David Copperfield

13 Sep 93
13. September 1993
taz

US-Magier David Copperfield erstmals auf Europatournee. Illusion oder Zauberei?

München (taz) — Der Mitteleuropäer von heute ist ein aufgeklärter Mensch und läßt sich so schnell nichts vormachen. Ist der US-Entertainer David Copperfield etwa wirklich der „größter Magier aller Zeiten“? Vielleicht für die TV-geschädigten Amis, aber hier doch nicht! Denn wenn man die Illusionen, die der 36jährige am vergangenen Freitag in München, erstmals in Europa, inszenierte, mit der nötigen kritischen Distanz verfolgt, wird man sicher einen Teil der Tricks erhaschen können. Wäre ja gelacht.

Da haben wir zum Beispiel die Nummer mit der Frau im wallenden roten Kleid, die er gerade auf die Bühne gezaubert hat und wohl folgerichtig von dort in Kürze wieder verschwinden lassen wird. Jetzt hält sie ein großes rotes Tuch zwischen sich und die Zuschauer. Klarer Fall, sie steht so dicht am verwirrend glitzernden Vorhang hinter der Bühne, daß sie sicher durch ein Schlupfloch nach hinten abtreten kann. Oha, sie entfleucht noch gar nicht, sondern schwebt plötzlich aufrecht in die Lüfte! Auch das läßt sich bestimmt durch irgendwelche Winden und versteckte Schnüre erklären — wo immer sie auch befestigt gewesen sein mögen, als Copperfield mit seiner Partnerin quer über die Bühne tanzte.

Aber jetzt rudert die schwebende Frau noch mit den Armen, und löst sich dann — nichts weniger als das — in Luft auf: Ihre Figur zeichnet sich mit einem Mal nicht mehr unter dem Stoff ab, das Tuch fällt haltlos in sich zusammen und leer auf den Boden.

Schritt für Schritt nahm David Copperfield Hunderten aufgeklärten Mitteleuropäern im Deutschen Theater in München die Sicherheit ihrer Rationalität. Er zersägt eine Jungfrau — längs. Er läßt eine Assistentin seinen Bauch und Rücken durchdringen und mitten durch seinen Körper kriechen. Er verwandelt sich in seine Partnerin am anderen Ende der Bühne und sie sich in ihn, und beide waren höchstens für eine Sekunde nicht zu sehen.

Dinge, die so offensichtlich unmöglich sind, daß dem Zuschauer der Gedanke an Magie mindestens so naheliegend erscheint wie der an raffinierte Tricks, er das Grübeln aufgibt und sich ganz aufs kindliche Staunen konzentrieren kann. Vor allem beim Fliegen.

Der Effekt ist jedesmal der gleiche, erklärt Copperfield nach der Vorstellung. Wenn er auf der Bühne abhebt und sich mit schwimmähnlichen Bewegungen durch die Luft zieht, denken die Leute noch an die Fünfzig-Tonnen-Technik und suchen nach Schlüsseln, die zumindest andeuten könnten, warum sie sehen, was nicht sein kann. Nach einigen Minuten aber, wenn der Künstler immer noch seine Bahnen zieht, Purzelbäume dreht, eine Frau aus dem Publikum auf dem Arm mit sich hinaufnimmt und selbst in einem geschlossenen Plexiglas-Aquarium weiterschwebt, lassen sie sich fallen und fliegen mit.

„Die Leute wollen eigentlich gar nicht wissen, wie es funktioniert“, meint der Meister. „Das Gefühl des Staunens ist viel wichtiger.“

Wenn Copperfield in Pulli und Jeans auf der Bühne steht, wirkt er fast wie der kleine David, der vor 25 Jahren anderen Kindern etwas vorzauberte, um beliebt zu werden. Trotz dreier Shows täglich und 500.000 Zuschauern allein während der kommenden Wochen in Deutschland, scheint er sich immer noch über jeden Trick zu freuen, mit dem er seine Träume wahr werden läßt, und über jede Überraschung, die seine Zuschauer begeistert. Aber vielleicht ist gerade dieses Gefühl, das er dem Publikum vermittelt, seine beste Illusion.

Carrell verachtend

15 Mrz 93
15. März 1993
taz

Fernsehkritik: „Traumjob“, ZDF, Samstag, 20.15 Uhr.

Die Premiere fand nicht statt. Angekuendigt war Sabrina Fox als erste Frau, die eine grosse Samstagabend-Show im Fernsehen moderieren darf. Frau Fox war da. Was fehlte, war die grosse Show. In einem revolutionaeren Akt hatte sich das ZDF nicht nur endlich ueber die goldene Regel aus dem orthodoxen Standardwerk „Wie mache ich eine grosse Samstagabend-Show“ hinweggesetzt („Maenner muessen moderieren“), sondern offenbar – wie das bei Revolutionen so ist – gleich das ganze Buch weggeworfen.

Dabei haetten sie darin zum Beispiel die Grundregel finden koennen „Die Samstagabend-Show ist live“. Aber die Spielchen, bei denen KandidatInnen darum kaempften, zumindest fuer wenige Tage in ihren Traumjob schnuppern zu duerfen, waren aufgezeichnet. Die Bayern, die dafuer um die Wette fluchen mussten, konnten so getrost beim Ablesen vom Zettel (!) den Faden verlieren, Schnitt, das Ganze noch mal – das Ergebnis blieb Stueckwerk.

„Wuensch dir was“ oder „Wetten dass…?“ gehorchten dem kleinen Einmaleins der grossen Show: Sie schufen selbst Ereignisse. Ohne das Fernsehen haette vermutlich nie ein Auto auf Saftglaesern gestanden. Der „Traumjob“ zeigte dagegen nur, was ohnehin stattgefunden haette: zum Beispiel die Auswahl einer neuen Taenzerin fuer das „Phantom der Oper“.

Mit der einfallslosen Dekoration missachteten die Traumjob- MacherInnen auch noch das Gebot der Show-Vorfahren, die Familie vor dem Bildschirm in eine traumhaft-schillernde Umgebung zu entfuehren. (Bei Thomas Gottschalk konnte man sich, waehrend Al Bano und Romina Power sangen, wenigstens noch durch die bunte, rotierende, explodierende Kulisse wachhalten.)

Das Lehrbuch-Kapitel „Wie erzeuge ich grosse Gefuehle?“ ignorierte die Crew von „Traumjob“ komplett. Im Minutentakt schob Moderatorin Sabrina Fox, die frueher Sat.1 zu Diensten war, die BewerberInnen durch die Show, so dass Sympathien beim Zuschauer gar nicht erst entstehen konnten.

Und die Gefuehle bei den KandidatInnen? „Aufgrund der gesammelten Eindruecke ist dieser Job auch sehr interessant fuer mich geworden“, fasste einer seine grenzenlose Begeisterung in Worte.

„Wuensche werden wahr“, hiess der Untertitel der Show. Das hatten wir doch schon mal besser. Schlag nach bei Carrell!

Chaos statt Chrom

01 Feb 93
1. Februar 1993
taz

Vox setzt auf ein Design, das schräg sein soll wie das Leben.

Dem kleinen „n“ ist übel mitgespielt worden. Sein linker Fuß ist so abgemagert, daß es sich scheinbar nur mit Mühe auf den dünnen Beinen halten kann. Tags zuvor schon hatte sich das benachbarte „k“ zu bedrohlicher Grösse aufgebläht. Und falls einmal die ganze Schrifttafel, die bei Vox das weitere Programm ankündigt, aus dem Gleichgewicht gerät und abstürzt, käme das nicht überraschend.

Die Unregelmäßigkeiten im Design von Vox sind nicht nur erwünscht, sondern aufwendig konzipiert und theoretisch fundiert. „Analoge Qualität“, nennen die MacherInnen das, „organisches Wachstum“ oder auch „gesundes Chaos“. Gerade mit seinem irritierenden Design will der Sender in der wachsenden Zahl der Kanäle Aufmerksamkeit erregen und behauptet doch, als erster eine Abkehr von optischen Spielchen, die die Inhalte diktieren, durchzusetzen. „Design ist nicht Dekor, Design vermittelt Inhalte“, sagt Heike Sperling.

Die 27jährige Designerin und Kommunikationswissenschaftlerin hat das Gestaltungskonzept für Vox entwickelt. Sie suchte sich eine internationale Truppe junger GrafikerInnen zusammen, die Lust hatten, alles anders zu machen, als man es im deutschen Fernsehen bislang gewohnt war. Ein einheitliches Bild für alle Sendungen, wie es ZDF und Sat.1 pflegen? Dadurch erreicht man keine Aufmerksamkeit, meint Sperling. Chromblitzende Logos, wie sie bei der ARD durchs Bild fliegen? Raumschiffatmosphäre, schütteln sich die Voxler. Glatte, abwaschbare Bausteine, wie sie RTL quietschebunt ins Bild bringt? Die Welt ist nicht so, sagen die Macher von Vox, und deshalb darf auch unser Design nicht so sein. „Die Schönfärberei, die saubere Logokultur der 80er Jahre wird abgelöst durch Ehrlichkeit“, tönen sie.

Zum Beispiel der Vorspann der Abendnachrichten „welt vox“: Große Blasen schwimmen in einer bräunlichen Flüssigkeit, treiben Schlagworte in unterschiedlichen Sprachen nach oben. Rote Wellen breiten sich aus, schließlich schwabbelt der Titel auf der Oberfläche. „Was soll uns das sagen“, fragt sich der aufmerksame Zuschauer – und erfüllt die Erwartungen der Designer. Schließlich denkt er so über Inhalte nach und grübelt nicht mehr wie bei sinnleeren Computeranimationen: „Wie haben die das gemacht?“ Daß selbst Redakteure die irritierenden Vorspänne zumindest gewöhnungsbedürftig finden, ist im Sinne der ErfinderInnen. „Die ungewöhnlichen Bilder und Geräusche verlangen, daß man sich immer wieder mit ihnen auseinandersetzt“, meint Susanne Kollmann, Assistentin von Heike Sperling. „Und das bedeutet Kommunikation.“

Doch auch hausintern stoßen die experimentierfreudigen DesignerInnen an die Grenzen der Toleranz. Nicht umgesetzt wurden zum Beispiel Ideen, die Unverwechselbarkeit des Senders durch eine Verfremdung der Sprecherstimmen oder durch eine eigene Zeit- Sprache („12 + 1“ statt 13 Uhr) zu erreichen. Und Kontroversen löste der bewegte Hintergrund bei den Nachrichten aus. „Eine stehende Grafik kommt heute nicht mehr in Frage“, heißt es im Konzept, „sonst schaltet der Zuschauer sofort weg.“ Doch daraus will Susanne Kollmann kein Dogma machen — schließlich sei Offenheit die Kernaussage des Konzeptes.

Die Flexibilität verkauft man auch als medienpädagogisches Programm: „Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit und eine Wahrheit“, sagt Kollmann. „Diese Aussage müssen wir verkaufen, und das fängt beim Design an.“ Ein Mittel soll die Hausschrift sein, bei der derselbe Buchstabe jedesmal anders aussieht, zufällig mal zu doppelter Größe wächst oder mal am Fuß ausfranst. Dazu gehört auch, daß jede Sendung ihren eigenen Designer und ihr eigenes Gesicht hat, das — zumindest theoretisch — in enger Absprache mit der Redaktion entwickelt wird. Erst in letzter Konsequenz wird das jeweilige Erscheinungsbild den optischen Regeln des Senders unterstellt. Je nach Sendung entsteht der Titel aus Zeitungsfetzen, erstarrt im Magazin-Look oder huscht hektisch flimmernd über den Bildschirm.

„Bleiben Sie wachsam! Mißtrauen Sie den Medien!“ fordert Vox die Zuschauer in einem Spot auf. Die Warnung ist auch im Umgang mit dem Vox-Design und seinen tiefschürfenden Interpretationen angebracht: Die krakelige Hausschrift soll für Individualität, Offenheit und Ehrlichkeit stehen. Doch es ist kein Mensch, der täglich neu je nach Laune und Stimmung über das Schicksal der einzelnen Buchstaben entscheidet. Ein Zufallsgenerator bestimmt das Aussehen der Schrift. Im Computer, streng nach den Regeln der Mathematik.