Call-TV-Mimeusen gewinnen vor Gericht

22 Jul 07
22. Juli 2007

Miriam Wimmer scheint eine interessante Frau zu sein.

Sie hat kein Problem damit, Fernsehsendungen wie „Money Express“ zu moderieren, die die Mitspieler systematisch über Gewinnchancen und Spielregeln täuschen, gegen die Gewinnspielregeln der Landesmedienanstalten verstoßen und in denen sich Unregelmäßigkeiten häufen, die viele Beobachter auf den naheliegenden, aber unbewiesenen Gedanken bringen, die Zuschauer würden mit betrügerischen Methoden zum teuren Anrufen verleitet. (Mehr über die „Money Express“-Produktionsfirma Callactive und ihre Methoden hier.)

Sie hat aber ein Problem damit, wenn Männer Messer ablecken oder ihre Tätigkeit bei „Money Express“ als „Animöse“ bezeichnet wird.

Im ersten Fall droht sie mit Liebesentzug, im zweiten mit dem Anwalt.

Das Hamburger Landgericht hat ihr am Freitag Recht gegeben (was die Animöse angeht, nicht das Messerablecken). Es bestätigte eine einstweilige Verfügung gegen den Betreiber des Forums call-in-tv.de, die auch Wimmers Kolleginnen Daniela Aschenbach und Anneke Dürkopp erwirkt hatten. (Mehr zur Vorgeschichte hier.)

Das Gericht berief sich auf die „Stolpe-Entscheidung“ des Bundesverfassungsgerichtes: Wenn eine Äußerung über jemanden mehrdeutig ist, genügt es, wenn nur eine mögliche Interpretation dieser Äußerung seine Persönlichkeitsrechte verletzt, um eine Wiederholung dieser Äußerung verbieten zu lassen. Der Rechtsanwalt Jony Eisenberg nannte das Urteil damals in der „taz“, die er regelmäßig vertritt, einen „wahrhaft schwarzen Tag für die Presse– und Meinungsäußerungsfreiheit“.

Weil sich das Hamburger Landgericht auf dieses Urteil berief und offenbar der Meinung war, es sei nicht völlig auszuschließen, dass das Wort „Animöse“ auch als Beleidigung zu verstehen sei, beschäftigte es sich gar nicht erst mit der Frage, was die tatsächliche Intention des Gebrauchs gewesen sei. Und auch nicht mit einem Gutachten, das der renommierte Soziolinguist Norbert Dittmar für den Anwalt von call-in-tv.de-Betreiber Marc Doehler erstellt hat. Dabei ist das eine wunderbare Lektüre:

Das Wort [Animeuse] ist eine spontane Entlehnung aus dem Französischen ins Deutsche. Dabei wird der Verbstamm {anim-} des französischen Verbs animer („beleben“) mit dem das Femininum markierenden Suffix {-euse} zur Substantivderivation {Animeuse} („Beleberin“) amalgamiert. (…)

Animeuse wird analog zu (beispielsweise) Friseuse gebildet. Es handelt sich um eine spontane (sprechsprachliche) Entlehnung (Derivation), in der durch graphische Assimilation ans Deutsche daneben die Variante [Animöse] entstanden ist (so wie bureau > Büro und meuble > Möbel wurde). Die sprechsprachliche Ambiguität („Homonymie“) kann in der Schriftsprache durch eine ‚frankophone‘ oder eine ‚germanophone‘ Schreibweise ({-euse} vs.{-öse}) aufgelöst werden.

Dass das Suffix {-euse} in [Anim-euse] einerseits Entlehnungssufix in „eingedeutschter“ Schreibweise existiert ({-öse}) und andererseits als Grundmorphem ({möse} : wertnegativ belegter Begriff für ‚Vagina‘), ist dem Zufall geschuldet. Eine intentionale — pejorative — Entlehnungshandlung lässt sich nicht nur nicht nachweisen, sondern ist auf der Grundlage der Entlehnungsforschung unwahrscheinlich. Viele solche ambivalenten Entlehnungen sind kreativer Arbitrarität geschuldet.

Wie sich für Worte wie „geil“ mühelos nachweisen lässt, macht gerade diese „zufällig entstandene“ Ambivalenz die Beliebtheit der Wahl solcher Ausdrücke aus. Somit macht die Ambivalenz das grosse „Scherzpotenzial“ solcher Worte aus und steigert besonders in jugendlichen Kreisen die Beliebtheit des Wortes. (…)

Ein beleidigender negativer Wert ist der reinen Wortform denotativ nicht nachzuweisen. (…) Insbesondere bei Diskussionsforen im Internet beobachten wir ein breitgefächertes, zwischen Spass und Provokation schillerndes Bedeutungsspektrum, das in der Regel als „ungeschminkte freie Meinungsäusserung“ zu verstehen ist und gerade wegen der Situationsentbindung den illokutiven Charakter von Beleidigungen nicht aufweist. (…)

Hach. Möchte man da nicht sofort anfangen zu philosophieren, ob die Existenz von 9Live und ihren Nachahmern letztlich nicht auch kreativer Arbitrarität geschuldet sind?

Für das Hamburger Landgericht indes war das Gutachten bedeutungslos. Frank Metzing, der Anwalt von call-in-tv.de, will seinem Mandanten empfehlen, in Berufung zu gehen.

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Realitätscheck für ProSiebenSat.1

22 Jul 07
22. Juli 2007

Guillaume de Posch, Vorstandsvorsitzender von ProSiebenSat.1, sagt:

„Die Tour ist ein großer Wettbewerb. Ich mag nicht einsehen, warum ein TV-Sender da die Zensur einführt. Der Zuschauer soll entscheiden, ob er die Rennen verfolgen will oder nicht. (…) Es liegt in der Macht des Zuschauers auszuschalten.“

Herr de Posch? Hat er schon!

530.000 Menschen schauten gestern die Tour de France auf ProSieben, das ist ein Marktanteil von 4,8 Prozent. In der Zielgruppe der 14– bis 49-Jährigen betrug der Marktanteil 6,0 Prozent, das ist ungefähr die Hälfte dessen, was ProSieben sonst hat.

Die Zahlen am Tag zuvor bei Sat.1 waren ähnlich kastastrophal; am Donnerstag waren sie desaströs.

De Posch sagte noch, man sei „sehr optimistisch“ mit der Übertragung „schnell zweistellige Quoten zu erreichen“. Und er nannte die Tour de France „sympathisch“.

Bei allen unterschiedlichen Meinungen, die man über den Umgang mit den Thema Doping haben kann (der Sat.1-Live-Kommentator nannte es am Freitag bezeichnenderweise eine „Randerscheinung“ des Sports): „Sympathisch“ ist nun das letzte Wort, das mir in diesem Jahr zur Tour eingefallen wäre.

Noch ein O-Ton von de Posch? „Das gibt uns zum richtigen Zeitpunkt neuen Schub.“

Nachtrag, 23. Juli: Am Sonntag sahen 820.000 Zuschauer die Tour de France auf Sat.1 — weniger als jede andere Sat.1-Sendung an diesem Tag zwischen 9 und 23 Uhr. Der Marktanteil lag sowohl in der Zielgruppe als auch bei allen Zuschauern unter 5 Prozent (im Schnitt hat Sat.1 sonst das Doppelte).

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Copy & Post

20 Jul 07
20. Juli 2007

Heute auf Seite 2 der „Offenbach-Post“:

Na sowas. Exakt die gleiche Idee hatten wir gestern auch.

[vielen Dank an Per O.!]

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Super-Symbolfotos (21)

19 Jul 07
19. Juli 2007

Heute mal wieder aus der „Netzeitung“:

[eingesandt von Enrico Mraß]

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Was Jens Voigt an die DDR erinnert

19 Jul 07
19. Juli 2007

Kann mir jemand erklären, was Radprofi-Sprecher Jens Voigt damit meint, wenn er über die Entscheidung von ARD und ZDF, nicht mehr live von der „Tour de France“ zu berichten, sagt:

Das ist ja wie früher in der DDR: Zwei Leute entscheiden gegen den Willen des Volkes.

Soweit mir bekannt ist, haben ARD und ZDF niemandem verboten, sich Live-Bilder von der Tour de France anzusehen, zum Beispiel auf Eurosport, einem Sender, der in über 90 Prozent der deutschen Fernsehhaushalte zu empfangen ist. Meines Wissens haben ARD und ZDF auch nicht verhindert, dass ein anderer Sender an ihrer Stelle von dieser Veranstaltung berichtet; im Gegenteil: Sie haben die Rechte zurückgegeben, damit Sat.1 sie erwerben kann. Und nach jetzigem Kenntnisstand haben ARD und ZDF nicht einmal den Versuch unternommen, die „Tour de France“ an sich abzusagen, sie verbieten zu lassen, ihre Fans zu verfolgen.

Was also genau ist an dieser Entscheidung, „wie früher in der DDR“?

Ich bin kein Sportexperte, aber das bringt mich auf die Palme: Dass diese Leute nicht einfach nur ihr ultrakommerzielles, skrupelloses Geschäft veranstalten, sondern gleichzeitig so tun, als gebe es ein Menschenrecht darauf, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich daran beteiligt und die Einnahmen der Veranstalter und Sponsoren mehrt — durch Lizenzzahlungen und die Aufmerksamkeit, die es dem Unternehmen „Tour de France“ verschafft.

Die „Berliner Zeitung“ hat sich in diesem Jahr übrigens für eine besondere Art der Berichterstattung entschieden: Redakteur Christian Schwager ist vor Ort, berichtet aber unter dem Titel „Die Spritztour“ ausschließlich über „die Tour und die Drogen“ sowie den „Radsport und die organisierte Kriminalität“. Die (vermeintlich) sportlichen Ergebnisse sind auf einen lapidaren Satz am Ende jeder Kolumne reduziert: „Übrigens, in Gelb fährt … .“

Jens Weinreich, Sportchef der „Berliner Zeitung“ und profilierter Sportjournalist der Art, die Kritiker „Nestbeschmutzer“ nennen würden, schrieb vor dem Auftakt:

Kann man sich für einen aufrechten, unabhängigen Sportjournalismus einsetzen, der nicht Promoter von Ereignissen sein will, sondern kritischer Begleiter; der mehr im Blick hat, als nur eine Unterhaltungsfunktion zu erfüllen? Und dann doch wieder, wie üblich, von der Tour berichten? Über die täglichen verlogenen Dramen, die gefallenen und neuen Helden, die wenig später mit gespenstischer Regelmäßigkeit als Betrüger enttarnt werden? (…)

Im Prinzip könnten wir uns hinter dem Allerwelts-Argument verstecken, Journalisten hätten Chronisten zu sein, im Auftrag ihrer Leser. Das stimmt selbstverständlich, aber es wäre zu billig. Denn es gibt Grenzen. Für das, was sich Radsport nennt, wäre ein täglicher Gerichtsreport die angemessene Form. (…)

Diese Form der Berichterstattung, die gewiss nicht nur Freunde finden wird, erscheint uns in diesem Jahr angemessen. Die Aufräumarbeiten im Radsport haben gerade erst begonnen. Es mag einige positive Entwicklungen geben, aber es wird immer noch betrogen und gelogen, vertuscht und geschwiegen, geleugnet und verborgen, verheimlicht und bestritten.

Im Prinzip ist es so: Wer in Gelb fährt, ist völlig unerheblich.

Sein Kommentar zum Ausstieg von ARD und ZDF ist ebenfalls lesenswert.

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