Ein Tag wie jeder andere

Der 26. November 2006 war ein besonderer Tag für Hans-Jürgen Jakobs. Er musste gleich drei Artikel für die heutige Medienseite der SZ schreiben, die er verantwortet.

Ein Artikel handelt von Ulrich Wickert. Jakobs beginnt ihn mit den Worten:

»Der 31. August 2006 war ein besonderer Tag für Ulrich Wickert (…)«

Ein zweiter Artikel handelt von Nina Ruge. Jakobs beginnt ihn so:

»Der 3. Februar 1997 war ein besonderer Tag für Nina Ruge (…)«

Hm.

Als Jakobs letztes Jahr einen Artikel über den Börsengang von Premiere verfasste, begann er ihn mit den Worten:

»Mittwoch war ein besonderer Tag für ARD und ZDF (…)«

Als Arabella Kiesbauer 2004 mit ihrer Talkshow aufhörte, schrieb Jakobs einen Artikel, den er mit den Worten begann:

»Der 6. Juni 1994 war ein besonderer Tag für den Sender Pro Sieben.«

Und als Leo Kirch vor zwei vier Jahren Springer-Chef Döpfner zusetzen wollte, begann Jakobs seinen Text mit den Worten:

»Der 27. Juli 1989 war ein besonderer Tag für den Axel Springer Verlag.«

Was ich noch fragen wollte

Zwei Kollegen von der »Süddeutschen« schrieben gestern über Pläne in der ARD, »Harald Schmidt« nur noch einmal die Woche auszustrahlen, dafür aber eine Stunde lang. Die Quoten hätten sich — vermutlich wegen der unübersichtlichen Lage, wann die Sendung überhaupt läuft — kontinuierlich verschlechtert.

Und dann steht da dieser Satz:

»Obwohl Harald Schmidt nicht in Quoten, sondern in brancheninterner Aufmerksamkeit zu messen ist, demokratisieren schlechte Zahlen, zumal in der vielstimmigen Bürokratie ARD, offenbar jedes Format.«

Und meine Frage lautet:

Hä?

Dr. Frank Hubers Relevanz

(Ich weiß, dass ich’s bereuen werde, dieses Fass wieder aufzumachen, aber ich kann’s nicht lassen.)

Doktor Frank Huber bietet jetzt Blog-Betreibern die Möglichkeit, auf seinem Blog zu werben. Um sie »bei der Umsetzung effizienter Vermarktungsstrategien zu unterstützen«. Und hey, mit der gewaltigen Marktmacht des »1First Media Blogs« im Rücken, da kann so ein Blog schon richtig abgehen.

Wieviele Leser hat Hubers Seite nochmal genau? Herr Huber macht leider nur Angaben zu den täglichen »Seitenabrufen«. Innerhalb eines Monats entwickelten die sich laut Huber von »ca. 1000″ und »über 2500 … Tendenz steigend« auf »derzeit ca. 2000″.

Das klingt vage. Zum Glück lässt sich das »1First Media Blog« von Blogscout zählen, da kann man das ja genau nachsehen. Der Übersicht halber tragen wir einfach nur den entscheidenden Bereich von 1000 bis 2500 Impressions auf und tragen mit einer fetten roten Linie ein, wie sich die Sache entwickelt:

Oh.

Laut Blogscout hat sich Herrn Hubers Blog im vergangenen Monat gar nicht zwischen 1000 und 2500 Zugriffen bewegt, sondern etwa zwischen 60 und 420. An den meisten Tagen hatte sein Blog laut Blogscout nicht einmal ein Zehntel soviele Impressions, wie Huber unter Bezug auf »Awastats« als »Zugriff« meldet.

Aber, hey, Quantität ist nicht alles, und Hubers Blog ist ja, laut Huber, aktuell immerhin auf »Platz 31 der deutschen Business Blog Charts«. Außer, dass das gar nicht stimmt. Hubers Blog ist nur auf Platz 82. Huber gibt einfach die Platzierung in einer einzelnen Branche als Gesamtplatzierung aus.

Wie dem auch sei, bestimmt hat so ein Banner auf Hubers Blog positive Effekte. Huber schreibt: »Durch die erfolgende Verlinkung kann potenziell der Google-PR des beworbenen Blogs gesteigert werden.« Der »Google-PR« ist der »PageRank«, das Google-Maß für die Relevanz einer Seite. Zeigen relevante Seiten auf eine bestimmte Seite, nimmt Google an, dass auch diese Seite relevant ist. Durch solche Verlinkungen von Seiten mit hohem PageRank kann eine Seite also ihren eigenen PageRank steigern und wird in den Google-Ergebnissen weiter oben angezeigt werden.

Diese Seiten hier haben aktuell einen PageRank von 4, BILDblog von 6, Bild.de von 7.

Der PageRank von Hubers Blog ist 0.

Das Internet, exklusiv bei Welt.de

Am Freitag erst haben diverse Springer-Blätter »Deutschlands modernsten Newsroom« gegründet und die Devise »Online first« ausgegeben — heute schon feiert Welt.de einen kleinen Scoop im Zusammenhang mit dem Amokläufer von Emsdetten:

»WELT.de liegt ein Tagebuch aus den Jahren 2004/2005 vor.«

Sensationell. Und wie kamen die Kollegen daran?

»WELT.de fand das Tagebuch im Internet.«

Im Internet, na sowas.

Die Recherche war, vermutlich, nicht so schrecklich aufwendig. Es reicht, in eine Suchmaschine »resistantx« einzugeben, den bekannten Nickname des Amokläufers. Seine Livejournal-Seiten sind dann unter den ersten Treffern.

Und sie sind noch immer da. Mit anderen Worten: Nicht nur WELT.de liegt das Tagebuch aus den Jahren 2004/2005 vor. Der ganzen Welt liegt es vor. Aber glauben Sie, der Welt.de-Artikel, der ausführlich aus diesem Tagebuch zitiert, würde irgendwo einen Link auf die Quelle setzen? Damit der Leser sich ein eigenes Bild machen kann, ungefiltert von der Auswahl des Journalisten?

Aber nein. WELT.de tut so, als sei das ein handfestes Tagebuch, das nur dieser Redaktion vorliege. Und sowas Exklusives gibt man natürlich nicht aus der Hand.

Es ist wohl auch in »Deutschlands modernstem Newsroom« noch ein weiter Weg, bis Journalisten begreifen, wie sehr das Internet ihre Arbeit verändern wird.

Der Heinlein

Peter Heinlein ist möglicherweise der traurigste Medienjournalist der Welt. Er ist schon ziemlich was rumgekommen, hat für »Die Welt«, den »Spiegel«, die »Welt am Sonntag«, »Max«, das »Handelsblatt«, die »Bunte« gearbeitet. Aktuell schreibt er eine Medien-Kolumne namens »Der Heinlein«, die mittwochs in der Hamburger Ausgabe von »Bild« erscheint.

Es ist, aufgrund der vielfältigen Beteiligungen des Verlages, schon nicht leicht, Medienjournalist bei anderen Springer-Blättern zu sein. Bei »Bild« ist es die Hölle.

Es sei denn, man macht das gerne: aus geschäftlichen Interessen der Zeitung und persönlichen Interessen des Chefredakteurs Texte formen, die unbefangen betrachtet wie »Journalismus« aussehen.

Die »Zeit« zum Beispiel steht auf der Liste der meistgehassten Zeitungen von »Bild« sicher unten den Top Two. Und so schrieb Der Heinlein am 11. Oktober:

Was ist denn bei der »Zeit« los? Elf Wochen lang hat das Wochenblatt bei seiner Auflage nicht mehr die halbe Million erreicht. Die letzte abgerechnete Ausgabe 36 lag sogar nur bei 477 000 Exemplaren. Auch die Abo-Auflage sank unter die 300 000er-Marke.

Das klingt dramatisch. Und man müsste es eine dreiste Lüge nennen, wenn es nicht stimmen würde: Die Auflage der »Zeit« hatte tatsächlich elf Wochen lang nicht mehr die halbe Million erreicht. Und die Abo-Auflage war tatsächlich unter die 300.000er-Marke gefallen.

Was Der Heinlein verschweigt: Das Erreichen der halben Million ist für die »Zeit« nicht die Regel, sondern ein Grund zum Feiern. In den vergangenen zehn Jahren gelang es ihr nur 13-mal. Davon sechsmal in diesem Jahr. Was eigentlich dafür spricht, dass die Auflagenkrise eher nicht so groß ist. Von den ersten 36 »Zeit«-Ausgaben dieses Jahres haben sich nur fünf schlechter verkauft als im Vorjahr. Der Schnitt lag in diesem Zeitraum bei 483.537 Exemplaren, eine Steigerung von 13.093 gegenüber dem Vorjahr. Die Abo-Auflage sank, wie fast immer, im Sommer, lag aber bei jeder einzelnen Ausgabe um mehr als 10.000 Exemplare über der des Vorjahrs.

Ich lese Den Heinlein viel zu selten (deshalb auch die Verspätung in dieser Sache). Seine Kolumne müsste Pflichtlektüre für jeden angehenden Medienjournalisten sein. Als Beispiel dafür, wie ihr Beruf missbraucht werden kann.

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