Die fiesen Typen von n-tv.de

15 Okt 07
15. Oktober 2007

Noch hat sueddeutsche.de das Rennen um die Marktführerschaft im Segment der abwegigen Massenklickproduktion nicht endgültig für sich entschieden. Die Kollegen von n-tv.de wollen sich nicht geschlagen geben.

Vor ein paar Wochen fragten sie ihre Leser:

Ich weiß nicht, ob n-tv.de-Leser für ihre besonders sensiblen Mägen bekannt sind. Jedenfalls lösen bei ihnen anscheinend u.a. die Herren George W. Bush, Oskar Lafontaine, Michael Glos, Donald Rumsfeld, Gerhard Schröder, Wladimir Putin und Ronald Pofalla Brechreiz aus.

Aus diesen Wahlergebnissen gestaltete n-tv.de nun eine knapp 90-teilige Bildergalerie, in die neben die 20 fiesesten Typen noch Fotos gepackt wurden von Darth Vader, einem zerstörten Krankenhaus, Braunkohle-Tagebau, J. R. Ewing, Godzilla, Asiaten vor einem frühen Internet-Browser, Robert Hoyzer, einem Stoppschild, den Moderatoren von 9live, den Spielern des FC Bayern, einer Müllkippe und einer Trommel. Dazu schrieb jemand launige Texte und zeigte als grenzwertige Schlusspointe den „fiesen“ George W. Bush mit zwei amerikanischen Kriegsversehrten und schrieb darunter: „Selbst die Opfer können ihm nicht böse sein. Und hätten ihn niemals in diese Liste gewählt.“

So weit, so abwegig — und so alltäglich im Online-Medien-Geschäft heute.

Das Beste aber ist, dass n-tv.de diese Bildergalerie nun immer einsetzen kann, wenn einer der Fieslinge von der Liste in den Nachrichten ist.
Michael Glos fliegt viel mit der Luftwaffe? Bilderserie „Fiese Typen „. Sarkozy bald wieder Solo? Bilderserie „Fiese Typen“. Informant sagt in Bohlen-Prozess nicht aus? Bilderserie „Fiese Typen“.

Bei n-tv.de mag man die Galerie so sehr, dass sie sogar eingesetzt wird, wenn die „fiesen Typen“ selbst gar nicht im Mittelpunkt der Nachrichten stehen, sondern ihre Verbündeten oder Gegenspieler: Al Gore kriegt den Friedensnobelpreis? Bilderserie „Fiese Typen“ (wegen Bush). Prowestliche Parteien gewinnen Wahl in der Ukraine? Bilderserie „Fiese Typen“ (wegen Putin). Juschtschenko warnt vor Wahlfälschung? Bilderserie „Fiese Typen“ (wegen Putin).

Dabei hat n-tv.de längst eine viel-viel-teilige Bildergalerie von hinreichender Abwegigkeit, die in ungefähr alle Artikel eingebaut wird, die entfernt etwas mit Russland zu tun haben: „Von Caesar bis Honecker: Diktatoren der Welt“.

[Mit Dank an Sebastian!]

Keine Überschrift

12 Okt 07
12. Oktober 2007

 

Eva Hermans Stechschrittmuster

11 Okt 07
11. Oktober 2007

Schon erstaunlich, wie viele Kommentatoren hier und an anderer Stelle zu glauben scheinen, dass Eva Herman bewusst missverstanden und Opfer einer Medienverschwörung wurde.

Ich würde all denen empfehlen, sich den Mitschnitt von Hermans Rede beim „Forum Deutscher Katholiken“ anzuhören. Lukas hat ihn auf osthessen-news.de entdeckt und nimmt drüben bei „Coffee and TV“ die sprachlichen Unfälle im Detail auseinander. Ich möchte nur zwei Punkte aus der Rede herausgreifen.

Eva Herman zitiert als erstes eine Studie, deren Ergebnis sie so zusammenfasst:

„78 Länder wurden untersucht auf Familienfreundlichkeit; Deutschland liegt auf Platz 77.

Die gleiche Behauptung hat sie bei Kerner auch schon aufgestellt. Sie ist falsch. Die Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) (pdf) hat nicht die „Familienfreundlichkeit“ verschiedener Länder verglichen, sondern die Bedeutung von Familien und ihren Zusammenhalt.

Gefragt wurde also nicht danach, wie willkommen zum Beispiel Kinder in einer Gesellschaft sind, wie viele Familienabteile es in Zügen gibt, ob Familien steuerlich geförder werden o.ä. Gefragt wurde danach, wie wichtig einem die eigene Familie ist, ob man die eigenen Eltern bedingungslos, unabhängig von ihren Fehlern, lieben muss, und ob es die Pflicht von Eltern ist, sich für die Kinder auzuopfern, oder ob sie auch ein eigenes Leben führen dürfen. Die Antworten der Befragten auf diese drei Fragen fassten die Autoren Alberto Alesina und Paola Giuliano als Grad der Familienbindung zusammen.

Dass diese Familienbande in Afrika und Asien besonders ausgeprägt sind, schon weil Familien einander unterstützen müssen, weil es sonst keiner tut, während Deutsche sich in Krisen zum Beispiel auf staatliche Hilfe verlassen können, überrascht da nicht sehr. Aber richtig ist: In Deutschland ist der Familienzusammenhalt schwächer ausgeprägt als in fast allen anderen Ländern. (Deutschland fällt übrigens aus dem Rahmen: Das traditionelle Familienrolle schwindet zwar, aber trotzdem gehen vergleichsweise wenige Frauen arbeiten.)

Wenn Herman den Eindruck erweckt, die Studie habe die „Familienfreundlichkeit“ gemessen, also wie sehr Familien gesellschaftlich oder staatlich gefördert werden, und Deutschland liege fast ganz hinten, sagt sie die Unwahrheit.

Herman sagt vor den sie bejubelnden Katholiken:

Ich machte schon damals auch eine ganz neue Erfahrung, nämlich alles, was nach Familie, nach Glück mit Ehepartnern, mit Kindern, nach dem Weiblichen, nach dem Männlichen und dem Muttersein klingt, das wird in unserem Land leider auffallend schnell mit Naziparolen in Zusammenhang gebracht. Der Mechanismus ist inzwischen vollkommen klar. Sofern jemand das Wort erhebt und sich für diese Werte einsetzt, wird er bombardiert, es wird Nazilob in ihn projeziert [sic!] und gleichzeitig wird er als Sympathisant dieser Ideologie öffentlich verurteilt.

Das ist in einem Maße Unsinn, dass einem die Worte fehlen. Was man dann immerhin mit Eva Herman gemein hätte, die sagt:

Wir marschieren im Stechschritt durch einen anstrengenden Alltag voller Widersprüche.

Nachtrag. Ebenfalls bei Lukas: Eva Herman — Der Film.

Jehova!

10 Okt 07
10. Oktober 2007

EVA HERMAN: Bei Kerner erinnerte sie an Hitlers Autobahn

Ach, Süddeutsche

10 Okt 07
10. Oktober 2007

10 Uhr morgens. Die Menschen sitzen im Büro, und der ein oder andere würde bestimmt in den Online-Medien nachlesen wollen, was da gestern passiert ist bei Johannes B. Kerner mit Eva Herman. Bei stern.de und auf faz.net findet er kluge und gut geschriebene Texte, die nicht nur berichten, sondern auch analysieren.

Und sueddeutsche.de macht immer noch mit dem irreführenden dpa-Vorabtext auf, die Redaktion hat die Zeit aber genutzt, schon mal eine Bildergalerie zu bauen.