Man kann ja viel gegen Burkhardt Müller-Sönksen sagen, den medienpolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.
In der vergangenen Woche saß er im Kulturausschuss in der Expertenanhörung zum Thema »Zukunft des Qualitätsjournalismus« und leitete seine Fragen an die Experten mit Worten ein, die ich wohlwollend als Hommage an Loriot deuten möchte:
Auch von der FDP ganz herzlichen Dank für Ihre Vorträge, die zum Teil übereinstimmend waren. Auch zum Teil sehr lange zurückgegangen sind, auch weit über die jetzige Regierungszeit hinaus, aber eins gemeinsam, und das ist auch das Thema unseres Ausschusses in einer fortgesetzten Serie, nämlich die Zukunft des Qualitätsjournalismus, wobei Zukunft nicht heißen soll, dass in der Vergangenheit alles schlecht war und Zukunft wiederum auch heißen soll, dass wir mit Ihnen zusammen gestalten wollen, was kann der Gesetzgeber oder was kann auch gesellschaftspolitisch geschehen?
Da gibt es ja einen Prozess, den wir selber nicht selbst gestaltet haben. Das ist die Konvergenz im Internet, die stark stattfindet. Und es ist heute noch nicht angesprochen worden, dass sich der Qualitätsjournalismus insbesondere des Prints in einem Konkurrenzverhältnis zu den öffentlich-rechtlichen, staatlich finanzierten Medien befindet.
Und das ganz neue Thema, man könnte fast von fünfter Gewalt sprechen, das sind die Social Media, die aber gerade erst recht nach Qualitätsjournalismus rufen, weil ja dort sehr unreflektiert und undefiniert Informationen kursieren, die überhaupt nicht verifiziert sind und gerade erst recht auch einem Qualitäts-, einem geprüften Qualitätsausdruck mit entsprechendem Hintergrund und Recherche, wie es eben auch schon mal angeklungen ist, bedarf.
— 23. Januar 2012, 11:18 — 46 Kommentare
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Es ist weniger ein Interview, das die »Süddeutsche Zeitung« mit Mathias Döpfner geführt hat, als eine Möglichkeit für ihn, ausführlich und ungestört durch kritische Nachfragen die eigene Position darzustellen. Das ist vielleicht kein Zufall, denn die »Süddeutsche Zeitung« klagt mit der Axel-Springer-AG, deren Vorstandsvorsitzender Döpfner ist, (und anderen Verlagen, darunter auch dem der FAZ, für die ich regelmäßig arbeite) gegen die kostenlose »Tagesschau«-Anwendung für iPhone und iPad.

Döpfner sagt, die ARD habe mit der »Tagesschau«-App (Abb.) eine »rote Linie« überschritten. Das ist bemerkenswert, denn es gibt andere Stellen, an denen sich eine solche Grenze deutlich klarer ziehen ließe. Man könnte zum Beispiel, wenn man wollte, argumentieren, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Internet gar nichts zu suchen haben. Man könnte auch sagen, dass sie im Internet nur Videos und Audio-Aufnahmen publizieren dürfen, wahlweise mit der Einschränkung, dass die auch im Radio oder Fernsehen gelaufen sein müssen. Für Döpfner sind das aber bestenfalls andersfarbige Linien.
Die Grenze zieht er dort, wo die ARD Inhalte aus ihrem Internetangebot in einer für Tablets und Smart Phones optimierten Version anbietet. Das Kriterium gibt ihm die »SZ« freundlicherweise in der Frage vor:
Markiert die Selbstverständlichkeit, mit der auf einem Markt überwiegend bezahlter Angebote ein kostenloses Produkt eingebracht wird, für Sie die Grenze der zumutbaren Aktivitäten von ARD und ZDF?
Döpfner bejaht.
Das ist ein erstaunlich komplexes Kriterium für eine »rote Linie«. Die Grenze besteht darin, dass es um einen Markt geht, in dem angeblich die Mehrheit der Anbieter Geld für etwas nimmt, das die »Tagesschau« aufgrund ihrer Gebührenfinanzierung kostenlos anbieten kann. Natürlich hat das Angebot von tagesschau.de auch dann einen Wettbewerbsvorteil, wenn man es über einen Internet-Browser aufruft, weil es sich nicht durch Werbung finanzieren muss. Aber das Internet scheint Döpfner als Medium, in dem eine »Gratiskultur« herrsche, ohnehin abgeschrieben zu haben. Auf Smartphones oder Tablets werde dagegen bezahlt, »für jedes Telefonat, jede SMS, MMS, für Apps«. Kostenlose Angebote wie das der »Tagesschau« bedrohen nach dieser Logik die Bezahlkultur auf iPhone und iPad insgesamt und jedes einzelne kostenpflichtige Nachrichtenangebot.
Die Argumentation würde umgekehrt bedeuten, dass es tagesschau.de als kostenloses Angebot auch im Internet-Browser nicht geben dürfte, wenn es Döpfner und seinen Leuten gelungen wäre oder noch gelänge, eine umfassende Bezahlkultur im Internet zu etablieren, was vielleicht schon eine Ahnung davon vermittelt, wie wenig tragfähig diese Argumentation ist.
Schon eine einzige kostenlose App wie die der »Tagesschau«, suggeriert Döpfner, kann ein ganzes Geschäftsmodell zerstören. Aber wenn sich allein über den Preis solche erstaunlichen Nutzerzahlen erreichen lassen, ist das natürlich eine verführerische Nische auch für einen privaten Wettbewerber. In einer Welt voller kostenpflichtiger Apps kann es sich lohnen, der eine zu sein, der kostenlos ist und sich dank enormer Reichweite mit Werbung refinanzieren kann. Selbst wenn es Döpfner und seinen Mitstreitern gelänge, die »Tagesschau« aus dem Wettbewerb im App-Store zu verbannen, wäre das ein erhebliches Risiko.
Schon vor eineinhalb Jahren hatte Döpfner die »Tagesschau«-App mit dem Verlust von »Tausenden Arbeitsplätzen in der Verlagsbranche« in Verbindung gebracht. Er hat seine These seitdem eher noch weiter zugespitzt. Im Grunde scheint das Überleben des gesamten Qualitätsjournalismus jenseits öffentlich-rechtlicher Anstalten von der Finanzierung durch Apps abzuhängen: »Es geht schlicht um die Frage«, sagt er, »ob Qualitätsjournalismus als Geschäftsmodell noch Bestand haben wird.« Auf Papier allein werde er sich nicht mehr finanzieren lassen, im Internet herrscht die angebliche Kostenloskultur, bleiben nur die Apps.
So wie er es schildert, ist es extrem schwierig, in Zukunft überhaupt noch guten Journalismus unter kommerziellen Bedingungen zu produzieren. Daraus schließt er, dass der Staat alles tun muss, um jedes potentielle Hindernis für die Verlage (die wohl synonym sind mit Produzenten hochwertiger journalistischer Inhalte) auszuräumen. Das hat natürlich eine gewisse Logik. Es hat aber auch einen großen Haken. Niemand, auch nicht Döpfner, kann garantieren, dass das Katastrophenszenario, das er beschreibt, nicht trotzdem eintritt, obwohl die »Tagesschau« und ähnliche öffentlich-rechtliche Angebote verboten werden.
Es gäbe natürlich eine andere Antwort auf die Herausforderung, die Döpfner beschreibt. Wenn unklar ist, wie sich unter den Bedingungen der digitalen Welt überhaupt hochwertiger Journalismus finanzieren lässt und ob Verlage nicht womöglich massenhaft eingehen, obwohl die kostenlose »Tagesschau«-App verboten wurde, ist es aus gesellschaftlicher Sicht doch begrüßenswert, sich wenigstens darauf verlassen zu können, öffentlich-rechtliche Anbieter die Menschen gut informieren.
Döpfners Katastrophenszenario verschafft ARD und ZDF im Netz eine neue mögliche Legitimation, genau genommen die alte: durch verlässlich und von allen gemeinsam finanzierte Medien eine umfassende Grundversorgung sicherzustellen, selbst wenn die privaten Anbieter in schlechten Zeiten oder aus grundsätzlichen Problemen das nicht in befriedigendem Maße tun können. Aber das habe ich ja alles schon mal geschrieben.
Es ist bemerkenswert, in welchem Maß Döpfner die »rote Linie«, die ARD und ZDF keinesfalls überschreiten dürfen, davon abhängig macht, was private Unternehmen tun. Die Grenze soll davon abhängen, welche Refinanzierungsmodell die Mehrheit der Unternehmen in einem noch extrem jungen und beweglichen Markt wie dem der Nachrichten– und Medien-Apps wählt. Das Bundesverfassungsgericht, das mit seinen Rundfunkurteilen das Duale System in Deutschland maßgeblich gestaltet hat (weil die Politik es noch nie konnte oder wollte), hat die Rechte von ARD und ZDF aber immer aus sich selbst heraus definiert. Was Unternehmen, die sich mit journalistischen Inhalten unter kommerziellen Bedingungen auf einem Markt bewähren müssen, unter bestimmten Umständen zu leisten vermögen, war für das Gericht bislang ausdrücklich nicht entscheidend, weil es keine Gewähr dafür gab. Ich wüsste gerne, woher die Verlage den Optimismus nehmen, dass das Bundesverfassungsgericht in diesem Fall plötzlich anders urteilen sollte.
Döpfner und seine Mitstreiter sind nicht zu beneiden. Sie müssen argumentieren, dass es erst die App der »Tagesschau« war, durch die die ARD eine endgültige Grenze überschritten hat, weil sie es versäumt haben, schon gegen das Internet-Angebot tagesschau.de vorzugehen. Dabei verstößt auch das ihrer Meinung nach gegen den Rundfunkstaatsvertrag, weil es nicht nur Videos, sondern auch Artikel enthält. (Nach Ansicht des FDP-Medienpolitikerclowns Burkhardt Müller-Sönksen handelt es sich deshalb um eine »Printausgabe« der »Tagesschau«.)
Die Konzentration auf die Kostenlosigkeit der »Tagesschau«-App führt zu schmerzhaften Verrenkungen der Verleger. Springers Außenminister Christoph Keese sagt: »Im Supermarkt kann man für den Joghurt auch keinen Euro nehmen, wenn daneben kostenlose Ware steht.« Dem ist gleich zweierlei zu erwidern: Erstens, natürlich kann man. Wenn der eigene Joghurt besser ist als das Gratis-Angebot oder auch nur einzigartig. Menschen bezahlen für Zeitungen, obwohl es vielfältige Möglichkeiten gibt, sich kostenlos zu informieren — weil sie die besondere Qualität von Zeitungen insgesamt oder ihrer Stammzeitung zu schätzen wissen. Und zweitens: Wenn Keese Recht hätte, könnte er seine Joghurtproduktion gleich dichtmachen. Es wird immer jemanden geben, der Nachrichten kostenlos im Netz oder auf Smartphones anbietet. Ich fürchte, ein Geschäftsmodell, das nur funktioniert, wenn alle Konkurrenten mitmachen und niemand andere Wege nutzt, den Joghurt zu finanzieren, ist kein Geschäftsmodell.
Die »Tagesschau« ist nicht die einzige kostenlose Anwendung, die den kostenpflichtigen Verlagsangeboten im App-Store Konkurrenz macht. Auch der Fernsehsender n-tv bietet gratis eine, Müller-Sönksen würde sagen: dicke Printausgabe an. Nun ist es natürlich in vielerlei Hinsicht ein Unterschied, ob ein privatwirtschaftliches Unternehmen einen solchen Schritt geht oder eine durch »Zwangsgebühren« finanzierte Anstalt. Aber wenn Döpfner und Keese mit ihrer Alles-oder-nichts-Argumentation Recht hätten, wäre das Ergebnis dasselbe: der Tod des Qualitätsjournalismus.
Ich weiß nicht, wie die Gerichte entscheiden werden. Aber ich bin mir sicher, die rote Linie, die Döpfner da auf den Boden gemalt hat, ist keine.
PS: Auf meinem iPad ist die angeblich kostenpflichtige »Welt HD«-App aus dem Hause Springer installiert. Das Abo ist angeblich »seit 28. Oktober 2010″ abgelaufen. Aber die App funktioniert. Ist das auch eine Form von Gratiskultur? Und versündige ich mich am Qualitätsjournalismus, wenn ich die App trotzdem benutze? (Zahlen würde ich dafür allerdings nicht.)
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Es ist, um das gleich zuzugeben und nicht koketter zu wirken als unvermeidlich, natürlich schmeichelhaft, bei der Geburtstagsfeier einer Journalisten-Akademie zu sein und gleich von zwei Rednern als positives Beispiel erwähnt zu werden. Und selbst wenn einer der beiden Bernd Neumann ist, freut man sich für einen Moment, dass man da wohl etwas richtig gemacht hat, bevor man sich fragt, was man da wohl falsch gemacht hat.
Aber vor allem fühle ich mich missbraucht. Weil hinter dem Lob in Wahrheit keine Anerkennung für meine Arbeit steckt, sondern die Absicht, viele andere zu diskreditieren.
Der Kulturstaatsminister Bernd Neumann sagte:
Wo Informationen endlos vervielfältigt und uneingeschränkt verfügbar sind, wird die Frage immer drängender, auf welche Informationen es ankommt und welches Wissen man für seine Lebensorientierung tatsächlich benötigt. Apologeten der reinen Netzwelt haben auf diese Frage eine systemimmanente Antwort. Unabhängige Blogger und kollektive Schwarmintelligenz sollen professionellen Journalismus zumindest zu weiten Teilen ersetzen. Daran dürften allerdings doch erhebliche Zweifel anzubringen sein.
Der altruistisch souveräne Blogger ist und bleibt – zumindest noch – eine singuläre Erscheinung. Ein Wassertropfen im Ozean des Netzes. Die Intelligenz der vielen mag zwar manches Interessante und Wichtige hervorbringen; ein stets verlässlicher Gradmesser für Relevanz und Validität von Informationen und Bewertungen ist sie aber nach den bisherigen Erkenntnissen zweifellos nicht. (…)
Im soeben veröffentlichten Gutachten von Christoph Neuberger und Frank Lobigs über »Die Bedeutung des Internets im Rahmen der Vielfaltssicherung« heißt er hierzu kurz und bündig: »Trotz der positiven Selbsteinschätzung der Blogger dürfte die publizistische Leistungsfähigkeit partizipativer Angebote eher gering sein.« Natürlich gibt es auch bemerkenswerte Ausnahmen. Der heute hier anwesende und mit vielen Auszeichnungen bedachte Stefan Niggemeier gehört dazu. Als profilierter Medienkritiker hat er es mit seinem Blog geschafft, nicht nur die Fachwelt, sondern auch eine Vielzahl von anderen Nutzern anzusprechen. Aber er ist ja auch gelernter Printmedienjournalist. Die Ausbildung zum Printjournalisten ist für mich immer noch so etwas wie die hohe Schule des Journalismus.
Neumann lobt mich als Ausnahme, um die Regel der fehlenden »Leistungsfähigkeit« von Blogs zu bestätigen, und schafft es sogar, in dem Erfolg dieses Online-Angebotes einen Beweis für die Überlegenheit von Print-Journalismus zu sehen. Was für ein Unsinn, was für ein vergiftetes Lob. Ich habe nicht Print-Journalismus gelernt, sondern Journalismus. Was soll das überhaupt sein, »Print-Journalismus«? Und was würde eine Ausbildung zum »Onlinejournalisten«, falls es das gibt, minderwertig machen? Dass die Texte nicht auf Papier gedruckt werden? Dass der Autor in viel stärkerem Maße erfährt, welche Resonanz seine Texte haben? Oder doch nur, dass seine Artikel nicht von Kulturstaatsministern gelesen werden, weil für die, natürlich, nur zählt, was in der Zeitung steht?
Ich kann nicht glauben, dass man das im Jahr 2010 immer noch hinschreiben muss: Der Print-Journalismus ist dem Online-Journalismus nur insofern überlegen, als der Print-Journalismus jahrzehntelang ein lukratives Geschäftsmodell hatte, das dafür sorgte, dass Redaktionen gut ausgestattet wurden und sich relative hohe Standards entwickeln konnten. Dass auf sueddeutsche.de oder »Welt Online« Artikel stehen, die es nie in die gedruckte »Süddeutsche Zeitung« oder »Welt« schaffen würden, hat nichts mit dem Medium an sich zu tun, sondern allein damit, wie es die Verlage behandeln. Online, glauben sie, muss es nicht so gut sein, weil online ja auch nicht so viel Geld verdient wird. Das »weil« in diesem Satz ist sinnlos, aber Realität.
Der andere Redner, der mich am Montag bei der Feier zum 40. Geburtstag der »Akademie für Publizistik« in Hamburg erwähnte, war der scheidende Chefredakteur der »Süddeutschen Zeitung«, Hans Werner Kilz. Er sagte:
Mir geht die Verzagtheit der Journalisten, wenn sie über ihre eigene Zukunft reden, ziemlich auf den Geist. Journalisten reden sehr gerne über ihre eigene Befindlichkeit, sie teilen leichter aus, als sie einstecken, und obwohl sie ständig Ratschläge geben, wie in notleidenden Branchen umstrukturiert und dezentralisiert werden muss, fühlen sich Journalisten, wenn es um sie selber geht, von allem bedroht, was nach Veränderung aussieht, sei es das Internet, ein Newsroom, das iPad oder Free Content. (…)
Bei einigen Blogger-Auftritten — Stefan Niggemeier, ich meine natürlich nicht Sie, Sie schätze ich — aber bei einigen Blogger-Auftritten mitteilsamer Kollegen habe ich das Gefühl, dass es der Therapeut war, der empfohlen hat, via Bildschirm-Präsenz das verkümmerte Ego zu stärken, und was medizinisch geboten sein mag, muss uns journalistisch noch lange nicht weiterbringen. Nein, ich glaube, das Netz wird die klassische Zeitung nicht killen.
Auch Kilz benutzte mich, um umso ungenierter auf andere Blogger einzuprügeln — und wenn ich nicht da gewesen wäre, hätte er vermutlich den Einschub weggelassen und das Bloggen insgesamt als rein therapeutische Beschäftigung für Menschen mit gestörtem Selbstwertgefühl dargestellt, sicher unter dem zustimmenden Nicken von Herrn Neumann. Was für eine Anmaßung.
Ich hatte leider keine Gelegenheit, Kilz hinterher zu fragen, wie viele Blogs (außer angeblich meinem) er kennt, ob er, um nur die bekanntesten zu nennen, die klugen Einwürfe von Udo Vetter liest, die manchmal anstrengenden, gewollt gegen den Strich gebürsteten, aber oft lesenswerten politischen Analysen des »Spiegelfechters«, die beißenden Pharma-Kritiken von »Stationäre Aufnahme«, die Enthüllungen von »Carta« oder »Netzpolitik« oder auch nur eines der vielen Blogs, die sich mit den neuen Medien und wie sie unser Leben verändern beschäftigen.
Kilz sagte:
Die Zeitung bleibt die Zeitung, und die Zeitung im Netz ist keine Ergänzung, kein Abfallprodukt und kein Resteverwerter. Es ist ein separates Geschäft und eine völlig eigene Form von Nachrichtenjournalismus. Die Zeitungen haben sich über Jahrzehnte ihre Authentizität erworben, ihren Ruf und ihre Attraktivität. (…)
Die Zeitungen im Netz müssen erst noch lernen, auf eigenen Füßen zustehen, sich die Marke und dazu das Geld verdienen. Die Websites leben bis jetzt weitgehend von den Zeitungsredaktionen, von Auslandsreportern, von unseren Autoren aus der Wissenschaft und aus dem Feuilleton und von investigativ arbeitenden Reportern. 85 Prozent aller Nachrichten, die ins Netz kommen, gehen auf Recherchen von Zeitungsjournalisten zurück. Man muss sich also nicht also als Nostalgiker verhöhnen lassen, wenn man versucht, wie ich hier, die klassische Tageszeitung zu verteidigen. Selbst wenn die Online-Angebote genug Geld einbringen würden, um alles allein produzieren und auch senden zu können, ist doch eines klar: Der Nachrichtenjournalismus im Netz wird nie so in die Tiefe gehen oder den investigativen Journalismus gar ersetzen zu können.
Und Äpfel werden nie Birnen sein.
Man möchte über solche Beiträge ja schon gar nicht mehr diskutieren, aber da ist tatsächlich ein hoch angesehener, führender Journalist dieses Landes, der auch im Jahr 2010 nicht merkt, dass ihm in seinem Vergleich die Kategorien verrutscht sind. Hätte Kilz gesagt: »Comics im Netz werden nie Romane in Buchform ersetzen können«, wäre er ausgelacht worden. Aber wenn es ums Internet geht, lässt man den Leuten das durchgehen, dass sie das Medium mit dem Genre verwechseln.
Eines ist, um die Formulierung von Kilz aufzugreifen, eben nicht klar: Warum Journalismus in digitaler Form nicht genauso, nein: viel mehr in die Tiefe gehen können soll wie auf Papier gedruckt. Und warum investigative Recherchen eine Domäne des Print-Journalismus bleiben soll. Richtig ist: Bislang ermöglicht das Geschäftsmodell der Zeitungen lange, gründliche Recherchen. Richtig ist aber auch: Dieses Geschäftsmodell ist akut bedroht, weil die Menschen und die Werbung ins Internet gehen.
Und wir können doch nach all den Jahren der fruchtlosen Diskussion nicht immer noch suggerieren, dass Qualitätsjournalismus und Onlinejournalismus Gegensätze sind oder wenigstens — jenseits der real existierenden Angebote wie sueddeutsche.de — sein müssten. Ich fürchte, Kilz hat keine Ahnung, wie sehr er mit seiner Rede junge Leute frustiert, die sagen: Ich will gar keinen Print-Journalismus machen oder Online-Journalismus. Ich will guten Journalismus machen, egal in welcher Mediengattung oder genau in der, die für ein Thema, eine bestimmte Aufbereitung besonders geeignet ist.
Noch einmal Kilz:
Der Qualitätsjournalismus ist nicht nur im Niedergang begriffen, sagt der britische Reporter und Buchautor Nick Davies, er liegt bereits in den letzten Zügen. Das mag in England, auch in Amerika so sein. Es wäre schlimm, wenn es in Deutschland auch so wäre. Ist es aber nicht.
Ich kann jedem nur dringend Nick Davies‹ Buch »Flat Earth News« empfehlen. Anders als Kilz hatte beim Lesen ich nicht das Gefühl: Zum Glück ist das bei uns noch nicht so weit, mit dem Churnalism, mit dem Abbau von Kompetenzen in den Redaktionen, mit dem blinden Vertrauen auf Nachrichtenagenturen, mit Boulevardmedien als Leitmedien, mit dem zunehmenden Ungleichgewicht zwischen PR, Lobbyisten und gezielten Manipulatoren auf der einen Seite und Journalisten auf der anderen. Ich hatte beim Lesen im Gegenteil das Gefühl: Bei uns ist es ganz genauso. Und einen winzigen Teil der Abgründe dokumentieren wir jeden Tag auf BILDblog.
Ich habe eine Bitte, liebe Kulturstaatsminister, Chefredakteure und Apologeten der reinen Print-Welt. Wenn Ihr die neuen Publikationsformen im Internet verächtlich macht, die Qualität von Journalismus an dem Medium messt, in dem er stattfindet und die ewige Überlegenheit von Papier beschwört, könntet Ihr darauf verzichten, mich zu erwähnen und zu einer Ausnahme der Regel und damit einer Art paradoxem Kronzeugen für Eure Thesen zu stilisieren? Vielen Dank!
— 23. September 2010, 0:07 — 259 Kommentare
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Geld verdienen mit Qualitätsjournalismus im Internet? Nichts leichter als das. Das »Reporter-Forum« bietet 3000 Euro für eine einzige Reportage. Sie muss nur herausragend sein.
Das habe ich vergangenes Jahr schon geschrieben, als der »Reporterpreis« zum ersten Mal verliehen wurde. (Nur dass es damals noch 5000 Euro waren, aber diesmal gibt es insgesamt acht statt vier Kategorien, und die beste StrickWeb-Reportage ist nur eine davon.) Anscheinend ist die Zahl der Einreichungen in der Online-Kategorie bisher sehr überschaubar, was natürlich umgekehrt bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, Geld und Ruhm abzustauben, besonders groß ist.
Aber noch sind zwei Wochen Zeit, gelungene Reportagen vorzuschlagen. In der Jury sitzen u.a. Katrin Passig und ich. Alle weiteren Details stehen hier.
— 13. September 2010, 14:55 — 12 Kommentare
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Vom Bloggen bin ich sehr enttäuscht. Nicht von der Möglichkeit, aber von der Qualität. (…) Die bürgereigene Berichterstattung wird den Lokaljournalisten niemals ersetzen.
Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe

Die »Westdeutsche Allgemeine Zeitung« hat im Kemnader See südlich von Bochum ein Krokodil entdeckt. Aber es ist nicht das da oben. Es ist das hier:

Nein, nicht das Weiße; das ist bloß der Pfeil, der auf das Krokodil zeigt. Ich zeig Ihnen das Tier mal in groß:

Das, äh, beeindruckende Foto hat ein Volontär der Zeitung gemacht, der beim Inline-Skaten mit seiner Freundin um den See das Tier gesehen haben will, und die WAZ nutzt die Gelegenheit, ihm und der staunenden Öffentlichkeit zu zeigen, was dieser Qualitätsjournalismus ist, von dem man neuerdings immer so viel hört — und wie viel professionelle Journalisten aus so ein bisschen Stoff machen können.
Irgendein Amateur hätte das Handyfoto vermutlich einfach bei Twitpic hochgeladen mit der Unterschrift: »Heute am Kemnader See Baumstamm Krokodil entdeckt«. Oder als Leserfoto an »Bild« geschickt, die nach eingehender Prüfung festgestellt hätten, dass es sich nicht um ein Krokodil handelt, sondern ein Alien.
Bei der WAZ aber wurde richtig recherchiert. Der Volontär sprach für seinen oben zu sehenden großen Artikel mit einem Mann vom Bochumer Tierpark, einer Frau vom Freizeitzentrum Kemnade, der Polizei und einer Frau, die mit ihrem Hund in der Nähe Gassi ging. Zwar hatte niemand das Tier gesehen oder gehört, dass irgendjemand anders das Tier gesehen hätte, aber aus den Spekulationen, was denn wäre, wenn es es gäbe, und der allgemeinen Ahnungslosigkeit ließen sich erstaunlich verwirrende Absätze wie dieser bauen:
Fraglich, ob es sich bei dem Krokodil um ein artengeschütztes Exemplar handelt. »Wenn es ein Kaiman ist (so sieht es nach der Beschreibung aus), dann wäre er artengeschützt«, sagt Werner. Häufig seien aber die Halter mit nichtartengeschützten Exemplaren überfordert. Er erinnert an die Mülheimer Gift-Cobra. »Leider gibt es keine Beschränkungen wie bei Hunden.«
Ein weiterer Artikel des Volontärs im Online-Angebot der WAZ stellte klar, dass Krokodile eher scheu und Menschen vor Angriffen sicher seien — verwirrenderweise stand diese Entwarnung unter Überschrift »Kaiman macht Kemnader See bei Bochum unsicher«.
Dann übernahmen zwei WAZ-Kollegen die Berichterstattung. Außer dem Volontär und seiner Freundin hatte zwar immer noch niemand das Tier gesehen, aber nun konnten sie titeln: »Ein Kaiman sorgt am Kemnader See für Aufregung«. (Treffender wäre natürlich gewesen: »WAZ sorgt am Kemnader See für Aufregung«). Die WAZ will nicht ausschließen, dass da gar kein Kaiman oder Krokodil war, warnt aber vor voreiligen Schlüssen: Wenn ich es richtig verstanden habe, wäre gerade die Tatsache, dass das Tier von niemandem mehr gesehen wurde, ein Indiz für seine Existenz, denn Kaimane sind bekannt dafür, sich zu verstecken. (Ufologen können hier noch was lernen.)
Außer mit dem Volontär und seiner Freundin sprach die WAZ nun mit einem Schäfer, dem Geschäftsführer der Kemnade GmbH, einem Kapitän, einer Anbieterin von Kanutouren, nochmal der Polizei und dem Facharzt der Münchener Auffangstation für Reptilien, von dem die Journalisten erfuhren, dass sich ausgewachsene Kaimane »von Wasserschweinen, Nagern und Affen, die am Ufer trinken« ernähren. (Ob das Fehlen von trinkenden Affen am Ufer des Kemnader Sees ein Indiz für die Existenz des Krokodils ist, ließ der Text offen.) Niemand hatte das Tier gesehen, was die WAZ mit vielen aufgeregten Ausrufezeichen vermeldete.
Auch bei der Bochumer Polizei sind noch keine Hinweise eingegangen — bis heute nicht. Dabei gehört zum Polizeipräsidium Bochum durch einen glücklichen Zufall auch die Polizeiinspektion Witten, so dass beide Uferseiten des Sees abgedeckt sind. Oder wie Pressesprecher Volker Schütte sagt: »Der See ist fest in unserer Hand!« Der Fall macht »immens Arbeit«, sagt er, nicht wegen tatsächlicher Polizeiarbeit, sondern wegen der Medienanfragen, die nach dem ersten WAZ-Artikel »im Minutentakt« kamen, u.a. von »Bild« und RTL.
Besonders groß stieg aber der WDR in die Berichterstattung ein und berichtete nicht nur in seiner »Lokalzeit Ruhr« über das mögliche Tier im See, sondern kam auch überregional in der »Aktuellen Stunde« seinem Informationsauftrag nach — samt Live-Schaltung zu einer Reporterin vor Ort:


Die kritisierte, dass der Gesuchte »Kai« heißen solle und nicht »Kemni«, konnte ihn aber auch nicht selbst nach seinem Namen fragen, weil sie ihn nicht gesehen hatte. Sie äußerte sogar Zweifel, dass er überhaupt existiert, berichtete aber von vor Ort, dass die meisten Menschen dort dem Thema »keine große Aufmerksamkeit widmen« (ganz im Gegensatz also zum WDR).

Den WAZ-Schwesterblättern »Neue Ruhr-Zeitung« (oben) und »Westfälische Rundschau« (rechts) war die sensationelle Geschichte sogar Platz auf den Titelseiten wert. Und auf ihrer Szene-Seite fragte die WAZ im »Quiz des Tages«:
Im Kemnader Stausee wurde ein Kaiman gesichtet. Zu welcher Familie gehören Kaimane?
a) Nilpferde
b) Haie
c) Krokodile
(Die naheliegende Antwortmöglichkeit »d) Enten« fehlt.)
Doch im gemeinsamen Online-Angebot der WAZ-Zeitungen wussten viele Kommentatoren den aufopferungsvollen Einsatz der Journalisten nicht zu schätzen. Einer wies darauf hin, dass die Kaiman-Entdecker »zuerst seinen großen gelben Bauch, der im Wasser platscht« gesehen haben wollen und stellte die berechtigte Frage, ob das Tier Rückenschwimmer sei. Ein anderer schrieb, er habe sich »heute zum ersten mal echt geschämt, dieses Blatt [die WAZ] auszutragen«, und schlug vor:
Die einzige Möglichkeit jetzt noch mit Anstand aus der Sache rauszukommen, sich bei den Lesern entschuldigen (wird einem ja selten so klargemacht für WIE doof man gehalten wird), oder selber ein Krokodil am See aussetzen.
Vergleichsweise konstruktiv erscheint hingegegen folgender Kommentar (der möglicherweise inzwischen gelöscht wurde, ich finde ihn jedenfalls nicht wieder):
Ich würd sagen: Kemnadersee weiträumig absperren. Drei Meter hohe Zäune aufstellen, die A43 sperren und um ganz sicher zu gehen, auch den Luftraum dicht machen.
dann das Wasser des Sees abpumpen und das Tier mit einem 1000 Mann starken Suchmanschaft in einen Hinterhalt drängen.
Doch die Kaimankarawane war schon weiter gezogen. Die WAZ berichtet in einem weiteren Artikel, das »Krokodil vom Kemnader See« sei nun von einem Leser im Hattinger Teil der Ruhr gesehen worden, »in Höhe der Gaststätte ›Zum Deutschen‹«. Das wäre rund zwölf Kilometer flussabwärts und ein bisschen unglücklich für das Bochumer Fotostudio, das in der Zwischenzeit 250 Euro für das beste Kaiman-Foto ausgesetzt hatte, wie die WAZ meldete. Auch aus dem Zuständigkeitsbereich der Bochumer Polizei wäre das Phantomreptil damit heraus. Wobei deren Sprecher Schütte nicht vollständig ausschließen will, dass es Tier tatsächlich gibt. Nur habe sich bisher niemand bei der Polizei gemeldet, was Schütte schon bei der Erstsichtung durch den WAZ-Volontär ein bisschen erstaunlich fand: »Wenn ich was in der Form erlebe, rufe ich 110 — und warte nicht einen Tag, um es dann in die Zeitung zu schreiben.«
Der neue vermeintliche Augenzeuge jedenfalls berichtet nun:
»Da waren zwei Höcker in der Mitte des Flusses – Holz kann es nicht gewesen sein, das schwimmt am Rand.«
Doch auch von diesen überwältigenden Beweisen ließen sich einzelne Laien in den Kommentaren nicht überzeugen:
Wenn er zwei Höcker im Fluss gesehen hat, dann könnte es aber auch ein Kamel gewesen sein.….……oder Pamela Anderson.……
Das ist das Elend mit diesem Qualitätsjournalismus: Die Leute wissen ihn einfach nicht zu schätzen.
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