Der Doping-Skandal-Skandal

23 Jan 08
23. Januar 2008

Um gleich mit der Kritik anzufangen: Eigentlich steige ich bei Artikeln, die als Synonym für ARD oder ZDF Begriffe wie „zwangsgebührenfinanzierter Kuschelsender“ benutzen, gleich wieder aus.

In diesem Fall wäre das ein Fehler, denn der Text, der folgt, ist unbedingt lesenswert. Jens Weinreich, Sportchef der „Berliner Zeitung“ und herausragender kritischer Sportjournalist, hat in seinem Blog über den vermeintlichen Doping-Skandal im Biathlon geschrieben, der dann zum vermeintlichen ARD-Skandal wurde. Überhaupt sehen ungefähr alle in der Geschichte schlecht aus: die kritischen Journalisten, die als Journalisten verkleideten Fans, die ARD, der lustige Michael Antwerpes, die „Tagesschau“, die Nachrichtenagenturen dpa und sid — und Weinreich schont niemanden.

Im Sport kenne ich mich wenig aus, aber vieles, was Weinreich formuliert, geht weit über das Thema Doping und die Besonderheiten des Sportjournalismus hinaus und betrifft grundsätzliche journalistische Untugenden:

(…) Wer nicht dokumentieren kann, dass angeblich Dutzende deutsche Wintersportler zu den Kunden einer Wiener Blutbank zählen, der sollte daraus keine Exklusivmeldung basteln, sondern einfach mal schweigen — und weiter recherchieren. (…)

Eine absolute Unsitte im deutschen Journalismus sind die so genannten Vorabmeldungen. Täglich werden die Nachrichtenagenturen mit einem Wust an exklusiven Nichtigkeiten belästigt. Was davon ausnahmsweise exklusiv, was aber nur nichtig ist, können Agenturjournalisten oft nicht unterscheiden. Zum Gegencheck fehlt meistens die Zeit, oft auch der Wille – und überhaupt das Verständnis. Hinzu kommen handwerkliche Mängel. (…)

Kaum einer der Betroffenen, am ehesten noch die Deutsche Presse-Agentur (dpa), hatte die Größe, seine Fehler zu dokumentieren. Dabei handelt es sich hier um eine ganze Fehlerkette. Anders gesagt: Das System ist der Fehler.

Dieses komplexe Beispiel korrespondiert übrigens sehr schön mit meiner These, dass sich die herkömmlichen Medien, die doch stets behaupten, Qualitätsjournalismus gepachtet zu haben, auf Dauer überflüssig machen, wenn sie weiter so mit ihren Kunden umgehen. (…)

Lesen! Und bookmarken: jensweinreich.de

Kurz verlinkt (14)

23 Jan 08
23. Januar 2008

Was Jens Jessen, dem Kulturchef der „Zeit“, derzeit im Internet entgegenbrandet, ist widerlich und totalitär. Die Welle von Schlamm, die sich über ihn ergießt, ist in ihrer Monströsität kaum zu beschreiben. Sie überschwemmt alles, was man an öffentlicher Wortkultur für gesichert hielt.

Christian Geyer in der „FAZ“.

Detailfragen

23 Jan 08
23. Januar 2008

Falls Sie sich wundern, warum verschiedene Qualitätsmedien berichten, der gestern tot aufgefundene Schauspieler Heath Ledger hätte demnächst bei den Dreharbeiten für den nächsten „Batman“-Film „The Dark Knight“ als Joker vor der Kamera stehen sollen, obwohl diese Dreharbeiten bereits abgeschlossen sind: Der Fehler stammt von der Nachrichtenagentur AP.

AP berichtete das um 23:09 Uhr und dann noch einmal um 23:12 Uhr. Erst in einer weiteren AP-Meldung um 23:52 Uhr stand es richtig („Bei den Dreharbeiten für den nächsten ‚Batman‘-Film stand er als Bösewicht Joker vor der Kamera.“), aber natürlich ohne jeden Hinweis, dass diese Formulierung eine Korrektur darstellt.

Natürlich ist es kein Wunder, dass in den Online-Redaktionen um diese Zeit keine Filmexperten mehr im Dienst sind. Nur die Variante, die exklusiv bei Bild.de steht, die hätte man ganz ohne Fachwissen ausschließen können:

Bei den Dreharbeiten für den nächsten „Batman“-Film wird er als Bösewicht vor der Kamera stehen.

Nachtrag, 10:00 Uhr: tagesschau.de, Focus Online und Spiegel Online haben den Fehler inzwischen korrigiert, Bild.de jeden Hinweis auf „Batman“ sicherheitshalber ersatzlos gestrichen.

Sport1 interschuht Philipp Lahm

22 Jan 08
22. Januar 2008

Und dann war da noch „Deutschlands größtes Sportportal“ Sport1.de, das ein Exklusiv-Interview mit Philip Lahm geführt hat, in dem er u.a. über seine Erwartungen an Jürgen Klinsmann und die Ziele für die Rückrunde plaudert. Das Gespräch nimmt kurz vor Schluss eine überraschende Wendung:

Der Link führt, natürlich, hierhin. Autor Michael Gerhäußer ist übrigens aus unerklärlichen Gründen Mitglied im Verein Münchner Sportjournalisten.

[Mit Dank an Robin Heintze!]

Nachtrag, 22.00 Uhr. Nicht dass jemand denkt, das wäre Schleichwerbung. Wir befinden uns mit diesem Sport1-Artikel „an der Nahtstelle zwischen gutem Sport-Journalismus und intelligentem Marketing“.

[via dogfood in den Kommentaren]

Nachtrag, 27. Januar. Das Interview ist spurlos verschwunden.

Das Schlimme

22 Jan 08
22. Januar 2008

Man kann es natürlich auch so machen wie die Zeitschrift „Das Neue“ aus dem Heinrich-Bauer-Verlag und als Reaktion auf die ethisch und juristisch gut begründete Aufforderung, nicht öffentlich über den Gesundheitszustand der Komikerin Gaby Köster zu spekulieren, die angebliche Diagnose fett und mit Ausrufezeichen auf die Titelseite schreiben und für alle, die es möglicherweise übersehen haben, drei Tage nach Erscheinen des Heftes eine Pressemitteilung herausgeben, in der keine, aber auch wirklich keine Frage offen bleibt.