„Seltsame Selbstverliebtheit und Hochmut“

29 Mai 07
29. Mai 2007

Die „Tagesspiegel“-Redakteurin Tissy Bruns, die ich für ihre Bemerkungen bei einer Diskussionsrunde vor ein paar Tagen kritisiert habe, antwortet in den Kommentaren auf meine Kritik :

Lieber Kollege Niggemeier,

nach Lektüre Ihrer Kritik am letzten Medienquartett und der folgenden Kommentare zu “Blinde…” ist mir noch etwas klarer geworden, warum die FAS vor zwei oder drei Wochen danach gefragt hat, warum die Blogger in der öffentlichen Debatte noch immer nicht die Rolle spielen, die sie selbst und andere sich davon erwartet haben.

Ich kritisiere seit ewig und drei Tagen die Selbstbezogenheit meiner eigenen Berufsgruppe öffentlich — die Blogger-Szene steht uns in dieser Hinsicht leider in nichts nach, im Gegenteil. Die Unkenntnis, die Sie mir oder Herrn Bissinger aus zwei gekürzten Passagen nachweisen, um dann die Sendung abzuschalten, ist schon von einer seltsamen Selbstverliebtheit und einem Hochmut, der weder dem Anspruch noch der Wirkung der Blogger entspricht. Herr Floto hat mich nach Leserreportern und Blogs gefragt, und ich habe so geantwortet, wie durchschnittliche Leute diese Begriffe verstehen. Ist Ihnen nicht bewusst, dass „Blogs“ in strenger Definition keineswegs landläufig bekannt sind? Die meisten Leute verstehen darunter immer noch, dass es sich um Schreiber im Internet handelt; im Verhältnis zu Zeitungen eben alle, die sich Online zu Zeitungsinhalten äußern.

Selbstverständlich kenne ich die Tagesspiegel-Blogs, die der Kollegen Wergin und Fetscher schätze ich zum Beispiel sehr. Weil ich sie kenne, weiß ich auch, dass ich sie nicht täglich lesen muss. Es lohnt sich nämlich nicht immer und das ist keine Kritik an den Kollegen, sondern eine einfache Feststellung. Täglich lese ich allerdings das Online-Echo auf die Zeitung. Und ich gestehe: Mit gemischten Gefühlen.

Ich staune, dass die mediale Avantgarde so empfindlich ist, dass sie nicht einmal 45 Minuten kritische Debatte über sich selbst aushält, dafür aber umso kräftiger austeilt. Ob das ein Gewinn für den Journalismus ist, wenn ausgeteilt wird wie im Boxverein, es beim Einstecken aber zugeht wie im Mädchenpensionat ? Da glaube ich doch lieber an die Blogger, die wirklich in die öffentliche Debatte eingreifen und empfehle, nur zum Beispiel, den Artikel über die rumänischen Blogger in der FAZ vom 28. Mai 2007.

Mit kollegialen Grüßen
Tissy Bruns

Fäkalcontent

29 Mai 07
29. Mai 2007

Der Morgenmoderator gerade auf Radio Berlin:

Ich hoffe, dass Sie alle einen stabilen Stuhl haben.

(Ging aber dann doch irgendwie um Möbel. Nein, ich weiß auch nicht, wieso ich den Sender überhaupt höre.)

Die Zukunft des Journalismus

29 Mai 07
29. Mai 2007

Alan Rusbridger, Chefredakteur der (von mir heißgeliebten) britischen Tageszeitung „Guardian“, hat vor Zeitungs-Ombudsleuten eine Rede über „Ombudsmänner in der digitalen Zukunft“ gehalten, in der er bemerkenswerte Dinge sagte über den Journalismus, wie sich seine Natur gerade rasant verändert und wie Journalisten und Medien darauf reagieren müssen:

(…) As journalists, we’re doing well if we confine ourselves to being truthful about what we know, which is often (through no fault of our own) fairly circumscribed. We’re doing better if we’re also truthful about what we don’t know. We should always be uneasy at grandiose boasts that we’re revealing The Truth.

(…) handing down tablets of stone and telling people „this is how it is” is a less persuasive proposition than it once was.

(…) the readers, users — call them what you will — have now got such good real time access to much of the information which was once our exclusive preserve. By that I mean that the traditional news media were, on the day, (and, indeed, for most people at all) the only source of information. A speech, a debate, a report, a scientific paper — most people had few independent ways of verifying a newspaper or broadcast account, certainly on the day it was published or broadcast. Now a huge amount of information is simultaneously released on official websites, enabling millions of people to check your version of events against the original.

What does that mean? It means that inquiring, suspicious or specialist readers (by which I mean people with a particular interest in a particular subject) will swiftly be able to test your journalism for accuracy or bias against any published information. Of course, we still have sources of information not available to just anyone. But today there are millions of fact checkers out there. Millions of them have their own blogs or websites. So we can refuse systematically to correct or clarify our journalism, but we would be foolish to imagine that it will therefore go uncorrected or unclarified. It will: all that will happen is that it will take place elsewhere.

And, of course, that will still happen even if you do have your own processes in place. The question editors have to face is: is it not a bit uncomfortable knowing that your failings may be revealed and widely discussed elsewhere, with not a word appearing in your own newspaper or on your own channel? Which is the road to building trust — engaging or ignoring?

(…) in truth, a passionate debate is raging out there in a way which many mainstream journalists have not quite yet appreciated. At times it feels more like a cacophony than a debate, it’s true. But various technological and economic forces are bearing down on what we do so forcefully and, frankly, so fast, that the very nature of journalism is being challenged in fundamental ways that have yet to filter back into more conventional print-focused newsrooms.

As with all these developments, so-called old media has a decision to make — whether to stand aloof from them and basically say „that’s not what we do.“ Or else to try it out on the basis that it might, indeed, not be what we do, but there are some things we can learn from it, or which might impact on us. And of course there is a third possibility: that we try it out and decide that that’s exactly what we should be doing. (…)

Die außerordentlich lesenswerte Rede Rusbridgers im Original und in der Zusammenfassung von Deborah Howell, Ombudsfrau der „Washington Post“.

Ahnungslose Hassprediger

28 Mai 07
28. Mai 2007

Ich bin mir nach all den Monaten immer noch nicht sicher, ob ich es beruhigend oder beunruhigend finde, dass bei den Hasspredigern des erfolgreichen Anti-Islam-Blogs „Politically Incorrect“ die Ahnungslosigkeit immer noch größer ist als der Hass.

Wenn der Grünen-Politiker Volker Beck und andere beim Versuch, in Moskau für Versammlungsfreiheit und Grundrechte für Schwule und Lesben zu demonstrieren, geschlagen und zeitweise festgenommen werden, erntet er von „PI“-Macher Stefan Herre und seinen Mitstreitern dafür nur Häme und Beschimpfungen. Unter dem Eintrag überbieten sich „PI“-Stammkommentatoren in schwulenfeindlichen Kommentaren: Sie nennen Beck eine „dämliche *****tel“ („bah was widert einen dieser Typ an: kotz brech würg“), „Sodomist“ und „bekennenden Pädophilen“, malen sich aus, wie er im Iran mit einem „seiner warmen Brüder“ am Baukran erhängt wird, und nennen Homosexualität einen „genetischen Defekt“. Das ist der Hass.

Und das ist die Ahnungslosigkeit: „PI“-Macher Stefan Herre wirft Beck vor, dass er nach Moskau reist, anstatt sich „zur Abwechslung einmal für die Versammlungsfreiheit der Schwulen und Lesben in Kreuzberg oder Neukölln“ [einzusetzen]. Herre suggeriert, dort könne keine Schwulenparade stattfinden — wegen der dort herrschenden und durch die Grünen mitzuverantwortenden „islamischen Gegenkultur“. Und Dutzende Kommentoren empören sich mit Herre darüber, was das für ein Skandal ist, dass in Kreuzberg und Neukölln keine Schwulen demonstrieren können wegen der vielen Moslems. Und keiner lässt sich das schöne Vorurteil dadurch kaputt machen, dass Schwule und Lesben seit 1998 jährlich durch Kreuzberg und teilweise Neukölln ziehen und demonstrieren und feiern: Auf dem „Transgenialen CSD“.

Turi stolpert beim Tanz durchs Minenfeld

27 Mai 07
27. Mai 2007

[Disclosure: Peter Turi war vor vielen Jahren ein Auftraggeber von mir; José Redondo-Vega ist vor etwas weniger Jahren — weitgehend erfolgreich — juristisch gegen einen Artikel von mir vorgegangen; mit ix bin ich befreundet. Man könnte diesen Eintrag also als persönliche Angelegenheit verstehen. Das wäre aber ein Missverständnis.]

In den vergangenen Tagen sind ein paar Dinge aus dem Internet verschwunden. Eine Art Jugendfoto von Don Alphonso auf den Online-Seiten von „Vanity Fair“ zum Beispiel (verkleinerter und verfremdeter Screenshot rechts). Und aus dem Artikel namens „Minenfeld 2.0″, den es bebilderte, fünf Wörter:

Auftritt Don Alphonso, selbsternannter Rächer der Entbehrten, Beschützer von Web-Witwen und Waisenknaben. Heißt im wahren Leben Rainer Meyer, lebt vom Erbe seiner Eltern und dem Glauben, dass ohne ihn die Blogosphäre unter die „Johurnaille, PR-Nutten und Blog-Versager“ fällt.

Auch aus turi2.de, der „Seite für Medienmacher“ von Peter Turi, dem Autor des vanityfair.de-Artikels sind Foto und Textstelle ohne Erklärung entfernt worden.

Don Alphonso (oder Rainer Mayer) ist juristisch gegen beides vorgegangen. Das mit dem Erbe seiner Eltern sei in doppelter Hinsicht falsch, sagt er: Sie leben, und er lebt nicht von ihnen. Da geht es um Rufschädigung und falsche Tatsachenbehauptung. Und das Foto hätten Turi bzw. vanityfair.de rechtswidrig verwendet, dazu noch ohne Quellenangabe. Seine Abmahnungen haben offenkundig Wirkung gezeigt.

Es ist noch etwas verschwunden in den letzten Tagen aus dem Online-Auftritt von „Vanity Fair“: Turis Name in der Übersicht über die Blogs, die die Illustrierte anbietet. Das muss nicht unbedingt miteinander zusammenhängen, aber Tatsache ist: Aktuell gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Medienkolumne „Turi am Sonntag“ auf vanityfair.de noch fortgesetzt wird.

Mindestens so interessant ist allerdings, was nicht verschwunden ist aus dem Online-Auftritt von „Vanity Fair“ und Turis Artikel: Mehrere falsche Aussagen über einen Rechtsstreit zwischen dem Blogger ix (Felix Schwenzel) und dem Kress-Verlag. Turis Blog-Einträge sind notorisch ungenau, und auch in diesem Fall hat er einige Behauptungen aufgestellt, die nachweislich nicht stimmen. Das ist für die Beteiligten besonders ärgerlich, weil es sich um einen laufenden Rechtsstreit handelt.

Turi wusste, bevor er den Artikel veröffentlichte, über die Fehler darin. Und der Redaktionsleiter von vanityfair.de, José Redondo-Vega, ist am Tag darauf von ix darauf hingewiesen worden. Als ix zwei Wochen später noch keine Antwort hatte und der Artikel unverändert dastand, fragte ich bei Redondo-Vega nach:

  • Ist es Politik von vanityfair.de, Artikel auch dann zu veröffentlichen, wenn sie fehlerhaft sind?
  • Ist es Politik von vanityfair.de, fehlerhafte Artikel auch nachträglich nicht zu korrigieren?
  • Antworten Sie grundsätzlich nicht, wenn Sie ein Betroffener auf Fehler in einem Artikel auf vanityfair.de hinweist, oder ist das nur im konkreten Fall so?

Redondo-Vega antwortete mir, dass die Klärung des Sachverhaltes laufe, er sich aber nur gegenüber den Betroffenen äußern werde. (Er lehnte meine Bitte ab, seine Antwort hier veröffentlichen zu dürfen.) Plötzlich bekam aber auch ix eine Antwort (die man ebenfalls nicht veröffentlichen darf), in der Redondo-Vega beteuerte, die Vorwürfe ernst zu nehmen und ix empfahl, niemandem mehr von der Angelegenheit zu erzählen (einen Grund, warum das in Felix‘ Interesse sein sollte, nannte er nicht). Redondo-Vegas Wunsch nach Akteneinsicht lehnte ix ab; seitdem hat er nichts mehr von vanityfair.de gehört.

Dafür bekam ich eine E-Mail von Peter Turi, der schrieb, er sei von Redondo-Vega gebeten worden, meine Mail zu beantworten. Seine Antwort lautet vollständig:

Mir ist die Zeit zu schade, um auf Mails ohne jedwede Substanz einzugehen.

Vielleicht fehlte ihm die Substanz, die Don Alphonso in Form eines Anwalts mitbrachte.