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Schleichwerbung? Bei Ruth Moschner sieht der MDR das nicht so eng

Die Moderatorin Ruth Moschner lässt sich dafür bezahlen, Sendungen zu moderieren, die aussehen wie redaktionelle Kochshows, in Wahrheit aber dazu dienen, bestimmte Produkte ins Bild zu rücken. Erstaunlicherweise scheint diese Tätigkeit eine Arbeit als Moderatorin beim öffentlich-rechtlichen MDR nicht auszuschließen.

„Ruth kocht gut“ heißt die Kochshow auf Bild.de, die Unternehmen und Verbände für Werbung buchen können. Präsentiert wie ein redaktioneller Inhalt wirbt sie mal für Seafood aus Norwegen, mal für Putenfleisch aus Deutschland. Ruth Moschner rückt Tiefkühlgerichte ins positive Licht, zeigt die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Produkten der Marke Iglo, schwört auf Käse der Marke Bavaria Blu oder lässt Tetra-Paks gut aussehen. Die Karton-Leute zum Beispiel freuten sich:

„Mit der Unterstützung des innovativen Kochformats ‚Ruth kocht gut‘ können wir den Getränkekarton erfolgreich auf dem wachsenden Markt der Onlineratgeber platzieren. Ziel ist es, den Getränkekarton weiterhin positiv im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.“

Das wäre nicht problematisch, wenn die Show klar als Werbung gekennzeichnet wäre. Andererseits wäre es dann vermutlich nicht so reizvoll.

So aber scheint Moschner einfach unschuldig zum Beispiel mit einer Kollegin belgische Waffeln zu kochen, bis eine Stelle kommt, an der sie Milch zum Teig gibt:

„Bei mir kommt ’n Schlückchen Milch rein, aus dem Tetra Pak. Da taucht jetzt immer öfter dieses FSC-Siegel auf, das ist ein unabhängiger, gemeinnütziger Verein. Und dieses Siegel bekommt man nur, wenn die Rohstoffe für die Verpackung aus einem verantwortungsvoll geforsteten Wald stammen. Das ist ganz, ganz wichtig, denn da tut man auch was fürs Kilma und für die Umwelt.“

Und mitten im Gespräch kann es passieren, dass unvermittelt, aber nur scheinbar unmotiviert eine Sammlung von Tetra Paks im Bild herumsteht.

Auch für die „Abendzeitung“ kocht Moschner seit kurzem, oder genauer: nicht für die „Abendzeitung“, sondern für Iglo. Ihre Kolumne, die auf der Startseite von abendzeitung.de als redaktioneller Inhalt angekündigt wird, handelt zwar scheinbar mal von Küchenpannen, mal von leeren Kühlschränken und mal vom Kochen mit Kindern. Am Ende steht aber bislang immer ein Rezept um ein Tiefkühl-Hähnchenprodukt der Marke Iglo.

Nun sollte man denken, dass gerade die Redaktion der MDR-Talkshow „Riverboat“ sensibilisiert sein sollte, was die Werbeaktivitäten ihrer Moderatoren angeht. Andrea Kiewel musste gehen, nachdem nicht mehr zu ignorieren war, dass sie diverse Fernsehauftritte dazu genutzt hatte, Schleichwerbung für Weight Watchers zu betreiben. Günther Jauch muss, bevor er im Ersten eine politische Talkshow moderieren darf, sogar seine regulären Werbeverträge aufgeben. Aber wenn Ruth Moschner, die „Riverboat“ seit zwei Wochen zusammen mit Jan Hofer präsentiert, in größerem Stil Werbung macht, die als redaktioneller Inhalt verkauft wird, soll das unproblematisch sein?

Sechs Tage braucht der MDR, bis er eine Antwort auf diese Frage formuliert hat. Dann lässt der Unternehmenssprecher Dirk Thärichen von einer Kollegin ausrichten, dass man ihn wie folgt zitieren dürfe:

„Nach unserem Kenntnisstand präsentiert Ruth Moschner auf Online-Portalen Kochshows, die Sachbeistellungen nutzen. Diese Videos sind entsprechend der gesetzlichen Vorgaben mit dem Hinweis „Unterstützt durch Produktplatzierung“ gekennzeichnet.

Soweit uns bekannt ist, tritt Ruth Moschner darüber hinaus nicht als Werbeträgerin für die entsprechenden Hersteller in Erscheinung.

Grundsätzlich ist zwischen dem MDR und der Moderatorin vereinbart, dass Ruth Moschner mögliche werbliche Aktivitäten im Vorfeld mit uns abstimmt.“

Das ist eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Antwort. Tatsächlich sind die Videos auf Bild.de jetzt plötzlich mit dem Hinweis „Unterstützt durch Produktplatzierung“ gekennzeichnet – das waren sie bislang aber nicht. Ein Tetra-Pak-Werbevideo ist komplett verschwunden.

Vorher:

Nachher:

Aber der Hinweis „Unterstützt durch Produktplatzierung“ ist ohnehin merkwürdig: Die Formulierung stammt nämlich aus den Werberichtlinien für das Fernsehen – mit Online-Videos hat das eigentlich gar nichts zu tun. Nach diesen Werberichtlinien ist aber Product Placement zum Beispiel in Ratgeber- und Verbrauchersendungen verboten. Die inkonsequente Übernahme von Fernseh-Regeln scheint ein halbgarer Kompromiss zu sein, um das unmissverständliche Wort „Werbung“ zu vermeiden.

Auch wenn der MDR von „Sachbeistellungen“ spricht, ist das in höchstem Maße irreführend. Solche Sachbeistellungen sind in der Regel Produkte, die von einem Partner kostenlos zur Verwendung in einer Sendung zur Verfügung gestellt werden – zum Beispiel das Traumschiff im „Traumschiff“. Es spricht aber nichts dafür, dass zum Beispiel Tetra Pak einfach nur ein paar Kartons Milch und Wein zur Verfügung gestellt hat, ohne dass Geld geflossen wäre. Alles spricht dafür, dass das Präsentieren der Produkte überhaupt der Sinn des Formates ist.

Ruth Moschners Kochshow und ihre Kochkolumne auf abendzeitung.de erfüllen viel eher die Definition von „Schleichwerbung“. Im Rundfunkstaatsvertrag wird der Begriff definiert als:

„die Erwähnung oder Darstellung von Waren, Dienstleistungen, Namen, Marken oder Tätigkeiten eines Herstellers von Waren oder eines Erbringers von Dienstleistungen in Sendungen, wenn sie vom Veranstalter absichtlich zu Werbezwecken vorgesehen ist und mangels Kennzeichnung die Allgemeinheit hinsichtlich des eigentlichen Zweckes dieser Erwähnung oder Darstellung irreführen kann. Eine Erwähnung oder Darstellung gilt insbesondere dann als zu Werbezwecken beabsichtigt, wenn sie gegen Entgelt oder eine ähnliche Gegenleistung erfolgt.“

Der MDR scheint die wie Schleichwerbung wirkenden Aktivitäten seiner neuen Moderatorin nicht nur zu billigen. Er hilft auch noch dabei, ihren wahren Charakter zu verschleiern.

Ruth Moschner moderiert heute um 22 Uhr im MDR zum zweiten Mal „Riverboat“.

Gericht erklärt „Geo“: Autoren haben Rechte

Christian Jungblut hätte dankbar sein sollen, dass sein Text von der „Geo“-Redaktion überarbeitet und in so vielen Details geändert wurde, dass von seinem Schreibstil nichts übrig geblieben war. Der Anwalt von Gruner + Jahr teilte dem freien Journalisten mit, dass sein Manuskript von niemand geringerem als „einer Preisträgerin des 1. Preises beim Henri-Nannen-Preis 2008 — bekanntlich dem Nachfolger des Kisch-Preises — redigiert wurde“. Auch Peter-Matthias Gaede, der Chefredakteur von „Geo“, sei „als ein Preisträger des 1. Preises beim Kisch-Preis 1984 (…) sicherlich über jeden Zweifel erhaben“. Jungblut selbst hingegen hat nur einen 3. Platz beim Kisch-Preis 1986 vorzuweisen.

Es geht aber gar nicht um die Frage, ob die Reportage, die Jungblut für „Geo“ über den Deichbau in den Niederlanden geschrieben hat, nach der gründlichen Änderung durch die Redaktion besser war als vorher. (Seine blasse Erzählweise sei durch einen lebendigen und plastischeren Stil ersetzt worden, argumentierte der Verlag vor Gericht.) Es geht um die Frage, ob Jungblut als Urheber ein Recht darauf hat, dass sein Werk nicht gegen seinen Willen in einer massiv veränderten Form veröffentlicht wird.

Das Landgericht Hamburg entschied jetzt (308 O 78/10): Er hat dieses Recht. Das Gericht untersagte dem Verlag Gruner + Jahr, den entsprechenden Artikel „Plan B“ aus Heft 12/2009 weiter zu verbreiten. Entscheidend für das Urteil war dabei nicht die Zahl der Preise oder die Größe des Penis Egos der Beteiligten, sondern das Urheberpersönlichkeitsrecht, das dem Urheber das Recht gibt, „eine Entstellung oder eine andere Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten, die geeignet ist, seine berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen am Werk zu gefährden“.

Es ist ein Verfahren mit grundlegender Bedeutung für das spannungsreiche Verhältnis zwischen freien Mitarbeitern und Redaktionen. Dass Texte nicht nur behutsam redigiert, sondern auch gravierend verändert werden, ist Alltag bei Zeitungen und Zeitschriften. Die wenigsten freien Journalisten können es sich allerdings erlauben, sich dagegen zu wehren.

Der 67-jährige Jungblut schreibt seit Jahrzehnten als freier Autor für „Geo“ und andere Magazine. Einige seiner Reportagen, zum Beispiel undercover als Steuermann auf einem Supertanker, sind als Bücher erschienen. Früher, sagt er, sei „Geo“ ein ausgesprochenes Autorenblatt gewesen, in dem die Schreiber und ihre spezielle Schreibe weit mehr respektiert wurden als bei anderen Zeitschriften. Heute seien extensive Textänderungen die Regel. Dadurch seien sogar so renommierte Autoren wie Horst Stern und die spätere Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vergrault worden.

Der Veröffentlichung der Holland-Geschichte gegen seinen Willen geht ein über halbjähriges Hin und Her zwischen Autor und Redaktion voraus. Der Text, den Jungblut geschrieben hatte, sollte nach monatelangem Herumliegen erst schnell von einem Report zu einem Porträt umgeschrieben werden, um in ein spezielles Heftkonzept zu passen. Das wurde dann wieder verworfen, stattdessen gab es andere Änderungswünsche, woraufhin Jungblut eine neue Version schickte. Der Text, der ihm schließlich zur Abnahme geschickt wurde, war dann aber so sehr geändert, dass er ein Veto einlegte. Er teilte Chefredakteur Gaede mit, dass er mit einer Veröffentlichung in der vorliegenden Form nicht einverstanden sei.

Gaedes Antwort war schroff: „Das machen wir ganz einfach: Wir veröffentlichen den Text nicht unter Deinem Namen.“ Als Jungblut dagegen protestierte, legte der „Geo“-Chef nach: „Es war über all die Jahre gut für Dich, dass Deine Texte von GEO-Redakteuren redigiert worden sind. Nun haben wir es allesamt bald hinter uns.“

Jungblut untersagte die Veröffentlichung des umgeschriebenen Textes. „Geo“ ignorierte das und veröffentlichte den Artikel, der auf Jungbluts Artikel beruhte, aber nicht mehr Jungbluts Artikel war, unter Jungbluts Namen.

Der Verlag weigerte sich danach, eine Unterlassungserklärung abzugeben.“Wir bedauern, dass Ihr Mandant es augenscheinlich für richtig hält, eine langjährige Arbeitsbeziehung nun mit so schrillen Misstönen zu beenden“, erwiderte der Anwalt Gruner + Jahr einem entsprechenden Mahnschreiben.

Also traf man sich vor Gericht.

Jungblut beklagte eine „Entstellung“ seines Artikels. Seine Erzählweise sei durch eine reißerische Darstellungsweise ersetzt, Fakten lieblos aneinandergereiht und Zitate zum Teil verändert worden.

Gruner + Jahr berief sich auf einen Autorenvertrag, in dem dem Verlag das Recht „zur Änderung und Bearbeitung“ der Beiträge Jungbluts eingeräumt wird, „soweit diese Bearbeitung nicht den Sinn des Beitrags unzumutbar verändert“.

Das Landgericht urteilte, dass der Verlag sein Bearbeitungsrecht überschritten hat. In der Begründung listet es akribisch die Veränderungen auf, die die Redaktion vorgenommen hat: „Kaum ein Satz des Klägers wurde wortwörtlich übernommen.“ Auch Zitate von Personen und kleinste sprachliche Besonderheiten seien verändert worden. Ohne Zustimmung des Autoren hätte „Geo“ diese Bearbeitung nicht veröffentlichen dürfen.

Der von [„Geo“] umgeschriebene Text bringt vor allem zum Ausdruck, dass [„Geo“] einen anderen Sprachstil erwartet hat. Dieser Erwartung muss der Kläger (…) jedoch nicht gerecht werden. Er hat als Urheber das Recht, auf seinen Sprachstil zu bestehen oder andernfalls seine Veröffentlichung zu untersagen. [Die Zeitschrift] kann sich demgegenüber entscheiden, ob sie den Text im Stil des Klägers veröffentlichen will oder nicht.

Das Gericht wies auch Vorwürfe des Verlages, der Autor habe sich einer Zusammenarbeit verweigert, zurück. Das Urteil liest sich in jeder Hinsicht vernichtend für einen renommierten Verlag und eine trotz einbrechender Verkaufszahlen immer noch renommierte Zeitschrift. Gruner + Jahr wird untersagt, den Text zu nutzen – selbst ohne Namensnennung des Autors.

Gaede wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Fall äußern, deutet aber an, dass der Verlag wohl in Berufung gehen wird. Jungblut hat das Gefühl, dass der „Geo“-Chefredakteur grundsätzlich nicht bereit ist, das (im Kern unveräußerliche) Urheberpersönlichkeitsrecht anzuerkennen. Als er sich in einem früheren Fall schon über größere Änderungen beschwerte und sagte: „Ich bin kein Steinbruch-Lieferant“, habe Gaede erwidert: „Jeder ist hier Steinbruch-Lieferant.“ Gaede möchte dieses Zitat nicht bestätigen.

Jungblut sagt:

Ich habe diesen Prozess durchgezogen, weil ich zunächst einmal sehr verärgert war. Das gab sich aber recht bald. Ich wollte eine rechtsgültige Antwort darauf: Wie viel darf eigentlich eine Redaktion ohne das Einverständnis des Autoren verändern? Das ist sehr wichtig für alle Autoren und Reporter. Vielleicht werden die meisten ihr Recht nicht einfordern. Aber sie wissen jetzt, dass es möglich ist.

Der „Spiegel“ nennt die Entscheidung des Gerichts in seiner aktuellen Ausgabe ein „eher skurril anmutendes Urteil“. Vielleicht sagt das auch etwas über das eigene Verhältnis des Hamburger Nachrichtenmagazins zu den Rechten von (freien) Journalisten aus.

Nachtrag, 21.50 Uhr. Wolfgang Michal auf „Magda“ zum selben Thema:

Das ist ein bemerkenswertes Urteil. Es führt die Tätigkeit des Redigierens auf seinen ursprünglichen Zweck zurück: auf den behutsamen Umgang mit fremden Texten. Es fordert die Respektierung des individuellen Stils, die Reduzierung der redaktionellen Eingriffe auf das absolut Notwendige und die prinzipielle Einigung mit dem Autor.

Nachtrag, 23.50 Uhr. „Geo“-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede antwortet in den Kommentaren.

Nachtrag, 3. November. Das Urteil im Volltext.

Nachtrag, 15.30 Uhr. Die „Freischreiber“ (ein Berufsverband freier Journalisten, bei dem ich Mitglied bin) haben ein ausführliches Interview mit Jungblut geführt.

Nachtrag, 6. Mai. Fortsetzung hier.

Die verspätete Fernsehkritik: Thilo Sarrazin bei Günther Jauch

Vergangene Woche war Thilo Sarrazin bei Günther Jauch, und keiner hat’s gemerkt.

Das stimmt natürlich nicht; die Sendung hatte fast vier Millionen Zuschauer, fast genau so viele wie „Anne Will“ am Sonntag zuvor. Aber während keine Ausgabe von „Anne Will“ unrezensiert bleibt, hat Sarrazins Auftritt bei „Stern TV“ fast keine mediale Resonanz gefunden. Sein Magazin werde „publizistisch kaum mehr wahrgenommen“, stellte Jauch vor einem halben Jahr fest. In diesem Fall war das vielleicht besser so.

Der Besuch von Sarrazin war ein guter Anlass, sich einmal anzusehen, wie Jauch mit einem solchen Gast und einem solchen Thema umgeht, bevor er demnächst den traditionsreichen Polit-Talk am Sonntagabend im Ersten übernimmt. Er machte keinen guten Eindruck.

Seine Redaktion auch nicht. Bevor Sarrazin im „Stern TV“-Studio sprach, sprach er, wie in dieser Sendung üblich, in einem „Stern TV“-Filmbericht und erklärte, wie Deutschland zu retten sei. Zum Beispiel: „Wer seine Kinder nicht vernünftig beschult, dem wird die Sozialhilfe teilweise gestrichen. Wenn Kinder die Schule schwänzen, gibt es Geldstafe für die Eltern.“ Sarrazin erwähnte nicht, dass Schulschwänzen bereits jetzt eine Ordnungswidrigkeit darstellt und Eltern von Schulverweigerern ein Bußgeld droht. „Stern TV“ erwähnte es auch nicht.

Jauch rollte Sarrazin einen kuscheligen roten Teppich aus. Seine erste Frage lautete: „War ihnen klar, dass Sie über eine Million Bücher verkaufen würden und dass sie im Grunde so einen Integrationsdebattentsunami über Deutschland auslösen würden?“ Kritische Fragen verpackte er in dickste Watte: „Viele sagen: ‚Der hat ja nicht ganz unrecht, aber er bringt uns nicht weiter. Durch sein Buch werden die Dinge nicht besser, der Graben zwischen Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund, der wird dadurch vertieft anstatt dass er zugeschüttet wird.‘ Sie würden die Probleme nicht lösen, sondern nur vertiefen. Ist da nicht was dran?“ Oder: „Wenn Sie mit Ihrem Buch gar nicht provozieren wollten, wenn man das alles, was sie schreiben, ja wohl auch noch wird sagen dürfen in diesem Land, warum haben Sie denn dann den Dienst quittiert?“ Ob der Halbsatz mit dem, was man ja wohl nach sagen dürfen wird in diesem Land, ein Zitat der entsprechenden „Bild“-Schlagzeile oder Jauchs Meinung, blieb offen.

Jauch sagte: „Es gibt Umfragen, die besagen, dass Sie mit ihren Thesen durchaus eine neue politische Partei gründen könnten, die auf Anhieb erfolgreich wäre. Die einen sagen 18 Prozent, andere sagen 20 Prozent, andere sind in ihren Schätzungen noch optimistischer.“ Die Zahlen, die Jauch nennt, sind tatsächlich durch die Medien gegangen, aber ihre Interpretation ist falsch. 18 ist – laut einer Emnid-Umfrage – nicht der Prozentsatz, den eine Sarrazin-Partei bei Wahlen erringen würde, sondern die Zahl der Menschen, die es sich „vorstellen“ können, eine solche Partei zu wählen. Ein gewaltiger Unterschied.

Jauch zitierte den Satz von Bundespräsident Christian Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland, und fragte Sarrazin: „Sehen Sie das auch so?“ Sarrazin antwortete unter anderem:

„Was er meint und hätte sagen sollen: Wer islamischen Glaubens ist und bei uns die Gesetze einhält und sich einfügt, kann und soll bei uns leben, wenn er denn sein Brot selber verdient. Das wäre eine vernünftige Aussage.“

Was für eine bemerkenswerte Formulierung, die deutlich macht, wie Sarrazin Moslems diskriminiert. Sie müssen aufgrund ihrer Religion offenkundig Anforderungen erfüllen, die Christen, Atheisten und Agnostiker nicht erfüllen müssen. Was soll, seiner Meinung nach, mit muslimischen Deutschen passieren, die nicht ihr Brot selber verdienen? Oder meint Sarrazin hier nur muslimische Einwanderer? Das wäre aber eine erstaunliche Ungenauigkeit, wo er unmittelbar zuvor dem Bundespräsidenten, stotternd und sich verhaspelnd, vorgeworfen hat, unsauber zu formulieren.

Und was machte Jauch? Er hakte nicht nach, er sprach Sarrazin nicht darauf an, er las die nächste Frage von seiner Karte ab.

Sarrazin sagte noch mehr erstaunliche Sätze. Zum Beispiel:

„Die Wahrheit bringt immer weiter. Und die Wahrheit kann auch nie schädlich sein. Ich habe immer darauf gewartet, dass irgendwer mal kommt und sagt: ‚Das und das in dem Buch ist falsch. Das und das ist logisch falsch, hier sind falsche Zahlen.‘ Das hat es nicht gegeben. Von den Argumentationslinien meines Buches ist bis heute eigentlich keine widerlegt oder auch nur hinterfragt worden.“

Später sagte er, die „Tatsachen und Zusammenhänge“ aus seinem Buch seien „bis heute unbestritten“. Man kann sich womöglich darüber streiten, ob Aussagen und Argumentationen aus Sarrazins Buch widerlegt wurden. Aber zu behaupten, niemand hätte ihm faktisch widersprochen oder seine Argumente hinterfragt oder bestritten, ist offensichtlich unwahr. Jauch ließ es ihm durchgehen.

Die Redaktion hatte für einen weiteren Filmbericht verschiedenen Familien ausgesucht, die gelungene und misslungene Integration repräsentieren sollten. Auf der einen Seite: Arabische Großfamilien mit Menschen, die auch nach vielen Jahren in Deutschland kein deutsch sprechen. Auf der anderen Seite: Einwanderer aus Kasachstan, deren Kinder schon kein russisch mehr sprechen, dafür aber jeder ein Musik-Instrument gelernt haben. Der Kontrast zwischen dem abgeschotteten Ghetto im Hochhausviertel und der heilen Welt im Einfamilienhaus in der Kleinstadt war fast schon lächerlich maximal – und hätte zu der fruchtbaren Frage führen können, in welchem Maß der soziale Status (im Gegensatz zur Fixierung auf Herkunft und Religion) eine Rolle bei der „Integration“ spielt.

Fakten, Statistiken, Studien darüber, wie typisch die gezeigten Fälle sind, erwähnte „Stern TV“ nicht. Jauch sagte bloß, die Nicht-Integrierten, die zu sehen waren, seien ja wohl keine Einzelfälle. Es hätte dann noch eine Diskussion geben sollen, aber die scheiterte schon an der Auswahl der Gäste. Houaida Taraji, die Familien- und Frauenbeauftragte im Zentralrat der Muslime, hatte zu der Diskussion nichts beizutragen. Und der Stadtteilmanager von Bremen-Tenever, Joachim Barloschky, hätte zwar von seinen persönlichen Erfahrungen im täglichen Umgang mit vielen Nationen in einem Problemviertel berichten können – dazu hätte man ihn aber dazu befragen müssen.

Nach insgesamt über einer halben Stunde zu dem Thema bedankte sich Jauch bei den Diskussionsteilnehmern herzlich dafür, dass es „richtig Hin- und Hergegangen“ sei, denn das sei auch „Sinn der Sache“ gewesen.

Dem „Zeit“-Magazin hat Günther Jauch im vergangenen Jahr erzählt, welches Gefühl er manchmal hat, wenn er eine politische Talkshow sieht:

„Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung.“

Am vergangenen Mittwoch hatte er selbst nicht einmal Ballkontakt.

Obama stärkt und schwächt „It Gets Better“

Auch Präsident Obama unterstützt also nun die „It Gets Better“-Kampagne gegen die Diskriminierung und Gewalt, der sich schwule, lesbische, transsexuelle Jugendliche ausgesetzt sehen. Das ist vermutlich eine kleine Sensation und eine gute Sache, allein schon, weil es dem wichtigen Thema und der Botschaft noch mehr Aufmerksamkeit verschafft.

Aber ich kann mir nicht helfen: Das begeistert und berührt mich nicht.

Das liegt, oberflächlich, an der Präsentation. Die emotionale Wucht, die die Hunderten Videos unterschiedlichster Prominenter und Nicht-Prominenter entwickeln, beruht nicht zuletzt auf der Verletzlichkeit der Protagonisten. Ihre Beiträge sind roh. Unpoliert, persönlich, ausschweifend.

Beim kurzen Video von Ellen, das ich inzwischen bald ein Dutzend Mal gesehen habe, habe ich mich am Anfang gefragt, ob das eine ganz besondere Form von Professionalität sein könnte, die sie da beweist: Dass sie es schafft, einen solchen Text aufzusagen und an den richtigen Stellen so zu tun, als verlasse sie vor persönlicher Betroffenheit ihre Professionalität. Ich verfluche mich selbst für diesen Zynismus und ich kenne natürlich nicht die Antwort. Andererseits glaube ich, dass jemand mit der persönlichen Erfahrung von Ellen DeGeneres tatsächlich in ganz besonderer Weise davon berührt wird, das Jugendliche sich das Leben nehmen, weil ihnen wegen ihrer tatsächlichen oder unterstellten Homosexualität zugesetzt wird. Und das schwingt in ihrem Video mit.

Obamas Video ist im Gegensatz dazu ein routiniertes Präsidentenvideo. Seine Rede wird ihm von irgendjemandem geschrieben worden sein, er liest sie vom Teleprompter an, und er wirkt dabei so überzeugend wie er immer wirkt, wenn er solche Reden vom Teleprompter abliest. Es lässt mich kalt.

Solche Kampagnen laufen immer Gefahr, dass es irgendwann zu einfach wird, sich an ihnen zu beteiligen; dass es ab einem bestimmten Punkt von Prominenten oder Politikern geradezu erwartet wird mitzumachen. Dass mit der zunehmenden Größe die Überzeugungskraft schwindet. (In Deutschland wäre der Punkt erreicht, wenn — um das Beispiel noch einmal zu nennen — selbst Oliver Pocher sich öffentlich gegen Homophobie engagierte.) Das ist vermutlich unvermeidlich, und insbesondere in einer Zeit, in der sich zum Beispiel der republikanische Kandidat für das Amt des Gouverneurs von New York mit seiner Schwulenfeindlichkeit zu profilieren versucht, sollte man das Statement nicht unterschätzen, das das Mitwirken des Präsidenten darstellt.

Obama ist aber auch etwas anderes zu erwidern, und Dan Savage, der Initiator von „It Gets Better“ hat es so formuliert:

The President of the United States has the power to do more than assure LGBT kids that it will get better. The President of the United States and his administration have the power to make it better.

Oder in den (bereits vorher aufgenommenen) schlichten, wütenden Worten der Komikerin Sarah Silverman:

Släsch, Släsch, Schupelius

Der „B.Z.“-Kolumnist Gunnar Schupelius ist jetzt nicht jemand, der sich besonders gut auskennt oder komplizierte Sachen gut versteht. Aber er hat jemanden, den er immer fragen kann.

Und so fragt er sich heute, warum wir Kinder, die in Berlin geboren sind, eigentlich „Migranten“ nennen, obwohl „Migrant“ „Wanderer“ heißt und Kinder, die hier aufwachsen, gar keine Wanderer sind.

(…) Früher sagte man „Ausländer“ und meinte damit alle Fremden, die man als nicht deutsch ansah. Dann wurde der Begriff als politisch unkorrekt eingestuft und gelöscht. Stattdessen lernten wir, „Migrant“ zu sagen. Aber was haben wir damit erreicht? Gar nichts. Wer heute Migrant sagt, meint Ausländer und wer als Migrant bezeichnet wird, der fühlt sich irgendwie nicht ganz für voll genommen.

In Berlin leben 863.000 Menschen, die als Migranten bezeichnet werden. 42 Prozent von ihnen sind aber eigentlich gar keine Migranten, denn sie haben einen deutschen Pass. Wem wir unsere Staatsangehörigkeit verliehen haben, den sollten wir als Deutschen ansprechen. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zum Beispiel ist natürlich ein Deutscher und kein Migrant. (…)

Um es gleich vorwegzunehmen: Nein, es gibt kein Happy End — das Wort „Hintergrund“ kommt in der ganzen Kolumne nicht vor.

Niemand bei der „B.Z.“ hat Schupelius sachte beiseite genommen und ihm langsam und mit einfachen Worten erklärt, dass die 863.000 Menschen gar nicht als „Migranten“ bezeichnet werden, sondern als Menschen „mit Migrationshintergrund“. Vermutlich dachte Schupelius, dass das auch nur wieder nur so ein künstlich aufgeblähtes Quatschwort ist, wie es die Gutmenschen gerne benutzen, weil es „politisch korrekt“ ist, und hat den lästigen „Hintergrund“ einfach weggelassen, obwohl der, wie Schupelius unwissentlich zeigt, entscheidend ist. Ein Berliner Junge, dessen Eltern aus der Türkei stammen, ist kein Migrant. Er hat einen Migrationshintergrund. (Schupelius ist mit seinem Unwissen leider nicht allein.)

So kann man natürlich gut eine tägliche Volkszorn-Kolumne füllen: Erst etwas falsch verstehen und sich dann darüber beklagen, dass es falsch ist.

(Man könnte, womöglich mit viel Geduld, natürlich versuchen, Schupelius auch noch zu erklären, dass das Wort „Ausländer“ gar nicht „gelöscht“ oder als politisch unkorrekt klassifiziert ist und dass es schon gar nicht durch das Wort „Migrant“ ersetzt wurde. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy, zum Beispiel, ist zwar aus deutscher Sicht Ausländer, aber kein Migrant (hat aber Migrationshintergrund). Ein Migrant ist ein Ein- oder Auswanderer. Dass sich jemand, der von Schupelius als Migrant bezeichnet wird, irgendwie nicht ganz für voll genommen fühlt, kann natürlich trotzdem sein und wäre sogar erklärbar.)

Neulich hat Schupelius sich etwas anderes gefragt, nämlich: Wie viele Sicherheitsleute eigentlich in den Berliner Freibädern eingesetzt werden. Anscheinend hätte Schupelius auch da lieber noch jemand anders fragen sollen als sich selbst, jedenfalls musste die „B.Z.“ einen Widerruf drucken. Und weil Schupelius seine Kolumnen bekanntlich immer auch noch mal in die Kamera spricht, gibt es von dem Widerruf auch eine Videoversion, der es erstaunlicherweise gelingt, den Wahnsinn einer durchschnittlichen Schupelius-Videobotschaft noch zu toppen, aber sehen Sie selbst:

[flashvideo file=http://stefan-niggemeier.de/blog/wp-content/gegendarstellung.flv /]

Andererseits ist es fast wieder Kunst.

Eine systematische Störung

Ist es denkbar, dass einer der wichtigsten Medienmanager Deutschlands über Monate in diesem Blog unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren abgibt, in denen er auf eigene Beiträge verweist, mich und seine Konkurrenz beschimpft, wüste Verschwörungstheorien strickt und seine verschiedenen Identitäten miteinander diskutieren lässt? Es sieht ganz danach aus, aber Konstantin Neven DuMont sagt, er war es nicht.

Der 40-jährige Konstantin Neven DuMont sitzt im Vorstand der Mediengruppe DuMont, der unter anderem „Frankfurter Rundschau“, „Berliner Zeitung“, „Kölner Stadtanzeiger“ und „Hamburger Morgenpost“, Buchverlage und Radiobeteiligungen gehören. Es gilt als ausgemacht, dass er das publizistische Erbe seines mächtigen Vaters Alfred antreten soll.

Den vergangenen Jahreswechsel verbrachte Konstantin Neven DuMont damit, Dutzende Kommentare hier im Blog abzugeben, in denen er unter anderem von gefiltertem Brunnenwasser schwärmte, sich vornahm, CO2-Emissionen zu reduzieren und Liebe stärker zuzulassen, und ein Videoblog ankündigte, in dem er politische und Liebeslieder singt.

Nachdem sein Kommunikationsverhalten auch verlagsintern Aufmerksamkeit erregt hatte, war plötzlich Schluss. Am 10. Januar abends erschien noch ein versöhnlicher Kommentar. Es war der letzte, der den Namen „Konstantin Neven DuMont“ trug.

Doch auch danach wurden Kommentare abgegeben, bei denen als Absender seine E-Mail-Adresse eingetragen war — keine leicht zu erratende Verlagsadresse, wohlgemerkt. Es spricht viel dafür, dass diese Kommentare auch von seinem Internetanschluss abgegeben wurden.

Der Unbekannte, der unter der E-Mail-Adresse von Konstantin Neven DuMont kommentierte und möglicherweise Konstantin Neven DuMonts Computer benutzte, verwies unter dem Namen „Sammler“ gerne auf Beiträge, die Konstantin Neven DuMont an anderer Stelle verfasst hatte oder die über seine Aktivitäten berichteten. Unter dem Namen „Sucher“ fragte er bei einem Eintrag über Kai Diekmann, ob ich einen Unterschied sehe „zwischen KD und KND“. Unter dem Namen „Bitterfeld“ wehrte er sich gegen meine Kritik an der Abwicklung der „Netzeitung“ durch DuMont und kritisierte die Geschäftsentscheidungen der FAZ in der Zeitungs- und Wirtschaftskrise. Unter dem Namen „Kurt B.“ warf er mir vor, schon seit längerem zu versuchen, Wettbewerber der FAZ zu „diskreditieren“. Unter dem Namen „K.F.“ dokumentierte er eine bizarre Auseinandersetzung, die Konstantin Neven DuMont mit dem Branchendienst „Meedia“ führte, und unter dem Namen „Medienjournalist“ berichtete er, dass es Anzeichen für ein Ende dieser Auseinandersetzung gebe.

Im September eskalierte die Situation. Der Unbekannte erhöhte dramatisch seine Kommentarfrequenz. Teilweise gab er an einem einzigen Tag 33 Kommentare ab. Auch die Zahl der verwendeten Pseudonyme nahm dramatisch zu. Allein in den vergangenen sechs Wochen kommentierte er unter folgenden Pseudonymen:

  • Avant
  • Bla
  • Bleich
  • .com
  • Charles
  • Danny
  • Desillusionierter
  • Digitalis
  • Emil
  • Eva
  • Fan
  • Fragender
  • Fragesteller
  • Frankfurter
  • Fronc
  • Gandhi
  • Geek
  • Gläubiger
  • Glotze
  • Gottlob
  • Govinda
  • Griffin
  • Guido
  • Honey
  • Huby
  • Ichglaubsnicht
  • Igitt
  • Ingo
  • Invest
  • Istanbul
  • Jannine
  • Joe
  • Kernkraft
  • Kommentator
  • Krass
  • Kritiker
  • Lobhudelei
  • Lost
  • Love
  • Luther
  • Mensch
  • Ich bin die Frau von „Mensch“
  • Menschenrecht
  • Niggi2
  • NoName
  • Observer
  • Ordensschwester
  • Otto
  • Pol
  • Rheinländer
  • Rug
  • Ruhrpott
  • Schlauberger
  • Shure
  • Stephanie
  • Tobi
  • Trev
  • Uncle
  • Vermittler
  • Wachmalauf
  • Wissen
  • Wolf
  • Zebra
  • Zimmermann
  • B.A.
  • G.A.
  • A.B.
  • K.B.
  • A.C.
  • C.D.
  • H.E.
  • E.F.
  • K.F.
  • G.H.
  • H.H.
  • F.I.
  • S.H
  • K.J.
  • J.K.
  • A.L.
  • G.L.
  • G.M.
  • E.P.
  • E.Q.
  • G.S.
  • G.T.
  • C.U.
  • W.Z.
  • Goofy D.
  • Günther D.
  • Ken F.
  • Stefan K.
  • SvenK
  • M. Kern
  • A.Lach
  • Stefan M.
  • G. d. b. Suppe
  • Ruth Gebe
  • Edgar Heul
  • Schwarzwälder Kirsch
  • Klaus Lager
  • Wichtige Mitteilung
  • Kopf Schüttel
  • Hans Verteidiger
  • Hans Wurrst
  • Peter Zahlungsfreudig
  • Anwalt des Volks
  • Es lebe die Satire
  • Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen
  • Himmlischer Friede
  • Kand.in.Rübezahlwald

Nun warf er mir vor, verbale Gewalt zu üben und wie „Bild“ und RTL 2 zu arbeiten; gezielt mit Falschaussagen zu operieren; andere Menschen zu diskreditieren und skrupellose Methoden anzuwenden; ungern Fragen zu beantworten; ausschließlich und mit beinahe jedem Mittel den Ruf ganz bestimmter Menschen schädigen zu wollen; die Welt in schwarz und weiß einzuteilen; den Bundespräsidenten einseitig hochzujubeln; Naturheilmittel verbieten zu wollen; Chemie zu bevorzugen; gegen eine Initiative für Kräuter vorgehen zu wollen; genauso verlogen zu sein wie alle Anderen; Konstantin Neven DuMont zu Unrecht zu diffamieren; Tatsachen zu verdrehen; ein „Menschenrechtsverachter“ zu sein; Konstantin Neven DuMont substanzlos zu diffamieren; fast alle politischen Meinungsbildungsprozesse völlig unbeeindruckt an mir vorbeiziehen zu lassen; mich über die Umverteilung von Arm nach Reich kaputt zu lachen; noch nichts Substanzielles vorgetragen zu haben; von der FAZIT-Stiftung, dem Eigentümer der FAZ, „versaut“ worden zu sein; gegen Thomas Knüwer hetzen zu lassen; Konstantin Neven DuMont mit der Einrichtung „diverser Sandkästen“ diskriminiert zu haben; „schwachsinnige Attacken“ gegen SZ und FR zu führen; mich an der Diskreditierung vermeintlicher Wettbewerber der FAZ zu ergötzen und dafür von den „Brüdern der FAZIT-Stiftung“ mit „dicken Schecks und irgendwelchen stupiden Preisen“ bezahlt zu werden; der „Steigbügelhalter“ der FAZ zu sein, die wiederum der Steigbügelhalter der Axel-Springer-AG sei; konstruktive Lösungsvorschläge zu hassen; einer der größten Lobbyisten zu sein und mich gegen beinahe jeden Fortschritt zu wehren.

Teilweise simulierte der Kommentator ganze Dialoge, in denen sich seine verschiedenen Identitäten miteinander unterhielten und gegenseitig bestätigten. Er kündigte drohend an, dass „zahlreiche investigative Recherchen“ meinen „Machenschaften“ auf der Schliche seien.

Besonders das „krankhafte Verhältnis“ zwischen FAZ und „Frankfurter Rundschau“ schien dem Kommentator am Herzen zu liegen — ein Thema, das auch Konstantin Neven DuMont in Mails an mich ansprach. Der Kommentator klagte, dass die FAZIT-Stiftung seit Jahrzehnten Kostensynergien mit der FR ablehne, obwohl auch der „ökologische Vorteil“ groß wäre. Die Meinungsvielfalt sei der Stiftung ein Dorn im Auge. Der Kommentator wurde auch persönlich: Dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und mir komme es lediglich darauf an, dass die FR „möglichst schnell vom Markt verschwindet“. Auch meine Einrichtung eines „Sandkastens“, in dem sich Konstantin Neven DuMont austoben kann, sieht der Kommentator als Teil einer Kampagne gegen die FR, deren Herausgeberrat er vorsitzt.

Konstantin Neven DuMont gilt als sonderbar. Aber ist es denkbar, dass er so sonderbar ist, eine solchen Kommentarwahn zu produzieren und dabei sogar jedesmal seine eigene E-Mail-Adresse anzugeben?

Ich habe Neven DuMont geschrieben, dass ich ihn in Verdacht habe, hinter dem Feuerwerk kritischer Kommentare bei mir im Blog zu stecken. Er bestritt dies. Dann fragte ich, ob es möglich ist, dass jemand anders Zugriff auf seinen Rechner hat. Er antwortete: „Es stimmt, dass auch noch andere Personen meine zwei Rechner benutzen, Computer-Sharing sozusagen.“ Schließlich konfrontierte ich ihn damit, dass mit seiner E-Mail-Adresse und vermutlich von seinem Computer unter verschiedenen Namen eine Vielzahl von Kommentaren abgegeben wurden, ich darin einen Missbrauch der Kommentarfunktion sehe und das öffentlich dokumentieren möchte. Daraufhin schrieb mir Neven DuMont: „Eben habe ich erfahren, dass zwei Personen, die meine Rechner mitnutzen, anonyme Kommentare in Ihrem Blog verfasst haben.“ Er fände es aber nicht gut, wenn ich das in der Öffentlichkeit klarstellen würde.

Ich habe gezögert, über diese merkwürdigen Vorgänge zu berichten. Ich halte es aber für zulässig, sie öffentlich zu machen, weil sie einen Missbrauch der Kommentarfunktion darstellen. Es geht nicht darum, dass mich in den Kommentaren jemand kritisiert. Es geht um eine systematische Störung, in der eine Vielzahl nicht existierender Kritiker simuliert wird. Ihr Ausgangspunkt sind allem Anschein nach die Computer von Konstantin Neven DuMont, einem der wichtigsten Verlagsmanager Deutschlands.

Zur größeren Transparenz habe ich die Kommentare, um die es geht, in den Einträgen farbig markiert, vgl. hier, hier oder hier.

[Offenlegung: Ich bin freier Mitarbeiter der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das hier ist allein meine persönliche Meinung.]

Nachtrag, 18.44 Uhr. Konstantin Neven DuMont kommentiert diesen Eintrag:

Sehr geehrter Herr Niggemeier,

leider muss ich erneut feststellen, dass Sie abstruse Verschwörungstheorien über mich veröffentlichen. Was soll das? Nachdem ich die zwei anonymen Kommentatoren überführt hatte, fragte ich Sie, wie ich mit diesem Problem umgehen soll. Warum haben Sie diese Frage nicht beantwortet?

Von anonymen Kommentaren halte ich grundsätzlich nichts. Das liegt vor allem daran, dass anonyme Kommentare von Entscheidungsträgern nicht ernst genommen werden. Deshalb bin ich ein überzeugter Verfechter von Klarnamen im Netz. Ulrike Langers These, dass dieser Beitrag Tagesgespräch beim DuMont Verlag werden wird, teile ich ich nicht. Wie gesagt, anonyme Kommentare werden dort nicht ernst genommen. Ansonsten wünsche ich Ihnen noch viel Spaß mit Ihren zahlreichen Zweitnicks.

Freundliche Grüße
Konstantin Neven DuMont

P.S. Kommen Sie lieber noch einmal bei CARTA.info vorbei. Das ist wesentlich konstruktiver.
http://carta.info/35213/strohfeuerfrei/

Nachtrag, 21.30 Uhr. Gegenüber dem Branchendienst „Meedia“ nennt Neven DuMont meine „Methoden“ „bedenklich“. Er räumt ein, dass die Kommentare von seinem Computer abgegeben wurden — von nicht näher benannten „Personen“, die „Zugang“ zu seinem Rechner gehabt hätten. Er habe sie, nachdem er sie „überführt“ („Meedia“) hatte, darum gebeten, keine weiteren Einträge unter seiner Mailadresse zu veröffentlichen.

Falls das stimmt, haben sich diese Personen nicht an seine Bitte gehalten: Auch nach meinen Mails an Neven DuMont und der angeblichen „Enttarnung“ wurde noch wie zuvor kommentiert.

Nachtrag, 19. Oktober, 14 Uhr. Gestern Abend kam es zu einer weiteren Eskalation: Jemand, der sich als die Kinder von Neven DuMont ausgab, verfasste drei Kommentare („Ach wie schön, solange unser Papa aus dem Haus ist ;-)“, „(…) Auweia, da kommt der Papa…“, „Ein Glück ist Papa direkt ins Bett gegangen. (…)“). Sie wurden von derselben IP-Adresse abgegeben wie der Kommentar von Konstantin Neven DuMont wenige Stunden zuvor.

Nachtrag, 18.20 Uhr. Eberhard Klein, Vorstandskollege von Konstantin Neven Dumont, teilt mit: „Der Vorwurf, Konstantin Neven DuMont habe persönlich anonyme Kommentare gepostet, ist haltlos.“

sueddeutsche.de berichtet, in der Unternehmensführung herrsche „helles Entsetzen“.

Nachtrag, 21.50 Uhr. Auch „Financial Times Deutschland“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichten.

Ein Teenie-Puff als Heim für ungeliebte Kinder: Wie RTL für Lolita-Prostitution wirbt (2)

Sprecherin: Dass der achtzigjährige Rentner [Rolf Eden] immer noch so rüstig unterwegs ist, verdankt er ganz klar seinem Lebensstil.

Eden: Man sieht’s ja an meiner Person. Ich bin ja nicht mehr der Allerjüngste. Und trotzdem hab ich ein Lebenselixier von 18-, 20-, 30-Jährigen. Und das machen die jungen Damen natürlich. Sex mit jungen Frauen ist das Gesündeste, was man haben kann für den Mann.

Das ist das Fazit der RTL-Reportage „Und ewig lockt Lolita“ über „Deutschlands erstes Teeny-Bordell“ (sic!), von der gestern an dieser Stelle schon die Rede war. Die Produktion der Firma Filet Film für AZ Media zeigt nicht nur, wie sich Männer gegen Geld dieses „Lebenselixier“ beschaffen können, sondern stellt die Arbeit als Lolita-Prostituierte auch als ganz normalen und lukrativen Berufsweg für Achtzehnjährige dar, die sich mit Schule oder anderen Berufsausbildungen schwer tun.

Doch das Schulmädchen-Bordell, für das die Sendung ausführlich wirbt und das „in eine Welt der Kniestrümpfe, Zöpfchen, und der Freude an freier Sexualität“ einlädt, ist laut RTL nicht nur finanziell attraktiv, sondern bietet sich anscheinend auch als emotionale Alternative für Mädchen an, die in ihrer eigenen Familie auf Ablehnung stoßen.

Am 22. September, zwei Tage nach der spätabendlichen Ausstrahlung von „Und ewig lockt Lolita“, griff RTL in seinem Mittagsmagazin „Punkt 12“ auf die offensichtlich guten Kontakte zu dem Lolita-Bordell-Betreiber zurück. Tags zuvor hatte nämlich die „Bild“-Zeitung negativ über das von dem Sender beworbene Etablissement berichtet. Eltern eines 18-jährigen Mädchens, das dort als Prostituierte arbeitet, hätten versucht, ihre Tochter aus dem „Teenie-Puff“ zu befreien. Die Mutter behauptete in „Bild“, ihre Tochter sei labil und werde systematisch unter Drogen gesetzt. Vor Ort sei es zu einem Handgemenge gekommen, die Polizei sei mit einem Großaufgebot angerückt – aber die Tochter habe nicht mit ihrer Familie mitfahren wollen. („Bild“ titelte dennoch: „Eltern befreien Tochter (18) aus Teenie-Puff!“)


Katja Burkard, betroffen.

„Punkt 12“ sendet am nächsten Tag eine Art Gegendarstellung. Katja Burkard fragt die Zuschauer in ihrer Anmoderation zunächst rhetorsch: „Was geht in Eltern vor, wenn sie erfahren, dass ihre 18-jährige Tochter in einem Bordell arbeitet?“ Doch die „ganze Geschichte“, die sie dann ankündigt, ist eine andere als erwartet. Der Beitrag schildert das Handgemenge und den Polizeieinsatz, und dann:

Sprecher: Zu diesem Zeitpunkt denken die Beamten vermutlich noch, sie müssten eine junge Frau aus einem Bordell befreien. Aber dann trauen Sie ihren Ohren kaum. Chrissi will gar nicht weg.

Chrissi: Ich bin alt genug, um zu wissen, was gut für mich ist und was nicht gut für mich ist. Ich bin hier, weil: Mich hat das interessiert, dieses Milieu, sag ich einfach mal. Und natürlich spielt das Geld auch eine Nebenrolle.

Sprecher: Auch wenn es schwer nachzuvollziehen ist: Chrissi sagt, hier in dem Bordell, habe sie tatsächlich so eine Art Familie gefunden. Denn zuhause, das war für sie die Hölle. (…) Chrissis Job ist also auch eine Art Flucht. Aber Drogen, versichert sie, die seien hier nie im Spiel gewesen. (…) Die 18-Jährige macht eigentlich einen Job als Altenpflegerin. Und jobbt doch lieber als Hure.


Der Bordell-Betreiber und seine „Hure“.

Der RTL-Bericht schildert nicht die Position der Gegenseite, der Eltern und des Ex-Freundes. Das „Punkt 12“-Team hat die Aussagen des Mädchens aber einer Fernsehpsychologin gezeigt, die nun als eine Art lebender Lügendetektor attestiert:

Katharina Ohana: Auf mich macht sie überhaupt keinen unsicheren Eindruck, also sie scheint sich ihrer Sache ganz sicher zu sein. Sie weiß genau, was sie will. Sie wirkt weder, als würde sie unter Drogen gesetzt, noch als hätte sie irgendeinen Zweifel an dem, was sie tut. Sie hasst regelrecht ihren Stiefvater, sie erfährt von der Mutter überhaupt keine Unterstützung. Dass sie dort in dem Bordell eine Art Familie findet.

Ist das nicht schön? Dass es solche Orte in Deutschland gibt, an denen Kinder die Wärme erfahren, die ihnen ihre Familien nicht geben können? Orte, an denen diese Kinder diese Wärme dann weitergeben können an alte Männer, die dafür bezahlen, dass sie ihnen als „Lebenselixier“ dienen?


Das Bordell wirbt bei Twitter für den Fernsehauftritt.

Immerhin hat sich „Punkt 12“, anders als die im selben Programm vor zwei Tagen gelaufene Werbe-Reportage über dasselbe Bordell, als Fazit für ein bisschen Distanz entschieden. Der Sprecher knarzt moralisch:

Sprecher: Eine Art Familie im Bordell. Allein das sollte Chrissis Mutter und ihrem Stiefvater zu denken geben. Die Flucht ins Milieu, sie ist damit womöglich doch nicht so ganz freiwillig.

„Ein Mädchen, das bei uns anfängt, ist auch wirkliche Anfängerin“: Wie RTL für Lolita-Prostitution wirbt

Ältere Männer, die jüngere Mädchen begehren, machen sich gut im Fernsehen. RTL 2 versucht zur Zeit, sich als gesellschaftlich verantwortungsvoll handelnder Sender darzustellen, indem er sie bei Kontaktversuchen im Internet in eine Falle lockt und dann eindringlich fragt, was sie sich eigentlich dabei denken. Halbschwestersender RTL macht derweil Lust auf „Lolita-Sex“ und wirbt für „Deutschlands erstes Teeny-Bordell“ (sic!).

Montag vor drei Wochen. Am späten Abend läuft „30 Minuten Deutschland“, eine Sendung der Produktionsfirma AZ Media, einem vermeintlich „unabhängigen“ Anbieter, dem RTL Sendezeit abgeben muss. AZ Media ist RTL freundschaftlich-geschäftlich verbunden; der Sender nennt die Reihe „Unser Reportage-Highlight“.

Dem Thema der Prostitution junger Frauen, die noch jünger aussehen, widmet sich diese Sendung wie folgt:

Sprecherin: In Köln wurde jetzt ein Bordell eröffnet, das sich mit seinem Angebot speziell an Liebhaber von Lolitas wendet.

Kunde Heinrich: Diese Mädchen, knackiger Körper, und die sind genau so versaut wie ’ne reife Frau. Das ist ja das Geile daran.

Sprecherin: Der 60-jährige Heinrich ist Stammgast in „Teeny-Land“, einem Bordell, das sich auf Liebhaber von Lolitas spezialisiert hat.

Wir sehen Heinrich im Gespräch mit der „Hausdame“ Sonja.

Heinrich: (…) Jetzt zieht es mich wieder hin zu den Teenies.

Sonja: So ist das schön.

Heinrich: Wer ist heut alles da?

Sonja: Heute ist da, die Ariella ist da, die Lucie ist da, die Micky ist da, viele Mädchen… Ich bring dir die Mädchen mal, und dann kannst du dich entscheiden. (…)

Die Mädchen kommen einzeln ins Zimmer und stellen sich Heinrich vor.

Sprecherin: Seit dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren kommt Heinrich mindestens zwei Mal im Monat und sucht sich ein junges Mädchen aus. Allerdings erst nach ausführlicher Betrachtung des aktuellen Angebots. Die Bestellung nimmt Hausdame Sonja entgegen.

Sonja: Was für Dich dabei?

Heinrich: Super, ja. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Die Arielle gefällt mir ziemlich gut. Die Lucy ist ne ganz süße. Und die Janine!

Sonja: Ja, die ist ganz süß. Ist ’ne ganz neue auch.

Heinrich: Ich will also ’ne Stunde. Und… französisch optimal, macht das auch die Lucy?

Sonja: Die Lucy macht das leider nicht.

Heinrich: Na, ich würde sagen, dann nehm ich die Janine.

Sonja: Okay, dann schick ich dir die Janine für ’ne Stunde. (…)

Sprecherin: Janine ist noch neu hier im „Teeny-Land“. Das Geschäft mit der bezahlten Liebe kennt die 20-jährige allerdings schon aus dem Effeff. Bis zu zehn Kunden erfüllt sich Tag für Tag fast alle Wünsche.

Janine: Hi, ist ja schön, dass du dich für mich entschieden hast.

Heinrich: Du bist ja ganz neu hier.

Janine: Ja.

Heinrich: Mir gefällt sowas. Wir werden ne geile Stunde verbringen, glaube mir.

Sprecherin: Für die Realschülerin ist der Sex mit dem 40 Jahre älteren Mann ein ganz normaler Job. (…) Mit ihren jugendlichen Körpern und einigen Tricks beim Make-up und der Kleiderwahl gelingt es Janine und ihren Kolleginnen, den zahlenden Kunden das Image der unschuldigen Lolita zu verkaufen. (…)

Janine: Die Mädchen sehen nicht aus wie über Zwanzig. (…) Jeder von uns hat noch ein bisschen die Teenie-Art.

Heinrich: Seit eh und je fühl ich mich hingezogen zu Teenie-Mädchen. (…)

Sprecherin: Der 60-jährige Kunde ist nicht der einzige Fan von jungen Mädchen. Die Idee vom „Teeny-Land“ wird von der Kundschaft honoriert. Betreiber Kaspar hat ständig neue Ideen für die Ausgestaltung seiner Räume.

Kaspar: Hier finden unsere klassischen Rollenspiele statt. Das bedeutet, Lehrer-Schüler-Geschichten, hauptsächlich. (…) Teilweise auch richtige Unterrichtsstunden.

Sprecherin: Die Klientel, die die Schulmädchen-Erotik bucht, ist bunt gemischt. Junge Männer sind die große Aufnahme, drei Viertel der Männer älter als 40.

Kaspar: (…) Im jungen Alter ist der normale Sex meistens hinreichend und ausreichend für die eigene Lustbefriedigung. Und mit zunehmendem Alter (…) experimentiert man mehr, entwickelt andere Fantasien, und irgendwann wollen die auch verwirklicht werden. (…)

Sprecherin: Die Frauen, die hier im Bordell arbeiten, sind zwischen 18 und 20 Jahre alt.

Kaspar: Ein Mädchen, das bei uns anfängt, ist in der Regel auch wirkliche Anfängerin. Ganz einfach aufgrund des Alters ist das meistens gar nicht anders möglich. Es gibt viele Mädchen, die warten gerade auf den Tag, wo sie 18 werden, um dann hier beruflich, ich sag’s jetzt einfach mal, Karriere zu machen. Wir sind im Endeffekt nichts anderes als ein anderer Betrieb auch. Es geht auch tatsächlich um viel Geld, das kann man offen so sagen, besonders für die Mädels.

Sprecherin: Im Schnitt kommen die Jungprostituierten auf mindestens 200 Euro pro Schicht. Kein schlechter Verdienst für die Mädchen, die oft weder Schulabschluss noch Ausbildung haben. Um diese kümmert sich einmal im Monat Bordellchef Kaspar persönlich.

Kaspar: (vor einer Schultafel, zu den Mädchen) Wer gut reden kann, muss weniger blasen. Ich sag auch ja immer, wer gut blasen kann, muss weniger (Wort überpiept). Aber es gilt auch andersrum: Wer gut reden kann, muss weniger blasen.

Nun ist es nicht so, dass der Film die Probleme dieser Leidenschaft für junge Mädchen völlig ausblendet. So lapidar, wie das Thema dann angeschnitten und gelöst wird, wünscht man sich allerdings, er hätte es getan.

Sprecherin: Dabei ist die Grenze zwischen der Faszination für frühreife junge Menschen und krimineller Pädophilie nicht immer leicht zu ziehen. Doch Pädophile kommen nicht in sein Bordell, da ist sich Betreiber Kaspar sicher.

Kaspar: Ich glaube, dass pädophile Gäste wir hier nicht haben. Es ist ein ganz großer Unterschied zwischen einer Lolita, einem jungen Mädchen, und einem Kind da. Die Mädels, die hier mit uns arbeiten, sind Frauen, körperlich Frauen. Das heißt, sie haben weibliche Reize, Brüste, Hüften, und so weiter und so fort. Und genau das ist es ja nicht, was einen Pädophilen reizt.

Das Bordell wirbt auf seiner Internetseite damit, die einzige Adresse Deutschlands „speziell für Teeny- mädchen und Freunde von Unbeschwertheit und Jugend“ zu sein: „Taucht ein in eine Welt der Kniestrümpfe, Zöpfchen, und der Freude an freier Sexualität. Im Teenyland legen die süssen Lolitas ihre Schulbücher beiseite und tauschen den Abiturstress gegen die wunderbare Möglichkeit ihre Sexualität zu entdecken, und Dinge auszuprobieren, die auf dem Pausenhof tabu sind. Hierfür benötigt man Lehrer, die wissen worauf es ankommt und nicht bloss Bücher wälzen können. Im Teenyland stehen Lust, Spass und Freude an der Sache im Vordergrund.“ Alle Mädchen hätten das achtzehnte Lebensjahr vollendet, „auch wenn es nicht immer so aussieht“.

Ob man als Mann, der Teenager begehrt und ihre Nähe sucht, in der RTL-Familie am Pranger landet oder in einem Werbefilm für ein „Teeny-Bordell“, ist offenbar nur eine Frage des Zufalls. Und in der Welt von AZ Media scheint die Prostitution für junge Mädchen ohne Ausbildung und mit Geldnöten eine ganz normale und sehr attraktive Möglichkeit der Berufswahl zu sein.

(via fernsehkritik.tv; Screenshots: RTL)