Hete Petete

26 Okt 98
26. Oktober 1998
Süddeutsche Zeitung

Nun ist er die Titelstory. Wenn sich ein Prominenter gegen den Satz wehrt, er sei schwul.

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Wie geschäftsschädigend ist es für einen Nachrichtensprecher, wenn er in der Öffentlichkeit als homosexuell gilt? Wie viele Schlagerfestivals wird er weniger moderieren dürfen? Auf wieviele Einladungen zu Firmenfesten und PR-Terminen wird er verzichten müssen? Konkrete Antworten konnte auch der Hamburger Nachrichtensprecher nicht geben, der in einem Buch über 500 berühmte Lesben, Schwule und Bisexuelle erwähnt wurde. Aber er verklagte den Berliner Quer-Verlag auf Schadensersatz. Diesen Anspruch wird er vorm Hamburger Landgericht wohl nicht durchsetzen können – mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung hätte man davon „etwas gemerkt haben“ müssen, der Betroffene aber sei anscheinend „gut im Geschäft“, so der Richter.

Für den Verlag bedeutet der Prozeß dennoch eine Bedrohung seiner Existenz. Der TV-Sprecher fordert nämlich 50 000 Mark Schmerzensgeld für die Verletzung seiner Intimsphäre. Der Anwalt des Verlags, Helmuth Jipp, rechnet damit, daß das Gericht ihm etwa die Hälfte zusprechen wird. Das könne ihr kleiner Verlag unmöglich aufbringen, sagte Geschäftsführerin Ilona Bubeck. Es bedeute den Konkurs. Deshalb kam auch ein Vergleich über 5000 Mark Schmerzensgeld nicht zustande — mitsamt den Gerichtskosten wären 14 000 Mark zusammengekommen. Der Berliner Förster-Verlag, der die Behauptung übernommen hatte, einigte sich mit dem Sprecher, ihm 15 000 Mark zu zahlen. Außerdem werden die — zumeist schwulen — Leser der Förster-Zeitschrift Adam in einer kommenden Ausgabe mit dem Hinweis überrascht, der Sprecher sei nicht wie dargestellt schwul, sondern, im Gegenteil: nicht schwul. Ob das stimmt oder nicht, spielte im Prozeß gegen den Quer-Verlag allerdings keine Rolle. Um eine schwere Verletzung des Persönlichkeitsrechts handele es sich in jedem Fall, sagte der Vorsitzende Richter. Daß die Behauptung „offenbar falsch“ sei, mache es nur schlimmer. Die Beklagten konnten nur Indizien vortragen, die vom Kläger als „Geschwätz von Kollegen“ abgetan wurden.

Daß die Nennung des Mannes eine Verletzung seines Persönlichkeitsrechts darstellt, räumte Verlagsanwalt Jipp ein. In der Geldforderung sieht er aber ein Beispiel für die zunehmende Kommerzialisierung dieses Rechts. In einer Zeit, in der sich schwule und lesbische Paare in Hamburg registrieren lassen können und die künftige Regierung Anti-Diskriminierungs-Gesetze plane, könne von einem entstandenen seelischen Schaden nicht die Rede sein. Homosexualität sei kein Makel mehr. Gesellschaftliche Vorurteile, unter denen der Sprecher leiden könnte, würden durch solche Urteile gerade noch verstärkt, sagte Jipp.

Ein meßbarer Imageschaden könnte dem TV-Sprecher allerdings durch die Klage selbst entstanden sein. Bis Freitag hatten nur 3000 Käufer des Buches und ein paar tausend Adam-Leser von der Behauptung gewußt. Am Wochenende stand dies überall, die Hamburger Morgenpost brachte sein Photo auf den Titel.

Der Zufall muss genau geplant sein

29 Aug 98
29. August 1998
Süddeutsche Zeitung

Warum es so schwierig ist, eine Lottoshow zu entwickeln, für die sich auch die Zuschauer interessieren.

Auf 18 Seiten erklärten die Juristen der West-Lotto-Gesellschaft, was geht, was nicht geht, und auf welcher Seite des Ziehungsgerätes der Notar stehen muß. Spätestens da zweifelten die Fernsehleute von der Produktionsfirma GAT, ob die Lotto-Geschichte wirklich eine so gute Idee war. Fast alles, was Bestandteil einer klassischen Samstagabendshow wäre, fiel in die Kategorie Geht nicht: Geschicklichkeit und Wissen, um den Sieger zu küren, oder Spiele, bei denen einer wie Gottschalk unter Beifall des Publikums sagt: Ok, das lassen wir noch gelten.

Spätestens, als sie die Zufallsmaschinen sahen, zweifelten die Lotto-Leute, ob die Fernseh-Geschichte wirklich eine so gute Idee war. Die Kreativen von der GAT hatten einen Aufruf in einer Fachzeitschrift für Erfinder gestartet. Gesucht war eine witzige Konstruktion, mit deren Hilfe und Glück ein Gewinner gefunden werden sollte. Allein, daß die Fernsehleute sich vorstellen konnten, einen Millionär aufgrund einer von einem obskuren Menschen entworfenen obskuren Maschine zu bestimmen, ließ die Lotto-Leute frösteln.

Die Regularien von Lotto und die Regeln für eine gute Show gehen eigentlich überhaupt nicht zusammen, sagt WDR-Unterhaltungschef Hugo Göke. Deshalb ist es den Beteiligten nicht peinlich, daß die Lotto-Show schon vor Monaten hätte auf Sendung gehen sollen. Statt dessen überwiegt die Überraschung, daß es überhaupt geklappt hat. Für beide Seiten geht es um viel: Für die ARD ist die zweimonatliche Sendung einer der wichtigsten Bausteine in der proklamierten „Offensive“, die künftig an jedem Samstagabend eine Show vorsieht. Der Deutsche Lottoblock will neue Zielgruppen erschließen, weg vom Image der „anonymen Gelderzeugungsmaschine“, wie Winfried Wortmann, Geschäftsführer der federführenden Westdeutschen Lotterie in Münster, sagt. Das makellose Image darf darunter nicht leiden. Die Regeln, nach denen Lotto Millionäre macht, sind so ausgefeilt, daß die übliche Preisausschreibenfloskel fehlt, daß Mitarbeiter ausgeschlossen sind. Selbst der Lottochef darf Lotto spielen.

Der Lottoblock hat für die Show viel Geld freigeschlagen: eine Hälfte des Topfes, der für Sonderauslosungen bestimmt ist; das Geld stammt aus nicht abgeholten Lottogewinnen. Vor zwei Jahren beauftragte die Gesellschaft zehn Agenturen damit, Konzepte zu entwickeln, wie das Geld unter die Leute gebracht werden kann. Am Ende bekam die Münchner GAT, eine 49-Prozent-Tochter des Unterhaltungsriesen Endemol, den Zuschlag.

Als erstes mußte sie ein Grundproblem lösen: Über den Gewinn von Lottogeld darf nur der Zufall entscheiden. Das fängt beim Finden der Kandidaten an. Sie wurden aus dem Kreis der Spiel-77-Teilnehmer gelost. Weiter: Ob jemand sieben Tabletts balancieren kann oder die Hauptstadt von Marokko weiß, darf keine Rolle spielen. Ein reines Glücksspiel aber würde die Leute nicht 90 Minuten am Fernseher halten: „Es war schnell klar, daß wir aus dramaturgischer Sicht ein Problem kriegen“, sagt GAT-Producerin Nina Glattfelder. „Roulette ist nur spannend, wenn ich selbst 100 Mark auf Rot setze, nicht, wenn ich jemandem dabei zuschaue.“ Hunderttausendmal hätten die Showexperten in ihrem Konferenzraum neue Versionen an die Tafel gemalt, wie man aus 49 Kandidaten, die selber nichts tun dürfen, einen Gewinner zieht.

Die Lösung ist ein Umweg. Den potentiellen Millionären werden Kandidaten zugelost, die gut in ihrem Beruf sind. Stellvertretend spielen die in sechs ‚TopJob‘-Spielen gegeneinander. Ihre Partner kommen ins Finale und spielen um die Million. Im Grunde waren alle Beteiligten damit glücklich, und das war schon eine Menge. Schließlich steht hinter der Produktion nicht eine Lotto-Show-Firma, sondern elf ARD-Anstalten und 16 Landes-Lottogesellschaften.

Eine richtige „Abstimmungsmaschine“ sei entstanden, sagt GAT-Chefredakteur Andreas Lebert, wöchentlich der neueste Stand der Entwicklung protokolliert und durch die Republik gefaxt worden, mit Durchschlag für Moderatorin Ulla Kock am Brink auf Mallorca. Jede Spielidee, die die GAT-Leute im 5. Stock eines Bürogebäudes im Münchner Vorort Unterföhring entwickelten, wurde von den Lotto-Revisoren überprüft. Das sind Menschen, die sonst ihr Geld damit verdienen, Teilnahmebedingungen zu schreiben, und zwar so klein und engmaschig, daß nichts durchrutscht. „Ich werde nie die Blicke der Kreativen vergessen, als sie unseren Entwurf für eine Ziehungsordnung für die Sendung gesehen haben“, sagt West-Lotto-Prokurist Hans-Joachim Rotermund. Dabei war das als Hilfe gemeint: Wenn man wisse, wie eng das Korsett sei, könne man sich schließlich viel freier darin bewegen.

Kellner, die durch Massen tanzender Menschen balancieren sollen? Oh nein, sagten die Juristen, da könnten sich die Paare ja vor einem einzelnen Kellner ballen — abgelehnt. Ein Wissensquiz für Geographielehrer? Nette Idee, aber was, wenn alle auf keine Frage eine Antwort wissen? Und überhaupt: Wer gibt das Startkommando? Von wo? Hören das alle gleich gut? Im übrigen stehen in der Ziehungsordnung klassische Lotto-Sätze: „Vor Beginn der Lotto-Show vergewissern sich Ziehungsleiter und Notar/Aufsichtsbeamter von der Funktionstüchtigkeit und Vollständigkeit aller Ziehungsmittel.“ Dazu: Vorschriften, was zu tun ist, wenn der Strom ausfällt, wenn ein Kandidat ausfällt, wenn ein Vertreter eines Kandidaten ausfällt…

Heute heißt es aus München und Münster, daß alle Einsprüche und Was-wärewenn-Fragen die Spiele erst richtig gut gemacht hätten. Doch vieles spricht dafür, daß in München zwischenzeitlich Mordpläne geschmiedet wurden. Einmal beschlossen die Kreativen, in den einzelnen Top-Job-Spielen unterschiedlich viele Kandidaten gegeneinander antreten zu lassen. Geht nicht, sagten die LottoLeute, da sind die Gewinnchancen der zugelosten Lotto-Gewinner unterschiedlich. Geht wohl, sagten die Fernsehleute und ließen sich von einem Gutachten der Technischen Universität München bestätigen, daß mathematisch die Chancen gleich sind. Moment mal, sagten wieder die Lotto-Leute und machten eine eigene Umfrage, ob die Zuschauer das akzeptieren, bevor sie zustimmten. „Es reicht nicht, daß mathematisch alles genau ist“, sagt Rotermund. „Es muß auch vom Empfinden der Leute her gerecht sein.“

Immerhin seien die Lotto-Leute bis an ihre Grenzen gegangen, sagt Producerin Glattfelder. Geld, das Nicht-Lottospieler heute abend gewinnen können, stammt aus dem Werbe-Etat von Lotto. Da ließen sich die Beamten auch auf ein Telephonspiel ein, bei dem sie sich letztlich auf die Aussage der Telekom verlassen müssen, daß alles mit rechten Dingen zugeht. Bei den Preisen, die aus Lotto-Einzahlungen stammen, gab es dagegen nichts zu rütteln. Die Kugeln etwa, mit denen ganz am Schluß der Millionär bestimmt wird, bekommt kein Requisiteur in die Hände. Die legt ein Ziehungsbeamter ins Gerät.

Überhaupt, das Ziehungsgerät: Einerseits muß es durchsichtig sein, damit jeder Zuschauer sieht, daß bei den Kugeln nichts manipuliert ist. Andererseits muß es undurchsichtig sein, damit kein Verdacht entsteht, daß irgendjemand sehen kann, welche Kugel er zieht. Aktueller Stand: Die beschrifteten Kugeln stecken in unbeschrifteten Kugeln in durchsichtigem Gerät. Langsam ahnt man, wie es kommt, daß 3 Lotto-Angestellte und 20 GAT’ler sich seit Anfang des Jahres mit nichts als dieser Show beschäftigt haben.

Großes kleines Fernsehen

02 Jun 98
2. Juni 1998
Süddeutsche Zeitung

Sendungskritik: „Gute Nacht, Gottschalk“

Angenommen, jemand kriegt kurz nach seinem 48. Geburtstag eine sentimentale Phase und beschließt, sich eine Freude zu machen. Er lädt ein paar Idole seiner Jugend ein, Rockgitarristen, Models, sowas. Er zeigt ihnen, daß er ihre alten Platten noch hat, legt sie auf, summt mit. Ein paar der Gäste haben neue Platten mitgebracht, gemeinsam lauscht man, klimpert auf der Gitarre, erzählt sich, was an den guten alten Zeiten so gut war und ißt ein paar Käsehäppchen, weil der Pizza-Service schon zu hat. Gelegentlich klingelt das Telephon, Bekannte sind dran und Wildfremde, die auch gerade 48 geworden sind oder erst 22 oder schon 63. Drei Stunden dauert das Ganze, die ersten Besucher verabschieden sich immer wieder, neue sagen Hallo, ein paar haben ihre Frauen mitgebracht. Käme irgendwer auf die Idee, das ungefiltert im Fernsehen zu zeigen? Ok, der sentimentale alternde Typ ist nicht irgendwer, sondern Thomas Gottschalk. Aber will das ein Schwein sehen? Drei Stunden lang? Ohne Publikum, TED und Gewinnspiel?

Möglich wär’s, schön wär’s auch. „Gute Nacht Gottschalk“ sei „kleines Fernsehen“, sagt der Moderator am Anfang: „Es passiert nix.“ Doch die 190 Minuten kleines Fernsehen sind spannender als die meisten 90 Minuten großes, da sie völlig ohne die Rituale der Fernsehunterhaltung auskommen. Ringo Starr sieht ein wenig irritiert auf den CD-Spieler, in dem sein neuestes Werk läuft, ohne daß er mitsingen müßte. Rick Partiff von Status Quo und Brian May von Queen sträuben sich, ihre Plätze für Paola und Kurt Felix zu räumen. Assistentin Anke Engelke macht sich über Gottschalks Fragetechnik lustig und macht muffelig den Tisch sauber, weil außer Paola und Kurt keiner sein Glas selbst weggeräumt hat. Und Gottschalk kann sich bis zum Schluß nicht merken, daß der Sender „WDR Fernsehen“ heißt. Es ist egal, daß es in Köln keine Pizza mehr zu bestellen gibt und daß unbekannte Menschen fröhlich durchs Bild wuseln, um technische Probleme zu lösen. Die einzige wirkliche Panne ist der Versuch, das englisch-deutsche Sprachchaos zu übersetzen — und Dieter Thomas Heck durchzustellen, der anruft, um den „lieben Kurti“ zu grüßen.

WDR-Redakteur Michael Au hat nach „Feuersteins längster Nacht“ ein weiteres Fernsehexperiment gewagt. Passiert ist nichts. Aber die Art, wie nichts passierte, war spannend.

Einer wird gewinnen

18 Mai 98
18. Mai 1998
Süddeutsche Zeitung

Tomate Leandros. Fernsehkritik: Einer wird gewinnen (ARD).

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Als es 21.04 Uhr wurde am Samstagabend, lehnten sich einige Manager des Privatfernsehens entspannt zurück, schalteten das Erste aus und wußten, daß sie die Show-Offensive der ARD in aller Ruhe auf sich zukommen lassen konnten. Um diese Zeit rief ein Regie-Assistent in der Meirotels-Halle in Rotenburg an der Fulda Moderator Jörg Kachelmann live zu, die Zuschauer hätten das gerade gespielte Spiel nicht verstanden. Das war nicht weiter verwunderlich, denn auch den beiden Kandidatinnen konnte Kachelmann die Regeln nur erklären, indem er sie ihnen direkt ins Ohr brüllte. Hinter ihnen stand nämlich als Teil des Spiels ein tobender, singender, trötender Mob von Fußballfans aus 21 Ländern. Das hätte eigentlich auch schon während der Proben so gewesen sein müssen – falls der Hessische Rundfunk sich nicht einfach auf seine jahrzehntelange Erfahrung mit dem Blauen Bock verlassen und darauf komplett verzichtet hatte.

Dabei produziert die Neuauflage von Einer wird gewinnen kein Geringerer als Wolfgang Penk, Ex-Unterhaltungschef des ZDF. Er und sein Team haben sich von den erfolgreichen Shows der Privaten einiges abgeguckt: zum Beispiel, daß das Saalpublikum nett angeleuchtet werden sollte. Wie man das so macht, daß es nicht nach drei rotierenden 60-Watt-Lämpchen im Partykeller aussieht, haben sie leider nicht in Erfahrung bringen können. Nette Computertricks bastelten sie um die Vorstellung der einzelnen Kandidaten und dachten sich: Eine Version davon wird wohl reichen, die kann man ja achtmal zeigen. Und irgendwann werden sie vielleicht lernen, wie man Vicky Leandros in wabernden roten Nebel einhüllen kann, ohne daß sie aussieht wie eine Tomate.

Dabei ist das alte EWG-Konzept durchaus 90er-Jahre-tauglich. Interessanten Leuten zuzusehen, wie sie raten, wofür ein ausländischer Werbespot wirbt oder aus welchem Land eine Wetterfee kommt, kann durchaus für nette anderthalb Stunden vor dem Fernseher mit Familie und Chips sorgen. Doch dann müssen das Timing stimmen und diese ganzen Kleinigkeiten, die aus einem blöden Ratespiel eine „große“ Samstagabendshow machen.

An Kachelmann lag’s am wenigsten. Der arme Kerl war nicht nur furchtbar nervös (und überzog eine halbe Stunde), er hatte sich auch noch erkältet. Richtig glücklich wirkte er in seiner neuen Show („ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Sprung für mich“) nicht, er redete wiederholt von den Zeitungen, die er am Montag lieber nicht lesen wolle, und vom „Generalanschiß“ nach der Sendung. In guten Momenten aber schaffte er die Balance zwischen den Ritualen öffentlich-rechtlicher Unterhaltung und ironischer Distanz. Als der deutsche Kandidat, den seine Freundin gerade verlassen hat, mit null Punkten ausschied, sagte Kachelmann: „Jetzt verstehe ich, warum sie gegangen ist.“

Guildo Horn

28 Feb 98
28. Februar 1998
Süddeutsche Zeitung

Unser Mann in Birmingham. Wie der Schlagersänger Guildo Horn mit Hilfe der Medien unschlagbar wurde.

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Der neue Meister des Grand Prix ist klein, hat seine Haare auf Millimeterlänge rasiert, trägt graue Anzüge und heißt Johannes Kram. Ein paarmal ist er dem alten Meister des Grand Prix, Ralph Siegel, vor der Veranstaltung in die Arme gelaufen. Der hat ihn an sich herangezogen und den Journalisten vorgestellt als den Mann, der eigentlich den Preis verdient hätte: für die geniale PR-Kampagne. Kram hat leicht gequält gegrinst, etwas gemurmelt von ‚Möge der Bessere gewinnen‘ und sich entschuldigt.

Johannes Kram ist der Manager, der die Nußecke in die deutsche Medienwelt gebracht hat. Regelmäßig zelebriert sein Schützling Guildo Horn seine Liebe zu diesem Gebäck der Mutter — eines von vielen Ritualen, die den Rummel um den Künstler ausmachen, der am Donnerstag die deutsche Vorausscheidung zum europäischen Schlagerwettbewerb gewonnen hat. Am 9. Mai vertritt er Deutschland in Birmingham. Horn ist 35 und zieht seit sieben Jahren mit seiner Band Die orthopädischen Strümpfe durch Dörfer und Städte. Zum Geheimtip wurde er nicht nur dadurch, daß er als einer der ersten das Potential entdeckte, das der deutsche Schlager der 70er und 80er als Popkultur für die Jugend der 90er hat. Sein Auftreten mit wirrem Haar, nacktem, speckigem Oberkörper und Kostümen, die jede Geschmacksgrenze sprengen, ist zu skurril, um ernstgenommen zu werden. Und seine Musik und Show sind zu gut, um ihn als bloße Comedy abzutun, die den Schlager lächerlich macht.

Was skeptische Beobachter ins Grübeln bringt, läßt die Fans rasen. Seine Fans nennen ihn „Meister“ und unterstützten ihn bei der Vorentscheidung in Bremen mit „Guildo für Deutschland“-Rufen, Spruchbändern und T-Shirts. Horn weiß, was er tut: Er hat Pädagogik studiert, Musik- und Theaterarbeit mit Behinderten gemacht und seine Diplomarbeit über „Die Befreiung von der Vernunft“ geschrieben.

Seit drei Wochen spaltet Guildo Horn angeblich die Nation und eint die Medien. Damals titelte die Bild-Zeitung „Darf dieser Mann für Deutschland singen“ und befragte ein paar ausrangierte Schlagersänger, die mit einem empörten „Oh mein Gott, wo kämen wir denn da hin?“ antworteten. Der Artikel sorgte dafür, daß außer der überschaubaren Masse ursprünglicher Guildo-Anhäger auch Gegner von Bild und des klassischen Schlagers aktiv wurden, und erfüllte damit genau seinen Zweck. Johannes Kram und sein Team hatten ihn selbst geplant. Exklusiv arbeiten sie mit dem Blatt zusammen, dessen Reporterin ihm sogar die Haare föhnen darf.

Am Tag der Entscheidung legte Bild noch mal nach: „Dramatischer Zwischenfall: Guildo Horn — Notarzt! Klinik!“ Der Sänger hatte sich mit einem Handtuch die Augen gerieben, auf dem ausgerechnet der Siegel-Klan Rheumasalbe zurückgelassen haben soll. Daß das rechtzeitig zur Endphase der Proben und vor der Abreise zur Harald-Schmidt-Show ein Unfall gewesen sein könnte, glaubt in Bremen zwar niemand — spielt aber auch keine Rolle: Horn hatte die erste und die letzte Schlagzeile vor der Grand-Prix-Wahl. Er gewann die Abstimmung mit 62 Prozent der TED-Anrufe.

Dazwischen lagen drei Wochen, in denen die meisten Medien in eine kollektive Hysterie verfielen. „Es war eine Entscheidung der Menschen auf der Straße“, sagte Guildo Horn nach seinem Sieg, den er als „Perestrojka“ des deutschen Schlagers sieht. Das ist bei 420 000 Fans, die für ihn stimmten, unbestreitbar. Wäre dies ein Umsturz nach osteuropäischem Vorbild, hätte das Volk allerdings mit tatkräftiger Unterstützung durch Prawda und fast allen anderen Medien des Landes gekämpft. Viele Fernsehsender und Zeitungen brachten die Bild-Geschichte in Variationen. 40 Interviews habe er in den vergangenen Tagen gegeben, sagte Peter Plate von der Gruppe Rosenstolz, die den zweiten Platz belegte, in 20 sei es nur um Horn gegangen. Die meisten Jugendradios riefen ihr Publikum dazu auf, massenhaft für Guildo zu stimmen. Sie bejubelten, daß da endlich jemand aufgetaucht ist, der die für sie immer größere Unerträglichkeit des deutschen Grand Prix gleichzeitig personifiziert und persifliert. Und Viva-Moderator Stefan Raab, der besonders heftig für Horn warb, verriet erst zum Schluß, daß er selbst als Komponist und Produzent von Horns Titel Guildo hat euch lieb hinter dem Pseudonym Alf Igel steckt.

Die Wucht der Medienmaschinerie, die er selbst mit in Bewegung gesetzt hatte, überrollte schließlich auch Johannes Kram. Daß die Medien Guildo, und zwar nur Guildo wollten, überfordete nicht nur sein Team, sondern gefährdete auch das Image von Horn als nettem Irren unter lieben Schlagerkollegen. Am Ende zog Kram ein überraschendes Fazit: „Beschämt“ habe ihn die Unfähigkeit der Medien, noch andere Themen zu behandeln. Dasselbe Wort wählte NDR-Organisator Jürgen Meier-Beer. Er freute sich über das Interesse und die doppelt so hohen Quoten wie üblich (knapp acht Millionen). Die Bedeutung, die dem Ereignis beigemessen wurde, treibt ihn aber zur Aussage: „Das hier hat größere Dimensionen als die Niedersachsenwahl.“

Selbst seinen Sender NDR 2 konnte er nicht davon abhalten, längere Auszüge aus Horns Stück zu spielen — obwohl das Reglement das untersagt. Fast alle Fernsehsender zeigten Horns Auftritt vorab. Die „Wettbewerbsverzerrung“, die Ralph Siegel beklagte, interessierte im allgemeinen Horn-Fieber niemanden.

Manager Kram versuchte, gegen die schlechte Stimmung hinter den Kulissen zu kämpfen und sagte den Konkurrenten, sie hätten sich ja auch eine nette PR-Strategie überlegen können. Er erntete ein müdes Lächeln: Ein solches Produkt, mit dem das möglich gewesen wäre, hatte keiner zu bieten. „Der Grand Prix hat den skurrilen Reiz, Popmusik und so was wie nationale Ehre miteinander zu verbinden“, versucht Meier-Beer eine Erklärung. „Das Thema Horn funktioniert hervorragend, weil es eine Provokation auf beiden Ebenen darstellt.“ Ein Reporter der Berliner B.Z., die als eines der wenigen Blätter Front gegen Horn machte, meinte, der Medienrummel beruhe schlicht auf Faulheit, sich die Mühe zu machen, andere Themen zu recherchieren. Denn nicht nur Horn brachte neue Ideen und bereitete den Siegelschen Produkten ein Debakel. Fokker sang: „Sie trat mir in die Hoden, in mein Leben trat sie nicht.“ Auch Die drei jungen Tenöre und der Punk-Pop von Maria Perzil sprengten die Grenzen der bis dahin bekannten Grand-Prix-Kunst. Gegen die Medienmacht für Horn hatten sie keine Chance. „Ich hätte mich schon gefreut, wenn wir gewonnen hätten“, sagte Rosenstolz-Mann Plate. Vor der Abstimmung.