Medizin-Nobelpreisträger-Memory

08 Okt 07
8. Oktober 2007

Die Sache mit den drei Medizin-Nobelpreisträgern ist unübersichtlich:

Oliver Smithies lehrt und forscht an der Universität von North Carolina at Chapel Hill in den USA, Mario Capecchi an der Universität von Utah in den USA und Martin J. Evans an der Universität Cardiff in Großbritannien. Der 70-jährige Capecchi stammt aus Italien und ließ sich in den USA einbürgern. Smithies, 82 Jahre alt, hat ebenfalls einen US-Pass, stammt aber aus Großbritannien. Der Brite Evans ist 66 Jahre alt.

So, und wenn Sie jetzt einmal versuchen, auswendig aufzusagen: Welche Nationalität haben die Preisträger? Aus welchen Ländern stammen sie ursprünglich? Und in welchen Staaten lehren und forschen sie?

Agenturen und Online-Medien haben eine Weile gebraucht, um die Antworten korrekt zu sortieren. Nehmen wir tagesschau.de. Erster Versuch:

Das mit der Nationalität ist natürlich falsch. Zweiter Versuch:

Öhm, nein. Dritter Versuch, immer noch bei tagesschau.de:

Nein, tun sie nicht nicht.

Lustig ist, dass die verschiedenen Agenturen sich aus der Fülle möglicher falscher Kombinationen von Nationalität, Herkunft und Namen jeweils eigene Fehler-Varianten herausgepickt haben. dpa meldet um 11.37 Uhr:

Stockholm (dpa) — Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den US-Bürger Mario Cappecchi, sowie die Briten Martin Evans and Oliver Smithies.

Und berichtigt um 11:57 Uhr:

Stockholm (dpa) — Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an die US-Bürger Mario Capecchi und Oliver Smithies sowie den Briten Martin Evans.

AP nähert sich der Sache um 11:38 Uhr so:

Stockholm (AP) Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den Italiener Mario R. Capecchi, den Briten Martin J. Evans und den Amerikaner Oliver Smithies.

Das ist in der Mischung aus Herkunftsländern und Nationalitäten Quatsch, geht aber noch schlimmer. Um 12:19 Uhr schafft es AP, sich in einer Meldung selbst zu widersprechen:

Stockholm (AP) Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an die beiden Amerikaner Mario R. Capecchi und Oliver Smithies sowie an den Briten Martin J. Evans. (…)

Der 66 Jahre alte Amerikaner Evans habe Modelle entwickelt, um das das Gen-Targeting bei Mäusen einzusetzen (…). Der 82-jährige Brite Smithies wendete die Technik vor allem auf die Untersuchung erblicher Krankheiten an.

Um 13:02 Uhr wiederholt AP dieselben Fehler einfach noch einmal. Erst um 13:17 hat AP die Nationalitäten und Herkunftsländer richtig sortiert.

Und bei Reuters setzt man konsequent auf die (korrekte) Angabe der Herkunftsländer anstelle der Nationalitäten (wobei es geholfen hätte, das auch dazu zu schreiben):

Stockholm, 08. Okt (Reuters) — Der aus Italien stammende Wissenschaftler Mario Capecchi sowie seine britischen Kollegen Oliver Smithies und Martin Evans werden mit dem diesjährigen Nobelpreis für Medizin ausgzeichnet.

Ich wüsste gerne, wieviele Online– und Agenturjournalisten heute wegen der Medizin-Nobelpreise Schreikrämpfe bekommen haben.

Folklore, die im Zusammenspiel entsteht

08 Okt 07
8. Oktober 2007

„Sagen Sie mal, warum sind Sie eigentlich so fett: Ist das was Genetisches oder fressen Sie einfach so viel?“

…wäre natürlich auch eine interessante Einstiegsfrage für Dietmar Bär gewesen. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat es dann in ihrem Interview mit dem Schauspieler aber doch ein bisschen anders formuliert:

SZ: Herr Bär, wäre es vermessen zu vermuten, dass Sie gerne essen?

Dietmar Bär: Nee, das ist ziemlich richtig. Mit zunehmendem Alter, wenn man seine Erfahrungschichten übereinanderlegt, wird man ja Nahrungsspezialist.

SZ: Dann sitzen wir nicht grundlos in einem Café dieser Straße.

Bär: Wieso?

SZ: In dieser Straße gibt es ein indisches, ein chinesisches, ein französisches Restaurant, eine Weinhandlung, einen österreichischen Spezialitätenladen, ein Reformhaus, einen Öko-Bäcker und einen deutschen Metzger. Sie wohnen hier.

Sagen Sie jetzt nicht, das sei ja ein merkwürdiges Interview. Also, sagen Sie es nicht, bevor Sie nicht Bärs Erwiderung kennen:

Bär: Nee. Das hier ist Charlottenburg. Ich wohne inzwischen in Wilmersdorf (…).

Oookay. Für mich wäre dies der Punkt im Gespräch gewesen, an dem ich im Stillen zu mir gesagt hätte: Gut, dass du für eine Zeitung arbeitest, da kannst du den peinlichen Anfang einfach streichen.

Man kann sich aber natürlich auch dafür entscheiden, so eine Art Zeitungs-Live-Interview zu führen, in dem man auch den größten Unsinn, der sich ergibt (insbesondere wenn der Interviewer wild entschlossen ist, kein normales Interview zu führen, sondern ein genial irrlichterndes, auf dem Grat zum Wahnsinn jonglierendes Gespräch), einfach eins zu eins dokumentiert.

Und wenn ich „Unsinn“ schreibe und „eins zu eins“, dann meine ich das nicht nur so als Floskel.

Bär: Sie haben sich Tee bestellt?

SZ: Ja.

Bär: Sind Sie auch Teetrinker?

SZ: Ja.

Bär: (Schaut auf die Uhr)

SZ: Mit Ihrer Agentin waren zwei Stunden vereinbart.

Bär: Ich gucke auf den Tee, wie lange er noch ziehen muss.

SZ: Oh.

Hat das was von Pinter?

Bei der folgenden Frage, gegen Ende des Gesprächs, weiß ich nicht einmal, ob ich in der Literaturwissenschaft oder der Psychologie nach Erklärungen suchen müsste, wie der zweite Satz zwischen die anderen gerutscht ist:

SZ: Sie haben einen Kölner Jubiläums-Tatort gedreht mit Ihrem Kollegen Klaus J. Behrendt. Deshalb trinken wir jetzt Tee. In diesem Film singt am Ende die Schauspielerin Anna Loos. Singt sie?

Ja, sie singt, schon seit vielen Jahren, aber reden wir doch lieber über Interessanteres.

Bär: Ich nehme noch einen Earl Grey.

SZ: Was ich überhaupt fragen wollte: Schauen Sie sich Kochsendungen an?

Bär: Klar. Besonders gerne Kerner.

SZ: Sicher wegen Johannes B. Kerner.

Bär: Wegen der vielen Köche, wegen der Folklore, die da im Zusammenspiel entsteht. Den Lafer habe ich sehr schätzen gelernt, und über allen steht Schubeck.

Hier endet das Gespräch.

Ei, Blut, Kakao

08 Okt 07
8. Oktober 2007

Heute nachmittag rausgefunden, dass „Vanish Oxi Action Teppich-Fleckentferner“ keine zwei Wochen alten Rotweinflecken aus meinem hellen Wollteppich holt, „Dr. Beckmanns Fleckenteufel Obst, Rotwein, Gemüse“ aber ganz problemlos, außer da, wo ich schon mit „Vanish Oxi Action Teppich-Fleckentferner“ gearbeitet hatte.

Oliver Pocher

07 Okt 07
7. Oktober 2007

Guckt mal, wie er sich freut! Da vergluckst er wieder die halbe Pointe, weil er so sensationell lustig findet, was er gleich sagen wird. In seinem Bühnenprogramm wirft ihn sein eigenes Gekicher regelmäßig aus der Rolle, die er gerade spielt. Und als er bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises auf der Bühne steht und alle im Saal abwatscht, die abgewatscht gehören, müssen sich die guten bösen Worte mühsam einen Weg durch eine Art Schluckauf aus Aufregung und Begeisterung bahnen.

Das ist erstmal eine feine Sache, wenn jemandem die eigene Arbeit offenkundig so viel Vergnügen bereitet wie Oliver Pocher. Man sieht das nicht so oft, gerade im Fernsehen. Und es ist der größtmögliche Gegensatz zur ausgestellten Langeweile Harald Schmidt, mit dem sich Pocher von Ende Oktober an eine Show teilen darf.

Nur manchmal scheint es, als sei es gar nicht die eigene Lustigkeit, die Pocher so begeistert, sondern, im Gegenteil: Das Wissen, wie unwahrscheinlich das ist, dass er nur ein bisschen den Kasper machen muss, mit durchaus begrenzten Mitteln, beschränktem Repertoire und Unerschrockenheit als vielleicht größtem Talent, und Tausende zahlen Geld, um sich das live anzusehen, und Millionen schalten den Fernseher ein. Er steht dann da auf der Bühne wie ein Zwölfjähriger, der sich einfach aus dem Publikum aufs Podest geschlichen hat und nun wild entschlossen ist, so lange seine im Kinderzimmer und bei Klassenpartys geprobten und irgendwie von Otto Waalkes abgeguckten Witze zu erzählen, bis der eigentliche Künstler kommt, die Wachmänner oder seine Eltern – und erstaunt feststellt, dass das Publikum nicht buht, sondern sich wegwirft vor Lachen.

Ich kann es nicht glauben, scheint Pochers Dauerlachen dann zu sagen, dass das reicht: Diese Husten-Sie-mal-Musterungswitze, diese Geschichte, dass Mainzelmännchen wohl Ecstasy nehmen, sonst würden sie einem nicht so „GudnAaahmt“ entgegen schleudern, dieser Kalauer, dass der D-Day wohl ein eigener Feiertag für Detlef „D“ Soost sein muss. Man sieht es Pocher in jeder Sekunde an, was für eine außerordentliche Erfahrung es ist, vor einem solchen Publikum zu stehen und tun zu können, was man will, und manchmal treibt ihn diese Energie sogar in einer Weise an, dass gute Unterhaltung daraus wird.

Und selbst das merkwürdig pubertäre Dauergegluckse hat sein Gutes: Weil Pocher die ganze Zeit selber über sich lacht, braucht er keinen Manuel Andrack, der es für ihn tut.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Super-Symbolfotos (30)

05 Okt 07
5. Oktober 2007

Verlassen wir vorübergehend die trüben Niederungen des Symbolfoto-Alltags in Online-Medien und beschäftigen uns stattdessen mit der Hohen Kunst des Hochglanz-Symbolfotos.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Artikel über Kastraten als Stars und Sex-Symbole bebildern. Denken Sie da ruhig einmal ein paar Sekunden drüber nach, bevor Sie sich anschauen, wie es die neue Lifestyle-Zeitschrift „intelligent life“ des „Economist“ gemacht hat.

Nämlich so.

[Vielen Dank an Pavel!]