Katja Riemann verursacht Auflaufunfall auf dem roten Sofa

Der NDR-Moderator Hin­nerk Baum­gar­ten hat viel gelernt, ges­tern bei der Arbeit. Er hat gelernt, dass Schau­spie­ler ihre Haar­farbe und Fri­sur und damit ihren gan­zen Typ ver­än­dern kön­nen, indem sie sich eine Perü­cke auf­set­zen. Er hat gelernt, dass nicht jeder Gast, der sich aus PR-Gründen neben ihn aufs rote Sofa setzt, glei­cher­ma­ßen wil­lig und geeig­net ist für diese Art Schein­un­ter­hal­tung in der Vor­abend­hölle des deut­schen Fern­se­hens. Und vor allem hat er gelernt, dass nichts mehr hilft, wenn ein Gespräch erst ein­mal so ent­glit­ten ist, dass das Gegen­über mit ver­schränk­ten Armen dasitzt und nur noch zwi­schen Hass und amü­sier­tem Unglau­ben schwankt — nicht ein­mal plumpe Schlei­me­rei, ganz beson­ders nicht plumpe Schleimerei.

Katja Rie­mann war zu Gast bei »Das!«.

Den Gedan­ken, dass sie im fal­schen Film ist, scheint sie erst­mals nach ziem­lich genau sechs Sekun­den zu haben. Danach sinkt ihre Mit­mach­be­reit­schaft von fast gar nicht in den nega­ti­ven Bereich.

Es ist ein gran­dio­ser, klas­si­scher Zusam­men­stoß zwi­schen einer schwie­ri­gen Schau­spie­le­rin und einem über­for­der­ten Sachen­weg­mo­de­rie­rer. Halb lust­voll, halb ver­zwei­felt lässt sie ihn auf­lau­fen, wäh­rend er immer hilf– und hoff­nungs­lo­ser in sei­nem Reper­toire aus Flos­keln und Stan­dard­si­tua­tio­nen kramt.

Im Ori­gi­nal ent­wi­ckelt sich das über 45 Minu­ten mit der ver­stö­ren­den Fas­zi­na­tion eines grau­sa­men Auto­un­falls in Zeit­lupe: Man will nicht hin­se­hen, aber weg­gu­cken geht erst recht nicht.

Es ist mir nicht gelun­gen, das auf weni­ger als elf Minu­ten zu kon­den­sie­ren. Ande­rer­seits lebt es auch gerade von der Schreck­lich­keit der Länge. Aber den­ken Sie daran, zwi­schen­durch den Mund wie­der zuzumachen.

Günther Jauchs gebührend finanzierte Gehaltlosigkeit

So sprach Gün­ther Jauch, als er vor Jah­ren neben Cars­ten Maschmeyer vor einem gro­ßen AWD-Logo auf der Bühne stand:

Ich mach sol­che Ver­an­stal­tun­gen rela­tiv sel­ten. Zum einen, weil ich ja rela­tiv viel zu tun habe, und zum ande­ren, weil man natür­lich dann ja immer fragt: Was kom­men da für Leute, wer ist da der Chef, in wel­chem Rah­men ist das?

In die­sem Fall war das furcht­bar ein­fach. Weil: Ich frage zu die­sem Zweck immer den Kol­le­gen Tho­mas und sage: »Pass mal auf. Da hat jemand ange­ru­fen und hat gefragt.« Und dann run­zelte er so ein wenig die Stirn. Und als ich ihm dann erzählte, wo ich da hin­gehe und mit wem das ist und für wen das ist, sagte er: »Kenn ich, kenn ich. War ich auch schon­mal. Hab ich doch sel­ber schon gemacht. Kannste hin­ge­hen, über­haupt kein Pro­blem. Die Leute sind prima, und der Chef« — hat er mir zumin­dest gesagt, ich weiß nicht, wie gut Sie sich ken­nen — hat er gesagt, »ist auch in Ordnung.«

Gün­ther Jauch war jung, brauchte aber mut­maß­lich damals schon nicht mehr das Geld. (Ich weiß natür­lich nicht, ob er über­haupt Geld für die­sen Auf­tritt vor AWD-Mitarbeitern bekom­men hat, aber als rei­ner Freund­schafts­dienst wäre es ja noch schlimmer.)

Das Video von die­sem Besuch Gün­ther Jauchs bei Cars­ten Maschmeyer machte in den ver­gan­ge­nen Tagen die Runde, als bekannt wurde, dass Cars­ten Maschmeyer zu Besuch bei »Gün­ther Jauch« sein würde. Es trägt bei YouTube die Über­schrift »Auch Gün­ther Jauch stand auf der Pay­roll des Drückerkönigs«.

Wer es gese­hen hatte, fragte sich, wie Jauch in der Sen­dung mit sei­ner so doku­men­tier­ten eige­nen Rolle umge­hen würde, ins­be­son­dere weil das Ver­hält­nis zwi­schen Jauchs Sen­der, dem NDR, und Maschmeyer sonst eini­ger­ma­ßen zer­rüt­tet ist.

Jauch tat es fast bei­läu­fig und mit einer Flucht in eine Ach­tel­wahr­heit. Nach­dem er einen Film von einem Auf­tritt Maschmey­ers gezeigt hatte, sagte er:

Ich hab sel­ber mal vor mehr als 20 Jah­ren bei Ihnen erlebt, wie Sie da Leute motivieren.

Das war alles. Jauch hielt es offen­bar für not­wen­dig, die Sache nicht ganz unan­ge­spro­chen zu las­sen, aber nicht für zweck­dien­lich, irgend­et­was zu sagen, das eine ehr­li­che Erklä­rung sei­ner eige­nen Befan­gen­heit dar­ge­stellt hätte.

Ich kann das schon ver­ste­hen. Er möchte nicht Thema sei­ner eige­nen Talk­show wer­den. Das Pro­blem ist nur: Er ist es längst.

Er war es schon, als er mit Peer Stein­brück über Trans­pa­renz redete, der ihn auf sei­nen eige­nen gehei­men Ver­trag mit der ARD ansprach und Jauch sich in die Unwahr­heit flüch­tete, zu behaup­ten, der sei öffentlich.

Ges­tern in der Sen­dung mit dem Titel »Den Mana­gern ans Gehalt! Brau­chen wir ein Gesetz gegen die Gier?« ging es sech­zig Minu­ten lang um Chefs, die unfass­bar viel mehr ver­die­nen als ihre Mit­ar­bei­ter, um die Frage, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen das gerecht sein könnte, und darum, wer dar­über bestim­men sollte.

Im Eng­li­schen gibt es die schöne Redens­art vom »Ele­fan­ten im Raum«: einer gro­ßen, eigent­lich unüber­seh­ba­ren Wahr­heit, die trotz­dem von allen igno­riert wird. Der Ele­fant in Gün­ther Jauchs Stu­dio war Gün­ther Jauch: die Tat­sa­che, dass all die kri­ti­schen Fra­gen, was denn jemand ver­die­nen dürfe, nicht zuletzt ihm selbst gestellt wer­den müssten.

Jauch spielte den mil­lio­nen­schwe­ren Anwalt des klei­nen Man­nes gegen­über den Mil­lio­nä­ren — mit der beson­de­ren Iro­nie, dass er sei­nen unbe­kann­ten, aber mut­maß­lich üppi­gen Lohn für diese Sen­dung von uns Zuschau­ern und Nicht-Zuschauern bekommt. Maschmeyer sprach das ein­mal kurz an, als er fragte, was wohl dabei raus­käme, wenn die Gebüh­ren­zah­ler über sein Hono­rar abstim­men dürf­ten, aber zum Glück für Jauch fiel ihm jemand ins Wort, bevor er hätte ant­wor­ten kön­nen oder müs­sen, und führte das Gespräch von ihm weg. Es gab auch spä­ter noch eine Situa­tion, in der Jauch wirkte, als müsste er die Rich­tung fürch­ten, in die Maschmeyer den Ball dribbelte.

Wäre es nicht schön, wenn der Mode­ra­tor der am wich­tigs­ten gemein­ten öffentlich-rechtlichen Talk­show im deut­schen Fern­se­hen einem Cars­ten Maschmeyer frei von Angst und Inter­es­sens­kon­flik­ten gegen­über­tre­ten könnte? Wäre das nicht, genau genom­men, das Mindeste?

Natür­lich wäre es popu­lis­tisch, Jauch zu fra­gen, ob es nicht gut wäre, wenn er mit der Sen­dung nicht mehr als das 20-fache eines Cut­ters ver­die­nen würde. Aber genau das ist die Frage, die bei Jauch ver­han­delt wurde, und wo, wenn nicht bei einem von Gebüh­ren­gel­dern finan­zier­ten Pro­gramm, wäre es legi­tim, sie zu stellen?

Jauch hat offen­bar in kei­ner Weise das Gefühl, dass er sei­nen Zuschau­ern und den Finan­zie­rern sei­nes ARD-Einkommens Rechen­schaft schul­dig ist. Das ist schon trau­rig genug. Beson­ders schein­hei­lig wird es aber, wenn er glaubt, stell­ver­tre­tend für seine Zuschauer ande­ren sol­che heik­len Fra­gen stel­len zu können.

Ich weiß nicht, ob das Kal­kül ist oder nur Selbst­blind­heit, weil er als ein­zi­ger den Ele­fan­ten im Raum wirk­lich nicht sieht: Dass es eine Unmög­lich­keit ist, als jemand, des­sen mut­maß­lich exor­bi­tan­tes Ein­kom­men in der Dis­kus­sion ist, über exor­bi­tante Ein­kom­men zu dis­ku­tie­ren, ohne die eigene Rolle in irgend­ei­ner Weise zu the­ma­ti­sie­ren, und sei es, wenn schon nicht mit Trans­pa­renz, dann wenigs­tens mit einem Augen­zwin­kern und einem Hin­weis auf die eigene Befangenheit.

Aber wenn er es nicht ein­mal schafft, offen und ehr­lich mit einem zwan­zig Jahre alten Werbe-Einsatz für Cars­ten Maschmeyer umzu­ge­hen, ist das natür­lich viel zu viel erwartet.

Flausch am Sonntag (53)

Kollektiver Kinderwahnsinn: Herzogin Kate im Verhör der internationalen Presse

Wir müs­sen ein­mal kurz über den bri­ti­schen Thron­fol­ger­fol­ger­fol­ger reden.

Am Diens­tag war Her­zo­gin Kate zu Besuch in Grimsby. Sie schüt­telte ein paar Schau­lus­ti­gen die Hand und nahm einen Stoff­bä­ren als Geschenk ent­ge­gen. Eine Frau in der Menge meinte gehört zu haben, wie sie sagte: »Is this for our d-« (»d« wie »daugh­ter«), bevor sie sich schnell kor­ri­gierte und auf Nach­fra­gen beteu­erte, sie kenne das Geschlecht ihres Babys nicht.

Tat­säch­lich hat sich die Frau, um die Pointe gleich vor­weg­zu­neh­men, bloß ver­hört. Kate sagte, wie sich spä­ter her­aus­stellte: »Is this for us, awww.«

Keine große Geschichte, oder?

Nun:


Die Geschichte war auch auf den Titel­sei­ten von »Daily Mail« und »Daily Express«. Und denen von »Times« und »Telegraph«:


Und es war nicht bloß bri­ti­scher Kin­der­wahn­sinn. Am Mitt­woch­vor­mit­tag »mel­dete« die Agen­tur AP:

Kate und das T-Wort: Spe­ku­la­tio­nen über Geschlecht des Babys

Lon­don (AP) — Ein unbe­dach­ter Halb­satz der Her­zo­gin von Cam­bridge — und schon bro­delt es in der Gerüch­te­kü­che: »Es ist ein Mäd­chen!« prangte am Mitt­woch als Schlag­zeile über bri­ti­schen Zei­tun­gen. Dabei haben Kate und Prinz Wil­liam erklärt, sie sag­ten nichts über das Geschlecht ihres erwar­te­ten ers­ten Babys.

Die Kon­kur­renz von AFP berichtete:

Ist es ein Mäd­chen? — Schwan­gere Her­zo­gin Kate soll sich ver­plap­pert haben

Bei dpa hieß die Überschrift:

Er oder sie? Spe­ku­la­tion um Kate und Prinz Wil­liams Baby

Und spä­ter:

Buch­stabe auf der Gold­waage — Medi­en­hype um Kates Babybauch

Der Hauch von Unsi­cher­heit, die Flucht auf die ver­meint­lich sichere Meta-Ebene, war aber für viele Medien zu seriös. »Bild« ver­kün­dete am Don­ners­tag auf der letz­ten Seite:

Die schwan­gere Her­zo­gin Kate (31) ver­plap­perte sich beim Besuch der Hafen­stadt Grimsby, ver­riet ihr süßes Baby­ge­heim­nis:
ES WIRD EIN MÄDCHEN!

Die »Ber­li­ner Mor­gen­post« riss die News sogar auf ihrer Titel­seite an. Im Inne­ren brach dann Tho­mas Kie­lin­ger, der Lon­do­ner Axel-Springer-Korrespondent und ver­meint­li­che Königshaus-Experte, in Aus­ru­fe­zei­chen aus:

Rosa Baby­wä­sche

Wil­liam und Kate bekom­men ein Mäd­chen. Die Schwan­gere ver­sprach sich bei einem Ortstermin

Lon­don — End­lich! Jetzt ist es her­aus! Es ist ein Mäd­chen! Die wer­dende Mama hat es aus­ge­plau­dert, Kate, alias Cathe­rine Midd­le­ton, Ehe­frau des bri­ti­schen Thron­fol­gers Wil­liam. Es geschah im trist-grauen Hafen­städt­chen Grimsby an der eng­li­schen Ost­küste. Die Her­zo­gin von Cam­bridge — sie sollte eine neue Gesamt­schule ein­wei­hen — hatte sich um mehr als eine Stunde ver­spä­tet, es herrschte Nebel, ihr Hub­schrau­ber konnte zunächst nicht star­ten. Dafür wur­den die War­ten­den mit einer Exklu­siv­nach­richt ent­lohnt, die sie für alles Frie­ren reich­lich entschädigte.

Als Kate end­lich da war (…), reichte die 41-jährige Diana Bur­ton der Her­zo­gin einen gro­ßen wei­ßen Ted­dy­bär, den die Beschenkte lachend quit­tierte: »Thank you, I will take that for my d…« (»d« für daugh­ter, Toch­ter), um sich dann rasch zu kor­ri­gie­ren: »… for my baby.« Damit aber wollte die dane­ben­ste­hende San­dra Cook, 67, den könig­li­chen Gast nicht davon­kom­men las­sen. Als es an ihr war, die Hand von Kate zu schüt­teln, schoss sie mutig zurück: »Da sind Sie aber eben fast aus­ge­rutscht, Sie woll­ten doch ›daugh­ter‹ sagen, oder?« Kate fand sich in der Lage von Petrus, der sei­nen Herrn ver­leug­nete, und sagte: »Was mei­nen Sie? Wir wis­sen noch nicht.« Cook bohrte beharr­lich nach: »Oh, ich glaube aber doch!« Wor­auf Kate »Wir sagen nichts« antwortete.

Das war so gut wie ein Geständ­nis. Sie hätte leicht den ers­ten Kom­men­tar wie­der­ho­len kön­nen, »Wir wis­sen noch nicht«, aber das hätte sich zu einer Lüge hoch­ge­schau­kelt, denn natür­lich wis­sen die Eltern fast alles, was sich im Mut­ter­leib der im fünf­ten Monat Schwan­ge­ren ankün­digt, ob Junge oder Mäd­chen. So zog sie sich mit einem Aller­weltswort wie »Wir sagen nichts« aus der Affäre — und hatte doch alles gesagt, ganz unprotokollarisch.

In der »Welt« steht Kie­lin­gers Bericht unter der Überschrift:

Kate hat sich verplappert

Wird es ein Mäd­chen? Eine Schau­lus­tige ent­lockt der schwan­ge­ren Her­zo­gin von Cam­bridge ein unge­woll­tes Geständnis

Und beginnt so:

Der Zug rollt, die Hys­te­rie ist in vol­ler Fahrt: Es ist ein Mäd­chen! Doch weder hat ein Papa­razzo oder Socie­ty­re­por­ter die Nach­richt über das Geschlecht des erwar­te­ten Babys der Her­zo­gin und des Her­zogs von Cam­bridge erlau­ert, noch haben Insi­der am Hof den Mund nicht hal­ten kön­nen — nein, die künf­tige Mama sel­ber hat es aus­ge­plau­dert, Kate, alias Cathe­rine Midd­le­ton, die Ehe­frau des künf­ti­gen bri­ti­schen Monarchen.

Das »Darm­städ­ter Echo« über­rascht mit einem Arti­kel, der mit Zwei­feln beginnt:

Jetzt fragt sich das König­reich: Kön­nen wir uns wirk­lich auf rosa Baby­wä­sche einstellen?

… und nach Schil­de­run­gen von erschüt­tern­der Aus­führ­lich­keit gegen Schluss mit der Wen­dung schockiert:

Und jetzt gibt es eine Gegen­dar­stel­lung zu dem, was San­dra Cook bezeugte. Katy For­res­ter, die die Her­zo­gin im loka­len Fischerei-Museum sprach, gab gegen­über dem »Grimsby Tele­graph« an: »Ich schwöre, sie sagte, dass es ein Junge wird. Ent­we­der habe ich es falsch ver­stan­den oder Kate will uns alle ver­wir­ren.« Das Rät­sel­ra­ten geht weiter.

Die »Ber­li­ner Zei­tung« bringt die unklare Nach­rich­ten­lage dazu, ein wei­te­res Fass auf­zu­ma­chen. Sie berich­tet heute aus­führ­lich über »uralte Mythen«, die dar­über, ob Kate nun Mut­ter eines Soh­nes oder einer Toch­ter wird, Aus­kunft geben könn­ten — »oder auch nicht«.

Bin­det man den Ehe­ring an einen Faden und lässt ihn vor dem Bauch bau­meln, so die Über­lie­fe­rung, schlägt er bei einem Mäd­chen nach links und rechts aus, bei einem Jun­gen beschreibt er hin­ge­gen Kreise. Diese Vari­ante ist natür­lich nur für Paare geeig­net, die über den not­wen­di­gen Ring verfügen. (…)

So erwar­tet eine Schwan­gere dem Mythos nach ein Mäd­chen, wenn sie auf der rech­ten Seite schläft. Einen Jun­gen kann man prä­na­tal erah­nen, wenn die rechte Brust grö­ßer ist als die linke. (…)

Begeg­net die Schwan­gere auf dem Weg ins Got­tes­haus zuerst einem Mann, so die aus Bay­ern stam­mende Theo­rie, wird es auch einer. Und andersherum.

Und dann ist da noch das Mor­gen­ma­ga­zin des ZDF, in dem aus irgend­ei­nem Grund eine Frau namens Nadja Al-Chalabi her­um­sitzt, die als »Gesell­schafts­re­por­te­rin« vor­ge­stellt wird.

Lus­ti­ger­weise zeigt die ZDF-Moderatorin vor­her deren Notiz­zet­tel in die Kamera, und Al-Chalabi sagt:

Das ist ja nur die Essenz des­sen, was man vor­her recher­chiert. Weil ja alle immer den­ken: Ach, die­ser Promi-Kram, der wird so raus­ge­rotzt — so ist es nicht!

Dann rotzt sie den gan­zen Promi-Kram so raus, und fasst ihre Erkennt­nis zusam­men: »Es wird also ein Mädchen.«

(Das »Mor­gen­ma­ga­zin« des ZDF trägt zum hohen »Informations«-Anteil des Sen­ders bei, der das öffentlich-rechtliche Pro­gramm von der pri­va­ten Kon­kur­renz unterscheidet.)

Und das alles, weil eine ältere Frau in Grimsby sich ver­hört hat. Das hier ist übri­gens das Video, das den ver­rä­te­ri­schen Ver­spre­cher nach Ansicht der inter­na­tio­na­len Medi­en­meute bele­gen sollte.

Keine wei­te­ren Fragen.

»Die Zeit« muss Piraten-Dossier wegen Rufraub löschen

Die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Jea­nette Hof­mann hat vor dem Land­ge­richt Ham­burg eine einst­wei­lige Ver­fü­gung gegen die »Zeit« erwirkt. Die Wochen­zei­tung darf vor­erst nicht mehr behaup­ten, die Direk­to­rin des Alexander-von-Humboldt-Instituts für Inter­net und Gesell­schaft halte das Urhe­ber­recht für »über­flüs­sig« und stelle sich »ein­deu­tig auf die Seite derer, die mit ille­ga­len Film­ko­pien Geld verdienen«.

Das große Raubkopien-Dossier aus der »Zeit« vom 7. Februar 2013, ist des­halb nicht mehr online und in den Archi­ven gelöscht.

Die »Zeit« hatte Hof­mann für eine per­fide Pointe in einer drei­sei­ti­gen Titel­ge­schichte »Der gestoh­lene Film« benutzt. Kers­tin Koh­len­berg, die stell­ver­tre­tende Lei­te­rin des 2011 gegrün­de­ten »Investigativ-Ressorts«, beschreibt darin am Bei­spiel von »Cloud Atlas«, wie ille­gale Kopien von Kino­fil­men ent­ste­hen und ver­brei­tet wer­den und das Geschäft der Pro­du­zen­ten bedrohen.

Es ist ein Arti­kel, der mit größ­tem Auf­wand zwei­fel­hafte Ergeb­nisse pro­du­ziert. Die »Zeit« ist zum Bei­spiel eigens nach Belize in Zen­tral­ame­rika gereist, um die dor­tige Flug­piste (»stau­big«), eine Straße (»löch­rig«) und das Innere einer Suite (»weiß geflies­ter Boden, schwere dunkle Holz­mö­bel, Bil­der von der Akro­po­lis«) beschrei­ben zu kön­nen. Hier ist die Firma regis­triert, die einen Ser­ver betreibt, auf dem viele ille­gale Film-Kopien lie­gen. Ergeb­nis der Vor-Ort-Recherche, Über­ra­schung: Hier sitzt gar keine Firma, son­dern nur jemand, der sei­nen Brief­kas­ten für dubiose Fir­men zur Ver­fü­gung stellt.

Über meh­rere Absätze beschreibt die »Zeit« mit größ­ter Detailfreude, wann und wie ein »Inter­net­pi­rat« in Mos­kau in einem Kino eine Vor­füh­rung von »Cloud Atlas« abfilmt, um dann den Satz hin­zu­zu­fü­gen: »So in etwa muss es gewe­sen sein.« Hin­ter­her rät die Auto­rin noch, wie der Mann, den sie nicht kennt, sich dann zuhause am Com­pu­ter gefühlt hat, wäh­rend er den Film bear­bei­tet: »Womög­lich ist er ein wenig auf­ge­regt, viel­leicht stolz.«

Alles in dem Arti­kel sug­ge­riert, dass hier keine Kos­ten und Mühen der Recher­che gescheut wur­den, um den Leser gut zu infor­mie­ren. In Wahr­heit ist der Text vol­ler Unge­nau­ig­kei­ten, Feh­ler und zwei­fel­haf­ten Behaup­tun­gen, die Tors­ten Dewi in sei­nem Blog aus­führ­lich auf­ge­lis­tet hat.

Vor allem ist die zen­trale Behaup­tung des Dos­siers nicht halt­bar: dass die ille­ga­len Kopien ver­hin­dert hät­ten, dass »Cloud Atlas« ein Erfolg wurde; dass der teure Film nur des­halb gefloppt sei. Schon in der Unter­zeile über dem Arti­kel heißt es entsprechend:

Der Pro­du­zent Ste­fan Arndt hat mit »Cloud Atlas« den teu­ers­ten deut­schen Film aller Zei­ten her­aus­ge­bracht. Er braucht Zuschauer, die Kino­kar­ten und DVDs kau­fen. Das Geschäft funk­tio­niert — bis Pira­ten ille­gale Kopien des Films ins Inter­net stel­len. Auf­zeich­nung eines Raubzugs

Das »Zeit«-Dossier opfert eine dif­fe­ren­zierte Dar­stel­lung der Tat­sa­chen der Absicht, die behaup­tete zer­stö­re­ri­sche Kraft der ille­ga­len Kopien zu demons­trie­ren. Das Werk der Pira­ten ist auch für den Pro­du­zen­ten Ste­fan Arndt, dem die »Zeit« voll­stän­dig auf den Leim geht, eine bequeme Erklä­rung für den Miss­er­folg sei­nes Filmes.

Am Schluss des Tex­tes kommt die »Zeit« auf Google:

Auf der Pira­ten­web­site moviez.to fin­det sich der Name eines wei­te­ren bekann­ten Unter­neh­mens. Es ist der des mäch­tigs­ten Inter­net­kon­zerns der Welt. Google.

Das Unter­neh­men schal­tet aller­dings keine Wer­bung bei den Pira­ten. Sein Name fin­det sich ledig­lich im ver­steck­ten soge­nann­ten Quell­text der Web­site. Zwei Toch­ter­un­ter­neh­men von Google sind dort als Wer­be­ver­mitt­ler auf­ge­führt. Der Inter­net­kon­zern hilft den Film­pi­ra­ten dabei, Unter­neh­men zu fin­den, die bei ihnen Wer­bung schal­ten. (…) Nach einer Unter­su­chung der Uni­ver­si­tät von South Caro­lina in den USA ver­dient welt­weit kaum ein ande­res Unter­neh­men so viel Geld mit der Ver­mitt­lung von Wer­bung auf Pira­ten­sei­ten wie Google.

Google wollte sich gegen­über der »Zeit« angeb­lich nicht äußern, aber das Blatt fand eine Art Stroh­mann: Jea­nette Hofmann.

Hof­manns Haupt­thema ist das Urhe­ber­recht. Es geht um eine der größ­ten Ver­än­de­run­gen in der Geschichte der Markt­wirt­schaft. Bis­her basierte die­ses Sys­tem dar­auf, dass ein Pro­dukt dem­je­ni­gen gehört, der es her­ge­stellt hat, egal, ob es sich um ein Auto han­delt, eine Glüh­birne oder einen Kino­film. Die Her­stel­ler die­ser Pro­dukte wur­den vom Gesetz geschützt, vom Eigen­tums­recht, vom Urhe­ber­recht. Wenn es gut lief, wur­den sie reich mit dem, was sie geschaf­fen hatten.

Jetzt wer­den auf ein­mal Leute mit Din­gen reich, die sie ille­gal kopiert haben.

Das ist es, womit sich die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann beschäf­tigt. Sie hat dazu eine poin­tierte Mei­nung: Man brau­che gar kein Urhe­ber­recht. Sie sagt, es exis­tiere ja auch kein Urhe­ber­recht für Witze oder Koch­re­zepte. Den­noch bestehe auf der Welt kein Man­gel an Wit­zen und Koch­re­zep­ten, sie habe das selbst unter­sucht. Außer­dem gebe es eine Stu­die, wonach ohne­hin kaum ein Künst­ler von sei­ner Kunst leben könne. Trotz­dem werde wei­ter­hin Kunst pro– duziert. Warum muss man Künst­ler also schüt­zen? Warum ist es schlimm, ihre Pro­dukte zu kopieren?

Man kann es über­ra­schend fin­den, dass die Wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann sich so ein­deu­tig auf die Seite derer stellt, die mit ille­ga­len Film­ko­pien Geld ver­die­nen. Aller­dings nur für einen Moment. Bis man fest­stellt, dass Hof­mann und die 26 wei­te­ren For­scher des im ver­gan­ge­nen März gegrün­de­ten Insti­tuts nicht von der Humboldt-Universität bezahlt wer­den, obwohl sie ihre Büros in deren juris­ti­scher Fakul­tät bezo­gen haben. Son­dern von einem gro­ßen inter­na­tio­na­len Unter­neh­men. Von Google. Der Kon­zern ist der­zeit der allei­nige Geld­ge­ber des Insti­tuts, 4,5 Mil­lio­nen Euro hat er inves­tiert, für die ers­ten drei Jahre. Man kann sagen, ein Teil des Gel­des, das Google mit den Raub­ko­pien erwirt­schaf­tet, fließt in wis­sen­schaft­li­che Stu­dien, die zu dem Ergeb­nis kom­men, dass Raub­ko­pien keine schlechte Sache sind.

Es ist eine kal­ku­lierte Ruf­schä­di­gung, die die »Zeit« hier vor­nimmt. Sie unter­stellt, dass Google Ein­fluss hat auf die For­schung des Humboldt-Institutes — obwohl die Kon­struk­tion der Finan­zie­rung des­sen Unab­hän­gig­keit sicher­stel­len soll. Sie unter­stellt, dass die renom­mierte Wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann sich von Google hat kau­fen las­sen und bestellte wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nisse lie­fert. Und sie redu­ziert die dif­fe­ren­zierte Hal­tung Hof­manns zum Urhe­ber­recht auf eine plumpe, fal­sche For­mel, damit sie als per­fekte Pointe für ein plump ein­sei­ti­ges Dos­sier taugt.

Das Land­ge­richt Ham­burg hat der »Zeit« einst­wei­lig unter­sagt, zu behaupten:

  • »(Jea­nette Hof­mann forscht zum Urhe­ber­recht.) Sie hält es für überflüssig.«
  • »(Jetzt wer­den auf ein­mal Leute mit Din­gen reich, die sie ille­gal kopiert haben. Das ist es, womit sich die Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann beschäf­tigt.) Sie hat dazu eine poin­tierte Mei­nung: Man brau­che gar kein Urheberrecht.«
  • »Man kann es über­ra­schend fin­den, dass die Wis­sen­schaft­le­rin Hof­mann sich so ein­deu­tig auf die Seite derer stellt, die mit ille­ga­len Film­ko­pien Geld verdienen.«

Außer­dem darf die »Zeit« nicht mehr den Ein­druck erwe­cken, Jea­nette Hof­mann habe an Stu­dien zu ille­ga­len Film­ko­pien mitgewirkt.

Die »Zeit« hat die Mög­lich­keit, Wider­spruch gegen den Beschluss einzulegen.

Nach­trag, 24. April. Fort­set­zung hier.

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