Journalismus 2014

12 Mrz 14
12. März 2014

Wörtliche Zitate aus der Berichterstattung von „Spiegel Online“ über den Prozess gegen Uli Hoeneß, der, soviel immerhin darf als gesichert gelten, am Montag begonnen hat.

10. März, 9:42
Wenn nichts dazwischenkommt, soll es am Donnerstag ein Urteil geben.

10. März, 14:47
Wenn nichts dazwischenkommt, soll es am Donnerstag ein Urteil geben.

10. März, 18:39
Wenn nichts dazwischenkommt, soll es am Donnerstag ein Urteil geben.

11. März, 9:17
Im Gerichtssaal unterhalten sich Polizisten. Sie mutmaßen, dass es nach der heutigen Zeugenaussage zur Vertagung des Prozesses kommen könnte, weil das Gericht Zeit zur Prüfung der neuen Zahlen brauche.

11. März, 9:34
[U]rsprünglich wollte der Vorsitzende Richter Rupert Heindl bereits am Donnerstag das Urteil verkünden. Nun muss sich zeigen, ob Hoeneß überraschend umfassendes Geständnis den Zeitplan ändert.

11. März, 10:23
Gerhard Wipijewski von der Bayerischen Finanzgewerkschaft glaubt, dass sich der Prozess angesichts des spektakulären Geständnisses zu Beginn länger hinziehen könnte.

11. März, 10:53
Die Vernehmung der Finanzbeamtin habe erst angefangen, sagt eine Gerichtssprecherin. Doch schon jetzt seien dadurch „etliche Fragen“ aufgeworfen worden. Deshalb sei auch „nicht sicher, ob die Vernehmung der Zeugin heute abgeschlossen werden kann.“

11. März, 11:34
Alles sieht nach einer Verlängerung des Prozesses aus. Es sei „durchaus davon auszugehen, dass weitere Termine erforderlich sein werden“, sagte eine Gerichtssprecherin.

11. März, 12:01
Ob die Prozessdauer verlängert wird, hängt nach Ansicht der Staatsanwaltschaft von den weiteren Aussagen der heute vernommenen Finanzbeamtin ab.

11. März, 12:07
Es wird vermutlich nicht zu einer Urteilsverkündung am Donnerstag kommen. „Es ist nicht mehr sehr wahrscheinlich, dass es so sein wird“, sagt Gerichtssprecherin Andrea Titz. Es sei durchaus davon auszugehen, dass weitere Termine erforderlich sein werden.

11. März, 13:35
Wegen der neuen Enthüllungen und möglicher weiterer Zeugenaussagen ist es unwahrscheinlich, dass das Urteil wie ursprünglich geplant an diesem Donnerstag verkündet wird. „Es ist durchaus davon auszugehen, dass weitere Termine erforderlich sein werden“, sagte Titz.

11. März, 15:14
Ein schnelles Ende des Prozesses ist nach dem Hoeneß-Geständnis nicht in Sicht.

11. März, 15:50
Wird der Prozess verlängert? Diese Entscheidung soll laut einer Gerichtssprecherin erst am Mittwoch fallen. Zuvor hatte sie es jedoch bereits als „nicht mehr sehr wahrscheinlich“ bezeichnet, dass das Urteil wie ursprünglich geplant schon am Donnerstag fällt.

11. März, 18:47
Der Zeitplan mit einer raschen Urteilsverkündung am Donnerstag ist (…) trotz der neuen Entwicklungen weiterhin möglich — allerdings keineswegs sicher. Das Gericht will erst noch den Mittwoch abwarten.

12. März, 9:39
Verspätung: Eigentlich hätte der dritte Prozesstag vor einigen Minuten beginnen sollen. Bislang sind aber weder das Gericht noch Anklage, noch Verteidigung im Saal. Warum, ist derzeit unklar.

12. März, 9:57
Laut eines Sprechers der Staatsanwaltschaft ist mit einem Abschluss des Verfahrens am Donnerstag zu rechnen, falls die Zeugenanhörung heute abgeschlossen werden kann. Ob es wirklich dabei bleibt?

12. März, 10:13
Bislang ist noch nichts aus dem Gerichtssaal durchgesickert. Auch wir warten auf neue Informationen.

12. März, 10:58
Ob wie geplant am Donnerstag auch das Urteil gegen den 62-jährigen Hoeneß gesprochen wird, steht im Augenblick nicht fest.

12. März, 11:02
(…) es könnte also tatsächlich beim ursprünglichen Zeitplan bleiben.

12. März, 11:18
Die Gerichtssprecherin hält ein Ende des spektakulären Steuerprozesses gegen Uli Hoeneß bereits am Donnerstag für „höchstwahrscheinlich“ (…) Wenn es keine weiteren Beweisanträge gibt, können am Donnerstag die Plädoyers folgen und dann die Urteilsverkündung, sagte Gerichtssprecherin Andrea Titz.

Aufmacher auf „Spiegel Online“:

Kurzer Prozess: „Zeit Online“ und der geschasste 150-Euro-Reporter

11 Mrz 14
11. März 2014

Unter den Artikeln, die der freie Journalist Moritz Gathmann für „Zeit Online“ über die Ukraine geschrieben hat, steht seit kurzem folgender Hinweis:

Offenlegung: Der Autor arbeitet für die vom russischen Staat mitfinanzierte Zeitungsbeilage Russland heute. Dies entspricht nicht unseren Grundsätzen. Wir entschuldigen uns dafür.

Testfrage: Wofür genau entschuldigt sich „Zeit Online“?

Man würde annehmen, dass Leute, deren Beruf es ist, mit Sprache umzugehen, es schafften, eine solche Offenlegung klar zu formulieren. Aber vermutlich ist das im konkreten Fall keine Frage des Könnens, sondern des Wollens.

„Zeit Online“ hat an den Texten von Moritz Gathmann nichts auszusetzen. Markus Horeld, der stellvertretende Chefredakteur, sagte gegenüber dem Mediendienst „Newsroom“: „Wir waren mit seinen Beiträge[n] sehr zufrieden.“

Nicht zufrieden ist „Zeit Online“ damit, dass Gathmann außer für „Zeit Online“ auch für „Russland heute“ gearbeitet hat, ein deutschsprachiges Monatsmagazin, das der „Süddeutschen Zeitung“ beiliegt, vom Kreml finanziert wird und die Aufgabe hat, das angeblich „einseitige Bild“ Russlands in den ausländischen Medien zu korrigieren.

Dass Gathmann für „Russland heute“ gearbeitet hat, war kein Geheimnis. Es stand auf seiner Internetseite. (Vor allem habe er Texte redigiert und über eher unverfängliche Themen berichtet, sagt er.) „Zeit Online“ hat sich dafür wohl nicht interessiert, bis David Schraven sich darüber beschwert hat.

David Schraven leitet das Ressort „Recherche“ bei der Funke-Mediengruppe („WAZ“), er sitzt im Vorstand von „Netzwerk Recherche“ und er hat, was womöglich nicht ganz unwesentlich ist, eine andere Meinung zu den Vorgängen in der Ukraine als Gathmann. „Eher voreingenommen und gefärbt“, nennt er dessen Artikel.

Er fand einen Weg, sehr schnell etwas dagegen zu tun. Am Samstag um 17 Uhr twitterte er Jochen Wegner an, den Chefredakteur von „Zeit Online“:

diverse Sichtweisen in der Zeit sind gut. Aber es wär besser zu sagen, dass Moritz Gathmann für Russlands Propagandadienst schafft

Wegner ist zwar gerade in den USA auf einer Konferenz, antwortete aber eine Stunde später:

Ja, wir diskutieren dies gerade (auch aus anderen Gründen). Ich melde mich in spätestens 2h.

Es dauerte kaum mehr als eine Stunde, bis Wegner schnell mal geklärt hatte, dass die Zusammenarbeit mit dem freien Autor (an dessen Texten für „Zeit Online“ man, wie gesagt, nichts auszusetzen hat) mit sofortiger Wirkung beendet wird, was er ebenfalls auf Twitter bekanntgab.

So zügig geht das heute, dank Twitter, auch am Wochenende, auch aus der Ferne, wer wollte da bis zum folgenden Montag abwarten, um womöglich ein Gespräch mit dem betroffenen und eigentlich respektierten Autor abzuwarten?

David Schraven fand’s jedenfalls super so. „Danke“, twitterte er Wegner zurück, und lobte die unkomplizierte Ruck-Zuck-Trennung auf Facebook als „gut und bewundernswert“. Na, von so einem Mann möchte man doch gerne seine Interessen als Journalist vertreten lassen.

Nun räumt Gathmann selbst ein, dass die Arbeit für ein Medium, das vom russischen Staat mitfinanziert wird, problematisch war — jedenfalls in der aktuellen politischen Situation und „angesichts der immer stärker werdenden medialen Polarisierung aufgrund der Ukraine-Krise“. Er hat diese Arbeit jetzt beendet.

Warum war das nicht die Lösung: Gathmann arbeitet nicht mehr für „Russland heute“ und dafür weiter für „Zeit Online“? Weil dessen Ethik-Kodex das angeblich nicht erlaubt. „Unsere Grundsätze sehen eine Übergangszeit von mehreren Monaten vor“, antwortet mir Markus Horeld. „Heißt: Ein Autor kann erst nach einer gewissen Zeit wieder für uns über ein Thema schreiben, für das er zuvor PR o.ä. gemacht hat.“

Es geht also nur und ausschließlich ums Prinzip. „Zeit Online“ hat es vorher verschlafen, sich darum zu kümmern, ob der Reporter den Verhaltenskodex erfüllt, erzwingt diesen Verhaltenskodex aber im Nachhinein gnadenlos. Gathmann sagt übrigens, er habe von diesem Kodex und seinen Vorgaben, denen seine Arbeit für „Russland heute“ widersprach, nichts gewusst.

„PR o.ä.“ ist übrigens in diesem Fall eine treffend vage Beschreibung. Hat Gathmann wirklich PR für Russland gemacht? Das soll keine rhetorische Frage sein, sondern eine offene — meiner Meinung nach liegt die Antwort nämlich nicht auf der Hand.

Aber vielleicht bin ich da auch befangen, denn mir hat der „Spiegel“ vor ein paar Jahren vorgeworfen, als Medienjournalist für ein Magazin gearbeitet zu haben, das von ProSiebenSat.1 herausgegeben wird. Mir ist schon klar, dass die Fallhöhe und Brisanz in Gathmanns Fall um ein vielfaches größer sind, aber es geht „Zeit Online“ ja ums Prinzip, und das ist dann vielleicht doch vergleichbar.

Ich glaube im konkreten Fall unabhängig von der Frage, ob „PR“ der richtige Ausdruck ist, dass der Interessenkonflikt zu groß ist. Und dass es notwendig war, dass Gathmann nicht mehr für „Russland heute“ arbeitet. Aber solche und ähnliche Konflikte werden in Zukunft häufiger auftreten, nämlich zunehmend mit der abnehmenden Bereitschaft oder Fähigkeit unabhängiger Medien, Journalismus ordentlich zu bezahlen.

Gathmann formulierte es gegenüber „Newsroom“ so: „In gewisser Weise hat die Redakteursarbeit für Russland Heute mir auch erlaubt, mich in der übrigen Zeit mit ‚reinem‘, aber schlecht bezahltem Journalismus zu beschäftigen.“

Konkret hat er für seine Texte von „Zeit Online“ offenbar den „Standardsatz“ für Texte von mehr als 5000 Zeichen bekommen. Das sind 150 Euro. Außerdem hat sich „Zeit Online“ offenbar an den Spesen beteiligt.

Gathmann will sich über diese Bezahlung gar nicht beklagen. „Wenn gerade Revolution ist“, hätten Journalisten und Experten wie er kaum Finanzierungsprobleme. Schwierig sei eher die Zeit zwischen den Krisen, wenn die Medien keinen besonderen Bedarf an Berichterstattung aus Russland oder der Ukraine haben. Da hilft natürlich, scheinbar, ein Auftraggeber wie „Russland heute“.

Matthias Dell hat im „Altpapier“ heute einen dazu passenden Text von Gemma Pörzgen zitiert, die vor einem halben Jahr in der „taz“ darüber schrieb, dass „deutsche Zeitungen immer weniger Wert auf den eigenen Korrespondenten und ein Büro in Moskau zu legen [scheinen]“. Wieviel günstiger so ein freier Journalist ist, kann man da erahnen, und im Zweifel ist man ihn auch innerhalb von zwei Tweets los.

Gathmann sagt, dass andere deutsche Medien weiter mit ihm zusammenarbeiten wollen.

Super-Symbolfoto (102)

11 Mrz 14
11. März 2014

Teile des deutschen Journalismus sind ja seit gestern damit beschäftigt, das Gesicht von Uli Hoeneß zu beschreiben und zu interpretieren. „Spiegel Online“ hat freundlicherweise sogar eine Bildergalerie gemacht, mit vier Fotos und vier Stellen aus dem Geständnis des FC-Bayern-Präsidenten.

Und wenn man sich da so durchklickt …

… ich glaube, beim vierten, da wirkt er echt ein bisschen angefasst.

Büchner-Preisträgerin ekelt sich vor auf „abartigen Wegen“ gezeugten Halbmenschen

06 Mrz 14
6. März 2014

Die vielfach preisgekrönte Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat am vergangenen Sonntag in Dresden eine ungeheuerliche Rede gehalten, in der sie die künstliche Befruchtung verurteilte und sich voller „Abscheu“ über Kinder äußerte, die auf solch „abartigen Wegen“ entstanden sind: Sie seien „Halbwesen“, „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas“.

Ungeheuerlich ist auch, was danach passierte: fast nichts. Es gab keinen Aufschrei, keine bestürzten Reaktionen im Literaturbetrieb, der Sibylle Lewitscharoff seit Jahren mit Preis um Preis auszeichnet, keine aufgeregten Debatten in den Feuilletons, die sie im vergangenen Jahr feierten, als sie auch noch die bedeutendste literarische Auszeichnung des Landes erhielt, den Georg-Büchner-Preis.

Die „Sächsische Zeitung“ attestierte Lewitscharoff in ihrem Bericht über die Rede „Mut“, dass sie mit dem Thema ihrer Rede „vermintes Gelände“ betreten habe. Die Berichterstatterin scheint zwar verblüfft über einige Positionen und Worte von Lewitscharoff und darüber, dass kein Protest aus dem Publikum zu hören gewesen sei. Aber sie kommt zu dem versöhnlich-verdrucksten Schluss, die Schriftstellerin habe immerhin „Stoff zum Nachdenken und Diskutieren“ geboten, „auch zur empörenden Reaktion auf die Empörung“.

Aber die „Sächsische Zeitung“ kann oder will offenbar auch nicht unbefangen über Lewitscharoff berichten und angemessen scharfen Reaktionen keinen Raum geben. Weil sie Mitveranstalterin der „Dresdner Reden“ ist und insofern auch Mit-Einladerin der Schriftstellerin.

Der Chefdramaturg des Schauspielhauses, Robert Koall, wollte und konnte die Rede dennoch nicht unwidersprochen lassen. Ich dokumentiere seine Antwort mit freundlicher Genehmigung Koalls.

 

Offener Brief an die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff
als ­Antwort auf ihre Dresdner Rede vom 2. März 2014
von Robert Koall

Die Autorin Sibylle Lewitscharoff hat am 2. März im Dresdner Schauspielhaus im Rahmen der traditionsreichen „Dresdner Reden“ auf Einladung des Staatsschauspiels Dresden und der „Sächsischen Zeitung“ gesprochen. Frau Lewitscharoff gehört zu den profiliertesten deutschsprachigen Autorinnen und wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2013 mit dem Georg-Büchner-Preis. Ihr Vortrag war angekündigt unter dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“.

Sehr geehrte Frau Lewitscharoff,

als Chefdramaturg des Staatsschauspiels bin ich mitverantwortlich für Ihre Einladung nach Dresden — was eine öffentliche und kritische Antwort auf Ihre Rede eher ungewöhnlich machen mag.

Aber lieber verletze ich die guten Sitten und Gebräuche der Gastgeberschaft als Ihnen nicht zu widersprechen. Ich fühle mich durch Ihre Worte zu sehr persönlich getroffen. Nach der Rede im Foyer ließ sich feststellen, dass ich mit dieser Einschätzung nicht alleine bin. Im Übrigen weiß ich, dass Sie Einspruch schätzen.

In Ihrer Einleitung hatten Sie am Sonntag mit einem feinen Lächeln vorgewarnt und um Entschuldigung dafür gebeten, dass es heute wohl nicht gelingen werde, der Rede „durch Scherze und ein kleines Fluten der Ironie eine gewisse Leichtigkeit zu verschaffen“. Die Rede sei ernst. Nach dem Vortrag lässt sich ­sagen, dass „ernst“ nicht das richtige Wort war. Welcher Ausdruck wäre besser? Menschenverachtend? Gefährlich?

Im ersten Teil ihres Vortrags widmeten Sie sich dem Tod und dem Sterben. Ihre Thesen dazu sind wenig spektakulär, im Wesentlichen sprachen Sie über das Gottvertrauen, dessen Sie sich zu bemächtigen versuchen, wenn Sie sich überfordert fühlen von den Zumutungen der Existenz. Und darüber, dass die moderne Medizin und die Möglichkeit der Patientenverfügung Ihnen zu sehr eingreifen in das, was nach Ihrer Auffassung Aufgabe der Schöpfung wäre: den Zeitpunkt des Todes zu bestimmen.

Ich teile Ihre Sicht nicht, aber das ist unerheblich.

Danach jedoch ging es um das menschliche Leben und seinen Beginn.

Und erstaunt musste ich feststellen: Eine der meistbeachteten deutschen Schriftstellerinnen pflegt öffentlich ein Menschenbild, das Verklemmung mit Verachtung paart. Ein beängstigendes Menschenbild.

Sie, Frau Lewitscharoff, um es mal zusammenzufassen, plädieren für die Kopulation. Die lassen Sie gelten. Zwischen Mann und Frau natürlich. Das ist der einzige Weg zur Menschentstehung, den Sie akzeptabel finden.

Leihmutterschaft aber ist Teufelswerk, und Onanie mögen Sie auch nicht, wie Sie uns wissen lassen. Ein „Onanieverbot“ erscheint Ihnen „weise“. Vor allem die Abgabe von Samen zum Ziele der künstlichen Befruchtung ist Ihnen „nicht nur suspekt“, sondern Sie finden sie „absolut widerwärtig“.

Und was folgt für Sie daraus? Dass Menschen, die auf künstlichem Wege gezeugt wurden, nicht menschlich sind. Sondern monströs:

„Der eigentliche Horror resultiert für mich dabei […] aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen. Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an und werkeln nicht mit brodelnden Glaskolben und in einer mit giftigen Dämpfen erfüllten mittelalterlichen Bogenhalle. Es geht dabei sehr rein und fein und überaus vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.“

Diejenigen, die hier einwenden mögen, dass die Reproduktionsmedizin ein Segen für Menschen mit unerfüllbarem Kinderwunsch ist und ein Segen für die Kinder, die ihre Existenz nur dieser Wissenschaft verdanken, werden von Ihnen brüsk belehrt:

„So simpel können nur Menschen denken, die auf die psychische Bedeutung von Ursprungskonstruktionen noch nie einen Gedanken verschwendet haben. Wie verstörend muss es für ein Kind sein, wenn es herausbekommt, welchen Machinationen es seine Existenz verdankt.“

Das alles ist schon sehr herablassend und abwertend. Aber nun wird es grotesk:

„Grotesk wird es aber spätestens in anderen, inzwischen durchaus zahlreichen Fällen, […] in denen sich lesbische Paare ein Kind besorgen, indem entweder ebenfalls ein anonymer Spender oder ein naher Verwandter der Freundin der künftigen Mutter herangezogen wird, um sein Sperma abzuliefern.“

Lassen Sie mich an dieser Stelle kurz einhaken: Es gibt in meinem Bekanntenkreis ein dreijähriges Mädchen, das nicht in einem klassischen Familienmodell aufwächst — sie hat eine Mutti und eine Mama. Ihre Existenz verdankt sie der Wissenschaft, die Sie verteufeln. Sie ist ein intelligentes, fröhliches und geliebtes Mädchen, sie ist ein Kind Gottes, und ihr Dasein ein Segen.

Nicht aber für Sie, Frau Lewitscharoff. Für Sie ist dieses Mädchen kein vollwertiger Mensch. Sie haben nur Abscheu für sie übrig,

„weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.“

Halbwesen. Widerwärtig. Abscheulich. Abartig. Man muss sehr viel Selbstbeherrschung aufbringen, um sich vom Sprachduktus nicht an Zeiten erinnert zu fühlen, in denen eine solche Wortwahl dazu diente, die Würde von Menschen antastbar zu machen.

Sie aber, Frau Lewitscharoff, fahren ungebremst fort:

„Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe, das ist klar, ich übertreibe […].“

Was wollen Sie mit dem letzten Satz sagen? Dass nur, weil man etwas sagt, das noch lange nicht heißt, dass man es auch so meint?

Das wäre eine enttäuschende Haltung für einen denkenden Menschen.

Sie sind Schriftstellerin. Sie sind in der Sprache zuhause. Eine Unschuldsvermutung gibt es für Sie in diesem Fall kaum.

Es fällt sehr schwer zu glauben, dass Sie nicht wussten, welche Worte Sie wählten, welche Vergleiche Sie zogen. Dass Sie nicht bemerkten, in welchem Sprachraum Sie sich bewegen.

Wir haben Sie, Frau Lewitscharoff, als streitbaren Geist eingeladen. Wir begreifen Theater als Ort der lebendigen, kritischen Auseinandersetzung. Wir setzen uns ein für Differenz, für das Unbequeme und für Haltung und Gegenhaltung. Das alles muss eine Gesellschaft und das alles muss ein Theater aushalten. Wenn aber die Würde der Menschen angetastet wird, kann das nicht unwidersprochen geschehen.

Man könnte Ihre Worte abtun und hoffen, dass sie schnell vergessen werden.

Man könnte aber auch sagen, dass man es leid ist, dass immer wieder so getan wird, als würden Worte nichts bedeuten. Es gibt einen Punkt, der die Dresdner Rede vom 2. März gefährlich macht. Das ist das Tendenziöse, die Stimmungsmache, das tropfenweise verabreichte Gift.

Die Art der Argumentation und die Wortwahl verbreiten sich immer mehr.

Wenn der durchaus prominente Journalist Matthias Matussek jüngst in der „Welt“ offen darüber schwadroniert, dass sein privates Unbehagen gegenüber Schwulen für viele ja offenbar schlimmer sei als Antisemitismus (und damit nur sagt, dass er ein bisschen Homophobie offenbar für absolut okay hält). Wenn Populisten wie der verwirrte Thilo Sarazzin öffentlich beklatscht vor dem „Tugendterror“ warnen (und damit eigentlich nur Raum für Vorurteile, Lügen und Ressentiments schaffen wollen). Wenn schließlich in einer Rede Leihmutterschaft und lesbische Elternpaare als Fortführung nationalsozialistischer Familienpolitik mit anderen Mitteln bezeichnet werden (und dann als harmlose rhetorische Volte abgetan werden).

Dann befördert all das einen schleichenden Klimawandel in der Gesellschaft.

Das alles bemüht sich nicht um Toleranz und Solidarität, um Gemeinschaft und Gemeinwohl. Das befördert Absetzung, Ausgrenzung, Abschottung, Abschaffung.

Ihre Worte sind nicht harmlos, Frau Lewitscharoff. Aus falschen Worten wird falsches Denken. Und dem folgen Taten. Deshalb sind es gefährliche Worte.

Hochachtungsvoll
Robert Koall
Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden

  • Auf den Seiten des Staatsschauspiels Dresden kann man Lewitscharoffs Rede anhören und jetzt auch nachlesen.
Nachtrag, 20:00 Uhr. Lewitscharoff hat sich gegenüber der „FAZ“ geäußert: „Darf ich nicht sagen, was ich denke?“

Super-Symbolfoto (101)

04 Mrz 14
4. März 2014

[via Dominik Osterholt]