Meine einseitige Brieffreundschaft mit einer verzweifelten grauen Lady

27 Sep 15
27. September 2015

Ich war eine Zeitlang Digital-Abonnent der „New York Times“, und seit ich das nicht mehr bin, verbindet mich eine besondere Brieffreundschaft mit der Zeitung. Regelmäßig fragt sie mich per Mail, ob ich sie nicht wieder abonnieren möchte, und macht mir Angebote, die ich nicht ablehnen könne.

Sie ist, auf eine Art, die perfekte Brieffreundin: Geduldig, ausdauernd, hartnäckig. Sie gibt sich Mühe, nicht immer dasselbe zu schreiben, nimmt es mir nicht übel, wenn ich nicht antworte, und meldet sich immer wieder. Sie setzt mir, was pädagogisch absolut vernünftig ist im Umgang mit Leuten wie mir, Deadlines. Aber wenn ich die reiße, ist sie auch nicht sauer, sondern verlängert sie sogar ungefragt noch um ein paar Tage.

Alle paar Wochen denkt sie sich was Neues aus für mich, und immer, wenn es soweit ist, höre ich fast jeden Tag von ihr. Das hier sind ihre Nachrichten aus den letzten eineinhalb Wochen:

16. September. „✉ Great News! You’re Invited To This Special Sale Offer“

17. September. „Thanks for Being a Registered User! Enjoy 8 Weeks Free!“

18. September. „✉ Great News! You’re Officially Invited: Redeem and Get 8 Weeks Free“

20. September. „ⓃⓎⓉ Readers, We Have A Special Offer For You“

21. September. „Get 8 Weeks Free on a Digital Subscription“

22. September. „✎ Take note! Get 8 weeks free and then 50% off for 1 year!“

23. September. „Where will your curiosity lead you?“

24. September. „Dear Email Subscriber: Sale is Ending Tomorrow.“

25. September. „Last Chance. Sale Ends Today…“

26. September. „Today Is Your Lucky Day: Offer Extended…“

27. September. „Sale Extension Ends Today. Don’t Miss Out.“

(Keine Ahnung, was am 19. September war. Kann gut sein, dass ich die Mail von jenem Tag einfach gelöscht habe.)

Das geht, mit Unterbrechungen, seit Monaten so, und ich will mich gar nicht über den Spam beklagen, ich könnte das ja einfach abbestellen. Dass ich es nicht tue, liegt nicht nur daran, dass ich noch auf das ultimative Angebot warte, das ich wirklich nicht ablehnen kann. Und auch nicht nur daran, dass mir inzwischen womöglich was fehlen würde, ohne die tägliche Mail von der „New York Times“ mit einem ganz besonderen Angebot, speziell für einen so guten Freund des Hauses wie mich.

Sondern auch daran, dass mich diese Art des Marketings fasziniert. Wie groß mag die Zahl der Leute sein, die dann tatsächlich, bei der fünfzehnten Mail, sagen: Hey, komm, die geben sich soviel Mühe, und ich les die ja doch ganz gerne, und das Angebot ist ja wirklich nicht schlecht, jetzt bestell ich das schnell? Und wieviel größer ist die Zahl derer, bei denen mit jeder dieser Mails ein kleines bisschen Respekt für diese große Zeitung verloren geht?

Natürlich nutzen fast alle Unternehmen die E-Mails, die sie von früheren Kunden haben, dafür, sich ihnen ins Gedächtnis zu rufen und noch einmal einen Versuch zu starten, wieder ins Geschäft zu kommen. Aber die „New York Times“ mit ihren täglichen Erinnerungen und durchschaubaren Heute-letzter-Tag-Aktionen treibt es auf die Spitze. Und wirkt dabei so verzweifelt und gar nicht selbstbewusst. Ob es Leute gibt, die sie am Ende aus Mitleid abonnieren? Und ob das eine erfolgversprechende Vertriebsstrategie ist?

Jede Wette: Morgen kommt eine Mail, dass ich sensationelles Glück habe, weil das Unglaubliche passiert ist und die Verlängerung des fantastischen Angebotes fantastischerweise noch einmal verlängert wurde, nun aber wirklich, endgültig, garantiert, ganz bestimmt zum letzten Mal.

Der „Spiegel“ vergisst sich

von Boris Rosenkranz
24 Sep 15
24. September 2015

Das sind doch sympathische Leute: Erst lauthals kundtun, was sie zu wissen meinen, dann aber scheinheilig pfeifend im Getümmel verschwinden, wenn rauskommt, was sie für einen Blödsinn geredet haben. Wie das geht, kann man nun im „Spiegel“ nachlesen, der Details zum Absturz der Germanwings-Maschine veröffentlicht hat. Oder, besser: Details, was den Piloten vor einem halben Jahr dazu trieb, ein Flugzeug mit 149 Menschen an Bord zum Absturz zu bringen.

In der Ermittlungsakte, aus der der „Spiegel“ zitiert, steht, dass der Pilot unter Depressionen und Ängsten litt; dass er seit Jahren haderte und kämpfte, mit und gegen sich; und dass er offenbar kein Narzisst war, dessen ausuferndes Ego die Maschine vor einen Berg lenkte, wie kurz nach der Tat auch spekuliert wurde. Oder wie es der „Spiegel“ im aktuellen Heft formuliert:

Nach der Tat vermuteten viele übersteigerten Narzissmus. In der Ermittlungsakte von [L.] findet sich keine Spur von krankhafter Selbstliebe.

„Viele“ vermuteten das?

Stimmt. Dass aber ausgerechnet der „Spiegel“ das so ausdrückt, ist eben jener scheinheilige Versuch, pfeifend im Getümmel zu verschwinden. Vor einem halben Jahr, gerade mal vier Tage nach dem Absturz, noch völlig im Unklaren, war es der „Spiegel“, der mit am lautesten hyperventilierte. Das klang dann so:

[L.] nutzte die Mittel der Attentäter des 11. September 2001, aber anders als sie hatte er offenbar keine Botschaft. Er ähnelt noch mehr dem norwegischen Irren Anders Breivik, aber anders als dieser hat er, soweit bislang bekannt, keine wirren Pamphlete hinterlassen. Er tötete, per Knopfdruck, vielleicht nur, weil er es in seiner Position und in diesen Minuten nach 10.30 Uhr am Dienstag, dem 24. März 2015, im Luftraum über Frankreich einfach konnte; ein größenwahnsinniger Narzisst und Nihilist.

Mag sein, dass die „Spiegel“-Redakteure damals verzweifelt versuchten, das Unerklärliche irgendwie zu erklären. Aber hätte man nicht wenigstens im aktuellen Text schreiben können, dass damals leider auch der „Spiegel“ zu jenen gehörte, die lauthals kundtaten, was sie zu wissen meinten? Wenigstens das?

Die „Huffington Post“ ist zu blöd, um Ausländerfeinden Blödheit vorwerfen zu können

23 Sep 15
23. September 2015

Heute Morgen erschien in der „Huffington Post“ ein Artikel, der mit den üblichen Methoden des Hauses um Aufmerksamkeit buhlt:

Libyscher Flüchtling bedroht sächsische Kassiererin mit Machete - was hinter dieser Geschichte steckt, ist UNGLAUBLICH

Der anonyme Autor formuliert aus der Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, filigran wie ein Vorschlaghammer:

Autsch! Dass Ausländerfeinde nicht sonderlich viel in der Birne haben, ist hinlänglich bekannt. Aber jetzt hat sich der Blogger Michael Stürzenberger und das radikalen-Netzwerk PI-News einen epischen Fail geleistet.

Stürzenberger hatte sich auf seiner Facebookseite in die szeneübliche Rage geschrieben. Die „Huffington Post“ zitiert:

Freiberg in Sachsen. Ein libyscher „Flüchtling“ klaut, droht Kassiererin mit Machete Köpfung an, geht mit Pfefferspray auf Ladendetektiv los und attackiert Polizisten. ACHTUNG: Die Staatsanwaltschaft entlässt den gewaltgeilen Kriminellen aus der Untersuchungshaft und die tickende Zeitbombe bleibt auf freiem Fuß. Müssen erst Köpfe deutscher Bürger auf den Straßen rollen, bis die linksverdrehte Justiz endlich reagiert?

Begleitet wird Stürzenbergers Text von einem Link zu einem seiner Artikel auf der islamophoben Hetzseite PI-News und einem Foto von einem Machete schwingenden, irre aussehenden Mann. Und, jetzt kommt’s – aber lassen wir der „Huffington Post“ das Vergnügen, den „epischen Fail“ zu beschreiben:

Sein Gesicht war unkenntlich gemacht. Das Problem nur: Das Bild ist ein Stil [sic!] aus einem Film. Es zeigt den Schauspieler Danny Trejo in dem Streifen „Machete“ aus dem Jahr 2010…

Soviel zur Bedrohung durch die Flüchtlinge…

Das UNGLAUBLICHE, das hinter dieser Geschichte steckt, ist also, so suggeriert es die „Huffington Post“: nichts. Dumme Nazis erfinden dumme Nazi-Geschichten, die dumme Nazis glauben.

Das Problem ist nur: Das Foto ist zwar ein albernes Symbolfoto (weshalb auf der verlinkten Seite von PI-News nach dem ersten Absatz auch „Foto Symbolbild“ steht). Der Vorfall mit der Machete aber scheint wirklich passiert zu sein.

Ihr Anfang ist hier im Polizeibericht nachzulesen. Der MDR schildert sie so:

Zum ersten Vorfall kam es nach Angaben der Polizei bereits am Freitagmittag. Demnach hatte ein Ladendetektiv zwei Männer beim Diebstahl erwischt. Daraufhin sei der Mitarbeiter von den mutmaßlichen Ladendieben angegriffen worden. Nachdem die Männer zunächst flüchteten, seien sie wenig später mit Pfefferspray und dem Augenschein nach auch mit einer Machete in den Laden zurückgekehrt und hätten die Supermarkmitarbeiter bedroht.

Während sich einer der beiden Männer von zwischenzeitlich alarmierten Polizisten ohne Gegenwehr festnehmen ließ, ging der mutmaßlich bewaffnete Mann auf einen Beamten zu. Der Polizist gab einen Warnschuss in die Luft ab. Der Tatverdächtige warf mit Steinen auf die Polizisten und flüchtete.

Am Sonnabend kehrte der 27-jährige inzwischen aus dem Polizeigewahrsam entlassene verdächtige Ladendieb wieder in den Supermarkt zurück. Als man ihn des Hauses habe verweisen wollte, habe der Mann eine Mitarbeiterin bedroht. Nach Angaben der Polizei führte er dazu eine „Geste des Kopfabschneidens“ aus. Auf dem Parkplatz soll der 27-Jährige dann ein Messer gezückt haben. Anschließend flüchtete er.

Die „Freie Presse“ berichtet unter Berufung auf die Polizei, dass es sich bei dem vorübergehend festgenommenen 27-Jährigen um einen Asylbewerber aus Libyen handele. Sie zitiert auch den SPD-Oberbürgermeister der Stadt, der sich empört darüber zeigte, dass der Mann auf freien Fuß gesetzt wurde.

Ausländerfeinde erkennt man daran, dass sie solche Einzelfälle verallgemeinern und instrumentalisieren. Man bekämpft sie nicht dadurch, dass man bestreitet, dass es solche Fälle gibt. Wenn man es tut, liefert man ihnen nur noch mehr Munition.

Die „Huffington Post“ hätte mit wenigen Minuten Online-Recherche herausfinden können, dass hinter dem Symbolfoto eine im Kern wahre Nachricht steckt. Und unter dem Artikel stehen Kommentare von Leuten, die die „Huffington Post“ zwar womöglich demnächst wieder als „Hassfratzen“ an den Pranger stellen kann, die aber mit ihren Hinweisen nicht unrecht haben, dass der Vorfall in der regionalen Presse hinreichend dokumentiert sei.

„Dass Ausländerfeinde nicht sonderlich viel in der Birne haben, ist hinlänglich bekannt“, schreibt die „Huffington Post“. Der Satz wendet sich mit Wucht gegen sie selbst.

Warum „Bild“ nicht bei Blendle ist und der Löwe den Geiger gefressen hat

15 Sep 15
15. September 2015

Wer übrigens fehlt im Blendle-Kiosk: die „Bild“-Zeitung.

Gut, das spricht eher für Blendle, ist aber erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Axel Springer gemeinsam mit der „New York Times“ drei Millionen Euro in das Start-Up investiert hat und dafür 23 Prozent der Anteile hält. Die Blendle-Gründer hatten im vergangenen Jahr, als Springer und „New York Times“ einstiegen, betont, die Verlage erhielten dafür keinerlei Vorzugsbehandlung, und so scheint es auch zu sein.

„Bild“ hatte nämlich, so erzählen es die Blendle-Leute, Sonderregelungen gefordert, um auf der Plattform präsent zu sein. Zum einen störte sich das Blatt an der Möglichkeit, Zeitungsausgaben kostenlos im verkleinerten Original-Layout durchblättern zu können. Weil bei „Bild“ die Fotos wichtiger seien als der Text, hätte man auf diese Weise schon umsonst das Wesentliche einer „Bild“-Ausgabe erfassen können. Blendle hätte die Fotos unscharf machen sollen.

Außerdem hat „Bild“ ein Problem mit der leserfreundlichen Blendle-Funktion, dass man für einen Artikel, den man innerhalb von zehn Sekunden nach dem Öffnen wieder schließt, nicht zahlen muss. Zehn Sekunden, so soll „Bild“ argumentiert haben, könnten schon reichen, um die meisten „Bild“-Geschichten zu lesen. Das hätte also bei dem deutschen Boulevardblatt auch abgestellt werden müssen.

Die Blendle-Leute lehnten die Sonderwünsche ab, und so ist „Bild“ – im Gegensatz zu „Bild am Sonntag“, wo die Texte länger sind oder die Chefredaktion entspannter und experimentierfreudiger – nicht auf Blendle vertreten. Zugegeben: „Bild“ kann vermutlich ebenso gut auf Blendle verzichten wie Blendle auf „Bild“.

· · ·

Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer, kam gestern trotzdem zur Blendle-Launch-Party in Berlin. (Er war, so erzählte es Mit-Gründer Alexander Klöpping, auch der einzige Verleger, der das Team je in ihren Büros in Utrecht besucht hat.) Er hielt eine kurze Ansprache und erzählte dabei einen Löwen-Witz:

Sie kennen vielleicht die Erfahrung des berühmten Geigers, der eine Exkursion in Zentralafrika macht und sich plötzlich von einer Herde Löwen umringt sieht und merkt, er hat keine Chance wegzulaufen. Die Sache ist wirklich gefährlich für ihn. Also, sagte er, ich tue das, was ich immer am besten konnte, ich spiele einfach Geige. Also, er holt seine Geige aus der Kiste, spielt Mozart-Sonaten und in der Tat, die Löwen sind total überwältigt, gruppieren sich in einem Kreis um ihn herum und hören andächtig diesen Mozartsonaten zu. Also, er spielt immer weiter und weiter und besser und besser. Und irgendwann nach einer Stunde kommt von außen ein anderer Löwe rein gerannt, springt über die anderen Löwen drüber in die Mitte, zerfleischt den Geiger in wenigen Sekunden. Daraufhin sagt ein Löwe zum anderen Löwen, ich wusste doch, sobald der Taubstumme kommt, ist das Konzert hier vorbei.

Ich war ungefähr der einzige, der an dieser Stelle laut gelacht hat, aber auch eher aus Überraschung über die Pointe.

Seitdem frage ich mich: Was wollte uns der Verlagschef, Musikwissenschaftler und Germanist Dr. Mathias Döpfner mit dieser Fabel sagen? Behinderte machen immer die Stimmung kaputt?

Döpfner selbst hat direkt im Anschluss folgende Interpretationshilfe gegeben:

Das heißt, es ist eben wichtig, dass das, was wir tun, nicht nur uns gefällt, sondern dass es auch denjenigen gefällt, für die wir es machen.

Das klingt ein bisschen wie der endlos zitierte Privatfernsehenleitsatz von Helmut Thoma, wonach der Wurm dem Fisch schmecken müsse und nicht dem Angler, nur dass der bei Döpfner lauten würde, dass der Wurm nicht nur dem Angler schmecken müsse, sondern auch dem Fisch, was ein bisschen eklig klingt. Vor allem aber ist in seiner Geschichte ja der Geiger der Wurm. Quasi.

Vielleicht ist es auch so gemeint, dass der Geiger der Journalismus ist, der gerade kurz davor ist, gefressen zu werden, aber um sein Leben spielt und so die, die es zu schätzen wissen, wenigstens noch eine Weile glücklich macht, bis der Google-Löwe kommt und ihn am Ende doch noch frisst. Steckt da irgendeine Mahnung, eine Lehre drin, etwas, das der Geiger tun könnte, um nicht gefressen zu werden, oder die Löwen? Ha, ich hab’s: Die anderen Löwen, also das Publikum, denen doch das Geigenspiel, also der Journalismus, gefällt, die können nicht einfach nur genießen, sondern müssen auch bezahlen, damit der Geiger sich ein schnelles Auto kaufen kann, um vor dem taubstummen Löwen zu fliehen!

Oder, ganz anders, die Theorie von Lukas: Die Löwen sind in Wirklichkeit sehr schlechte Geiger-Zähler und kommen nicht mal bis Eins. Der Taubstumme aber kann viel besser zählen (weil er ja mit seinen Pfoten kommuniziert, an denen vier … Finger sind), deswegen ist er schnell gelangweilt und will lieber was essen. Behinderung als Supermacht!

Oder hat jemand eine noch bessere Erklärung?

Die große Chance und der kleine Haken von Blendle

14 Sep 15
14. September 2015

Heute ist Blendle in Deutschland gestartet, ein Online-Kiosk, an dem man einzelne Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften kaufen kann, oder genauer: Ein Ort, der es leicht macht, interessante, lesenswerte, wertvolle Artikel in Zeitungen und Zeitschriften zu entdecken, und es ebenso leicht macht, für sie zu bezahlen, mit einem Klick.

Die Liste der beteiligten Medien ist eindrucksvoll: Über 100 Titel sind dabei, darunter FAZ, SZ, „Welt“, „Tagesspiegel“ und „Rheinische Post“, „Spiegel“, „Stern“, „11 Freunde“ und „Neon“. Die „Neue Zürcher Zeitung“ und das Schweizer Magazin „Reportagen“ kommen noch dazu. Mit dem „Focus“ ist (anders als ich in der FAS gestern geschrieben habe) auch Burda vertreten.

Dass so viele Verlage mitmachen, ist gut für die Erfolgschancen von Blendle in Deutschland. Aber es ist auch erstaunlich. Ich glaube, noch vor wenigen Jahren hätte sich kaum ein großer deutscher Verlag darauf eingelassen, seine Artikel aus der Zeitung einzeln an einem Online-Kiosk verkaufen zu lassen – außer natürlich zu Mondpreisen, wie sie zum Beispiel die Datenbank Genios verlangt, wo sich meine kleine Fernsehkolumne aus der Zeitung vom vergangenen Sonntag für den läppischen Preis von 4,38 Euro erwerben lässt.

Bislang ging die Logik meistens: Wenn die Leute schon nicht Abonnenten werden, sollen sie wenigstens ganze Ausgaben kaufen. Wenn man anfängt, sie zu entbündeln, das Paket aufzuschnüren und einzelne Artikel daraus zu einem erschwinglichen Preis zum Kauf anzubieten, riskiert man das gesamte Geschäftsmodell. Die Zeitungen klammerten sich an die Ausgabe an kleinste angebotene Einheit ähnlich wie die Musikindustrie an die Albums-CD. Bis iTunes kam und alles änderte.

Blendle will ein iTunes für Journalismus sein.

Für die meisten Verlage war der Verkauf von Jounalismus in gebündelter Form bislang nicht verhandelbar. Marten Blankesteijn, einer der Gründer von Blendle, sagt aber, unbundling sei der „Heilige Gral“, wenn es darum geht, junge Leute zum Bezahlen für Journalismus zu gewinnen. Und entweder hat er die ganzen Verlage davon überzeugt. Oder sie glauben zumindest, dass der Versuch nicht schaden kann.

Sein Geschäftspartner Alexander Klöpping und er sind jetzt 28 Jahre alt. „Wir haben Blendle gegründet“, sagt Blankesteijn, „weil wir gesehen haben, dass keiner unserer Freunde die brillianten Artikel gelesen hat, die in Zeitungen und Magazinen veröffentlicht wurden. Wir waren sicher, dass sie ihnen gefallen würden, aber es gab einfach keinen Weg, sie dazu zu bringen, sie zu lesen. Einige Artikel waren nicht einmal online, andere nur hinter einer Paywall. Wir waren überzeugt, dass wir unsere Freunde glücklich machen könnten, indem wir ihnen leichten Zugang zu dem besten Journalismus verschaffen, und dass wir die Verleger glücklich machen würden, wenn wir ihnen diese neue Leserschaft gäben.“ In den Niederlanden, wo sie Blendle im vergangenen Jahr gestartet haben, sehe man, dass es funktioniert.

Man kann bei Blendle Zeitungen oder Zeitschriften durchblättern, nach Stichworten oder Themen suchen, sich viel gelesene Artikel oder von der Redaktion ausgewählte Artikel anzeigen lassen oder, wie in einem sozialen Netzwerk, Menschen folgen und sehen, welche Stücke sie empfehlen.

Blendle verspricht den Verlagen, das neue Vertriebs-Angebot einfach zusätzlich machen zu können, unabhängig von den sonstigen Strategien, mit denen sie ihre Inhalte verkaufen und vertreiben. Das stimmt nur halb. Denn gerade zu der Art, wie viele Zeitungen derzeit mit ihren Print-Inhalten umgehen, passt Blendle nicht besonders gut.

Die Zeitungen haben das Dilemma, dass sie online eigentlich nicht zu viele Inhalte kostenlos anbieten wollen, damit es noch einen Anreiz gibt, die Zeitung auf Papier (oder als E-Paper) zu kaufen. Andererseits wollen sie auch gerade hochwertige und einzigartige Inhalte nicht nur hinter eine Paywall verstecken, wo sie nicht gefunden werden. Die Lösung besteht dann oft darin, auch einen Teil der für die Zeitung produzierten Artikel kostenlos online zu stellen, nicht alle und teilweise zeitverzögert. Es ist ein Kompromiss, in der Hoffnung, sowohl von der Reichweite zu profitieren, die die kostenlose Online-Verbreitung verbindet, als auch von den Vertriebserlösen, die der Verkauf der Zeitungsausgabe bietet. Es ist eine pragmatische Antwort und hat immer etwas vom Durchgewurschtel.

Wer einen irgendwie spektakulären Artikel aus der Print-Ausgabe einer Zeitung oder eines Magazins lesen wollte, musste die ganze Zeitung kaufen – oder warten, bis er vielleicht später doch noch kostenlos veröffentlicht wurde. (Manche Inhalte, wie etwa die renommierten Seite-3-Geschichten der „Süddeutschen“, erschienen aber grundsätzlich nicht online, aus der Logik, dass sie kostbar bleiben sollten.)

Blendle ändert das jetzt endlich. Wenn ich einen gelungenen Artikel aus einer gedruckten Zeitung empfehlen will, muss ich ihn nicht als Foto bei Twitter oder Facebook veröffentlichen (wie das absurderweise oft genug passiert). Und ich muss die Leser nicht zum Kiosk schicken oder zum Kauf irgendwelcher Tagespässe oder E-Paper-Ausgaben animieren. Ich kann ihn direkt verlinken, und man kann ihn für wenige Cent kaufen, und wenn man bei Blendle registriert ist, sogar mit einem Klick.

(Etwas beunruhigend ist zunächst, dass man, wenn man bei Blendle eingeloggt ist, den Artikel nach dem Klick auf einen solchen Link schon gekauft hat, ohne weitere Abfrage: „Sind Sie sicher, dass Sie hierfür Geld ausgeben wollen?“ Martestijn sagt, man habe das getestet und festgestellt, dass die Sicherheitsabfrage Menschen gestört. Man kann bei Blendle aber jeden Artikel nach dem Lesen mit wenig Aufwand zurückgeben und sein Geld zurückbekommen. Die Entscheidung, ob er wirklich Geld ausgeben will für ein Stück, könne der Leser so zu dem Zeitpunkt treffen, wenn er sie am besten treffen kann: nachdem er es gelesen hat. Das ist ebenso gewöhnungsbedürftig wie bestechend in seiner Logik.)

Hier kommt aber nun endlich der viele Absätze weiter oben angekündigte Haken, an dem sich Blendle mit der Praxis vieler Verlage beißt: So schön es ist, wenn ich nun das fulminante Essay oder das eindrucksvolle Dossier aus der Zeitung kaufen kann – wie zufrieden bin ich noch, wenn ich dann feststelle, dass ich das Stück auch kostenlos online hätte lesen können, vielleicht sofort, vielleicht ein paar Tage später? Weicht das angenehme Gefühl, sich auf einer Plattform zu bewegen, in der man guten Journalismus entdecken kann, dann nicht dem Eindruck, dass man immer wieder unnötig Geld ausgibt? Konsequent wäre es, wenn Verlage, die ihre kostenpflichtigen gedruckten Inhalte über Blendle anbieten, sie nur noch in Ausnahmefällen frei online stellen – aber dafür möchte ich aus Leserperspektive (und als Journalist, der sich möglichst viele Leser für seine Artikel wünscht) auch nicht plädieren.

Entscheidend für den Erfolg von Blendle wird die Preisgestaltung sein. Die Verlage können selbst bestimmen, was sie für einzelne Artikel nehmen und wonach sie das staffeln. Aus einer defensiven Haltung heraus ist es natürlich sinnvoll, die Texte nicht zu billig anzubieten, damit ein Abonnement oder ein Zeitungskauf im Zweifel attraktiver bleibt. Aber wenn Blendle ein Ort werden soll, an dem nicht nur ohnehin gestandene Zeitungsfans aus Überzeugung viel Geld ausgeben, muss man sich durch die Empfehlungen klicken können und das Gefühl haben, einen sehr erschwinglichen, attraktiven, fairen Preis für einen einzelnen Artikel zu zahlen.

Übrigens funktioniert das Konzept nicht nur für Print-Medien: Neben der gedruckten Ausgabe des „Wall Street Journal“ sind auch die Online-Artikel von wsj.com hier zu finden, die sonst hinter einer Paywall liegen.

Blendle bringt viele Voraussetzungen dafür mit, sich als neuer Weg zu etablieren, guten Journalismus zu entdecken und dafür zu bezahlen. Trotz einigem, was da noch hakt, zum Beispiel beim Import der Print-Inhalte in die Plattform, imponiert mir, wie attraktiv die Seite ist, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, die sie bietet, Inhalte zu entdecken – und nicht zuletzt, wie sehr sie sich bemüht, die Zufriedenheit des Lesers in den Mittelpunkt zu stellen, zum Beispiel durch ein Startguthaben von 2,50 Euro und die Möglichkeit, einen Artikel bei Nichtgefallen einfach zurückzugeben. Es ist ja jetzt nicht so, dass man das als Kunde von Verlagen unbedingt gewohnt wäre.