Wenn in Zukunft jemand fragt, was das eigentlich ist, was wir in Deutschland anstelle eines Nachrichtensenders haben, wird man ihm nur diesen Ausschnitt zeigen müssen.
Es ist fast, als hätte ein Satiriker ein Drehbuch geschrieben, um in knappster Form all die Katastrophen dieser Art von »Berichterstattung« bloßzustellen — bis hin zu der Ironie, dass n-tv, während der Mann am Telefon davor warnt, sofort unkommentierte Bilder vom Tatort zu zeigen, in der Dauerschleife unkommentiert Bilder vom Tatort zeigt.
[via Alexander Svensson, dem auch ein Detail im Laufband aufgefallen ist]
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Der ähnlich eindrucksvolle Live-Bericht einer RTL-Reporterin aus Winnenden bei »Punkt 12″ (»Es ist Wahnsinn, hier blinken die Lichter. Man hat nicht erwarten können, dass ein solches Großereignis hier heute eintritt. Es ist hier ein Chaos vom Feinsten!«) ist bei YouTube übrigens nicht mehr zu sehen. Stattdessen heißt es:
Das Merkwürdige daran ist, dass RTL beteuert, keine Löschung veranlasst haben. Bei YouTube heißt es dagegen, der Hinweis, der anstelle des Videos angezeigt wird, sei korrekt. Genauere Auskünfte gibt die Firma Google, zu der YouTube gehört, traditionell nicht. Auch auf nochmalige Frage kann man sich bei RTL den Vorgang nicht erklären.
Vielleicht könnte jemand, der den Ausschnitt zufällig hat, ihn nochmal hochladen? (Oder einfach mir schicken.)
Nachtrag, 17.50 Uhr. Georg hat mir freundlicherweise den Auftritt geschickt, so dass man ihn sich jetzt wieder ansehen kann:
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Unbedingt in Erinnerung blieben sollte von der medialen Aufbereitung dieses Ereignisses auch die »ZDF-Reportage« zum Thema, die nicht unter den hektischen Bedigungen einer Livesendung entstand, sondern am darauffolgenden Sonntag ausgestrahlt wurde.
Sprecher: Tim K., der Amokläufer. Wenig erfährt man über ihn und seine Familie in den Tagen nach der Tat. Die meisten Menschen in Winnenden sind Reportern gegenüber sehr zurückhaltend. Das Elternhaus von Tim K. am Abend nach dem Amoklauf. (…) Die Familie wird als wohlhabend und eher zurückhaltend beschrieben. Bei Nachbarn wollen wir nachfragen.
Reporter: Bei dieser Wohnung, wo da noch Licht brennt, ist das Ihre Wohnung? Dann würde ich da natürlich nicht nochmal klingeln wollen.
Nachbarin: Nein, Sie dürfen im ganzen Haus nicht klingeln. Ich verbiete Ihnen des.
Sprecher: Distanz überall.
Reporter: (an einer Tür) … okay, gut, dann entschuldigen Sie die Störung, ich Danke Ihnen.
Sprecher: Reporterschicksal. Winnenden will Ruhe. Aber Fragen stellen ist nun mal unser Beruf.
Reporter:(an einer anderen Tür) … natürlich. Danke schön.
Sprecher: Deutschland will daheim am Fernseher Neuigkeiten sehen, aber in Winnenden möchte keiner von Reportern an der Haustür belästigt werden. Auch wir spüren den Unmut der Nachbarn.
Reporter:(an einer weiteren Tür) …gut, dann haben wir nicht länger gestört, danke schön.
Sprecher: Rechtschaffene Leute seien Tims Eltern, hören wir, als die Kamera nicht läuft. Ein paar Kilometer vom Wohnort hat der Vater einen Zulieferbetrieb für Verpackungen. Damit schirmen die Mitarbeiter jetzt die Fenster ab. Niemand möchte sich zeigen oder gar mit ihnen sprechen.
Reporter:(zu einem Mann, der gerade mit dem Auto vor dem Haus geparkt hat) Schönen guten Tag, dürfen wir Sie ganz kurz stören? Sie sind sicherlich ein Kunde des Hauses.
Passant: Ich geb dazu keine Antwort.
Reporter: Wie geht’s Ihnen heute mit der Situation?
Nach dem Amoklauf in Erfurt mussten sich die Medien noch fragen lassen, was denn ihre Verantwortung für solche Ereignisse sein könnte. Die Fernsehsender sollten sich sogar auf Wunsch von Bundeskanzler Gerhard Schröder um einen Runden Tisch zum Thema Gewalt in den Medien setzen.
Diese Zeiten sind vorbei. Denn es gibt ja jetzt das Internet, in dem jedermann selbst publizieren kann. Seit die professionellen Medien das Monopol auf die Veröffentlichung zweifelhafter, persönlichkeitsrechtsverletzender oder gefährlicher Inhalte verloren haben, können sie sich hemmungslos über die Veröffentlichung derselben zweifelhaften, persönlichkeitsverletzenden oder gefährlichen Inhalte durch andere empören. Wenn Laien das tun, ist das offenbar viel schlimmer.
Die Medien schaffen es, das sogenannte Mitmachnetz dafür verantwortlich zu machen, dass auf YouTube ein Video von den letzten Minuten des Amokläufers zu sehen ist, und dabei auszublenden, dass dieses Video von RTL exklusiv gekauft und verbreitet wurde. Sie schaffen es, sich darüber aufzuregen, dass auf Twitter das Haus der Familie des Amokläufers gezeigt wird, und dabei auszublenden, dass ihr eigenes Medium dieses Haus groß als Aufmacherbild zeigt.
Ich hatte das zunächst für die Deformation einzelnerKollegen gehalten. Inzwischen bin ich überzeugt: Das hat System. Journalisten nutzen das Internet, um die berechtigte Kritik an ihrem eigenen Vorgehen systematisch auf die Amateur-Publizisten zu projizieren. Womöglich hat das nicht nur eine strategische, sondern auch eine psychologische Komponente und hilft irgendwie, den unterschwelligen Selbsthass zu kompensieren.
Die Unsterblichkeit des Amok-Täters: Tim K. wusste wohl, dass er schon Stunden nach seiner Tat auf immer in die Hall of Fame des Verbrechens eingehen würde. Mit seiner Tat hat er die große Erzählung vom Amok weitergesponnen. Dass er das konnte, ist auch eine Folge von medialer Demokratisierung.
Schmid beschreibt geradezu verführerisch, wie attraktiv so ein Amoklauf in Zeiten der Massenmedien ist:
Mit ein paar Schüssen wird einer, der bisher ein gänzlich Unbekannter oder gar ein Gehänselter und Verlachter war, zu einem, der schon zwei Stunden nach den ersten Schüssen auf allen Fernseh– und Internetkanälen des Globus präsent ist. (…) Er betritt eine Hall of Fame, der er auf immer angehören wird, aus der niemand ihn vertreiben kann.
Nun könnte man schon fragen, ob das angemessene Formulierungen angesichts der sehr realen Gefahr von Nachahmungtstätern ist. Und vor allem müsste man fragen, was die Medien dagegen tun könnten, auf diese Weise zu posthumen Werkzeugen der Mörder zu werden. Das müssten die Medien nicht zuletzt sich selbst fragen (der »Spiegel« zum Beispiel, der dem Mörder gerade ein hübsches Titelbild-Denkmal gesetzt hat) — das müssen sie aber nicht mehr, denn es gibt ja den publizierenden Pöbel im Internet. Und genau dorthin biegt Thomas Schmid zum Finale seines Artikels ebenso konsequent wie unvermittelt ab:
Letztlich aber sind es nicht einmal, wie die linke Kulturkritik meint, »die« Medien, die dem Täter zum Ruhm verhelfen. Es sind Krethi und Plethi, die das (oft mit medialer Hilfestellung) besorgen. Und das ist, wenn man will, ein Demokratisierungserfolg. Konnten früher medial nur die Privilegierten, also die journalistischen Fachleute, mithalten, hat das weltweite Netz, das alle mit allen verbinden kann, im Prinzip jeden Einzelnen zum Wirklichkeitsdeuter und –bildner gemacht. Dass Tim K. heute eine populäre, in der ganzen Welt bekannte Gestalt ist, ist auch eine Folge von user generated content.
In vielen digitalen Galerien wird die Tat von Tim K. aufbewahrt, wird die Erinnerung an ihn gepflegt werden. Seine Motive mögen die gleichen sein wie die eines Attentäters von 1907. Neu ist, dass man heute mit Taten wie diesen binnen Stunden den Laufsteg der Unsterblichkeit betreten (und sich von der Mühsal des Alltags verabschieden) kann. Vielleicht besitzt dieses Angebot, an dem Millionen von usern mitweben, eine metaphysische Anziehungskraft. Ist es vorstellbar, dieses wahrhaft massenmediale Angebot wieder zurückzuziehen?
Was für ein hanebüchener Unsinn: Nicht die Massenmedien verhelfen dem Täter zum verführerischen Ruhm, wenn sie in Millionenauflage über ihn berichten und einen nicht enden wollenden Strom von Bildern, Illustrationen, Videos, Fakten und Scheinfakten produzieren, sondern Krethi und Plethi (wie der »Pöbel« offenbar mit Vornamen heißt), die dieses ganze Material dann verlinken, in ihr StudiVZ-Profil stellen und auf YouTube mit kitschiger Musik unterlegen?
So unverschämt ist das Heilsversprechen beim Kampf gegen die digitale Revolution selten formuliert worden: Wenn wir nur die Zahnpasta zurück in die Tube brächten und das Publizieren wieder den Profis überließen, könnte die Welt eine bessere sein. (Und den Journalisten ginge es auch besser.)
Um dieses Ablenkungsmanöver in all seiner dreisten Verlogenheit würdigen zu können, muss man allerdings sehen, wie der Artikel des »Welt am Sonntag«-Chefredakteurs in der Zeitung aufgemacht war.
So:
(Verpixelung von mir.)
Testfrage: Wen zeigt das große Foto neben den Worten »Die Unsterblichkeit des Amok-Täters«, das keinen weiteren Bildtext hat?
Nein, es zeigt nicht den »Amok-Täter« Tim K. Der Junge auf dem großen Foto, den der unbefangene »Welt am Sonntag«-Leser für den Amokläufer halten muss, ist ein namenloser trauernder Junge bei einem Gottesdienst für die Opfer in Winnenden.
Diese Medien haben allen Grund, von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken.
Jochen Kalka, der Chefredakteur der Branchenzeitschrift »werben & verkaufen«, kommt aus Winnenden. Er berichtet gerade auf wuv.de aus der Stadt. Er schreibt über die Trauer, die Hilflosigkeit und die Wut der Menschen dort. Und er schreibt über die Verkommenheit so vieler Kollegen.
Ich habe zwei Pässe, einen deutschen und einen französischen. Meine Mutter ist Französin, mein Vater Deutscher. Ich habe Geistes– und Sozialwissenschaften in Frankreich und Deutschland studiert. Ich arbeite auf dem weiten Feld von Kunst und Kultur. Ich schaue nie arte.
Das sagt sicher viel und nichts Gutes über mich aus, es sagt aber auch etwas über den Sender aus. Anders formuliert: Wenn vierzigjährige deutschfranzösische Feuilletonredakteure nicht diesen Sender schauen — wer dann?
Wir können die Frage noch zuspitzen. Es gibt auf arte eine Magazin mit dem schönen Namen »Paris-Berlin. Die Debatte.« (Es gibt auch ein Magazin »arte Kultur«, was mich vor das gleiche Rätsel stell wie amerikanische Wochen bei McDonalds oder »Brigitte Woman«, aber lassen wir das.) Schon der Name. Eine Debatte braucht ein Thema und idealerweise eines, das in eine Frage passt: Soll man Rauchen verbieten, ist Kernkraft gesund, macht Buttermilch schön?
Paris-Berlin ist eine Nachtzugverbindung, aber keine Debatte. Ich kenne beide Städte gut und bin da oft, aber ich fasse dieses Magazin ganz einfach nicht. In der gestrigen Sendung ging es um das Thema irgendwie moderne Kunst. Damian Hirst war der Einstieg, und ob es noch mit rechten Dingen zugeht, wenn er so viel kassiert. Anlass war sein mit Diamanten besetzter Schädelabguss »For the Love of God«. Hundert Millionen wurden für den bezahlt — im August 2007!
Ich hielt es für eine Wiederholung. Das Thema ist uralt. Von den Auswirkungen der Krise auf den Kunstmarkt, über die die Zeitungen allerdings nun auch schon vor Wochen schrieben, war in der Sendung kaum was zu hören. Es war eine ewig schöne Sendung, die manweißnichtwann manweißnichtwo aufgezeichnet wurde. Alles sah gut aus. Moderatorin, Gäste, Bildsprache, Musik — alles höchste Qualität. Nur der Inhalt war leider von 2004.
Oh, ich wüsste noch weitere Themen: Die Zukunft des Romans. War Athen besser oder Rom. Macht der Tonfilm das Kino kaputt. Für die folgende Ausgabe ist etwas über das moderne Essen vorgesehen. Auch immer wieder interessant. Aber nie zwingend, nie mutig, nie riskant.
Was mich besonders ärgert: Am selben Tag war zufällig das politische Paris in Berlin, wo ein deutsch-französisches Ministertreffen stattfand. Am selben Tag hatten beide Länder mit dem Amoklauf von Winnenden, der auch in der französischen Öffentlichkeit eine riesige Resonanz hatte, ein gemeinsames soziokulturelles Thema. Nichts davon fand sich in dieser »Debatten«-Sendung. arte muss solche Magazine live senden. Es muss etwas passieren in den Studios.
Die Krise, die so vermieden wurde, ist auch ein Moment der Weichenstellung. Wenn man schon die Möglichkeiten hat, so ein hochwertiges Magazin zu machen, in einer Zeit, in der es um die deutsch-französischen Beziehungen nicht immer zum besten steht, dann hat man aber auch eine Pflicht: Es aufregend zu machen, brisant, unabdingbar. So, dass ich es schauen MUSS. Ich bin in diesem Fall einfach angewandte Soziologie.