Diekmanns Dank

25 Nov 07
25. November 2007

Ich lese gerade Kai Diekmanns Großen Selbstbetrug, und weil ich die Spannung nicht mehr aushielt, habe ich schon mal nachgesehen, wie’s ausgeht. (Kl. Scherz.)

Jedenfalls ist die Danksagung auf der letzten Seite bemerkenswert. Anscheinend hat die halbe „Bild“-Redaktion beim Schreiben des Buches mitgeholfen. Alle Gelbmarkierten sind (teils ehemalige) „Bild“-Autoren:

Zwischen den Namen der Kollegen stehen die von Utz Claassen und Joachim Hunold. Das ist auch nur halb überraschend.

Den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von EnBW Claassen kürte „Bild“ in zwei Jahren gleich dreimal zum „Gewinner“ des Tages: Dafür, dass er als erster Ausländer mit dem „Kreuz des Ordens des Heiligen Nikolaus“ geehrt wurde (23.07.2005), dafür, dass sein Unternehmen Trikot-Sponsor der Erst– und Zweitligaspitzenreiter Stuttgart und Karlsruhe war (14.11.2006) und dafür, dass sein Unternehmen Trikot-Sponsor von Meister Stuttgart und Aufsteiger Karlsruhe war (21.05.2007). Dreimal traf sich Oliver Santen mit Utz Claassen zu einem seiner berüchtigten großen Interviews (03.04.2006, 10.01.2007, 29.09.2007), ohne auch nur einmal die vielfältigen Vorwürfe gegen den Manager zu erwähnen. „Bild“ druckte Claassens Buch „Mut zur Wahrheit“ als fünfteilige Serie vorab und schenkte ihm eine Folge der Reihe „So gibt’s neue Jobs“, in der „die wichtigsten Chefs“ in „Bild“ „erklärten“, „wie es mit Deutschland wieder aufwärtsgeht“.

Der Air-Berlin-Chef Joachim Hunold bekam nur ein Gespräch mit Oliver Santen (6.3.2007) und einen Gastbeitrag in der Serie „Eurokraten entmachten unsere Politik!“, wurde dafür aber achtmal „Gewinner“ des Tages (7.10.2003, „BILD meint: Guten Flug!“; 30.01.2004, „BILD meint: Keine Luftnummer!“; 9.9.2004, „BILD meint: Willkommen im Club der Dichter!“; 29.6.2005, „BILD meint: Überflieger!“; 12.10.2005, „BILD meint: Überflieger!“; 5.11.2005, „BILD meint: Überflieger!“, 9.3.2006, „BILD meint: Überflieger!“; 27.2.2007, „BILD meint: Himmelsstürmer!“).

Ein bisschen gestaunt habe ich, dass Roger Köppel, der frühere „Welt“-Chefredakteur und heute Besitzer und Chefredaktor der Schweizer „Weltwoche“, als Korrektor und Hinweisgeber in der Danksagung auftaucht. Oder sagen wir so: Welcher Leser von Köppels „Weltwoche“-Interview mit Diekmann hätte das geahnt? Es beginnt es so:

Kai Diekmann, wir haben drei Jahre im gleichen Konzern zusammengearbeitet, trotzdem sind Sie mir persönlich undurchsichtig geblieben. Wer sind Sie eigentlich?

(Das ist natürlich nichts im Vergleich zu Köppels sagenhaft irreführender Frage nach der Berichterstattung über Thomas Borer.)

Bleibt nur die Frage: Wer ist Dr. Otto C. Hartmann?

Super-Symbolfotos (32)

22 Nov 07
22. November 2007

Fast erscheint mir hier schon die fröhliche Ironie meines Rubrikentitels unangemessen, aber sehen Sie selbst, was dem Online-Auftritt der österreichischen Zeitung „Die Presse“ eingefallen ist:

[entdeckt von Sönke Klüss]

Zehn Minuten Recherche

21 Nov 07
21. November 2007

Ich verstehe es nach wie vor nicht. Geschenkt: Die Leute, die bei Online-Medien arbeiten, sind schlecht ausgebildet, verdienen wenig, haben keine Zeit. Aber wenn bei Angeboten wie „Spiegel Online“ oder sueddeutsche.de, wo Agenturmeldungen nicht automatisch durchgeschleift werden, ein Mitarbeiter eine Meldung auf den Tisch bekommt wie diese von AFP über eine Meinungsumfrage unter demokratischen Wählern in Iowa: Hat der dann nicht einmal die zehn Minuten, die es dauern würde, bei einem der beiden Auftraggeber dieser Umfrage vorbeizusurfen oder bei Google nach amerikanischen Medien zu suchen, die darauf Bezug nehmen? Er könnte auf diese Weise leicht noch ein, zwei interessante Details finden, die nicht in der deutschen Agenturmeldung stehen und die die eigene Meldung dann von der Massenware der Konkurrenz absetzen würden. Er könnte Hilfe bekommen bei der Interpretation der Nachricht. Er könnte die Originaldaten entdecken (ABC News, „Washington Post“). Und er könnte sogar merken, dass die Meldung von AFP (wie so viele Agenturmeldungen) fehlerhaft ist.

Denn anders als AFP behauptet, ist Barack Obama laut der Umfrage von Washington Post und ABC in Iowa nicht an der „bisherigen Favoritin“ Hillary Clinton „vorbeigezogen“. Obama lag bereits bei der letzten Umfrage im Juli vor Clinton und hat den knappen Vorsprung nur ein wenig ausgebaut.

Das wäre ganz leicht herauszufinden gewesen, man hätte trotzdem eine Meldung gehabt, sogar eine korrekte, und ich behaupte: Mehr als zehn Minuten Recherchezeit wären dafür nicht nötig gewesen.

Und trotzdem steht bei sueddeutsche.de ein Artikel: „Obama zieht in Iowa an Clinton vorbei“.

Und Spiegel Online titelt noch abwegiger: „USA: Obama zieht an Clinton vorbei“ und fantasiert von einem „überraschenden Ergebnis einer Umfrage zur US-Präsidentschaftswahl“.

Woran liegt das? Mangelt es an Zeit? An Kenntnissen? Oder nur am Willen? Ist der Gedanke, sich beim Verwandeln einer Agenturmeldung in einen eigenen Artikel nicht ausschließlich und vollständig auf diese eine Agenturmeldung zu verlassen, völlig abwegig? Warum nutzen ausgerechnet Onlinejournalisten nicht die fantastischen Möglichkeiten der schnellen Onlinerecherche, um ihre Artikel besser zu machen?

PS: Na gut, es ist vielleicht nicht nur eine Frage des Onlinejournalismus. Mit schlafwandlerischer Sicherheit haben sich natürlich auch die Rechercheprofis von „Bild“ die Falschmeldung herausgesucht, um Clinton in der Zeitung von heute zur „Verliererin“ des Tages zu erklären, nicht ohne den AFP-Fehler richtig breit zu treten:

„Bislang lag Hillary Clinton (60) in allen Umfragen für die US-Präsidentschafts-Kandidatur der Demokraten klar vorn. Jetzt zog ihr Rivale Barack Obama (46) an ihr vorbei.“

Nachtrag, 22. November. ts weist in den Kommentaren zu Recht darauf hin, dass Clinton in den Umfragen anderer Institute in den vergangenen Wochen tatsächlich vor Obama lag. So gesehen ist die AFP-Formulierung richtig, Obama sei an Clinton „vorbeigezogen“. Genauer gesagt: wieder vorbeigezogen, denn auch „Newsweek“ sah ihn vor eineinhalb Monaten schon mit vier Prozentpunkten vor Clinton.

Endlich ein neues Porträtfoto!

20 Nov 07
20. November 2007

Oh, Mist. Mit dem Mietwagen zu schnell gefahren.

Und angesichts des beigefügten Beweisfotos ist Leugnen wohl sinnlos.

Greenpeace geht ein Licht aus

20 Nov 07
20. November 2007

Greenpeace e.V.
Förderer-Service
Große Elbstraße 39
22767 Hamburg

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Greenpeace-Leute,

ich habe Verständnis dafür, dass Ihr, um Aufmerksamkeit auf wichtige Themen zu lenken, auch auf plakative Aktionen setzt, die fast ausschließlich Symbolwert haben. Und ich finde es zwar falsch, angesichts von elfeinhalb Millionen täglichen Lesern aber immerhin nachvollziehbar, dass Ihr Partner der „Bild“-Zeitung geworden seid, deren anti-aufklärerische Haltung und tägliche Desinformationen ganz gut dokumentiert sind. (Für „Bild“ ist, wie Ihr sicher wisst, „bürgerliche Freiheit“ ungefähr gleichbedeutend mit billigem Benzin, und der schlichte Ratschlag eines Politikers, das Auto gelegentlich stehen zu lassen, genug Treibstoff für eine tagelange Hass-Kampagne.)

Aber nun veranstaltet Ihr gemeinsam mit „Bild“, BUND, WWF, Google und ProSieben eine Aktion „Licht aus! Für unser Klima“ und ruft uns alle dazu auf, am 8. Dezember um 20 Uhr für fünf Minuten das Licht auszuschalten. Dadurch werde „ein Zeichen an den zeitgleich stattfindenden Weltklimagipfel auf Bali“ gesendet, „sich konsequent für bessere Klimaschutzmaßnahmen einzusetzen“. Oder, wie es „Bild“ formuliert: „Licht aus, damit allen ein Licht aufgeht!“

Hey, das wird eine Aktion, die die Menschheit aufrüttelt: Sechs Wochen, nachdem San Francisco für eine Stunde die Lichter ausgemacht hat, machen wir sie für fünf Minuten aus. Mann muss es schließlich nicht übertreiben, in Deutschland leben ja auch viel mehr Leute als in San Francisco, das zählt entsprechend mehr und ist trotzdem eine „eindringliche Mahnung“, wie Ihr schreibt.

In der Erklärung zum Start der Aktion heißt es:

Erste Zusagen für die Teilnahme an der Licht aus!-Aktion liegen bereits vor. So werden am 8. Dezember der Kölner Dom, das Schloss Neuschwanstein, das Heidelberger Schloss, die Alte Oper sowie die Zeil in Frankfurt ihre Außenbeleuchtung für fünf Minuten abschalten.

Nach fünf Minuten wird der ganze also Rotz wieder eingeschaltet? Unser Beitrag zum Energiesparen ist es, das dekadente Flutlicht für verdammte fünf Minuten auszuschalten, damit die sich in Bali überlegen, dass echt mal jemand was tun müsste, dass nicht das ganze unnütze CO2 rausgepustet wird? Es reicht nicht einmal für ein symbolisches Bekenntnis, sagen wir, den Kölner Dom dauerhaft nur noch mit halb so viel Watt anzustrahlen wie bisher? Die Leuchtreklamen in den Industriegebieten und an den Autobahnen um Mitternacht abzuschalten? In diesem Jahr einfach nur jeden zweiten Engel, Tannenbaum, Lichterkranz in die mit Gaspilzen kuschelig gemachten Winterlandschaften unserer Städte strahlen zu lassen?

Doch, wir werden uns sicher gut fühlen, nach den fünf Minuten im Dezember, dass wir es der Welt gezeigt haben, wie ernst uns der Klimaschutz ist, und das Schloss Neuschwanstein wird uns doppelt so schön wie vorher erscheinen, wenn es wieder im vollen nächtlichen Glanz erstrahlt, nach den fünf Minuten.

Ich fühle mich heute schon gut, denn ich kündige hiermit meine Förder-Mitgliedschaft bei Euch. Das sind zwar nur lächerliche 15,34 Euro im Jahr. Aber für mich ist es eine Reduktion um 100 Prozent. Und mit Aktionen mit bloßem Symbolwert kennt Ihr Euch ja aus.

Mit freundlichen Grüßen
etc.