Wenn was wäre, wäre aber echt was! Die SZ und die Sache mit Merkel und Kauder

10 Jun 14
10. Juni 2014

Ich male mir das so aus, dass sich irgendwie am Ende des langen Wochenendes plötzlich herausstellte, dass auf der prestigeträchtigen Seite 3 der „Süddeutschen Zeitung“ noch Platz war. Und dann in der Verzweiflung der Parlamentsredakteur angerufen wurde, was denn an der Sache dran sei, dass die Bundeskanzlerin unzufrieden sei mit Volker Kauder, das stünde ja in der „Bild am Sonntag“. Und der Parlamentsredaktionschef antwortete, also, puh, er hätte nichts dergleichen gehört, aber man könne ja nichts ausschließen, und wenn dem so wäre, was er natürlich nicht wisse, aber wenn, dann wär das schon, naja, schwierig. Und er also damit den Auftrag bekam, die Seite vollzuschreiben.

So ist es gewesen, wenn es so gewesen ist, und deshalb steht heute als Zweittext auf der Seite 3 der „Süddeutschen Zeitung“ ein Stück mit einer Überschriften-Frage, die gar nicht rhetorisch gemeint ist, und einem hübschen, alles sagenden Bildtext:

Der Artikel ist ein Meisterwerk der journalistischen Kunst, auf einer Glatze locken zu drehen. Nico Fried schreibt:

(…) Wenn es Dinge gibt, die kein anderer beantworten kann, fragt Kauder auch die Kanzlerin. So dürfte es an Pfingsten gewesen sein, nachdem der Fraktionschef in einer Boulevardzeitung lesen musste, dass Angela Merkel unzufrieden mit ihm sei und das auch im kleinen Kreis ausgeplaudert habe. Immerhin bedurfte es für Kauders mutmaßliche Nachfrage keines außerplanmäßigen Telefonates, denn am Wochenende sprechen der Fraktionschef und die Kanzlerin regelmäßig miteinander.

Nochmal zum Mitdenken: Der SZ-Korrespondent weiß, dass Merkel und Kauder am Wochenende regelmäßig miteinander telefonieren. Deshalb geht er davon aus, obwohl er es nicht weiß, dass sie es auch am vergangenen Wochenende taten. Und wenn sie es taten, dann geht er davon aus, obwohl er es nicht weiß, dass sie auch über die „Bild am Sonntag“-Sache miteinander sprachen.

Beeindruckend.

Grundsätzlich gilt, dass die Verbindung zwischen einem Regierungs– und einem Fraktionschef reißfest sein muss, sonst zerfasert in kürzester Zeit das ganze Gewebe der Macht. Deshalb wären Spannungen zwischen Merkel und Kauder, sollte es sie tatsächlich geben, mehr als eine atmosphärische Störung. Viel mehr.

Jahaha, viel, viel mehr. Vermutlich sogar noch viel mehr! Am hypothetischen Ende eines Gedankens, der von einer bloßen Möglichkeit unbekannter Wahrscheinlichkeit abhängt, lässt sich natürlich beliebig viel Gewicht aufstapeln.

Nun plötzlich missfällt Merkel angeblich, dass Kauder sich aus schwierigen Verhandlungen zu oft heraushalte und sein Job an Kanzleramtschef Peter Altmaier hängen bleibe. Außerdem soll die Kanzlerin bei Kauder Verantwortung dafür abladen, dass das Gemurre aus der Unionsfraktion über die Regierung in der Wirtschafts– und Sozialpolitik kein Ende nimmt. Verlauten ließ Merkel das alles der Bild am Sonntag zufolge unter Vertrauten, was für Kauder wohl das Unerfreulichste wäre — denn genau zu denen, und zwar den engsten Vertrauten, durfte er sich bisher zählen.

Ja, das wäre superunerfreulich für ihn, wenn es so wäre. Und es wäre auch superinteressant für einen Artikel, wenn es so wäre. Blöd halt, dass man nicht weiß, ob es so ist.

Oder ist es so? Auf der Zielgerade, nach über 100 Zeilen mit Ausmalungen des Möglichen, wagt die „Süddeutsche“ so etwas wie eine eigene Einschätzung:

Auch mit Merkel soll alles weiter in Ordnung sein, hieß es am Pfingstmontag aus sämtlichen erreichbaren sogenannten Umfeldern von Kanzlerin und Fraktionschef. Der Bericht über ihre Unzufriedenheit sei frei erfunden. Tatsächlich wäre Merkel, die für ihre Vorsicht berühmt ist, nicht mehr Merkel, wenn sie über ein politisch so sensibles Verhältnis wie das mit Kauder überhaupt in einem Kreis gesprochen hätte, auf dessen Verschwiegenheit sie sich nicht absolut verlassen kann.

Also: Vermutlich an allem nichts dran. Und wenn Sie sich als Leser an dieser Stelle schon leicht veräppelt fühlen, dann warten Sie ab, bis Sie den letzten Satz gelesen haben, der auf den zitierten Absatz noch folgt. Er lautet:

Andererseits passiert natürlich immer mal etwas irgendwann zum ersten Mal.

Ja. Vielen Dank für das Gespräch.

[via Christoph Herwartz]

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Der NDR stellt sich seinen Zuschauern: „Da könn’Se aber mal applaudieren!“

08 Jun 14
8. Juni 2014

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich viele lästige Fragen anhören in diesen Tagen. Fragen wie: Warum seid ihr so gut? Wie schafft ihr es, so unfassbar gut zu sein? Und: Ist es euch nicht schon peinlich, wie gut ihr seid?

Glücklicherweise hat der Norddeutsche Rundfunk ein Forum, um sich solchen Fragen zu stellen: die Sendung „Unser NDR — Reden wir drüber.“ Auf dem „Landpartie“-Fest in Worpswede standen die Verantwortlichen des Senders vor zwei Wochen Rede und Antwort.


von rechts: Bettina Tietjen, „der XXL-Ostfriese“, Pferd, NDR-Intendant Lutz Marmor

Die erste Frage, die der NDR ausgewählt und vorher aufgezeichnet hat, kommt von Bernd und Swaantje Reimers (die der NDR „Reime“ nennt) aus Himmelpforten und lautet so:

„Es passiert so viel in der Welt. Und der NDR deckt auch unheimlich viel auf. Woher bekommt der NDR eigentlich die Informationen, so zum Beispiel den Fall Snowden, so etwas aufzudecken? Der Weihnachtsmann aus unserem Ort, der weiß natürlich vieles. Aber wo bekommt der NDR halt diese Informationen her? Das würde mich halt sehr interessieren.“

„Ja“, flötet Moderatorin Bettina Tietjen, „die Frage gebe ich gleich mal weiter an Anja Reschke“, und gibt sie weiter an Anja Reschke, die dann bestätigt, dass es der Weihnachtsmann meistens eher nicht ist.

Tietjen nutzt die Gelegenheit, dass NDR-Intendant Lutz Marmor höchstselbst nach Walsrode Worpswede gekommen war, um bei ihm direkt nachzufragen:

„Macht Sie das auch ein bisschen stolz, dass sie so ein exzellentes Recherche-Team da am Start haben?“

Marmor kann ihr das bestätigten, aber Tietjen hakt sicherheitshalber nochmal beim Hörfunkdirektor des Senders nach:

„Und Joachim Knuth, der Hörfunk spielt da ja auch ‚ne ganz, ganz wichtige Rolle, bei diesen Recherchen.“

Knuth bestätigt ihr, dies sei in der Tat der Fall.

Bettina Tietjen erklärt nun, wie „hip“ der NDR ist:

„Sie können die Sendung zum einen auf ndr.de live verfolgen; Sie können auf Facebook, Twitter oder per E-Mail Ihre Fragen in die Live-Sendung reingeben. Das zeigt doch, wie hip wir sind vom NDR. Immer auf der Höhe der Zeit. Ganz dicht dran an diesen Kommunikationsmitteln, die jungen Leuten ja so wichtig sind. Denn dieser Dialog, der ständige Dialog mit den Zuhörern und den Zuschauern, der liegt uns vom NDR sehr am Herzen.“

Ein junger Mann hat vorab freundlich-zweifelnd in die Kamera formuliert, ob der NDR nicht vielleicht ein bisschen mehr für seine Generation machen könnte, nicht nur so punktuell. Bettina Tietjen gibt die Frage weiter an den Intendanten, nicht ohne sicherheitshalber auch den winzigen Hauch Restschärfe vorher komplett zu herauszufiltern:

„Ist ja schon jung, unser Programm, aber manchen noch nicht jung genug.“

Ja, hey, gut 60 Jahre Altersdurchschnitt beim NDR-Fernsehen, viel jünger kann man sich so ein Programm ja kaum vorstellen.

Lutz Marmor dreht aus der Vorlage die Aufforderung an die Politiker, den Sendern den Auftrag zu geben, einen Jugendkanal zu machen, „das ist ein Appell an die Länder, das können wir selbst nicht machen“.

NDR-2-Moderatorin Elke Wiswedel hat derweil mit den Besuchern vor Ort gesprochen und muss erstmal etwas sagen:

Was ich sagen muss: Ganz viel Lob gibt’s hier aus dem Publikum für den NDR-Hörfunk und das NDR-Fernsehen.

Sie hat aber doch eine Besucherin mit einer kritischen Frage gefunden: Warum ist die Sendung „Mein Nachmittag“ am Nachmittag nicht länger?

NDR-Niedersachsen-Moderatorin Tina Zemmerich stellt eine Frau vor, die „ganz großer NDR-Fan“ sei, sich aber beschweren müsse: Sie komme beim Bingo nie durch. Der Intendant will sich darum mal kümmern.

Elaiza sind zu Gast und singen zwei ihrer Lieder, und für einen winzigen Moment sieht es so aus, als wollte Bettina Tiejen die Gruppe loben. Aber was ist schon das Talent solche Künstler gegen die Leistung des NDR?

„Dass Elaiza, dass diese tolle Band, die wirklich vorher keiner kannte, also jedenfalls die breite Masse nicht, dass die es geschafft haben, dank! — dank! — unserer, dem NDR, dass wir so weit vorne sind mit den sozialen Netzwerken, dass wir es geschafft haben — per YouTube! — diese Mädels ganz nach oben zu holen, das ist doch ne dolle Leistung, oder?“

Lutz Marmor merkt kurz was und widerspricht, mit Geste zu den Künstlerinnen: „Das ist vor allem ihre Leistung.“ Naja, pfff.

Zurück zu Elke Wiswedel ins Publikum, die dort den Auftrag hat, Fragen einzusammeln, aber schon wieder erstmal was sagen muss:

„Ich muss sagen, ich hab vor allem ganz viel Lob. Ich lauf‘ rum und sage: Habt ihr ne Frage? Und die Leute sagen: ‚Wir finden alles ganz großartig!‘“

Es finden sich, über voraufgezeichnete Einspielfilme, aber dann doch eine Reihe kritischer Fragen: Warum öffentlich-rechtliche Inhalte im Netz nach einiger Zeit depubliziert werden müssen (aber dafür kann der NDR ja nichts), warum auch Radiohörer den ganzen Rundfunkbeitrag zahlen müssen (aber dafür kann der NDR ja nichts) und warum das NDR-Fernsehen nicht mehr in Bayern zu empfangen ist (aber dafür kann der NDR ja nichts).

Die Redaktion hat für die Sendung eine Frau ausgewählt, die in die Kamera sagt, dass sie morgens gerne Regionales im Radio hört. Sie hat zwar keine Frage, aber Bettina Tietjen improvisiert einfach eine:

Die einen haben gerne Internationales zum Frühstück, die anderen haben lieber Regionales zum Frühstück. Wie teilen Sie das auf? Sie müssen ja alles abdecken.

Das ist das Stichwort für Arno Beyer, den Chef des Landesfunkhauses Hannover, der für diesen Posten offenbar eine vielversprechende Karriere auf dem Fischmarkt, in der Fußgängerzone oder in einem Shopping-Sender aufgegeben hat:

Das versuchen wir möglichst vernünftig aufzuteilen. (…) Wir haben eine Menge Fans. Denn zwei Millionen Menschen schalten täglich morgens NDR 1 Niedersachsen ein, weil sie wissen, sie bekommen: Alles aus der weiten Welt. Alles aus Deutschland. Alles aus Niedersachsen. Und! Vor allen Dingen: alles aus Ihrer Region. 7:30 Uhr, 8:30 Uhr, für Worpswede, zuständig das Studio Oldenburg, wenn die nicht ausreichen noch das Studio Lüneburg, dann haben wir noch unseren Korrespondenten in Otterndorf bei Cuxhaven, und! Wir! Haben! Eine! Korrespondentin! Für! Verden! Das alles für Worpswede und umzu!

An dieser Stelle dreht sich Bettina Tietjen zum Publikum und ruft:

„Da könn’Se aber mal applaudieren, oder?“

Das Publikum applaudiert.

Die aufgezeichnete Frage von Imke Wemken aus Emden hat es auch in die Sendung geschafft. Sie lautet:

Wir fragen uns: Wie findet der NDR immer diese tollen, spannenden Themen aus den Regionen?

Später findet Bettina Tietjen noch Gelegenheit, den überraschenden Satz in der Sendung unterzubringen: „In Sachen Unterhaltung macht uns beim NDR keiner was vor.“

Ungefähr an dieser Stelle entwickelte ich den dringenden Wunsch, dass alle NDR-Verantwortlichen nach dem ganzen Geklopfe wenigstens wochenlang schlimme Hämatome an den Schultern von dieser Sendung zurückbehalten mögen.

Es wäre ein schwacher Trost, aber worauf soll man sonst hoffen? Einsicht?

Ich habe die einstündige Sendung, die sicher unter dem Arbeitstitel entwickelt wurde: „Der NDR ist das Tollste, was es überhaupt gibt auf der Welt“, zufällig und etwas verspätet entdeckt, als ich für die FAZ über die zweite Ausgabe des „WDR-Check“ schrieb, in dem sich Intendant Tom Buhrow den Fragen des Publikums stellt. Auch die WDR-Sendung ist einigermaßen harmlos, überwiegend läppisch und sichtlich nur daran interessiert, den Eindruck einer kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Programm zu erwecken. Aber immerhin hat der WDR gemerkt, dass es eine gute Idee ist, diesen Eindruck zu erwecken.

Der NDR verfilmt stattdessen original, wie eine Eigen-Propagandasendung des DDR-Staats-Fernsehens aussehen würde, wenn es das heute noch gäbe.

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Wie „Bild“ versucht, „Focus Online“ in die Bezahlschranken zu weisen

05 Jun 14
5. Juni 2014

Eine tolle Sache, dieser Streit zwischen „Bild“ und „Focus Online“. Seit Wochen schon kann man auf Twitter eine größere Zahl von Wut-Rülpsern von „Bild“-Leuten vernehmen. Sie ärgern sich schwarz, dass „Focus Online“ mit großer Konsequenz ihre exklusiven und für die Leser kostenpflichtigen „Bild plus“-Geschichten übernimmt und gratis anbietet.

Gestern hat sich Bild.de-Chef Julian Reichelt dann in den Branchendienst turi2 übergeben. Er bezichtigt den „Focus Online“-Chef Daniel Steil des Diebstahls und der Hehlerei. Steil hat früher in leitender Position bei „Bild“ gearbeitet, weshalb Reichelt ihm nachtrauert: „Er ist auf die dunkle Seite gewechselt.“ (Reichelt meint vermutlich: auf die andere dunkle Seite.)

Die „Bild“-Zeitung ist übrigens das Blatt, das vor drei Jahren 60.000 Euro Schadensersatz an die Zeitschrift „Lettre International“ zahlen musste, weil es ohne Genehmigung lange Passagen aus einem Interview mit Thilo Sarrazin abgedruckt hatte, aber das nur am Rande.

Um die Aufregung der „Bild“-Leute zu verstehen, muss man sich ansehen, wie hemmungslos „Focus Online“ die fremden Inhalte ausschlachtet. Nehmen wir den gestern veröffentlichten „Focus Online“-Artikel „TV-Moderatorin streitet versuchten Mord ab“. Er beruht auf zwei „Bild plus“-Artikeln („Staatsanwalt ermittelt gegen ‚Big Brother‘-Star“, „Jetzt spricht das Unfall-Opfer“). Ich habe dem kompletten „Focus Online“-Artikel mal die entsprechenden Original-Passagen gegenüber gestellt:

„Focus Online“

„Bild“

Der Unfall liegt schon eine Weile zurück, doch für einen Lastwagenfahrer hatte er schreckliche Folgen: Der 47-Jährige erlitt lebensgefährliche Verletzungen an der Halswirbelsäule und den Beinen. Zudem wurde er von den bleibenden Schäden berufsunfähig. Was ist passiert? Wie konnte das geschehen? Die Polizei ermittelte und glaubt nun die Täterin gefunden zu haben. Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung, soll es sich um eine TV-Moderatorin handeln. Demnach soll die 32-Jährige nicht nur die Verursacherin des tragischen Autounfalls zu sein, sondern auch Fahrerflucht und einen Vertuschungsversuch begangen haben.

Der Unfall ist fast ein Jahr her.

Der Lkw-Fahrer kam mit lebensgefährlichen Verletzungen an der Halswirbelsäule und an den Beinen ins Krankenhaus.

Jetzt will die Polizei die kaltblütige Unfall-Fahrerin ermittelt haben!
Nach BILD-Informationen soll es sich um die TV-Moderatorin und „Big Brother“-Star […] handeln.

Der Unfall ereignete sich am 26. Juli 2013. An diesem Morgen war ein Lkw-Fahrer kurz vor sechs Uhr früh dabei, seinen Lastwagen an einer Straße im Berliner Stadtteil Altglienicke zu überprüfen. Damals sei der 47-Jährige von einem unbekannten Fahrzeug erfasst worden, berichtet ein Polizeisprecher „Bild“ gegenüber. Der Autofahrer flüchtete jedoch und ließ den schwerverletzen Mann auf der Fahrbahn liegen.

Es war in den Morgenstunden des 26. Juli 2013. Der Lkw-Fahrer (47) war kurz vor 6 Uhr dabei, seinen Lastwagen an der Straße Am Falkenberg im Berliner Stadtteil Altglienicke fahrbereit zu machen.

Ein Polizeisprecher: „Der 47-Jährige wurde von einem damals unbekannten Fahrzeug erfasst. Der Autofahrer flüchtete und ließ den schwerverletzen Mann auf der Fahrbahn liegen.“

„Als ich aufgewacht bin, konnte ich mich nicht mal mehr an meinen Namen erinnern“, erzählte der Mann jetzt der „Bild“-Zeitung. Er müsse immer noch fünf Mal in der Woche zur Reha und Schmerzmittel nehmen. „Ich kann heute mit meinen Wunden leben. Aber kann das der Täter mit seinem schlechten Gewissen?“

Der LKW-Fahrer zu BILD: „Als ich aufgewacht bin, konnte ich mich nicht mal mehr an meinen Namen erinnern.“ Sein rechtes Bein war 18-mal gebrochen. Bis heute muss er fünfmal wöchentlich zur Reha, dreimal täglich Schmerzmittel nehmen. Die nächste OP steht im Herbst an. Er sagt: „Ich kann heute mit meinen Wunden leben. Aber kann das der Täter mit seinem schlechten Gewissen?“

Ähnlich äußert sich ein Polizeisprecher. „Die Behandlungen dauern bis heute an. Zudem ist von bleibenden Schäden und Berufsunfähigkeit infolge des Tatgeschehens auszugehen“, sagte er dem Blatt. „Der Fahrer hatte das Opfer mit lebensgefährlichen Verletzungen seinem Schicksal überlassen.“ Der Unfallort sei eine wenig befahrene Straße. Deshalb werde wegen versuchten Mordes ermittelt.

„Die Behandlungen dauern bis heute an. Zudem ist von bleibenden Schäden und Berufsunfähigkeit infolge des Tatgeschehens auszugehen“, sagt der Polizeisprecher.

Der Unfallort ist eine wenig befahrene Straße. „Der Fahrer hatte das Opfer mit lebensgefährlichen Verletzungen seinem Schicksal überlassen“, sagt der Polizeisprecher.

Deshalb wird wegen versuchten Mordes ermittelt.

Den Informationen von „Bild“ zufolge sei es Kriminaltechnikern erst mehrere Monate nach dem dramatischen Unfall geglückt, das Fahrzeugmodell zu bestimmen. Laut einem Beamten sei ein Fahrzeug in den Fokus der Ermittlungen geraten, das zwei Tage nach der Tat in Sachsen als gestohlen gemeldet worden war. „Der Wagen wurde wenig später in Polen mit Unfallspuren sichergestellt und steht im Ergebnis der kriminaltechnischen Untersuchungen als unfallverursachendes Fahrzeug zweifelsfrei fest“, erklärte ein Polizeisprecher.

Monate nach dem Horror-Crash gelang es den Kriminaltechnikern, das Fahrzeugmodell zu bestimmen.

Der Beamte: „Es geriet ein Fahrzeug in den Fokus der Ermittlungen, was zwei Tage nach der Tat in Sachsen als gestohlen gemeldet worden war.“

„Der Wagen wurde wenig später in Polen mit Unfallspuren sichergestellt und steht im Ergebnis der kriminaltechnischen Untersuchungen als unfallverursachendes Fahrzeug zweifelsfrei fest“, sagt der Polizeisprecher.

Der Mercedes konnte schließlich einer deutschen Fersehmoderatorin zugeordnet werden. Mittlerweile geht die Staatsanwaltschaft nach Informationen der „Bild“-Zeitung davon aus, dass der angezeigte Diebstahl als „ein Versuch des Vertuschens der Unfallbeteiligung“ zu werten ist. Deshalb werde gegen […] nun wegen versuchten Mordes ermittelt. Auch ihr 41 Jahre alter Verlobter geriet angeblich ins Visier der Polizisten. Er soll dem Ex-„Big-Brother“-Star geholfen haben, das Unfallauto nach der Tat aus dem Land nach Polen zu schmuggeln. Gegen ihn werde wegen Betruges zum Nachteil einer Versicherung und Vortäuschen einer Straftat ermittelt.

Es ist der Mercedes der TV-Moderatorin […]!

Die Staatsanwaltschaft geht mittlerweile davon aus, dass der angezeigte Diebstahl als „ein Versuch des Vertuschens der Unfallbeteiligung“ zu werten ist.

Deshalb wird gegen […] jetzt wegen versuchten Mordes – und gegen ihren Verlobten (41) wegen Betruges zum Nachteil einer Versicherung und Vortäuschen einer Straftat ermittelt.

Ihr Verlobter soll […] geholfen haben, dass Unfallauto nach der Tat nach Polen zu bringen.

Die TV-Moderatorin dementiert den Verdacht. Sie äußerte sich gegenüber „Bild“: „Wir waren das nicht. Wir haben damit nichts zu tun. Ich habe zu diesem Zeitpunkt gearbeitet.“ Ein Ermittler aber glaubt die Wahrheit zu kennen: „In den Vernehmungen zeigt sie sich eiskalt und ohne Anflug von Reue“, zitiert ihn „Bild“.

Die TV-Moderatorin am Dienstag zu BILD: „Wir waren das nicht. Wir haben damit nichts zu tun. Ich habe zu diesem Zeitpunkt gearbeitet.“

Ein Ermittler zu BILD: „In den Vernehmungen zeigt sie sich eiskalt und ohne Anflug von Reue.“

Das entspricht einer quasi-vollständigen Übernahme der Informationen aus den beiden „Bild“-Artikeln. Jedes Zitat eines der Beteiligten wurde verwertet. Wer auf einen der Links zu „Bild“ klickte, erführe dort nichts Wesentliches, was nicht schon bei „Focus Online“ steht.

(Lustigerweise haben die „Focus Online“-Leute beim Kopieren an einer Stelle sogar den Namen der Beschuldigten übernommen, den sie sonst aus ihrem Text getilgt hatten. Man unterschätzt sie leicht, die Tücken des Copy & Paste.)

„Focus Online“ kopiert alles. Nicht nur aus „Bild“-Artikeln, aber natürlich ist „Bild“ eine besondere Fundgrube für ein solches konsequent auf Reichweitenmaximierung angelegtes Online-Angebot.

Wenn Uli Hoeneß vor seinem Haftantritt noch einmal kurz einen „Bild“-Mann zurückruft und ihm ein paar Sätze sagt, steht all das hinterher nicht nur (kostenpflichtig) auf „Bild plus“, sondern auch (frei) auf „Focus Online“, mit ausführlichsten Original-Zitaten, gekürzt nur um das unwesentlichste Drumherum und ein paar eitle Belanglosigkeiten. Wenn ein angeblicher „WhatsApp“-„Insider“ mit „Bild“ über die Probleme und Pläne bei dem Nachrichtendienst spricht, pickt sich „Focus Online“ daraus nicht die vermeintliche Nachricht oder ein, zwei knackige Zitate, sondern erzählt den kompletten Artikeln, fast ohne Auslassung, nach.

Das wird nicht besser dadurch, dass „Focus Online“ immer und immer wieder die Quelle nennt und geradezu übertrieben oft darauf verlinkt — es gibt ja tatsächlich keinen Grund, auf den Link zu klicken.

Das alles ist, ohne Frage, extrem dreist.

Es scheint aber, erstaunlicherweise, nicht rechtswidrig zu sein. Zumindest räumt Julian Reichelt das ein, was ihn nicht daran hindert, „Focus Online“ zu bezichtigen, Straftaten zu begehen. In der Logik eines „Bild“-Menschen geht das problemlos: Jemanden, der etwas tut, was nicht strafbar ist, einer Straftat bezichtigen und auf Nachfrage auch darauf beharren.

Dass das umfangreiche, fast vollständige Kopieren von Inhalten, wie es „Focus Online“ betreibt, laut „Bild“ rechtlich nicht angreifbar ist, ist aber auch deshalb erstaunlich, weil man jahrelang so getan hatte, als ob es gegen genau das doch ein Mittel gebe: Ein Leistungsschutzrecht.

Nun ist dieses Leistungsschutzrecht da — und es hilft doch nicht gegen „Diebe“ und „Hehler“? Sollte es etwa so sein, dass es bei dem Leistungsschutzrecht gar nicht um den Schutz vor solchen Leuten ging, die sich systematisch an eigenen, womöglich teuer erstellten Inhalten bedienen und darauf ein eigenes Geschäftsmodell aufbauen? Sondern dass das nur ein Vorwand war, um ein Gesetz zu bekommen, mit dem sich (womöglich, bestenfalls, wie auch immer) ein Teil der Einnahmen von Google abzwacken lässt?

Okay, das ist gar keine überraschende Erkenntnis. Aber schön, dass das gerade in dieser Anschaulichkeit der Öffentlichkeit vorgeführt wird. Und das auch noch am Beispiel von „Focus Online“, einem Unternehmen aus dem Hause Hubert Burda, dem Präsidenten des Verbandes deutscher Zeitschriftenverleger, der an vorderster Front für das Leistungsschutzrecht gekämpft hat und dabei Sätze formulierte, die vor dem Hintergrund des „Focus Online“-Geschäftsmodells nachträglich ganz besonders schön schimmern:

[…] wer die Leistung anderer kommerziell nutzt, muss dafür bezahlen. Dieses ökonomische Grundprinzip muss auch im digitalen Zeitalter mit seiner „Link-Ökonomie“ gelten. Sonst sehen wir der schleichenden Enteignung der Inhalte-Produzenten tatenlos zu.

Der Zorn der „Bild“-Leute über die Ausbeutung ihrer Inhalte ist nachvollziehbar. Sie sind besonders wütend, weil sie so machtlos sind und weil der Gegner einer der ihren ist (die Möglichkeit, dass Verlage die Ausbeuter sind und nicht die Ausgebeuteten, war in der ganzen Leistungsschutzrecht-Debatte irgendwie gar nicht vorgesehen). Und besonders auf die Palme muss sie treiben, dass der Gegner so gut ist.

Im Interview mit turi2 beklagt Bild.de-Chef Reichelt ausdrücklich, dass „Focus Online“ die ausgeschlachteten „Bild“-Inhalte „durch die berüchtigte Focus.de-Google-Optimierung laufen“ lässt. „Berüchtigt“ ist diese Optimierung aus Bild.de-Sicht natürlich nur, weil sie so gut funktioniert. Als ob Bild.de nicht selbst gerne seine Inhalte, zumindest die freien, so optimiert hätte wie „Focus Online“. Reichelt und seine Kollegen nehmen dem „Focus“ nicht nur übel, dass er ihnen etwas wegnimmt, sondern dass er auch noch das meiste daraus macht.

Im Gegensatz dazu hat „Bild“ mit seiner selbstgewählten Paid-Content-Strategie dafür gesorgt, dass seine Inhalte für den flüchtigen Suchmaschinenbenutzer unsichtbar sind. Reichelt sagt im Turi2-Interview: „Paid-Inhalte werden von Google nicht angezeigt.“ Tatsächlich stimmt das — auf „Bild plus“-Inhalte bezogen. Paid-Inhalte zum Beispiel vom „Hamburger Abendblatt“ werden durchaus von Google angezeigt, und zwar sowohl in der Web– als auch in der News-Suche. Letzteres liegt daran, dass das „Abendblatt“ der „Erster Klick gratis“-Vorgabe folgt und Besuchern, die auf diesem Weg kommen, einen Blick hinter die Bezahlschranke gestattet. Aber selbst die britische „Times“, die das nicht tut, wird mit ihren Paid-Inhalten bei Google und Google News gelistet.

Vielleicht kann Herr Reichelt mal erklären, warum „Bild“ das mit seinen „Plus“-Inhalten nicht gelingt — und so zur Profitmaximierung der angeblichen „Hehler“ noch beiträgt.

Vermutlich sind sie bei „Bild“ aber ohnehin noch mit dem Auswechseln all der Sicherungen beschäftigt, die ihnen in den vergangenen Wochen im Streit mit „Focus Online“ durchgebrannt sind. Neulich haben sie sich sogar ganz besonders darüber aufgeregt, dass der, äh, Mitbewerber es wagte, eine „Bild“-Exklusiv-Nachricht nicht nur selbst zu melden, sondern sogar als „Eilmeldung“ an seine App-Nutzer zu verschicken. Anscheinend gilt: Über Dinge, die „Bild“ rauskriegt, darf nur „Bild“ seine Leser mit der gebotenen übertriebenen Dringlichkeit informieren.

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Wie Waldo im Wimmelbild: Journalismus und die Inflation von Online-Werbung

04 Jun 14
4. Juni 2014

Nichts gegen Werbung. Werbung ist theoretisch und oft auch praktisch eine wunderbare Art, hochwertige Inhalte zu finanzieren. Das Unternehmen gibt Geld und ich zahle mit meiner Aufmerksamkeit.

Das ist oft ein guter, fairer Deal für alle Beteiligten: Leser, Medium, Werbetreibender.

Online aber ist aus Werbung ein Monster geworden, das alles zu fressen und zersetzen droht. Es gibt hier ein solches Überangebot an Werbeflächen, dass Werbung fast nichts kostet. Weil die einzelne Anzeige so wenig einbringt, vervielfältigen die Medien das Angebot an Werbeflächen — auf jeder einzelnen Seite und durch eine Maximierung der Klickzahlen. Durch die Vervielfältigung der Werbung sinkt der Wert jeder einzelnen Fläche weiter, ein Kreislauf: Inflation.

Machen wir es konkret. Nehmen wir die „Düsseldorf“-Seite der „Rheinischen Post“. Ich habe das ganze Werbegedöns mal abgeschnitten; das hier rechts ist die Spalte mit den eigentlichen Inhalten.

Könnte man glauben.

Nur dass jeder dritte Artikel eine Anzeige ist.

Es steht sogar das Wort „Anzeige“ darüber, und wenn man es weiß, kann man es an der Dachzeile erkennen, die nicht grau, sondern orange ist. Und am Rhythmus natürlich: Redaktion, Redaktion, Werbung; Redaktion, Redaktion, Werbung …

Die bezahlten Inhalte sind gekennzeichnet. Getrennt von den redaktionellen Inhalten sind sie nicht. Sie sehen aus wie Artikel. Sie sind Artikel. Das ist native advertising.

Die ganze Gestaltung ist darauf angelegt, dass man das eine mit dem anderen verwechseln kann und soll. Und selbst wenn man es nicht verwechselt: Dass man bewusst an den als Artikelanrisse gestalteten Werbeinhalten vorbeilesen muss.

Für zwei Artikel-Anrisse einen Anzeigen-Anriss lesen. Das ist der Preis, den derjenige zahlt, der sich bei der „Rheinischen Post“ kostenlos und werbefinanziert über Düsseldorf informieren will.

(Der Preis, den die „Rheinische Post“ dafür zahlt, dass sie die Arbeit ihrer Journalisten verwechselbar mit irgendwelchen Anzeigentexten macht und eine klare gestalterische Trennung für verzichtbar hält, steht auf einem anderen Blatt. Aber für jemanden, der heute möglichst viel Geld verdienen will und sich nicht um sein Image morgen sorgt, ist das kein Problem.)

Nehmen wir an, ein Leser schafft es, auf einen Teaser zu klicken, der tatsächlich zu einem redaktionellen Inhalt führt. Zum Beispiel eine etwas rätselhafte Meldung des nordrhein-westfälischen Landesdienstes von dpa über einen Termin in einem Düsseldorfer Hotel: Udo Lindenberg zeigte hier der Presse, wo er vor vielen Jahren gearbeitet hat.

Oben auf der Seite ist ein Banner mit Autowerbung. Über dem Artikel ist ein Banner mit Werbung einer Fluggesellschaft. Rechts neben dem Artikel ist ein Banner mit Telefonanbieter-Werbung. Im Artikel stehen Textanzeigen für Udo-Lindenberg-Bilder …

… und, ironischerweise, für einen Journalismus-Lehrgang. Unter dem Artikel steht eine Textanzeige für ein Open-Air-Festival.

Links neben dem Artikel ist Werbung für ein Jazz-Festival, für eine Medizin-Schule, für Sprachreisen, für das Rheinland. Man kann sie leicht an der orange hinterlegten Zeile und dem Wort „Anzeige“ darüber erkennen.

Der graue Kasten darunter hat keine orange hinterlegte Zeile und keine Kennzeichnung als „Anzeige“, ist aber auch eine.

Gelb hinterlegte Rubriken scheinen für redaktionellen Inhalt stehen; orange hinterlegte Rubriken für werblichen Inhalt. Könnte man glauben.

Unter dem Artikel ist eine gelbe Rubrik „Das könnte Sie auch interessieren“ mit redaktionellen Empfehlungen. Danach folgt eine ebenfalls gelbe Rubrik „Mehr aus dem Web“ mit Werbelinks, erkennbar nur daran, dass darunter in hellgrau fast zu lesen ist: „Content Anzeigen empfohlen von …“.

Ganz rechts unten schiebt sich gelb ein Kasten „Auch interessant“ in die Seite. Eine Anzeige.

Außerdem steht neben und unter dem Artikel noch Werbung für: ein Auto, „Zukunft stechnik aus Asien“, ein Casino, einen Obsthof.

Das mitten im Artikel eingebundene Video von center.tv trägt zwar den Titel „Udo Lindenberg in Düsseldorf“, bezieht sich aber auf einen über ein halbes Jahr zurückliegenden Besuch (und beginnt natürlich erst nach einem halbminütigen Werbevideo).

Die verlinkte 16-teilige und mit dem Anlass des Artikels nur sehr indirekt verbundene Klickstrecke „Das ist das Hotel Atlantic in Hamburg“ besteht ausschließlich aus PR-Fotos des Hotels.

Die verlinkte 13-teilige Klickstrecke „Bildband Udo Lindenberg ‚Stark wie zwei‘“ ist Jahre alt und nur scheinbar redaktionell: Sie besteht aus Fotos aus dem Buch und dem PR-Text des Verlages.

Weitere Werbung verbirgt sich auf der Seite im Inhaltskasten oben, der sich öffnet, wenn man mit der Maus darüber fährt: Für einen Autohersteller („erkennbar“ an der orangen Färbung), einen Reiseanbieter, Lotto, noch einen Reiseanbieter.


Ich könnte ewig so weitermachen. In den Menuleisten finden sich manchmal kleine Texte, wie hier „Ihre Meinung NRW“. Man muss den Mauszeiger ein paar Sekunden darüber halten, um vor dem Klick zu erfahren, dass es sich um Werbung handelt. (Echte Profis erkennen es vermutlich daran, dass hinter dem Wort ein kleiner oranger Pfeil ist.)

Inhalte, die auf einer Seite als Anzeige verlinkt sind, kommen auf einer anderen Seite dann als scheinbar redaktionelles „Extra“ daher. Und natürlich befindet sich im Fuß der Seiten immer ein branchenüblicher Kasten mit „Top-Services“, wohinter sich, bunt gemischt, redaktionelle Inhalte, bezahlte Werbung und fremde E-Commerce-Angebote verbergen.

Und im Seitenkopf stehen noch Links zu diversen redaktionellen oder E-Commerce-Angeboten, an denen die „Rheinische Post“ irgendwie beteiligt ist.

27 Werbelinks habe ich alleine auf der Seite mit dem kleinen dpa-Artikelchen über Udo Lindenberg gezählt, und ich bin sicher, ich habe welche übersehen. Die RP-Online-Seiten sind prachtvolle Wimmelbilder aus werblichen Inhalten, in denen sich der Journalismus fast wie Waldo versteckt. Hier dient Werbung nicht mehr der Finanzierung von Journalismus; hier ist Journalismus nur noch ein Vorwand dafür, Leser an die werbungtreibende Industrie zu verkaufen, zur Not durch Täuschung. Seien wir ehrlich: Bei RP-Online macht Werbung hochwertige Inhalte nicht möglich, sondern unmöglich.

Ich bin mir nicht sicher, ob das ein nachhaltiges Modell zur Finanzierung von Journalismus ist.

Offenlegung: Ich bin Autor bei „Krautreporter“, einem Versuch, Journalismus radikal anders zu finanzieren.

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Das „britische Erdbeben“, der „Durchmarsch“ der UKIP — und die Realität

24 Mai 14
24. Mai 2014

Bei „Spiegel Online“ sind sie ganz aufgeregt. Gut, das sind sie immer, aber sie sind es auch wegen der Ergebnisse der Kommunalwahlen in England. Ein „Erdbeben“ habe sich in Großbritannien ereignet, schnappatmet der Bericht; die britische Unabhängigkeitspartei Ukip feiere einen „Durchmarsch“ und „Sieg“.

Und tatsächlich sind das ja spektakuläre Ergebnisse:

Quasi aus dem Nichts hat die United Kingdom Independence Party weit über 100 Sitze geholt. Kein Wunder, dass die anderen Parteien schockiert sind.

Winziges Detail: Die BBC-Grafik da oben ist von 2013. Es waren die englischen Kommunalwahlen vor einem Jahr, bei denen die UKIP mit ihrem Erfolg die politische Landschaft in Großbritannien erschütterte. Bei den Wahlen in dieser Woche hat sie diesen Erfolg nur in Wahlkreisen, in denen damals nicht gewählt wurde, wiederholt.

Hochgerechnet auf ganz Großbritannien hätte UKIP nach BBC-Schätzungen bei den Wahlen in diesem Jahr 17 Prozent der Stimmen bekommen. Im vergangenen Jahr waren es 23 Prozent.

Das heißt, die Zustimmung für die Partei ist gegenüber dem Vorjahr sogar ein bisschen gesunken. Das Bemerkenswerte an den Ergebnissen dieser Woche ist nicht, dass die UKIP spektakulär Stimmen gewonnen hätte. Das Bemerkenswerte ist, dass sie diesen Erfolg beinahe wiederholt hat. Es ist keine Geschichte eines Durchbruchs, sondern der Beständigkeit.

Das macht sich in einer Google-Suche, als klickträchtige Überschrift und überhaupt: für ein Medium wie „Spiegel Online“, das seinen Lesen jeden Tag die aufregendsten Nachrichten verspricht, natürlich nicht so gut wie die Zeile: „Das britische Erdbeben“.

Und um die Sache noch spektakulärer zu machen, spricht „Spiegel Online“ sogar von einem „Durchmarsch“ der UKIP. Ein „Durchmarsch“, an dessen Ende die UKIP nach Sitzen in den Bezirken, in denen gewählt wurde, viertstärkste Partei ist, hinter Labour, Konservativen und Liberaldemokraten. Ein „Durchmarsch“, an dessen Ende die UKIP keine einzige Ratsmehrheit erobern konnte.

Wenn das Wort „Durchmarsch“ nicht bloß die Bedeutung hat: „Oh mein Gott, hier ist etwas passiert, das nach einem wahnsinnigen Erfolg aussieht“, dann war das in dieser Woche kein Durchmarsch der UKIP. Aber wenn die UKIP tatsächlich irgendwann einen „Durchmarsch“ schafft, dann wird „Spiegel Online“ schon einen entsprechenden neuen Begriff finden, der dann noch größer und durchmarschiger klingt.

Es ist ein Journalismus, dem es im Zweifel darum geht, das Adrenalin zu maximieren, nicht das Verständnis.

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