Matussek Unplugged

19 Nov 07
19. November 2007

Matthias Matussek, eine Hälfte der Leitung des „Spiegel“-Kulturressorts, äußerte sich heute Vormittag im Deutschlandradio Kultur über dies und das und plädierte indirekt für eine Neubesetzung seines Postens.

[via Bernhard Pohlmann in den Kommentaren]

Dieter Thomas Heck

18 Nov 07
18. November 2007

Dr. Heindl war der Mann, der in der Ratesendung „Die Pyramide“ in den achtziger und frühen neunziger Jahren dafür zuständig war, heikle Entscheidungen zu treffen. Etwa: Kam die richtige Antwort noch in der Zeit? Zu sehen war Dr. Heindl nie. In Zweifelsfällen nahm Dieter Thomas Heck per Telefon Kontakt zu ihm auf, und die Gespräche haben tiefe Spuren im Gedächtnis des Teils der Generation Golf hinterlassen, der seine Samstagabende vor dem Fernseher verbrachte.

Heindl schien ein humorvoller, gradliniger Jurist zu sein, vor allem aber war er für Heck „Herr Doktor Heindl“. Der Titel stellte einen unverzichtbaren Bestandteil des Namens dar (ähnlich wie das MDR-Fernsehballett bei Heck grundsätzlich das „fabelhafte MDR-Fernsehballett“ war), und wenn Heck ihn aussprach, deutete er dazu gerne eine Verbeugung an. Jedes Gespräch nutzte Heck zu einer Demonstration des richtigen Umgangs mit Autoritätspersonen: Weil man ihrer Willkür ausgeliefert ist (und Heck sprach mit Heindl immer, als könne der ihn mit einem Knopfdruck dauerhaft vom Bildschirm entfernen), empfiehlt sich ein überkorrektes Auftreten, notfalls jenseits der Grenze zur Unterwürfigkeit. Die Entscheidungen sind zu befolgen, aber zum Ausgleich darf man sich hinterher über sie und Diedaoben lustig machen. Der eigene Status Hecks zeigte sich nur darin, dass er sich manchmal sogar im Gespräch selbst Spuren von Ironie erlauben durfte.

In den ebenso witzigen wie unerträglichen Telefonaten mit Dr. Heindl zeigte sich, was Heck ausmacht: Da steht kein weltläufiger Mensch auf der Bühne, sondern jemand, der es aus kleinen Verhältnissen nach oben geschafft hat und sich nun so verhält, wie der kleine Deutsche glaubt, dass die großen, weltläufigen Menschen es tun, mit all den Umgangsformen und –formeln, mit den Wichtigkeitsgesten, die bei ihm hoffnungslos übertrieben und manieriert, aber ernst gemeint sind: der im freien Stand auf die andere Hand aufgestützte Arm; das rotierende Handgelenk; der um Aufmerksamkeit heischende Zeigefinger, und nicht zuletzt, wie er Frauen an beiden Händen nimmt, bevor er sie mit gespitzten Lippen beinahe auf den Mund küsst. Dazu trägt er einen korrekten, konservativen Zweireiher und als kleines exzentrisches Accessoire: Armkettchen, die klimpernd die Gesten untermalen.

Heute um 20.15 Uhr moderiert er seine letzte Sendung. Zum 70. Geburtstag im Dezember schenkt sein ZDF ihm noch eine Gala mit Johannes B. Kerner, der längst in Hecks Rolle geschlüpft ist: ohne das Schlagergedöns natürlich, aber mit der Garantie, dass der Oberbürgermeister mit dem korrekten Titel und einer kleinen Verbeugung angesprochen wird und auch das MDR-Fernsehballett nicht auftreten muss, ohne dass irgendein tönernes Adjektiv vor seinem Namen steht.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Notizen über Stefan Aust

16 Nov 07
16. November 2007

Jetzt erscheinen Artikel über Stefan Aust, die sich wie Nachrufe lesen. Und wenn schon Bilanz gezogen wird über sein bisheriges Lebenswerk und sein Wirken beim „Spiegel“, würde ich gerne an zwei Episoden erinnern.

Das eine ist die Geschichte, die Ulrike Simon in der „Welt am Sonntag“ aufgeschrieben hat über Stefan Aust als pflichtbewussten Testfahrer von Luxusautos. Das andere ist die Geschichte, wie Aust einen von Experten in seiner Redaktion geschriebenen Artikel über Windkraft kippte und stattdessen später einen „Spiegel“-Artikel veröffentlichen ließ, der nicht nur seinen persönlichen Interessen entsprach, sondern teilweise auch vor seiner Haustür spielte, was der Artikel natürlich verschwieg. (Die wunderbare Dokumentation der Vorgänge durch Martin Niggeschmidt für „Message“ hat die „Netzeitung“ dankenswerterweise einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht und bewahrt. Dort ist auch der von Aust verhinderte Windkraft-Artikel von Gerd Rosenkranz und Harald Schumann zu lesen.)

Der Windkraft-Fall ist ungleich gravierender, aber beide Geschichten geben eine Ahnung davon, wie egal Aust Kategorien journalistischer Verantwortung waren. Schon sich für seine Entscheidungen rechtfertigen zu müssen, scheint für ihn eine Zumutung zu sein. Die gereizten Antworten sind Bankrotterklärungen. (Unbedingt nachlesen in der „Netzeitung“: Wie Aust erst behauptet, gar nicht zu wissen, dass es in der Nähe seines Reiterhofs Windkraft-Projekte gibt. Wie er dann behauptet, er habe den Redakteuren gesagt, sie sollten einen Bogen um seine Nachbarschaft machen. Wie er schließlich zugibt, den Namen des Ortes getilgt zu haben — aber hinzufügt, sonst hätte er sich ja andere Vorwürfe anhören müssen, wie man’s macht, sei’s verkehrt.) Dass jemand, der sich mit einer solchen Wurstigkeit über solch gravierende Vorwürfe hinwegsetzt und sich in wichtigen Fragen demonstrativ auf das argumentative Niveau eines Zweitklässlers begibt, überhaupt „Spiegel“-Chefredakteur bleiben konnte, finde ich immer noch erstaunlich.

Ein Grund dafür, dass er sich diese Überheblichkeit und Scheinheiligkeit erlauben konnte, ist sicher, dass Aust lange schon kein „Vollblutjournalist“ mehr war, sondern ein Vollblutmachtmensch. Er hat sich ein Netzwerk geschaffen aus einflussreichen Leuten in vermeintlich konkurrierenden Häusern, die ihm den Rücken freihielten. Und er schämte sich auch nicht, bei Verantwortlichen anzurufen und zu fordern, dass (für ihn) lästige Berichterstattung abgestellt wird. (Nein, das ist nicht mir passiert.)

Ich weiß nicht, ob der Nachfolger von Aust die große Tradition des „Spiegel“ eher als eine Verpflichtung sehen wird als Aust. Und ich weiß nicht, ob die Menschen, die beim „Spiegel“ nun gegen Aust gewonnen haben, lautere Motive hatten oder es doch nur um die Macht ging. Ich bin bei beiden Fragen eher pessimistisch. Aber ich finde es beruhigend, dass auch jemand, der alles dafür getan hat, dass er sich alles erlauben kann, irgendwann an seine Grenzen stößt.

Die Welt ist meine Aust

15 Nov 07
15. November 2007

Und, um es mit kress.de und der traurigsten Jahrmarkt-Metapher des deutschen Journalismus zu sagen: „Schon dreht sich das Nachfolgekarussell“.

Bisher genannt als mögliche Nachfolger von Stefan Aust im Amt des „Spiegel“-Chefredakteurs:

Mathias Müller von Blumencron |||||
Martin Doerry ||
Cordt Schnibben |
Gabor Steingart |
Thomas Kleine-Brockhoff |
Giovanni di Lorenzo |||
Gerhard Spörl |
Uwe Vorkötter ||
Frank Schirrmacher |
Steingart & Blumencron |
Jakob Augstein & Blumencron |
Hans-Ulrich Jörges |
Kurt Kister |
Nikolaus Brender |

(Wird ggf. aktualisiert. Schwindel auf eigene Gefahr.)

Stefan Aus

15 Nov 07
15. November 2007

— Ein Gastbeitrag von Oliver Gehrs —

Der „Spiegel“ ist nicht gerade dafür bekannt, dass er spart: Die Gehälter sind überdurchschnittlich, das viel zu teure Berliner Büro residiert mitten in den Blumenrabatten am Pariser Platz, und manchmal kann es sein, dass einen der Ressortleiter anhält, mehr Spesen zu machen. Öfter mit Informanten schick essen zu gehen.

Aber nun brechen andere Zeiten an. Unter dem neuen Geschäftsführer Mario Frank wird gespart. Und man nimmt es sympathischerweise nicht den Kleinen, sondern fängt mit dem wohl größten Posten im Personal-Etat an. Denn Chefredakteur Stefan Aust wird bestimmt eine Million im Jahr bekommen haben — das heißt, die jetzt erfolgte Kündigung könnte richtig Geld sparen. Aust hat einen Fünf-Jahresvertrag bis zum 31.12.2010, der aber jetzt erstmals vorzeitig gekündigt werden kann. Hätte man die Gelegenheit verstreichen lassen, wäre eine hohe Abfindung fällig geworden.

Es wird aber auch Zeit. Noch nie hat ein Chefredakteur den Spiegel so wurstig gemacht wie Aust in den letzten Monaten. Während er daheim in Stade Rennpferde züchtete, von denen denn auch prompt das Schnellste für eine mittlere sechsstellige Summe verkauft wurde, oder für die ARD spannende RAF-Dokus produzierte, ließ er seine Hintersassen (copyright Kurt Kister, „Süddeutsche Zeitung“) unterirdische Titel produzieren. Mal wurden Hamburg und Riga zu Topstädten hochgejazzt, mal die Klimakatastrophe als Heil für die nördliche Welt beschrieben, dann wieder belangloses 68er-Workshop-Gewäsch gedruckt. Aust war der Spiegel egal geworden, und dass konnte man jeden Montag am Kiosk merken.

Gut, dass damit Schluss ist, und das Tollste ist: Aust weiß es vielleicht noch gar nicht. Er ist gerade im Urlaub.

Oliver Gehrs, 39, ist Autor der unautorisierten Stefan-Aust-Biographie „Der Spiegel-Komplex“ und bespricht jeweils montags die aktuelle „Spiegel“-Ausgabe auf „WatchBerlin“.