Der ARD-Moderator Frank Plasberg wird nun doch nicht für den kostenpflichtigen Unternehmenswettbewerb der Agentur Compamedia werben. In einer Presseerklärung zitiert das Unternehmen Plasberg:
»Ich bin gebeten worden, beim Unternehmenswettbewerb ›Top Job‹ als Mentor zu fungieren. Dieser Wettbewerb schien mir geeignet, einen Impuls für zeitgemäßes Personalmanagement in mittelständischen Unternehmen zu geben. Insbesondere die wissenschaftliche Begleitung und Bewertung entsprechen meinen Vorstellungen von wettbewerblicher Qualitätsverbesserung. Mittlerweile habe ich feststellen müssen, dass mein Engagement von kritischen Beobachtern ganz anders empfunden wird. In den Mittelpunkt der Betrachtung rückte die Werbewirkung meiner Mentorenschaft, verbunden mit der Frage, ob meine journalistische Unabhängigkeit ein solches Engagement zulässt. Das wiegt schwerer als meine Überzeugung, in keiner Weise Beeinflussungen zu unterliegen oder meine Unabhängigkeit zu gefährden. Deshalb bin ich von der geplanten Mentorenschaft zurückgetreten.«
Offenbar war ich nicht der einzige, der ein Problem damit hatte, dass ein imageprägender ARD-Journalist mit branchenüblich abwegigen PR-Sprüchen für eine kommerzielle Veranstaltung wirbt.
Formell hatte der WDR an Plasbergs Engagement allerdings nichts auszusetzen, wie die Nachrichtenagentur dapd am Mittwoch meldete. Die Antwort des Senders klingt allerdings nach zusammengebissenen Zähnen.
Auf die Frage, ob Plasberg mit seinem Engagement gegen die Statuten des Senders verstoßen habe, teilte der WDR mit, die Vorschriften seien allein für fest angestellte Mitarbeiter gültig. Plasberg aber sei freier Mitarbeiter des Senders. Ob sein Engagement als fester Mitarbeiter legitim wäre, war zunächst nicht zu erfahren.
Offen ließ der Sender die Frage, ob Plasbergs Engagement dem WDR und der ARD insgesamt gut zu Gesicht stünde. Der Sender teilte dazu mit, das Engagement »inhaltlich nicht bewerten« zu wollen. Die Sprecherin betonte: »Wir sehen keinen Fall darin. Die Zusammenarbeit mit Frank Plasberg beruht auf Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung.«
Das eigentlich Erstaunliche an der ganzen Sache finde ich allerdings, dass ein erfahrener Mann wie Plasberg nicht geahnt haben will, dass sein Engagement kritische Nachfragen hervorrufen würde.
— 19. Dezember 2011, 11:38 — 18 Kommentare
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Wenn man, wie ProSieben, keinen Ruf mehr zu verlieren hat, erhöht das deutlich die Handlungsoptionen. Und so griff der Sender in seiner Verzweiflung, dass die Leute sich nicht massenhaft dazu hinreißen lassen, die als Sommerhit geplante Sendung »Die Alm« der sendereigenen Schrottproduktionsfirma Red Seven zu gucken, am späten Mittwochnachmittag zu einem erstaunlichen Mittel.
Er gab eine Pressemitteilung heraus, die man beim flüchtigen Hinsehen für eine Nachricht, sogar eine dringende Nachricht halten konnte. Sie lautete:
(Eil) Gina-Lisa, Rolfe und der Checker verlassen »Die Alm«
Unterföhring (ots) — Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider und Thomas »Der Checker« Karaoglan haben »Die Alm« verlassen. Wie es weitergeht: Heute Abend um 22.15 Uhr live auf ProSieben.
(Vollständiges Zitat.)
Die Pressemitteilung ist eine Unverschämtheit. Die drei Unbekannten hatten die Alm schon am Dienstagmorgen verlassen. Und waren bereits am Dienstagabend zurückgekehrt. Wenn überhaupt, hatten die Kandidaten vorübergehend die Alm verlassen, aber nicht »Die Alm«.
Nun ist es für einen Sender wie ProSieben vermutlich bloß Ausdruck von Realitätssinn, bei seinen Pressemitteilungen nicht mehr auf Qualität Wert zu legen als bei der Produktion seiner Fernsehprogramme. Und wie viel Glaubwürdigkeit bei ProSieben zählt, bewies der Sender schon vor zwei Jahren, als er Werbung für eine neue Mystery-Serie so aussehen ließ, als handelte es sich um echte Breaking News. Trotzdem musste man bislang nicht unbedingt davon ausgehen, dass ProSieben über den üblichen Presseverteiler und unter dem Namen der tatsächlichen Pressesprecherin eine solche Lügengeschichte verbreiten würde.
Andererseits: Eine Ein-Satz-Mitteilung inklusive Schalten-Sie-ein-Teaser — kann das ernsthaft die Grundlage sein, auf der Journalisten Berichte verfassen?
Es kann.
Der Branchendienst DWDL verlieh der Ente zusätzliche Glaubwürdigkeit, indem er behauptete, sowas schon vorher gehört zu haben:
Gina-Lisa, Rolfe und der Checker verlassen »Die Alm«
Schon seit Mittwochmorgen ging das Gerücht um, der ProSieben-Realityshow »Die Alm« würden die Promis weglaufen. Tagsüber dementierte der Sender noch. Am frühen Abend dann aber die Bestätigung per Eilmeldung über die üblichen Presseverteiler.
Eine Stunde später korrigierte DWDL sich und entschuldigte sich für die »kurzfristige Verwirrung«.
Auf Bild.de steht immer noch folgendes Nachrichtenfragment:
Gina-Lisa, Rolfe und der Checker verlassen »Die Alm«
Unterföhring (Bayern) — Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider und Thomas »Der Checker« Karaoglan haben »Die Alm« verlassen. Die Sendung wird auf ProSieben ausgestrahlt.
Und in Rekordzeit interpretierte der über die dramatischen Vorgänge in der Sendung offenbar bestens informierte Online-Ableger der »Rheinischen Post« die Breaking News:
Gina-Lisa, Rolf und der Checker
Promis verlassen die Alm von Prosieben
Düsseldorf (RPO). Die Promis hatten offenbar genug vom Landleben: Gina-Lisa Lohfink, Rolf Scheider und Thomas »Der Checker« Karaoglan haben »Die Alm« verlassen. Das teilt Prosieben am Mittwochabend mit.
Es war nicht immer alles sonnig bei der Promi-Trash-Show »Die Alm« — aber das ist ja auch das Konzept. Nun haben laut Sender aber gleich drei Bewohner ihre Rucksäcke gepackt und sind abgerauscht. Und das zeichnete sich bereits ab.
Rolf(e) Scheider drohte bereits mit Ausstieg. Denn die Bedingungen auf der Alm sind einfach zu hart für den sensiblen Castingdirektor, meint Prosieben. (…)
Moderatorin Charlotte und Ex-Topmodel-Anwärterin Tessa haben erst Thomas »Checker« Karaoglan die Schlafdecke versteckt, dann haben sie Gina-Lisa auf dem Kieker (…).
Sollte es damit jetzt vorbei sein, mit allen diesen Lästereien und Boshaftigkeiten? Oder geht es ohne Rolf, den Checker und Gina-Lisa weiter? Prosieben hüllt sich in Schweigen — und verweist auf die Sendung um 22.15 Uhr. Vielleicht lassen sich die drei ja überreden, zurückzukommen. Viel Lärm um nichts, würde man das dann wohl nennen.
Joa. Obwohl mir da noch andere Formulierungen einfielen, wie man das »wohl nennen« würde. »Deppen unter sich«, vielleicht. Oder: »Wenn PR-Simulation auf Journalismus-Simulation trifft«. Oder irgendwas mit Fäkalien.
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Wenn die Dinge nicht gut laufen für Monica Lierhaus, wenn es Schwierigkeiten in ihrer Beziehung geben sollte oder Komplikationen bei ihrer Genesung, dann wird »Bild« da sein. »Bild« wird sich dann das Recht herausnehmen, die Öffentlichkeit auch an den Dingen teilhaben zu lassen, die die Moderatorin am liebsten für sich behalten würde. Und wenn Frau Lierhaus sich darüber dann beklagen sollte, dann wird sie sich vom Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG wohl als »Heuchlerin« bezeichnen lassen müssen, als eine von denen, die »erst von der Plattform profitieren« wollen und sich hinterher beschweren, »wenn’s mal unangenehm wird«.
Matthias Döpfner hat das Prinzip der »Bild«-Zeitung einmal so beschrieben:
»Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten. Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.«
Monica Lierhaus hat diese Entscheidung für sich getroffen. Und der Springer-Verlag hat ihr dafür, dass sie zu ihm in den Fahrstuhl gestiegen ist, eine ganz besonders prächtige Plattform geschnitzt. Sie besteht nicht nur aus einer Goldenen Kamera und der zugehörigen Bühne. Sie besteht auch aus einer großen, sehr angestrengt sensiblen Titelgeschichte in der »Bild am Sonntag«, mehreren Titelgeschichten in der »Bild«-Zeitung und der Verklärung von Frau Lierhaus zur vielleicht besten Moderatorin aller Zeiten.
Das ist ein zugegeben kleines, aber bezeichnendes Detail in der ganzen Heuchelei: Warum genügt es nicht, Monica Lierhaus für ihre Lebensmut zu bewundern und zu feiern, für die Kraft, die es gekostet haben muss und noch kosten wird, die Folgen ihrer Erkrankung zu überwinden. Warum genügt es nicht, dass sie eine beliebte Moderatorin war und ist? Warum muss sie nachträglich die beste werden?
Stefan Hauck schreibt in »Bild am Sonntag«:
Wegen ihrer Art, sich vor der Kamera zu präsentieren, hat Monica Lierhaus, geboren 1970 in Hamburg, eine Menge Männer zunächst verrückt gemacht und gelegentlich auch ein bisschen garstig; aber die allermeisten Männer akzeptierten schließlich, dass dieser rothaarigen Frau praktisch nie ein Fehler unterlief. Egal ob sie mit Fußballern sprach, mit Radfahrern oder mit Wintersportlern.
Hauck ist offenbar der Grund, warum sich Monica Lierhaus und ihr Lebensgefährte die »Bild am Sonntag« als das Medium ausgesucht haben, dem sie all das erzählten, was zwei Jahre lang niemand wissen sollte und schreiben durfte. Hauck begleitet das Wirken von Lierhaus schon seit Jahren mit freundlichen Texten und Interviews. Am vergangenen Sonntag machte er aus ihrem Leben einen Rosamunde-Pilcher-Roman.
Stefan Hauck kann auch anders. Vor fünfeinhalb Jahren richtete er einen damals ohnehin schon am Boden liegenden Fernsehmoderator publizistisch hin, nannte dessen Leben »erbärmlich« und bedeutungslos, mokierte sich über die angeblich überschaubare »Summe seiner Begabungen« und erweckte den Eindruck, dass der Mann es verdient hatte, einer Vergewaltigung angeklagt zu sein, selbst wenn er unschuldig sein sollte.
Haucks Charakterlosigkeit ist ein Grund, warum sein Lierhaus-Text so eklig ist. Die Charakterlosigkeit der Zeitungsgruppe, für die er arbeitet, ist ein anderer. Vor zwei Jahren ignorierte »Bild« den ausdrücklichen Wunsch und das unbestrittene Recht von Lierhaus‹ Umfeld, Details ihrer Erkrankung geheim zu halten. Hauck verbirgt diese Tatsache in folgender Formulierung:
Man kann das jetzt ruhig ein bisschen ausführlicher erzählen, weil Monica Lierhaus seit fast zwei Jahren kein freiwilliges Wort darüber verlieren wollte, was in all der Zeit mit ihr und ihrem Leben geschehen ist.
Es ist mit der Konjunktion »weil« und der verblüffenden Formulierung »kein freiwilliges Wort« ein Satz, an der ganze Linguistik-Klassen ihre Freude haben können. Und Psychologen natürlich. Er verbindet den Hauch einer Andeutung, dass der Wille der Betroffenen bei so etwas in Haucks Kreisen nicht für entscheidend betrachtet wird, mit dem Stolz, trotzdem die Exklusiv-Geschichte bekommen zu haben.
»Bild«-Leute sind wie Tiere, die sich nicht selbst im Spiegel erkennen. Hauck schreibt:
Monica Lierhaus möchte [in Zukunft] ein Spiel im Stadion besuchen und sie hofft, dass sich die Fotografen dann auf die Spieler auf dem Rasen konzentrieren. Und nicht darauf, wie schnell sie, die Zuschauerin, die Stufen zu ihrem Platz hochsteigt.
Für welche Zeitungen mögen solche Fotografen arbeiten? Und wo mögen wohl die Artikel erscheinen, die interpretieren, wie schnell oder langsam, behende oder ungelenk, Frau Lierhaus inzwischen die Treppe hinaufsteigt?
Gut, womöglich ausnahmsweise nicht in »Bild am Sonntag« und auch nicht in »Bild«, weil Frau Lierhaus jetzt eine besondere Freundin des Hauses ist und diese Zeitungen nicht undankbar sind, jedenfalls nicht, solange sich das lohnt.
Irgendwo stand, dass Lierhaus und ihr Lebensgefährte hoffen, dass sich dadurch, dass sie das Private der vergangenen zwei Jahre jetzt so spektakulär öffentlich gemacht haben, das Interesse des Publikums schnell wieder allein auf ihre Arbeit konzentrieren wird. Was für eine Illusion. In Zukunft wird sich jeder Boulevardreporter beim Blick in ihr Privatleben darauf berufen können, dass sie selbst die Tür dazu einmal weit aufgemacht hat.
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Monica Lierhaus hatte das Recht, Berichte über ihre Krankheit und ihre Genesung zu untersagen. Und sie hat das Recht, ihre Rückkehr in die Öffentlichkeit so spektakulär zu inszenieren, wie sie es möchte. Das ist nicht nur juristisch gemeint: Womöglich war es genau die Kombination der erzwungenen Stille vorher mit der maximalen Lautstärke jetzt, die ihr hilft, den Weg ins Leben und in den Beruf zurück zu finden — wer wollte darüber urteilen?
Und doch stellt sich bei aller Sympathie ein merkwürdiges, irrationales und etwas unfaires Gefühl ein: Die Erkennbarkeit einer Inszenierung, die Offenkundigkeit eines Deals mit Springer, die Berechnung, die hinter all dem steht, lässt den Zuschauer und Leser zu einem Teil des Plans werden, ebenso wie übrigens das Publikum im Saal. Das Erzwingen des Schweigens vorher wirkt im Nachhinein so nicht als Grundrecht, sondern fast als dramaturgischer Kniff, um den Überraschungseffekt beim Wiederauftritt auf der Bühne noch größer werden zu lassen.
Das ist kein gutes Gefühl.
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Und dann war da noch der öffentliche und womöglich unabgesprochene Heiratsantrag von Monica Lierhaus. Erstaunlicherweise scheint das für viele Beobachter der eigentlich grenzwertige Moment der Inszenierung gewesen zu sein — entweder aus dem Gefühl heraus, dass das einfach ein Zuviel der Emotionen für einen einzelnen Fernsehmoment gewesen sei, oder weil sowas nun wirklich nicht in die Öffentlichkeit gehöre.
Das begreife ich nicht. Eine Ehe ist doch nicht zuletzt ein äußeres Bekenntnis von zwei Menschen, zusammen zu gehören. Warum soll es ausgerechnet eine Grenzüberschreitung darstellen, das dazugehörige, leicht anachronistische Ritual öffentlich zu zelebrieren (noch dazu, da es seit vielen Jahren in diversen Varianten zum festen Repertoire und zur Folklore des Fernsehens gehört). Die Gefahr ist hier höchstens die, dass der Moment abgeschmackt erscheint – aber zu intim? Eine prominente Frau erscheint nach zwei Jahren wieder in der Öffentlichkeit, in vielerlei Hinsicht gezeichnet von einer schweren Krankheit, und die Zumutung soll sein, dass sie ihrem Freund einen Heiratsantrag macht?
Das »Hamburger Abendblatt« hatte sogar die euphemistisch als originell zu bezeichnende Idee, sicherheitshalber bei Moritz Freiherr Knigge nachzufragen, ob so was überhaupt statthaft ist. Der antwortete (mutmaßlich allen Ernstes) auf die Frage, ob sich Lierhaus den Antrag hätte verkneifen sollen:
Nein. Ein Heiratsantrag ist zwar etwas sehr Intimes, ebenso wie eine schwere Krankheit.
Das ist unglücklich formuliert. Knigge fügt hinzu:
Doch Monica Lierhaus ist nicht nur eine öffentliche Person, sondern eine sehr beliebte und respektierte obendrein.
Sehr beliebte und respektierte Personen können also ruhig öffentliche Heiratsanträge machen. Sie können sogar — möchte man angesichts der Parallele, die Knigge aufgemacht hat, hinzufügen — trotz erkennbarer Behinderung im Fernsehen auftreten, ohne dass es die Zuschauer zu sehr stört.
Vielleicht stürzt sich ein Teil der öffentlichen Diskussion auch deshalb auf die Frage nach der Zulässigkeit des Heiratsantrages, weil die andere Frage so viel unbequemer wäre: Wie behindert darf jemand sein, der im Fernsehen als Moderator arbeiten will?
Am Dienstag machte »Bild« groß mit der Meldung auf, dass Monica Lierhaus jetzt »Ein Platz an der Sonne« »macht«. »Botschafterin« der ARD-Fernsehlotterie soll sie werden, Nachfolgerin von Frank Elstner. Später stellte die ARD dann klar, dass sie die Sendung nicht moderieren wird, das mache vorerst weiterhin Elstner. Was genau Lierhaus tun werde, stehe noch nicht fest. So sehr eine schwer sprechende, sich mühsam bewegende Monica Lierhaus die Menschen bewegte, so schwer wird sie dem Publikum im Alltag zu vermitteln sein — ich fürchte, die Frage, wann sie fit genug ist, wieder als Moderatorin zu arbeiten, hängt nicht nur von ihrem eigenen Urteil ab.
Als Behinderte darf Monica Lierhaus Fernsehbotschafterin für Behinderte werden. Das ist schön für sie. Und schrecklich typisch.
Es gibt eine Moderatorin mit sichtbarer Behinderung im deutschen Fernsehen: Bettina Eistel. Die Contergan-geschädigte Reiterin moderiert die wöchentliche Sendung »Menschen — das Magazin« über die sozialen Projekte, die die ZDF-Fernsehlotterie unterstützt. Für die Redaktion sind ihre »Professionalität und Ausstrahlung die entscheidenden Kriterien für ihren Einsatz als Moderatorin — und nicht die Behinderung«, heißt es auf der Homepage der Sendung. Tatsächlich ist Eistel einfach eine gute Moderatorin. Aber die Frage ist: Warum gibt es keine andere Sendung, die sich allein auf die Kriterien Professionalität und Ausstrahlung verlässt? Warum ist für alle Sendungen außer denen, in dem es auch um Behinderte geht, Nicht-Behinderung ein entscheidendes Kriterium? Würden die Zuschauer, würden wir das nicht aushalten?
Wenn es beim Comeback von Monica Lierhaus nicht nur um Monica Lierhaus und das gute oder nicht so gute Gefühl gehen soll, das wir dabei haben, wäre das ein Thema, über das es sich lohnte zu diskutieren.
Aber möglichst ohne Ernst Elitz. Der Mann, der sich immer als »Gründungsintendant des Deutschlandradios« bezeichnen lässt und zum »Bild«-Leitartikler geworden ist, behauptet heute in der »Frankfurter Rundschau«:
Lierhaus hat am Ort des schönen Scheins die Wahrheit verkündet: Wer von Krankheit gezeichnet ist, muss kein Verlierer sein.
Nein. Genau das ist der schöne Schein.
(Vermutlich bin ich heute abend auch im NDR-Medienmagazin »Zapp« mit einigen Sätzen zu dem Thema zu sehen.)
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Das ist schon toll, dieses Google. Traut sich aufgrund der Suchanfragen und Werweißwasfürwelcherdaten sogar eine tägliche Prognose zu, wer die meisten Stimmen vom Publikum beim Eurovision Song Contest gewinnen wird: unsere Lena!

Ungefähr alle deutschen Medien sind voll davon. Denn wenn es einer wissen muss, dann ja wohl Google. Toll an dem Eurovisions-Prognose-Tool ist, dass man die Grafik mit der Maus nach rechts schieben und auf diese Weise verfolgen kann, wie sich die Popularität der verschiedenen Kandidaten im Lauf der Zeit verändert hat. Anscheinend lag Lena schon vor einem Monat vorne:

Und schon am Tag, als sie den deutschen Vorentscheid zum Grand Prix gewonnen hatte:

Und bereits Anfang Februar, als die erste Sendung von »Unser Star für Oslo« lief.

Ja, selbst Anfang Januar, als die deutschen Fernsehzuschauer Lena Meyer-Landrut bestenfalls aus zweifelhaften Serien von RTL kannten, konnte Google aus den damaligen Suchanfragen schon lesen, dass sie beste Chancen auf den Sieg beim Eurovision Song Contest hatte:

Erstaunlich.
Und woher wusste das Google damals schon? Klar: Weil deren Street-View-Wagen in Hannover versehentlich die Zukunft mit aufgenommen hatte.
(Entdeckt von »Oslog«-Leser Heiko — drüben, auf oslog.tv, habe ich auch noch was über den ganzen Wettfavoriten-Wahn geschrieben.)
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Heute lernen wir etwas über die Kriterien professioneller Medien bei der Nachrichtenauswahl. Und über als Journalismus getarnten Lobbyismus in eigener Sache.
Vor zwei Monaten hatte die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin eine Idee, wie sich die Welle der hysterischen Berichterstattung über eine geplante iPhone-Anwendung von tagesschau.de noch weiter verlängern ließ — und sie auf ihr reiten könnte: Sie stellte eine parlamentarische Anfrage an die EU-Kommission, ob sie in dieser Sache »Handlungsbedarf« sehe.
Die Medien, von denen einige wie »Spiegel Online« und »Bild« ohnehin längst publizistische Kampagnen gegen die ungeliebte neue Konkurrenz im Netz führten, nahmen die Vorlage begeistert auf.
»Bild«, 18.2.2010:
FDP bringt das »Tagesschau«-App vor EU-Kommission
Brüssel — Neuer Wirbel um das geplante »Tagesschau«-App der ARD. Auf Antrag der Vizepräsidentin des Europa-Parlaments, Silvana Koch-Mehrin (FDP), prüft jetzt die EU-Kommission, ob die umstrittene Internetanwendung fürs Handy gegen EU-Recht verstößt.
In einer Beschwerde bei EU-Kommissarin Neelie Kroes moniert Koch-Mehrin, die ARD könne einen solchen Dienst »offensichtlich nur deswegen kostenlos bereitstellen, weil sie durch obligatorische Rundfunkgebühren finanziert wird«. Dagegen müssten private Anbieter »ein solches Angebot kostenpflichtig machen«.
Aus ihrer Sicht nutze »die ARD ihr staatlich garantiertes Recht auf ein hohes Gebührenaufkommen aus, um sich gegenüber privaten Konkurrenten einen nicht gerechtfertigten Vorteil zu verschaffen«, so Koch-Mehrin. (…)
ddp, 18.02.2010:
FDP bringt »Tagesschau«-App vor EU-Kommission
Brüssel/Berlin (ddp). Neuer Wirbel um die geplante «Tagesschau»-Applikation (App) der ARD. Auf Antrag der Vizepräsidentin des Europa-Parlaments, Silvana Koch-Mehrin (FDP), prüft die EU-Kommission, ob die Internetanwendung fürs Handy gegen EU-Recht verstößt, schreibt die »Bild«-Zeitung (Donnerstagausabe). (…)
dpa, 18.2.2010:
FDP kritisiert iPhone-Pläne der ARD
Brüssel (dpa) — Die FDP warnt bei einer von der ARD geplanten Anwendung für das iPhone vor Wettbewerbsverzerrungen. In einer Anfrage der FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin an EU– Medienkommissarin Neelie Kroes hieß es, die ARD wolle ein kostenloses »App« für iPhone-Nutzer zur Verfügung stellen, für das private Anbieter Kosten erheben müssten. Kroes solle klären, ob dies gegen die EU-Wettbewerbs– und Binnenmarktregeln verstoße.
»Die ARD kann dieses Angebot offensichtlich nur deswegen kostenlos bereitstellen, weil sie durch obligatorische Rundfunkgebühren finanziert wird«, hieß es zudem in einem persönlichen Schreiben Koch-Mehrins an Kroes, das am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur dpa vorlag. Auch die »Bild«-Zeitung hatte davon berichtet.
Die EU-Kommission muss innerhalb von drei Wochen antworten, oder eine Verzögerung begründen. (…)
»Der Westen«, 18.2.2010:
FDP schwärzt ARD wegen Tagesschau-App bei der EU an
»Meedia«, 18.2.2010:
Der ARD bläst in Sachen Tagesschau-App der Wind aus allen Richtungen ins Gesicht. Jetzt schaltet sich auch die Politik in die heftig umstrittene Debatte über Online-Kompetenzen der Öffentlich-Rechtlichen ein. Nach Informationen der Bild-Zeitung hat die FDP-Politikerin und Vizepräsidentin des Europaparlaments Silvana Koch-Mehrin einen Antrag bei der EU-Kommission durchgesetzt, wonach geprüft werde, ob die mobile Online-Expansion der Nachrichtensendung mit europäischem Recht vereinbar ist. (…)
»Spiegel Online«, 18.2.2010:
FDP-Politikerin schaltet EU-Kommission ein
»Berliner Zeitung«, 19.2.2010:
Jetzt eben auch Silvana Koch-Mehrin. In der hitzigen Debatte über den Digitalisierungsdrang des gebührenfinanzierten Rundfunks hat sich gestern die Europa-Abgeordnete der FDP zu Wort gemeldet. Die Politikerin rief die EU-Kommission an, um von höchster Stelle prüfen zu lassen, ob die »Tagesschau« mit einer eigenen Anwendung (App) auf internetfähigen Mobiltelefonen wie dem iPhone unterwegs sein darf, wie sie es von diesem Frühjahr an nach eigenem Bekunden tun will. (…)
»Tagesspiegel«, 19.2.2010:
»Tagesschau«-App fürs iPhone beschäftigt EU-Kommission
Der Streit um die geplante iPhone-Anwendung von tagesschau.de beschäftigt auch die Europäische Union. Silvana Koch-Mehrin, FDP-Abgeordnete und Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, will von der Kommission prüfen lassen, ob eine Wettbewerbsverzerrung vorliegt. (…)
»RP-Online«, 21.2.2010:
(…) Verleger mit eigenen Nachrichtenangeboten im Netz warnen seit Monaten vor einer Wettbewerbsverzerrung durch einen unbeschränkt agierenden Online-Auftritt der »Tagesschau«, der sich aus Rundfunkgebühren finanziert. Mit den ARD-Vorhaben, eine kostenlose Variante von tagesschau.de speziell für das iPhone von Apple bereitzustellen, beschäftigt sich dem [»Focus«] zufolge inzwischen auch EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia. (…)
»Der Spiegel«, 22.2.2010:
(…) Die bisher nur angekündigte »Tagesschau«-App beschäftigt indes auch die Politik. Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin hat bei der EU-Kommission eine Prüfung des ARD-Angebots gefordert. (…)
»Der Focus«, 22.2.2010:
(…) Währenddessen beschäftigt sich auch die EU-Kommission in Brüssel mit den Internet-Aktivitäten der »Tagesschau«. Dabei geht es um das ARD-Vorhaben, eine kostenlose Variante von tagesschau.de speziell für das iPhone von Apple bereitzustellen, einer sogenannten App. Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin hatte in einem Brief an EU-Medienkommissarin Neelie Kroes vor Wettbewerbsverzerrung durch diese App gewarnt.
Kroes‹ Behörde hat den Fall inzwischen an den neuen EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia weitergereicht, der drei Wochen Zeit für die Prüfung hat.
(»Welt Online« kopierte übrigens einfach die Meldung aus ihrem Schwesterblatt »Bild« fast wörtlich und ergänzte sie um den sachdienlichen Hinweis: »Die kostenpflichtigen iphone-Apps von WELT und ›Bild‹ sind seit ihrem Start im Dezember schon von mehr als 100.000 Nutzern gekauft und herunter geladen worden. Neueinsteiger können die WELTApp für 1,59 Euro einen Monat lang testen.« Dazu stellte »Welt Online« eine 16-teilige Bildergalerie mit Fotos von dem eigenen Angebot und Informationen wie: »Willkommen in der WELTApp. So haben Sie noch nie mobil gesurft.«)
Vor gut einer Woche bekam Frau Koch-Mehrin Antwort auf ihre Fragen. Sie fiel vernichtend aus. Wettbewerbskommissar Almunia schrieb ihr, dass die EU-Kommission keinen Anlass sieht, gegen die geplante App vorzugehen. Grundsätzlich sei es zulässig, mithilfe von Rundfunkgebühren neue Verbreitungsplattformen wie das iPhone zu erschließen. Ob die geplanten Dienste die Bedingungen dafür erfüllen, werde vorab im Drei-Stufen-Test geprüft, der aber »nur für tatsächlich ›neue‹ und ›relevante‹ Dienste durchgeführt« werden müsse. Für Beschwerden, was den Ablauf dieses Verfahrens angehe, sei die EU-Kommission nicht zuständig, erklärte der Kommissar der FDP-Politikerin. Das sei Sache der Bundesländer.
Almunias Antwort trägt das Datum vom 8. April. Eine Woche später, am vergangenen Donnerstag, veröffentlichte die ARD eine Erklärung, in der sie die »Zurückweisung« der Anfrage Koch-Mehrins begrüße. Am selben Tag berichtete die Nachrichtenagentur epd über die Antwort der EU-Kommission und die Genugtuung der ARD.
Und so haben die oben zitierten Online– und Print-Medien, Boulevardzeitungen und Nachrichtenagenturen, Fach-Medien und Nachrichtenmagazine über diesen Ausgang der Sache berichtet, deren Anfang sie so eifrig begleiteten:
(Vollständige Übersicht.)
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