Chronologie einer Falschmeldung IV

13 Jun 07
13. Juni 2007

Vielleicht muss man den Versuch aufgeben, mitteleuropäische Zeitungen dazu zu bewegen, ihre Fehler zu korrigieren. Sie können es nicht. Sie wollen es nicht. Sie tun es nicht.

Ein Leser hat bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ nachgefragt, warum sie ihren Artikel über die Ausschreitungen in Rostock vor dem G8-Gipfel nicht korrigiert hat. Die „NZZ“ behauptet online nach wie vor:

Von der Haupttribüne aus heizte ein Redner die Auseinandersetzungen noch mit den Worten an: «Wir müssen den Krieg in diese Demonstration hineintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.»

Tatsächlich gesagt hatte der Redner (wie gesagt, wie zu hören, wie von dpa längst korrigiert):

„Wir müssen den Krieg hier mit [in die Diskussion] reinbringen. Denn ohne Frieden kann es auch keine Armutsbekämpfung geben.“

Erst im dritten Versuch hat der „NZZ“-Leser eine Antwort auf seine Nachfragen und Beschwerden bekommen. Fredy Greuter, Redaktionsleiter „NZZ Online“ schreibt ihm:

Der von Ihnen erwähnte Bericht stammt von unserem Korrespondenten in Deutschland. Er ist in der Tageszeitung erschienen und wurde nachträglich von NZZ Online übernommen. (…) Wir haben keinen Anlass, am Wahrheitsgehalt dieses Berichts zu zweifeln (…).

(Was bisher geschah: I, II, III)

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Chronologie einer Falschmeldung III

13 Jun 07
13. Juni 2007

Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ hat versucht, ihre Behauptung richtigzustellen, ein „junger Mann“ habe auf der Rostocker Kundgebung gegen den G8-Gipfel in Mikro gerufen: „Wir müssen den Krieg in diese Demo tragen“. Nicht in der Zeitung, aber online. Auf der Ressortseite Politik steht folgende „Korrektur“:

Korrektur. Umstrittenes Zitat. Die WAZ hat am 4. Juni ein Zitat aus einem Text der Deutschen Presseagentur (dpa) über die G-8-Proteste in Rostock gedruckt. Dieses Zitat war sinnentstellend, dpa hat die Meldung berichtigt. Das Zitat eines Globalisierungskritikers "Wir müssen den Krieg in diese Demo tragen" war in Zusammenhang mit dem Irak-Krieg gefallen und keine Aufforderung zu mehr Krawallen in Rostock.

Nein. Dieses Zitat ist, wie inzwischen vielfältig dokumentiert, nicht nur in einem anderen Zusammenhang gefallen, sondern gar nicht.

Wird es der „WAZ“ noch gelingen, den Fehler zu korrigieren? Kann es die Korrektur sogar noch aus dem Online-Auftritt in die gedruckte Zeitung schaffen? Überwindet sich die „WAZ“ gar noch, nicht nur dpa die Verantwortung zu geben, sondern eigene Fehler einzuräumen?

Bleiben Sie dran!

(Was bisher geschah: I, II)

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Wofür Horoskope gut sind

12 Jun 07
12. Juni 2007

Wenn man die jeweiligen Verlautbarungen der Pressestellen liest, könnte man glauben, alle Zeitungsprojekte von Klaus Madzia hätten wegen zu großen Erfolges eingestellt werden müssen. Nach den kurzlebigen Versuchen „Net-Business“ und „News“ stirbt Ende der Woche nun auch das so, äh, hoffnungsvoll gestartete Gratisblatt „Business News“.

Kein Grund zur Trauer, denn der Verlag teilt mit:

Die Verlagsgruppe wird unter der Chefredaktion von Klaus Madzia, bisher Chefredakteur von Business News, die gesammelten Erfahrungen für ein neues Internet-Portal nutzen. (…) Ein Großteil der Mitarbeiter bleibt für dieses Projekt an Bord.

Und doch gibt es subtile Hinweise, dass die Stimmung in der „Business News“-Redaktion nur so mittel ist. Zum Beispiel im heutigen (wie immer witzig gemeinten) „Business-Horoskop“ der Zeitung:

Löwe 23.7. – 23.8.: Der Chef schart ein Fähnlein von Ja-Sagern um sich und erhebt sie alle in den so genannten Christopherus-Ritterstand. Neben totaler Unterwürfigkeit ist Rücksichtslosigkeit im Sozialverhalten eine Voraussetzung, um in den neuen Ritterorden aufgenommen zu werden.

Liest sich übrigens noch lustiger, wenn man weiß, dass der Online-Chef von „Business News“ Christoph Strobel heißt und als eine Art Wachhund von Klaus Madzia gilt.

Waage 24.9. – 23.10.: Sie backen einen Abschiedskuchen für eine entlassene Kollegin. Dazu brauchen Sie vor allem Mehl – aber auch jede Menge Alkohol. Sie wissen ja, nur mit Alkohol wirkt ein Abschiedskuchen so richtig.

Mehl und Alkohol? Aber ja! Laurence Mehl ist einer der Geschäftsführer von „Business News“.

Ich vermute ja, dass der Autor des Horoskops Widder ist:

Widder 21.3 – 20.4.: Der Verlust Ihres Jobs trübt die Stimmung. Zur Steigerung derselben nimmt Ihre Abteilung an einem Drachenbootrennen teil. Der Chef erscheint in der Uniform eines römischen Legionärs und schwingt die Peitsche. Das finden Sie gut. Denn Hass hält einen Mann am Leben. Er gibt ihm Kraft.

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Apple macht Microsoft Konkurrenz

12 Jun 07
12. Juni 2007

Ab sofort ist der Apple-Browser Safari auch für Windows verfügbar. Apple-Chef Steve Jobs freut sich, die Windows-Anwender „vom überlegenen Browsererlebnis von Safari zu überzeugen“. Der Browser soll Webseiten doppelt so schnell anzeigen wie Microsofts Internet Explorer.

Ich glaube das gern. Safari für Windows lässt die Hälfte einfach weg:

Safari — ein Browser, den ich vor allem zum Lesen von Bild.de empfehlen möchte:

Oder um es mit der Nachrichtenagentur AFP zu sagen, die aber bestimmt die Ironie des Satzes nicht erkannt hat:

Mit dem neuen Angebot geht Apple einen Schritt weiter bei seiner Strategie, mit Microsoft auf breiterer Basis zu konkurrieren.

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Ulrich Deppendorf

10 Jun 07
10. Juni 2007

Man weiß ja nicht, wie das so abläuft, in ARD-Hierarchien. Ob Ulrich Deppendorf, als er vor fünf Wochen wieder Chef der Hauptstadtstudios wurde, gleich am ersten Tag in der Konferenz gesagt hat: Leute, dass eins schon mal klar ist, die Einschätzungen aus Heiligendamm, die mache ich. Oder ob es umgekehrt so war, dass ihm die Leute vorher gesagt haben: Ulli, du hast nur dann eine Chance, wieder Chef des Hauptstadtstudios zu werden, wenn du hier und heute unterschreibst, dass auch jede verdammte Einschätzung von irgendeinem Gipfeltreffen machst.

„Einschätzen“ ist ein merkwürdiges, aber irgendwie treffendes Wort für dieses Ritual, nach einem Nachrichtenbeitrag in einem Live-Gespräch noch einmal nachzufragen, was das denn bedeutet. Meistens nicht, was das für uns oder die Welt bedeutet, sondern für die handelnden Personen. Es geht darum, Haltungsnoten zu verteilen — aber in einer Sportart, bei der man die Atlethen selbst nur über verzerrte Spiegel sieht, oder in der die Wettkämpfe noch gar nicht stattgefunden haben. „Bewegung“ ist dabei das Zauberwort. Teilweise stündlich musste sich Deppendorf von Claus-Erich Boetzkes aus dem Nachrichtenstudio fragen lassen, ob es Anzeichen dafür gibt, dass sich Bush auf die Europäer „zubewegt“, ob es überhaupt „Bewegung“ gibt, wie groß der „Schritt“ ist, den Bush auf Merkel „zugeht“. Und Deppendorf sprach routiniert von „möglichen Annäherungen“ (Dienstag), „nicht so riesig zubewegen“ (Mittwoch), „kann man noch nicht sagen“ (Donnerstag), „sind aufeinander zugegangen“ (Freitag).

Wenn die Metaphern in diesem Genre nicht aus dem Krieg oder Sport stammen („Die Europäer sind geschlossen aufgetreten“), dann kommen sie vom Wetter („Ob das Thema den Gipfel überschattet, weiß man noch nicht“). Und vielleicht war es kein Zufall, dass Deppendorf einmal in einem kurzen Moment der Unkonzentriertheit seine Antwort auf die immergleichen Fragen aus dem Studio mit den Worten „Ja, gut, äh“ begann. Jetzt weiß ich nur noch nicht, ob ich als nächstes von Deppendorf die Einschätzung eines Länderspiels sehen will oder von Beckenbauer die eines Gipfeltreffens.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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