Wir sehen eine sehr alte, sehr buck­lige Frau, die müh­sam eine Bowling-Kugel auf die Bahn hievt, die unwahr­schein­li­cher­weise alle Pins abräumt, und der Spre­cher sagt aus dem Off: »Oma Crackle ist die ein­zige, die Miss Mar­ple in meh­re­ren sport­li­chen Dis­zi­pli­nen bedient hat. 1907 im Fech­ten, 1910 im Hand­feu­er­waf­fen­schie­ßen der Damen und 1911 im Salatcatchen.«


Wir sehen ein Mäd­chen, das wild in einer Hüpf­burg her­um­ge­schleu­dert wird, und der Spre­cher sagt aus dem Off: »Das ›Fabel­hafte Flat­te­rin­chen‹ erzählt die Geschichte einer klei­nen Obst­motte, die sich in ein Fach­ge­schäft für Flie­gen­git­ter ver­irrt hat. Die­ses geniale Werk gehört auf jeden Gabentisch.«


Wir sehen eine Kut­sche mit einer Hoch­zeits­ge­sell­schaft, die umkippt, als das Pferd durch­geht, und der Spre­cher sagt aus dem Off: »Nach dem Vor­bild von Krystle und Blake Car­ring­ton aus dem ›Den­ver Clan‹, die drei­mal gehei­ra­tet haben, ohne je geschie­den wor­den zu sein, erlebt der Ten­nis­profi Craig Jack­son einen nicht enden wol­len­den Honey­moon mit sei­ner Dau­er­freun­din Loreen.«

Monty Arnold hat aus der Text-Bild-Schere eine Kunst­form gemacht. Seit sie­ben­ein­halb Jah­ren schreibt und spricht er die Kom­men­tare zu den Pan­nen­clip­shows auf RTL und Super-RTL. Heute Nacht beginnt auf RTL eine Staf­fel mit zehn neuen Fol­gen. Zeit für eine Würdigung.

Begin­nen wir vor vier­zig Jah­ren, in einer Zeit, als es in Deutsch­land nur drei Pro­gramme gab und das ZDF frei­tags am Vor­abend in ganz eige­ner Weise das Wochen­ende ein­läu­tete: mit Schwarz-Weiß– und Stummfilm-Klassikern von Pat & Pata­chon und Lau­rel & Hardy, die neu arran­giert auf ein fern­seh­freund­li­ches 25-Minuten-Format gebracht wurden.

Ab 1973 lie­fen hier unter dem Namen »Väter der Kla­motte« ame­ri­ka­ni­sche Slap­stick­film­schnip­sel aus den 1930er Jah­ren, die mit gro­ßer Lust an der Albern­heit in iro­ni­schem, leicht par­für­mier­ten Ton von dem Kaba­ret­tis­ten Hanns Die­ter Hüsch kom­men­tiert wur­den. Der Witz bestand nicht sel­ten in der Dis­kre­panz zwi­schen dem Ori­gi­nal­ma­te­rial und dem, was Hüsch und die ZDF-Leute dar­aus machten.

Die Filme fin­gen typi­scher­weise mit Sät­zen an wie:

Unser heu­ti­ger Bericht nimmt sei­nen Anfang in den Geschäfts­räu­men eines gut gehen­den Unter­neh­mens der Immo­bi­li­en­bran­che. Hier beklei­det Charly Chase der­zeit den ver­ant­wor­tungs­vol­len Pos­ten eines drit­ten Hauptbuchhalters.

Oder auch:

Nach die­sem für alle recht rühm­li­chen Aus­gang sind wir nun bei Multi-Millionär Franz-Erich Klein­geld, des­sen ein­zige Toch­ter, die lieb­rei­zende Hei­de­ma­rie, bereits fest dem begü­ter­ten Baron Poma­dius von Blan­ke­nese ver­spro­chen ist.

Hüsch und seine Off-Texte waren stil­prä­gend für die Art, wie Monty Arnold seine »Upps«-Kommentare anlegt: »Ich bin natür­lich ein gro­ßer Hanns-Dieter-Hüsch-Jünger«, sagt er. »Der Mann ist von den vie­len Vor­bil­dern, die ich habe, das größte und wich­tigste. Ich ver­ehre ihn hün­disch. Ich for­mu­liere die Frage zwar nicht aus, aber eigent­lich steht sie für mich immer über der Arbeit an ›Upps‹: ›Was hätte Hüsch jetzt gesagt?‹«

Schon Mitte der neun­zi­ger Jahre hatte Monty Arnold, der damals als Syn­chron­spre­cher arbei­tete und als Komi­ker auf­trat, kurz­zei­tig eine Pan­nen­show mit ähn­li­chem Kon­zept betex­tet: »Smile« auf RTL 2. 2005 kam ver­mut­lich des­halb die Pro­duk­ti­ons­firma Stra­ßen­fe­ger auf ihn, als es darum ging, für Super-RTL aus dem rie­si­gen Fun­dus, den Mit­ge­sell­schaf­ter Dis­ney von Ama­teur­auf­nah­men hin­fal­len­der Kin­der, ver­un­glü­cken­der Hei­nis und sich ver­ga­lop­pie­ren­der Tiere hat, eine Clip­show zu machen. Die Quo­ten der ers­ten Sen­dun­gen von »Upps! Die Pan­nen­show« auf Super-RTL war so sen­sa­tio­nell, dass die große Schwes­ter RTL das sofort haben wollte. Dank der direk­ten Ver­bin­dung zu Dis­ney konnte es sich das kleine Super-RTL aber erlau­ben, die Show nicht abzu­ge­ben, son­dern zu sagen: »Ihr könnt ja auch eine machen.«

Und so gab es ab Ende 2005 zwei Auf­träge für Monty Arnold — und zwei Pan­nen­shows: eine, die die Quo­ten in der Prime­time von Super-RTL explo­die­ren ließ, und eine, die auf RTL zwi­schen zwei Tei­len von »Deutsch­land sucht den Super­star« lief und dort die absurd große Zahl von bis zu sechs Mil­lio­nen Zuschauer erreichte.

Natür­lich weiß nie­mand, wel­chen Anteil Monty Arnolds sprach­ver­liebte Texte an die­sem Erfolg haben und ob nicht die meis­ten Men­schen genauso glück­lich gewe­sen wären, ein­fach schnell zu Musik geschnit­tene Bil­der von auf­dit­schen­den Hei­opeis, unter­legt mit lus­ti­gen Onk-, Huiiii-, Öttel– und Dengel-Geräuschen zu sehen. Ande­rer­seits half der Erfolg, dass Arnold rela­tiv unbe­hel­ligt von Beden­ken­trä­gern und Witz­nicht­ver­ste­hern mit sei­ner spe­zi­el­len Art des Humors wei­ter machen konnte.

Sein Glück ganz am Anfang war, dass diese Clip-Show, wie er sagt, »ein sehr klei­nes, unwich­ti­ges Thema in die­ser gan­zen Sen­der­struk­tur« war. Das ermög­lichte es ihm, sei­nen Humor durch­zu­set­zen — vor allem, weil er klare Vor­stel­lun­gen hatte, wie das wer­den sollte, die Auf­trag­ge­ber aber nicht. »Von Klei­nig­kei­ten abge­se­hen haben die mich machen las­sen und ich musste denen nicht meine Witze erklä­ren — was ja auch gar nicht gegan­gen wäre: Wenn man es könnte, wäre es nicht mehr komisch. Das blieb bis heute so, dass ich keine Sche­ren im Kopf habe, son­dern fröh­lich vor mich hinarbeite.«

Monty Arnold geht durch die Welt und macht sich Noti­zen. Schreibt sich lus­tige Namen auf, die ihm irgendwo begeg­nen, Buch­an­fänge, die ihm ein­fal­len, Plots für irgend­wel­che Geschich­ten. »Ganz stolz bin ich auf meine Kat­zen­na­men«, sagt er. »Ich hab bestimmt 60 Kat­zen­na­men erfun­den, die dann bei ›Upps‹ manch­mal auf­tau­chen, Pus­se­liese und Schnur­ri­nate und Milbertine …«

Seine selbst­ge­mach­ten Notiz­bü­cher hat er »Notary Sojac« genannt, und so nennt er auch heute die ent­spre­chen­den Archive auf sei­nem Com­pu­ter. »Notary Socac« ist ein eigent­lich sinn­lo­ser Begriff, der immer wie­der in den »Gaso­line Alley«-Comicstrips auf­tauchte. Aber gele­sen hat er haupt­säch­lich andere: »Die Marvel-Comics waren abge­se­hen von Hüsch meine wich­tigste kul­tu­relle Prä­gung«, sagt Monty Arnold, »auch was die Liebe zur Spra­che angeht.«

Manch­mal sitzt er bei der Arbeit vor einem »Upps«-Clip, den er betex­ten soll, und sagt sich: »Es gab mal beim ›Hulk‹ eine Situa­tion, wie war denn noch die For­mu­lie­rung«, geht an den Schrank mit der gro­ßen Marvel-Comic-Sammlung, die er sei­nem gro­ßen Bru­der mal abge­luchst und dann ver­voll­stän­digt hat, und fin­det bin­nen 80 Sekun­den (er sagt wirk­lich »bin­nen«) das rich­tige Heft.

Etwa eine Woche braucht er für eine Stunde Clip-Rohmaterial. Er macht es sich gemüt­lich in sei­ner Woh­nung in Ham­burg, lässt alte sym­pho­ni­sche Film­mu­sik lau­fen und schaut, dass er noch par­al­lel irgend­et­was zu tun hat, Zei­tungs­aus­schnitte ein­pfle­gen, sowas, womit er sich immer ein paar Minu­ten beschäf­ti­gen kann, um zwi­schen­durch Abstand zu bekom­men. Meis­tens wird dann eine Asso­zia­tion aus dem Hin­ter­kopf nach vorne gereicht. Oder es tritt eine blöde Katze auf, dann guckt er in sei­nen Katzenordner.

Er rei­chert sein Beschrei­bun­gen und Nicht­be­schrei­bun­gen mit Namen wie »Her­ku­lette Pfen­nig­fort« an, gibt den Clips eine absurde Kon­kret­heit oder eine über­trie­bene Über­hö­hung. Zu einem Kind, das mit einem quer gehal­te­nen Besen gegen den Tür­rah­men bret­tert, for­mu­liert er: »Ein­mal mehr schei­tert ein früh­be­gab­tes Kind an der Enge sei­ner Ver­hält­nisse. Frau Fami­li­en­mi­nis­te­rin, Sie dür­fen nicht län­ger schwei­gen!« Und wenn ver­wa­ckelte Bil­der von einem Mann zu sehen sind, des­sen Ver­such, eine Wand hoch­zu­klet­tern, unglück­li­cher­weise nicht im Was­ser­be­cken endet, son­dern auf dem Rand dane­ben, sagt er: »Merzig-Wadern hat jetzt ein eige­nes Wellness-Sanatorium. Die zuvor in die­sen Räu­men unter­ge­brachte Stuntmen-Erziehungsanstalt musste wegen zahl­rei­cher Krank­mel­dun­gen geschlos­sen werden.«

Zum Home­vi­deo von einem Mann, des­sen Ruder­boot bei der Rück­kehr ans Ufer auf trau­rigste Art absäuft, lau­tet der Text: »Was den Schul­kin­dern stets ver­schwie­gen wird, ist, dass Odys­seus nicht von Anfang an nicht der ver­we­gene Mit­tel­meer­seg­ler war, als den ihn die Geschichts­bü­cher heute hinstellen.«

Und natür­lich könnte schon jedes Kind, das die »Was pas­siert dann«-Bilder aus der »Sesamstraße«-kennt, vor­her­sa­gen, was sich hier gleich ereig­nen wird:

Umso schö­ner, wenn es wäh­rend­des­sen aus dem Off heißt: »Ver­geb­lich ver­sucht Rangi in dem Erpel, den er auf dem Erlan­ge­ner Comic-Salon bei einer Tom­bola gewon­nen hat, den Geist von Donald Duck zu erblicken.«

Wenn sie gelin­gen, geben Monty Arnolds Kom­men­tare der klei­nen schmut­zi­gen Film­pa­rade, die sich an unsere nie­de­ren Humor­in­stinkte rich­tet, einen dop­pel­ten Boden, weil ihre Albern­heit auf ganz ande­rer Ebene stattfindet.

»Ich bin gar nicht so sehr der Scha­den­freu­de­typ«, sagt Monty Arnold. Er mag lie­ber den Witz, der im Moment ent­steht, wenn man plötz­lich etwas begreift. In die­sem Sinne ver­steht er auch seine Texte, die oft als Bild­un­ter­schrif­ten oder Erklär­texte daher­kom­men, wenn er den Jar­gon einer Repor­tage oder einer Abhand­lung imitiert.

»Das hat Hüsch ja auch gemacht, wenn er die ›Väter der Klamotte‹-Sendungen so anfan­gen ließ: ›Unser heu­ti­ger Bericht schil­dert in anschau­li­cher Weise die schlim­men Fol­gen des Alko­hol­kon­sums.‹ Es sind fast immer Par­odien auf Sachtexte.«

Hand­werk­lich sei sein Vor­ge­hen und das von Hüsch das glei­che: ohne den O-Ton zu nut­zen oder zur Ver­fü­gung zu haben, aus dem Mate­rial machen zu kön­nen. (Hüsch dachte sich Namen wie The­rese Jubel­hose aus für die Ame­ri­ka­ne­rin­nen, die zum Bei­spiel mit Stan Lau­rel auf­tra­ten.) »Mit dem rie­si­gen Unter­schied, den ich nicht laut genug beto­nen kann, dass die Dinge, die Hüsch zu ver­to­nen hatte, Kost­bar­kei­ten waren. Er hatte es mit den edlen Rit­tern aus dem Dino­sau­ri­er­reich der Kino-Slapstick-Kunst zu tun.«

Wel­che Qua­li­tä­ten ein Clip haben muss, um sich für einen schö­nen »Upps«-Moment zu eig­nen, kann er nicht so genau sagen. »Oft ist es natür­lich iden­ti­sches Hin­ge­falle und Aus­ge­rut­sche. Es kommt vor, dass Sachen unheim­lich lang­wei­lig sind, aber vor dem Hin­ter­grund, dass man sie betex­ten darf, Poten­zial mitbringen.«

Monty Arnold sagt, er habe von Anfang an, schon als Kind, beim Fern­se­hen immer das Bewusst­sein gehabt, dass da im Hin­ter­grund gear­bei­tet wird. »Ich habe das Fern­se­hen nie mit die­ser Unbe­fan­gen­heit betrach­tet, die man Kin­dern immer unter­stellt. Ich finde das aber auch gut so — umso mehr hatte ich davon.«

Sein Bru­der zeigte ihm ein­mal in einem Pop­le­xi­kon ein Foto von Hüsch, »mit sei­nen schreck­li­chen lan­gen Haa­ren, die­sen wei­ßen Kote­let­ten und der Kas­sen­brille. Er sah ent­setz­lich aus, ich habe ihn sofort geliebt.«

Er hat ihn spä­ter auch getrof­fen, saß zu Füßen sei­nes »Gro­ßen Meis­ters« und hat drei Auf­tritte mit ihm bei des­sen Kaba­rett­reihe mit Gäs­ten im Saar­län­di­schen Rund­funk gehabt.

Von der Bühne hat er sich vor Jah­ren ver­ab­schie­det. Heute arbei­tet er als Spre­cher, syn­chro­ni­siert Com­pu­ter­spiele oder spricht Radio­wer­bung. Er unter­rich­tet Geschichte an Musi­cal­schu­len und arbei­tet als Auf­trags­schrei­ber, für Events, Auf­füh­run­gen, andere Komi­ker, auch mal einen Songtext.

Er hätte nichts dage­gen gehabt, wenn sich aus »Upps« noch eine andere Auto­ren­ar­beit erge­ben hätte, Dreh­bü­cher oder seriöse Kom­men­tare. Aber dafür ist das als öffent­li­che Bewer­bung womög­lich nicht geeig­net. Hat »Upps« sei­nen Ruf gemehrt? »Hat es nicht.«

Arnold sagt: »Obwohl ich die Sen­dung liebe und ich es immer noch schön finde, mich in die­ser Weise pro­du­zie­ren zu kön­nen: Es ist natür­lich nichts, womit man vor irgend­je­man­dem prah­len kann. Es ist halt eine Clip-Show, das ran­giert in der Publi­kums­wahr­neh­mung ganz unten.“

Für ihn ist es auch des­halb ein Ver­gnü­gen, in diese »in man­cher Hin­sicht etwas undank­bare Ecke hin­ein­zu­ar­bei­ten«, weil er dem RTL-Publikum man­ches »unter die Weste jubeln« kann: »Ich sage halt in ihrem Wohn­zim­mer ›Jac­ques Offen­bach‹ und kei­ner hin­dert mich dran, das finde ich toll.«

Und manch­mal reicht es völ­lig, bloß Schnip­sel um Schnip­sel vom beim Tan­zen stür­zen­den Men­schen anein­an­der­zu­rei­hen, und ihnen die Sätze vor­an­zu­stel­len: »Der berühmte Cho­reo­graph Ech­na­ton Puss­wal­der wäre heute 125 Jahre alt gewor­den. Über­all, land­auf, landab, wird sein Anden­ken in Ehren gehalten.«

  • Upps! Die Super­pan­nen­show, zehn neue Fol­gen mit Monty Arnold (und ohne Andrea Göpel und Oli­ver Bee­rhenke) ab heute Nacht 0.40 Uhr, RTL