Marlzeit (3)

04 Feb 08
4. Februar 2008


Blick vom Rathaus zum Einkaufszentrum Marler Stern.


Pool und See im Stadtzentrum.

Marlzeit (2)

04 Feb 08
4. Februar 2008

So. Feierabend.

Fast vierzehneinhalb Stunden haben wir heute mit der Jury getagt, Fernsehen geguckt und diskutiert, und die Frage ist natürlich berechtigt, ob der sechste oder siebte Film, den man am Tag sieht, die gleiche Chance hat wie die anderen, einen Grimme-Preis zu gewinnen.

Ehrlich gesagt: Man weiß es nicht, weshalb die Reihenfolge vorher ausgelost wird. Aber es ist ganz bestimmt nicht so, dass ein Film, der nach dem Abendessen kommt, schon verloren hätte. Gerade Komödien zum Beispiel kommen dann besonders gut an, wenn alle von der geballten Ladung Sozialdramen erschöpft sind; aber auch einem herausragenden Drama kann es gelingen, dass plötzlich alle aufhören, mit dem Papier zu rascheln und den Stühlen zu rücken, und nur noch gebannt auf die Fernseher schauen.

Heute war zum Beispiel ein Tag, an dem mich persönlich gerade die letzten beiden Filme besonders begeistert haben. Einer davon hieß „Eine andere Liga“, und war eigentlich nicht dafür prädestiniert, mich vom Stuhl zu reißen: Weder Fußballfilme noch Brustkrebsdramen sind meine Lieblingsgenres, aber diese Tragikomödie von Buket Alakus, die beides ist und so viel mehr, ist so grandios geschrieben, gespielt und inszeniert, mit einer solchen Leichtigkeit und Tiefe, dass sie mich gleichermaßen bewegt und amüsiert hat wie kaum ein Fernsehfilm in der letzten Zeit.

In den Kommentaren brachte jemand den Gedanken auf, ähnlich wie in „Supersize Me“ aus der Jurysitzung einen Selbstversuch zu machen, wie es einen verändert, wenn man so viele Stunden lang Fernsehen guckt. Der Vergleich mit dem Mc-Donald’s-Fress-Experiment ist leider in anderer Hinsicht außerordentlich passend. Ich schätze, dass kaum ein Jurymitglied aus Marl mit weniger als zwei Kilo Zusatzgewicht zurückkehrt. Morgens stehen schon Joghurts und Obst für uns bereit, gegen 11 Uhr kommen leckere belegte Brötchen, nachmittags Berge von Kuchen, abends gibt es ein komplettes Abendessen mit Nachtisch, dann Alkohol in verschiedenen Formen und diverse Snacks. Gut, theoretisch kann man natürlich auch 12, 13, 14 Stunden lang vor dem Fernseher sitzen und Wasser trinken, Weintrauben essen und am Filzstift kauen, aber mir ist das noch nie gelungen. (Wobei es bei mir eine komplizierte Relation gibt, wonach der Kalorienkonsum sich umgekehrt proportional zur Qualität des zu sichtenden Programms verhält und proportional zur Häufigkeit, mit der ich eine Sendung schon gesehen habe.)

Dass ich heute über die Trostlosigkeit von Marl schreiben würde, wie gestern angekündigt, war natürlich nur ein Witz. Das mache ich erst morgen.

Dieter Bohlen

03 Feb 08
3. Februar 2008

Ist ja richtig: Die Menschen machen das freiwillig. Sie wissen, worauf sie sich einlassen. Manche kommen Jahr für Jahr wieder. Keiner zwingt sie, sich bei „Deutschland such den Superstar“ zu Deppen zu machen. Aber manchmal wünscht man sich halt doch, RTL nähme seine Verantwortung ernst und besorge ihnen, anstatt sie auf den Schirm zu lassen, lieber professionelle Hilfe. Dem Dieter Bohlen vor allem.

Denn es ist ja nicht so, dass die Vierjährige, die einem die Zunge rausstreckt, die traurige Figur ist. Oder der Zehnjährige, der einem stolz die missratene eigene Sandburg vorführt. Die traurige Figur, das ist schon der Erwachsene, der dem Mädchen zeigt, dass er seine Zunge viel weiter und viel länger rausstrecken kann, bis sie heult, und dem Jungen die Sandburg zertrampelt, nicht ohne den Schaulustigen Fotos von eigenen, viel tolleren Sandburgen zu zeigen. (Sicherheitshalber hat der Erwachsene eine Frau und einen Mann an seiner Seite, die ihm notfalls helfen können, den Zehnjährigen niederzuringen oder ein sich entwickelndes Rededuell mit der Vierjährigen zu gewinnen.)

So ist Dieter Bohlen: Schafft es nach dreißig Jahren im Geschäft mühelos, Menschen, die noch nie vor einem Mikrofon gestanden haben, wie Amateure aussehen zu lassen.

In dieser Woche stand ihm ein Möchtegernsänger gegenüber, der sich weigerte, das Nein der Jury zu akzeptieren, und als er begann, Bohlen zu erzählen, dass er wenigstens besser aussähe und nicht so viel Falten hatte, gab er eine sehr traurige Figur ab. Nicht halb so traurig aber wie die, als Bohlen antwortete. Jeder Mensch mit einem Funken Selbstachtung hätte diesen Kindergartenangriff lächelnd an sich abtropfen lassen. Bohlen aber, der sein Ego in der Vorwoche dadurch aufpumpte, dass er einen Kandidaten als „Vollschwuchtel“ abtat, hielt einen langen Vortrag darüber, dass er, jawohl, Falten habe, aber eben weil er seit dreißig Jahren hart arbeite, und dass es schon sein möge, dass die Frauen auf ihn stünden, weil er so erfolgreich sei und so viel Geld habe, aber das sei ja nun mal sein Geld, das habe er ja niemandem weggenommen, und als fertig war mit seinem Wutausbruch, sah man ihm an, dass er sich gut fühlte, weil er meinte, dass er das Duell gewonnen hätte, vielleicht auch nur, weil er wusste, dass ihn morgen, wenn der Friseur und Möchtegernsänger zurück in seinem traurigen Alltag ist, wieder Dutzende junger Mädchen erwarten würden, nichtmal halb so alt wie er, und dass er diejenigen, die ihn nicht sexuell erregten, wenigstens wieder öffentlich demütigen könnte und ein Großteil von denen ihn dafür noch bewundern würde.

Was für eine traurige Wurst.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Marlzeit (1)

03 Feb 08
3. Februar 2008

So. Feierabend.

Seit Samstag tagen in Marl die Jurys für den 44. Adolf-Grimme-Fernsehpreis, und eigentlich hatte ich vor, täglich über die Arbeit in der Jury „Fiktion“ zu bloggen, in der ich in diesem Jahr bin (natürlich ohne konkrete Ergebnisse zu verraten). Ich weiß nur kaum, wann ich das schaffen soll. Heute waren wir um 22.50 Uhr fertig, morgen geht’s um 9 Uhr wieder los, und so ähnlich geht das bis Donnerstagmittag, also erwarten Sie bitte nicht zu viel Reflektionstiefe.

Eine der Besonderheiten bei Grimmes ist, dass man sich alle nominierten Sendungen gemeinsam ansieht, und zwar ganz. (Nur bei Serien und Mehrteilern gibt es Sonderregelungen.) Insgesamt 25 Sendungen sind in der Kategorie „Fiktion“ in diesem Jahr nominiert, das allein macht rund 40 Stunden reine Fernsehzeit, dazu kommen noch Diskussionen und Abstimmungen. (Bevor jemand fragt: Geld gibt es dafür ungefähr nicht.)

Zwei der 25 Nominierungen in der Kategorie „Fiktion“ haben wir uns selbst eingebrockt, das liegt an einer weiteren Besonderheit Grimmes: Über die Nominierungen entscheiden zwar eigentlich spezielle Kommissionen, die mehrmals im Jahr tagen. Wir als Jury haben aber die Möglichkeit, bis zu drei Produktionen nachzunominieren. Das ist nicht so abwegig, wie es wirkt, schließlich sollen wir ja entscheiden, was die Sendungen des abgelaufenen Fernsehjahres waren, „welche die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Form und Inhalt Vorbild für die Fernsehpraxis sein können“, und deshalb die Möglichkeit haben, Sendungen, die unserer Ansicht nach unbedingt dazu gehören, ins Rennen zu schicken, auch wenn die Nominierungskommissionen sie übersehen hatten oder schlicht anderer Meinung waren.

Deshalb begann der erste Tag (nach Begrüßungen und diversen Formalien) damit, über die Nachnominierungen zu entscheiden. Fünf Kandidaten gab es, von denen jeweils mindestens zehn Minuten angesehen werden mussten, dann gab es Probleme mit dem Ton, Probleme mit dem Beta-Abspielgerät, Plädoyers Pro und Contra, Diskussionen und mehrere Abstimmungen, und danach machte sich bei mir schon eine gewisse, viel zu frühe Müdigkeit breit.

Verraten darf ich hoffentlich, dass es zwei Kandidaten bei uns als Nachrücker geschafft haben; welche das waren, wird das Grimme-Institut vermutlich in den nächsten Tagen der Weltöffentlichkeit mitteilen.

Drei Filme gab es dann heute noch zu „sichten“, wie das hier heißt, und im Vergleich zur Jury „Information“, die mehrere Tage die geballte Ladung Dokumentationen und Reportagen über Kriege, Krankheiten und Katastrophen sehen darf, mischt sich bei uns immerhin das Genre des sozial relevanten Krimis (ein Genre, in dem Deutschland Weltspitze ist, und ich meine das nicht ironisch) mit der ein oder andere Komödie und Beziehungsgeschichte. Heute saßen wir mit 13 Juroren im abgedunkelten Raum vor vier Fernsehern, um uns „Duell in der Nacht“ mir Iris Berben, „Rose“ mit Corinna Harfouch und die (noch geheime) erste Nachnominierung anzusehen. Morgen stehen nicht weniger als sieben 90-Minüter auf dem Programm, davon zwei nach dem Abendessen.

Ich darf hier natürlich noch nicht vorwegnehmen, wie die Diskussionen gelaufen sind, aber ich fand „Rose“ ganz außerordentlich zauberhaft. Das ist auch das Schöne für mich, in dieser Jury zu sein: Mein Fernsehalltag, sowohl privat als auch als Kritiker, besteht eher aus dem, was man so Trash nennt oder Alltagsfernsehen. Viele Serien, Shows, Unterhaltung. In Marl sehe ich einmal im Jahr die geballte Ladung gutes Fernsehen, große Filme, wunderbare Schauspieler, Geschichten mit Qualität. (Und danach ist auch erstmal für ein Jahr wieder gut — nein, Quatsch.)

Ein bisschen gefehlt hat mir in diesem Jahr die Begrüßung durch die Marler Bürgermeisterin, die irgendwie verhindert war. Das Grimme-Institut ist total wichtig für diesen Ort, und ein bisschen tragisch ist, dass die klassische Grimme-Preis-Reportage und der typische Bericht aus der Jury-Sitzung selten darauf verzichtet, ausführlich zu beschreiben, was für eine trostlose Stadt das ist. Einmal hat ein Stadtoberhaupt bei der Begrüßung die Journalisten sogar gebeten, ob man auf diesen Teil nicht mal verzichten könnte, schon wegen der mangelnden Originalität. Tja.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil: So trostlos ist Marl.

Niels Ruf

27 Jan 08
27. Januar 2008

Wenn ich mich sehr beeile, schaffe ich es vielleicht, diese Kolumne fertig zu schreiben, bevor RTL die Serie abgesetzt hat. Ich kann aber nicht garantieren, dass das noch gilt, wenn Sie diesen Text lesen. Ehrlich gesagt, ist es sogar eher unwahrscheinlich, angesichts der mäßigen Quote am Freitag. Vermutlich basteln sie in den Geheimlaboren von RTL längst an einer Möglichkeit, Sendungen rückwirkend abzusetzen, damit sie sich nachträglich dafür entscheiden können, sie nie ausgestrahlt zu haben.

Es wäre schade um „Herzog“, die neue Comedyserie mit Niels Ruf. Es wäre sogar schade um Niels Ruf. Der hatte es am Anfang des Jahrhunderts mit diversen Grenzüberschreitungen geschafft, sich ein, zwei Jahre lang als „TV-Rüpel der Nation“ zu profilieren. Als er einmal wirklich zu weit ging und rausflog, beklagte er sich, dass die Menschen nicht zwischen öffentlicher Kunstfigur und dem privaten Niels Ruf unterscheiden könnten – ein Missverständnis, an dem er jahrelang gearbeitet hatte. „Herzog“ ist unter anderem deshalb so vergnüglich, weil Ruf darin wieder das Ekel von früher sein darf, aber in einem klaren fiktionalen Rahmen: als fieser Scheidungsanwalt. Er spielt sie gut, die Rolle des talentierten arroganten Arschlochs, das letztlich an der Selbstbesoffenheit scheitert, die Rolle seines Lebens also. Und dass alles im Rahmen eines Drehbuchs stattfindet, das sorgsam austariert, wie oft wir mit diesem Herzog lachen und wie oft über ihn, das macht die Sache entspannter und harmloser, erlaubt es aber, gezielter an die Grenzen zu gehen. Der Witz besteht nicht nur aus den üblichen Doppeldeutigkeiten (Sie, verspätet: „‚Tschuldigung, ich hatte viel Verkehr.“ Er: „Hauptsache, Sie sind gekommen.“), sondern etwa auch aus dem Umgang mit einer Brustkrebs-Untersuchung, was ebenso gewagt wie befreiend ist. Wie sehr solcher Humor schillern kann, zeigt ein Running Gag in der ersten Folge darüber, ob „Neger“ komisch riechen, den man für einen rassistischen Witz halten könnte, sich aber als Witz über Rassismus herausstellt. Und am Ende bekommt Herzog eh regelmäßig die Quittung für seine Art.

Für den Sender RTL, der jenseits des Reality-Genres in den vergangenen Jahren zum Inbegriff der Mut- und Harmlosigkeit geworden ist, ist es fast sensationell, dass er sich die Provokationen und den Witz in „Herzog“ getraut hat und der Serie nicht alle Ecken abgeschmirgelt hat. Es wäre schön, wenn das belohnt würde. Vermutlich muss man schon schreiben: belohnt worden wäre.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung