Wie man aus nichts eine Meldung macht

10 Jul 07
10. Juli 2007

Auch Herr Knüwer verzweifelt an der schlechten Arbeit der Nachrichtenagenturen und der vielfachen Verbreitung ihrer Fehler. Sein Aufhänger ist die Meldung, die man zum Beispiel bei „Spiegel Online“ unter der Überschrift „Rowling schürt Hoffnung auf achten Band“ lesen kann. Es ist eine Überschrift, die am Montag sicher häufig geklickt wurde, und sie ist falsch.

Man kann sich nämlich ansehen, was Joanne K. Rowling am Freitag in der BBC zu Jonathan Ross über die Zukunft von Harry Potter gesagt hat, und es war wörtlich:

I think that Harrys story comes to quite a clear end in book seven. But I’ve always said that I wouldn’t say never. I can’t say I’ll never write another book about that world, just because I think: What do I know, in ten years‘ time I might want to return to it. But I think it’s unlikely.

(Ich finde, Harrys Geschichte findet im siebten Band ein klares Ende. Aber ich habe immer gesagt, dass ich nie nie sagen würde. Ich kann nicht sagen, dass ich nie wieder ein Buch über jene Welt schreiben werde, einfach weil ich denke: Ich weiß ja nicht, ob ich nicht in zehn Jahren vielleicht dazu zurückkehren will. Aber ich glaube, das ist unwahrscheinlich.)

Sie spricht nicht von einem Harry-Potter-Buch, sondern von einem Buch, das in dessen Welt spielt, und sie macht selbst darauf wenig Hoffnung. Und doch steht das Gegenteil überall, nicht nur online. Quelle ist die Nachrichtenagentur AFP, die seit Montagnachmittag mehrere entsprechende Meldungen sowohl international als auch auf deutsch verbreitet. Herr Knüwer fragt sich, warum überhaupt erst jetzt, wenn doch das BBC-Interview am Freitag war. Die Antwort ist einigermaßen erschütternd: Weil AFP das Zitat umdatiert und in einen anderen, spannenderen Kontext gerückt hat:

Fans der Romanserie „Harry Potter“ können möglicherweise aufatmen: Die Schriftstellerin Joanne K. Rowling ist am Montag von ihren vorherigen Äußerungen abgerückt, sie wolle die erfolgreiche Reihe nicht fortsetzen. „Man soll nie nie sagen“, erklärte Rowling nach Angaben ihres Verlags Bloomsbury. (…)

Mit ihrer Erklärung reagierte Rowling auf eine am Montag im Internet gestartete Initiative zur Fortsetzung der Romanserie. (…)

Aber hat sie das nicht schon am Freitag gesagt, also vor dem Start der Unterschriftenaktion im Internet? Ja, hat sie. Und auf Nachfrage am Montag hat ein Sprecher offenbar auch nur bestätigt: „As she said on Friday night in her BBC interview with Jonathan Ross — never say never.“

Wenn Rowling also von früheren Erklärungen abgerückt ist, dann nicht als Reaktion auf die neuen Protestinitiativen. Im BBC-Interview sagt sie aber ausdrücklich, sie sei von gar nichts abgerückt („I’ve always said…“). Und tatsächlich findet sich zum Beispiel eine Meldung der Nachrichtenagentur AP vom 4. März 2004, in der sie die Frage, ob sie nach dem siebten Band weitere Harry-Potter-Bücher schreibe wolle, so beantwortet:

„Probably not. But I’ll never say never because every time I do, I immediately break the vow.“

Auch am Wortlaut von Rowlings Sätzen in der BBC hat AFP ein bisschen geschraubt. In der deutschen Meldung wird sie mit den Worten zitiert, Harrys Geschichte nehme „traurigerweise“ im siebten Roman einen ziemlich deutlichen Ausgang. In der englischen AFP-Meldung ist der ganze Satz zitiert: „I think that Harry’s story comes to quite a clear end, sadly.“ Aber das „sadly“, das so gut zur Mär von der Autorin passt, die nicht mehr aufhören kann, über ihren Helden zu schreiben, hat sie im Original nicht gesagt.

Wie man es dreht: Die Nachricht ist keine Nachricht. Es ist nur genau die Geschichte, die die Journalisten schreiben und die Leute lesen wollen, und deshalb steht sie überall.

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Super-Symbolfotos (17)

09 Jul 07
9. Juli 2007

Mit dem dazugehörigen Artikel setzt sich Thomas Mrazek auf onlinejournalismus.de auseinander.

(Mit Dank an Matthias Jung.)

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n-tv.de spart journalistische Energie

09 Jul 07
9. Juli 2007

Wie nett: Der Energieversorger EnBW unterstützt die Journalisten von n-tv.de bei der Produktion eines großen Schwerpunktes zum Thema Energie. Sorgt mit Geld und Know-How für, öhm, redaktionelle Qualität.

Die „taz“ findet dieses „Energie Spezial — unterstützt von EnBW“, das auch den umweltpolitischen Positionen des Unternehmens breiten Raum gibt, merkwürdig. Und ein Vertreter des (nicht zuständigen) Presserates sagt, das hätte „mehr als ein Geschmäckle“, sich die Berichterstattung über ein Unternehmen von diesem Unternehmen sponsern zu lassen. Aber Tilman Aretz, Chef der sogenannten „Nachrichtenmanufaktur“, die die Online-Seiten von n-tv füllt, gibt Entwarnung: Einfluss auf die redaktionellen Inhalte habe der Stromkonzern nicht gehabt, sagt er gegenüber der „taz“. „Wir achten streng auf unsere Unabhängigkeit.“

Nee, ist klar.

Im folgenden stehen jeweils links einige unabhängige Zitate aus dem n-tv.de-Spezial. Und rechts einige EnBW-Sätze zum selben Thema:
 

n-tv.de-Eigenrecherche EnBW-Material
Schätzungen zufolge bieten die auf die europäischen Küsten treffenden Wellen ein Potenzial von 300 Gigawatt. Würde man nur 10 Prozent der im Wasser gebundenen Energie nutzen, könnten rund zehn Millionen Haushalte europaweit mit Strom versorgt werden. Das Wellenkraftwerk an der Nordseeküste soll eine elektrische Leistung von 250 Kilowatt erzielen. Schätzungen zufolge bieten die auf die europäischen Küsten treffenden Wellen ein Potenzial von 300 Gigawatt. Würde man nur 10 Prozent der im Wasser gebundenen Energie nutzen, könnten rund zehn Millionen Haushalte europaweit mit Strom versorgt werden. Das Wellenkraftwerk an der Nordseeküste soll eine elektrische Leistung von 250 Kilowatt erzielen.
Schon seit 1898 wird die Kraft des Rheins in den Stromschnellen von Rheinfelden zur Stromerzeugung genutzt. (…) Nach mehr als 100 Jahren wird das Flusskraftwerk nun um– und ausgebaut. Der Rhein hat mehr Kraft, als die alten Turbinen heute ausnutzen können. Die Energiedienst AG, eine Tochtergesellschaft der EnBW, realisiert das ehrgeizige Projekt in Etappen. Es ist das bundesweit größte Bau– und Investitionsvorhaben im Bereich Erneuerbarer Energien. Man rechnet mit Kosten von 400 Millionen Euro. Seit 1898 wird die Kraft des Rheins in den Stromschnellen von Rheinfelden zur Stromerzeugung genutzt. Nach über 100 Jahren wird das älteste Flusskraftwerk Europas nun um– und ausgebaut, denn der Rhein hat viel mehr Kraft, als die alten Turbinen heute ausnutzen können. (…)Die Energiedienst AG, eine Tochtergesellschaft der EnBW, realisiert das ehrgeizige Projekt in Etappen. Schließlich ist es das bundesweit größte Bau– und Investitionsvorhaben im Bereich Erneuerbarer Energien — mit erwarteten Kosten von 400 Millionen Euro.
„Die Anlage soll zeigen, wie die Biogaseinspeisung über die gesamte Wertschöpfungskette — von der Biogas-Erzeugung über die Veredelung und Einspeisung bis zur Ausleitung und energetischen Nutzung — kosteneffizient und nachhaltig organisiert werden kann“, sagt Andreas Renner, Leiter der Steuerungsgruppe Regenerative Energien der EnBW. „Als Partner der Landwirte wollen wir zeigen, wie die Biogaseinspeisung über die gesamte Wertschöpfungskette kosteneffizient und nachhaltig organisiert werden kann, angefangen bei der Biogas-Erzeugung über die Veredelung und Einspeisung bis zur Ausleitung und energetischen Nutzung in einem Blockheizkraftwerk,“ sagt Ralf Biehl, Geschäftsführer der Erdgas Südwest.
Der Wind peitscht die Wellen auf die deutsche Nordseeküste zu. Immer wieder schwappt das Wasser in stetigem Auf und Ab an die Deiche und Hafenmauern. Genau diese Bewegung nutzen Wellenkraftwerke. Sie wandeln die Energie der Meereswellen in elektrischen Strom um. (…)
Man braucht eine stabile    Kammer, die auch heftigen Stürmen trotzt. Die Kammer zeichnet sich dadurch aus, dass sie keinen Boden hat: der Teil, der unter der Wasserlinie liegt, ist offen. Durch den ständigen Wellenhub bewegt sich das Wasser in der Kammer auf und ab und presst die darüber liegende Luft im Rhythmus der Wellen zusammen, so ähnlich wie der Kolben die Luft in einer Luftpumpe. Die meisten Wellenkraftwerke sind solche „OWC-Kraftwerke“. OWC steht für „oscillating water column“, was so viel bedeutet wie „schwingende“ oder „sich bewegende Wassersäule“. Die Luft durchströmt eine so genannte Wells-Turbine. Wenn das Wasser steigt, strömt die Luft in die eine, wenn die Wellen zurückgehen, in die andere Richtung. Der Clou an der Wells-Turbine: Egal, ob die Luft vor oder zurückströmt, sie dreht sich immer in dieselbe Richtung. Der Generator wandelt diese Drehbewegung in Strom um, der dann über einen Transformator ins Netz eingespeist wird. Strom aus Wellen ist absolut emissionsfrei benötigt keinerlei Brennstoff.
Ein Wellenenergie-Kraftwerk dieser Art ist bereits auf der schottischen Insel Islay in Betrieb. Es wurde von der Voith Siemens Hydro Power Generation gebaut. Zusammen mit der Voith Siemens und unterstützt durch das Land Niedersachsen entwickelt die EnBW ein solches OWC-Wellenkraftwerk nun für die deutsche Nordseeküste.
Mit einer Leistung von 250 Kilowatt und einer Jahresstromerzeugung von 400.000 Kilowattstunden könnten etwa 120 Haushalte mit Strom versorgt werden. An den europäischen Küsten hat die in Meereswellen vorhandene Leistung ein theoretisches Potenzial von 300 Gigawatt. Bei einer realistischen Ausnutzung von zehn Prozent könnten zehn Millionen Haushalte mit Strom aus Wellenenergie versorgt werden.
Der Wind peitscht die Wellen auf die deutsche Nordseeküste zu. Immer wieder schwappt das Wasser in stetigem Auf und Ab an die Deiche und Hafenmauern. Und genau diese Bewegungsenergie kann durch ein so genanntes OWC-Wellenkraftwerk in Strom verwandelt werden. Zuerst braucht man eine stabile Kammer, die auch Stürmen über Jahre standhält. Diese Kammer zeichnet sich dadurch aus, dass sie keinen Boden hat, das heißt, mit dem Teil der unter der Wasserlinie liegt, offen ist. Durch den ständigen Wellenhub bewegt sich das Wasser in ihr auf und ab und presst die darüber liegende Luft im Rhythmus der Wellen zusammen, so ähnlich wie der Kolben die Luft in einer Luftpumpe. Die Abkürzung OWC steht für die englische Bezeichnung „oscillating water column“, was so viel bedeutet wie „schwingende“ oder „sich bewegende Wassersäule“.
Die Luft durchströmt eine so genannte Wells-Turbine wenn das Wasser steigt erst in die eine, und wenn die Wellen zurückgehen, in die andere Richtung. Der Clou an der Wells-Turbine: Egal, ob die Luft vor oder zurückströmt, sie dreht sich immer in dieselbe Richtung. Der Generator wandelt diese Drehbewegung in Strom um, der dann über einen Transformator ins Netz eingespeist wird.
Strom aus Wellen ist absolut emissionsfrei benötigt keinerlei Brennstoff.
Ein Wellenenergie-Kraftwerk dieser Art ist bereits auf der schottischen Insel Islay in Betrieb. Es wurde von der Voith Siemens Hydro Power Generation gebaut. Zusammen mit der Voith Siemens und unterstützt durch das Land Niedersachsen entwickelt die EnBW ein solches OWC-Wellenkraftwerk für die deutsche Nordseeküste.
Mit einer Leistung von 250 Kilowatt und einer Jahresstromerzeugung von 400.000 Kilowattstunden könnten etwa 120 Haushalte mit Strom versorgt werden. An den europäischen Küsten hat die in Meereswel– len vorhandene Leistung ein theoretisches Potenzial von 300 Giga– watt. Bei einer realistischen Ausnutzung von zehn Prozent könnten zehn Millionen Haushalte mit Strom aus Wellenenergie versorgt werden.
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Bitte kommentieren Sie nach dem Piepston!

08 Jul 07
8. Juli 2007

Man kann dem Blog der „Frankfurter Rundschau“ nicht vorwerfen, seinen Lesern Illusionen über die Bereitschaft der FR-Journalisten zu machen, sich auf einen Dialog mit ihnen einzulassen:

Sagen Sie uns, was Sie von der Schwerpunktausgabe der FR vom Freitag, 6. Juli, zum Thema Klimawandel halten. Und nur von dieser Ausgabe! (…)

Bitte erwarten Sie nicht, dass die Redaktion mitdiskutiert. Ihre Meinung, liebe Leserinnen und Leser, ist uns wichtig, aber die Redaktion ist schon dabei, die nächste Ausgabe der FR zu produzieren, und auf diese Aufgabe soll sie sich meiner Meinung nach konzentrieren. Ich werde im Rahmen meiner Möglichkeiten jedoch ansprechbar sein.

[via The Daily Mo]

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Alles dpa — die Illusion der Medienvielfalt

06 Jul 07
6. Juli 2007

Das „Begleitschreiben“-Blog hat noch ein Beispiel dafür, wie nachhaltig sich falsche Agenturmeldungen verbreiten — und in welchem Maße die Vielfalt der Online-Medien eine Illusion ist.

Es geht um den Bachmann-Preis, den Lutz Seiler am vergangenen Sonntag gewann — im ersten Wahlgang, mit sechs von neun Stimmen der Juroren. Die Agentur dpa berichtete ab 11.36 Uhr in mehreren kurzen Meldungen über die Wahl. Um 13.44 Uhr lieferte die dpa-Korrespondentin einen längeren Bericht mit den Worten:

Die Spannung hielt bis zur Kür der Preisträger zum Schluss am Sonntag. Mehrere Stichwahlen waren nötig, bis mit dem Berliner Lutz Seiler der Haupt-Preisträger feststand, der 25 000 Euro Preisgeld erhält.

Um 14.35 schickte dpa noch ein Portrait des Preisträgers hinterher, das die Korrespondentin verfasst hatte und in dem es hieß:

Auch als die Spannung bei der Wahl zum Haupt-Preisträger in Klagenfurt stetig stieg, weil immer neue Stichwahlen nötig waren, blieb der gebürtige Thüringer nach außen ruhig.

Das war natürlich Unfug — Stichwahlen waren nur bei den weiteren Plätzen nötig gewesen. In einer Agenturmeldung von AP von 13.26 Uhr stand es unter Verweis auf die österreichische Agentur APA richtig: „…überzeugte die Jury so sehr, dass er gleich im ersten Wahlgang sechs von neun möglichen Stimmen erhielt und damit unangefochten den Sieg davontrug…“. Und wenn man wollte, hätte man sich die Entscheidung live auf 3sat ansehen können.

Doch selbst die Homepage von 3sat verließ sich nicht auf das Programm von 3sat, sondern lieber auf die falsche dpa-Meldung. Als Gregor Keuschnig, der „Begleitschreiben“-Blogger, bei der Redaktion nachfragte, bekam er zur Antwort, es sei „in solchen Momenten einfach unabdingbar“, sich auf die Agentur zu verlassen.

Die „taz“ übernahm den Fehler sogar in ihre Druckausgabe. Und wer sich heute über den diesjährigen Bachmann-Preisträger im Internet zu informiert versucht, der wird fast zwangsläufig glauben, Seiler erst nach vielen Stichwahlen gekürt worden. Die falschen und bis heute nicht korrigierten dpa-Meldungen wurden und werden nach wie vor u.a. von „Spiegel Online“, tagesspiegel.de und orf.at und der „Netzeitung“ verbreitet — auf sueddeutsche.de sogar als Überschrift:

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