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Zeitung verkauft Leser für Strumpf

Korrektur, 11:58 Uhr. Ich Depp habe „Neue Westfälische” und „Westfälische Nachrichten” miteinander verwechselt. Die folgenden Bemerkungen stimmen natürlich trotzdem — beziehen sich aber auf zwei verschiedene Zeitungen. Entschuldigung!

Am Dienstag war ich Teilnehmer einer Diskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn zum Thema „Blog gegen Print”. Mit mir auf dem Podium saß unter anderem Thomas Seim, der Chefredakteur der „Neuen Westfälischen”. Der sagte viele vernünftig klingende Sachen darüber, dass klassische Medien selbstverständlich Blogs als Quellen nutzen und selbst den Umgang mit solchen Formen üben sollten, und dass eine Funktion von Tageszeitungen in der Zukunft auch sein werde, ihren Lesern durch Auswahl, Gewichtung und Überprüfung einen Überblick über die verwirrend vielen und teils zweifelhaften Inhalte im Netz zu verschaffen.

Seim benutzt aber den alten Trick, so zu tun, als hätten sich Tageszeitungen als Garanten all dessen erwiesen, was nun im Internet verloren zu gehen drohe: Eine klare Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten, zum Beispiel. Dazu seien Zeitungen nämlich schon durch den Pressekodex verpflichtet, sagte Seim. Im Internet gebe es solche Regeln nicht.

Und damit zu einem ganz anderen Thema.

Am Mittwoch besuchte „Miss Germany” Anne Julia Hagen die Firma Jentschura in Roxel bei Münster. Die „Neue Westfälische” „Westfälischen Nachrichten” berichten ausführlich über dieses Ereignis. „Miss Germany schläft mit Strümpfen” titelt sie und schreibt:

(…) Die amtierende „Miss Germany”, die keine Currywurst mag, dafür aber Kartoffelsalat, kam nicht aufgemotzt und schon gar nicht in Nylons daher.

Natürlich schön, dezent gebräunt und mit dem richtigen Mix aus geschmeidigen Bewegungen und einer Portion Selbstbewusstsein setzte sich die 20-Jährige für die Fotografen und Kameraleute in Szene – inklusive langer Mähne, einem bezaubernden Lächeln und sexy Augenaufschlag. Die Berlinerin schwört auf „Basische Strümpfe”, von denen die Firma Jentschura in Roxel täglich 250 Stück an die Beine bringt.

Und was bringt das? Miss Germany: „Meine Beine fühlen sich danach toll an, irgendwie leicht. Und die Haut ist streichelzart und sieht einfach gut aus”, strahlt Anne Julia Hagen, die im Februar dieses Jahres mit Krönchen und Schärpe ausstaffiert wurde und die Strümpfe bereits seit drei Jahren überstreift. „Meine Mutter hat mich auf den Geschmack gebracht“, erzählt die Beauty-Queen von der gesunden Lebensart ihrer 43-jährigen Frau Mama auf basische Art.

Am Mittwoch lernte Anne Julia Hagen die Textilmanufaktur in Roxel kennen, die diese Produkte weltweit auf den Markt bringt. Und demonstrierte die Handhabung der Strümpfe. In einer Schüssel mit Wasser verrührte die schöne Miss mit den Maßen 90 – 66 – 93 bei einer Größe von 1,74 Metern einen vollen Teelöffel einer basischen Mineralienmischung. Darin tauchte sie die Baumwollstrümpfe kurz ein, um sie danach gut auszuwringen und ihre Beine in die feuchten Strümpfe zu stecken. Darüber streifte sie sich galant trockene Strümpfe aus reiner Schurwolle über – und fertig war die bestrumpfte Miss Germany, die am liebsten nachts die Strümpfe trägt. Auch bei warmen Temperaturen.

„Am Morgen fühle ich mich einfach wohl, die Beine wirken schlanker”, so die Erfahrung von Deutschlands schönster Frau, die an der Universität Potsdam Kulturwissenschaften, Anglistik und Amerikanistik studiert. (…)

In einer neunteiligen Bildergalerie kommen die „Westfälischen Nachrichten” ihrer Chronistenpflicht nach und demonstriert mit Fotos, die der Laie leicht mit Werbeaufnahmen verwechseln könnte, wie sehr solche Wollstulpen eine junge Frau entstellen schmücken.

Und in einem vorbildlichen multimedialen Einsatz produzierte die Journalistin der „Westfälischen Nachrichten” gemeinsam mit dem Fotografen gleich auch noch einen gut halbminütigen Nachrichtenfilm:

Deutschlands aktuell schönste Frau, Anne Julia Hagen, war gestern in Roxel. Die Berlinerin schaute sich in der Firma Jentschura um – weil hier Basische Strümpfe produziert werden. Und auf diese schwört die seit Februar amtierende Miss Germany bereits seit drei Jahren. (…)

Und das ist natürlich — anders als die schnöde Tatsache, dass Frau Hagen einfach einen Werbevertrag mit der Strumpffirma hat — eine Nachricht für die Journalisten von den „Westfälischen Nachrichten”. Die Zitate der Miss Germany stammen übrigens teilweise aus der Pressemitteilung des Unternehmens selbst.

Ich weiß nicht, ob der Artikel auch in der gedruckten Ausgabe der „Westfälischen Nachrichten” erschienen ist. Andererseits: Kann ja nicht. In Print ist Schleichwerbung ja verboten.

[via Jörg-Olaf Schäfers]

— 16. Juli 2010, 11:46 — 64 Kommentare

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Eine Umverpackungsindustrie

Am vergangenen Samstag veröffentlichte die „Berliner Morgenpost” einen Text von Julien Wolff über Fabio Capello, den italienischen Trainer der englischen Nationalmannschaft. Derselbe Artikel erschien am selben Tag leicht gekürzt in der Schwesterzeitung „Welt”.

Auf den Online-Seiten der „Berliner Morgenpost” kann man denselben Artikel zweimal lesen, einmal kostenpflichtig unter der Überschrift „Für mehr italienische Momente im Leben”, einmal kostenlos und mit Foto unter der Überschrift „Capello verpasst seinem Star Rooney einen Maulkorb”.

Auch auf den Online-Seiten der „Welt” ist derselbe Artikel ebenfalls zweimal veröffentlicht, einmal für das Internet aufbereitet mit Foto, einer 33-teiligen und einer 32-teiligen Bildergalerie sowie einer siebenteiliger Textklickstrecke („Capello verpasst seinem Star Rooney einen Maulkorb”), und einmal als Text pur („Für mehr italienische Momente im Leben”).

Auf den Online-Seiten des „Hamburger Abendblattes” hat die Axel Springer AG den Artikel ein weiteres Mal veröffentlicht, hier unter Überschrift „Ein Trainer als Hoffnungsträger”.

Und vermutlich weil es schade wäre, wenn ein solcher Artikel nur fünfmal fast wortgleich im Netz stünde, hat den Text auch der Online-Ableger des „Stern” auf seinen Seiten veröffentlicht, hier unter der Überschrift „Capello verpasst Rooney Maulkorb”. Der „Stern” erscheint nicht im Springer-Verlag, sondern bei Gruner+Jahr. Die vermeintlichen Konkurrenten „Welt Online” und stern.de haben aber vereinbart, zur Feier der Fußball-Weltmeisterschaft Artikel „auszutauschen”.

Vielleicht steckt dahinter eine große Qualitätsoffensive, mit der die Verlage all denen, die im Internet nur Inhalte kopieren, mal zeigen, was Vielfalt bedeutet.

— 16. Juni 2010, 0:37 — 45 Kommentare

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Unter Nazi-Content-Produzenten

Auf „Welt Online” ist in der Zwischenzeit ein gutes halbes Dutzend Artikel über die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und ihre Formulierung vom „inneren Reichsparteitag” produziert worden, routiniert angereichert mit einer 53-sekündigen Videodokumentation „So begann der zweite Weltkrieg”, einer 22-teiligen Bildergalerie über Leni Riefenstahl und einer 52-teiligen Klickstrecke „Etappen des Krieges in Europa”.

An einer anderen Stelle musste „Welt Online” seine Nazi-Content-Produktionsmaschine allerdings stoppen. Aus dem Artikel „Müller-Hohenstein spricht von ‘Reichsparteitag’” wurde klammheimlich ein ganzer Absatz entfernt, nämlich dieser:

Die Löschung ist nicht überraschend, denn so, wie das da steht, hat sich Eva Herman nicht geäußert. Die frühere Fernsehmoderatorin hat dem Springer-Verlag bereits früher eine ähnliche Formulierung gerichtlich untersagen lassen und Schmerzensgeld erwirkt.

(Das würde mich an der Stelle von Katrin Müller-Hohenstein am meisten wurmen: Dass sie sich ausgerechnet von solchen Leuten einen gedankenlosen Umgang mit Sprache und dem Dritten Reich vorwerfen lassen muss.)

Das Schwesterangebot morgenpost.de hatte den Artikel von „Welt Online” wie üblich übernommen — dort erscheint jetzt nur noch eine Fehlermeldung.

Erstaunlicherweise hatte auch das Online-Angebot des „Stern” den „Welt Online”-Artikel auf seinen Seiten republiziert — und irgendwann noch der außerordentlich dämlichen und irreführenden Formulierung aufgepeppt: „Selbst die BundesRegierung schaltete sich ein.” (In Wahrheit hatte ein Sprecher auf Nachfrage gesagt, dass man sich nicht einschalten werde.)

Müller-Hohenstein und Kloses "Reichsparteitag" Im Alltag hat sich die unselige Sprachwendung gehalten, nun ist ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein darüber gestolpert. Einen "inneren Reichsparteitag" habe Miroslav Klose nach seinem Tor gegen Austalien gefeiert. Mit dem Spruch brachte sie die Internet-Gemeinde in Rage. Selbst die Regierung schaltete sich ein.

Jedenfalls ließ auch stern.de den Absatz über Eva Herman ohne ein Wort der Erklärung oder Entschuldigung unauffällig verschwinden. Meine Fragen, warum das korrigiert wurde und warum stern.de solche Korrekturen nicht transparent macht, ließ die Redaktionsleitung trotz einer ausführlichen Antwortmail offen — ebenso meine Erkundigungen, was stern.de dazu bewogen hat, diesen „Welt Online”-Artikel wiederzuverwerten und ob es nicht möglich gewesen wäre, ihn vorher zu redigieren oder zumindest die Fehler zu korrigieren. Redaktionsleiter Frank Thomsen teilt mir allerdings mit, stern.de habe „für die Dauer der WM auch mit Welt Online verabredet, gegenseitig einzelne Stücke auszutauschen, wenn es passt und die jeweiligen Leser etwas davon haben.”

stern.de hat die Zahl seiner festen Mitarbeiter kürzlich reduziert. Ein Beispiel für einen Text, den „Welt Online” im Rahmen dieses „Austausches” von stern.de übernommen hat, hat mir Thomsen bislang nicht genannt.

Übrigens ist auch im Online-Ableger der „Süddeutschen Zeitung” ein Absatz über Eva Herman verschwunden. Ursprünglich stand dort in einem Artikel über das bizarre Comeback Hermans als Internet-Nachrichtensprecherin für Verschwörungstheoretiker auf den Seiten des Kopp-Verlages:

Zum anderen, viel schlimmer, werden bei Kopp auch die Bücher von rechtsextrem-esoterischen Verschwörern wie Jan Udo Holey verlegt. Holey gilt dem Verfassungsschutz als Rechtsextremist, er wurde wegen Volksverhetzung vor Gericht gestellt. Bei diesen Autoren hat Herman ihren Platz gefunden…

In Wahrheit bewirbt Kopp die Bücher Holeys zwar und hat sie in sein Vertriebssortiment aufgenommen — sie erscheinen aber nicht bei Kopp, sondern in Holeys eigenem Verlag. In der gedruckten Ausgabe musste die „Süddeutsche Zeitung” eine Korrektur drucken. Auf sueddeutsche.de wurden einfach, ohne jeden Hinweis auf die falsche Berichterstattung, die entsprechenden Sätze entfernt.

Kommt halt alles nicht so drauf an. Außer, was eine unbeliebte Sportmoderatorin unbedacht im Fernsehen sagt, natürlich.

Nachtrag, 20.25 Uhr. Der Ursprungsartikel von „Welt Online”, „Müller-Hohenstein spricht von ‘Reichsparteitag’”, scheint jetzt ganz gelöscht worden zu sein.

— 15. Juni 2010, 15:58 — 116 Kommentare

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Ein innerer Reichsparteitag

Das ist jetzt nicht wahr, oder? Dass es eine mittelgroße Empörungswelle gibt, weil ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein in der Halbzeitpause eines Fußballspiels, das offenbar gerade stattgefunden hat, gesagt hat, für Miroslav Klose müsse sein Treffer doch „ein innerer Reichsparteitag” sein?

Für mich ist das eine alltägliche Redewendung, um einen besonderen Triumph zu beschreiben, ein Gefühl von Schadenfreude oder die Genugtuung, es allen gezeigt zu haben. Von mir aus können wir gerne darüber diskutieren, ob das eine besonders passende oder geschmackvolle Redewendung ist — aber doch nicht ernsthaft darüber, dass der öffentliche Gebrauch der Formulierung einen Nazi-Skandal darstellt?

Oh doch. Die immer um billige Aufmerksamkeit heischenden Klickstreckenproduzenten von „Welt Online” begannen sofort zu hyperventilieren:

Der Artikel wurde offenbar hektisch auf- und umgeschrieben. Anfangs hieß es in sicher irgendwie bedeutungsvoller Ausführlichkeit:

Diese Redewendung bezieht sich auf die Reichsparteitage der NSDAP in den 1930er Jahren, die mit ihren Aufmärschen, Paraden, Appellen, Totengedenken und Wehrmachtsvorführungen in ihrem Repräsentationsgebaren den Charakter einer offiziellen Staatsfeier trugen. Sie dienten der Demonstration des absoluten Machtanspruches der NSDAP und der Ideologie des NS-Staates: Disziplin und Ordnung, die Unterwerfung des Individuums unter einen gemeinsamen Willen.

(Den wesentlichen Teil davon hat der diensthabende Content-Produzent sicherheitshalber von den Seiten des Deutschen Historischen Museums kopiert.)

Später verunglückte ein neuer Formulierungs- und Skandalisierungsversuch so:

Reichsparteitage beziehen sich auf die Veranstaltungen, bei denen Adolf Hitlers NSDAP besonders ab 1933 ihre verhängnisvolle, menschenverachtende Propaganda im großen Stil ausbreitete.

Offenbar ist der Gebrauch der Redewendung für die „Welt” ein schlimmer Tabubruch, wobei… nö:

„Welch innerer Reichsparteitag muss es jenem englischen Journalisten gewesen sein, dem damals die Bezeichnung „Bum-Bum-Boris” einfiel (…).”
(„Welt”, 15. Dezember 2000)

„Dort überall kreuzt nämlich die ganze Julian-Clique auf (…) – bis sie dann alle Mann hoch ihren inneren Reichsparteitag in Gorleben, als Gegner der Castor-Transporte natürlich, erleben. ”
(„Welt”, 19. Februar 2005)

„Tja, der vergangene Sonntag war den ehemaligen SED-Politikern, die sich heute in der Linken versammeln, ein innerer Reichsparteitag.”
(„Welt”, 30. Januar 2008)

Schlimm scheint es vor allem zu sein, wenn Frauen eine solche Formulierung gebrauchen. Denn Frauen machen beim Fußball, wie „Welt Online”-Autor Jörg Winterfeldt weiß, immer Fehler:

Traditionell haben Frauen es im medialen Fußball-Umfeld schwer. Das haben gerade im ZDF immer wieder leidvoll Frontfrauen erfahren müssen von Carmen Thomas, die bis heute noch gelegentlich auf ihren Fauxpas „Schalke 05″ aus dem Juli 1973 reduziert wird, bis zu Christine Reinhart, die ab 1993 zwei Jahre lang im Sportstudio moderieren durfte.

Doch Müller-Hohenstein hatte sich vor der WM sehr aggressiv zu vermarkten versucht und nun gleich bei ihrem ersten großen Auftritt schwer gepatzt (…)

Die „sehr aggressive” Vermarktung muss mir irgendwie entgangen sein, was bei meinem Desinteresse an Fußball natürlich nicht ausgeschlossen ist — aber ist es nicht interessant, dass vermeintliche „Patzer”, die Frauen machen, von Quatschmedien wie „Welt Online” immer mit ihrem Geschlecht in Verbindung gebracht werden? Wo bleibt, wenn Johannes B. Kerner wieder einmal Unsinn verzapft hat, die Bildergalerie zum Thema „peinliche Fehltritte von Männern”?

Besonders niedlich ist der Nazifizierungsversuch von „Welt Online” aber auch in seiner Ahnungslosigkeit über das Kommunikationsverhalten der Menschen bei „Twitter”:

Der Fehltritt geriet so folgenschwer, dass viele Fans sich in der zweiten Halbzeit schon vor den Computer setzten, statt sich ganz der zweiten Halbzeit von Deutschlands erstem WM-Auftritt in Südafrika zu widmen.

Man sieht sie förmlich, die Massen, die sich vor dem geistigen Auge des Autors mit den Armen in den Hüften vom Platz vor dem Fernseher erhoben oder empört von der Public-Viewing-Party nach Hause stapften, um dort erst einmal vor lauter Ärger den Computer hochzufahren — als hätten die Leute, von denen da „gewettert, getwittert und in sozialen Netzwerken online diskutiert” wurde, nicht ohnehin vor dem Computer gesessen.

Und dann holt „Welt Online” auch noch Eva Herman aus der Kiste:

Besonders erstaunlich scheint Müller-Hohensteins Entgleisung vor dem Hintergrund, dass erst unlängst eine Moderatorinnenkollegin mit Vergleichen zu Hitlers Herrschaft für einen Skandal und in der Folge ihre Entlassung gesorgt hatte: Die frühere Nachrichtensprecherin Eva Herman hatte den Umgang der Nationalsozialisten mit Werten wie Kinder, Mütter, Familien und Zusammenhalt, „als das, was gut war” charakterisiert.

Sehen wir einmal von den falschen Anführungszeichen und dem angestrengten Versuch ab, eine nicht vorhandene Parallele zu konstruieren und dem Wörtchen „unlängst” auch noch eine mehrjährige Zeitspanne aufzubürden — dass Eva Herman mit ihrem inzwischen berüchtigten Worthaufen den „Umgang der Nationalsozialisten” mit diesen Werten als positiv einstufte, ist mindestens umstritten, und das Oberlandesgericht Köln hat dem Axel-Springer-Verlag untersagt, Herman so zu zitieren, als habe sie den Nationalsozialismus in Teilen gutgeheißen.

Und die ganze Aufregung, das ganze schlimme „Welt Online”-Gemurkse, weil Katrin Müller-Hohenstein von einem „inneren Reichsparteitag” gesprochen hat? Weiß jemand, ob die in Südafrika Autobahnen haben?

PS: Leider haben sich auch die Freunde von „11 Freunde” in für mich unfassbare Rage geschrieben („Katrin Müller-Hohenstein bettelt um ihre Entlassung”), aber mein Empörungsempörungspotential ist nun erschöpft.

— 14. Juni 2010, 0:44 — 956 Kommentare

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Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten

Heute lernen wir etwas über die Kriterien professioneller Medien bei der Nachrichtenauswahl. Und über als Journalismus getarnten Lobbyismus in eigener Sache.

Vor zwei Monaten hatte die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin eine Idee, wie sich die Welle der hysterischen Berichterstattung über eine geplante iPhone-Anwendung von tagesschau.de noch weiter verlängern ließ — und sie auf ihr reiten könnte: Sie stellte eine parlamentarische Anfrage an die EU-Kommission, ob sie in dieser Sache „Handlungsbedarf” sehe.

Die Medien, von denen einige wie „Spiegel Online” und „Bild” ohnehin längst publizistische Kampagnen gegen die ungeliebte neue Konkurrenz im Netz führten, nahmen die Vorlage begeistert auf.

„Bild”, 18.2.2010:

FDP bringt das „Tagesschau”-App vor EU-Kommission

Brüssel – Neuer Wirbel um das geplante „Tagesschau”-App der ARD. Auf Antrag der Vizepräsidentin des Europa-Parlaments, Silvana Koch-Mehrin (FDP), prüft jetzt die EU-Kommission, ob die umstrittene Internetanwendung fürs Handy gegen EU-Recht verstößt.

In einer Beschwerde bei EU-Kommissarin Neelie Kroes moniert Koch-Mehrin, die ARD könne einen solchen Dienst „offensichtlich nur deswegen kostenlos bereitstellen, weil sie durch obligatorische Rundfunkgebühren finanziert wird”. Dagegen müssten private Anbieter „ein solches Angebot kostenpflichtig machen”.

Aus ihrer Sicht nutze „die ARD ihr staatlich garantiertes Recht auf ein hohes Gebührenaufkommen aus, um sich gegenüber privaten Konkurrenten einen nicht gerechtfertigten Vorteil zu verschaffen”, so Koch-Mehrin. (…)

ddp, 18.02.2010:

FDP bringt „Tagesschau”-App vor EU-Kommission

Brüssel/Berlin (ddp). Neuer Wirbel um die geplante «Tagesschau»-Applikation (App) der ARD. Auf Antrag der Vizepräsidentin des Europa-Parlaments, Silvana Koch-Mehrin (FDP), prüft die EU-Kommission, ob die Internetanwendung fürs Handy gegen EU-Recht verstößt, schreibt die „Bild”-Zeitung (Donnerstagausabe). (…)

dpa, 18.2.2010:

FDP kritisiert iPhone-Pläne der ARD

Brüssel (dpa) – Die FDP warnt bei einer von der ARD geplanten Anwendung für das iPhone vor Wettbewerbsverzerrungen. In einer Anfrage der FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin an EU- Medienkommissarin Neelie Kroes hieß es, die ARD wolle ein kostenloses „App” für iPhone-Nutzer zur Verfügung stellen, für das private Anbieter Kosten erheben müssten. Kroes solle klären, ob dies gegen die EU-Wettbewerbs- und Binnenmarktregeln verstoße.

„Die ARD kann dieses Angebot offensichtlich nur deswegen kostenlos bereitstellen, weil sie durch obligatorische Rundfunkgebühren finanziert wird”, hieß es zudem in einem persönlichen Schreiben Koch-Mehrins an Kroes, das am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur dpa vorlag. Auch die „Bild”-Zeitung hatte davon berichtet.

Die EU-Kommission muss innerhalb von drei Wochen antworten, oder eine Verzögerung begründen. (…)

„Der Westen”, 18.2.2010:

FDP schwärzt ARD wegen Tagesschau-App bei der EU an

„Meedia”, 18.2.2010:

Der ARD bläst in Sachen Tagesschau-App der Wind aus allen Richtungen ins Gesicht. Jetzt schaltet sich auch die Politik in die heftig umstrittene Debatte über Online-Kompetenzen der Öffentlich-Rechtlichen ein. Nach Informationen der Bild-Zeitung hat die FDP-Politikerin und Vizepräsidentin des Europaparlaments Silvana Koch-Mehrin einen Antrag bei der EU-Kommission durchgesetzt, wonach geprüft werde, ob die mobile Online-Expansion der Nachrichtensendung mit europäischem Recht vereinbar ist. (…)

„Spiegel Online”, 18.2.2010:

FDP-Politikerin schaltet EU-Kommission ein

„Berliner Zeitung”, 19.2.2010:

Jetzt eben auch Silvana Koch-Mehrin. In der hitzigen Debatte über den Digitalisierungsdrang des gebührenfinanzierten Rundfunks hat sich gestern die Europa-Abgeordnete der FDP zu Wort gemeldet. Die Politikerin rief die EU-Kommission an, um von höchster Stelle prüfen zu lassen, ob die „Tagesschau” mit einer eigenen Anwendung (App) auf internetfähigen Mobiltelefonen wie dem iPhone unterwegs sein darf, wie sie es von diesem Frühjahr an nach eigenem Bekunden tun will. (…)

„Tagesspiegel”, 19.2.2010:

„Tagesschau”-App fürs iPhone beschäftigt EU-Kommission

Der Streit um die geplante iPhone-Anwendung von tagesschau.de beschäftigt auch die Europäische Union. Silvana Koch-Mehrin, FDP-Abgeordnete und Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, will von der Kommission prüfen lassen, ob eine Wettbewerbsverzerrung vorliegt. (…)

„RP-Online”, 21.2.2010:

(…) Verleger mit eigenen Nachrichtenangeboten im Netz warnen seit Monaten vor einer Wettbewerbsverzerrung durch einen unbeschränkt agierenden Online-Auftritt der „Tagesschau”, der sich aus Rundfunkgebühren finanziert. Mit den ARD-Vorhaben, eine kostenlose Variante von tagesschau.de speziell für das iPhone von Apple bereitzustellen, beschäftigt sich dem ["Focus"] zufolge inzwischen auch EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia. (…)

„Der Spiegel”, 22.2.2010:

(…) Die bisher nur angekündigte „Tagesschau”-App beschäftigt indes auch die Politik. Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin hat bei der EU-Kommission eine Prüfung des ARD-Angebots gefordert. (…)

„Der Focus”, 22.2.2010:

(…) Währenddessen beschäftigt sich auch die EU-Kommission in Brüssel mit den Internet-Aktivitäten der „Tagesschau”. Dabei geht es um das ARD-Vorhaben, eine kostenlose Variante von tagesschau.de speziell für das iPhone von Apple bereitzustellen, einer sogenannten App. Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin hatte in einem Brief an EU-Medienkommissarin Neelie Kroes vor Wettbewerbsverzerrung durch diese App gewarnt.

Kroes’ Behörde hat den Fall inzwischen an den neuen EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia weitergereicht, der drei Wochen Zeit für die Prüfung hat.

(„Welt Online” kopierte übrigens einfach die Meldung aus ihrem Schwesterblatt „Bild” fast wörtlich und ergänzte sie um den sachdienlichen Hinweis: „Die kostenpflichtigen iphone-Apps von WELT und ‘Bild’ sind seit ihrem Start im Dezember schon von mehr als 100.000 Nutzern gekauft und herunter geladen worden. Neueinsteiger können die WELTApp für 1,59 Euro einen Monat lang testen.” Dazu stellte „Welt Online” eine 16-teilige Bildergalerie mit Fotos von dem eigenen Angebot und Informationen wie: „Willkommen in der WELTApp. So haben Sie noch nie mobil gesurft.”)

Vor gut einer Woche bekam Frau Koch-Mehrin Antwort auf ihre Fragen. Sie fiel vernichtend aus. Wettbewerbskommissar Almunia schrieb ihr, dass die EU-Kommission keinen Anlass sieht, gegen die geplante App vorzugehen. Grundsätzlich sei es zulässig, mithilfe von Rundfunkgebühren neue Verbreitungsplattformen wie das iPhone zu erschließen. Ob die geplanten Dienste die Bedingungen dafür erfüllen, werde vorab im Drei-Stufen-Test geprüft, der aber „nur für tatsächlich ‘neue’ und ‘relevante’ Dienste durchgeführt” werden müsse. Für Beschwerden, was den Ablauf dieses Verfahrens angehe, sei die EU-Kommission nicht zuständig, erklärte der Kommissar der FDP-Politikerin. Das sei Sache der Bundesländer.

Almunias Antwort trägt das Datum vom 8. April. Eine Woche später, am vergangenen Donnerstag, veröffentlichte die ARD eine Erklärung, in der sie die „Zurückweisung” der Anfrage Koch-Mehrins begrüße. Am selben Tag berichtete die Nachrichtenagentur epd über die Antwort der EU-Kommission und die Genugtuung der ARD.

Und so haben die oben zitierten Online- und Print-Medien, Boulevardzeitungen und Nachrichtenagenturen, Fach-Medien und Nachrichtenmagazine über diesen Ausgang der Sache berichtet, deren Anfang sie so eifrig begleiteten:

 

 

 

 

 

 

 

 

(Vollständige Übersicht.)

— 17. April 2010, 23:55 — 68 Kommentare

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