der Jüngling mit Drei-Tage-Bart habe Kampusch vertraut seine Hand an den Kopf gelegt und sie gedrückt. Kampusch habe im silberfarbenen Paillettenkleid ausgelassen getanzt und die Arme hochgeworfen.

Er wirkt fast rührend, dieser Versuch journalistischer Distanz, dabei hätte der „Focus Online“-Autor nur in eine „Bild“-Zeitung schauen müssen, um sich selbst ein Bild von dem „silberfarbenen Paillettenkleid“ machen zu können. Auch die hochgeworfenen Arme hätte er mit Augen gesehen und selbst beschreiben können. Notfalls hätte es schon ein Besuch bei bild.de getan.

Immer, wenn ich auf irgendwelchen Podien oder vor Journalistenschülern sitze, schwärme ich davon, dass man sich im Internet-Zeitalter nicht mehr auf die Kolportagen und Zusammenfassungen von Journalisten verlassen muss, sondern sich eine erstaunliche Zahl von Quellen selbst im Original ansehen kann. Online-Journalisten bei vermeintlichen Qualitätsmedien ist dieser Gedanke vollständig fremd.

Der „Focus Online“-Mensch kam, wie viele seiner Kollegen, auch nicht auf die Idee, wenigstens schnell nachzusehen, ob er die Ursprungsmeldung in der Online-Ausgabe der „Kronen“-Zeitung findet. Dort hätte er die verblüffende Entdeckung machen können, dass die „Krone“, die der „Bild“ vermeintlich als Quelle dient, an der Enthüllung überhaupt keinen Anteil hat. Sie schreibt:

Ist Natascha Kampusch nach ihrem Martyrium zum ersten Mal richtig verliebt? Das zumindest behauptet die Gratiszeitung „heute“ und zeigt Bilder der 19-Jährigen (…) beim Tanzen mit einem „supernetten Burschen mit Hugh-Grant-Mähne“.

Mit ein bisschen tricksen hätte der „Focus Online“-Autor sogar die Ursprungsmeldung in „heute“ noch online gefunden — die Zeitung hat ihren Tabubruch, unautorisierte Fotos von Kampusch zu veröffentlichen, wirklich außerordentlich eklig verpackt:

Blitz! Blitz! Und noch ein Blitz! Was ein Paparazzo beim In-Clubbing in der Wiener Babenberger-Passage auf seinem Foto-Chip festhält, ist zu schön, um nicht erzählt zu werden: Der Welt traurigstes Mädchen, einst blass-kränklich, fast nicht mehr an eine Flucht aus seinem Kellerverlies glauben wollend, es ist glücklich – und sooooo fantastisch-glücklich verliebt.

Natascha Kampusch (19), die zarte Starke, die 3096 Tage einem Kidnapper ausgeliefert war, fühlt ihre erste große Liebe: Der supernette Bursch mit der Hugh-Grant-Mähne, den sie auf der knallvollen Tanzfläche herzt, umarmt sie, drückt sie, küsst sie. (…)

Noch ein Schnappschuss, der die volle Lebensfreude dieser zwei süßen Teenager einfängt, noch ein Digi-Shot, der Nataschas neues, gutes Leben ein Jahr nach ihrer gelungenen Flucht zeigt. Mädchen, wir freuen uns mit Dir!

Die „heute“-Zeitung war übrigens stolz darauf, die Privatsphäre des angeblichen Liebhabers zu schützen („Bewusst wählten wir ein Bild, das seine Identität keinesfalls preisgibt“). Das Outing übernahmen dann die Boulevardkollegen von „Österreich“, die von der „Kronen“-Zeitung zitiert wurden, die sinnentstellend von der „Bild“-Zeitung zitiert wurde, die von „Focus Online“ zitiert wurde.

(Die „Augsburger Allgemeine“ entschied sich für einen anderen, etwas kürzeren Weg: Sie beruft sich bizarrerweise auf „Welt Online“, deren Meldung keinen Hinweis auf Autor oder Nachrichtenagentur hat, über weite Strecken aber mit einer vorher veröffentlichten Meldung der Schweizer Boulevardzeitung „20 Minuten“ identisch ist und sich wie sie auf „heute“ beruft.)

Mit fünf, sechs Klicks und zehn Minuten Recherche hätte jeder Online-Redakteur, der wollte, eine Natascha-Kampusch-Geschichte haben können, die nicht nur richtiger gewesen wäre als die „Bild“-Variante, sondern auch weniger voyeuristisch, origineller und spannender: Die Geschichte eines doppelten Tabubruchs.

Aber aus irgendeinem Grund, den ich nicht verstehe, glauben die kommerziellen Online-Medien in Deutschland, es sei wichtig für ihren Erfolg, dass bei ihnen dasselbe steht wie überall sonst.

(via BILDblog, natürlich)

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