Artikel

Werbung

Kai Diekmann

— 13. Januar 2008

Und das Wetter war früher auch besser. Von der Verlogenheit der Politik zur Verkommenheit der Jugend: Der »Bild«-Chefredakteur beklagt den Verfall der Werte — ausgerechnet.

· · ·

Die Türken sollen sich nicht grämen, sagt Kai Diekmann. Er und seine »Bild«-Zeitung hätten nichts gegen Ausländer, nur dagegen, dass so viele von ihnen kriminell werden, schrieb er in dieser Woche sinngemäß in der türkischen Zeitung »Hürriyet«. Und was den brutalen Überfall in München angeht, der die heftige Debatte um Jugend– und Ausländerkriminalität ausgelöst hat: »Dass der ältere Täter Türke ist, der jüngere Grieche, ist bloßer Zufall. Genauso hätten es Polen, Russen, Jugoslawen oder Kurden sein können — die Debatte wäre die gleiche gewesen.« Die »Debatte«, wie »Bild« sie gerade führt, ist sogar dann die gleiche, wenn die Gewalt von Jugendgangs ausgeht, deren Anführer Deutsche ohne Migrationshintergrund sind — trotzdem werden die Fälle von »Bild« unter dem Begriff »Ausländerkriminalität« zusammengefasst.

Man könnte sagen, »Bild« führt mit Halb– und Unwahrheiten eine besinnungslose Kampagne gegen Ausländer. Diekmann würde sagen, »Bild« spricht »unangenehme Wahrheiten« aus und tut den Ausländern einen Gefallen.

In Diekmanns Welt gelten andere Gesetze. Was zum Beispiel unseren Kindern fehlt, sind mehr Dieter Bohlens. Weniger Kuschler, Schwurbler und Verständnispädagogen. Mehr Leute, die bereit sind, einer pickligen 16-Jährigen, die glaubt, singen zu können, vor einem Millionenpublikum ins Gesicht zu sagen, dass sie scheiße aussieht, scheiße klingt und scheißedoof ist, wenn sie glaubt, sie hätte bei »Deutschland sucht den Superstar« eine Chance. Wer solche »unangenehmen Wahrheiten« nicht ausspricht, meint »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann, betrügt sich selbst. Wer sie offen und ehrlich sagt, wie Bohlen, wird dafür von der Jugend verehrt. Und was würde mit einem Nichtschwimmer passieren, fragt Diekmann, wenn wir ihn mit dem Worten ins Wasser schickten, er hätte das Zeug zum Olympiasieger? Na also.

Es ist schwer zu sagen, ob Diekmann in seinem Freund Bohlen allen Ernstes einen Menschen sieht, der andere vor dem Ertrinken rettet, wenn auch nur im übertragenen Sinne. Aber es gibt in seinem Buch »Der große Selbst-Betrug« keinen Hinweis darauf, dass es sich nur um eine ironische Übertreibung handelt und er nicht tatsächlich in Bohlen einen guten Zeugen sieht für seine Forderung nach Leistungsbereitschaft und Elitenförderung, nach einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte in der Erziehung. Bohlen sei »der Lieblingsfeind des Gutmenschen und des gutmütigen Bürgertums«, stellt Diekmann fest, und so jemand hat im Koordinatensystem des »Bild«-Chefs sehr viel richtig gemacht.

Wie zum Beweis verweist er darauf, dass sich sogar die Medienwächter mit der Sendung beschäftigen mussten. Während Diekmann zu Bohlens Sprüchen die Begriffe »Ehrlichkeit« und »Wahrheit« einfallen, sprachen die von »antisozialem Verhalten« und von einer Vorführung, »wie Menschen herabgesetzt, verspottet und lächerlich gemacht werden.« Was Diekmann vielleicht entgangen ist: Das Konzept der Show besteht darin, Nichtschwimmern zu erzählen, sie könnten Olympia gewinnen, und ein wesentlicher Reiz für den Zuschauer, ihnen begleitet von hämischen Sprüchen Dieter Bohlens beim Ertrinken zuzusehen.

Nun ist der Musikproduzent nicht das einzige Beispiel Diekmanns, um seine pädagogische Vision zu entwickeln. Von Bohlen kommt er innerhalb weniger Seiten über Sex in Opern, Kant, die Nicht-Mitgliedschaft von Joachim Fests Vater in der NSDAP, die Entscheidung des Antarktis-Forschers Robert Scott, lieber mit seinem ganzen Team zu sterben, als einen Mann zurückzulassen, und Fotos von deutschen Soldaten mit Totenschädeln in Afghanistan zu Kindern, die nicht mehr »Danke« sagen, und Comics, die Jesus als kiffenden Exhibitionisten zeigen. Argumentativer Höhepunkt: Schon das Sprichwort sage ja, man müsse die Menschen zu ihrem Glück zwingen.

Kai Diekmann hat es geschafft, ein Buch zu schreiben, in das man auf jeder Seite den Satz »Und das Wetter war früher auch besser« einfügen könnte, ohne dass es so etwas wie einen Gedankenfluss unterbräche. Er entschuldigt sich im Vorwort dafür, dass er es aus dem Bauch heraus geschrieben habe, ohne jedes Wort auf die Goldwaage gelegt zu haben, aber es ist keine Suada geworden, kein rant, der mit seiner Wut Lust macht und kreativen Überschuss produziert, sondern nur eine Litanei. Man kann sie auswendig mitsprechen, seine Klagen über die Verlogenheit der Politiker und die Verkommenheit der Jugend, seine Forderungen nach weniger Bürokratie und besserer Erziehung, und die Fälle, die er aufzählt, sind die, die jeder kennt, was daran liegen könnte, dass sie allesamt von den Titelseiten der »Bild«-Zeitung stammen.

Man muss natürlich ein paar Umdefinitionen vornehmen, wenn man als Chefredakteur eines moralisch so verkommenen Blattes wie der »Bild«-Zeitung, anderen ihre Verantwortung für einen angeblichen allgemeinen Werteverfall vorwerfen will. Aber das gelingt Diekmann beunruhigend mühelos, nicht nur wenn er die Pöbeleien eines Dieter Bohlen im Dienste der Quote zu Akten lobenswerter Wahrhaftigkeit erklärt. Der Chefredakteur freut sich, dass die Privataudienz der »Bild«-Chefredaktion beim Papst bei Zeitungen wie »SZ«, »Zeit« oder »Frankfurter Rundschau« auf soviel Empörung stieß, obwohl sie es doch seien, die »an allen Tagen den Relativismus der Werte verkünden, die Schwulenehe zum Sakrament erklären und Euthanasie wie Abtreibung zum Menschenrecht«. (Andererseits ist nach wie vor offen, ob die »Bild«-Leute dem Papst eine Zeitung mitgebracht haben, um ihm deren »Werte« in der täglichen Praxis zu demonstrieren: die schönen Bibeln, die dicken Brüste, die geilen Omas in den Sexanzeigen, die fetten Lügen in den Schlagzeilen, kurz: der ganze tägliche Kampf für und gegen den Anstand.)

Nachdem Diekmann seitenweise die Linken dafür schilt, Dinge zu tun, die gut gemeint, aber nur gut fürs eigene Wohlbefinden sind, lobt er seine Zeitung für den Erfolg mit »Florida-Rolf«, als »Bild« den Bundestag dazu brachte, in Windeseile ein Gesetz zu verabschieden, das zwar dazu führt, dass mehrere Hundert Sozialhilfeempfänger nicht mehr im Ausland leben dürfen, aber höhere Kosten für den Steuerzahler produziert als zuvor.

Besonders erhellend ist auch ein Abschnitt über Philipp Mißfelder, der im Sommerloch 2003 fragte, ob die Solidargemeinschaft jedem 85-Jährigen eine neue Hüfte bezahlen müsse. Diekmann bedauert, dass die notwendige Diskussion darüber sofort mit Empörung im Keim erstickt wurde – »leider auch von ›Bild‹«. »Leider auch«? Seine Zeitung hat tagelang einen »Krieg der Generationen« beschworen, »Schämt Euch!« getitelt und den damaligen Junge-Union-Chef, den sie konsequent als »Milchbubi« und »Milchgesicht« verunglimpfte, gleich zweimal zum »Verlierer des Tages« erklärt.

Diekmann behauptet, wer ein Thema wie den immanenten »Selbst-Betrug« des deutschen Gesundheitswesens berühre, wie es Mißfelder getan habe, sei »in Deutschland politisch erledigt«. Offenbar hat er nicht gemerkt, dass Mißfelder anschließend munter weiter Karriere gemacht hat — obwohl vor allem »Bild« alles dagegen tat. Diekmanns doppelter Selbstbetrug ist atemberaubend: Er muss nicht nur seine eigene Verantwortung verleugnen, sondern auch die Realität.

Oft setzt sich Diekmann aber gar nicht moralisch auf hohe Rösser, unter denen sich seine Zeitung täglich maulwurfartig durchgräbt, sondern fordert die anderen auf, zu ihm hinunter in den Schlamm zu kommen. Sein Buch durchzieht als roter Faden das Leiden des weißen, heterosexuellen Mannes, dass er heutzutage ununterbrochen auf irgendwelche Leute Rücksicht nehmen soll, die weniger normal sind als er. Es ist der Schrei einer gequälten Kreatur, eine Forderung nach weniger Verständnis, Anteilnahme und Toleranz, weniger Reflexion und mehr Vertrauen auf das, was Diekmann »Gesunden Menschenverstand« nennt und vermutlich das ist, was aus Menschen in größeren Zusammenballungen Mobs macht.

Dazu gehört ein Plädoyer, die eigenen Möglichkeiten nicht zu überschätzen. Es ist ein Gegenentwurf zu dem schlichten »Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir?« des ehemaligen Anarchosängers Rio Reiser, der später zu etwas wurde, das Diekmann voller Verachtung »Gutmensch« nennen würde. Diekmann hält dem ein »Wieso ich, wenn nicht die anderen?« entgegen. Über den ehemaligen Guantanamo-Gefangenen Murat Kurnaz schreibt er, dass für den in Deutschland geborenen Türken »nicht Deutschland, sondern allein die Türkei« zuständig gewesen sei, und fügt noch hinzu: »›allein‹ heißt ›allein‹«. Die Frage ist für ihn nicht, ob man helfen kann, sondern ob man zuständig ist, und zuständig scheint man auch dann nicht zu sein, wenn das eigene Tun ohnehin kaum einen Unterschied macht: Warum sollen sich die Deutschen ein Bein beim Klimaschutz ausreißen, wenn die Chinesen bald eh ein Vielfaches an Kohlendioxid produzieren werden? Er versteigt sich sogar in die Behauptung, dass »angesichts der Zahl der Reaktoren in unmittelbarer Nachbarschaft das Risiko nicht um einen [sic!] Jota sinkt«, wenn Deutschland aus der Atomkraft ausstiege. Das ist zwar mathematisch so falsch wie grammatisch, scheint aber eine Grundüberzeugung zu sein: Wenn alle anderen mit 130 durch die Fußgängerzone fahren, muss ich mich auch nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten – am Ende wird trotzdem ein Kind überfahren und ich bin völlig umsonst zwanzig Minuten länger unterwegs.

Man kann das beruhigend oder beunruhigend finden, aber die Verantwortlichen von »Bild« scheinen bei ihrer täglichen Arbeit wenig Kompromisse mit sich selbst eingehen zu müssen. Wenn sie — nicht einmal zwei Wochen nachdem sie groß den Klima-Weltuntergang beschworen haben — titeln: »Klima-Schutz: Sollen wir Deutsche die Welt alleine retten?«, ist das kein Zugeständnis an den nötigen Populismus, sondern tiefe innere Überzeugung. Das macht den Reiz des Buches aus, an dem außer Diekmann fast die gesamte »Bild«-Führungsriege mitgewirkt hat: Es gibt einen konzisen Überblick über das Weltbild dieser Zeitung. Denn das ist beim flüchtigen Blick auf die Schlagzeilen heute nicht mehr so offenkundig wie vor zwanzig, dreißig Jahren: Auch »Bild« ist oberflächlich weniger ideologisch geworden. Wenn in Köln Schwule und Lesben den »Christopher Street Day« feiern, feiert auch die Kölner »Bild« mit. Doch die darunter liegenden Überzeugungen, Ideologien und Urängste haben sich kaum geändert, das zeigt Diekmanns Buch.

Besinnungslos kämpft er gegen alles, was sich durch die Achtundsechziger oder »nach Achtundsechzig« (konkreter wird er nicht) geändert hat, was dazu führt, dass er nebenbei sogar Anstoß daran nimmt, dass sich Berliner Schüler mit der Verfolgung der Homosexuellen im Nationalsozialismus beschäftigen sollen. Diekmann geht warm eingekuschelt in teils albernste Vorurteile und ausgelutschteste Phrasen durch die Welt, wirft den Achtundsechzigern noch Jahrzehnte später ihre ungepflegten Haare vor und macht sich die Welt wie sie ihm gefällt. Es sei ein »Aberglaube«, dass materielle Gleichheit glücklich mache, schreibt er, und während man darüber noch streiten könnte, weil es durchaus gegenteilige Forschungsergebnisse gibt, fügt er hinzu, dass Länder, die dem »Irrglauben« an die Verteilungsgerechtigkeit des Staates gefolgt seien, »nicht in dem Ruf überschäumender Lebensfreude« stünden, und nennt den »grauen Volksheimsozialismus der Schweden« als Beispiel. Dabei sind gerade die Schweden ein Volk, das in fast allen Untersuchungen als eines der glücklichsten der Welt abschneidet, weit vor Deutschland.

Besonders rätselhaft an dem »Großen Selbst-Betrug« ist, dass er in weiten Teilen Schlachten kämpft, die längst gewonnen sind. Diekmann bemängelt, dass Hans Eichel den Tag der deutschen Einheit abschaffen und Heiner Geißler das Wiedervereinigungsgebot aus dem Grundgesetz streichen wollte – durchgesetzt haben sich beide nicht, und doch genügt Diekmann schon ein gescheiterter Versuch als Beleg für die Verkommenheit unseres Landes, verschuldet durch die Achtundsechziger, ihre falschen Ideale, ihre Verblendung und ihren Selbsthass. Wortreich schildert Diekmann das angeblich so problematische Verhältnis der Deutschen zu sich selbst und ihrer Nation – um dann festzustellen, dass zur Fußball-WM so eine wunderbar friedliche und offenbar gesunde Welle des Patriotismus durch das Land schwappte. Entweder scheint das deutsche Nationalgefühl also nicht so pathologisch gewesen zu sein, wie Diekmann es beschreibt, oder diese vermeintliche Krankheit ist überwunden. Wo ist der Sieg der Achtundsechziger oder genauer: ihrer von Diekmann gezeichneten Karikatur, gegen den man noch ein Buch schreiben müsste (außer in Diekmanns Kopf)?

Diekmann wirft den Linken, den Gutmenschen, den Achtundsechzigern vor, Deutschland schlecht gemacht zu haben, im doppelten Sinne: Er macht sie erstens für all das verantwortlich, was in diesem Land seiner Meinung nach schiefläuft, vom Sozialbetrug über Jugend– und Ausländerkriminalität bis zur Abwendung von der Kirche, und zweitens dafür, dass dieses Land irgendwie nicht genug geliebt wird. Dabei wird es ihm schwer fallen, viele »Linke« zu finden, die die Deutschen so sehr hassen, wie er es tut, wenn er in jedem Problem ein singulär nationales Phänomen sieht. Seine ganze Verzweiflung gerinnt im Vorwort zu der Frage: »Warum fehlt den Deutschen der Sinn für die Wirklichkeit, für Interessen, für die Selbstverständlichkeiten des Lebens?« Kein Wunder, dass er darauf keine Antwort gefunden hat.

[Langfassung eines Artikels für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung]

94 Kommentare

· · ·

Anzeige

· · ·

Klaus Staeck verlässt WWF wegen »Bild«

Die Umweltverbände Greenpeace und World Wide Fund For Nature (WWF) haben durch ihre Zusammenarbeit mit der »Bild«-Zeitung einen prominenten Unterstützer verloren: Der Grafiker und Verleger Klaus Staeck hat seine Mitgliedschaft im WWF gekündigt. Für Greenpeace will er in absehbarer Zeit keine Plakate mehr entwerfen.

Staeck, seit 2006 Präsident der Akademie der Künste, hat sich mit seinen Plakaten und Postkarten immer wieder gegen »Bild« gewehrt und war Anfang der Achtziger Jahre einer der Initiatoren des Boykotts »Wir schreiben nicht für Springer-Zeitungen« mit Heinrich Böll, Günter Grass und anderen. Für Greenpeace entwarf er einige Plakate, die Aufsehen erregten. Im Sommer 1990 klebte die Organisation deutschlandweit Plakate Staecks, die Porträtfotos des Hoechst-Chefs Wolfgang Hilger und seines Kollegen von Kali-Chemie, Cyril von Lierde zeigten. Darüber stand: »Alle reden vom Klima, wir ruinieren es.« Die beiden Unternehmen waren die einzigen in Deutschland, die noch FCKW produzierten. Hilger klagte gegen das Motiv, in dem er ein »modernes An-den-Pranger-Stellen« und eine »Diffamierung« sah. Der Bundesgerichtshof gab Staeck schließlich Recht, das Bundesverfassungsgericht nahm eine Verfassungsbeschwerde Hilgers nicht an.

Greenpeace, WWF und BUND sind seit April 2007 Partner von »Bild« bei der umstrittenen Aktion »Rettet unsere Erde«. Sie sollte 3,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen. Nach Angaben von Greenpeace haben sich mehr als 30.000 Menschen im Sommer am ersten Energiesparwettbewerb beteiligt und »insgesamt rund 121.000 Tonnen CO2 eingespart«. Anfang Dezember veranstalteten die organisierten Umweltschützer mit »Bild«, Google und ProSieben eine symbolische Aktion, bei der die Deutschen aufgerufen wurden, für fünf Minuten das Licht auszuschalten, die ebenfalls auf Kritik stieß.

In der »Frankfurter Rundschau« kritisierte Staeck die Partnerschaft von Greenpeace, WWF und BUND mit »Bild« schon im Juni:

(…) Wer wie Greenpeace glaubt, allein die Reichweite einer Aktion zähle, hat die Rechnung ohne seinen ökologischen Verstand gemacht. Wer bei BILD »1000-Liter Gratis-Benzin« gewinnen möchte und es auf Spritztouren in die Atmosphäre bläst, bei dem werden wohl auch die umweltrelevanten Tipps zwischen Autotests und Benzinpreisschelte ganz schnell verpuffen. Zumal wenn es sich um Ratschläge handelt, die „dem Lebensstil nicht wehtun“ sollen, wie Greenpeace die Kuschelkommunikation verkauft. Naiver geht’s nimmer. (…)

In diesen taktischen Bündnissen kann nur eine Seite gewinnen. Und das ist jene, die Glaubwürdigkeit benötigt und nicht die, die sie für eine vermeintlich größere Publicity verschleudert. Drei renommierte Umweltschutzorganisationen pokern derzeit mit dem größten Kapital, das sie besitzen. In der Hoffnung, »potentielle Mitkämpfer« für den Klimaschutz zu gewinnen. Doch dabei verspielen sie ihren Kredit bei denen, die es damit wirklich ernst meinen. (…)

Jetzt zog Staeck, wie er mir bestätigte, auch persönliche Konsequenzen.

 
— 6. Januar 2008, 1:27 — 30 Kommentare

· · ·

Bitte kommentieren Sie nach dem Piepston!

Man kann dem Blog der »Frankfurter Rundschau« nicht vorwerfen, seinen Lesern Illusionen über die Bereitschaft der FR-Journalisten zu machen, sich auf einen Dialog mit ihnen einzulassen:

Sagen Sie uns, was Sie von der Schwerpunktausgabe der FR vom Freitag, 6. Juli, zum Thema Klimawandel halten. Und nur von dieser Ausgabe! (…)

Bitte erwarten Sie nicht, dass die Redaktion mitdiskutiert. Ihre Meinung, liebe Leserinnen und Leser, ist uns wichtig, aber die Redaktion ist schon dabei, die nächste Ausgabe der FR zu produzieren, und auf diese Aufgabe soll sie sich meiner Meinung nach konzentrieren. Ich werde im Rahmen meiner Möglichkeiten jedoch ansprechbar sein.

[via The Daily Mo]

 
— 8. Juli 2007, 21:11 — 49 Kommentare

· · ·

Chronologie einer Falschmeldung II

Drei Tage hat die Nachrichtenagentur dpa gebraucht, ihre Falschmeldung zu korrigieren, dass ein Redner auf der Anti-G8-Kundgebung in Rostock am 2. Juni die Gewalttäter mit dem Satz angestachelt habe, man müsse den »Krieg in diese Demonstration« bringen. Aber nach drei Tagen hat sie sich umfassend korrigiert und entschuldigt.

Und die Medien, die diese Falschmeldung weitertrugen, obwohl sie es besser hätten wissen können, und teilweise mit eigenen Details noch ausschmückten?

»Frankenpost«, »Neue Presse« Coburg und »Südthüringer Zeitung« brachten am Mittwoch in ihrem gemeinsamen Mantelteil immerhin folgende Meldung:

Kein Aufruf zum »Krieg«

ROSTOCK — Einen Aufruf zum »Krieg« bei den Demonstrationen von Rostock am Samstag hat es nicht gegeben. Das hat eine Überprüfung des Redetextes gezeigt, den der Redner Walden Bello bei einer Kundgebung in Rostock vorgetragen hat. Die Deutsche Presse-Agentur dpa bedauert jetzt die fehlerhafte Berichterstattung und hat sich entschuldigt. In einem Bericht zu den Ausschreitungen während der Demonstrationen am 2. Juni hatte dpa Bello irrtümlich mit der Aufforderung zitiert, »den Krieg in die Demonstration reinzutragen«.

Und die »Stuttgarter Nachrichten« scheinen sich zwar selbst nichts vorzuwerfen zu haben, informierten ihre Leser aber:

Panne beim Zitieren

Hamburg — In einem Korrespondentenbericht zu den Krawallen während der Demonstrationen gegen den G-8-Gipfel am 2. Juni hat die Deutsche Presse-Agentur (dpa) einen Redner mit den Worten zitiert: »‘Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. …« Diese Formulierung ist — wie aus einem TV-Mitschnitt von »Phoenix« ersichtlich ist — weder in der englischen Originalrede noch in der deutschen Übersetzung des Beitrags so gefallen. Die Agentur teilt mit: »Die sinnentstellte Fassung in den Meldungen der dpa ist auf einen Übermittlungsfehler zurückzuführen, für den dpa allein die Verantwortung trägt.«

Das ist bemerkenswert, weil die »Stuttgarter Nachrichten« ihren Bericht gar nicht als dpa-Bericht gekennzeichnet hatten. Wenn alles glatt geht, lassen sie ihre Leser glauben, ihre Zeitung hätte sie so gut informiert; wenn Fehler passieren, trägt dafür allein die Agentur die Verantwortung. Nun ja.

Und sonst? Sonst bleibt es ein trauriges Lehrstück darüber, wie klein das Interesse deutscher Medien ist, ihre Leser wahrheitsgetreu zu informieren.

Der »Tagesspiegel« verbreitete die Falschmeldung prominent auf seiner Seite 3:

Von einer Bühne herab ruft ein Redner: »Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.« Dann ist der Frieden nicht mehr zu retten.

Die falschen Zitate stehen unverändert online; ich habe weder unter tagesspiegel.de noch im gedruckten »Tagesspiegel« eine Korrektur gefunden. Der Artikel beginnt übrigens mit dem schönen Satz:

Es geht bei einem solchen Spektakel auch darum, die Hoheit darüber zu gewinnen, was im Gedächtnis bleibt.

Auch die »Neue Zürcher Zeitung«, die gerne Adjektive wie »seriös« oder »renommiert« verliehen bekommt, sah sich bislang nicht veranlasst, ihren Online-Artikel mit dem falschen Zitat zu ändern. Genauso sieht es bei den »Braunschweiger Nachrichten«, der »Kölnischen Rundschau« und Bild.de aus.

Eine interessante Erfahrung machte der Blogger Pantoffelpunk, als er am Dienstagvormittag n-tv.de auf das falsche Zitat hinwies. Der zuständige Redakteur der Firma, die für n-tv den Onlineauftritt redaktionell betreut und sich (vermutlich selbstironisch) »Nachrichtenmanufaktur« nennt, antwortete kryptisch:

Im Gegensatz zu SPOn korrigieren wir keine »Korrekturen« von anderen berichterstattenden Zuhörern, die sich verhört haben. Wir bleiben einfach bei den Fakten.

Auf eine Nachfrage kam eine noch pampigere Antwort mit dem schönen Schluss:

Ich hoffe Sie haben jetzt verstanden, dass die Meldung für uns nicht diskutabel ist.

Als dpa endlich offiziell den Fehler einräumte, verschwand die zweifellos indiskutable Bildunterschrift bei n-tv.de ohne Spur und Erklärung.

(Die Unsitte, Artikel als fortlaufenden Text über vielteilige Bilderserien zu verteilen, wäre übrigens noch einmal ein eigenes Thema. Sie führt immer wieder zu frappierenden Text-Bild-Scheren, so auch in diesem Fall, denn der gezeigte maskierte Mensch hatte, anders als es n-tv.de nahelegt, natürlich schon mal gar nichts mit dem Zitat zu tun.)

Bei der Nachrichtenmanufaktur scheint man inzwischen unglücklich über die Kommunikation mit dem Blogger, arbeitet aber immer noch an einer zitierfähigen Stellungnahme. Nach wie vor unkorrigiert ist in der Bilderserie, um die es geht, übrigens die Behauptung, 60 Polizisten hätten nach den Krawallen in Krankenhäusern behandelt werden müssen. Das hat nicht einmal die Polizei behauptet, die von 30 schwerverletzten Polizisten sprach, und selbst das ist längst widerlegt.

Ein interessanter Fall ist schließlich noch die »Westdeutsche Allgemeine Zeitung«, die sich die dpa-Ente in einer eigenen Reportage zu eigen machte. Eine Korrektur scheint es nicht gegeben zu haben; eine Anfrage von mir bei Ulrich Reitz, dem Chefredakteur der »WAZ«, blieb unbeantwortet.

Die WAZ hat Anfang Mai im Rahmen eines bizarren Festaktes in der Essener Philharmonie öffentlichkeitswirksam einen »Verhaltenskodex« unterzeichnet, in dessen Präambel es heißt:

Regionalzeitungen genießen im Vergleich mit anderen Medien ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Dieses Vertrauenskapital darf nicht gefährdet werden. Der Verhaltenskodex der WAZMediengruppe legt fest, welche Regeln strikt einzuhalten sind.

In dem gesamten, über fünfseitigen Schriftwerk (pdf) steht kein Wort darüber, dass zur »Glaubwürdigkeit« auch der Versuch gehören könnte, möglichst wahrheitsgetreu zu berichten, und die Verpflichtung, Fehler in irgendeiner Form richtigzustellen.

Ich fürchte, bei der »WAZ« sähe man, im Gegenteil, das eigene »Vertrauenskapital« gefährdet, wenn man offensiv und transparent mit Fehlern umginge, Verantwortung übernähme und sich zu allererst einer korrekten Information der Leser verpflichtet fühlte. Sie ist damit in Deutschlands Medienwelt in guter Gesellschaft.

 
— 10. Juni 2007, 15:15 — 31 Kommentare

· · ·

Auch doof

Bisschen merkwürdig ist es schon, dass die »Welt« heute ein Interview mit dem lustigen Franzosen Alfons bringt und ihm die Überschrift
»Manchmal bin ich auch doof« gibt.

Nicht nur, weil dasselbe Interview, anders gekürzt, gestern schon in der »Frankfurter Rundschau« stand. Und nicht nur, weil es auch dort schon die Überschrift »Manchmal bin ich auch doof« hatte.

Sondern vor allem, weil der Satz »Manchmal bin ich auch doof« in der »Welt«-Version des Interviews gar nicht vorkommt.

 
— 7. Juni 2007, 21:29 — 25 Kommentare

· · ·

Blättern:  1 ...3 4 5 6 7
blogoscoop