Geht sterben (2)

Um 10.25 Uhr hat ges­tern ein Leser die Redak­tion des Online-Angebotes der »Rhei­ni­schen Post« dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich bei ihrer von AFP über­nom­me­nen und (wie bei »RP Online« üblich) zum Eigen­be­richt umde­kla­rier­ten Mel­dung über das geplante EU-Verbot von Syn­chro­ni­sa­tio­nen im öffentlich-rechtlichen Fern­se­hen um eine Falsch­mel­dung handelte:

Er fügte als Beweis einen Link zur Home­page des Euro­pa­par­la­men­tes bei und fasste sei­nen Kom­men­tar sicher­heits­hal­ber mit den Wor­ten zusammen:

Noch­mal: Nie­mand im EP hat vor, Syn­chro­ni­sie­run­gen zu verbieten.

Vier Minu­ten spä­ter kom­men­tierte ein ande­rer Leser an der glei­chen Stelle:

Viel­leicht hat die RP hier etwas missverstanden?

(…) Wer sich die Pres­se­mit­tei­lung des Par­la­ments ein­mal anschaut, wird schnell fest­stel­len, um was es dabei wirk­lich geht: darum, TV-Informationen gene­rell mit Unter­ti­teln für Hör­ge­schä­digte zu ver­se­hen. (In ARD und ZDF ist das bei vie­len Sen­dun­gen auch jetzt schon üblich.) Dass man dies so inter­pre­tiert, als wolle das Euro­päi­sche Par­la­ment die Syn­chro­ni­sie­rung von Fil­men ver­bie­ten, ist … tja, was? Dumm­heit? Böse Absicht?

Am Fuß der Pres­se­info http://www.europarl.europa.eu/news/expert/… ist ein Link zum Text der Erklä­rung. Ein­fach mal nachlesen. :)

Und was mach­ten also die Leute von »RP Online« mit die­sen sach­dien­li­chen Hin­wei­sen? Was sie unge­fähr immer machen: Sie igno­rier­ten sie.

Und als dann am Nach­mit­tag um 16:40 Uhr die Agen­tur AFP ihre Falsch­mel­dung end­lich zurück­zog, was mach­ten die Leute von »RP Online« dann? Was sie unge­fähr immer machen: Sie lösch­ten kom­men­tar­los die ganze Seite, mit­samt den Hin­wei­sen. Statt­des­sen steht da nur noch eine Fehlermeldung:

Ich bin mir nicht sicher, ob die­ser Umgang mit Kri­tik bei den bei­den hilf­rei­chen Kom­men­ta­to­ren und denen, die ihre Kom­men­tare gele­sen haben, das Anse­hen der »Rhei­ni­schen Post« gemehrt hat. Aber das ist sicher ohne­hin nur eine ver­schwin­dend kleine Min­der­heit. Sicher kann die »Rhei­ni­sche Post« auf diese paar Leute als Leser gut ver­zich­ten. Sie macht dann halt ein Medi­en­an­ge­bot für all die Ahnungs­lo­sen, Unkri­ti­schen, Des­in­ter­es­sier­ten. (Und für die­je­ni­gen, natür­lich, denen es vor allem wich­tig ist, dass ein »Arti­kel« über ein angeb­li­ches Sex-Video mit Shakira nicht weni­ger als vier Foto­ga­le­rien ent­hält. Ich schweife ab.)

Es sind nicht alle so. Der »Spie­gel« hat sei­nen Gaga-Artikel über die angeb­li­chen EU-Pläne immer­hin kor­ri­giert und mit einem aus­führ­li­chen Hin­weis auf die Kor­rek­tur ver­se­hen. Das Medi­en­ma­ga­zin »DWDL« hat seine Mel­dung (ohne Erklä­rung) über­ar­bei­tet und sich im Redak­ti­ons­blog ent­schul­digt.

Hier enden die posi­ti­ven Beispiele.

Die »Bild«-Zeitung hat den Feh­ler, den sie ges­tern auf ihrer ers­ten Seite ver­brei­tete, der Ein­fach­heit hal­ber gar nicht korrigiert.

Das erscheint mir aller­dings fast weni­ger unan­stän­dig als das, was »WAZ«–Autor Heiko Kruska heute zu schrei­ben gefiel:

Die Dis­kus­sion um EU-Pläne, deut­sche Syn­chro­ni­sa­tion abzu­schaf­fen, löste sich am Don­ners­tag in Luft auf. Eine Nach­rich­ten­panne in Brüs­sel hatte Öffentlich-Rechtlichen und der Syn­chron­bran­che die Spra­che verschlagen.

Das Euro­pa­par­la­ment will TV-Filme in öffentlich-rechtlichen Sen­dern nur noch als Ori­gi­nal ohne deut­sche Syn­chron­über­set­zung lau­fen las­sen, hieß es am Mitt­woch­nach­mit­tag aus Brüs­sel. Eine glatte Fehl­mel­dung, wie sich ges­tern her­aus­stellte. Eine Nach­rich­ten­agen­tur hatte sich ver­zet­telt – was indes einige Poli­ti­ker nicht davon abhielt, ernst­haft zur fik­ti­ven Mate­rie Stel­lung zu beziehen. (…)

Die »Nach­rich­ten­panne« ein­fach mal klar in Brüs­sel zu ver­or­ten, weit weg vom »WAZ«-Sitz in Essen — soviel Schö­nung ist viel­leicht nor­mal. Aber wie sehr muss man sei­nen Lesern (und sich selbst) etwas vor­ma­chen wol­len, wenn man sich über »einige Poli­ti­ker« mokiert, die »ernst­haft zur fik­ti­ven Mate­rie Stel­lung« bezo­gen, und nicht erwähnt, dass das Ver­zet­teln einer Nach­rich­ten­agen­tur »indes« ihn selbst nicht davon abhielt, einen schwach­sin­ni­gen Kom­men­tar zum Thema zu ver­fas­sen und per Pres­se­mit­tei­lung in die Welt zu pus­ten — wo er hof­fent­lich auf alle Zeit als Mahn­mal für die Däm­lich­keit und Ver­lo­gen­heit von Herrn Kruska ergoo­gelt wer­den kann.

Natür­lich ist der Feh­ler auch im soge­nann­ten Kor­rek­tur­blog des »WAZ«-Onlineportals »Der Wes­ten« nicht kor­ri­giert. Um das zu wis­sen, hätte ich dort aber auch nicht nach­gu­cken müs­sen. Nach­dem dort in den letz­ten fünf Mona­ten kein ein­zi­ger Feh­ler kor­ri­giert wurde: Könnte man die­sem Blog viel­leicht end­lich den Gna­den­schuss verpassen?

Rüh­rend auch die Kol­le­gen von »Welt Online«. Die haben sogar ges­tern nach­mit­tag noch einen eige­nen Bei­trag zur Ente veröffentlicht:

Als irgend­je­man­dem schließ­lich auf­fiel, dass ARD und ZDF zu Recht ein Miss­ver­ständ­nis ver­mu­te­ten, wurde der Arti­kel ein­fach wie­der ent­fernt. Ohne Kom­men­tar, ohne Erklä­rung, ohne Ersatz. Mit ande­ren Wor­ten: Der Jour­na­lis­ten von »Welt Online« sehen sich nicht in der Lage, die­ses Miss­ver­ständ­nis auf­zu­klä­ren. Sie kön­nen den Feh­ler nur ent­we­der ver­brei­ten oder ihn nicht verbreiten.

Was für eine Bankrotterklärung.

Höchststrafe für DJ Tomekk

Spie­gel Online ist auf­ge­fal­len, dass im Dschun­gel­camp nicht über den Hit­ler­gruß von DJ Tomekk dis­ku­tiert wurde, und schreibt:

Offen­bar war es den Machern des Dschun­gel­camps zu hei­kel, einen Ex-Torwart, eine Ex-Pornoqueen und einen Ex-Popstar über Vor­fälle mit ech­ter Rele­vanz dis­ku­tie­ren zu lassen.

Tja, blö­der Anfän­ger­feh­ler von RTL, das Camp nicht mit einem Ex-Journalistenschüler, einem Ex-Ressortleiter und einem Ex-Chefredakteur zu bestü­cken, die jedes belie­bige Thema natür­lich unab­hän­gig von sei­ner Fall­höhe spon­tan und ange­mes­sen hät­ten dis­ku­tie­ren kön­nen. Aber mal abge­se­hen von die­ser Arro­ganz: Ist das nicht trau­rig? Jour­na­lis­ten pro­du­zie­ren nicht nur lächer­li­che Erre­gungs­wel­len; sie hal­ten sie dann auch noch für »echte Relevanz«!

Das scheint eine merk­wür­dige Gesetz­mä­ßig­keit zu sein, dass nach sol­chen Ent­glei­sun­gen wie der von DJ Tomekk ein gemein­sa­mer öffent­li­cher Wett­lauf beginnt, mit dem sich mög­lichst viele Leute so lächer­lich zu machen ver­su­chen, dass die aus­lö­sende Dumm­heit dage­gen fast verblasst.

Die Medi­en­ma­schine war sofort ange­sprun­gen. Bild.de hatte das Video, das bis dahin noch nie­mand kannte, von des­sen Exis­tenz außer »Bild« noch nie­mand wußte, bereits bei der Erst­aus­strah­lung mit dem Satz ver­tont: »Die­ses Skan­dal­vi­deo scho­ckiert Deutsch­land«. Und die Nach­rich­ten­agen­tur AFP rea­gierte reflex­ar­tig und brachte noch vor dem Auf­ste­hen eine Mel­dung, die mit dem Satz begann:

Ein hand­fes­ter Nazi-Skandal erschüt­tert das RTL-»Dschungelcamp«.

Ich bin ja ein Freund davon, sich sprach­lich Stei­ge­rungs­mög­lich­kei­ten offen zu las­sen, und frage mich: Was war — abge­se­hen von einem mög­li­chen schlech­ten Kalauer — an die­sem »Skan­dal«, wenn es denn einer war, »hand­fest«? Und was wird AFP schrei­ben, wenn es ein­mal im Dschun­gel­camp oder sonstwo wirk­lich zu einem »hand­fes­ten Nazi-Skandal« kom­men sollte?

Aber »Bild« hatte den Fall ja noch vor der Ver­öf­fent­li­chung mit­hilfe des offi­zi­el­len Naziskan­da­lo­me­ters mes­sen las­sen: dem Zen­tral­rat der Juden in Deutsch­land. »Die Sache ist scho­ckie­rend und erklä­rungs­be­dürf­tig«, attes­tierte des­sen stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zende Die­ter Graumann. »Wer Hit­ler fei­ert, muss geäch­tet werden.«

Ich würde mir so sehr wün­schen, der Zen­tral­rat würde nicht jedes­mal über die­ses Stöck­chen sprin­gen, das ihm »Bild« oder sonst ein Medium hin­hält, son­dern wenigs­tens ein­mal dem Kol­le­gen so etwas ant­wor­ten wie: »Wis­sen Sie was? Ich glaube, das kön­nen Sie auch als Nicht­jude ganz gut beur­tei­len, was von so einem Hit­ler­gruß zu hal­ten ist. Sie müs­sen da nicht jedes­mal einen orga­ni­sier­ten Juden anru­fen und als Empö­rungs­han­sel miss­brau­chen. Oder wäre der Hit­ler­gruß okay, wenn wir Juden sagen wür­den, er ist okay? Wäre es nicht ein Zei­chen von Reife der deut­schen, über­wie­gend nicht-jüdischen Gesell­schaft, sechs Jahr­zehnte nach dem Holo­caust, von ganz alleine, ohne Vor­gabe von uns, die nötige Empö­rung oder Nicht-Empörung auf­zu­brin­gen? Und who­thefuck ist DJ Tomekk?«

Aber statt­des­sen sagt der Zen­tral­rat, was von ihm erwar­tet wird, und »wir« sind auf eine kom­pli­zierte Art von einer eige­nen Aus­ein­an­der­set­zung ent­las­tet, aber auch entmündigt.

Und dann kommt, unver­meid­bar wie eine Lawine — Michel Friedman.

Aus­ge­rech­net in der »B.Z.«, einem rech­ten Witz­blatt, kom­men­tiert er DJ Tomekks Sekun­den­auf­tritt mit der ihm eige­nen Über­steue­rung (sein inter­ner Laut­stär­ke­reg­ler ist vor Jah­ren abge­bro­chen) und beant­wor­tet die Frage: »Kann man sich für einen Hitler-Gruß so ein­fach ent­schul­di­gen?« in der übli­chen Rhe­to­rik, in der nichts abge­wo­gen wird, son­dern alles ganz und gar ist, ohne Wenn und Aber, völ­lig und total. Als offen­bar lang­jäh­ri­ger Ken­ner der Psy­che von DJ Tomekk und unter Aus­blen­dung all der gegen­tei­li­gen Indi­zien in dem ein­zi­gen bekann­ten Aus­schnitt aus dem Video stellt er erst ein­mal fest:

Dies ist kein spon­ta­ner Laus­bu­ben­streich (…), son­dern eine bewusste Handlung.

Um sich dann in eine (ange­sichts der Bio­gra­phie Tomekks) absurde Ober­stu­di­en­rats­pose zu werfen:

Das heu­tige moderne Deutsch­land ist die posi­tive Ant­wort auf die Zer­stö­rungs­wut von Hit­ler. Wenn DJ Tomekk das noch nicht begrif­fen hat, wird es Zeit, dass er es lernt.

Sein hef­ti­ger Schluck­auf endet so:

Das kann [Tomekk] nur, indem ein­deu­tig und klar die rote Karte gezo­gen wird und ihm stell­ver­tre­tend für andere deut­lich gemacht wird: In Deutsch­land 2008 gibt es keine Tole­ranz mehr gegen Intoleranz.

Fried­man ist ein lus­ti­ges »mehr« in den Satz gerutscht. Vor allem aber ist ihm bei all dem Wort­ge­töse irgend­wie das Kon­krete abhan­den gekom­men. Was for­dert er? Was will er denn nun? Was soll mit DJ Tomekk, ein­deu­tig und klar, geschehen?

Abschie­ben? Weg­sper­ren? Oder gleich die Höchst­strafe: Ins »Vanity Fair«-Interview mit Michel Friedman?

[Mehr zum Thema bei »Cof­fee and TV« und im Hit­ler­blog der »taz«.]

AFP verläuft sich ins Bild.de-Archiv

Soeben mel­det die Agen­tur AFP:

Ach­tung Redaktionen,

bitte strei­chen Sie in der Mel­dung «Neues Lebens­zei­chen von in Afgha­nis­tan ent­führ­tem Deut­schen» von Mon­tag­abend um 19.40 Uhr den kom­plet­ten drit­ten und vier­ten Absatz. Bitte strei­chen Sie ebenso in der 4.ZF zum sel­ben Thema von 20.58 Uhr den kom­plet­ten drit­ten Absatz sowie die ers­ten drei Sätze des vier­ten Absat­zes. Die darin unter Beru­fung auf bild.de zitier­ten Äuße­run­gen von Rudolf B. sind nicht neu, son­dern stam­men aus einem bereits im August ver­brei­te­ten Video der Gei­sel. AFP hatte ver­se­hent­lich auf Archiv­ma­te­rial von bild.de zurückgegriffen.

Wie pein­lich.

Mal abge­se­hen davon, dass für die Nach­rich­ten­agen­tur AFP also das Erotik-, Werbe– und Feh­ler­por­tal Bild.de eine zuver­läs­sige Nachrichten-Quelle wäre, sie es aber nicht ein­mal schafft, zwi­schen aktu­el­len und Archiv-Artikeln auf Bild.de zu unter­schei­den: Ist der Gedanke eigent­lich völ­lig abwe­gig, dass bei Nach­rich­ten­agen­tu­ren min­des­tens ein Mensch über die Mel­dun­gen schaut, der mit dem Thema halb­wegs ver­traut ist und des­halb merkt, wenn man gerade als fal­sche Neu­ig­keit ver­kauft, was sechs Wochen alt ist?

Gemel­det hatte AFP ges­tern um 19.40 Uhr:

(…) Die Online-Ausgabe der «Bild»-Zeitung berich­tete von einem vom afgha­ni­schen Pri­vat­sen­der Tolo TV aus­ge­strahl­ten Video, in dem der seit dem 18. Juli ent­führte Bau­in­ge­nieur erschöpft wirke. Er halte sich die Brust, wäh­rend er von einem Hus­ten­an­fall geschüt­telt werde. «Meine Medi­zin geht in drei Tagen zu Ende. Ich bitte alle meine Freunde in Deutsch­land um Hilfe,» sagte der unter Herz­pro­ble­men lei­dende Rudolf B. dem­nach ver­zwei­felt. «Ich lebe mit den Tali­ban 3000 Meter hoch in den Ber­gen. Die Tali­ban ver­su­chen, mit der afgha­ni­schen Regie­rung zu ver­han­deln, aber die redet nicht mit den Taliban.»

Bei den Ver­hand­lun­gen scheine etwas «schief zu gehen», sagt die Gei­sel laut «bild.de» wei­ter. Die radi­kal­is­la­mi­schen Tali­ban hät­ten dem­nach ver­sucht, Ver­bin­dung mit der deut­schen Bot­schaft auf­zu­neh­men. «Aber wenn die Zeit vor­bei ist, wol­len sie uns töten,» sagte Rudolf B. demnach. (…)

Und um 20.58 Uhr:

(…) Die Online-Ausgabe der «Bild»-Zeitung berich­tete von einem vom afgha­ni­schen Pri­vat­sen­der Tolo TV aus­ge­strahl­ten Video, in dem der seit dem 18. Juli ent­führte Bau­in­ge­nieur erschöpft wirke. «Meine Medi­zin geht in drei Tagen zu Ende. Ich bitte alle meine Freunde in Deutsch­land um Hilfe,» sagte der unter Herz­pro­ble­men lei­dende Rudolf B. dem­nach verzweifelt.

Bei den Ver­hand­lun­gen scheine etwas «schief zu gehen», sagt er laut «bild.de» außer­dem. Die radi­kal­is­la­mi­schen Tali­ban hät­ten ver­sucht, Ver­bin­dung mit der deut­schen Bot­schaft auf­zu­neh­men. «Aber wenn die Zeit vor­bei ist, wol­len sie uns töten,» sagte Rudolf B. demnach. (…)

Über 14 Stun­den ver­gin­gen danach, bis AFP sich berichtigte.

In der »Ber­li­ner Zei­tung« redi­giert die Mel­dun­gen offen­bar auch nie­mand, der mit dem Thema ver­traut ist. Sie hat die AFP-Falschmeldung in ihre gedruckte Aus­gabe über­nom­men. Sie steht auch nach wie vor unkor­ri­giert auf Focus Online und Zeit Online. sueddeutsche.de und tagesspiegel.de haben den Feh­ler eben­falls über­nom­men, aber inzwi­schen korrigiert.

Niedrige Lebens– und Denkerwartungen

Die Stu­die der bei­den bri­ti­schen Wis­sen­schaft­ler Mark Bel­lis und John Ash­ton ist genau der Stoff, nach dem unsere Bou­le­vard­me­dien (vulgo: unsere Medien) süch­tig sind. Sie haben her­aus­ge­fun­den, dass Rock­stars ein erheb­lich erhöh­tes Risiko haben, jung zu sterben.

Es gibt dazu meh­rere Agen­tur­mel­dun­gen. Eine seriöse ist von AFP und liest sich so:

Stu­die: Rock­stars leben in ers­ten fünf Jah­ren des Ruhms gefähr­lich / Wilde 70er waren für Pop­mu­si­ker beson­ders riskant

Rock­stars ster­ben frü­her als Otto Nor­mal­ver­brau­cher. Zu die­sem Ergeb­nis kommt eine Stu­die der John-Moores-Universität in Liver­pool, die die Lebens­er­war­tung von glo­ba­len Grö­ßen der Rock­mu­sik mit der der gewöhn­li­chen Bevöl­ke­rung ver­gleicht. Der Lebens­weg von mehr als tau­send Musi­kern, die aus einer Liste der 1000 meist­ver­kauf­ten Plat­ten aus dem Jahr 2000 aus­ge­wählt wur­den, wurde von den Wis­sen­schaft­lern ausgewertet. (…)

Ins­ge­samt 100 Welt­stars star­ben in der Zeit von 1956 bis 2005. Über eine Zeit­spanne von 25 Jah­ren war ihre Sterb­lich­keit 70 Pro­zent höher als die der Durch­schnitts­men­schen. Als beson­ders gefähr­lich erwie­sen sich die ers­ten fünf Jahre des Ruh­mes, wäh­rend derer die Wahr­schein­lich­keit 240 Pro­zent höher ist, das Zeit­li­che zu seg­nen, als bei Normalsterblichen.(…)

Die Ver­sion von AP ist, vor­sich­tig gesagt, nicht ganz so seriös:

Pop­stars ster­ben früher

(…) Eine bri­ti­sche Stu­die zeigt, dass nord­ame­ri­ka­ni­sche pro­mi­nente Musi­ker durch­schnitt­lich nur 42 Jahre alt wer­den. Euro­päi­sche Stars ster­ben dem­nach noch deut­lich frü­her, näm­lich schon mit 35 Jahren. (…)

Von wegen. Das ist nicht das Alter, das Rock­stars durch­schnitt­lich errei­chen. Son­dern das Alter, das die­je­ni­gen 100 der ins­ge­samt 1000 unter­such­ten Rock­stars durch­schnitt­lich erreicht haben, die bereits gestor­ben sind. Dadurch, dass all die, die früh gestor­ben sind, in die Berech­nung ein­ge­gan­gen sind, aber noch lebende Opas wie Paul McCart­ney, Mick Jag­ger und Elton John nicht, wird die Rech­nung natür­lich verzerrt.

Und eigent­lich könnte man als Jour­na­list auch ahnen, dass die Aus­sage nicht stim­men kann, euro­päi­sche Rock­stars wür­den im Schnitt nur 35 Jahre alt. Aber natür­lich nur, wenn das Gehirn nicht völ­lig damit beschäf­tigt ist, sich die dazu pas­sende geile Über­schrift oder die Klick­zah­len, die sich mit ihre gene­rie­ren las­sen, auszumalen.

Ent­spre­chend fin­det die Falsch­mel­dung von AP guten Absatz. Sie steht heute zum Bei­spiel in der gedruck­ten »Ber­li­ner Zei­tung«, bei »Welt Online«, auf FTD.de (mit Bil­der­ga­le­rie »Die erfolg­reichs­ten toten Musi­ker«). Auf der Titel­seite von »Bild« ist die AP-Meldung zu die­ser erstaun­li­chen Über­schrift geronnen:

Rockstars sterben mit 35

Aber den Vogel schießt Spie­gel Online beim Ver­such ab, das ver­meint­li­che Ergeb­nis zu personalisieren:

Nord­ame­ri­ka­ni­sche pro­mi­nente Musi­ker, die die Stu­die berück­sich­tigte, wur­den durch­schnitt­lich 42 Jahre alt, euro­päi­sche Stars star­ben im Schnitt sogar noch frü­her, näm­lich schon mit 35 Jah­ren. Babyshambles-Sänger Pete Doh­erty, 28, hätte er [sic] dem­nach noch sie­ben Jahre zu leben.

Wie man aus nichts eine Meldung macht

Auch Herr Knüwer ver­zwei­felt an der schlech­ten Arbeit der Nach­rich­ten­agen­tu­ren und der viel­fa­chen Ver­brei­tung ihrer Feh­ler. Sein Auf­hän­ger ist die Mel­dung, die man zum Bei­spiel bei »Spie­gel Online« unter der Über­schrift »Row­ling schürt Hoff­nung auf ach­ten Band« lesen kann. Es ist eine Über­schrift, die am Mon­tag sicher häu­fig geklickt wurde, und sie ist falsch.

Man kann sich näm­lich anse­hen, was Joanne K. Row­ling am Frei­tag in der BBC zu Jona­than Ross über die Zukunft von Harry Pot­ter gesagt hat, und es war wörtlich:

I think that Har­rys story comes to quite a clear end in book seven. But I’ve always said that I wouldn’t say never. I can’t say I’ll never write ano­ther book about that world, just because I think: What do I know, in ten years‹ time I might want to return to it. But I think it’s unlikely.

(Ich finde, Har­rys Geschichte fin­det im sieb­ten Band ein kla­res Ende. Aber ich habe immer gesagt, dass ich nie nie sagen würde. Ich kann nicht sagen, dass ich nie wie­der ein Buch über jene Welt schrei­ben werde, ein­fach weil ich denke: Ich weiß ja nicht, ob ich nicht in zehn Jah­ren viel­leicht dazu zurück­keh­ren will. Aber ich glaube, das ist unwahrscheinlich.)

Sie spricht nicht von einem Harry-Potter-Buch, son­dern von einem Buch, das in des­sen Welt spielt, und sie macht selbst dar­auf wenig Hoff­nung. Und doch steht das Gegen­teil über­all, nicht nur online. Quelle ist die Nach­rich­ten­agen­tur AFP, die seit Mon­tag­nach­mit­tag meh­rere ent­spre­chende Mel­dun­gen sowohl inter­na­tio­nal als auch auf deutsch ver­brei­tet. Herr Knüwer fragt sich, warum über­haupt erst jetzt, wenn doch das BBC-Interview am Frei­tag war. Die Ant­wort ist eini­ger­ma­ßen erschüt­ternd: Weil AFP das Zitat umda­tiert und in einen ande­ren, span­nen­de­ren Kon­text gerückt hat:

Fans der Roman­se­rie »Harry Pot­ter« kön­nen mög­li­cher­weise auf­at­men: Die Schrift­stel­le­rin Joanne K. Row­ling ist am Mon­tag von ihren vor­he­ri­gen Äuße­run­gen abge­rückt, sie wolle die erfolg­rei­che Reihe nicht fort­set­zen. »Man soll nie nie sagen«, erklärte Row­ling nach Anga­ben ihres Ver­lags Bloomsbury. (…)

Mit ihrer Erklä­rung rea­gierte Row­ling auf eine am Mon­tag im Inter­net gestar­tete Initia­tive zur Fort­set­zung der Romanserie. (…)

Aber hat sie das nicht schon am Frei­tag gesagt, also vor dem Start der Unter­schrif­ten­ak­tion im Inter­net? Ja, hat sie. Und auf Nach­frage am Mon­tag hat ein Spre­cher offen­bar auch nur bestä­tigt: »As she said on Fri­day night in her BBC inter­view with Jona­than Ross — never say never.«

Wenn Row­ling also von frü­he­ren Erklä­run­gen abge­rückt ist, dann nicht als Reak­tion auf die neuen Pro­tes­t­in­itia­ti­ven. Im BBC-Interview sagt sie aber aus­drück­lich, sie sei von gar nichts abge­rückt (»I’ve always said…«). Und tat­säch­lich fin­det sich zum Bei­spiel eine Mel­dung der Nach­rich­ten­agen­tur AP vom 4. März 2004, in der sie die Frage, ob sie nach dem sieb­ten Band wei­tere Harry-Potter-Bücher schreibe wolle, so beantwortet:

»Pro­bably not. But I’ll never say never because every time I do, I imme­dia­tely break the vow.«

Auch am Wort­laut von Row­lings Sät­zen in der BBC hat AFP ein biss­chen geschraubt. In der deut­schen Mel­dung wird sie mit den Wor­ten zitiert, Har­rys Geschichte nehme »trau­ri­ger­weise« im sieb­ten Roman einen ziem­lich deut­li­chen Aus­gang. In der eng­li­schen AFP-Meldung ist der ganze Satz zitiert: »I think that Harry’s story comes to quite a clear end, sadly.« Aber das »sadly«, das so gut zur Mär von der Auto­rin passt, die nicht mehr auf­hö­ren kann, über ihren Hel­den zu schrei­ben, hat sie im Ori­gi­nal nicht gesagt.

Wie man es dreht: Die Nach­richt ist keine Nach­richt. Es ist nur genau die Geschichte, die die Jour­na­lis­ten schrei­ben und die Leute lesen wol­len, und des­halb steht sie überall.