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Ich hab noch Sand in den Schuhen aus Daten

»Papier ist geduldig.»
(früheres Sprichwort)

Vorweg sollte ich sagen, dass das neue Jahrbuch des Verbandes der Zeitschriftenverleger (VDZ) auf schwerem, hochwertigem Papier gedruckt ist. An der Qualität der Texte kann also überhaupt kein Zweifel bestehen.

Und doch wird jemand, der versucht, sich mit Hilfe dieser Essays von Geschäftsführern führender Verlage ein Bild vom Zustand dieser Branche zu machen, ratlos zurückbleiben. Im Vorwort blickt der Verbandspräsident Hubert Burda auf ein »erfolgreiches Jahr 2009″ zurück und findet: »Wir haben allen Grund, selbstbewusst zu sein«.

Auch wenn wir uns von den hohen Renditen der letzten Jahrzehnte verabschieden müssen, bleibt Print ein höchst lukratives Geschäftsmodell, vorausgesetzt, es ist klug gemanagt.

Auf den nächsten gut 200 Seiten aber wechseln solche Lobreden auf die Zukunftsfähigkeit des Geschäftes mit dem Drucken und Vertreiben von Inhalten auf Papier sich mit Beschwörungen ab, dass sein Ende unmittelbar bevorsteht, wenn nicht sofort diverse Gesetze geändert, Steuern erlassen, Konkurrenten ausgeschaltet und Subventionen beschlossen werden.

Das Jahrbuch zeichnet das schizophren anmutende Bild einer Branche, die gleichzeitig demonstrieren will, dass es ihr bestens geht (und all die Todesprognosen verfrüht sind) und dass sie im Sterben liegt (und also alle alles tun müssen, was sie sagt). Es ist eine Branche, die vollkommen davon überzeugt ist, unverzichtbar zu sein, und fassungslos feststellen muss, dass nicht alle die gleiche Überzeugung haben.

Passenderweise wird der VDZ von einem Mann geführt, der Hysterie und Propaganda für angemessene Reaktionen auf eine komplexe Gemengelage hält. Wolfgang Fürstner arbeitet sich in seinem Essay noch einmal an der geplanten Aufbereitung der Inhalte von tagesschau.de auch für das iPhone ab – und hat sich von Jürgen Doetz, der als Cheflobbyist der Privatsender jahrzehntelang gegen ARD und ZDF gekämpft hat, leider immer noch nicht die Grundbegriffe für diese Auseinandersetzung erklären lassen.

Fürstner schreibt:

Zur Erinnerung: Die Idee der Grundversorgung entstammt den fünfziger Jahren, als es noch Frequenzmangel gab, und sie war ein Versuch, einen Mindeststandard zu setzen.

Das hat er fast wörtlich im Januar schon der »Welt« gesagt und ist falsch. Den Begriff der Grundversorgung hat das Bundesverfassungsgericht 1986 in seinem Vierten Rundfunkurteil geprägt, und er bezeichnet gerade nicht einen Mindeststandard, sondern die umfassende Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, »für die Gesamtheit der Bevölkerung« Programme zu bieten, und zwar Information, Bildung und Unterhaltung. Dahinter stand, dass das Gericht privat finanziertem Rundfunk dies nicht zutraute. ARD und ZDF sollten nicht die Lücken füllen, die die Privaten ließen, sondern ein vollwertiges Programm machen dürfen und müssen, das alle Ansprüche erfüllt. Das meint der Begriff »Grundversorgung«.

Wolfgang Fürstner kennt nicht einmal die Grundlagen des Dualen Systems, will aber der Politik und der Öffentlichkeit erklären, wie es auszusehen habe.

Nun hätte ich aber vermutlich kein Wort über das VDZ-Jahrbuch verloren, wenn ich darin nicht auf das Gedicht den Beitrag »Das gedruckte Wort ist wie ein Kuss« gestoßen wäre, verfasst von Wolfram Weimer, dem ehemaligen Chefredakteur von »Cicero« und neuen Chefredakteur von »Focus«.

Sein Text beginnt wie folgt:

Riechen Sie lieber an einer Blume oder am Bild einer Blume? Erleben Sie lieber einen Sonnenuntergang mit Grillenzirpen aus den Dünen und Sand zwischen den Zehen oder reicht Ihnen der Film eines Sonnenuntergangs? Lieben Sie lieber ohne zu küssen?

Man kann lieben ohne zu küssen, aber warum sollte man? Die Blume und der Kuss sind wie das gedruckte Wort. Sie sind, sie werden nicht, sie sind, das macht sie so faszinierend.

Jawohl, das ist allen Ernstes der Beginn eines Plädoyers, warum gedruckte Inhalte elektronischen Inhalten überlegen sind. (Fairerweise muss ich sagen, dass Sie die ganze Pracht seiner Argumentation hier im Blog natürlich nicht erkennen können. Sie müssten den Text bitte ausdrucken.)

Das »Pic« von der Blume, das downgeloadete Onlinevideo vom schönsten Sonnenuntergang auf Tonga, der elektronische »Hug« auf dem Flirtportal haben tausend Vorteile, aber einen entscheidenden Nachteil: sie sind flüchtig. Das virtuelle und das gedruckte Wort sind daher in Wahrheit keine Konkurrenten, weil sie sich auf unterschiedliche Kategorien des Lebens und Lesens beziehen. Das gedruckte Wort wird vom Internet so wenig verdrängt wie der Apfel von der Vitamintablette.

Das ist auf so vielen Ebenen falsch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Andererseits ist es so offensichtlich falsch, dass ich gar nicht weiß, ob ich überhaupt irgendwo anfangen soll.

Zunächst beschreibt Weimer den Unterschied zwischen einem realen Gegenstand oder Erlebnis und seiner Abbildung oder Beschreibung. Dann tut er so, als sei das gedruckte Wort mit dem eigenen Erleben identisch und das digital veröffentlichte Wort mit seiner Beschreibung. Ich bin mir nicht sicher, ob das der Versuch einer Gehirnwäsche ist oder ihr Ergebnis.

Und dann weitet er den bekannten Irrtum, Online für ein flüchtiges Medium zu halten, auf elektronische Inhalte insgesamt aus – was besonders absurd ist. Schon das Foto von der Blume ist im Gegensatz zur echten Begegnung mit ihr eben gerade nicht flüchtig. Und zumindest in meinem Leben ist auch das elektronische »Pic« (wie Weimer es mit spitzen Fingern nennt) deutlich weniger flüchtig als der Papierabzug, weil ich den gerne mal verliere. Und man kann, wenn man will, viel gegen den »elektronischen ›Hug‹« sagen – ein entscheidender Vorteil ist, dass ich ihn mir immer wieder ansehen kann, im Chatprotokoll oder meiner Facebook-Historie.

An der behaupteten Flüchtigkeit des Internets hängt ein Großteil der Argumentation Weimers – und offenbar der Zukunft der Print-Branche. Weimer schreibt:

Das Flüchtige wird in den flüchtigen Medien ein Zuhause finden. Das Relevante aber wird immer nach Gravitation streben.

Sie ist wirklich so schlicht, die Welt der Print-Ideologen: Was schwer wiegt braucht ein schwer wiegendes Medium. Virtuelle Inhalte haben in doppeltem Sinne kein Gewicht.

Dabei ist es schon in einem ganz praktischen Sinne genau umgekehrt mit der Flüchtigkeit: Versuchen Sie mal den Inhalt des Artikels einer Zeitung von gestern herauszufinden. Wenn er online steht, können sich Menschen mühelos auch morgen und nächste Woche noch darauf beziehen und darüber diskutieren.

Die behauptete unterschiedliche Flüchtigkeit der Medien hat immerhin einen wahren Kern: Gute Zeitungen zum Beispiel werden so gemacht, dass sie verlässlich sind, Autorität und Bestand haben. Dass zukünftige Generationen auf sie zurückgreifen können als Dokumentation von Geschichte. Im Englischen gibt es dafür den schönen Begriff »Newspaper of record«. Richtig ist, dass viele Online-Medien nicht mit diesem Anspruch gemacht werden, sondern auf die Schnelle, für den Tag. Ich behaupte aber, dass das nicht im Medium selbst begründet ist, sondern an dem, wie es nicht zuletzt die Verlage nutzen. So gesehen ist es fast eine Frechheit, wenn Weimer von der »zirkusähnlichen Gestalt« des Medienbetriebs in elektronischen Medien schreibt und »Klickgalerien für Bikini-Outfits« als typisches Beispiel nennt. Was für eine geschickte Aufteilung: Erst gehen die Verlage in einen ruinösen Wettbewerb um die dümmsten Klickstrecken. Dann verweisen sie auf sie, um die Notwendigkeit ihrer Print-Produkte zu legitimieren.

Aber zurück zu Weimers oben zitierten Vergleich: Print ist der Apfel und Online die Vitamintablette, also nur eine künstliche Nachahmung der natürlichen, echten Sache? Ja, und Weimer hat noch mehr Beispiele:

In den sechziger Jahren gab es Science Fictions, die das Ende des herkömmlichen Essens vorhersagten. Es werde gesundheitsperfekte Pillen, ästhetisches Designerfood und technische Ballaststoffe mit Geschmacks– und Aromastoffen geben. Keiner werde mehr natürliche Früchte, fettes Fleisch, verderbliches Gemüse wollen. Weit gefehlt. Obwohl wir uns längst künstlich ernähren könnten, werden wir weder auf den Geruch von Omas Apfeltorte verzichten noch auf das Erlebnis einer platzenden Traube im Mund.

Für Leser, die es weniger anschaulich und mehr intellektuell lieben, spricht Weimer später auch von der »strategischen Chance von Printmedien als Heimstatt der Eigentlichkeit«: »Print ist (…) nicht nur der Form nach wirklicher als elektronische Medien, auch dem Print-Inhalt wird die Wirklichkeitsnähe stärker zugesprochen.«

Dass wir uns »in immer rascheren Abfolgen mit Scheinskandalen beschäftigen«, liegt laut Weimer natürlich auch am »hastigen Überschlag des Elektronischen«. Als Beispiele, wie wir »von einer Panik in die andere jagen«, nennt er:

Vorgestern das Waldsterben, die Kampfhunde und Sars, gestern Feinstaub, BSE und Vogelgrippe, heute die Klimakatastrophe und die Schweinegrippe – der Alarmismus prägt die Multimediademokratie.

Wenigstens bei der Angst vor dem Waldsterben, die aus einer Zeit stammt, als es noch kein World Wide Web, ja noch nicht einmal nennenswert privaten Rundfunk in Deutschland gab, hätte er doch merken müssen, dass Printmedien diesen Alarmismus ganz gut alleine hingekriegt haben – und was wäre die Panikmache in den Fällen Kampfhunde, Sars, Vogel– und Schweinegrippe ohne das Zutun der gedruckten »Bild«-Zeitung gewesen?

Ich würde mich nicht so lange an diesem Essay abarbeiten, das vermutlich ohnehin außer mir kaum jemand gelesen hätte, weil solche Jahrbücher mit ihrem schönen, schweren Papier doch eher dafür gemacht sind, dass man sie ungelesen ins Büroregal stellt, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass es in erstaunlicher Deutlichkeit zeigt, wie irreal das Weltbild dieser Leute geworden ist und wie fern ihnen immer noch die Binsenweisheit ist, dass guter Journalismus nicht davon abhängt, ob er in analoger oder digitaler, gedruckter oder elektronischer Form vorliegt.

Am Ende wagt Weimer noch einen anderen Vergleich:

Ich plädiere daher für mutige Investitionen unserer Verlagshäuser in ihre Kernprodukte. So wie die Autoindustrie seit Jahrzehnten totgesagt wird, so investiert sie doch immer wieder in neue Modelle und in die Verbesserung ihrer Autos. Sie flüchten nicht in den Flugzeugbau, den Bahn– oder Schiffsbetrieb, noch glauben sie ernsthaft daran, dass Geschäftsreisen verschwinden, nur weil Online-Konferenzen möglich sind.

Mag sein, nur wären sie schlecht beraten, wenn sie glaubten, auch in Zukunft müssten Autos mit Benzin angetrieben werden, und anstatt neue Antriebswege zu entwickeln, den Menschen Vorträge darüber halten würden, dass der Otto-Motor das Maß aller Dinge ist — und ein Fahrzeug ohne ihn wie die Liebe ohne den Kuss wäre.

 
— 6. Juli 2010, 16:36 — 234 Kommentare

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Cache directory "/www/htdocs/w00a3bc1/blog/wp-content/plugins/ttftitles/cache" is not writable.Im Würgegriff des Internets

— von Herm (Markus Herrmann)

Während das Internet beständig weiter wächst, immer wieder Neuerungen hervor bringt und täglich etwa 31902 neue Startups (deren Namen entweder auf [fehlender Vokal]r enden oder mit Tw anfangen) um die Aufmerksamkeit der Nutzer/innen buhlen, wird gerne mal vergessen, was nebenbei hinten runter fällt. Deshalb folgen nun: 10 Dinge die durch das Internet getötet wurden oder auf dem Weg dorthin sind.
(Basierend auf und inspiriert von diesem Artikel von Matthew Moore.)

  • Konzentrationsvermögen

    Man kann … Text … nebenbei .… checken … Internet … da war … ach ja. Wo ist … noch mal gucken. Das Internet bietet so wunderbar viele Möglichkeiten sich nebenbei zu betätigen, dass es schlichtweg gar nicht mehr möglich ist, sich auf seine eigentliche Arbeit zu konzentrieren. Die bisherige Krone der Schöpfung, der menschlichen De-Evolution bezüglich Konzentration, dürfte wohl Twitter sein.

    Der folgende XKCD Comic beschreibt ganz fabelhaft, wie sich der regelmäßige Gebrauch von Internet auf die allgemeine Konzentrationsfähigkeit auswirkt:

  • Das Vertrauen in Ärzte

    Immer häufiger müssen sich Mediziner gegenüber Patienten die sich während ihrer ersten Schritte im Internet vorsichtshalber bereits selbst diagnostiziert haben, behaupten. Dabei wird forsch argumentiert und mit einem Zettel mit allen wichtigen Fakten gewunken: Ein Ausdruck, Comic Sans in lila, Schriftgröße 16 auf roséfarbenem Untergrund. Die nötige Würze erhält die Diskussion von Vornherein dadurch, dass 99,5% aller Internet-Selbstdiagnosen per Suchmaschine früher oder später zum Ergebnis kommen, dass man an einer tödlichen Krankheit leidet.

  • Brieffreundschaften
    Auch Linus van Pelt zieht mittlerweile Emails vor
    Keine knittrigen Polaroids mehr, die jahrelang Teil des stetig gedeihenden Bürobedarfskefirs auf dem Schreibtisch sind, gelegentlich auftauchen und an die einstige Brieffreundschaft in einem Land, dessen man Namen nur bedingt aussprechen kann, erinnern.

    Andererseits genießen Brieffreundschaften in jungen Jahren eine sehr viel bessere Reputation als Internetbekanntschaften. Erklärt man seiner Mutter ein Brieffreund käme zu Besuch, ist die Freude groß. Gedeckter Tisch mit Suppe mit extragroßen Klößchen und dem Geschirr mit Goldrand. Ist hingegen die Rede von einer Internetbekanntschaft, wird auf Abbruch der Operation hingearbeitet, garniert mit Informationen aus Fernsehmagazinen am Nachmittag.

  • Die Reputation nigerianischer Geschäftsmänner und Prinzen

    „Lieber Freund,
    Ich vermute das diese E-Mail eine Überraschung für Sie sein wird, aber es ist wahr.“

    Trotz all der angepriesenen Wahrheit dürfte der warme Geldregen aus dem Westen Afrikas stets ausgeblieben sein. Vielleicht der wahre Grund für die Wirtschaftskrise? Aber irgendwas muss wohl am Mythos dieser Spam-Mails dran sein. Hin und wieder scheint sich bei Beantwortung da doch etwas ergeben zu haben.

  • Ironie

    Diese Form des Humors ist natürlich nicht wirklich gestorben und (hoffentlich) auch nicht auf dem Weg dahin, nur scheint sie im Internet schlichtweg nicht zu funktionieren. Einmal angewandt, gibt es in der Auffassung 4 verschiedene Lager:

  1. Leute verstehen Ironie auch in geschriebener Form dank des entsprechenden Zusammenhangs. Alle freuen sich.
  2. Leute verstehen die Ironie halbwegs, sind aber der Meinung den Spaß daran noch einmal erklären zu müssen. Besinnen sich während des Erklärens aber darauf, alles doch nicht lustig zu finden und müssen dies eindeutig klar stellen. Mehrmals.
  3. Leute verstehen die Ironie nicht, gehen aber derart auf den betroffenen Teil des Inhalts ein, dass es fast schon unangeneehm ist, sie auf die ironischen Umstände hinzuweisen.
  4. Blanke Empörung.

  • Der Mythos über die Intelligenz von Katzen

    Die einst so eigenwilligen, charakterstarken und dadurch so intelligenten Haustiger haben einen, bezüglich ihrer Intelligenz, herben Imageschlag erlitten. Lolcats. Katzenbilder kombiniert mit knappen, lustigen, orthographisch und grammatikalisch eigenwilligen Sätzen. Natürlich besitzen sie noch immer die zuvor erwähnten Eigenschaften, nur macht man sich eben keine Gedanken mehr darüber, was wohl gerade Mysteriöses im Kopf der Katze vorgeht, da sie womöglich sowieso nur an Cheezburger denkt.

  • Die kribbelnde Ungewissheit bevor man jemanden nach langer Zeit wieder sieht

    Welche kribbelnde Ungewissheit, zum Beispiel über das Aussehen, soll denn auch bei einem ersten Treffen nach fünf Jahren existieren, wenn man sich eh die vergangenen 5 Jahre auf Facebook, StudiVZ und Ähnlichem gegenseitig gestalked hat?

  • Der Gedanke, der Tod eines C-Promis würde einem als Einzige/r nahe gehen

    Die Träne im Knopfloch für Anna Nicole Smith fühlt sich plötzlich doch nicht mehr so befremdlich an, hat man erstmal realisiert, dass es tausenden Menschen rund um den Globus genauso geht. Mit dieser Gewissheit kann man sich dann voll und ganz diversen Tribute Videos auf YouTube (Irgendwas von Enya + die ersten 100 Bildersuchergebnisse für die betroffene Person + alle verfügbaren Überblendeffekte) und Dergleichen hingeben.

  • Unentdeckte Talente
    For Those About To Rock ... We Salute You
    [Foto: Anton Kawasaki]

    Unentdeckt ist vielleicht das falsche Wort dafür, denn das können sie schließlich auch für den Rest des Lebens bleiben. Aber dennoch war es noch nie so einfach für junge schaffende Künstler, welcher Richtung auch immer, trotz Abgeschiedenheit in irgendeinem Dorf mitten im Wald fernab jeglicher Popkultur, sich der Welt mitzuteilen.

    Allerdings gibt es hier noch eine weitere Ebene. Folgendes Szenario: Man entdeckt durch Zufall eine dieser kleinen Bands weit weg vom Schuss. Die Musik gefällt so sehr, dass sie in den auserwählten Kreis der Lieblingsbands aufgenommen wird. Nur hat diese Band aber die Besonderheit, dass man sie selbst entdeckt hat und sie sonst noch absolut Niemand kennt. Und genau an diesem Punkt kommt die Ernüchterung. Tippt man einmal den Bandnamen in eine Suchmaschine ein, gibt es gleich mehrere Tausend Suchergebnisse: Musikblogs, geführt von Herren mit schmalen Schnauzbärten und noch schmaleren Hosen, die diesen besonderen Coolnessbonus der Entdeckung für sich beanspruchen, da sie die meisten Bands eh schon hören, bevor sie überhaupt existieren.

  • Videotext

    Sport auf der 200, Programm auf der 300 und Nachrichten auf der 110. 3 Ziffern als Schlüssel zu sämtlichem Weltgeschehen, gekürzt auf wenige Zeilen in pixeligen Buchstaben. Mit dem langsamen Aussterben des Videotexts bricht womöglich auch einer der am meisten unterschätzen, kreativen Arbeitszweige weg. Oder habt ihr euch jemals gefragt, wer eigentlich versucht, nackte Frauen aus wenigen Bildpunkten zu kreieren, welche potentielle Kundschaft derart erregen sollen, dass sie tatsächlich bei einer Telefonsex-Hotline anrufen.

    Des Weiteren dürfte der Videotext auch die mitunter bedeutendsten Horte der Einsamkeit bieten: SMS-Chats. Vielleicht entwickelt sich ja auch eines Tages mal eine Art Sport daraus, Bewerbungsgespräche ausschließlich mit Videotext-Werbesprüchen von Faxabruf-Beratungen zu führen. Und noch so eine Frage, die sich mir bis Heute noch nicht erschlossen hat: Wer ruft eigentlich bei Videotext-Telefonvotings an und stimmt (bei einem Preis von 49 Cent pro Anruf) für »Mir egal«? Und überhaupt: Entstehen Wurmlöcher oder Dergleichen, wenn man Videotext im Internet bedient?

    Aber aufgepasst! RTL und Philips arbeiten an einer neuen Form des Teletexts. Ein neuer, schnellerer, besserer, bunterer Videotext — der erste Sargnagel für das Internet?

 
— 4. Oktober 2009, 10:50 — 74 Kommentare

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Das Manifest, das Wozu und das Danach

War’s das?

Bald wird unser »Internet-Manifest« vermutlich auch in den letzten südphilippinischen Regionaldialekt übersetzt und vom letzten amerikanischen Blogger retweetet worden sein, und nach über 400 Kommentaren versickert die Diskussion hier im Blog (und drüben beim ix) allmählich in Seitensträngen wie der Frage, ob Mercedes Bunz, die darüber beim »Guardian« gebloggt hat, prominenter als nur in einer dezenten Vier-Wort-Klammer im dritten Absatz hätte darauf hinweisen müssen, dass sie selbst zu den Autoren gehört. Ich finde: ja. Aber ich finde auch: geschenkt.

Aber was passiert jetzt?

Wir haben darüber beim Zusammenfinden und beim Verfassen dieses Textes nie geredet. Wir haben ihn geschrieben, weil wir das Gefühl hatten, dass er geschrieben werden muss. Weil wir es nicht mehr ausgehalten haben, was die Verleger der Medien, für die wir oftmals arbeiten und auf die wir eigentlich auch in Zukunft nicht verzichten wollen, Woche für Woche für gefährlichen, himmelschreienden Unsinn über das Internet in die Welt posaunt haben.

Die erste Mail von Mario Sixtus, die alles anstieß, begann mit den Sätzen:

Liebe Leute, es reicht!

Ich glaube ich bin nicht der einzige, der mit seiner Geduld am Ende ist, was Verleger, Journalistengewerkschaftsschwafler, Kulturteildummschwätzer und ihre [Städtenamen]-Pamphlete in Sachen Internet angeht. Ich finde, wir müssen etwas tun. Was könnn Journalisten tun? Etwas schreiben. Yeah!

Kein Wunder, dass wir uns keine Gedanken über das Danach gemacht haben und wir über das Wozu gar nicht grübeln mussten. Wir wollten alle etwas sagen, und damit es auch wirklich gehört wird, wollten wir es gemeinsam sagen. Und wie das so ist, wenn man Sachen aufschreibt: Wenn man Glück hat, stoßen sie etwas an, lösen etwas aus, haben sichtbare oder unsichtbare Folgen. Und wenn man Pech hat, verpuffen sie irgendwie. Aber man kann eigentlich in den seltensten Fällen eine konkrete Wirkung einplanen oder gar die Gründung eines Verbandes (was für mich eine der abwegigeren Unterstellungen im Zusammenhang mit diesem Text war).

Es klingt nach einer Plattitüde, wenn ich auf die Frage, was wir mit diesem »Manifest« eigentlich erreichen wollten, antworte: eine Diskussion anstoßen. Aber genau so ist es. Ich wollte versuchen — und ich glaube, den anderen ging es genau so — in der Debatte über die Zukunft des Journalismus einen Widerpart zu verankern, einen Punkt, auf den andere sich beziehen können, wenn wieder einmal von Lobbyisten irgendeine Erklärung in irgendeiner Stadt verabschiedet wird, in der sie zur Rettung des Publizierens auf Papier auffordern statt zur Rettung des Journalismus. Wenn wieder einmal jemand das Internet auf Diebe, Rufmörder, Kinderschänder reduziert. Wenn wieder einmal jemand glaubt, dass man an dem Medium, in dem ein Text veröffentlicht wird, seine Qualität ablesen kann.

Was wir wirklich schlecht gemacht haben beim Veröffentlichen unseres »Manifestes«: seinen Adressaten zu nennen. Es muss bizarr wirken auf Menschen, die in diesem Medium in einem ganz anderen Maße zuhause sind als ich, wenn da plötzlich 15 Berufs-Publizisten ankommen und ihnen erklären wollen, wie das Internet funktioniert. Vielleicht erklärt sich ein Teil der Ablehnung, den dieser Text gerade bei eingefleischten Onlinern erfahren hat, aus dieser wahrgenommenen Anmaßung, die von uns nie beabsichtigt war.

Natürlich ist unser »Manifest« auch anmaßend (und mit dem Wort fängt es schon an), natürlich kommt es in vielen Punkten relativ breitbeinig daher, aber einem ganz anderen Ansprechpartner gegenüber: Denjenigen, die das Internet immer noch bekämpfen oder glauben, es gehe weg, wenn man es nur angestrengt genug ignoriert. Denjenigen, die es für eine Phase halten, einen Hype, der vorübergehen wird. Denjenigen, die glauben, ein solch revolutionäres Medium würde nichts ändern, sie müssten sich nicht ändern, und wenn überhaupt, müsste sich das Netz gefälligst ihnen anpassen und nicht umgekehrt, denn sie sind doch die Verleger, die jahrzehntelang den Menschen gesagt haben, was die Menschen wissen müssen, und das waren gute Zeiten für sie und für die Menschen und für die Demokratie, also vor allem: für sie.

Unsere Arroganz ist auch eine Art Notwehr, eine Reaktion auf die maßlose Selbstüberschätzung dieser Leute, die glauben, dass das, was sie tun, gut ist und unverzichtbar, weil sie es tun, und nicht, weil es gut und unverzichtbar ist. Die glauben, einen Anspruch darauf zu haben, mindestens so viel Geld zu verdienen im Internet wie Google, weil sie ja tolle und wichtige Inhalte ins Internet stellen und Google nur dafür sorgt, dass Leute sie auch finden. Die immer noch glauben, dass sich diese ganze Internetwelt um sie drehen müsse, und nicht gemerkt haben, dass sie ihre Wichtigkeit, Notwendigkeit, Verlässlichkeit plötzlich jeden Tag neu beweisen müssen, weil sie ein Monopol verloren haben und die Zeiten vorbei sind, in denen Menschen eine Zeitung lasen vom Abitur bis zur Rente. Die es erreicht haben, dass der »Beauftragte für Kultur und Medien« der Bundesregierung, ein trauriger Mensch namens Bernd Neumann, eine »Nationale Intiative Printmedien« gegründet hat und keine »Nationale Initiative Qualitätsjournalismus«. Die allen Ernstes fordern, dass ihre Zeitungen und Zeitschriften, darunter auch die ganzen Lügen-, Quatsch– und Wichsblätter, steuerlich günstiger gestellt werden als das tägliche Brot.

Wir sind nicht die Gegner der guten etablierten Medien, im Gegenteil. Wir schreien auf, weil wir die Sorge haben, dass viele von ihnen ihre Zukunft verspielen, wenn sie glauben, die Leser müssten zu ihnen kommen und nicht sie zu den Lesern. Wir sorgen uns um diese Medien, aus ganz eigennützigen Gründen, weil wir für sie arbeiten, und aus ganz anders eigennützigen Gründen, weil wir glauben, dass eine Gesellschaft auch in Zukunft guten Journalismus braucht.

Ich weiß, dass das jetzt merkwürdig pathethisch und eitel klingen mag, aber: Wenn ich tagein tagaus in diesem Blog die Medien kritisiere, dann tue ich das nicht, um Argumente gegen die Existenzberechtigung und Notwendigkeit dieser Medien zu sammeln, sondern im Gegenteil: Weil ich glaube, dass wir dringend Journalisten brauchen, die uns so wahrhaftig und transparent wie möglich informieren über das, was in der Welt passiert. Und weil ich es unerträglich finde, dass die Helmut Markworts dieser Welt ganz andere Prioritäten haben als die wahrheitsgemäße Information seiner Leser, nämlich nur ihre verdammten eigenen Interessen. Und weil ich es nicht glauben kann, dass die Medien, jetzt wo sie Konkurrenz von Amateuren bekommen haben, ausgerechnet an dem sparen, was sie von diesen unterscheidet. Und weil es mich wütend macht, wenn in vielen Online-Redaktionen keine Journalisten mehr sitzen, sondern Tratschweiber, Abschreiber und Klickstreckenbauer.

Ich finde es schlimm, wie viele Kommentatoren im Internet die Probleme des professionellen Journalismus bejubeln und glauben, es könnte eine blühende Zukunft ohne ihn geben. Aber ich kann das nicht den Kommentatoren vorwerfen — den Beweis für seine Relevanz und Zuverlässigkeit muss der Journalismus schon selbst bringen. Auch und gerade online. Patricia Riekel, die Chefredakteurin der »Bunten«, wird von der Fachzeitschrift »Horizont« mit den Worten zitiert, sie glaube nicht, dass Journalisten »gleichzeitg [sic!] für Online und eine Zeitschrift arbeiten können. Geschichten in der ›Bunten‹ verlangen Spitzenschreiber«. Das sind die Äußerungen, das sind die Leute, gegen die ich unser »Manifest« setzen möchte: Leute, die suggerieren, dass man online keine »Spitzenschreiber« braucht, dass online nur eine gewaltige Müllhalde ist mit merkwürdigen Leuten, die merkwürdige Parteien wählen und Kinderpornographie verteidigen.

Die Leute, die uns vorwerfen, nur Allbekanntes und Banales wichtigtuerisch in Thesenform gebracht zu haben, übersehen die Realität des Online-Journalismus in Deutschland. Natürlich ist es lächerlich, im Jahr 2009 zu schreiben: »Das Netz verlangt nach Vernetzung.« Aber wie viele Online-Medien in Deutschland, die über einen Bericht, ein Interview in einem anderen Medium schreiben, setzen den Link zu dieser Quelle?

Natürlich ist es banal, im Jahr 2009 zu schreiben, »das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen«. Aber wie viele Medien tun das tatsächlich? Bei sueddeutsche.de werden, trotz gegenteiliger Ankündigungen, bis heute noch jeden Abend um 19 Uhr die Kommentarbürgersteige hochgeklappt. Natürlich ist es ein Witz, im Jahr 2009 die These »Was im Netz ist, bleibt im Netz« in ein bedeutungsschwangeres Papier zu schreiben. Aber bis heute glauben viele Journalisten, das Internet sei ein »flüchtiges Medium« und könne entsprechend behandelt werden, während es in Wahrheit für den Normalbürger die gedruckte Zeitung ist, die schon einen Tag später nicht mehr aufzutreiben ist, während der Online-Artikel (mit all seinen Tippfehlern und unrecherchierten Inhalten) immer noch abrufbar ist.

Also: Ja, unser »Manifest« steckt voller Selbstverständlichkeiten, von denen ich wünschte, sie wären wirklich selbstverständlich.

Es gibt eine konträre Kritik an dem Text, nämlich die, dass unsere Thesen verdammt steil sind. Die kann ich besser nachvollziehen. Ich habe mir — mit tatkräftiger Unterstützung der Feuilletonkollegen um Claudius Seidl, bei denen sowas gar nicht gut ankam — erst vor wenigen Jahren meinen viele Jahre gepflegten Kulturpessimismus abgewöhnt, und manche optimistische »Behauptungen«, die wir da aufstellen, gehen an die Grenzen dessen, was ich glaube.

Ich habe sie dennoch unterschrieben, weil ich glaube, dass eine mögliche Übertreibung in positiver Sicht ein notwendiger Ausgleich zu all den Untergangspropheten ist, die die unendlichen Chancen, die mit dem neuen Medium verbunden sind, nicht sehen wollen. Ich bestreite gar nicht, dass das Internet mit seinen Freiheiten und Möglichkeiten der Anonymität auch das Schlechteste in Menschen hervorbringt, aber das festzustellen, hilft nichts. Es hilft nur, das Internet zu umarmen und all das Gute, das es ermöglicht, heraus zu holen, und das ist unendlich viel. Natürlich kann an aufzählen, was für Mängel ein Angebot wie die Wikipedia hat. Aber dann nimmt man vermutlich nicht wahr, wie viele Menschen aus rein altruistischen Motiven daran mitgewirkt haben. Ich sehe das ja täglich an den Dutzenden Hinweisen, die wir bei BILDblog bekommen: Die Leute kriegen im Zweifelsfall noch nicht einmal eine freundliche Absage, verdienen tun sie ohnehin nichts. Sie teilen uns Dinge mit, weil sie glauben, dass das eine gute Sache ist.

ix schreibt, ihm fehlt in unserem Text die Euphorie:

mehr will ich mich jetzt eigentlich nicht mit dem manifest auseinandersetzen. ich würde mich jetzt lieber wieder für das internet begeistern und an dem was das internet eigentlich ist berauschen: pures, überbordendes potenzial.

Das trifft mich besonders, denn genau aus diesem Grund habe ich (haben, glaube ich, wir) diesen Text veröffentlicht: Aus dem Gefühl, dass das Netz so viel ermöglicht, das bisher nicht möglich war.

Natürlich kann man lamentieren, dass das Geldverdienen (und womöglich sogar das Qualitätsjornalismusfinanzieren) in der analogen Zeit leichter war. Aber was bringt dieses Lamento, wenn diese Zeit einfach vorbei ist?

Schallplatten sind toll, und ich kann gut nachvollziehen, dass es Liebhaber gibt, die sie sammeln, und Spezialisten, die dieses Medium weiter pflegen, aber wollen wir Journalisten ernsthaft die Leute sein, die dafür kämpfen, die Schallplatte zu erhalten, wenn die CD erfunden wurde und Musik sich längst ganz ohne Datenträger vertreiben lässt? Wollen wir Pferdekutschenbetreiber sein, die staatliche Hilfe fordern, damit uns das schrecklich schnelle, stinkende Auto nicht das Geschäft kaputt macht?

Ich weiß nicht, ob Zeitungen und Zeitschriften aussterben werden, ich glaube es nicht und hoffe es auch nicht — ich liebe Zeitungen. Aber man muss schon sehr verblendet sein, wenn man glaubt, dass auch nach der Ankunft eines Mediums, das so viel schneller, vielfältiger, zugänglicher ist, das aufwändige Drucken und Verschicken von Papier die natürliche, die dominante Form der Informationsvermittlung bleiben wird.

Ich finde in Zeitungen wie der »FAZ« (für die ich arbeite) und einigen anderen immer wieder herausragende Texte, was kein Zufall ist, weil sie von Menschen geschrieben werden, die dafür ausgebildet wurden und dafür gut bezahlt werden, weil sie von anderen redigiert wurden, weil sie in einem Umfeld entstanden sind, das darauf angelegt ist, beste Bedingungen für die Produktion guter Texte zu schaffen. Die Zeitungen müssen alles dafür tun, diese Qualitäten zu bewahren.

Aber das wird nicht reichen. Sie müssen es schaffen, diese Qualitäten ins Internet zu bringen, dorthin, wo schon heute die jungen Leute sind, und in Zukunft ungefähr alle.

Schon wahr: Die Frage, wie Qualitätsjournalismus im Internet finanziert werden kann, ist noch nicht umfassend beantwortet. Aber daraus zu schließen, dass Qualitätsjournalismus im Internet nicht finanziert werden kann, ist falsch. Ein Grund, warum »Spiegel Online« eine so dominante Position in Deutschland hat, ist der, dass man dort auch in schlechten Zeiten, als viele Konkurrenten ihr Internet-Angebot herunterfuhren, weiter investiert hat.

Nein, wir haben auch nicht für alle Herausforderungen und Probleme, die dieser Medienumbruch gerade mit sich bringt, konkrete Lösungen, und vermutlich hätten die 15 sehr unterschiedlichen Autoren, die an dem »Manifest« mitgewirkt haben, auch sehr unterschiedliche Lösungsvorschläge. Wir haben kein 17-Punkte-Programm zur Lösung der Medienkrise vorgelegt.

Es ging mir (und ich nehme an: uns) nicht zuletzt um eine Haltung. Um die Forderung an die Verleger, Lobbyisten, Politiker, zu sehen, wie anders das Internet ist und was es alles verändert, und sich darauf ernsthaft einzulassen. Das klingt furchtbar banal und ist total revolutionär. Und es ging uns darum, ein paar Pflöcke einzuschlagen (ein paar zentrale Eckpfeiler sozusagen, jaha), nein: Markierungen, an denen wir sagen: Hier geht es nicht weiter. Wir können nicht ernsthaft darüber diskutieren, dass man Menschen als Bestrafung für Urheberrechtsverletzungen das Recht entziehen will, online zu gehen, wir können nicht ernsthaft darüber diskutieren, dass Links und Zitate genehmigungs– oder kostenpflichtig sein müssen, und so weiter.

Ich bin ein bisschen abgeschwiffen. Die Frage war: Was passiert jetzt?

Die Antwort liegt doch auf der Hand: Jetzt reden wir drüber. Es ist ein merkwürdiger Vorwurf, der uns gemacht wurde, dass wir mit dem fertigen »Manifest« an die Öffentlichkeit gegangen seien anstatt vorher das kollaborativ mit allen Interessierten zu entwickeln. Erstens zeigt sich, dass schon 15 Leute eher zu viele als zu wenige sind, um gemeinsam und ohne Hierarchien einen pointierten Text zu entwickeln. Und zweitens ist dieser Text nicht in Stein gemeißelt oder an irgendwelche Kirchentüren geschlagen, sondern er lebt im Internet. Er kann sich weiter entwickeln (man kann sogar peinliche Stilblüten aus ihm streichen), es kann durch die Beteiligung vieler Leute und konstruktive Kritik etwas Neues, Größeres, Besseres daraus werden — und man kann ihn nehmen, um sich an ihm zu reiben und Gegenentwürfe, Parodien, Verrisse zu formulieren.

Und wir? Wir müssen das nur ernst nehmen, was wir selbst geschrieben haben: »Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.« Von den »sozialen Grundfunktionen der Kommunikation« haben wir gesprochen: »Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.« Ich gebe zu, dass wir darin selbst nicht besonders gut waren in den vergangenen Tagen, und ich finde es auch ein bisschen peinlich, dass es so aussieht, als sei uns die weltweite Verbreitung des Textes wichtiger als die Diskussion hier.

Aber das kann sich ja ändern. Und auch das ist doch eine gute Sache an so einem Text: Wir müssen uns jetzt daran messen lassen.

Übrigens ist das Wort »Behauptungen« im Titel des »Manifests« kein kokettes Understatement, sondern nicht anderes als die Aufforderung, sich mit Widersprüchen und Belegen daran abzuarbeiten. Ich will gerne dazu beitragen und in Zukunft noch mehr als bisher über über die konkreten Fragen diskutieren, die sich aus den sich ändernden Bedingungen ergeben, unter denen sich Journalismus bewähren muss.

Kurz gesagt: Das »Internet-Manifest« soll nicht das Ende der Debatte sein, sondern ihr Anfang. Auf meine Fragen zur Hamburger (Bankrott-)Erklärung der Verlage habe ich übrigens von den Papier-Lobbyisten des Zeitschriftenverleger-Verband VDZ bis heute keine Antwort bekommen.

 
— 11. September 2009, 15:07 — 212 Kommentare

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Geht sterben (9)

(Vielleicht machen Sie sich einfach den Spaß und denken beim Lesen dieses Eintrages daran, wie sehr die Verlage die vermeintliche »Kostenlos-Kultur« im Internet verfluchen, und fragen sich, für welche der journalistischen Leistungen, die Ihnen gleich begegnen, Sie bereit wären, Geld zu bezahlen, und sei es noch so wenig.)

Seit einigen Tagen zündet das »Hamburger Abendblatt« ein eindrucksvolles Wahl-Werbe-Feuerwerk für Ursula von der Leyen. Es meldet, dass die Familienministerin eine mögliche Schweinegrippeimpfung von den Krankenkassen bezahlen lassen will. Es berichtet (gleich zweimal), dass die Familienministerin mehr Unterstützung für alleinerziehende Eltern fordert. Es freut sich (gleich zweimal), dass die Familienministerin Hamburgs Familienpolitik für »vorbildlich« hält. Es meldet, dass die Familienministerin kritisiert, dass die Dienstwagenaffäre von Ulla Schmidt dem Ansehen der Politik schade (was eine gewisse Ironie hat, wenn man nicht nur das »Abendblatt« liest). Und es freut sich, dass die Familienministerin den Kampf gegen »den Schmutz« im Internet verstärken will.

Der Wortwechsel zwischen den »Abendblatt«-Redakteuren Jochen Gaugele und Maike Röttger und der Ministerin über die Säuberung des Internets ist ein Dokument journalistischer Arbeitsverweigerung. Nicht nur, dass den Text offenbar vor der Veröffentlichung niemand mehr gelesen hat. Fast jede Frage ist in dem Bewusstsein formuliert, dass Fragesteller und Gefragte sich einig sind. Die »Abendblatt«-Leute legen ihr einen Ball nach dem anderen vors Tor, damit sie verwandeln kann. Sie behelligen sie mit keinem einzigen Argument der Gegner der Netzsperren, die sogar ein ehemaliger Bundesverfassungsrichter für verfassungswidrig hält. Sie fragen zum Beispiel auch nicht, ob die Anhänger der jungen »Piratenpartei« ein legitimes Anliegen haben. Sie fragen, ob von der Leyen nicht die Sorge habe, dass auch Unions-Wähler sich davon angezogen fühlen können. (Antwort: überhaupt nicht.) Am Ende machen sie sich nicht einmal mehr die Mühe, eine echte Frage zu formulieren.

Die Piratenpartei hat den ehemaligen SPD-Politiker Jörg Tauss aufgenommen, der20wegen [sic] des Besitzes von Kinderpornografie angeklagt ist. Wie kommt Ihnen das vor?

Ja, wie mag Frau von der Leyen das wohl vorkommen, als politische Gegnerin von Tauss, wenn schon die »Abendblatt«-Leute es offenkundig total daneben finden. (Mal abgesehen davon, dass Tauss noch gar nicht angeklagt ist — vorher muss mindestens noch die Immunität des Bundestagsabgeordneten aufgehoben werden. Aber wen kümmern so lästige Details des Rechtsstaates, wenn wir von ekligen Kinderschändern und ihren Verteidigern reden?)

Noch bevor sie ihr Schmierenstück im eigenen Online-Auftritt veröffentlichten, reichten die »Abendblatt«-Leute es an die Nachrichtenagentur dpa weiter, die prompt daraus eine Meldung mit dem Titel »Von der Leyen will gegen rechte Inhalte vorgehen« machte.

Diese Überschrift ist in jeder Hinsicht überraschend, denn Frau von der Leyen hatte gegenüber dem »Abendblatt« nichts dergleichen gesagt. Die entscheidende Stelle lautet:

abendblatt.de: Sie argumentieren, Grundregeln unserer Gesellschaft müssten online wie offline gelten. Warum sperren Sie dann nicht auch Internetseiten, die Nazipropaganda verbreiten oder Gewalt gegen Frauen verherrlichen?

Von der Leyen: Mir geht es jetzt um den Kampf gegen die ungehinderte Verbreitung von Bildern vergewaltigter Kinder. Der Straftatbestand Kinderpornografie ist klar abgrenzbar.20Doch [sic] wir werden weiter Diskussionen führen, wie wir Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet im richtigen Maß erhalten. Sonst droht das großar tige [sic] Internet ein rechtsfreier Chaosraum zu werden, in dem man hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen kann. Wo die Würde eines anderen verletzt wird, endet die eigene Freiheit. Welche Schritte für den Schutz dieser Grenzen notwendig sind, ist Teil einer unverzichtbaren Debatte, um die die Gesellschaft nicht herumkommt.

Was Frau von der Leyen fordert, ist eine Debatte. Von »Nazipropaganda« spricht allein das »Abendblatt«. Die dpa-Schlagzeile »Von der Leyen will gegen rechte Inhalte vorgehen« ist durch das Interview nicht gedeckt. Sie ist nicht einmal durch die Agenturmeldung selbst gedeckt. An keiner Stelle nimmt der dpa-Text jenseits der Überschrift auch nur Bezug auf »rechte Inhalte«. Der erste Satz zum Beispiel lautet:

Nach der Sperrung kinderpornografischer Seiten will Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) gegen weitere rechtswidrige Inhalte im Internet vorgehen.

»Rechtswidrige« — vielleicht. »Rechte« — keine Rede.

Das ist schon ein außerordentlich grober Schnitzer für eine Nachrichtenagentur. Aber können wir bitte auch endlich über die unsägliche Praxis reden, dass es genügt, dass irgendein Medium eine E-Mail mit angeblichen Vorabinformationen an eine Nachrichtenagentur schickt, um sämtliche die wenigen verbliebenen Prüfmaßstäbe außer Kraft zu setzen?

Ich meine, ein Blatt wie »Die Aktuelle«, das sich nicht schämt, über einen Menschen auf seinen Titel zu schreiben, er habe sich »zum Sterben in die Berge« zurückgezogen, ein Blatt, das, wenn es nicht auf Papier, sondern im Internet erschiene, Frau von der Leyen und ihren Freunden vom »Abendblatt« sofort als Beweis für die Notwendigkeit einer Schmutz-Säuberung diente, ein solches Blatt teilt dpa mit, was es herausgefunden hat, und dpa bringt das dann unters Volk.

Anderes Beispiel: »Die Welt« tut so, als habe sie exklusiven Zugriff auf eine EU-Studie über Arbeitszeiten, und dpa, Reuters, epd, AP verbreiten die einseitige »Welt«-Interpretation, ohne die zehn Minuten zu investieren, die es dauern würde, sich bei der Quelle selbst zu informieren und ein eigenes Bild zu verschaffen.

Und diese ungeprüften Agenturmeldungen werden dann wieder ungeprüft weiterverbreitet. Und nicht nur von all den Online-Medien, bei denen das automatisch passiert. Unter dem »Spiegel Online«-Artikel über die Arbeitszeiten-Studie stehen nicht weniger als drei Agenturkürzel. Der Mitarbeiter hat sich richtig Mühe gegeben, seinen Text aus mehreren Quellen zusammenzusetzen — Quellen, die alle auf derselben einseitigen Interpretation durch die »Welt« beruhen. Den Weg zur Quelle suchte er nicht — so wenig wie seine Kollegen von »Focus Online« und viele andere. Noch einmal: Er bräuchte dazu keine Kontakte nach Brüssel. Er braucht nur eine Suchmaschine und Englischkenntnisse und ein kleines bisschen Zeit und einen Widerwillen gegen unnötiges Abschreiben.

Aber zurück zur Internetgeschichte vom »Abendblatt« und Frau von der Leyen. Obwohl einem Redakteur schon bei einer flüchtigen Prüfung auffallen müsste, dass die dpa-Überschrift nicht von der dpa-Meldung gedeckt ist, tauchte die grenzwertige Meldung mit der Falschüberschrift zum Beispiel bei »Focus Online« auf.

Heute Nachmittag hatte die Agentur dann endlich ihre Hausaufgaben gemacht — vielleicht hat sich auch nur das Familienministerium selbst gemeldet, um auf den Irrtum hinzuweisen –, jedenfalls brachte dpa um 15:23 Uhr eine Art Korrektur mit dem Titel:

Ministerium: Von der Leyen nicht für mehr Internetsperren

Und damit kommen wir zum erwartbaren, vorläufigen Ende dieses Trauerspiels mit vielen Beteiligten. Denn die Leute von »Focus Online« bringen zwar nun die neue richtige dpa-Meldung statt der alten falschen, aber weisen natürlich an keiner Stelle darauf hin, dass sie selbst mehrere Stunden lang das Gegenteil dessen behauptet hatten, was sie jetzt behaupten. Die alte Adresse (http://www.focus.de/…/familie-von-der-leyen-will-gegen-rechte-inhalte-vorgehen…) leitet einfach auf die neue um (http://www.focus.de/…/familie-ministerium-von-der-leyen-nicht-fuer-weitere-sperren…) Auch bei »Focus Online« werden nicht einmal die elementarsten Regeln für einen transparenten Umgang mit Korrekturen eingehalten.

Darüber müssen wir endlich reden — über Mindeststandards beim Recherchieren und Korrigieren. Und dann können wir gerne über neue Bezahlmodelle reden. Die Leistung, die die beteiligten Medien am Sonntag wieder zeigten, ist selbst umsonst noch zu teuer.

(Kunstpause.)

Und während all diese vermeintlich professionellen Journalisten mit Nichtnachdenken und Nichtrecherchieren beschäftigt waren, hat der Rechtsanwalt Udo Vetter in seinem Lawblog diese fundierte Analyse der tatsächlichen Äußerungen von der Leyens veröffentlicht.

[via Spiegelfechter]

 
— 3. August 2009, 0:10 — 68 Kommentare

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Geht sterben (8)

Die nächste Variante dieser Geschichte steht im BILDblog. Diesmal geht es nicht um Beyoncé und den Ludwig-Börne-Preis, sondern um die Piratenpartei. Aber wieder gehen fast alle mit baden.

 
— 8. Juni 2009, 12:22 — 61 Kommentare

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