Factually Incorrect (5)

12 Jan 08
12. Januar 2008

Für Hagen Meyer, der an der Axel-Springer-Akademie ausgebildet wurde und gelegentlich für „Bild“ schreibt, ist „Politically Incorrect“ augenscheinlich eine seriöse Quelle für Nachrichten und ihre angemesse Interpretation.

Nach dem vermeintlichen Flüsterskandal bei „Hart aber fair“, nahm sich das islam- und tatsachenfeindliche Blog (das vorgestern nach eigenen Angaben über 28.000 Besucher hatte) einen der Beteiligten vor: den Grünen-Politiker Özcan Mutlu. „PI“ schrieb:

Für sein respektloses Verhalten gegenüber einem Polizisten wurde Mutlu, der Roland Koch bei Plasberg rassistisches Denken unterstellte und durch ständiges Unterbrechen der anderen Gäste störte, 2003 zu 2.000,- Euro Strafe verurteilt.

Wie zum Beweis kopierte „PI“ einen fast vollständigen Artikel aus der „Welt“ ins eigene Blog. Den letzten Absatz ließ der anonyme Islamhasser weg. Er lautete:

Damit ist diese Posse aber noch lange nicht beendet. Mutlu hat Berufung angekündigt. Jetzt geht es vermutlich vor das Landgericht.

Ich ahne, warum „PI“ diesen Teil nicht mitkopiert hat: Mutlu hat in der nächsten Instanz nämlich gewonnen und ist vom Vorwurf der „Herabwürdigung“ freigesprochen worden. Der Richter der Berufungsinstanz erklärte, dem Polizisten sei beim Treffen mit Mutlu offenbar die „erforderliche Nüchternheit“ abhanden gekommen. Ein Teil des Verhalten des Polizistens könne man „beim besten Willen nur als Schikane bezeichnen“. Die „Berliner Morgenpost“ berichtete, inoffiziell werde die Klage als „ausgemachter Blödsinn“ bezeichnet. Der „Tagesspiegel“ schrieb, der Richter habe die Anzeige als „geradezu lächerlich“ bezeichnet. Die Staatsanwaltschaft zog ihre Revision zurück, der Freispruch wurde rechtskräftig.

All das verschweigt „PI“ seinen Lesern.

Und die „PI“-Leser kommentieren:

#1 monsignore (11. Jan 2008 18:57)

Sofort abschieben!

#5 D Mark (11. Jan 2008 19:02)

Mutlu ist ein drecks Fascho-Nazi

#20 Grabowski (11. Jan 2008 19:11)

Wenn ich schon das schleimige Grinsen von diesem widerlichen, kleinen grünen Türken sehe….

#25 smg_getriebe (11. Jan 2008 19:15)

Dampfstrahler frei! Alles wegspühlen! Oder im Lois Trenker seinen Rucksack umschnallen….

#26 AN (11. Jan 2008 19:16)

HEIMREISE JETZT!

#36 Linkenscheuche (11. Jan 2008 19:19)

Hood, noose, drop

#146 DerAlfred (11. Jan 2008 20:34)

Man sollte diesen Mutlu schächten, so wie sie unsere Rinder ungestraft schächten dürfen!

Dutzende „PI“-Leser haben mir neulich vorgeworfen, das sei unglaublich, dass ich behaupte, in den Kommentaren von „PI“ tobe sich ein „unverholen rassistischer Mob“ aus.

[Mit Dank an BILDblog-Leser Stefan K.!]

Programmhinweis

11 Jan 08
11. Januar 2008

Und weil es nicht gesund sein kann, sich immer nur mit so Trash auseinanderzusetzen, werde ich nachher lieber schön den Auftakt der neuen Staffel von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ live mitbloggen.

Ab 22.15 Uhr, nebenan beim „Fernsehlexikon“.

Von den Regeln in die Traufe

11 Jan 08
11. Januar 2008

Am Ende des Abends gab es sogar so etwas Ähnliches wie eine Nachricht: Der Pressekodex soll in Zukunft auch für die Online-Angebote von Zeitungen und Zeitschriften gelten. Bislang ist der Presserat ausdrücklich nur für gedruckte Medien zuständig — und für „digitale Beiträge“ ausschließlich dann, wenn sie „zeitungs- oder zeitschriftenidentisch“ sind. Schon vor über einem Jahr hatte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in einem bizarren öffentlichkeitswirksamen Appell bei einem Festakt zum 50. Geburstag des Gremiums das Ausklammern des Internet als „gespenstisch“ bezeichnet und die Ausweitung der Freiwilligen Selbstkontrolle gefordert.

Nun scheinen sich die Verlegerverbände und die Journalistengewerkschaften, die den Presserat tragen, endlich darauf verständigt zu haben, und als dessen Geschäftsführer Lutz Tillmanns bei der Diskussion des Deutschen Journalistenverbandes über „Regeln oder Anarchie? — Journalismus im www“ stolz diesen Durchbruch bekannt gab, bin ich geplatzt.

Denn der Deutsche Presserat ist kein Gremium, das für die Einhaltung journalistischer Mindeststandards sorgt. Der Deutsche Presserat ist ein Gremium, das dazu dient, den Eindruck zu erwecken, es gebe ein Gremium, das für die Einhaltung journalistischer Mindeststandards sorgt.

Würde man das Beste annehmen und unterstellen, dass der Presserat die Printmedien tatsächlich kontrollieren will, müsste man feststellen, dass er mit dieser Aufgabe hoffnungslos überfordert ist. Es ist ein Organ von erschütternder Anspruchs- und Wirkungslosigkeit, und wenn sich der Geschäftsführer nun hinstellt und bedeutungsschwanger bekannt gibt, dass man jetzt auch für Online zuständig wird, heißt das nur: Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass wir in Zukunft in einem noch größeren Bereich als bisher scheitern werden.

Keine Frage: Es ist absurd, dass der Pressekodex bislang für „Spiegel Online“ und sueddeutsche.de, faz.net und Bild.de nicht gilt. Und richtig ist auch, dass Regeln selbst dann sinnvoll sein können, wenn sie nicht eingehalten werden. Es ist zum Beispiel auch dann gut, dass es die Genfer Menschenrechtskonvention gibt, wenn die Vereinigten Staaten sich nicht an sie halten — immerhin bietet sie eine Richtschnur, mit der es möglich ist, die Abweichung von diesen Regeln überhaupt zu messen. In diesem Sinne benutzen wir den Pressekodex gelegentlich auch bei BILDblog: Als Maß, um zu zeigen, wie weit sich die „Bild“-Zeitung in ihrer Berichterstattung außerhalb dieser fixierten Standards bewegt, obwohl jeder weiß, dass diese Standards für „Bild“ ohnehin keinerlei praktische Relevanz haben.

So gesehen ist es also schön, wenn man also in Zukunft sagen kann, dass die Formen der Schleichwerbung, wie sie sich zum Beispiel auf sueddeutsche.de finden lassen, gegen einen Kodex verstoßen, der auch für sueddeutsche.de gilt. Davon geht aber die Schleichwerbung auf sueddeutsche.de noch nicht weg. Denn warum sollte sueddeutsche.de die Gültigkeit eines Kodex brauchen, um auf die Idee zu kommen, dass redaktionelle und werbliche Inhalte klar voneinander getrennt werden müssen?

Ich unterstelle: Es geht den Verlagen und Journalistenverbänden, die den Presserat tragen, nicht darum, dass die Online-Medien besser werden, sondern darum, behaupten zu können, besser zu sein. Mathias Döpfner sorgt zwar nicht dafür, dass die in seinem Verlag erscheinende „Bild“-Zeitung sich an ethische Mindeststandards hält, will aber, dass sie in Zukunft auch für Bild.de gelten. Das ist nur scheinbar paradox. Döpfner will sagen können: Bild.de ist ein Qualitätsmedium, weil für uns (anders als für web.de oder ein Nachrichtenportal von AOL oder wen auch immer) der Pressekodex gilt.

Weite Teile der Angriffe von Vertretern etablierter Medien auf Blogger folgen einer ähnlichen Prämisse: Sie seien besser, weil für sie Regeln gälten, während im Internet jeder (vermeintlich) tun könne, was er wolle. Die Behauptung der qualitativen Überlegenheit klassischer Medien beruht darauf, dass Regeln existieren — nicht dass sie eingehalten werden. Die Debatte ist entsprechend fruchtlos: „Für uns gelten Regeln!“ — „Aber ihr haltet Euch nicht dran!“ — „Aber ihr habt nicht mal welche!“ — „Na und?“

Die klassischen Medien haben in den vergangenen Jahren nicht nur das Monopol darauf verloren, die Bevölkerung zu informieren. Sie haben auch das Monopol darauf verloren, vor einem breiten Publikum Lügen zu verbreiten, Menschen zu verunglimpfen und Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Manchmal kommt es mir so vor, als kämpften sie gerade verzweifelt darum, beide Monopole zu verteidigen. Voller Abscheu zeigen sie mit dem Finger auf den Dreck im Internet, fordern, das wegzumachen, und ignorieren dabei, dass es noch lange dauern wird, bis das deutschsprachige Internet die „Bild“-Zeitung als größter Verbreiter von Schmutz jeder Art eingeholt hat. Jahrelang gab eine Tochter des Heinrich-Bauer-Verlages das Lügenwichsblatt „Coupé“ heraus. Das hat offenbar die Journalisten- und Verlegerelite nicht groß gestört, sie fanden nicht einmal etwas dabei, sich von diesem Verlag mit einem Preis auszeichnen zu lassen. Und sie hatten ja recht: Wenn da etwas Schlimmes drinstünde, in Heinrich Bauers „Coupé“, dann würde sich ja der Presserat schon drum kümmern und in aller Härte womöglich sogar eine Pressemitteilung herausgeben.

Eine der grundlegendsten und selbstverständlichsten Forderungen des Pressekodex ist nach meiner Erfahrung im deutschen Journalismus weitgehend bedeutungslos: Die Pflicht, Fehler zu korrigieren. Das macht man in Deutschland nicht. Auch in seriösen Blättern sind die dominierenden Gedanken, wenn ein Fehler passiert ist: Wie können wir das verschleiern? Und: Wie können wir den Geschädigten beruhigen, ohne uns korrigieren zu müssen? Das klare Eingeständnis: War falsch, tut uns leid, ist immer noch die Ausnahme.

Ein feines Beispiel dafür hat mir Michael Konken, der Bundesvorsitzende des DJV, bei der Diskussion gestern geliefert. Konken äußert sich quasi ununterbrochen öffentlich zu irgendeinem Thema aus der weiten Welt der Medien. Qualifiziert ist er dazu durch sein Amt; Sachkenntnisse sind optional.

Im vergangenen Sommer gab der DJV eine Pressemitteilung über den Stellenabbau bei ProSiebenSat.1 heraus, in der es hieß:

DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken bezeichnete es als medienpolitischen Skandal, dass die Senderkette offensichtlich ihr komplettes Informationsangebot streichen und auf diese Weise rund 250 Arbeitsplätze im Bereich des Fernsehjournalismus vernichten wolle.

Der DJV beharrte damals auch auf Nachfrage darauf, dass das stimme.

Ich habe Konken gestern damit konfrontiert, dass seine von vielen Medien verbreitete Aussage, die gesamte Sendergruppe ProSiebenSat.1 wolle alle Informationssendungen einstellen, falsch war und ist. Und er antwortete zuerst:

Wir haben nicht gesagt „alle“. Die wollen das reduzieren, haben wir gesagt.

Und dann:

Das ist jetzt auch nicht der Punkt.

Und schließlich:

Aber es kam zum rechten Zeitpunkt, weil dann doch nicht alles eingestellt wurde. Vielleicht wäre es ja alles eingestellt worden…

Und das ist der Mann, der eine Qualitätsdebatte über Online-Journalismus führen und quasi amtlich „Müll von Qualität trennen“ lassen will?

Wir können gerne lange darüber diskutieren, welche Qualitätsstandards wünschenswert sind, aber es gibt nur einen Weg, sie durchzusetzen, und der gilt für kleine Blogger wie für große Medien: sich selbst dran halten.

[Die gestrige Diskussion kann man sich hier anschauen, einen Überblick über andere Beiträge zum Thema gibt onlinejournalismus.de.]

A News Channel To Be Afraid Of

09 Jan 08
9. Januar 2008

Kurz verlinkt (13)

09 Jan 08
9. Januar 2008

The most important distinction in this race, at least at this stage, is not between the Democratic Party and the Republican Party. It is between the Poetry Party and the Prose Party.

Michael Dobbs, „Washington Post“.