Betrug? Bei Callactive??

14 Jun 07
14. Juni 2007

Wie kommen die Menschen bloß auf den Gedanken, dass es bei „Money Express“, einer über dreistündigen nächtlichen Call-in-Show, die die Firma Callactive für Viva, Nick und Comedy Central produziert, nicht mit rechten Dingen zugehen könnte?

Ich hab mir die Sendung gestern einfach mal wieder über längere Zeit angesehen. Als ich um kurz nach eins einschaltete, gab es 50 sogenannte „Geldpakete“ (Kartons mit meist zweistelligem Euro-Betrag als Inhalt) zu gewinnen. Gesucht war ein Wort mit vier Buchstaben, das mit „B“ beginnt und an zweiter, dritter und vierter Stelle keinen der Buchstaben wiederholt, die an entsprechender Stelle in den Wörtern darüber stehen:

B A U M
B I L D
B L A U
B E R G
B ? ? ?

(Richtige Lösungen wären zum Beispiel BUCH oder BREI.)

Die Moderatorin Sandra Ahrabian erweckte den Eindruck, das Rätsel sei fast unlösbar, und was dann passierte, folgte dem Muster, das sich in den Callactive-Sendungen fast jede Nacht wiederholt: Die Moderatorin lügt, was das Zeug hält, auf die „Gewinnspielregeln der Landesmedienanstalten“ wird geschissen verzichtet, und immer dann, wenn der Zuschauer gerade denken könnte: Hier wird ja doch niemand durchgestellt, wird ein Anrufer durchgestellt, der aber sofort wieder auflegt oder eine offensichtlich falsche Lösung sagt.

1.14 Uhr. Ahrabian: „Die letzte Minute läuft.„
1.14 Uhr. „Oh mein Gott, die letzten Sekunden.„
1.17 Uhr. „Wir haben keine Zeit mehr. Jeden Moment scheppert es.„
1.19 Uhr. Ein „Steffen“ ruft an und sagt: „Meine Lösung ist BAHN.“ (An zweiter Stelle kann, wie die Moderatorin vielfach erklärt hat, kein „A“ stehen.)
1.26 Uhr. „Bis 1:30 Uhr. Wir hören hier den Final Countdown. Wir haben keine Zeit mehr.„
1.28 Uhr. „Die letzten zwei Minuten.„
1.29 Uhr. „Letzte Minute läuft.„
1.32 Uhr. „Was jetzt kommt ist der absolute Wahnsinn. Ab jetzt bekommt jeder Anrufer einen Gratisanruf.„
1.49 Uhr. Ein angeblicher Anrufer wird durchgestellt, es ist aber niemand dran.
1.54 Uhr. „Ab 2 Uhr ist hier ein Fehlerbild geplant.„
1.59 Uhr. „Die letzte Minute läuft bis 2 Uhr. Sie wissen, was das bedeutet.„
2.02 Uhr. Eine „Steffi“ ruft an und sagt: „BIER.“ (An zweiter Stelle kann, wie die Moderatorin vielfach erklärt hat, kein „I“ stehen.)
2.14 Uhr. „Die letzten 50 Sekunden ticken.„
2.19 Uhr. „Wir müssen uns sputen.„
2.29 Uhr. „Ou, die letzte Minute. Achtung!„
2.31 Uhr. „In drei Minuten werden die Leitungen geschlossen.„
2.32 Uhr. „Wir haben keine Zeit mehr.„
2.33 Uhr. „Die letzten dreiundzwanzig Sekunden, meine Damen und Herren.„
2.38 Uhr. „Das ist der Endspurt hier. Ich denke, das wird jetzt knapp.„
2.49 Uhr. „Oh Gott, die letzten Sekunden.„
2.53 Uhr. „In genau 60 Sekunden werden die Leitungen geschlossen. Es gibt keine neuen Leitungen.„
2.58 Uhr. „Die letzten zwei Minuten laufen.„
3.00 Uhr. Ein angeblicher Anrufer wird durchgestellt. Es ist niemand dran.
3.00 Uhr. „Ich hab hier keine Zeit mehr.„
3.02 Uhr. „Meine Sendung ist jetzt vorbei.„
3.04 Uhr. Ein „Klaus“ ruft an, sagt: „BOOT oder BROT“ und gewinnt 3555 Euro und einen Plasma-Fernseher. Zufällig ist in diesem Moment auch die Sendezeit zuende

So oder so ähnlich geht das fast jede Nacht. Wie kommen die Menschen bloß auf den Gedanken, dass es bei „Money Express“ nicht mit rechten Dingen zugehen könnte?

[Anmerkung: Ich müsste aufgrund der Heftigkeit, mit der Callactive gegenwärtig gegen Kritiker ihres Geschäftsmodells (und keineswegs nur call-in-tv.de) vorgeht, die Kommentare moderieren, wozu mir im Moment die Zeit fehlt. Deshalb sind die Kommentare geschlossen.]

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Callactive klagt

13 Jun 07
13. Juni 2007

Die Firma Callactive, die für die MTV-Sender Viva, Nick und Comedy Central Anrufsendungen produziert, geht nun massiv gegen das kritische Forum call-in-tv.de vor. Sie klagt „wegen Vertragsstrafe und Schadensersatz“ auf die Zahlung von 20.693,70 Euro. Marc Doehler, der Betreiber des Forums, wird sich dagegen wehren, fürchtet aber die Schließung des Forums. Mehr über die Hintergründe bei DWDL.de und im Call-in-TV-Blog.

Es geht in dem Verfahren unter anderem darum, inwieweit der Betreiber des Forums für Beiträge haftet, die er (nach eigenen Angaben) innerhalb von Minuten gelöscht hat. In diesen Beiträgen wurde der Vorwurf erhoben, in der Sendung „Money Express“ würden immer wieder „Fake-Anrufer“ durchgestellt — Anrufer, die theoretisch viel Geld gewinnen können, aber auch auf die einfachsten Fragen falsche Antworten geben oder wieder auflegen.

Callactive streitet die Vorwürfe ab. In der Klage schreibt das Unternehmen:

Die Behauptung, in ihren Sendungen würden Fake-Anrufe lanciert, ist in hohem Maße geschäftsschädigend, mitunter existenzbedrohend.

Mein Kommentar:

Der Betrugsvorwurf gegen Callactive mag unbewiesen und somit unzulässig sein. Er kommt aber nicht von ungefähr. Wer die Sendungen häufiger sieht, kann zum Beispiel mit einer erstaunlichen Treffsicherheit vorhersagen, ob ein Anrufer, der in die Sendung durchgestellt wird, eine plausible Antwort sagen wird. Je höher die Gewinnsumme, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ein durchgestellter Anrufer auflegt oder grotesk falsch antwortet — und das gilt unabhängig vom Schwierigkeitsgrad der Frage.

Bei call-in-tv.de lassen sich Dutzende Protokolle von Callactive-Sendungen nachlesen, die nach folgendem Muster ablaufen: Eine vergleichsweise leichte Frage wird über lange Zeit gespielt. Alle Anrufer, die in den ersten Stunden durchgestellt werden, geben falsche oder gar keine Antworten ab. Kurz vor Ende der Sendung wir die Gewinnsumme reduziert. Zehn Sekunden vor Schluss kommt ein Anrufer durch und nennt die richtige Antwort.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese für Callactive extrem profitablen Abläufe und Muster zufällig ergeben, ist gering. Und erstaunlich ist auch, dass zum Beispiel beim großen Konkurrenten 9live, der es mit der Transparenz und Fairness auch nicht immer so genau nimmt, solch merkwürdige Anrufe viel seltener auftreten als bei den Callactive-Sendungen.

Callactive führt die Zuschauer und die Medien systematisch in die Irre, ihr Geschäftsführer Stephan Mayerbacher verbreitet höchst unplausible Stellungnahmen, und die Sendungen verstoßen kontinuierlich gegen die Gewinnspielregeln der Landesmedienanstalten. Dennoch kann ich Callactive keinen Betrug nachweisen und unterstelle ihn der Firma deshalb auch nicht. Aber um den Verdacht zu bekommen, dass es in den Callactive-Sendungen möglicherweise nicht mit rechten Dingen zugeht, muss man meiner Meinung nach kein Verschwörungstheretiker und kein Callactive-Feind sein. Man muss sich nur die Sendung angucken und staunen.

Dass Callactive sich mit dieser Klage als Opfer darstellt und nicht als Täter, halte ich für grotesk.

(Kommentare aus naheliegenden Gründen geschlossen.)

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Chronologie einer Falschmeldung IV

13 Jun 07
13. Juni 2007

Vielleicht muss man den Versuch aufgeben, mitteleuropäische Zeitungen dazu zu bewegen, ihre Fehler zu korrigieren. Sie können es nicht. Sie wollen es nicht. Sie tun es nicht.

Ein Leser hat bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ nachgefragt, warum sie ihren Artikel über die Ausschreitungen in Rostock vor dem G8-Gipfel nicht korrigiert hat. Die „NZZ“ behauptet online nach wie vor:

Von der Haupttribüne aus heizte ein Redner die Auseinandersetzungen noch mit den Worten an: «Wir müssen den Krieg in diese Demonstration hineintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.»

Tatsächlich gesagt hatte der Redner (wie gesagt, wie zu hören, wie von dpa längst korrigiert):

„Wir müssen den Krieg hier mit [in die Diskussion] reinbringen. Denn ohne Frieden kann es auch keine Armutsbekämpfung geben.“

Erst im dritten Versuch hat der „NZZ“-Leser eine Antwort auf seine Nachfragen und Beschwerden bekommen. Fredy Greuter, Redaktionsleiter „NZZ Online“ schreibt ihm:

Der von Ihnen erwähnte Bericht stammt von unserem Korrespondenten in Deutschland. Er ist in der Tageszeitung erschienen und wurde nachträglich von NZZ Online übernommen. (…) Wir haben keinen Anlass, am Wahrheitsgehalt dieses Berichts zu zweifeln (…).

(Was bisher geschah: I, II, III)

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Chronologie einer Falschmeldung III

13 Jun 07
13. Juni 2007

Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ hat versucht, ihre Behauptung richtigzustellen, ein „junger Mann“ habe auf der Rostocker Kundgebung gegen den G8-Gipfel in Mikro gerufen: „Wir müssen den Krieg in diese Demo tragen“. Nicht in der Zeitung, aber online. Auf der Ressortseite Politik steht folgende „Korrektur“:

Korrektur. Umstrittenes Zitat. Die WAZ hat am 4. Juni ein Zitat aus einem Text der Deutschen Presseagentur (dpa) über die G-8-Proteste in Rostock gedruckt. Dieses Zitat war sinnentstellend, dpa hat die Meldung berichtigt. Das Zitat eines Globalisierungskritikers "Wir müssen den Krieg in diese Demo tragen" war in Zusammenhang mit dem Irak-Krieg gefallen und keine Aufforderung zu mehr Krawallen in Rostock.

Nein. Dieses Zitat ist, wie inzwischen vielfältig dokumentiert, nicht nur in einem anderen Zusammenhang gefallen, sondern gar nicht.

Wird es der „WAZ“ noch gelingen, den Fehler zu korrigieren? Kann es die Korrektur sogar noch aus dem Online-Auftritt in die gedruckte Zeitung schaffen? Überwindet sich die „WAZ“ gar noch, nicht nur dpa die Verantwortung zu geben, sondern eigene Fehler einzuräumen?

Bleiben Sie dran!

(Was bisher geschah: I, II)

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Wofür Horoskope gut sind

12 Jun 07
12. Juni 2007

Wenn man die jeweiligen Verlautbarungen der Pressestellen liest, könnte man glauben, alle Zeitungsprojekte von Klaus Madzia hätten wegen zu großen Erfolges eingestellt werden müssen. Nach den kurzlebigen Versuchen „Net-Business“ und „News“ stirbt Ende der Woche nun auch das so, äh, hoffnungsvoll gestartete Gratisblatt „Business News“.

Kein Grund zur Trauer, denn der Verlag teilt mit:

Die Verlagsgruppe wird unter der Chefredaktion von Klaus Madzia, bisher Chefredakteur von Business News, die gesammelten Erfahrungen für ein neues Internet-Portal nutzen. (…) Ein Großteil der Mitarbeiter bleibt für dieses Projekt an Bord.

Und doch gibt es subtile Hinweise, dass die Stimmung in der „Business News“-Redaktion nur so mittel ist. Zum Beispiel im heutigen (wie immer witzig gemeinten) „Business-Horoskop“ der Zeitung:

Löwe 23.7. – 23.8.: Der Chef schart ein Fähnlein von Ja-Sagern um sich und erhebt sie alle in den so genannten Christopherus-Ritterstand. Neben totaler Unterwürfigkeit ist Rücksichtslosigkeit im Sozialverhalten eine Voraussetzung, um in den neuen Ritterorden aufgenommen zu werden.

Liest sich übrigens noch lustiger, wenn man weiß, dass der Online-Chef von „Business News“ Christoph Strobel heißt und als eine Art Wachhund von Klaus Madzia gilt.

Waage 24.9. – 23.10.: Sie backen einen Abschiedskuchen für eine entlassene Kollegin. Dazu brauchen Sie vor allem Mehl – aber auch jede Menge Alkohol. Sie wissen ja, nur mit Alkohol wirkt ein Abschiedskuchen so richtig.

Mehl und Alkohol? Aber ja! Laurence Mehl ist einer der Geschäftsführer von „Business News“.

Ich vermute ja, dass der Autor des Horoskops Widder ist:

Widder 21.3 – 20.4.: Der Verlust Ihres Jobs trübt die Stimmung. Zur Steigerung derselben nimmt Ihre Abteilung an einem Drachenbootrennen teil. Der Chef erscheint in der Uniform eines römischen Legionärs und schwingt die Peitsche. Das finden Sie gut. Denn Hass hält einen Mann am Leben. Er gibt ihm Kraft.

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