Oliver Pocher

07 Okt 07
7. Oktober 2007

Guckt mal, wie er sich freut! Da vergluckst er wieder die halbe Pointe, weil er so sensationell lustig findet, was er gleich sagen wird. In seinem Bühnenprogramm wirft ihn sein eigenes Gekicher regelmäßig aus der Rolle, die er gerade spielt. Und als er bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises auf der Bühne steht und alle im Saal abwatscht, die abgewatscht gehören, müssen sich die guten bösen Worte mühsam einen Weg durch eine Art Schluckauf aus Aufregung und Begeisterung bahnen.

Das ist erstmal eine feine Sache, wenn jemandem die eigene Arbeit offenkundig so viel Vergnügen bereitet wie Oliver Pocher. Man sieht das nicht so oft, gerade im Fernsehen. Und es ist der größtmögliche Gegensatz zur ausgestellten Langeweile Harald Schmidt, mit dem sich Pocher von Ende Oktober an eine Show teilen darf.

Nur manchmal scheint es, als sei es gar nicht die eigene Lustigkeit, die Pocher so begeistert, sondern, im Gegenteil: Das Wissen, wie unwahrscheinlich das ist, dass er nur ein bisschen den Kasper machen muss, mit durchaus begrenzten Mitteln, beschränktem Repertoire und Unerschrockenheit als vielleicht größtem Talent, und Tausende zahlen Geld, um sich das live anzusehen, und Millionen schalten den Fernseher ein. Er steht dann da auf der Bühne wie ein Zwölfjähriger, der sich einfach aus dem Publikum aufs Podest geschlichen hat und nun wild entschlossen ist, so lange seine im Kinderzimmer und bei Klassenpartys geprobten und irgendwie von Otto Waalkes abgeguckten Witze zu erzählen, bis der eigentliche Künstler kommt, die Wachmänner oder seine Eltern – und erstaunt feststellt, dass das Publikum nicht buht, sondern sich wegwirft vor Lachen.

Ich kann es nicht glauben, scheint Pochers Dauerlachen dann zu sagen, dass das reicht: Diese Husten-Sie-mal-Musterungswitze, diese Geschichte, dass Mainzelmännchen wohl Ecstasy nehmen, sonst würden sie einem nicht so „GudnAaahmt“ entgegen schleudern, dieser Kalauer, dass der D-Day wohl ein eigener Feiertag für Detlef „D“ Soost sein muss. Man sieht es Pocher in jeder Sekunde an, was für eine außerordentliche Erfahrung es ist, vor einem solchen Publikum zu stehen und tun zu können, was man will, und manchmal treibt ihn diese Energie sogar in einer Weise an, dass gute Unterhaltung daraus wird.

Und selbst das merkwürdig pubertäre Dauergegluckse hat sein Gutes: Weil Pocher die ganze Zeit selber über sich lacht, braucht er keinen Manuel Andrack, der es für ihn tut.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Super-Symbolfotos (30)

05 Okt 07
5. Oktober 2007

Verlassen wir vorübergehend die trüben Niederungen des Symbolfoto-Alltags in Online-Medien und beschäftigen uns stattdessen mit der Hohen Kunst des Hochglanz-Symbolfotos.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Artikel über Kastraten als Stars und Sex-Symbole bebildern. Denken Sie da ruhig einmal ein paar Sekunden drüber nach, bevor Sie sich anschauen, wie es die neue Lifestyle-Zeitschrift „intelligent life“ des „Economist“ gemacht hat.

Nämlich so.

[Vielen Dank an Pavel!]

Im Copyshop von Online-Artikel.de

03 Okt 07
3. Oktober 2007

Es scheint, als hätte die Firma Art2Digital bei ihrem Internetangebot Online-Artikel.de sensationelles Pech mit ihren Benutzern, die dort Artikel veröffentlichen.

Da ist nicht nur der eine, der sich „Tapian“ nennt und dort reihenweise Artikel veröffentlicht, die aus Zeitschriften wie „Horizont“, „Capital“ oder „Internet Business World“ stammen — offenbar ohne Erlaubnis, ohne Quellengabe und ohne Vergütung (mehr dazu beim Peer).

Da ist auch ein Benutzer namens „Matthias Klein“, der einen Artikel „SEO — SEM: Suche nach dem Umsatz von morgen“ schreibt, der eins zu eins aus „Horizont“ vom 13.09.2007 kopiert ist. Schon im Mai veröffentlichte „Matthias Klein“ bei Online-Artikel.de ein Stück „Was Online-Werbung erfolgreich macht!“, das ihn relativ wenig Rechercheaufwand gekostet haben dürfte, da es einfach aus dem Newsletter zur Online-Messe OMD stammt. „Matthias Klein“ hat bei Online-Artikel.de seinen Namen auch unter den Artikel „„Studie: Marketing schlecht abgestimt“ gesetzt, der im Original in der Ausgabe 18/2007 der Zeitschrift „Internet Business World“ erschienen ist. Dort übrigens mit einer ganz ähnlichen Grafik (links), die „Matthias Klein“ nur einem kleinen Detail verändert hat (rechts):

In der Grafik, die „Baerbel_B“ in ihren Artikel über Web 2.0 eingebaut hat (und in dem sie einen gewissen Cone Tanriverdio, Geschäftsführer von A2D InterMedia zitiert), fehlt dagegen nichts. Sie ist nur gegenüber dem Original [pdf] (links) an entscheidender Stelle erstaunlich unscharf (rechts):

Dann ist da noch Online-Artikel.de-Userin „Jaqueline Berndt“, die unter ihrem Namen einen Artikel von Anja Schnake aus der Zeitschrift „Direkt Marketing“ (Ausgabe 04/2007) mit dem Titel „Corporate Blogs: Ein neuer Begriff von Dialog“, äh, zweitverwertet.

Dieselbe Quelle nutzte „Baerbel_B“, um — vermutlich in Sekunden — einen eigenen Artikel „Jugendmarketing — Catch me if you can!“ zu veröffentlichen, den eigentlich Otto Geißler verfasst hatte.

Während „ArminG“ „seinen“ Artikel „Privatkäufer gesucht: Der Markt für Neuzulassungen schwächelt“ einfach Wort für Wort aus „Horizont“ vom 13.09.2007 übernommen hat, bediente sich „Magda Dietrich“ bei „ihrem“ Stück „Dr. Oetker reagiert auf Tierschutz-Kampagne“ bei der Konkurrenz von „werben & verkaufen“.

„Lina Hagen“ scheint sich weniger für Marketing zu interessieren und gibt lieber Reisetipps. „Ihr“ Artikel „Orient und Okzident: Insider-Tipps Istanbul“ scheint allerdings Wort für Wort (und, wie es aussieht, auch Foto für Foto) aus der Zeitschrift „Freundin“ zu stammen.

Also…

entweder hat die Firma Art2Digital bei ihrem Internetangebot Online-Artikel.de, das sogar eine Quelle in Google News darstellt (!), sensationelles Pech mit ihren Benutzern, die zwar verschiedene Namen tragen, aber die Verachtung für das Eigentum anderer teilen und sogar dieselben Quellen bevorzugen…

oder das Geschäftsmodell von Cone Tanriverdio und seiner Firma beruht darauf, im großen Stil widerrechtlich Inhalte aus anderen Medien zu kopieren und unter verschiedenen Schein-Benutzer-Namen zu veröffentlichen oder veröffentlichen zu lassen.

Nachtrag, 16.00 Uhr. Bei online-artikel.de sind jetzt alle hier verlinkten Artikel gelöscht worden, anscheinend aber auch nur die. Unverändert online ist zum Beispiel dieser Artikel, der offenbar aus der Zeitschrift „Capital“ geklaut wurde.

„… und Web 2.0 ;)“

02 Okt 07
2. Oktober 2007

Also, mal angenommen, ich hieße Cone Tanriverdio und hätte eine Firma Art2Digital Intermedia und würde ein merkwürdiges Portal namens Online-Artikel.de betreiben und würde dort unter dem Pseudonym „Taipan“ Zeitschriften-Artikel anderer Leute ohne deren Einverständnis, ohne Quellenangabe und natürlich ohne Honorar veröffentlichen, und wenn einer der eigentlichen Urheber sich beschwerte, würde ich sagen: Oh sorry, aber der Autor, der das bei uns eingestellt hat, ist gar kein Mitarbeiter von uns, man kann das ja unmöglich alles überprüfen heutzutage, Web 2.0 und so.

Also, angenommen, ich wäre so dreist, all das zu tun, dann wär ich doch nicht so dumm, ein Pseudonym zu wählen, das man öffentlich unmittelbar mit meinem Namen als Seitenbetreiber in Verbindung bringen kann, oder?

Beim Peer steht die ganze Geschichte.

Nachtrag. Herr Tanriverdio scheint seine „Weltklimawandel“-Seite mit seinem Pseudonym, von der der Screenshot stammt, plötzlich gelöscht zu haben. Im Google-Cache ist sie noch.

Sprengen und ‚ne Wiese hinmachen

02 Okt 07
2. Oktober 2007

Ich mag ja Johann König nicht so. Ich kann dem nicht zuhören. Was ein Fehler war, am vergangenen Samstag, als er (ausgerechnet neben Oliver Pocher, den ich auch nicht so mag) beim Deutschen Fernsehpreis einer von ganz wenigen Leuten war, bei denen sich das Zuhören lohnte.

Auf mehrfachen Wunsch deshalb hier also Johann Königs Beitrag zum Fernsehpreis 2007 im Wortlaut:

Fernsehen ist ja ‚ne tolle Sache. Wenn man damit umgehen kann. Ich selber bin oft überfordert, wenn ich Fernsehen gucke, wenn ich heute Fernsehen gucke, mir geht’s so, ich weiß manchmal, ich weiß manchmal, ich weiß es manchmal selber nicht. Kennt ihr das? Ich weiß manchmal überhaupt nicht, was das ist, was ich da gucke. Und es ist mir aber auch egal. Bevor ich’s verstanden hab, hab ich schon wieder umgeschaltet.

Das war vor ein paar Jahren noch viel einfacher mit dem Fernsehen. Noch vor ein paar Jahren zumindest nachmittags, war es sehr einfach. Nachmittags, überall gab’s Talkshows, die hatten immer ein ganz bestimmtes Thema. Was weiß ich: Du Sau. Du hast mich schwul gemacht. Mach, dass das wieder weggeht. Oder, was weiß ich: Hilfe, mein Tattoo läuft mir den Rücken runter. Ja, aber da wusste man zumindest Bescheid, oder? Wenn man das Thema der Sendung gelesen hat, da wusste man Bescheid, da war ganz klar: Ja, da kommt’n Haufen Asis, und die reden sich da um den Verstand, den sie sich vorher geliehen haben.

Wenn man heute Fernsehen guckt, ist es viel komplizierter. Häufig ist es so: Man macht den Fernseher an, und als erstes sieht man eine Wohnung, und oft denk‘ ich: Ja, ‚ne schöne Wohnung ist das auch nicht, ne? Ist hoffentlich ‚ne Renoviersendung. Und dann geht’s aber weiter. Irgendwann tauchen auch mal Kinder auf, und man denkt: Ou, ou, ouuuuu, da werden doch hoffentlich die Kinder renoviert, also. Das ist doch hoffentlich so ‚ne Erziehungssendung, so ‚ne Erziehungssendung, wo immer die eine kommt, die hier auch sitzt, die immer abends die Kinder repariert. Aber es geht noch weiter, irgendwann tauchen auch die Eltern auf, und man denkt, ouuuuu, was ist das denn? Und dann tun einem fast die Kinder schon wieder leid.

Und mir geht es so, wenn ich das alles zu lange gucke, denk ich irgendwann: Von mir aus können sie das auch ruhig alles mal sprengen. Und dann da ‚ne Wiese hin machen. Erstmal 20 Jahre nur Wiese dahin machen, damit sich das alles mal erholen kann.

Und arte überträgt nur die Wiese.