Entspannt am Brand mit n-tv

12 Nov 07
12. November 2007

In einem alten Busdepot im Osten Londons ist heute Mittag ein Feuer ausgebrochen. Hubschrauber liefern nonstop Aufnahmen, die eine große Rauchwolke in einem Industriegebiet zeigen. Und obwohl zunächst nichts dafür spricht, dass es sich um einen Terroranschlag handelt, und bald darauf alles dagegen, lassen sich die Sender nur widerwillig aus ihrer Möglicher!-Terroranschlag!-in!-London!-Routine bringen…

…die ja immer auch eine Gelegenheit für die Nachrichtenmoderatoren ist, zu zeigen, was sie können. Schalten wir also um zu n-tv:

· · ·

Andreas Franik: Mittlerweile wird der Rauch auch eher weiß. Also, diese schwarze Rauchfahne sehen wir nicht. Auch der Hinweis, es handelt sich nicht um eine Papstwahl, obwohl wir hier schwarzen und weißen Rauch abwechselnd sehen. Es ist so, Ulli Klose, dass es sehr weit außerhalb ist, dass diese Rauchentwicklung sehr stark ist. Wird die Londoner Bevölkerung in irgendeiner Form von diesem Brand auch über Radio informiert, weil immerhin ist es ja so, dass möglicherweise sehr schnell auch Fenster und ähnliches geschlossen werden müssen, gerade eben, weil es auch für Kinder möglicherweise schnell gefährlich werden kann.

· · ·

Andreas Franik: (zu Korrespondent Ulli Klose) Wie ist insgesamt die Sicherheitssituation zur Zeit in London einzuschätzen? Wie und was sagen die Sicherheitsbehörden, ist der aktuelle Zustand? Weiß man irgendetwas, ob irgendwas ansteht, oder, wie schaut’s aktuell aus?

· · ·

Petra Schwarzenberg: Und auch die Bilder, die wir im Augenblick sehen, sprechen doch dafür, dass es sich um einen ganz normalen, in Anführungsstrichen, aber großen Brand handelt, und die Feuerwehrleute löschen, aber so wie es aussieht, einigermaßen entspannt diesen Brand.

· · ·

Andreas Franik: „Nichts weist darauf hin, dass es sich um etwas anderes als ein Feuer handelte“, so auch nochmal das Zitat eines Polizeisprechers, der allerdings nichts Näheres zur Ursache des Brandes sagte, wahrscheinlich deshalb, weil man auch noch nichts Näheres weiß zu diesem Brand im Stadtteil Stratford. Die Angaben über die Löschzüge, die ausrückten, schwanken. Einige Agenturen sprechen von 6 Einsatzfahrzeugen, zudem waren zwei Rettungswagen im Einsatz. Andere sagen, es sind acht Löschzüge mit mehr als 40 Einsatzkräften gewesen. Manch andere Angaben wieder 80 Einsatzkräfte. Sei es drum. Fakt ist: Feuer in London, nicht in der Innenstadt, sondern in einem Außenbezirk. Es brennt, ja, möglicherweise eine Baustelle, möglicherweise eine Fabrikhalle, das lässt sich aus der Luft auch sehr, sehr schwer erkennen. Und möglicherweise waren es kohlenstoffartige Dinge, die dort gebrannt haben. In jedem Falle kann man davon ausgehen, dass nichts Großartiges, nichts Schlimmes passiert ist.

· · ·

Andreas Franik: Wir können Hartmut Zieps, Vizepräsident des deutschen Feuerwehrverbandes, auch ansprechen. Es ist ein Feuer in sehr, sehr großer Ausdehnung — oder recht großer Ausdehnung, wir wollen es auch nicht übertreiben, keine Frage. Aber es scheint offenbar doch sehr, sehr schwierig zu sein, mit dem Löschstrahl quasi jede Ecke und jedes Ende dieses Feuers zu erreichen. Erzählen Sie uns mehr über besondere Herausforderungen bei solchen Großbränden.

· · ·

Petra Schwarzenberg: Herr Zieps, kann man denn jetzt schon erkennen, ich weiß nicht, Sie haben die Bilder sicherlich gesehen, ob und dass der Brand unter Kontrolle ist, und wie lang es möglicherweise dauert, bis keine Rauchwolken mehr aufsteigen?

· · ·

Andreas Franik: Bei diesen Großfeuern, wo man auch noch nicht 100-Prozent-genau weiß, was da brennt, kommt da sofort immer und in erster Linie Wasser zum Einsatz oder arbeitet man hie und da auch mit Löschschaum? Ich muss so, ja, fast naiv auch nachfragen, weil ich kein Feuerwehrexperte bin, aber dafür haben wir Sie ja auch am Telefon.

· · ·

Petra Schwarzenberg: Herr Zieps, in Deutschland hatten wir Gottseidank noch nicht den Fall, aber gesetzt den Fall, es brennt irgendwo, bekommt die Feuerwehr Informationen darüber, um welche Art von Feuer es sich handelt? Dass es sich möglicherweise um einen Anschlag handeln könnte? Und agiert die Feuerwehr unter diesen Umständen, würde sie anders agieren als bei einem normalen Brand? Wie sind da die Instruktionen?

· · ·

Andreas Franik: Wir fassen das Geschehen noch einmal zusammen, liebe Zuschauer. Wir haben es gleich 14.15 Uhr. Wir wissen, dass viele, viele Zuschauer immer zur vollen oder zur halben Stunde oder eben auch zur Viertelstunde einschalten, viele, die sich jetzt erst zugeschaltet haben.

· · ·

Petra Schwarzenberg: Wenn man diese Bilder mit gesundem Menschenverstand sich anschaut, dann kann man eigentlich das auch aus den Bildern herauslesen [dass es kein Anschlag war]. Also, es ist wenig Dramatik. Es sind zwar viele Löschfahrzeuge vor Ort, die Feuerwehr löscht und es gelingt auch, diesen Brand zu löschen. Der Rauch wird schwächer und er ändert auch seine Farbe. Und es ist vor allen Dingen kein wirkliches Anschlagsziel vorhanden. Es sind Lagerhallen dort, aber terroristische Anschläge zielen auf Menschen, und Menschen sind dort, äh, kaum vorhanden.

· · ·

Andreas Franik: Immer wieder müssen wir sagen, das sind Livebilder, aus einem Helikopter aufgenommen, der sich sehr, sehr nah an das Feuer heranwagt. Der Qualm versperrt uns natürlich auch die Sicht, und wir können an der Stelle auch nicht genau sage, was im einzelnen da brannte, da müssen im Verlaufe des heutigen Nachmittags auch nähere Informationen von Scotland Yard abgewartet werden. Aber das wichtigste, und das wollen wir nicht müde werden zu betonen, wir wollen hier keine Panik verbreiten, wir wollen Ihnen erklären, was in London passiert ist: Es ist einzig und allein ein Feuer, und das bestätigt uns auch Scotland Yard. (Plötzlich sind Bilder von einer Pressekonferenz mit Angela Merkel zu sehen.) Und jetzt sehen wir Angela Merkel, die versucht auch hier und da vielleicht ein Feuer zu löschen, aber das deutsch-französische Verhältnis ist glaube ich zur Zeit nicht allzu belastet.

Petra Schwarzenberg: Nicht brandgefährdet.

Andreas Franik: So ist es. (Beide lachen.)

· · ·

Petra Schwarzenberg: Großbrand in der Nähe des Olympiageländes 2012. Daher natürlich auch erstmal Spekulationen, ob es sich um einen Anschlag handeln könnte, allerdings: Was hätte dieser Anschlag treffen sollen? Es steht noch nichts von den geplanten Anlagen.

· · ·

Petra Schwarzenberg: Ulli, London ist natürlich, auch wenn das in diesem Fall nicht der Fall war, ist terrorgefährdet. Es gibt immer wieder Terrorwarnungen. Wie ist die Situation im Moment? Wiegt sich die Bevölkerung in Sicherheit oder ist man ständig auf sozusagen auf dem Quivive in dieser Stadt?

· · ·

Andreas Franik: (nach einer Schaltung an die Börse, die sich von dem Feuer erwartungsgemäß unbeeindruckt zeigt) Ich meine, da wo nichts ist, kann auch nichts passieren, gar keine Frage. Und eben, wir haben es immer wieder betont, hier ist de facto — wir müssen natürlich immer in Anführungszeichen reden, natürlich ist hier etwas passiert, es ist ein Großfeuer. Aber es ist eben kein Anschlag, und nur dann gäbe es tatsächlich Reaktionen, ganz extreme Reaktionen und teilweise auch Verwerfungen an den Finanzmärkten, so ist es dort zumindest relativ ruhig. Petra.

Petra Schwarzenberg: So ist es, Andreas, und wir kommen zu den Nachrichten, zu den erwartbaren Nachrichten diese Tages zurück. Obwohl auch das nicht erwartbar war, denn am Rande eines Besuchs von Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Staatspräsident Sarkozy in einem Berliner Gymnasium ist es zu einem Zwischenfall gekommen…

Der Fluch der Gleichgültig (2)

11 Nov 07
11. November 2007

Und falls Sie sich nach dieser Geschichte fragen: Liest das denn keiner, was da bei stern.de auf der Startseite steht?

Nö. Das liest keiner. Das hier steht da seit 15 Uhr:

Der Fluch der Gleichgültig

09 Nov 07
9. November 2007

In Dresden ist heute erstmals der Sächsische Förderpreis für Demokratie verliehen worden, und wenn man diesem Preis etwas wünschen darf, dann vielleicht, dass sich im nächsten Jahr ein richtiger Medienpartner findet.

Und nicht wieder nur stern.de.

Über welchen Fehler im Bericht über die Verleihung mag man sich dort wohl am meisten ärgern, wenn schätzungsweise am Montagvormittag erstmals wieder jemand mit Deutschkenntnissen zum Dienst antritt?

Über einen der Komma-, Anschluss– und Grammatikfehler? Über den falsch geschriebenen Nachnamen des sächsischen Ministerpräsidenten, den falsch geschriebenen Vornamen eines der Preisträger oder den mal falsch, mal richtig geschriebenen Nachnamen des Initiators? Darüber, dass man im Bildtext Anetta Kahane und Christian Petry zu Empfängern des Preises gemacht hat, obwohl sie ihn verliehen haben? Über die Schreibweise „Mittwaida“ statt „Mittweida“, obwohl es vier Zeilen vorher richtig steht? Darüber, dass der Link in der letzten Zeile nicht funktioniert, weil sich ein Leerzeichen darin versteckt? Oder darüber, dass dem Satz „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit“ aus einem Flugblatt der Weißen Rose die letzte Silbe abhanden gekommen ist?

Ich glaube, ich weiß es:



Recherche 2.0

08 Nov 07
8. November 2007

My readers know more than I do.
Jeff Jarvis

Ich schreibe gerade für eine Zeitschrift einen Artikel, in dem es darum geht, dass Offenheit und Transparenz bessere Reaktionen auf eine Krise sind als die klassische Kombination aus Kleinreden, Verschleiern und Dementieren.

Und eigentlich dachte ich, dass es dafür auch reichlich Beispiele geben müsste: etwa für Unternehmen, die — nachdem Fehler bekannt wurden — auf den drohenden Vertrauensverlust reagierten, indem sie offensiv die internen Abläufe und eigene Versäumnisse offen legten.

Aber vielleicht war ich da ein bisschen überoptimistisch. Jedenfalls gestaltet die Suche nach überzeugenden Beispielen schwieriger, als ich dachte. Aber wenn es sie gibt, dann weiß ich, wer sie kennt: Sie!

Oder?

(Und mit etwas Glück kann ich hinterher zwei Artikel schreiben: Einen über Transparenz und Offenheit als Krisenstrategie. Und einen darüber, wie man als Journalist faul sein kann klüger wird, wenn man das Wissen seiner Leser anzapft.)

Auf der Suche nach dem verlorenen Online

07 Nov 07
7. November 2007

Es wäre falsch, sich den Posten des Chefredakteurs von „Zeit Online“ als Traumjob vorzustellen, insbesondere wenn man damit den Anspruch verbände, dort mit Qualitätsjournalismus auf sich aufmerksam zu machen.

Das liegt zum einen an der „Zeit“. Anders als bei stärker zentralistisch und hierarchisch organisierten Unternehmen wie der Axel Springer AG lässt sich ein digitaler Aufbruch bei der „Zeit“ nicht so einfach von oben verordnen. Der Kulturwandel müsste von unten kommen. Aber die in vielen Zeitungen bei den Print-Redakteuren herrschende Skepsis gegenüber dem Internet im Allgemeinen und dem eigenen Online-Ableger im Besonderen scheint bei der „Zeit“ besonders ausgeprägt zu sein.

Doch es gibt ohnehin niemanden, der den digitalen Aufbruch von oben verordnen wollen würde: An der Spitze der „Zeit“ steht ein erklärter Internet-Skeptiker. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo beschreibt in Interviews das neue Medium fast ausschließlich als Gefahr und nicht als Chance. Er warnt immer wieder davor, die Inhalte der gedruckten Zeitung online kostenlos zugänglich zu machen, und äußerte zuletzt im „Focus“ sogar Zweifel, „ob Online ein primär journalistisches Medium ist“.

Was der „Zeit“ und ihrem Chef an Internet-Euphorie fehlt, scheint ihr Eigentümer, die Verlagsgruppe Holtzbrinck, im Überfluss zu haben. Sie hat zig Millionen Euro ausgegeben, um das umstrittene Studentennetzwerk StudiVZ zu kaufen und beteiligt sich an einem Internet-Unternehmen nach dem nächsten. Doch das Interesse scheint sich vor allem auf das zu fokussieren, was mit dem Zauberwort „Web 2.0″ umschrieben wird: irgendwelche Formen von Communitys und User Generated Content. Aber teure publizistische Inhalte, nicht einmalige, sondern kontinuierlich hohe Investitionen, ohne Aussicht auf große Rendite und vor allem: ganz ohne Hype? Da ist man bei den Verlagsstrategen dann doch eher bei di Lorenzo: Wer weiß, ob sowas im Internet überhaupt funktioniert. Ob sich Qualität auszahlt.

Das sind vermutlich nicht die idealen Voraussetzungen, um ein erfolgreiches publizistisches Konzept für die „Zeit“ im Internet zu entwickeln und umzusetzen. Tatsache ist: Gero von Randow ist es nicht gelungen.

Dass er als „Zeit Online“-Chefredakteur geht, kann man als Rauswurf wegen Erfolglosigkeit interpretieren, als Niederlage im Kampf um Macht und die richtige Strategie, oder als entnervten Wurf der Flinte ins Korn durch Randow. Aber dass er mit seinem Konzept gescheitert ist, steht außer Frage.

Manche im Haus stellen den Konflikt auch als Richtungsstreit dar: Soll „Zeit Online“ möglichst breit als Nachrichtenportal aufgestellt werden und das klassische Themenspektrum der gedruckten „Zeit“ erweitern, wofür offenbar Randow stand? Oder muss es ganz spezifisch auf die Kernkompetenz der Wochenzeitung zugeschnitten sein, sich um Politik, Bildung, Kultur und Wissenschaft kümmern. Und wie könnte so eine Spezialisierung aussehen, womöglich gegen den Widerstand der Experten in der Print-Redaktion, die das ausgeruhte Analysieren im Wochenrhythmus gewöhnt sind?

Wirklich glücklich mit dem aktuellen Auftritt, der Kommentare und Analysen mit beliebigen Agenturmeldungen mischt, die vom „Tagesspiegel“ durchgereicht werden, scheint im Haus kaum jemand zu sein — die Frage ist nur, ob das einem falschen Konzept Randows geschuldet ist oder daran liegt, dass ihm die Unterstützung aus Redaktion und Verlag fehlten. Die Anziehungskraft auf Leser ist, trotz gestiegener Investitionen in das Angebot, begrenzt: Seit Monaten stagnieren die Zugriffszahlen, und das lässt sich nicht allein dadurch erklären, dass „Zeit Online“ weniger als andere durch Bildergalerien und ähnliche Gimmicks Klicks um jeden Preis (vor allem den des guten Rufs) zu generieren. Die Leserzahlen gehen sogar langsam zurück.

Dafür kommt neue, verlagsinterne Konkurrenz hinzu: Spätestens im nächsten Jahr will Holtzbrinck ein junges Nachrichtenportal mit dem Arbeitstitel „Humboldt“ starten, dessen Redaktion gerade mit der von tagesspiegel.de verschmolzen wurde.

Es wird nicht leicht werden für einen neuen Chefredakteur von „Zeit Online“, und es wird vermutlich schwer werden, überhaupt einen neuen Chefredakteur zu finden. Denn die Verfechter des gedruckten Wortes haben scheinbar gute Argumente auf ihrer Seite: Die Auflage der Zeitung steigt und steigt, und hinter diesen Zahlen stecken (zumindest überwiegend) Menschen, die sogar bereit sind, Geld für die Inhalte auszugeben. Wie sehr man bei der „Zeit“ noch in Kategorien Print gegen Online denkt, sieht man auch daran, wie sehr die Besonderheit betont wird, dass Randow in Zukunft sowohl für die gedruckte Zeitung als auch für zeit.de über Sicherheitspolitik schreiben wird. Was man für die natürlichste Sache der Welt halten könnte, wird offiziell als bemerkenswerter „neuer Weg“ verkauft.

In der Redaktion von „Zeit Online“ sieht man die Entmachtung des beliebten Gero von Randow mit Bedauern – aber auch als Chance, demnächst in neuen, professionalisierteren Strukturen arbeiten zu können.

Dass die Veränderungen nicht der Anfang vom Ende von „Zeit Online“ sind, dafür gibt es immerhin auch ein deutliches Signal: Von kommender Woche an wird Joschka Fischer jeden Montag für den Internet-Auftritt eine politische Kolumne schreiben. Eine Arbeit auch für das gedruckte Blatt schließt man bei der „Zeit“ nicht aus, aber der ehemalige Außenminister soll sich ausdrücklich gewünscht haben, im Internet zu publizieren.