Geburtstags-Loboskop

11 Mai 07
11. Mai 2007

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Die Mär vom Ostblock beim Grand-Prix

11 Mai 07
11. Mai 2007

Ich kann sie nicht mehr hören, die Leier, dass aus dem Grand-Prix der East Eurovision Song Contest geworden sei, bei dem sich nur noch Kleinstaaten von kurz vorm Ural gegenseitig die Punkte zuschustern und man als Westeuropäer überhaupt keine Chance hat.

Erstens langweilt sie mich.

Zweitens ist sie falsch. Wer hat denn im letzten Jahr gewonnen, mit großem Abstand? Wie passen Lordi mit ihrem Monsterrock und Finnland als relativ geschwisterloser Staat fern des Balkans in diese These? Wie kommt es, dass nicht dauernd ein Land aus dem ehemaligen Jugoslawien gewinnt; dass — genau genommen — noch nie ein Land aus dem ehemaligen Jugoslawien gewonnen hat? Dass gestern auch Kroatien und Montenegro rausflogen? Vor ein paar Jahren, als nacheinander Estland und Lettland gewannen, schrieben alle: Ja, bravo, dann wird der Grand-Prix jetzt ne baltische Veranstaltung. In Wahrheit schneiden Estland, Lettland und Litauen sehr unterschiedlich ab, selten gut, mal schafft es einer von ihnen halbwegs nach vorne, mal ein anderer. Wieso schafft es Schweden seit zehn Jahren, fast ohne Ausnahme unter den Top-Ten zu landen? Ach: Das ist dann nicht die Ost-, sondern die Nordeuropa-Connection? Und warum profitiert dann Dänemark so nachhaltig nicht von ihr?

Drittens finde ich sie anmaßend und chauvinistisch. Nach was sehnen wir uns denn zurück? Den alten Grand-Prix Ralph Siegelscher Prägung? Ist es schlimm, dass es den nicht mehr gibt? Der Schwerpunkt Europas hat sich nach Osten verlagert, politisch und kulturell, Berlin liegt plötzlich nicht mehr am Rand, sondern irgendwie in der Mitte. Aber wir ertragen es nicht, dass wir damit nicht nur ein paar schöne neue Reiseländer vor der Haustür haben, sondern sich auch der Durchschnittsgeschmack nach Osten verlagert hat?

Ja: Die osteuropäischen Länder haben es etwas leichter. Weil sie in der Überzahl sind. Und auch, weil es eine große nachbarschaftliche Verbundenheit gibt. Aber entscheidend sind diese Freundschaftspunkte nicht. Man wühle sich durch die Tabellen der letzten Jahre (der Song Contest ist schließlich mindestens so sehr ein Fest der Statistik wie der, äh, Kultur): Es gibt keine Dominanz des Balkans. Es gibt keine quasi-gesetzten Länder. Es ist für westeuropäische Länder nicht unmöglich, weit vorne zu landen. Und osteuropäische Geschmacksverirrungen siegen nicht zwangsläufig über westeuropäische Geschmacksverirrungen. Wer in den vergangenen Jahren vorne mitspielen wollte, musste den Nerv ganz Europas treffen. Und die Veranstaltung mag nach Osten gerückt und in mancher Hinsicht abwegiger geworden sein, aber vorhersagbarer wurde sie kein Stück. Monster aus Finnland. Umzieh-Latin aus Lettland. Feuer-Trommel-Tanz-Gewirbel aus der Ukraine. Opa-Duo aus Dänemark. Funk aus Estland. Kommerz-tauglicher Pop aus der Türkei.

Wo ist das Problem?

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Der andere Grand-Prix

11 Mai 07
11. Mai 2007

Ich hab schon einen Grimme-Online-Award, einen halben. Die andere Hälfte gehört Christoph Schultheis, bekommen haben wir ihn vor zwei Jahren für BILDblog, und zur Zeit lebt er bei uns im Büro in der Küche (der Preis, nicht Schulle). Das ist kein Zeichen von Respektlosigkeit — wer uns kennt, weiß, dass wir nicht die Leute sind, die eine Glasvitrine oder sonstwie angemessenes Mobiliar zur Präsentation hätten, und so zwischen den Gläsern und den Teebeut—

Grimme-Online-AwardWas wollt‘ ich sagen? Ach ja: Dieses Blog ist für den Grimme-Online-Award 2007 nominiert. Die Nominierungskommission schreibt:

Kritisch über Medien berichten, das ist Stefan Niggemeiers Beruf. In seinem Weblog zeigt der Medienjournalist tagesaktuell auf, was schief läuft in den deutschen Medien. Einzelne Themen verfolgt er über lange Zeit, um so auch Strategien der Anbieter aufzuzeigen. Mit den Beiträgen regt Niggemeier immer wieder zu Debatten an — in den Kommentaren des Weblogs, aber auch innerhalb des Internets und der traditionellen Medien.

Ich bedanke mich bei der Jury, meinen Eltern, Al Gore, ohne den das alles nicht möglich gewesen wäre, Felix Schwenzel, ohne den ich nie angefangen hätte, meinen Kommentatoren, Sascha Lobo, adical, Host Euro… [Rest unverständlich unter der einsetzenden Musik].

Im Ernst: Ich freue mich sehr über die Nominierung, insbesondere aber auch für den unermüdlichen Kollegen Patrick Gensing vom NPD-Blog. Über die Preisträger entscheidet nun eine Jury. Und hier kann man abstimmen, welcher der 20 Vorschläge den Publikumspreis bekommen soll.

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Grand-Prix-Wette: Erster Zwischenstand

10 Mai 07
10. Mai 2007

Toll: Fast 50 Leute haben schon getippt bei meiner kleinen Grand-Prix-Wette. Weit vorne liegen im Augenblick Schweden und Russland, dahinter drängeln sich Dänemark, Deutschland, Finnland und die Ukraine.

Ganz schlechte Karten hat nach Meinung der Tipp-Gemeinschaft Albanien. Andorra scheint besonders umstritten zu sein: Die kleinen „anonymen“ Punkrocker werden genauso oft auf den letzten Platz getippt wie unter die ersten Fünf. (Hier alle Kandidaten im kommentierten Überblick.)

Gleich geht das Halbfinale los. Livebloggen (wie beim deutschen Vorentscheid) werde ich diesmal nicht.

Und um mich gleich mal richtig aus dem Fenster zu lehnen — mein Tipp, wer es heute schafft, sich fürs Finale zu qualifizieren, lautet so:

Andorra
Bulgarien
Dänemark
Georgien
Island
Litauen Lettland
Schweiz
Türkei
Ungarn
Weißrussland

23.40 Uhr. Geschafft haben es:

Bulgarien
Georgien
Slowenien
Lettland
Mazedonien
Moldau
Serbien
Türkei
Ungarn
Weißrussland

Sechs von zehn ist doch nicht schlecht. (Ich hatte Litauen geschrieben, aber Lettland gemeint, naja, wurscht.)

Aber der Hammer: Kein einziges westeuropäisches Land hat es aus dem Halbfinale ins Finale geschafft. Nicht Dänemark, die ich ganz, ganz weit vorne gesehen hätte, nicht Andorra, die mal was anderes gewesen wären, nicht die Schweiz, die sich mit DJ Bobo viel versprochen hatte, nicht der Retro-Funk der Belgier, nicht der Teflon-Grand-Prix-Pop der Niederländer.

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Springers Kommunikationskultur

10 Mai 07
10. Mai 2007

Ich vermute, sie haben lange gefeilt bei Springers, an der offiziellen Stellungnahme der Axel Springer AG zu Alan Poseners gelöschtem Blog-Eintrag zu Kai Diekmann auf „Welt Debatte“. Bemerkenswert finde ich diesen Satz:

Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

Mal abgesehen von der lustigen Passiv-Konstruktion, die irgendwie die Möglichkeit nicht auszuschließen scheint, dass Unbefugte den Beitrag in Poseners Blog gestellt haben: Was heißt das: „ohne Wissen der Chefredaktion“?

Zunächst einmal heißt das natürlich: Christoph Keese ist nicht Schuld. Keese ist Chefredakteur von „Welt Online“ und Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, wo Posener das Kommentarressort leitet, und die Axel Springer AG teilt mit: Er kann nichts dafür, er wusste von nichts. Das ist eine wichtige Information. Vor allem für Christoph Keese.

Aber wenn man Springer-Sprecherin Edda Fels beim Wort nimmt (und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun), müssen die „Welt“-Blogger vor dem Bloggen brav der Chefredaktion Bescheid sagen.

Lieber Daniel Fiene,
lieber Don Dahlmann,

ist das so? Was bedeutet es, auf „Welt Online“ zu bloggen? Bloggt Ihr nur Dinge, mit denen Christoph Keese einverstanden ist? Habt Ihr die Springer-Leute darauf hingewiesen, dass sie Euch durch die Formulierung in eine unmögliche Situation bringen? Habt ihr da eine Freiheit beim Bloggen oder seid Ihr den gleichen, sagen wir: verlagspolitischen und arbeitsrechtlichen Einschränkungen ausgesetzt wieder jeder festangestellte „Welt“-Journalist?

Könnte es die „Unternehmenskultur“ von Axel Springer mit ihrem „Meinungspluralismus“ aushalten, wenn Daniel Fiene in seinem Medienblog (!) auf „Welt Online“ die Diskussion um den Vorfall aufgriffe? Sachlich, pointiert, wie auch immerß Und wenn er es täte: Würde dann Keese den Beitrag, bevor er in Fienes Blog „gestellt wird“, redigieren?

Die Reaktion auf die Debatte um die (Selbst-)Zensur bei Springer finde ich fast aufschlussreicher als den Akt selbst. Wie erbärmlich ist das: Die einzige Reaktion, die der Axel Springer AG auf die heftige Debatte einfällt, ist sich totstellen. So zu tun, als gebe es sie nicht.

Aber es gibt sie. Auch die „Welt Online“-Leser kennen sie. Aktuell sind die beiden meistgelesenen und meistkommentierten Blog-Einträge auf Welt Debatte zwei Einträge von Posener. Darunter diskutieren die Leser den aktuellen Fall von (Selbst-)Zensur. Aber sie diskutieren unter sich. Von Springer, von der Welt, von „Welt Online“, von „Welt“- „Debatte“ diskutiert niemand mit.

Seit drei Wochen hat Christoph Keese sein eigenes Blog. Er scheint nicht so viel zu erzählen zu haben, aber das wäre doch mal ein guter Anlass. Wofür ist sein Blog da, wenn nicht zur Kommunikation mit den Lesern? Warum kann ein Chefredakteur, dessen Beruf es theoretisch ist, zu kommunizieren (auch wenn er mir vor kurzem in anderem Zusammenhang mitgeteilt hat, weitere Kommunikation sei wegen meiner „impertinenten Unterstellungen“ und meiner „selbstgerechten Vorwürfe“ „nicht erwünscht“), warum kann dieser Chefredakteur sich nicht dem Dialog, der „Debatte“ mit seinen Lesern stellen? Warum kann er ihnen nicht erklären, warum es seiner Meinung nach die richtige Entscheidung war, Poseners Beitrag zu löschen?

Ich fürchte, bei Springers glauben sie wirklich, wenn sie Themen nur konsequent genug totschweigen, seien sie tatsächlich tot.

Sie werden sich noch wundern.

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