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Die Unabhängigkeitserklärung des Andrew Sullivan

02 Jan 13
2. Januar 2013

Andrew Sullivan versucht es jetzt allein. Er will zeigen, dass sich ein Blog wie seins dauerhaft finanzieren lässt: ohne Werbung, ohne Investoren, ohne Medienpartner. Nur durch die Unterstützung der Leser.

Sullivan ist einer der prominentesten und erfolgreichsten Blogger der Welt. Der Engländer lebt in den USA, ist schwul, katholisch, konservativ, HIV-positiv, Bärenliebhaber, Anhänger von Margret Thatcher und Barack Obama. Er ist kein Parteigänger, von niemandem. Er ist unbequem, unabhängig und lästig, klug, aggressiv und amüsant.

Seit über zwölf Jahren schreibt er manisch ins Netz, zeitweise für „Time“ und „Atlantic Monthly“, zuletzt für Tina Browns „The Daily Beast“. Sein Blog „The Dish“ zeigt, welch faszinierende neue Möglichkeiten dieses Medium bietet. Sullivan ist meinungsstark, aber seine Positionen stehen nicht für sich allein — er verweist auf die Argumente seiner Gegner und setzt sich mit ihnen auseinander; regelmäßig veröffentlicht er Kommentare von Lesern, die ihm widersprechen. Seine Positionen sind nicht festgemauert — er zögert nicht, Fehler zu korrigieren und Meinungen zu revidieren. Der Journalismus, den Sullivan in seinem Blog pflegt, hat nichts Statisches. Es ist ein fortwährender Strom von neuen Informationen und Argumenten, eine endlose Konversation mit seinen Lesern, seinen Gegnern, der Welt.

Die anhaltende Faszination der Unabhängigkeit des Bloggens beschreibt er so:

For the first time in human history, a writer — or group of writers and editors — can instantly reach readers — even hundreds of thousands of readers across the planet — with no intermediary at all.

Und die anhaltende Faszination der Konversation mit den Lesern so:

We have an official staff of 7, and an unofficial one of around a million unpaid obsessives.

Vergangene Woche hat er mit seinen beiden engsten Mitarbeitern eine eigene Firma gegründet, und von Februar an will er wieder unter andrewsullivan​.com bloggen, finanziert allein von den Zuwendungen der Leser.

Es ist eine Mischung aus dem Metered-Modell der „New York Times“, bei dem der Leser eine bestimmte Zahl von Zugriffen frei hat, und dem „Freemium“-Modell, bei dem Premium-Inhalte kostenpflichtig sind. Beim „Daily Dish“ soll man unbegrenzt häufig ohne zu zahlen auf die Seite gehen können. Allein, wer bei längeren Texten auf „Weiterlesen“ klickt, muss nach einer bestimmten Häufigkeit zahlen.

Eine klassische Bezahlschranke gibt es nicht, der „Daily Dish“ will unbedingt offen bleiben für die Diskussion mit Lesern und anderen Blogs, aber die Stammleser sollen 19,99 Dollar jährlich zahlen — oder mehr.

Die Seite soll möglichst auf Dauer frei von Werbung sein, weil Werbung nervt und weil Online-Werbung dafür gesorgt hat, dass es wichtiger ist, Klicks zu generieren als Qualitätsinhalte.

If the money doesn’t come in, we’ll have to find another way to make a living.

Equally, the more you give us, the more we will be able to do.

Sullivan schreibt, er träume davon, lange journalistische Stücke in Auftrag geben zu können und vielleicht ein monatliches Magazins fürs Tablet herauszugeben. Und in dem radikalen Versuch, nur auf Leserfinanzierung zu setzen, sieht er ein Experiment, auch als Vorreiter für andere:

If this model works, we’ll have proof of principle that a small group of writers and editors can be paid directly by readers, and that an independent site, if tended to diligently, can grow an audience large enough to sustain it indefinitely.

The point of doing this as simply and as purely as possible is precisely to forge a path other smaller blogs and sites can follow. We believe in a bottom-up Internet, which allows a thousand flowers to bloom, rather than a corporate-dominated web where the promise of a free space becomes co-opted by large and powerful institutions and intrusive advertising algorithms. We want to help build a new media environment that is not solely about advertising or profit above everything, but that is dedicated first to content and quality.

(Klingt ein bisschen, als hätte er Johnny Haeusler gelesen.)

Die Paid-Content-Abwicklung übernimmt die Firma TinyPass, was mich daran erinnert, dass der Geschäftsführer der FAZ neulich öffentlich geklagt hat, dass sich seine Zeitung keine eigene Paywall leisten könne, weil es so viel Geld koste, sie zu entwickeln.

Abschlusspathos von Sullivan:

We have no marketing, no ads, no corporation behind us now. We only have you.

Von einer „Lawine“ von Mitgliedschaften schreibt er ein paar Stunden nach der Ankündigung; aktuell sollen es 36 pro Minute sein, was mindestens 43.200 Dollar pro Stunde entspräche. Natürlich bedeutet dieser erste Rausch noch keine Garantie, dass Sullivans Hoffnung aufgehen wird und er seinen „Dish“ auf Dauer komfortabel finanzieren kann. Aber ich hoffe und traue ihm zu, dass das gelingt.

Die Leser werden nicht nur nicht auf dieses Blog verzichten wollen, das so manisch und persönlich, so relevant und abwegig und so offen für Widerspruch betrieben wird. Sie werden es unterstützen wollen. Und diese Leser als Unterstützer zu haben, wird nicht nur den „Dish“ stärken, sondern auch die Beziehung zwischen beiden.

Das Modell, das Andrew Sullivan mit dem „Dish“ probiert — ich glaube, das wird eine Zukunft sein.

„Blogging is writing out loud“

16 Okt 08
16. Oktober 2008

Andrew Sullivan hat im „Atlantic“ einen in jeder Hinsicht großen Artikel über das Bloggen veröffentlicht — über seine ganze eigene Art, das Medium und seine Möglichkeiten zu nutzen, und das Bloggen an sich:

(…) From the first few days of using the form, I was hooked. The simple experience of being able to directly broadcast my own words to readers was an exhilarating literary liberation. Unlike the current generation of writers, who have only ever blogged, I knew firsthand what the alternative meant. I’d edited a weekly print magazine, The New Republic, for five years, and written countless columns and essays for a variety of traditional outlets. And in all this, I’d often chafed, as most writers do, at the endless delays, revisions, office politics, editorial fights, and last-minute cuts for space that dead-tree publishing entails. Blogging—even to an audience of a few hundred in the early days—was intoxicatingly free in comparison. Like taking a narcotic.

It was obvious from the start that it was revolutionary. Every writer since the printing press has longed for a means to publish himself and reach—instantly—any reader on Earth. Every professional writer has paid some dues waiting for an editor’s nod, or enduring a publisher’s incompetence, or being ground to literary dust by a legion of fact-checkers and copy editors. If you added up the time a writer once had to spend finding an outlet, impressing editors, sucking up to proprietors, and proofreading edits, you’d find another lifetime buried in the interstices. But with one click of the Publish Now button, all these troubles evaporated.

Alas, as I soon discovered, this sudden freedom from above was immediately replaced by insurrection from below. Within minutes of my posting something, even in the earliest days, readers responded. E-mail seemed to unleash their inner beast. They were more brutal than any editor, more persnickety than any copy editor, and more emotionally unstable than any colleague. (…)

Sullivan ist eine faszinierende Persönlichkeit: Er ist konservativ und schwul, legt sich mit christlichen Fundamentalisten an und mit fanatischen Atheisten, war 2000 für George W. Bush und 2004 gegen ihn, hasst Hillary Clinton und verachtet Sarah Palin … Ich merke, es klingt lächerlich banal, wenn ich das so aufschreibe. Lesen Sie sein Blog „The Daily Dish“. Ach so, und den Artikel natürlich:

Andrew Sullivan: Why I Blog.

[via Medienlese]