Dabeisein ist alles

18 Okt 07
18. Oktober 2007

Sie sind ungefähr immer Unsinn, diese Live-Schaltungen in Nachrichtensendungen zu bemitleidenswerten Reportern vor Ort, die schon deshalb nicht mehr wissen als ihre Kollegen in den Redaktionen, weil sie die ganze Zeit irgendwelche Live-Schaltungen in Nachrichtensendungen absolvieren.

Aber so schön wie gestern in der „Tagesschau“ um 15 Uhr hat man den Schwachsinn dieses Rituals selten vorgeführt bekommen:

Claus-Erich Boetzkes: Gibt es neue Tarifverhandlungen oder stehen die nächsten Warnstreiks vor der Tür? In diesen Minuten gibt die Lokführergewerkschaft in Frankfurt am Main bekannt, wie sie auf das neue Tarifangebot der Bahn reagiert. (…) In Frankfurt bei der GDL ist mein Kollege Markus Gürne. Herr Gürne, was teilen die Lokführer mit?

Markus Gürne: Ja, die Lokführer haben sich zunächst mal verspätet. Die Pressekonferenz ging ein bisschen später los, und bisher ist der entscheidende Satz auch noch gar nicht gefallen. Claus Weselsky (…) hat bisher nur gesagt, dass alter Wein in neuen Schläuchen ist. Das lässt im Prinzip so gut wie nichts vermuten, weder in die eine noch in die andere Richtung. Also, im Prinzip wiederholt man gerade das, was man schon vorgestern gesagt hat, nämlich dass das Angebot unzureichend ist der Bahn. Das wird jetzt ausgeführt. Wenn das dabei bleibt, dann könnte man davon ausgehen, das die GDL das schlussendlich ablehnt, dann wird es Streiks geben, aber wie gesagt: Die Pressekonferenz hat etwas verspätet begonnen, läuft zur Minute noch, und deshalb wissen wir leider nicht mehr, als wir im Moment sagen können.

Boetzkes: Ich weiß ein bisschen mehr inzwischen. Gerade hat die GDL zu neuen Streiks aufgerufen. Markus Gürne, aus Ihrer Erfahrung, was bedeutet das für uns? Geht das jetzt sehr schnell? Oder wird das frühestens nächste Woche losgehen?

Gürne: Also, wenn das so ist, wie Sie sagen, und da hab ich keinen Zweifel dran, dann wird das sehr sehr schnell passieren. Die GDL hat die Pläne seit Wochen in der Schublade. Der Urabstimmungsbeschluss war ja auch schon längst da, man hat ja auch schon gestreikt. Die Frage wird jetzt sein: Wird es wieder ein bundesweiter Streik im Nahverkehr sein? Oder wird man es ganz gezielt in manchen Ballungsgebieten machen? Das werden sie jetzt wahrscheinlich gleich in der Pressekonferenz weiter ausführen. Aber ich denke, das wird sehr, sehr schnell losgehen.

Boetzkes: Noch eine Information nachgeschoben: GDL ruft für Streiks für morgen auf. Markus Gürne, danke für diese Informationen, danke nach Frankfurt.

Programmhinweis

16 Okt 07
16. Oktober 2007

Ich bin am Mittwoch von 13 Uhr an im Chat von tagesschau.de.

Nachtrag: Der Chat lässt sich hier nachlesen.

Google News ohne Politically Incorrect

15 Okt 07
15. Oktober 2007

Das anti-islamische Blog „Politically Incorrect“ (PI) ist keine Nachrichtenquelle mehr bei Google News. Ein Sprecher des Unternehmens bestätigte mir, dass Google in seiner Nachrichtensuche seit einigen Wochen keine Beiträge von „Politically Incorrect“ mehr aufführe. (Wohlgemerkt: Es geht ausschließlich um die Nachrichtensuche von Google, nicht die Websuche.)

Bislang hatte Google auf Nachfragen nach der Tauglichkeit von „PI“ als Nachrichtenquelle entweder gar nicht reagiert oder abwiegelnd geantwortet: Die Quellen würden „ohne Berücksichtigung einer bestimmten politischen Gesinnung oder Ideologie ausgewählt“.

Google gibt nicht bekannt, wer entscheidet, welche Quellen für Google News akzeptabel sind und welche nicht, und nach welchen Kriterien diese Entscheidung erfolgt. In der „Google News Hilfe“ findet sich allerdings die Aufforderung, dem Unternehmen „Anmerkungen zu hetzerischen Inhalten im News Index“ mitzuteilen.

Was konkret nun zu einem Meinungsumschwung geführt hat, weiß ich nicht. Google teilte mir nur mit, dass man in der Regel keine Blogs als Quellen in seiner Nachrichtensuche aufführen wolle, weil dafür die Google-Blogsuche gedacht sei. (Eine Ausnahme von dieser Regel stellt offenbar BILDblog dar.)

Ich finde die Weigerung, die Kriterien für eine Aufnahme in den Google-News-Index publik zu machen, enttäuschend. Inwieweit diese Kriterien bei jeder Quelle erfüllt wären oder nicht, würde dann natürlich Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Google würde sich aber nicht dem Vorwurf reiner Willkür aussetzen. Natürlich darf das Unternehmen frei (und auch willkürlich) entscheiden, welche Quellen es in seiner eigenen Nachrichtensuche zulässt. Angesichts der Dominanz des Unternehmens wäre Transparenz aber wichtig und wünschenswert.

„Politically Incorrect“ ist in den vergangenen Monaten zu einer Art Zentralorgan für moderne Rassisten geworden. Es hat nach eigenen Angaben regelmäßig eine fünfstellige Zahl von Besuchern täglich. Es zieht mit seinen Artikeln Scharen hasserfüllter Kommentatoren mit Gewaltphantasien an, die sich vom dumpfen Neonazi im Wesentlichen in zwei Punkten unterscheiden: Sie haben die (vermeintliche oder tatsächliche) Bedrohung des westlichen Lebensstils und der Demokratie durch den Islam als Legitimation und Rationalisierung ihres Ausländerhasses entdeckt. Und sie sprechen nicht mehr von „Kanaken“, sondern von „Musels“. (Außer, wenn sie doch von „Kanaken“ sprechen, was im Kommentarbereich von „PI“ ebensowenig sanktioniert wird wie zum Beispiel der Aufruf, „jeden Moslem der sich anmasst ehemals christlichen Boden mit seiner Existenz zu beflecken nieder zu machen“ und „in einem ersten Schritt Mekka und Medina mit je einer schweren H-Bombe in eine strahlende Glasscherbe“ zu verwandeln.)

Meiner Meinung nach denken aber nicht nur viele Stammkommentatoren in rassistischen Kategorien, sondern auch die Verfasser der „Politically Incorrect“-Beiträge. „PI“-Gründer Stefan Herre weist diesen Vorwurf mit dem Hinweis zurück, das sei unmöglich: „Moslems bilden keine Rasse, nicht einmal eine Ethnie“. Tatsächlich spielt diese Unterscheidung im von Hass und Beleidigungen geprägten Blog-Alltag auf „PI“ aber keine Rolle.

Die Autoren wenden sich nicht nur gegen den Islam, sondern auch gegen den einzelnen Moslem. Und sie schaffen es über den Umweg einer Schein-Auseinandersetzung mit der Religion, Menschen bestimmter Herkunft vollständig abzulehnen. Ihre Fremdenfeindlichkeit tarnt sich als Kritik einer Religion, Ideologie und Kultur, ist aber umfassend.

„Politically Incorrect“ bekämpft nicht nur fundamentalistische Moslems oder Islamisten (die Unterscheidung zwischen „Islam“ und „Islamismus“ lehnt „PI“ als bedeutungslos ab). „Politically Incorrect“ bekämpft auch explizit moderate, den Dialog suchende Vertreter des Islam. Das geschieht vor allem über das Konzept der „Taqiyya“, nach dem es der Islam seinen Gläubigen erlaubt, in Zwangslagen religiöse Pflichten zu verletzen und den eigenen Glauben zu verheimlichen. „PI“ übersetzt „Taqiyya“ schlicht als „erlaubte Täuschung der Nichtmuslime zur Ausbreitung des Islams“ und kann mit diesem Konzept jede noch so versöhnliche Äußerung eines Moslems ins Gegenteil verkehren: Ihm wird einfach unterstellt, sich bewusst zu verstellen, um seine wahren, kämpferischen, extremen Vorstellungen verwirklichen zu können.

Selbst Nichtmoslems wie der Christ Barak Obama gelten „PI“ als besonders verdächtig. Die Logik lautet: „Einmal ein Moslem immer ein Moslem“, oder genauer: Obamas Vater (den Obama selbst einen „konfirmierten Atheisten“ nennt) war einmal ein Moslem, und aus islamische Sicht sei man Moslem, wenn der Vater ein Moslem gewesen ist.

Im Alltag verzichtet „PI“ aber gerne auch vollständig darauf, die Religion zum Beispiel von Türken in Deutschland oder türkischstämmigen Deutschen überhaupt zu kennen, um sie abzulehnen. Ein entsprechend ausländischer Vorname reicht. „PI“ nennt die Zuwanderer ironisch „Kulturbereicherer“. Das Wort klingt besser als „Kanake“. Das ist aber ungefähr der einzige Unterschied.

Mehr zum Thema „PI“ z.B. von Arne Hoffmann, „Limited“, Telepolis.

[Kommentare geschlossen.]

Sensation: Radio-Comedy mit Witz

15 Okt 07
15. Oktober 2007

Im Radio gibt es ab heute eine witzige Comedy.

Ich weiß, das ist ein Satz, der in der Hitparade der unwahrscheinlichsten Aussagen sehr weit oben steht. Aber es stimmt: Im Radio gibt es ab heute eine witzige Comedy.

Sie heißt „Timo 2.0″ (oder „Timo – Das Leben ist schön“) und läuft jetzt täglich auf den ARD-Jugendwellen You FM (HR), Fritz (RBB), Sputnik (MDR), 1live (WDR) und Unser Ding (SR). Timo ist ein Stoffel von Psychologie-Student, den man als Radiofigur schon deshalb lieben muss, weil er noch schlechter gelaunt ist als der Popkulturjunkie. Auf dem Weg zur Uni trifft er Melanie, die ihn von außen genau so attraktiv findet wie er sie, und die Fahrt im Bus („Scheiß Randgruppen-Transporter“) könnte der Auftakt zu einer Reise ins Glück sein, würde Timo, die „Evolutionsbremse“, nicht alles vermasseln.

Als „schnellste Serie der Welt“ wird „Timo 2.0″ beworben, und da ist sogar was dran: Nicht nur weil der Zuhörer dank eines Erzählers, der gleichzeitig irgendwie die Stimme im Ohr von Timo ist, immer schon vor Timo weiß, was passiert. Sondern auch weil die gewagte Mischung aus dem, was die Protagonisten sagen, was die Protagonisten laut denken, was der Erzähler sagt und was Timo zu dem sagt, was der Erzähler sagt (Erzähler: „Das ist Timo.“ – Timo (empört): „Es ist halb zehn!“) in einem so atemberaubenden Tempo daherkommt.

Das könnte natürlich ein Problem sein von „Timo 2.0″: Dass diese Serie die Zuhörer überfordert. Mit der üblichen Halbweghörhaltung, die man schon aus Gründen des Selbstschutzes vor dem Radio einnimmt, ist den Dialogen kaum zu folgen. Aber dafür kann man die Comedy, als Podcast zum Beispiel, auch gut zweimal hören, was ja exakt zweimal mehr ist als man über die meisten anderen Radio-Comedys sagen kann.

Die erste, wunderbar alberne Folge von „Timo“ kann man sich u.a. auf you-fm.de anhören. Auf der Homepage der Autoren gibt es auch schon die Teile 2 und 3.

„Timos Leben ist auf einer Fahrt ins Glück!„
— „Ich weiß ja noch nicht mal wo der Bus hinfährt!“

Ein Lied für 9live

15 Okt 07
15. Oktober 2007

Oh Peggy, musstdwrklichbei 9live arbeiten…?

[via Bov]