Springers Kommunikationskultur

10 Mai 07
10. Mai 2007

Ich vermute, sie haben lange gefeilt bei Springers, an der offiziellen Stellungnahme der Axel Springer AG zu Alan Poseners gelöschtem Blog-Eintrag zu Kai Diekmann auf „Welt Debatte“. Bemerkenswert finde ich diesen Satz:

Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

Mal abgesehen von der lustigen Passiv-Konstruktion, die irgendwie die Möglichkeit nicht auszuschließen scheint, dass Unbefugte den Beitrag in Poseners Blog gestellt haben: Was heißt das: „ohne Wissen der Chefredaktion“?

Zunächst einmal heißt das natürlich: Christoph Keese ist nicht Schuld. Keese ist Chefredakteur von „Welt Online“ und Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, wo Posener das Kommentarressort leitet, und die Axel Springer AG teilt mit: Er kann nichts dafür, er wusste von nichts. Das ist eine wichtige Information. Vor allem für Christoph Keese.

Aber wenn man Springer-Sprecherin Edda Fels beim Wort nimmt (und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun), müssen die „Welt“-Blogger vor dem Bloggen brav der Chefredaktion Bescheid sagen.

Lieber Daniel Fiene,
lieber Don Dahlmann,

ist das so? Was bedeutet es, auf „Welt Online“ zu bloggen? Bloggt Ihr nur Dinge, mit denen Christoph Keese einverstanden ist? Habt Ihr die Springer-Leute darauf hingewiesen, dass sie Euch durch die Formulierung in eine unmögliche Situation bringen? Habt ihr da eine Freiheit beim Bloggen oder seid Ihr den gleichen, sagen wir: verlagspolitischen und arbeitsrechtlichen Einschränkungen ausgesetzt wieder jeder festangestellte „Welt“-Journalist?

Könnte es die „Unternehmenskultur“ von Axel Springer mit ihrem „Meinungspluralismus“ aushalten, wenn Daniel Fiene in seinem Medienblog (!) auf „Welt Online“ die Diskussion um den Vorfall aufgriffe? Sachlich, pointiert, wie auch immerß Und wenn er es täte: Würde dann Keese den Beitrag, bevor er in Fienes Blog „gestellt wird“, redigieren?

Die Reaktion auf die Debatte um die (Selbst-)Zensur bei Springer finde ich fast aufschlussreicher als den Akt selbst. Wie erbärmlich ist das: Die einzige Reaktion, die der Axel Springer AG auf die heftige Debatte einfällt, ist sich totstellen. So zu tun, als gebe es sie nicht.

Aber es gibt sie. Auch die „Welt Online“-Leser kennen sie. Aktuell sind die beiden meistgelesenen und meistkommentierten Blog-Einträge auf Welt Debatte zwei Einträge von Posener. Darunter diskutieren die Leser den aktuellen Fall von (Selbst-)Zensur. Aber sie diskutieren unter sich. Von Springer, von der Welt, von „Welt Online“, von „Welt“- „Debatte“ diskutiert niemand mit.

Seit drei Wochen hat Christoph Keese sein eigenes Blog. Er scheint nicht so viel zu erzählen zu haben, aber das wäre doch mal ein guter Anlass. Wofür ist sein Blog da, wenn nicht zur Kommunikation mit den Lesern? Warum kann ein Chefredakteur, dessen Beruf es theoretisch ist, zu kommunizieren (auch wenn er mir vor kurzem in anderem Zusammenhang mitgeteilt hat, weitere Kommunikation sei wegen meiner „impertinenten Unterstellungen“ und meiner „selbstgerechten Vorwürfe“ „nicht erwünscht“), warum kann dieser Chefredakteur sich nicht dem Dialog, der „Debatte“ mit seinen Lesern stellen? Warum kann er ihnen nicht erklären, warum es seiner Meinung nach die richtige Entscheidung war, Poseners Beitrag zu löschen?

Ich fürchte, bei Springers glauben sie wirklich, wenn sie Themen nur konsequent genug totschweigen, seien sie tatsächlich tot.

Sie werden sich noch wundern.

Die Grand-Prix-Wette — jetzt aber!

10 Mai 07
10. Mai 2007

Es gab ein paar technische Probleme mit dem Abstimmformular. Deshalb konnte bisher leider keine Stimme gezählt werden.

Jetzt sollte aber alles funktionieren. Also: Bitte hier entlang und noch einmal (oder zum ersten Mal) tippen.

Entschuldigung für das Durcheinander!

Nachtrag:

Das NDR-Fernsehen überträgt das Halbfinale heute ab 21 Uhr. Richtige Tipps, die abgegeben werden, bevor feststeht, wer sich fürs Finale qualifiziert hat, werden besonders positiv bewertet. Die Teilnahme an der Wette ist aber noch bis zum Beginn der Punktevergabe im Finale am Samstag möglich.

Helsinki Calling

09 Mai 07
9. Mai 2007

Drei kleine Punkrocker aus Andorra, sechs Möchtegerntenöre aus Lettland, ein sprechsingender Transvestit aus der Ukraine — jawoll: Es ist wieder Grand-Prix. Morgen findet in Helsinki das Halbfinale statt, in dem 28 Länder (darunter erstmals Georgien) um zehn Plätze im Finale am Samstag kämpfen. 14 Länder sind schon gesetzt.

Erstaunlicherweise gibt es kaum unmittelbare Nachahmer der Monster-Ästhetik, mit der Lordi im vergangenen Jahr haushoch gewonnen haben, aber doch überdurchschnittlich viele rockige Töne. Neben dem osteuropäischen Ethno-Trend, der schon seit einiger Zeit den Wettbewerb mitprägt, erwarten uns eine Retro-Welle mit Funk-, Swing– und Blues-Standards, einige Ausflüge in Richtung Camp und Trash und sogar ganz vereinzelte Versuche, mit zeitgemäßer Pop– oder Dancemusik zu überraschen.

Zusammen mit Lukas Heinser von „Coffee And TV“, der sich — im Gegensatz zu mir — auch mit Musik auskennt und sogar selbst welche macht, habe ich versucht, die Spreu von der, äh, anderen Spreu zu trennen. Unser Wegweiser durch die 42 Kandidaten steht hier.

Und weil man sich alle Kandidaten schon vorab im Internet anschauen kann, habe ich mir ein Tipp-Spiel ausgedacht, bei dem Grand-Prix-Kenner und die, die sich dafür halten, ihre wahrsagerischen Qualitäten unter Beweis stellen können. Inspiriert ist es durch den ehemaligen Grand-Prix-Chef Jürgen Meier-Beer, der das im privaten Rahmen schon länger macht. (Und, sagen wir mal so: Für manche Teilnehmer kam der Sieg von Lordi im vergangenen Jahr nicht überraschend, jahaa!).

Der große Grand-Prix-Führer 2007

Die kleine Grand-Prix-Wette 2007

Viel Vergnügen!

der spuk ist vorbei

09 Mai 07
9. Mai 2007

ich könnte jetzt viel schreiben darüber, wie erstaunt ich war, dass das letzte tabu in diesem land offenbar nichts mit sex, gewalt oder drogen zu tun hat, sondern mit kleinschreibung. mach ich aber nicht.

Ex-9Live-Mitarbeiter packen aus

08 Mai 07
8. Mai 2007

Das ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ hat zwei ehemalige 9Live-Mitarbeiter aufgetan, die über ihre Arbeit beim „Vorreiter für transparentes, chancengleiches und faires Call TV“ gesprochen haben.

Beide sprachen über die offensichtliche Praktik der Call-TV-Sender, nicht den Zufall entscheiden zu lassen, wann ein Kandidat durchgestellt wird, sondern das willkürlich selbst zu bestimen:

Plusminus: Wenn ich bei Neun Live anrufe während eines Hot Button-Spiels. Wovon hängt es denn ab, wann der Hot Button zuschlägt?

Ehemaliger Moderator: Vom Redakteur selber. Der Redakteur selber entscheidet, wann der Hot Button zuschlägt. Wenn der Redakteur der Meinung ist auf Grund der gegebenen Umstände, das passt jetzt, das ist okay jetzt, jetzt kann ich einen reinlassen, dann entscheidet der Redakteur und lässt einen Anrufer durchstellen.

Ehemalige Redakteurin: Wenn man als Anfängerredakteur da oben sitzt und man möchte spontan, weil gerade so viele Leute anrufen jemanden vom Call Center durchstellen lassen, dann steht immer ein erfahrener Redakteur hinter einem und sagt: „Bist du blöd. Mach das nicht. Lass die kommen. So lange wie das steigt, jeden mitnehmen.“ Das heißt: Alle, die gerade anrufen, betrügt man um ihr Glück, und erst wenn sie das Interesse verlieren, schaltet man einen rein.

Die ehemalige 9Live-Frau behauptet, es gebe auch andere Formen von Betrug:

Ehemalige Redakteurin: Fingierte Anrufe wurden schon mal eingesetzt, wenn so gar keiner angerufen hat und man wirklich ein paar Minuten mit einem leeren Peak da saß, dann wurde der Hot Button einfach per Sound eingespielt und der Moderator hat dann gesagt: Ups, da hat wohl wieder jemand aufgelegt. In Wirklichkeit hat aber niemand angerufen.

Plusminus: Und das haben Sie auch so gemacht?

Ehemalige Redakteurin: Ja, das habe ich auch gemacht.

Dank an Marc Doehler!