Christian Nienhaus ist einer der beiden Geschäftsführer der WAZ-Gruppe (»Westdeutsche Allgemeine Zeitung«, »Westfälische Rundschau«, »Die Aktuelle«) und Landesvorsitzender des nordrhein-westfälischen Zeitungsverlegerverbands. Er kommt von »Bild«. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« hat heute ein erstaunliches Interview mit ihm geführt.
Herr Nienhaus, die WAZ-Gruppe klagt mit sieben Verlagen gegen die Tagesschau-App der ARD. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH gehört dazu. Was haben Sie denn gegen die öffentlich-rechtliche App?
Nienhaus: Der Rundfunkänderungsstaatsvertrag verbietet die Presseähnlichkeit der öffentlich-rechtlichen Internetdienste. Doch darüber entscheiden die Rundfunkräte, also die eigenen Gremien. Und diese verstehen sich häufig als Beschützer ihrer Rundfunkanstalten. Sie identifizieren sich mit der Anstalt statt diese zu kontrollieren. (…) Wir halten zudem die Kostenfreiheit der Apps für nicht korrekt. Hier wird, finanziert durch Quasi-Steuern, das Geschäftsmodell der privaten Presse angegriffen.
Interessant. In der Klage der Verlage geht es allerdings weder um die Frage, wie und von wem die Öffentlich-Rechtlichen kontrolliert werden sollen, noch um die Kostenfreiheit des Angebots.
Ist das ein Hilfeschrei an die Politik?
Nienhaus: Es gibt eine große Ignoranz der Politik und auch eine Angst der Politik. Führende Politiker haben mir gesagt: »Sie haben Recht, aber ich lege mich mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr an.« Bei jeder kritischen Frage würden Politiker sofort mit kritischer Berichterstattung in ganz anderen Punkten überzogen. Im Landtag von Nordrhein-Westfalen wurde Abgeordneten gedroht, wenn Sie gegen die Mediengebühr stimmten, würde das in der WDR-Berichterstattung Folgen haben.
Holla. Im Landtag wurde den Abgeordneten gedroht? Und wem genau? Und von wem? Wenn das stimmte, wäre es ein gewaltiger Skandal. Nienhaus nennt keine Namen, keine Quelle, keine Belege, behauptet es aber als Tatsache.
Andererseits nehmen die Politiker Einfluss auf die öffentlich-rechtlichen Anstalten, weil sie in deren Gremien sitzen und die wichtigsten Personalentscheidungen treffen.
Nienhaus: Es ist nicht so, dass die Politik die Rundfunkanstalten beeinflusst.
Schön wär’s. Wenn Nienhaus ARD und ZDF von politischem Einfluss freispricht, ist das doppelt erstaunlich. Nicht nur, weil sich leicht Indizien für das Gegenteil finden lassen und das ein entscheidender prinzipieller Kritikpunkt an den Öffentlich-Rechtlichen ist. Sondern, weil er im FAZ-Interview den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland gleich viermal (falsch) als »Staatsrundfunk« bezeichnet.
Nienhaus: Riesige Heerscharen von Lobbyisten, Beamten und Juristen aus den Rundfunkanstalten beeinflussen die Politik. Solange wir knappe Frequenzen hatten, war dieses System in Ordnung. Aber im Internet ist überhaupt nichts knapp.
Geld.
Geld ist knapp im Internet. Weshalb man auf die Idee kommen könnte, dass es eine gute Idee wäre, wenn ARD und ZDF, die viel Geld haben und viele Inhalte davon produzieren, diese Inhalte auch im Internet entsprechend anbieten und aufbereiten dürfen.
Nienhaus: Der Staatsrundfunk macht im Internet den Markt kaputt. Ich schätze die Qualität der öffentlich-rechtlichen Angebote sehr, aber sie produzieren diese mit Gebührengeld und machen damit Unternehmen ihr Geschäftsmodell im Internet kaputt.
ARD und ZDF machen auch im Fernsehen den Markt kaputt. Rumpelsender wie n-tv oder N24 zum Beispiel könnten sicher leichter überleben, wenn die ARD nicht viele Male am Tag eine — bei allen Schwächen — ordentliche Nachrichtensendung namens »Tagesschau« zeigen würde. Es handelt sich auch hier um eine Marktverzerrung, und sie ist gewollt, um sicherzustellen, dass Sendungen hergestellt werden, deren Qualität selbst ein WAZ-Geschäftsführer »sehr schätzt«.
Sollen ARD und ZDF gar nicht online vorkommen?
Nienhaus: (…) Wenn die Nutzer einfach Videos herunterladen können, ist das kein Problem. Aber was die alles machen: Partnerschaftsportale, Jugendseiten, alles Mögliche!
»Die« machen keine Partnerschaftsportale. Der WDR-Jugendsender Eins Live hatte mal eine Flirtcommunity namens »Liebesalarm«. Es gibt sie nicht mehr, weil ARD und ZDF solche Angebote mit dem 12. Rundfunkstaatsvertrag verboten wurden.
Wenn es nur ein öffentlich-rechtliches Videoportal gäbe, fänden Sie das in Ordnung?
Nienhaus: Wir als Verleger hätten nichts dagegen. Zwischen den Verlegern und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gab es früher nie Streit.
Falsch. Seit sechzig Jahren haben die deutschen Zeitungsverleger und vor allem Axel Springer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer wieder und dauerhaft angegriffen, weil sie seine nicht-privatrechtliche Konstruktion für widernatürlich, unzulässig und existenzgefährdend hielten und selbst Rundfunk veranstalten wollten. Jahrelang kämpften Verleger auch dagegen, dass ARD und ZDF einen Teletext anbieten dürfen.
Nienhaus: Das Lesen der gedruckten Ausgaben ist rückläufig: Wenn wir als Zeitungsleute eine Zukunft haben wollen, müssen wir nicht nur Journalismus umsetzen, sondern auch unser Geschäftsmodell. Journalismus funktioniert ja im Internet. Das ist kein Versagen der Journalisten. Aber keiner bezahlt dafür, alles ist umsonst.
Das ist falsch, wird ungefähr täglich falscher und selbst wenn es richtig wäre, wäre das nicht die Schuld von ARD und ZDF.
Es wird sich kaum ändern, dass Menschen nicht zahlen wollen. Wie soll ein sinnvolles Modell mit Bezahl-Inhalten aussehen?
Nienhaus: Ich bin optimistisch — gerade bei mobilen Geräten. Aber der Markt wird zerstört. Wir können nicht ein Sportportal der WAZ kostenpflichtig machen, wenn in der Sportschau nicht nur alles gezeigt, sondern eben auch beschrieben wird.
Die Frage hat er natürlich nicht beantwortet. Aber wenn die Zukunft der WAZ davon abhängt, dass niemand im Internet kostenlos beschreibt, was in der »Sportschau« zu sehen ist, ist die WAZ tot.
Sie haben in den vergangenen Jahren 300 Stellen in der Redaktion gestrichen. Planen Sie auch wieder in Journalismus und in Köpfe zu investieren?
Ich glaube, man tut Nienhaus nicht unrecht, wenn man die vielen Sätze, die er anstelle einer Antwort sagt, mit »Nein.« zusammenfasst. Als Euphemismus für »Stellen streichen« benutzt er »kreativ werden«.
Wie sieht es mit Ihren Internetaktivitäten unter DerWesten aus? Können Sie mit den öffentlich-rechtlichen Anstalten mithalten?
Nienhaus: Nein, in keiner Weise können wir konkurrieren. Das ist ja gerade das Ärgernis. Der Staatsrundfunk hat zig Millionen zur Verfügung, die haben wir natürlich nicht.
Die »WAZ« kann im Internet »in keiner Weise« mit ARD und ZDF konkurrieren? Nicht einmal bei der Lokalberichterstattung aus dem Einzugsgebiet, die ich jetzt naiv für die ureigene journalistische Aufgabe der »WAZ« und ihres Internetangebots gehalten hätte?
Und: Meint Nienhaus eigentlich, wenn ARD und ZDF nur Filme im Internet zeigen dürften, bekäme »der Westen« ein großes Stück von den Millionen des »Staatsrundfunks«? Oder wäre es dann nur so, dass sich das Publikum eher mit der — nach seiner eigenen Aussage — minderwertigen Qualität der »WAZ«-Produkte abgeben würde und müsste?
Ich halte viele der Positionen der Verlagslobby im Kampf gegen ARD und ZDF oder Google für falsch, aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass man über diese Positionen kaum ernsthaft streiten kann, weil die Debatte beherrscht wird von ahnungslosen Lautsprechern wie Nienhaus, der eigentlich nicht satisfaktionsfähig ist und dem tatsächlich in einem Interview über ARD und ZDF im Internet auf die Frage, was ARD und ZDF Schlimmes im Internet machen, nur einfällt: »Partnerschaftsportale, Jugendseiten, alles Mögliche!«
Und Nienhaus ist ja nicht allein — obwohl neben ihm ein Mann wie Springer-Außenminister Christoph Keese fast vernünftig und kenntnisreich wirkt. Keeses Satisfaktionsfähigkeit können Sie aktuell an einem Eintrag in seinem Privatblog überprüfen, in dem er eine lustige Verschwörungstheorie um die Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL) entwickelt (ich unterstütze IGEL).
[Offenlegung: Ich arbeite frei für die FAZ. Dies ist meine private Meinung.]
— 26. August 2011, 15:25 — 35 Kommentare
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Wenn die Dinge nicht gut laufen für Monica Lierhaus, wenn es Schwierigkeiten in ihrer Beziehung geben sollte oder Komplikationen bei ihrer Genesung, dann wird »Bild« da sein. »Bild« wird sich dann das Recht herausnehmen, die Öffentlichkeit auch an den Dingen teilhaben zu lassen, die die Moderatorin am liebsten für sich behalten würde. Und wenn Frau Lierhaus sich darüber dann beklagen sollte, dann wird sie sich vom Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG wohl als »Heuchlerin« bezeichnen lassen müssen, als eine von denen, die »erst von der Plattform profitieren« wollen und sich hinterher beschweren, »wenn’s mal unangenehm wird«.
Matthias Döpfner hat das Prinzip der »Bild«-Zeitung einmal so beschrieben:
»Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten. Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.«
Monica Lierhaus hat diese Entscheidung für sich getroffen. Und der Springer-Verlag hat ihr dafür, dass sie zu ihm in den Fahrstuhl gestiegen ist, eine ganz besonders prächtige Plattform geschnitzt. Sie besteht nicht nur aus einer Goldenen Kamera und der zugehörigen Bühne. Sie besteht auch aus einer großen, sehr angestrengt sensiblen Titelgeschichte in der »Bild am Sonntag«, mehreren Titelgeschichten in der »Bild«-Zeitung und der Verklärung von Frau Lierhaus zur vielleicht besten Moderatorin aller Zeiten.
Das ist ein zugegeben kleines, aber bezeichnendes Detail in der ganzen Heuchelei: Warum genügt es nicht, Monica Lierhaus für ihre Lebensmut zu bewundern und zu feiern, für die Kraft, die es gekostet haben muss und noch kosten wird, die Folgen ihrer Erkrankung zu überwinden. Warum genügt es nicht, dass sie eine beliebte Moderatorin war und ist? Warum muss sie nachträglich die beste werden?
Stefan Hauck schreibt in »Bild am Sonntag«:
Wegen ihrer Art, sich vor der Kamera zu präsentieren, hat Monica Lierhaus, geboren 1970 in Hamburg, eine Menge Männer zunächst verrückt gemacht und gelegentlich auch ein bisschen garstig; aber die allermeisten Männer akzeptierten schließlich, dass dieser rothaarigen Frau praktisch nie ein Fehler unterlief. Egal ob sie mit Fußballern sprach, mit Radfahrern oder mit Wintersportlern.
Hauck ist offenbar der Grund, warum sich Monica Lierhaus und ihr Lebensgefährte die »Bild am Sonntag« als das Medium ausgesucht haben, dem sie all das erzählten, was zwei Jahre lang niemand wissen sollte und schreiben durfte. Hauck begleitet das Wirken von Lierhaus schon seit Jahren mit freundlichen Texten und Interviews. Am vergangenen Sonntag machte er aus ihrem Leben einen Rosamunde-Pilcher-Roman.
Stefan Hauck kann auch anders. Vor fünfeinhalb Jahren richtete er einen damals ohnehin schon am Boden liegenden Fernsehmoderator publizistisch hin, nannte dessen Leben »erbärmlich« und bedeutungslos, mokierte sich über die angeblich überschaubare »Summe seiner Begabungen« und erweckte den Eindruck, dass der Mann es verdient hatte, einer Vergewaltigung angeklagt zu sein, selbst wenn er unschuldig sein sollte.
Haucks Charakterlosigkeit ist ein Grund, warum sein Lierhaus-Text so eklig ist. Die Charakterlosigkeit der Zeitungsgruppe, für die er arbeitet, ist ein anderer. Vor zwei Jahren ignorierte »Bild« den ausdrücklichen Wunsch und das unbestrittene Recht von Lierhaus‹ Umfeld, Details ihrer Erkrankung geheim zu halten. Hauck verbirgt diese Tatsache in folgender Formulierung:
Man kann das jetzt ruhig ein bisschen ausführlicher erzählen, weil Monica Lierhaus seit fast zwei Jahren kein freiwilliges Wort darüber verlieren wollte, was in all der Zeit mit ihr und ihrem Leben geschehen ist.
Es ist mit der Konjunktion »weil« und der verblüffenden Formulierung »kein freiwilliges Wort« ein Satz, an der ganze Linguistik-Klassen ihre Freude haben können. Und Psychologen natürlich. Er verbindet den Hauch einer Andeutung, dass der Wille der Betroffenen bei so etwas in Haucks Kreisen nicht für entscheidend betrachtet wird, mit dem Stolz, trotzdem die Exklusiv-Geschichte bekommen zu haben.
»Bild«-Leute sind wie Tiere, die sich nicht selbst im Spiegel erkennen. Hauck schreibt:
Monica Lierhaus möchte [in Zukunft] ein Spiel im Stadion besuchen und sie hofft, dass sich die Fotografen dann auf die Spieler auf dem Rasen konzentrieren. Und nicht darauf, wie schnell sie, die Zuschauerin, die Stufen zu ihrem Platz hochsteigt.
Für welche Zeitungen mögen solche Fotografen arbeiten? Und wo mögen wohl die Artikel erscheinen, die interpretieren, wie schnell oder langsam, behende oder ungelenk, Frau Lierhaus inzwischen die Treppe hinaufsteigt?
Gut, womöglich ausnahmsweise nicht in »Bild am Sonntag« und auch nicht in »Bild«, weil Frau Lierhaus jetzt eine besondere Freundin des Hauses ist und diese Zeitungen nicht undankbar sind, jedenfalls nicht, solange sich das lohnt.
Irgendwo stand, dass Lierhaus und ihr Lebensgefährte hoffen, dass sich dadurch, dass sie das Private der vergangenen zwei Jahre jetzt so spektakulär öffentlich gemacht haben, das Interesse des Publikums schnell wieder allein auf ihre Arbeit konzentrieren wird. Was für eine Illusion. In Zukunft wird sich jeder Boulevardreporter beim Blick in ihr Privatleben darauf berufen können, dass sie selbst die Tür dazu einmal weit aufgemacht hat.
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Monica Lierhaus hatte das Recht, Berichte über ihre Krankheit und ihre Genesung zu untersagen. Und sie hat das Recht, ihre Rückkehr in die Öffentlichkeit so spektakulär zu inszenieren, wie sie es möchte. Das ist nicht nur juristisch gemeint: Womöglich war es genau die Kombination der erzwungenen Stille vorher mit der maximalen Lautstärke jetzt, die ihr hilft, den Weg ins Leben und in den Beruf zurück zu finden — wer wollte darüber urteilen?
Und doch stellt sich bei aller Sympathie ein merkwürdiges, irrationales und etwas unfaires Gefühl ein: Die Erkennbarkeit einer Inszenierung, die Offenkundigkeit eines Deals mit Springer, die Berechnung, die hinter all dem steht, lässt den Zuschauer und Leser zu einem Teil des Plans werden, ebenso wie übrigens das Publikum im Saal. Das Erzwingen des Schweigens vorher wirkt im Nachhinein so nicht als Grundrecht, sondern fast als dramaturgischer Kniff, um den Überraschungseffekt beim Wiederauftritt auf der Bühne noch größer werden zu lassen.
Das ist kein gutes Gefühl.
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Und dann war da noch der öffentliche und womöglich unabgesprochene Heiratsantrag von Monica Lierhaus. Erstaunlicherweise scheint das für viele Beobachter der eigentlich grenzwertige Moment der Inszenierung gewesen zu sein — entweder aus dem Gefühl heraus, dass das einfach ein Zuviel der Emotionen für einen einzelnen Fernsehmoment gewesen sei, oder weil sowas nun wirklich nicht in die Öffentlichkeit gehöre.
Das begreife ich nicht. Eine Ehe ist doch nicht zuletzt ein äußeres Bekenntnis von zwei Menschen, zusammen zu gehören. Warum soll es ausgerechnet eine Grenzüberschreitung darstellen, das dazugehörige, leicht anachronistische Ritual öffentlich zu zelebrieren (noch dazu, da es seit vielen Jahren in diversen Varianten zum festen Repertoire und zur Folklore des Fernsehens gehört). Die Gefahr ist hier höchstens die, dass der Moment abgeschmackt erscheint – aber zu intim? Eine prominente Frau erscheint nach zwei Jahren wieder in der Öffentlichkeit, in vielerlei Hinsicht gezeichnet von einer schweren Krankheit, und die Zumutung soll sein, dass sie ihrem Freund einen Heiratsantrag macht?
Das »Hamburger Abendblatt« hatte sogar die euphemistisch als originell zu bezeichnende Idee, sicherheitshalber bei Moritz Freiherr Knigge nachzufragen, ob so was überhaupt statthaft ist. Der antwortete (mutmaßlich allen Ernstes) auf die Frage, ob sich Lierhaus den Antrag hätte verkneifen sollen:
Nein. Ein Heiratsantrag ist zwar etwas sehr Intimes, ebenso wie eine schwere Krankheit.
Das ist unglücklich formuliert. Knigge fügt hinzu:
Doch Monica Lierhaus ist nicht nur eine öffentliche Person, sondern eine sehr beliebte und respektierte obendrein.
Sehr beliebte und respektierte Personen können also ruhig öffentliche Heiratsanträge machen. Sie können sogar — möchte man angesichts der Parallele, die Knigge aufgemacht hat, hinzufügen — trotz erkennbarer Behinderung im Fernsehen auftreten, ohne dass es die Zuschauer zu sehr stört.
Vielleicht stürzt sich ein Teil der öffentlichen Diskussion auch deshalb auf die Frage nach der Zulässigkeit des Heiratsantrages, weil die andere Frage so viel unbequemer wäre: Wie behindert darf jemand sein, der im Fernsehen als Moderator arbeiten will?
Am Dienstag machte »Bild« groß mit der Meldung auf, dass Monica Lierhaus jetzt »Ein Platz an der Sonne« »macht«. »Botschafterin« der ARD-Fernsehlotterie soll sie werden, Nachfolgerin von Frank Elstner. Später stellte die ARD dann klar, dass sie die Sendung nicht moderieren wird, das mache vorerst weiterhin Elstner. Was genau Lierhaus tun werde, stehe noch nicht fest. So sehr eine schwer sprechende, sich mühsam bewegende Monica Lierhaus die Menschen bewegte, so schwer wird sie dem Publikum im Alltag zu vermitteln sein — ich fürchte, die Frage, wann sie fit genug ist, wieder als Moderatorin zu arbeiten, hängt nicht nur von ihrem eigenen Urteil ab.
Als Behinderte darf Monica Lierhaus Fernsehbotschafterin für Behinderte werden. Das ist schön für sie. Und schrecklich typisch.
Es gibt eine Moderatorin mit sichtbarer Behinderung im deutschen Fernsehen: Bettina Eistel. Die Contergan-geschädigte Reiterin moderiert die wöchentliche Sendung »Menschen — das Magazin« über die sozialen Projekte, die die ZDF-Fernsehlotterie unterstützt. Für die Redaktion sind ihre »Professionalität und Ausstrahlung die entscheidenden Kriterien für ihren Einsatz als Moderatorin — und nicht die Behinderung«, heißt es auf der Homepage der Sendung. Tatsächlich ist Eistel einfach eine gute Moderatorin. Aber die Frage ist: Warum gibt es keine andere Sendung, die sich allein auf die Kriterien Professionalität und Ausstrahlung verlässt? Warum ist für alle Sendungen außer denen, in dem es auch um Behinderte geht, Nicht-Behinderung ein entscheidendes Kriterium? Würden die Zuschauer, würden wir das nicht aushalten?
Wenn es beim Comeback von Monica Lierhaus nicht nur um Monica Lierhaus und das gute oder nicht so gute Gefühl gehen soll, das wir dabei haben, wäre das ein Thema, über das es sich lohnte zu diskutieren.
Aber möglichst ohne Ernst Elitz. Der Mann, der sich immer als »Gründungsintendant des Deutschlandradios« bezeichnen lässt und zum »Bild«-Leitartikler geworden ist, behauptet heute in der »Frankfurter Rundschau«:
Lierhaus hat am Ort des schönen Scheins die Wahrheit verkündet: Wer von Krankheit gezeichnet ist, muss kein Verlierer sein.
Nein. Genau das ist der schöne Schein.
(Vermutlich bin ich heute abend auch im NDR-Medienmagazin »Zapp« mit einigen Sätzen zu dem Thema zu sehen.)
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Sehr geehrte Frau Piel,
Sie haben zu Beginn Ihrer zweijährigen Amtszeit als Vorsitzende der ARD eine Flut von Interviews gegeben, in denen sie viele erstaunliche Dinge gesagt haben. Ein Satz aber ist ganz besonders bemerkenswert. Er lautet:
Wenn der Verlegerverband die Apps kostenpflichtig macht, dann werde ich mich auch vehement dafür einsetzten, dass unsere öffentlich-rechtlichen Apps kostenpflichtig sind.
Ich dachte erst, dass ich mich verlesen hätte. Oder dass die Medien, die diese Stelle zitieren, einen Fehler gemacht haben müssen. Aber genau so scheinen Sie das gegenüber der »Frankfurter Rundschau« autorisiert zu haben. Im Zusammenhang:
Man ist offensichtlich von Seiten der Verlage auf dem Holzweg, wenn man journalistische Inhalte kostenlos anbietet. Diese Kostenloskultur kann nicht Ziel führend sein. Das kann für die Verlage nur heißen, man muss dahin kommen, die journalistischen Inhalte zu verkaufen. Da sind kostenpflichtige Apps der richtige Anfang. Bei diesen fühlen sich die Verleger jedoch im Markt behindert. Wenn der Verlegerverband die Apps kostenpflichtig macht, dann werde ich mich auch vehement dafür einsetzten, dass unsere öffentlich-rechtlichen Apps kostenpflichtig sind.
Ich halte diese Äußerung für einen Skandal.
Ich weiß nicht, warum Sie der Meinung sind, dass die Verlage ihre journalistischen Inhalte nicht kostenlos anbieten dürfen. »Spiegel Online« müsste der Teufel reiten, seine Inhalte nur noch gegen Geld anzubieten. Das Geschäftsmodell, möglichst viele Leser zu erreichen und sich über Werbung zu finanzieren, scheint dort gut zu funktionieren. Es hat den Vorteil, nicht nur lukrativ zu sein, sondern zu einem enormen publizistischen Einfluss zu führen.
In Großbritannien macht gerade der Online-Auftritt der Zeitung »Daily Mail« Furore. Die Besucherzahlen von »Mail Online« sind im vergangenen Jahr um rund 50 Prozent gestiegen. Während Rupert Murdoch die Inhalte der »Times« nur noch zahlenden Kunden zugänglich macht, setzt die »Mail« (mit durchaus zweifelhaften journalistischen Mitteln) ganz darauf, mit einem kostenlosen Angebot möglichst viele Leser zu erreichen, bricht Besucherrekorde und macht Gewinn.
Ich verstehe nicht, inwiefern »Spiegel Online«, »Mail Online« und viele andere mit dieser Strategie auf dem »Holzweg« sind oder welche »Ziele« sie nicht erreichen können. Ich glaube auch nicht, dass das Ihre Sorge sein müsste, Frau Piel. Aber wenn Sie der Meinung sind, dass es im Internet eine schädliche »Gratiskultur« gibt und dass es gut ist, wenn die Verlage jetzt über den Umweg des iPads versuchen, ihre fehlenden Werbeerlöse online durch Vertriebserlöse auszugleichen, dann ist das halt so.
Wir bekommen aber ein Problem miteinander, wenn Sie auf meinem Rücken und dem von Millionen Gebührenzahlern den Verlegern bei dieser Strategie helfen wollen. Unter bestimmten Bedingungen wollen Sie öffentlich-rechtliche Inhalte, die für Geräte wie das iPad aufbereitet wurden, nur noch gegen Geld zugänglich machen. Ich habe Neuigkeiten für Sie, Frau Piel: Wir haben diese Inhalte schon bezahlt.
Diese Inhalte gehören uns. Nicht im juristischen Sinne, aber in jedem anderen.
Von 2012 2013 an muss jeder Haushalt Rundfunkgebühren zahlen. Egal, ob er ein Fernsehgerät hat. Egal, ob er Fernsehen guckt. Egal, ob er ARD oder ZDF guckt.
Die Logik dahinter ist die, dass es gut für eine Gesellschaft ist, wenn die Produktion von Inhalten in einem Massenmedium nicht vollständig den Gesetzen des Marktes unterworfen ist. Ich bin ein großer Verteidiger dieser Logik und der Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks — auch in Zeiten, in denen es leichter und günstiger denn je ist, Menschen publizistisch zu erreichen.
Zu dieser Logik gehört es aber auch, dass die von allen bezahlten Inhalte dann auch allen zur Verfügung stehen. Das ist ein Kern der Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und eine große Chance gerade im digitalen Zeitalter. ARD und ZDF müssen sich nicht dagegen wehren, wenn ihre Inhalte auf Plattformen wie YouTube weiter verbreitet werden, denn diese Inhalte sind schon bezahlt. Im Gegenteil ist es in ihrem Interesse, wenn sie so viele Menschen wie möglich erreichen.
Die Verleger sehen in der Präsenz von ARD und ZDF in der digitalen Welt eine Wettbewerbsverzerrung. Es ist eine Wettbewerbsverzerrung, und zwar eine gewollte. Sie bietet die Möglichkeit, frei von den Zwängen, denen kommerzielle Anbieter ausgesetzt sind, gute Inhalte zu produzieren. Öffentlich-rechtliche Anbieter sollen auch dann, wenn es privaten Medien schlecht geht, für Qualität bürgen.
Gerade wenn alle anderen Medien hochwertige journalistische Inhalte nur noch gegen Geld anböten, müsste der öffentlich-rechtliche Rundfunk kostenlos bleiben: damit auch diejenigen Menschen, die sich die kostenpflichtigen Angebote nicht leisten können, gut versorgt werden.
(Das Wort »kostenlos« im Satz vorhin ist natürlich falsch. Wir alle haben diese Inhalte bereits bezahlt. Ich wiederhole mich.)
Anscheinend ist Ihnen das immerhin nicht völlig unbekannt. Sie haben der »Frankfurter Rundschau« noch im Zusammenhang mit einer möglicherweise kostenpflichtigen »Sportschau-App« gesagt:
(…) es gibt hundert kostenlose Sport-Apps in Deutschland. In so einer Situation können wir, die wir gebührenfinanziert sind, nicht sagen, bei den Kommerziellen kriegt ihr das alles kostenlos, bei uns, für die ihr Gebühren gezahlt habt, müsst ihr das noch mal bezahlen. Wir könnten das in dem Augenblick machen, in dem andere Angebote auch kostenpflichtig wären.
Nein. Sie können das auch in dem Augenblick nicht machen. Mal abgesehen davon, dass es eine Illusion ist, dass alle Sportseiten kostenpflichtig werden, und vor allem abgesehen davon, dass es erstaunlich ist, dass eine Vorsitzende der ARD von einem Gerät träumt, auf dem alle Inhalte nur noch gegen Geld zugänglich sind, die eigenen eingeschlossen: Der Eindruck, den Sie hier erwecken, dass unter dem Motto »Kostenpflichtige Apps von allen« ein fairer Wettbewerb stattfände, ist falsch. Sie können die Inhalte Ihrer »Sportschau-App« aus den Gebühren finanzieren. Die Privaten können das nicht. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist per se eine Wettbewerbsverzerrung.
Sie meinen, wenn es keine kostenlose Alternative mehr gibt, können Sie die Menschen für die Inhalte der ARD »noch mal« zur Kasse bitten? Das Wort, das ein solches Verhalten beschreibt, wird inflationär gebraucht, hier stimmt es aber: Abzocke.
Über die »Tagesschau-App« sagen Sie:
Auch die Tagesschau-App kann nicht funktionieren, wenn gleichzeitig im Netz jede Zeitung auch ein kostenloses Info-Internetangebot hat.
Ich vermute, Sie meinen, dass die »Tagesschau-App« nicht als kostenpflichtiges Angebot funktionieren könnte. Dieser Satz ist gleich doppelt falsch. Erstens glaube ich, dass die »Tagesschau-App« auch in einer kostenpflichtigen Variante funktionieren könnte, weil die Marke »Tagesschau« so stark ist und in einem Maß für Seriösität und Relevanz steht, mit dem nicht viele kostenlose Online-Angebote der Zeitungen mithalten können. Zweitens ist der Gedanke, die »Tagesschau-App« kostenpflichtig zu machen, wenn nur die kostenlose Konkurrenz nicht wäre, sehr abwegig. Wenn der oft missverstandene Gedanke der »Grundversorgung« im digitalen Zeitalter noch irgendeine Bedeutung haben soll, dann doch den, solide Inhalte frei verfügbar anzubieten und dafür zu sorgen, dass man nicht gut verdienen muss, um gut informiert zu werden.
Ich bin mir bewusst, dass ich hier mit großer Redundanz denselben Sachverhalt viele Male aufschreibe. Ich habe nur das Gefühl, dass das nötig sein könnte, weil Ihnen offenbar zentrale Gedanken des dualen Systems in Deutschland nicht bekannt sind.
Wenn Sie anfangen, Inhalte wie die »Tagesschau« kostenpflichtig anzubieten, wird es Ihnen noch schwerer fallen, die Rundfunkgebühren zu legitimieren. Die Forderung von Verlegern und Politikern nach der Privatisierung wenigstens eines Teils des öffentlich-rechtlichen Rundfunks haben Sie dann schon selbst halb erfüllt.
[via Dirk von Gehlen]
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Jetzt sind sie wirklich verrückt geworden bei M. Dumont Schauberg (MDS), und ich meine damit nicht den Verlegersohn. 
Seit Wochen demonstriert das Unternehmen, dass es ein Kommunikationsproblem hat, das viel größer ist als der merkwürdige Mitteilungsdrang von Konstantin Neven DuMont. Im Verlag glaubt man, selbst bestimmen zu können, wie viel in anderen Medien über den Machtkampf, der im Haus tobt, berichtet wird. Zunächst versuchte man es mit Totstellen und Schweigen, dann mit einer politbürohaften Verlautbarung. Weil sich beides als untauglich erwies, die Berichterstattung zu stoppen oder wenigstens im eigenen Sinne zu beeinflussen (was außerhalb des Verlages niemanden überrascht haben wird), greift das Haus nun zum nächsten klassischen Mittel und geht zum propagandistischen Gegenangriff über.
Es ist ein groteskes Zerrbild, das Chefredakteur Peter Pauls am vergangenen Samstag in seinem Kommentar im »Kölner Stadt-Anzeiger« zeichnet. Einerseits spielt er die spektakuläre Auseinandersetzung zwischen Konstantin Neven DuMont und seinem Vater zu einem »internen Vorgang« herunter. »Solche Umstände«, wie Pauls sie mit erkennbarem Willen zur Verschleierung nennt, gebe es »täglich in Wirtschaftsbetrieben«. Es handele sich um eine »interne Personalie«. Andererseits tut er so, als würde ausschließlich die Axel-Springer-AG über die Vorgänge im Haus berichten, und vergleicht deren aktuelle Berichterstattung über die Vorgänge im Unternehmen allen Ernstes mit der Hetze von »Bild« auf die Studenten Ende der sechziger Jahre. »Ununterbrochen und in kampagnenhaft anmutender Weise« berichte das Blatt und blase die Sache zur »Staatsaffäre« auf.
Als Motivation für den »Angriff auf Köln« vermutet Pauls, dass Springer die Konkurrenz ausschalten will. Zu DuMont gehören inzwischen auch die »Bild«-Konkurrenzblätter »Berliner Kurier« und »Hamburger Morgenpost«; »solcher Wettbewerb« sei Springer wohl »ein Dorn im Auge«. Dass Springer böse über DuMont Schauberg berichtet, erscheint besonders schäbig angesichts der paradieshaften Zustände, die in dem Kölner Unternehmen zu herrschen scheinen. Es stehe »im Wettbewerb glänzend da«, habe »auch in der jüngeren Vergangenheit mehrfach positiv von sich reden gemacht«, und eine iPad-Anwendung für den »Stadt-Anzeiger« herausgebracht, die »von Beginn an erfolgreich« sei, schreibt Pauls, und wer weiß, vielleicht kommt ja dank seines aufopferungsvollsten Einsatzes bald die Bernd-Stromberg-Ehrenmedaille für die peinlichste Selbstglorifizierung eines Mediums hinzu.
Er müsste sich dazu natürlich erst gegen Berndt Thiel durchsetzen, der in einer konzertierten Aktion (lustigerweise exakt das, was Pauls Springer vorwirft) am selben Tag im »Express« einen Kommentar mit teils wortgleichen Formulierungen veröffentlicht hat. Sein Artikel beginnt mit den Worten: »Ein Vater, ein Sohn, ein Unternehmen, unterschiedliche Ansichten — ein Stoff für Schlagzeilen? Ein Stoff für Häme?« Das fragt der stellvertretende Chefredakteur eines Blattes, das dieselben Fragen bei ungleich nichtigeren Anlässen entschieden mit »Ja« beantwortet. Man muss ihn fast bewundern dafür, dass er sich diese Fassungslosigkeit abringen konnte.
Thiel zitiert aus einem Brief, den DuMont-Vorstand Franz Sommerfeld an den Springer-Vorstand Mathias Döpfner geschrieben habe:
Die »Bild«-Zeitung badet sich in den Schwierigkeiten einer Familie, die sich um die deutsche Zeitungslandschaft und um Deutschland verdient gemacht hat … Man kann in den Umbrüchen der Internetzeit über einen allgemeinen Rückgang ethischer Normen klagen, aber in meinem Verständnis gelten gerade im publizistischen Gewerbe die einfachen Regeln menschlichen Anstandes und journalistischer Wahrhaftigkeit. Sie werden in den Blättern Ihres Hauses zurzeit täglich verletzt.
Ohne Frage — aber doch eher weniger in der Berichterstattung darüber, wer in Zukunft dieses prächtige, ehrenwerte Verlagshaus führt.
Die Wortwahl der DuMont-Leute lässt keinen Zweifel, dass sie sich nicht nur an der konkreten Berichterstattung von »Bild« stören, sondern es für eine Zumutung halten, es überhaupt hinnehmen zu müssen, dass über ihr Haus berichtet wird. Ihre Empörung ist ein gutes Indiz dafür, wie wenig selbstverständlich Medienjournalismus in Deutschland immer noch ist, und in welchem Maße Journalisten es ablehnen, Gegenstand von Journalismus zu werden.
Es mag schon sein, dass die »Bild«-Zeitung die Situation genießt und ausschlachtet. Aber dass der Stoff dafür überhaupt so reichhaltig vorhanden ist, liegt am Kommunikationsverhalten Konstantin Neven DuMonts, der ununterbrochen mit ihr zu reden scheint, und des Verlages, der durch sein Schweigen und unglaubwürdiges Schönreden die Spekulationen befeuert.
Pauls erinnert an die sechziger und siebziger Jahre, als Köln mit »seinem (sic!) ›Express‹ für Springer das gewesen ist, was das kleine gallische Dorf für die Römer war«. Tatsächlich ist in Köln heute eher Springer in dieser Rolle: MDS beherrscht in dramatischer Weise die Stadt und ihre Publizistik. Ausgerechnet »Bild« kommt hier die Rolle zu, gelegentlich fast so etwas wie Gegenöffentlichkeit herzustellen – jedenfalls wenn es, wie hier, um den die Stadt dominierenden Verlag selbst geht.
»Das Haus hat die neuen Herausforderungen der digitalen Welt glänzend gemeistert«, schreibt Berndt Thiel, und der Satz wäre schon unter normalen Umständen eine Anmaßung. Aber zu den »Herausforderungen der digitalen Welt« gehört auch, dass es schwieriger geworden ist für ein Unternehmen, auch ein Beinah-Monopol-Unternehmen, Dinge totzuschweigen. Jemand wie Konstantin Neven DuMont bräuchte gar nicht mehr die »Bild«-Zeitung, um PR-Formulierungen wie das von seiner »Beurlaubung auf eigenen Wunsch«, als Lügen zur Gesichtswahrung zu entlarven. Er kann sich auf Twitter und Facebook äußern und in Blogs kommentieren. Und auf der anderen Seite ist die Unternehmenskommunikation damit beschäftigt, zu schweigen, an dem festzuhalten, was niemand mehr glaubt, und das nicht mehr zu Leugnende weder zu dementieren noch zu bestätigen. Alfred Neven DuMont ist sogar noch stolz darauf und betont in einem Brief an die Mitarbeiter: »Die Firma hat, wie Ihnen bekannt ist, nicht zuletzt auf meine Initiative hin, auf jede Art von Stellungnahmen oder Kommentaren verzichtet.«
Der Verlag lässt Konstantin Neven DuMont als Herausgeber aus dem Impressum der »Frankfurter Rundschau« streichen, hofft aber einfach mal, dass das niemandem auffällt. Er verschenkt die Chance, selbst aktiv der Öffentlichkeit mitzuteilen, was da passiert, warum es passiert ist und was da noch passieren wird. Er trägt dazu bei, dass die Geschichte in der Öffentlichkeit als eine Seifenoper in vielen Fortsetzungen wahrgenommen wird. An keiner Stelle kommuniziert er transparent oder auch nur vorausschauend.
Bei MDS hat man offenbar geglaubt, man müsse nur hartnäckig genug so tun, als handele es sich nur um »interne Vorgänge«, die niemanden interessiern, damit sie tatsächlich niemanden interessieren. Man muss sich immer wieder gewaltsam in Erinnerung rufen, dass wir es hier mit Leuten zu tun haben, deren Beruf die Kommunikation ist.
Nun, da die eigene Strategie (wenn man das Chaos einmal euphemistisch so nennen will) gescheitert ist, stilisiert man sich als Opfer einer Kampagne und gibt sich vollends der Lächerlichkeit Preis: »Die Mediengruppe M. DuMont Schauberg ruft auch den Deutschen Presserat – das Kontrollorgan der deutschen Medien – an«, verlautbart Berndt Thiel ausgerechnet im »Express«. Gegen die Formulierung von »Welt«-Autor Michael Stürmer, wenn der Verlegerssohn sich seinen Anteil auszahlen lassen wolle, könnte das »in der gegenwärtigen Lage für das Verlagshaus zu einer ernsten Krise führen, für deren Bewältigung das Geld fehlt« will MDS sogar juristisch vorgehen. Der Satz ist aus der Online-Version des Artikels gelöscht worden.
Der »Express« zitiert Alfred Neven DuMont mit dem Satz: »Ich bin überzeugt, dass die Kölner wissen, wo die Wahrheit liegt.« Woher die Kölner die »Wahrheit« kennen sollen, lässt er offen. Aus seinen Zeitungen haben sie sie nicht.
— 22. November 2010, 19:42 — 190 Kommentare
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Ist es denkbar, dass einer der wichtigsten Medienmanager Deutschlands über Monate in diesem Blog unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren abgibt, in denen er auf eigene Beiträge verweist, mich und seine Konkurrenz beschimpft, wüste Verschwörungstheorien strickt und seine verschiedenen Identitäten miteinander diskutieren lässt? Es sieht ganz danach aus, aber Konstantin Neven DuMont sagt, er war es nicht.
Der 40-jährige Konstantin Neven DuMont sitzt im Vorstand der Mediengruppe DuMont, der unter anderem »Frankfurter Rundschau«, »Berliner Zeitung«, »Kölner Stadtanzeiger« und »Hamburger Morgenpost«, Buchverlage und Radiobeteiligungen gehören. Es gilt als ausgemacht, dass er das publizistische Erbe seines mächtigen Vaters Alfred antreten soll.
Den vergangenen Jahreswechsel verbrachte Konstantin Neven DuMont damit, Dutzende Kommentare hier im Blog abzugeben, in denen er unter anderem von gefiltertem Brunnenwasser schwärmte, sich vornahm, CO2-Emissionen zu reduzieren und Liebe stärker zuzulassen, und ein Videoblog ankündigte, in dem er politische und Liebeslieder singt.
Nachdem sein Kommunikationsverhalten auch verlagsintern Aufmerksamkeit erregt hatte, war plötzlich Schluss. Am 10. Januar abends erschien noch ein versöhnlicher Kommentar. Es war der letzte, der den Namen »Konstantin Neven DuMont« trug.
Doch auch danach wurden Kommentare abgegeben, bei denen als Absender seine E-Mail-Adresse eingetragen war — keine leicht zu erratende Verlagsadresse, wohlgemerkt. Es spricht viel dafür, dass diese Kommentare auch von seinem Internetanschluss abgegeben wurden.
Der Unbekannte, der unter der E-Mail-Adresse von Konstantin Neven DuMont kommentierte und möglicherweise Konstantin Neven DuMonts Computer benutzte, verwies unter dem Namen »Sammler« gerne auf Beiträge, die Konstantin Neven DuMont an anderer Stelle verfasst hatte oder die über seine Aktivitäten berichteten. Unter dem Namen »Sucher« fragte er bei einem Eintrag über Kai Diekmann, ob ich einen Unterschied sehe »zwischen KD und KND«. Unter dem Namen »Bitterfeld« wehrte er sich gegen meine Kritik an der Abwicklung der »Netzeitung« durch DuMont und kritisierte die Geschäftsentscheidungen der FAZ in der Zeitungs– und Wirtschaftskrise. Unter dem Namen »Kurt B.« warf er mir vor, schon seit längerem zu versuchen, Wettbewerber der FAZ zu »diskreditieren«. Unter dem Namen »K.F.« dokumentierte er eine bizarre Auseinandersetzung, die Konstantin Neven DuMont mit dem Branchendienst »Meedia« führte, und unter dem Namen »Medienjournalist« berichtete er, dass es Anzeichen für ein Ende dieser Auseinandersetzung gebe.
Im September eskalierte die Situation. Der Unbekannte erhöhte dramatisch seine Kommentarfrequenz. Teilweise gab er an einem einzigen Tag 33 Kommentare ab. Auch die Zahl der verwendeten Pseudonyme nahm dramatisch zu. Allein in den vergangenen sechs Wochen kommentierte er unter folgenden Pseudonymen:
Nun warf er mir vor, verbale Gewalt zu üben und wie »Bild« und RTL 2 zu arbeiten; gezielt mit Falschaussagen zu operieren; andere Menschen zu diskreditieren und skrupellose Methoden anzuwenden; ungern Fragen zu beantworten; ausschließlich und mit beinahe jedem Mittel den Ruf ganz bestimmter Menschen schädigen zu wollen; die Welt in schwarz und weiß einzuteilen; den Bundespräsidenten einseitig hochzujubeln; Naturheilmittel verbieten zu wollen; Chemie zu bevorzugen; gegen eine Initiative für Kräuter vorgehen zu wollen; genauso verlogen zu sein wie alle Anderen; Konstantin Neven DuMont zu Unrecht zu diffamieren; Tatsachen zu verdrehen; ein »Menschenrechtsverachter« zu sein; Konstantin Neven DuMont substanzlos zu diffamieren; fast alle politischen Meinungsbildungsprozesse völlig unbeeindruckt an mir vorbeiziehen zu lassen; mich über die Umverteilung von Arm nach Reich kaputt zu lachen; noch nichts Substanzielles vorgetragen zu haben; von der FAZIT-Stiftung, dem Eigentümer der FAZ, »versaut« worden zu sein; gegen Thomas Knüwer hetzen zu lassen; Konstantin Neven DuMont mit der Einrichtung »diverser Sandkästen« diskriminiert zu haben; »schwachsinnige Attacken« gegen SZ und FR zu führen; mich an der Diskreditierung vermeintlicher Wettbewerber der FAZ zu ergötzen und dafür von den »Brüdern der FAZIT-Stiftung« mit »dicken Schecks und irgendwelchen stupiden Preisen« bezahlt zu werden; der »Steigbügelhalter« der FAZ zu sein, die wiederum der Steigbügelhalter der Axel-Springer-AG sei; konstruktive Lösungsvorschläge zu hassen; einer der größten Lobbyisten zu sein und mich gegen beinahe jeden Fortschritt zu wehren.
Teilweise simulierte der Kommentator ganze Dialoge, in denen sich seine verschiedenen Identitäten miteinander unterhielten und gegenseitig bestätigten. Er kündigte drohend an, dass »zahlreiche investigative Recherchen« meinen »Machenschaften« auf der Schliche seien.
Besonders das »krankhafte Verhältnis« zwischen FAZ und »Frankfurter Rundschau« schien dem Kommentator am Herzen zu liegen — ein Thema, das auch Konstantin Neven DuMont in Mails an mich ansprach. Der Kommentator klagte, dass die FAZIT-Stiftung seit Jahrzehnten Kostensynergien mit der FR ablehne, obwohl auch der »ökologische Vorteil« groß wäre. Die Meinungsvielfalt sei der Stiftung ein Dorn im Auge. Der Kommentator wurde auch persönlich: Dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und mir komme es lediglich darauf an, dass die FR »möglichst schnell vom Markt verschwindet«. Auch meine Einrichtung eines »Sandkastens«, in dem sich Konstantin Neven DuMont austoben kann, sieht der Kommentator als Teil einer Kampagne gegen die FR, deren Herausgeberrat er vorsitzt.
Konstantin Neven DuMont gilt als sonderbar. Aber ist es denkbar, dass er so sonderbar ist, eine solchen Kommentarwahn zu produzieren und dabei sogar jedesmal seine eigene E-Mail-Adresse anzugeben?
Ich habe Neven DuMont geschrieben, dass ich ihn in Verdacht habe, hinter dem Feuerwerk kritischer Kommentare bei mir im Blog zu stecken. Er bestritt dies. Dann fragte ich, ob es möglich ist, dass jemand anders Zugriff auf seinen Rechner hat. Er antwortete: »Es stimmt, dass auch noch andere Personen meine zwei Rechner benutzen, Computer-Sharing sozusagen.« Schließlich konfrontierte ich ihn damit, dass mit seiner E-Mail-Adresse und vermutlich von seinem Computer unter verschiedenen Namen eine Vielzahl von Kommentaren abgegeben wurden, ich darin einen Missbrauch der Kommentarfunktion sehe und das öffentlich dokumentieren möchte. Daraufhin schrieb mir Neven DuMont: »Eben habe ich erfahren, dass zwei Personen, die meine Rechner mitnutzen, anonyme Kommentare in Ihrem Blog verfasst haben.« Er fände es aber nicht gut, wenn ich das in der Öffentlichkeit klarstellen würde.
Ich habe gezögert, über diese merkwürdigen Vorgänge zu berichten. Ich halte es aber für zulässig, sie öffentlich zu machen, weil sie einen Missbrauch der Kommentarfunktion darstellen. Es geht nicht darum, dass mich in den Kommentaren jemand kritisiert. Es geht um eine systematische Störung, in der eine Vielzahl nicht existierender Kritiker simuliert wird. Ihr Ausgangspunkt sind allem Anschein nach die Computer von Konstantin Neven DuMont, einem der wichtigsten Verlagsmanager Deutschlands.
Zur größeren Transparenz habe ich die Kommentare, um die es geht, in den Einträgen farbig markiert, vgl. hier, hier oder hier.
[Offenlegung: Ich bin freier Mitarbeiter der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Das hier ist allein meine persönliche Meinung.]
Nachtrag, 18.44 Uhr. Konstantin Neven DuMont kommentiert diesen Eintrag:
Sehr geehrter Herr Niggemeier,
leider muss ich erneut feststellen, dass Sie abstruse Verschwörungstheorien über mich veröffentlichen. Was soll das? Nachdem ich die zwei anonymen Kommentatoren überführt hatte, fragte ich Sie, wie ich mit diesem Problem umgehen soll. Warum haben Sie diese Frage nicht beantwortet?
Von anonymen Kommentaren halte ich grundsätzlich nichts. Das liegt vor allem daran, dass anonyme Kommentare von Entscheidungsträgern nicht ernst genommen werden. Deshalb bin ich ein überzeugter Verfechter von Klarnamen im Netz. Ulrike Langers These, dass dieser Beitrag Tagesgespräch beim DuMont Verlag werden wird, teile ich ich nicht. Wie gesagt, anonyme Kommentare werden dort nicht ernst genommen. Ansonsten wünsche ich Ihnen noch viel Spaß mit Ihren zahlreichen Zweitnicks.
Freundliche Grüße
Konstantin Neven DuMont
P.S. Kommen Sie lieber noch einmal bei CARTA.info vorbei. Das ist wesentlich konstruktiver.
http://carta.info/35213/strohfeuerfrei/
Nachtrag, 21.30 Uhr. Gegenüber dem Branchendienst »Meedia« nennt Neven DuMont meine »Methoden« »bedenklich«. Er räumt ein, dass die Kommentare von seinem Computer abgegeben wurden — von nicht näher benannten »Personen«, die »Zugang« zu seinem Rechner gehabt hätten. Er habe sie, nachdem er sie »überführt« (»Meedia«) hatte, darum gebeten, keine weiteren Einträge unter seiner Mailadresse zu veröffentlichen.
Falls das stimmt, haben sich diese Personen nicht an seine Bitte gehalten: Auch nach meinen Mails an Neven DuMont und der angeblichen »Enttarnung« wurde noch wie zuvor kommentiert.
Nachtrag, 19. Oktober, 14 Uhr. Gestern Abend kam es zu einer weiteren Eskalation: Jemand, der sich als die Kinder von Neven DuMont ausgab, verfasste drei Kommentare (»Ach wie schön, solange unser Papa aus dem Haus ist ;-)«, »(…) Auweia, da kommt der Papa…«, »Ein Glück ist Papa direkt ins Bett gegangen. (…)«). Sie wurden von derselben IP-Adresse abgegeben wie der Kommentar von Konstantin Neven DuMont wenige Stunden zuvor.
Nachtrag, 18.20 Uhr. Eberhard Klein, Vorstandskollege von Konstantin Neven Dumont, teilt mit: »Der Vorwurf, Konstantin Neven DuMont habe persönlich anonyme Kommentare gepostet, ist haltlos.«
sueddeutsche.de berichtet, in der Unternehmensführung herrsche »helles Entsetzen«.
Nachtrag, 21.50 Uhr. Auch »Financial Times Deutschland« und »Frankfurter Allgemeine Zeitung« berichten.
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