„Das ist Gewaltbefürwortung!“

14 Feb 96
14. Februar 1996
Süddeutsche Zeitung

Verstoßen die „Glücksritter“ gegen die Menschenrechte?

„Ordentlich fest“ soll sie werfen, ermahnt Ulla Kock am Brink die Kandidatin, die Zielscheibe ist der Rücken des Mannes vor ihr. Wenn die Dart-Pfeile richtig in seiner Haut sitzen, hat sie gewonnen. Diese Szene aus der neuen RTL-Show Glücksritter hat die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGfM) auf den Plan gerufen. In einem Brief unter anderem an den Ausschuß für Menschenrechte im Bundestag fordert sie die Absetzung, denn: „Die Bereitstellung eines Menschen zum Zwecke der Bewerfung mit Pfeilen ist ein Anschlag auf die Menschenwürde.“ Ein Gespräch mit dem Chef Karl Hafen.

SZ: Die IGfM sorgt sich um Menschenrechte. Gehört für Sie in Zukunft neben sozialistischen und islamischen Staaten auch das Privatfernsehen zu den Brutstätten von Unterdrückung und Gewalt?

Hafen: Menschenrechtsverletzungen gehen in der Regel vom Staat aus. Aber in der Sendung Glücksritter ist das Pfeilewerfen Gegenstand eines Massenspektakels, und die natürliche Hemmung vor Gewaltanwendung wird abgebaut. Die Zuschauer wurden gezwungen, zuzusehen, und das ist eine Erniedrigung. Das geht an die Menschenwürde, ist nahe an der Menschenrechtsverletzung.

Gezwungen, zuzusehen? Aber es muß doch niemand RTL einschalten …

Der Zuschauer zu Hause kann natürlich ausschalten. Aber der, der live in der Halle sitzt, kann nicht einfach weggehen.

Was hatten Sie denn erwartet, als Sie die Glücksritter eingeschaltet haben?

Ich habe die Sendung nur zufällig gesehen. Mein Sohn ist zehn und war fürchterlich erschrocken. Er guckte weg, meine Frau auch, die wollten das nicht anschauen. Ich aber war so schockiert, ich mußte das sehen. Ich habe meinen Sohn gefragt, was er meint, wenn diese Frau Kock am Brink sagt: „Bitte nicht nachmachen, dazu gehört jahrelanges Training.“ Seine Reaktion: „Ja, warum soll ich jetzt nicht damit anfangen?“ Wenn man sich vorstellt, daß Kinder auf dem Schulhof mit Dart-Pfeilen auf andere werfen …

Sie meinen, die Sendung verrohe die Jugend. Dann müssen Sie ja dauernd protestieren: Haben Sie mal Explosiv gesehen? Oder Bärbel Schäfer?

Im Wettstreit um Quoten werden immer spektakulärere Szenen eingesetzt, und das ist häufig mit Gewalt verbunden. Und Glückritter war ein ganz konkretes Beispiel, wo ein lebender Mensch als Zielscheibe eingesetzt wird. So etwas in einer Samstagabendsendung – das kann man doch überhaupt nicht entschuldigen. Das ist Gewaltbefürwortung!

Gibt es außer der Dart-Szene Kritik?

Frau Kock am Brink bietet Leuten Tausender an, wenn sie sich spontan für eine Sache entscheiden. Wenn sie das nicht können, wird es ihnen wieder aus den Händen genommen. Da wird die Gier nach schneller Befriedigung gefördert. Das ist für Kinder nicht geeignet, das sollen sie am späten Abend bringen. Auch die Sache mit den Dart-Pfeilen. Wenn der Mann Fakir ist, soll er das in geschlossenen Klubs machen. Oder sie sollen es wie Sex-Filme nach zwölf Uhr zeigen.

Eine Comicfigur aus Mönchengladbach macht Karriere

14 Dez 93
14. Dezember 1993
Süddeutsche Zeitung

Der Zeichner Walter Moers hat mit ‚Käpt’n Blaubär‘ einen Volltreffer gelandet, doch sein Held geht nun eigene Wege.

Walter Moers hat einen Alptraum: Irgendwann wird er als alter Mann im Rollstuhl von einer dicken blauen Comic-Figur verfolgt werden. Käpt’n Blaubär grinst ihm dann von Kaffeetassen und Postern entgegen, das Fernsehen wiederholt alte Käpt’n-Blaubär-Klassiker, Journalisten rufen ihn an und fragen zum xten Mal nach Käpt’n Blaubärs Entstehung. Und Moers wird mit Grausen zurückdenken an 1993 — das Jahr, in dem sich seine Figur, entfesselt von Verlagen und Marketingexperten, verselbständigte.

Vor vier Jahren hatte der 36jährige Zeichner seine Schöpfung noch fest im Griff. Für das Sandmännchen erfand er 13 Geschichten über den Seebären, der seinen drei Enkeln Lügengeschichten von seinen Weltreisen erzählt. Die Kreuzung aus Münch- und Entenhausen ergänzte er mit dem unglaublich doofen Leichtmatrosen Hein Blöd und Elementen des bösartigen Moersschen Humors, der auch den Comic-Helden „Das kleine Arschloch“ hervorbrachte.

Die Mischung kam an: Der WDR bestellte auf einen Schlag 104 Folgen, Käpt’n Blaubär zog aus einer schäbigen Sozialwohnung in eine ansehnliche Schiffskulisse und mit seinem Seemannsgarn in die „Sendung mit der Maus“. Nachdem nicht nur Kinder und komplette WDR-Redaktionen, sondern immer mehr erwachsene Zuschauer auf den Geschmack kamen und die fünfminütigen Trickfilme als Geheimtips entdeckten, durfte der füllige Märchenopa auch im Frühstücksfernsehen der ARD auftreten.

Jetzt macht der Blaubär weiter Karriere. Seit zwei Monaten öffnet er jeden Samstag um kurz nach neun in der ARD seinen ‚Club‘, eine eigene Show mit Kinderfilmen und Musikeinlagen und dem Puppenkollegen Hein Blöd sowie Lindenstraßen-Tanja-Schildknecht Sibylle Waury als Ko-Moderatoren. Parallel dazu läuft eine multimediale Marketing-Kampagne, die bislang einzigartig ist für eine Figur, die nicht in Hollywood, sondern in Mönchengladbach erfunden wurde. Zum Serienstart brachte Ravensburger auf einen Schlag sechs Rätsel- und Witzhefte mit Käpt’n Blaubär heraus, es wird große Comic- und kleine Bilderbücher, Videos und Hörspiele geben. Rund 20 Firmen in aller Welt stellen für die Merchandising- Tochter des Verlags mehr als hundert verschiedene Produkte her. Käpt’n Blaubär als Pyjama und Plüschtier, auf Tassen und Seifenblasen. Nur: Mit seinem schrägen Helden, schimpft Walter Moers, wird all das nichts mehr zu tun haben.

Seinem Helden? „Käpt’n Blaubär ist eine Ravensburger-Figur, die Walter Moers einmal erfunden hat“, stellt Verlagssprecherin Ulrike Hauswaldt die Rechtslage klar. Seit den Folgen in der „Maus“ hat der Zeichner alle Blaubär-Rechte an die Produzenten abgetreten — ein finanziell lukrativer Vertrag, den Moers heute bereut. Bei seiner anderen Kultfigur kann er mit seinem Veto verhindern, daß aus dem „Kleinen Arschloch“ einmal Kaffee getrunken wird. Die Entscheidung, ob man Käpt’n Blaubär und Hein Blöd als Wärmflaschenbezug kaufen kann, liegt allein beim Ravensburger Merchandising-Leiter Alwin Jeck. Und man kann.

Moers beschreibt sich selbst als „relativ skrupellos“, was die Vermarktung seiner Figuren in Form von diversem Schnickschnack angeht, „wenn es gut gemacht ist“. Viele Blaubär-Produkte stießen dagegen in den Bereich der „Kundenverarschung“ vor. Doch was Moers als „massiven Mist“ bezeichnet, ist für Alwin Jeck wirtschaftliche Notwendigkeit. Durch den Verkauf der Serie ins Ausland allein können die Kosten nach seinen Worten nicht gedeckt werden. „Merchandising“ ist gefragt. Immerhin soll der „Käpt’n-Blaubär-Club“ wegweisend für das öffentlich-rechtliche Kinderprogramm der Zukunft im Kampf gegen die Billigware der privaten Konkurrenz sein. Und dazu ist er bereits auf dem besten Weg. Der Käpt’n-Blaubär-Fanclub wächst und wächst; dem Bär, der das Blaue vom Himmel herunterlügt, huldigen am frühen Samstagmorgen im Schnitt eine halbe Million Zuschauer. Ein Hit auch unter Erwachsenen: Von den 10 000 Briefen, die pro Woche beim WDR eingehen, stammen etwa 750 von Volljährigen.

Schon für den Großauftrag vom WDR für die „Sendung mit der Maus“ mußte Walter Moers auf die Hilfe anderer Autoren zurückgreifen, um in einem knappen halben Jahr Blaubär-Folgen in einer Gesamtlänge von rund fünf abendfüllenden Spielfilmen produzieren zu können. Abnützungserscheinungen und „höllische Schwierigkeiten“ seien die Folge gewesen. Zufällig eine der schlechteren Blaubär- Folgen morgens im Fernsehen gesehen zu haben, sagt Moers, könne ihm immer noch den ganzen Tag versauen.

Mit dem heutigen Blaubär-Boom hat er nichts mehr zu tun — er verdient nur noch daran. „Schmerzensgeld“ nennt er seine Prozente von den Gewinnen. Dafür muß er alten Fans erklären, daß nur, wo Moers draufsteht, auch wirklich Moers drin ist. Und er muß mitansehen, wie seine Figur in immer neuen Mutationen erscheint. Je nachdem, welcher Zeichner auf der Welt für ein Produkt versucht hat, den Moersschen Stil zu kopieren, ist der Bär mal hell- und mal dunkelblau, mal leicht untersetzt oder mal richtig fett.

Es bleibt nicht bei äußerlichen Veränderungen. Nach den Worten von Uwe-Michael Gutzschhahn, dem zuständigen Redaktionsleiter bei Ravensburger, macht der Charakter einer Figur mit dem Erfolg zwangsläufig eine „marktkonforme Entwicklung“ durch. Und wenn ein Produkt in die „Maschinerie des Merchandising“ gerate, würden automatisch viele Formen ausgekostet, die nicht im Sinne des Erfinders seien. Vor allem die billigen Angebote, kleine Bücher, die als Mitbringsel dienen sollen, griffen nur ein Klischee der Figur auf. Der Blaubär, wie ihn Moers erfand, sagt Gutzschhahn, hatte einen viel weiteren Horizont.

Ein Bär wird zur Kultfigur. Ein Kult allerdings, der ohne Risiken und Nebenwirkungen anarchistisch angehauchten Humors auch konservative Eltern ansprechen soll. Wenn Walter Moers Pech hat — mit großem Erfolg.

David Copperfield

13 Sep 93
13. September 1993
taz

US-Magier David Copperfield erstmals auf Europatournee. Illusion oder Zauberei?

München (taz) — Der Mitteleuropäer von heute ist ein aufgeklärter Mensch und läßt sich so schnell nichts vormachen. Ist der US-Entertainer David Copperfield etwa wirklich der „größter Magier aller Zeiten“? Vielleicht für die TV-geschädigten Amis, aber hier doch nicht! Denn wenn man die Illusionen, die der 36jährige am vergangenen Freitag in München, erstmals in Europa, inszenierte, mit der nötigen kritischen Distanz verfolgt, wird man sicher einen Teil der Tricks erhaschen können. Wäre ja gelacht.

Da haben wir zum Beispiel die Nummer mit der Frau im wallenden roten Kleid, die er gerade auf die Bühne gezaubert hat und wohl folgerichtig von dort in Kürze wieder verschwinden lassen wird. Jetzt hält sie ein großes rotes Tuch zwischen sich und die Zuschauer. Klarer Fall, sie steht so dicht am verwirrend glitzernden Vorhang hinter der Bühne, daß sie sicher durch ein Schlupfloch nach hinten abtreten kann. Oha, sie entfleucht noch gar nicht, sondern schwebt plötzlich aufrecht in die Lüfte! Auch das läßt sich bestimmt durch irgendwelche Winden und versteckte Schnüre erklären — wo immer sie auch befestigt gewesen sein mögen, als Copperfield mit seiner Partnerin quer über die Bühne tanzte.

Aber jetzt rudert die schwebende Frau noch mit den Armen, und löst sich dann — nichts weniger als das — in Luft auf: Ihre Figur zeichnet sich mit einem Mal nicht mehr unter dem Stoff ab, das Tuch fällt haltlos in sich zusammen und leer auf den Boden.

Schritt für Schritt nahm David Copperfield Hunderten aufgeklärten Mitteleuropäern im Deutschen Theater in München die Sicherheit ihrer Rationalität. Er zersägt eine Jungfrau — längs. Er läßt eine Assistentin seinen Bauch und Rücken durchdringen und mitten durch seinen Körper kriechen. Er verwandelt sich in seine Partnerin am anderen Ende der Bühne und sie sich in ihn, und beide waren höchstens für eine Sekunde nicht zu sehen.

Dinge, die so offensichtlich unmöglich sind, daß dem Zuschauer der Gedanke an Magie mindestens so naheliegend erscheint wie der an raffinierte Tricks, er das Grübeln aufgibt und sich ganz aufs kindliche Staunen konzentrieren kann. Vor allem beim Fliegen.

Der Effekt ist jedesmal der gleiche, erklärt Copperfield nach der Vorstellung. Wenn er auf der Bühne abhebt und sich mit schwimmähnlichen Bewegungen durch die Luft zieht, denken die Leute noch an die Fünfzig-Tonnen-Technik und suchen nach Schlüsseln, die zumindest andeuten könnten, warum sie sehen, was nicht sein kann. Nach einigen Minuten aber, wenn der Künstler immer noch seine Bahnen zieht, Purzelbäume dreht, eine Frau aus dem Publikum auf dem Arm mit sich hinaufnimmt und selbst in einem geschlossenen Plexiglas-Aquarium weiterschwebt, lassen sie sich fallen und fliegen mit.

„Die Leute wollen eigentlich gar nicht wissen, wie es funktioniert“, meint der Meister. „Das Gefühl des Staunens ist viel wichtiger.“

Wenn Copperfield in Pulli und Jeans auf der Bühne steht, wirkt er fast wie der kleine David, der vor 25 Jahren anderen Kindern etwas vorzauberte, um beliebt zu werden. Trotz dreier Shows täglich und 500.000 Zuschauern allein während der kommenden Wochen in Deutschland, scheint er sich immer noch über jeden Trick zu freuen, mit dem er seine Träume wahr werden läßt, und über jede Überraschung, die seine Zuschauer begeistert. Aber vielleicht ist gerade dieses Gefühl, das er dem Publikum vermittelt, seine beste Illusion.

Carrell verachtend

15 Mrz 93
15. März 1993
taz

Fernsehkritik: „Traumjob“, ZDF, Samstag, 20.15 Uhr.

Die Premiere fand nicht statt. Angekuendigt war Sabrina Fox als erste Frau, die eine grosse Samstagabend-Show im Fernsehen moderieren darf. Frau Fox war da. Was fehlte, war die grosse Show. In einem revolutionaeren Akt hatte sich das ZDF nicht nur endlich ueber die goldene Regel aus dem orthodoxen Standardwerk „Wie mache ich eine grosse Samstagabend-Show“ hinweggesetzt („Maenner muessen moderieren“), sondern offenbar – wie das bei Revolutionen so ist – gleich das ganze Buch weggeworfen.

Dabei haetten sie darin zum Beispiel die Grundregel finden koennen „Die Samstagabend-Show ist live“. Aber die Spielchen, bei denen KandidatInnen darum kaempften, zumindest fuer wenige Tage in ihren Traumjob schnuppern zu duerfen, waren aufgezeichnet. Die Bayern, die dafuer um die Wette fluchen mussten, konnten so getrost beim Ablesen vom Zettel (!) den Faden verlieren, Schnitt, das Ganze noch mal – das Ergebnis blieb Stueckwerk.

„Wuensch dir was“ oder „Wetten dass…?“ gehorchten dem kleinen Einmaleins der grossen Show: Sie schufen selbst Ereignisse. Ohne das Fernsehen haette vermutlich nie ein Auto auf Saftglaesern gestanden. Der „Traumjob“ zeigte dagegen nur, was ohnehin stattgefunden haette: zum Beispiel die Auswahl einer neuen Taenzerin fuer das „Phantom der Oper“.

Mit der einfallslosen Dekoration missachteten die Traumjob- MacherInnen auch noch das Gebot der Show-Vorfahren, die Familie vor dem Bildschirm in eine traumhaft-schillernde Umgebung zu entfuehren. (Bei Thomas Gottschalk konnte man sich, waehrend Al Bano und Romina Power sangen, wenigstens noch durch die bunte, rotierende, explodierende Kulisse wachhalten.)

Das Lehrbuch-Kapitel „Wie erzeuge ich grosse Gefuehle?“ ignorierte die Crew von „Traumjob“ komplett. Im Minutentakt schob Moderatorin Sabrina Fox, die frueher Sat.1 zu Diensten war, die BewerberInnen durch die Show, so dass Sympathien beim Zuschauer gar nicht erst entstehen konnten.

Und die Gefuehle bei den KandidatInnen? „Aufgrund der gesammelten Eindruecke ist dieser Job auch sehr interessant fuer mich geworden“, fasste einer seine grenzenlose Begeisterung in Worte.

„Wuensche werden wahr“, hiess der Untertitel der Show. Das hatten wir doch schon mal besser. Schlag nach bei Carrell!

Chaos statt Chrom

01 Feb 93
1. Februar 1993
taz

Vox setzt auf ein Design, das schräg sein soll wie das Leben.

Dem kleinen „n“ ist übel mitgespielt worden. Sein linker Fuß ist so abgemagert, daß es sich scheinbar nur mit Mühe auf den dünnen Beinen halten kann. Tags zuvor schon hatte sich das benachbarte „k“ zu bedrohlicher Grösse aufgebläht. Und falls einmal die ganze Schrifttafel, die bei Vox das weitere Programm ankündigt, aus dem Gleichgewicht gerät und abstürzt, käme das nicht überraschend.

Die Unregelmäßigkeiten im Design von Vox sind nicht nur erwünscht, sondern aufwendig konzipiert und theoretisch fundiert. „Analoge Qualität“, nennen die MacherInnen das, „organisches Wachstum“ oder auch „gesundes Chaos“. Gerade mit seinem irritierenden Design will der Sender in der wachsenden Zahl der Kanäle Aufmerksamkeit erregen und behauptet doch, als erster eine Abkehr von optischen Spielchen, die die Inhalte diktieren, durchzusetzen. „Design ist nicht Dekor, Design vermittelt Inhalte“, sagt Heike Sperling.

Die 27jährige Designerin und Kommunikationswissenschaftlerin hat das Gestaltungskonzept für Vox entwickelt. Sie suchte sich eine internationale Truppe junger GrafikerInnen zusammen, die Lust hatten, alles anders zu machen, als man es im deutschen Fernsehen bislang gewohnt war. Ein einheitliches Bild für alle Sendungen, wie es ZDF und Sat.1 pflegen? Dadurch erreicht man keine Aufmerksamkeit, meint Sperling. Chromblitzende Logos, wie sie bei der ARD durchs Bild fliegen? Raumschiffatmosphäre, schütteln sich die Voxler. Glatte, abwaschbare Bausteine, wie sie RTL quietschebunt ins Bild bringt? Die Welt ist nicht so, sagen die Macher von Vox, und deshalb darf auch unser Design nicht so sein. „Die Schönfärberei, die saubere Logokultur der 80er Jahre wird abgelöst durch Ehrlichkeit“, tönen sie.

Zum Beispiel der Vorspann der Abendnachrichten „welt vox“: Große Blasen schwimmen in einer bräunlichen Flüssigkeit, treiben Schlagworte in unterschiedlichen Sprachen nach oben. Rote Wellen breiten sich aus, schließlich schwabbelt der Titel auf der Oberfläche. „Was soll uns das sagen“, fragt sich der aufmerksame Zuschauer – und erfüllt die Erwartungen der Designer. Schließlich denkt er so über Inhalte nach und grübelt nicht mehr wie bei sinnleeren Computeranimationen: „Wie haben die das gemacht?“ Daß selbst Redakteure die irritierenden Vorspänne zumindest gewöhnungsbedürftig finden, ist im Sinne der ErfinderInnen. „Die ungewöhnlichen Bilder und Geräusche verlangen, daß man sich immer wieder mit ihnen auseinandersetzt“, meint Susanne Kollmann, Assistentin von Heike Sperling. „Und das bedeutet Kommunikation.“

Doch auch hausintern stoßen die experimentierfreudigen DesignerInnen an die Grenzen der Toleranz. Nicht umgesetzt wurden zum Beispiel Ideen, die Unverwechselbarkeit des Senders durch eine Verfremdung der Sprecherstimmen oder durch eine eigene Zeit- Sprache („12 + 1“ statt 13 Uhr) zu erreichen. Und Kontroversen löste der bewegte Hintergrund bei den Nachrichten aus. „Eine stehende Grafik kommt heute nicht mehr in Frage“, heißt es im Konzept, „sonst schaltet der Zuschauer sofort weg.“ Doch daraus will Susanne Kollmann kein Dogma machen — schließlich sei Offenheit die Kernaussage des Konzeptes.

Die Flexibilität verkauft man auch als medienpädagogisches Programm: „Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit und eine Wahrheit“, sagt Kollmann. „Diese Aussage müssen wir verkaufen, und das fängt beim Design an.“ Ein Mittel soll die Hausschrift sein, bei der derselbe Buchstabe jedesmal anders aussieht, zufällig mal zu doppelter Größe wächst oder mal am Fuß ausfranst. Dazu gehört auch, daß jede Sendung ihren eigenen Designer und ihr eigenes Gesicht hat, das — zumindest theoretisch — in enger Absprache mit der Redaktion entwickelt wird. Erst in letzter Konsequenz wird das jeweilige Erscheinungsbild den optischen Regeln des Senders unterstellt. Je nach Sendung entsteht der Titel aus Zeitungsfetzen, erstarrt im Magazin-Look oder huscht hektisch flimmernd über den Bildschirm.

„Bleiben Sie wachsam! Mißtrauen Sie den Medien!“ fordert Vox die Zuschauer in einem Spot auf. Die Warnung ist auch im Umgang mit dem Vox-Design und seinen tiefschürfenden Interpretationen angebracht: Die krakelige Hausschrift soll für Individualität, Offenheit und Ehrlichkeit stehen. Doch es ist kein Mensch, der täglich neu je nach Laune und Stimmung über das Schicksal der einzelnen Buchstaben entscheidet. Ein Zufallsgenerator bestimmt das Aussehen der Schrift. Im Computer, streng nach den Regeln der Mathematik.