So wird »Unser Song für Malmö«


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Die ARD hat komi­sche Ideen. Sie ver­an­stal­tet heute Abend einen Vor­ent­scheid zum Euro­vi­sion Song Con­test und hat viele Zuta­ten, die einen unter­hal­tungs­wil­li­gen und nicht zwin­gend auf guter Musik beste­hen­den Zuschauer gefal­len kön­nen: eine strenge blonde Frau in Glitzer­stein­bluse, die sich in eine lebende Dis­ko­ku­gel ver­wan­delt; drei Pries­ter, die gemein­sam mit einer klas­si­schen Sän­ge­rin einen Vor­ge­schmack auf die Knö­del­vor­hölle geben; bar­fü­ßige Bay­ern­buam in Leder­hose, die den Saal wegblasen.

Aber bis die­ses Spek­ta­kel anfängt, lässt sie erst ein­mal Loreen auf­tre­ten mit ihrem letzt­jäh­ri­gen Sie­ger­ti­tel »Eupho­ria« — okay, kann man machen, ist auch ganz hilf­reich, um dann den spä­te­ren plum­pen Ver­such von Cascada, unter dem Namen »Glo­rious« den erfolg­rei­chen Song ein­fach noch­mal in platt­ge­stampf­ter Form in den Wett­be­werb zu schmug­geln, bes­ser wür­di­gen zu können.

Dann folgt ein Auf­tritt von Lena Meyer-Landrut, die den Wett­be­werb, um den es hier geht, offen­bar mal gewon­nen hat. Sie singt ein­fach noch ein­mal ihren inzwi­schen drei Jahre alten Hit »Satel­lite«, was man ja nicht oft genug machen… naja, obwohl.

Und dann kommt, um auch die letz­ten Zuschauer dazu zu brin­gen, mal zur Fern­be­die­nung zu grei­fen und nach­zu­schauen, was auf den ande­ren Kanä­len läuft, noch eine län­gere Erklä­rung, was das eigent­lich ist, die­ser »Euro­vi­sion Song Con­test«, was Udo Jür­gens damit zu tun hat, wie die­ser Song »Satel­lite« noch­mal klingt, wo Malmö liegt und wie die Halle aus­sieht, in der der Wett­be­werb in drei Mona­ten statt­fin­den wird.

Aber dann, schät­zungs­weise um kurz nach halb neun, gefühlt eher gegen 22:40 Uhr, geht es los, und was folgt, ist eine abwechs­lungs­rei­che Show, bunt und bekloppt, aber auch erstaun­lich erwach­sen, musi­ka­lisch zeit­ge­mäß und mit vie­len Kan­di­da­ten, für die man sich als deut­sche Ver­tre­ter beim Euro­vi­sion Song Con­test nicht schä­men müsste.

Einen Hype oder eine hef­tige Auf­merk­sam­keits­welle des Bou­le­vards gibt es in die­sem Jahr nicht, aber das spricht para­do­xer­weise gar nicht gegen die Ver­an­stal­tung. Es ist eher Folge davon, dass die ARD dar­auf ver­zich­tet hat, sich von der Musik­in­dus­trie einen Rudolf Mos­ham­mer oder Zlatko Trpkov­ski in die Show schi­cken zu las­sen, son­dern eher tat­säch­lich inter­es­sante Nach­wuchs­ta­lente. Die Frage ist natür­lich, wie­viele Leute eine Show ein­schal­ten, die sich so ver­gleichs­weise unauf­fäl­lig ankündigt.

Für die meis­ten Künst­ler ist es eine sehr ernst gemeinte Chance, sich ein­mal zur Prime-Time einem grö­ße­ren Publi­kum mit ihrer Musik bekannt machen zu kön­nen. Aus den Vor­stel­lungs­fil­men vor ihren Auf­trit­ten kann man manch­mal die Ver­spannt­heit erah­nen, die aus dem Bemü­hen ent­steht, diese Chance bloß zu nutzen.

Die öster­rei­chi­sche Soul-Sängerin Saint Lu schafft es, sich in den ein­ein­halb Minu­ten um sämt­li­che noch nicht gehab­ten Sym­pa­thien zu reden, was aber nicht sehr scha­det, weil ihr affek­tier­ter Auf­tritt mit über­aus durch­drin­gen­dem Gesang kurz dar­auf zumin­dest bei mir einen ähn­li­chen Effekt hatte.

Die Söhne Mann­heims haben einen Film gedreht, der so breit­wan­dig und breit­bei­nig daher kommt, dass mein Iro­nie­de­tek­tor im Gehirn die ganze Zeit auf­ge­regt fla­ckerte, bis zuletzt aber zu kei­nem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis kam, was zu einem leicht hys­te­ri­schen Kichern führte.

Der Elek­tro­pop­per Ben Ivory immer­hin lässt in sei­nem Selbst­por­trait keine Frage, dass er For­mu­lie­run­gen wie »Selbst ein ein­zi­ges Lied kann Mau­ern ein­rei­ßen« bier­ernst meint. Offen­bar ist auch die Bot­schaft sei­nes Songs »We are the righ­teous ones« exakt so gemeint: Wir sind die Recht­schaf­fe­nen. Puh. Aber tolle Laser­show dann.

Die leicht folk­pop­pige Num­mer »Little Sis­ter« von Mobilée war im Vor­feld einer mei­ner Favo­ri­ten, aber es spricht wenig dafür, dass die Sän­ge­rin aus­ge­rech­net in der Final­sen­dung dann mal die pas­sende Ton­art fin­det und in ihr bleibt.

Mein per­sön­li­cher Favo­rit ist, auch zu mei­ner eige­nen Über­ra­schung, »Heart on the Line« von Blitz­kids mvt. gewor­den, eine Groß­raum­dis­ko­n­um­mer, die in der Halle mit ent­spre­chen­dem Wumms fan­tas­tisch kommt, sich aber ver­mut­lich über den Fern­se­her nur über­trägt, wenn man die Laut­stärke voll auf­dreht. Die Künst­ler­at­ti­tüde der Gruppe ist viel­leicht ein biss­chen ange­strengt, aber ihr Auf­tritt ist gro­ßes Kino.

Betty Dittrich singt einen Sechziger-Jahre-Schlager, der so ein­gän­gig ist, dass man ihn schon nach drei Sekun­den mit­sin­gen kann und dafür drei Tage nicht mehr aus den Ohren bekommt. Ihr »Lalala« ist von größ­ter Bana­li­tät, aber diese Schlicht­heit kommt mit soviel Charme und guter Laune daher, dass ich mir vor­stel­len kann, dass das ganz vorne landet.

Cascada und die Söhne Mann­heims müs­sen wohl schon auf­grund ihrer gro­ßen Zahl von Fans — lei­der — als Mit­fa­vo­ri­ten gel­ten. Und dann sind da noch LaBrass­Banda, nach deren Auf­tritt in der Gene­ral­probe Grand-Prix-Superexperte Lukas Hein­ser sowie Imre Grimm, der Lena-Sonderbeauftragte der »Han­no­ver­schen All­ge­mei­nen Zei­tung«, spon­tan einen Sieg vor­her­sag­ten. (Ich hab dage­gen gehal­ten, was beide lachend als Bestä­ti­gung nah­men, rich­tig zu liegen.)

Jeden­falls, LaBrass­Banda. Das wäre wun­der­bar, diese Musik-Verrückten ins inter­na­tio­nale Finale zu schi­cken, ich wäre prin­zi­pi­ell dafür, und die Arena in Han­no­ver wird ganz sicher bren­nen nach ihrem Auf­tritt. Ich werde nur lei­der mit ihrem ner­vi­gen Song über­haupt nicht warm.

Mia Die­kow singt ein Lieb­lings­lied, das von Frank Ramon geschrie­ben wor­den sein könnte (und ich meine das nicht im Posi­ti­ven). Sie trägt es in einer Cho­reo­gra­phie vor, die von Ralph Sie­gel stam­men könnte. Das will man auch nicht.

Und »Change« von Finn Mar­tin könnte ein ganz okayer Pop­song sein, würde er nicht von die­sem Grinse­pe­ter vor­ge­tra­gen, des­sen Haare allein mir eine faire Bewer­tung schon unmög­lich machen.

Über Nica & Joe möchte ich bitte nicht reden, weil ich mich dazu wie­der an den Auf­tritt erin­nern müsste, und bei den Pries­tern & Mojca Erd­mann ist meine größte Sorge, dass es irgend­wel­che Ramm­stein– oder gar Unheilig-Fans in grö­ße­rer Zahl geben könnte, die dafür stimmen.

Ich habe keine Ahnung, wer gewinnt, lege mich aber jetzt ein­fach mal fest:

1. Betty Dittrich
2. Cascada
3. Söhne Mann­heims
4. LaBrass­Banda
5. Finn Mar­tin
6. Blitz­kids mvt.
7. Mobilée
8. Saint Lu
9. Die Pries­ter & Mojca Erd­mann
10. Mia Die­kow
11. Nica & Joe
12. Ben Ivory

Der eigent­li­che Gewin­ner des Abends wird aber mal wie­der Anke Engelke sein. Der größte Teil der media­len Auf­merk­sam­keit im Vor­feld galt ihr, der Mode­ra­to­rin, und die Show wird zei­gen: völ­lig zurecht. Sie hat sich mit einer sol­chen Lust, Lei­den­schaft und Leich­tig­keit durch die Gene­ral­probe mode­riert, dass sie sich hin­ter­her hof­fent­lich vor Show-Angeboten nicht ret­ten kann, die sie nicht ableh­nen kann.

Also, wenn ich nicht in der Halle säße: Ich würd’s ein­schal­ten. Und das wirk­lich nicht nur aus Grün­den der Konträrfaszination.

  • Unser Song für Malmö, gleich, 20.15 Uhr, ARD.

(Ich werde ver­su­chen, aus der Halle zu twit­tern: @niggi)

Warum Anke Engelke keine Shows mehr moderieren will — und es jetzt doch macht

Anke Engelke mode­riert in die­sem Jahr den deut­schen Vor­ent­scheid zum Euro­vi­sion Song Con­test. Am Mon­tag hatte ich die Gele­gen­heit, ihr tele­fo­nisch ins Gewis­sen zu reden.

Stimmt es, dass du total über­re­det wer­den muss­test, den Vor­ent­scheid zu moderieren?

Anke Engelke: Ja, das stimmt.

Warum?

Ich fand den Euro­vi­sion Song Con­test 2011 in Düs­sel­dorf so schön, schö­ner geht es nicht. Als mir im Jahr danach der Vor­sitz der deut­schen Jury ange­bo­ten wurde, dachte ich sofort: »Logo, das wollte ich immer schon mal machen!« Das ist doch eigent­lich das per­fekte Dop­pel­pack. Da hätte man gut sagen kön­nen: Das war so schön, das reicht jetzt. Ande­rer­seits habe ich sehr ernst genom­men, dass da ein paar Leute waren, die gesagt haben, sie wün­schen sich so sehr, dass ich das mache.

Es heißt, dass du grund­sätz­lich ungern Fern­seh­shows mode­rie­ren willst.

Ich hasse das.

Warum?

Ich hasse das, weil ich das nicht kann. Hallo? Kön­nen wir mal kurz über »Anke Late Night« sprechen?

Das ist doch über­haupt nicht ver­gleich­bar. Wenn du heute eine Fern­seh­show mode­rierst, sagen hin­ter­her alle: War das fan­tas­tisch! Und wenn du’s nicht machst, sagen alle: Kann die das bitte wie­der machen!

Aber ich hab’s doch gemacht. Ich habe es 78 mal gemacht. Ich kann das nicht. Ich will das nicht. Seit eini­gen Jah­ren mache ich nur noch Sachen, die ich wirk­lich will und die ich sel­ber mag. Es muss live sein, das ist schon mal eine wich­tige Bedin­gung. Neh­men wir mal die Berlinale-Eröffnung, die ich jetzt wie­der mode­riere. Guckt schein­bar kein Mensch, da fühle ich mich sehr sicher, inter­na­tio­na­les Publi­kum, ich darf auf eng­lisch mode­rie­ren und Witze machen. Kosslick ist ein Spit­zen­en­ter­tai­ner, er ist unbe­re­chen­bar und der braucht mich ein biss­chen als Stütze, weil ich den Ablauf kenne. Den Euro­pean Film Award mode­riere ich, der ist auch durch­ge­schrie­ben, aber auch da kann alles schief­ge­hen und ich muss mein Zeug kön­nen und spon­tan rea­gie­ren. Ich habe bei der letz­ten Ber­li­nale mit Jury-Mitglied Jake Gyl­len­haal gespro­chen, der hat vor­her nur gesagt: »Ich habe kei­nen Bock auf ein Inter­view. Stell mir ne Frage, deren Ant­wort fünf ist.« Dann mach ich das, das war super. Aber wie oft hast du das, dass da einer ist, bei dem du denkst: Der ver­steht mich, und ich ver­steh den, und der will nicht groß reden, aber der hat Bock auf Spaß — machen wir jetzt ein­fach mal.

Aber das heißt, wenn wir jetzt einen Auf­ruf machen: Wir brau­chen das rich­tige große Fernsehshow-Format für Frau Engelke, das live ist, even­tu­ell auf eng­lisch und du darfst dir noch drei bis sie­ben Sachen wün­schen, dann würde da noch was gehen mit der Moderatorenkarriere?

Machen wir uns nichts vor: Das war eigent­lich die Prä­misse bei der Late-Night. Da hat mein Pro­du­zent Jörg Gra­bosch vor­her auch gesagt: Anke, was willst du? Aber dann kamen halt von außen immer mehr Ein­wände: Nee, das wol­len die Leute nicht, Quote, Ach­tung, nehmt bitte nicht soviel Musik, nicht soviel Talk, und wenn der Vater von Michael Jack­son kommt, darfst du ihn das und das aber nicht fragen.

Aber das ist ja hun­dert Jahre her mit die­ser komi­schen Late-Night-Show und über­haupt nicht ver­gleich­bar! Reden wir lie­ber über den Vor­ent­scheid. Was hast du da für ein Gefühl? Geht es nach dem Hype um Lena und dem Ende der Casting-Euphorie nun wie­der in die Mühen der Ebene?

Ich sehe das als große Mög­lich­keit und als Aben­teuer. Das ist wie Reset, von Null. Ich finde das rich­tig. Ich bin kein Stra­tege, ich kenn mich mit Show — wie bereits erwähnt — nicht aus. Aber ich finde es ganz rich­tig, jetzt das Casting-Prinzip zu ver­las­sen. Ich hatte erst ein biss­chen Angst, dass dadurch, dass die Plat­ten­fir­men da mit­ent­schie­den haben, es zu sehr aufs rein Kom­mer­zi­elle fokus­siert ist. Aber die Mischung ist ganz gut gelun­gen. Ich habe den Ein­druck bei den Kan­di­da­ten, dass da auf Musik geach­tet wurde und dar­auf, ver­schie­dene Gen­res zu haben. Es sind zwei oder drei Songs dabei, wo ich glaube, da hat sich jemand über­legt: Was ist ein Eurovision-Song? Es sind Songs dabei, die sagen: Nee, kein Bock, das machen wir ganz anders. Und es sind Songs dabei, die ein­fach für sich selbst ste­hen. Das finde ich als Mischung gut.

Hast du etwas Beson­de­res geplant für die Show?

Nein, das möchte ich nicht. Der Fokus soll auf den Kan­di­da­ten lie­gen. Und Lena und Loreen sind da, das finde ich total sexy.

Du machst nur die Ansagerin.

Ja. Ich habe Lust aus­zu­pro­bie­ren, ob man eine anspruchs­volle Show machen kann, die keine Angst vor Enter­tain­ment hat. Ich bin auch gespannt, ob es funk­tio­niert, dass es diese Drit­tel­auf­tei­lung in der Abstim­mung gibt zwi­schen Jury, Fern­seh­pu­bli­kum und Radio­hö­rern. Ich weiß für mich per­sön­lich noch nicht genau, wie ich diese Auf­tei­lung finde. Mal sehen.

Und du hast jetzt, nach­dem du dich lange geziert hast, die Mode­ra­tion für zehn Jahre zugesagt.

Neee, ich muss doch erst­mal gucken, ob mir das gefällt!

»Unser Song für Malmö«, 14. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste.

»We are people with sand and we draw the sand«

Ich habe mich ja ver­gan­gene Woche neu in Anke Engelke ver­liebt. Und auf YouTube ist vor ein paar Tagen ein Video auf­ge­taucht, das einen Grund dafür zeigt.

Es sind Auf­nah­men vom Ende der Gene­ral­probe fürs Finale des Euro­vi­sion Song Con­test. In der (zufäl­li­gen) Punk­te­ver­gabe hatte der san­dige Bei­trag aus der Ukraine gewon­nen. In der Probe über­nahm Frau Engelke nun kur­zer­hand den Part, den Sie­ger­ti­tel noch ein­mal vorzutragen:

[Nach­trag, 23. Mai: Der NDR hat das Video anschei­nend löschen lassen.]

Übri­gens hatte die ARD dann glück­li­cher­weise doch nicht die kom­plette Bericht­er­stat­tung über den Grand-Prix an das Ver­tre­tungs­per­so­nal am Brainpool-Fließband aus­ge­la­gert. Ver­steckt am spä­ten Sonn­tag­abend im NDR-Fernsehen lief eine ange­nehm klas­si­sche Reportage.

Anders als die Leute, die für das schlimme Vor­ab­ge­töse ver­ant­wort­lich waren und offen­bar ver­zwei­felt ver­sucht hat­ten, irgend­et­was aus dem Grand Prix zu machen, hat­ten die Fil­me­ma­cher Andreas Ammer und Anke Hunold gemerkt, dass die Ver­an­stal­tung ein sol­ches Über­maß an Stoff her­gibt, dass es genügt, dabei zu sein, zuzu­se­hen, mit­zu­ge­hen, nach­zu­fra­gen. Hier gibt es (für Duslog-Gucker) ein Wie­der­se­hen mit Flo­rian Wie­der, der Estin, dem Fin­nen und natür­lich Lena. Die Epi­sode mit dem est­ni­schen Sil­hou­et­ten­krem­pel auf der Bühne wird in schö­ner Aus­führ­lich­keit erzählt (und wei­tere wun­der­bar alberne Momente mit Anke gibt es auch):

Endlich: BILDblog-Spot als Kauf-DVD!

Für Mil­lio­nen BILDblog-Fans geht ein Traum in Erfül­lung: Der Kult-Spot aus dem Inter­net und aus der Fern­seh­wer­bung längst halb abge­wi­ckel­ter Sen­der ist ab sofort als DVD im gut sor­tier­ten Fach­han­del käuf­lich zu erwerben.

Die Doppel-DVD mit dem unge­kürz­ten BILDblog-Werbespot »Jede Lüge zählt« mit Anke Engelke und Chris­toph Maria Herbst (Buch: Chris Gelet­neky, Regie: Tobi Bau­mann) kos­tet im Online-Handel nur 17,95 Euro. Als Bonus-Material ent­hält sie die kom­plette vierte Staf­fel der belieb­ten Sat.1-Sketch-Comedy »Ladykracher«.

Das Cover scheint aber kurz vor der Ver­öf­fent­li­chung lei­der noch geän­dert wor­den zu sein:

[Alter­na­ti­v­co­ve­r­ent­wurf: Alex­an­der Svens­son]

Anke Engelke

Sie wird uns ent­täu­schen. Auch Anke Engel­kes Late-Night-Show wird Deutsch­land nicht ret­ten. Aber viel­leicht ein paar Fernsehabende.

»Was dür­fen wir erwar­ten von der Show, Frau Engelke?«

»Ich werde Sie unterhalten.«

»Mehr nicht?«

»Ich finde das eine ganze Menge!«

Wie süß. Ja, nein, Frau Engelke, das reicht natür­lich nicht. Es ist ein biß­chen schwie­rig, in all den Ver­öf­fent­li­chun­gen vor dem Start von »Anke Late Night«, den Kom­men­ta­ren und Essays, War­nun­gen und Rat­schlä­gen den Über­blick zu behal­ten, aber eines erwar­ten sie alle: Bedeu­tung. »Sie soll so wit­zig sein wie Harald Schmidt und zugleich so bedeut­sam wer­den«, hat die Zeit­schrift »Cicero«, jener neue selbst­er­klärte Hort der eli­tä­ren Debatte, for­mu­liert. (Und natür­lich hin­zu­ge­fügt, daß ihr das nicht gelin­gen wird, denn für Schmidts Stra­te­gie sei sie weder gebil­det noch geist­reich genug.) Das »Amt des Hof­nar­ren« sei seit Schmidts Abschied ver­waist, jenes »uner­setz­li­che Regu­la­tiv zum tau­ben Ernst der poli­ti­schen Klasse«. Grund­gü­ti­ger: Mit Deutsch­land geht es bergab, und nun ist auch noch ein uner­setz­li­ches Regulativ-Amt ver­waist, und die ein­zige Kan­di­da­tin für die Nach­folge ist offen­sicht­lich ungeeignet.

Der Köl­ner Medi­en­profi Lutz Hach­meis­ter hat gesagt, »Engelke ist keine Leit­fi­gur für Halb-Intellektuelle«, was zwei­fel­los stimmt, von der Nach­rich­ten­agen­tur dpa aber als Kri­tik an der Wahl der Enter­tai­ne­rin inter­pre­tiert und von Kol­le­gen gleich abge­schrie­ben wurde. Wenn es etwas gibt, das wir wirk­lich ganz beson­ders drin­gend brau­chen in die­sem Land, ist es ja eine Leit­fi­gur für Halb-Intellektuelle.

Sat.1 darf sich über die ver­quaste Debatte nicht bekla­gen: Der Sen­der betei­ligt sich mun­ter am Spiel und belas­tet die Show mit Gewicht. »Anke Late Night« werde das Forum, in dem Angela Mer­kel ihre Kanz­ler­kan­di­da­tur bekannt­ge­ben könnte, träumte der frisch gekürte Geschäfts­füh­rer Roger Scha­win­ski. Seine Spre­che­rin beharrt auf Nach­frage dar­auf: Nein, es rei­che eben nicht, vier­mal die Woche am spä­ten Abend eine Sen­dung zu machen, die so unter­halt­sam sei, wie es Engel­kes Sketch­show »Lady­kra­cher« war. »Anke Late Night« müsse — gerade in der ers­ten Zeit — Schlag­zei­len machen, bri­sant sein, Agen­tur­mel­dun­gen produzieren.

Jawohl: Bedeu­tung haben.

Da ist es kein Wun­der, daß am ver­gan­ge­nen Frei­tag zwei Stun­den lang die Jour­na­lis­ten, denen Anke Engelke im Zehn-Minuten-Takt Tele­fon­in­ter­views gibt, alle die glei­chen Fra­gen stel­len (bis auf den einen, der fragt, was sie gerade anhat): Ist sie ner­vös? Wie kommt sie mit dem Druck klar? Sind die Erwar­tun­gen nicht zu hoch, die Fuß­stap­fen zu groß? Anke Engelke wird nicht müde, falsch: sie wird müde, zu wie­der­ho­len, sie sei über­haupt nicht ner­vös, wirk­lich nicht, sie spüre die­sen Druck nicht, das sei nicht ihr Druck, sie freue sich ein­fach auf die Sen­dung. Poli­tik? Bedeu­tung? Hallo? — »Es soll eine unter­halt­same Stunde werden.«

Seit Wochen pla­nen ihre Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter täg­lich, was für eine Sen­dung sie machen wür­den, wenn sie schon eine Sen­dung machen wür­den, auf dem Papier und am Tele­fon, weil die Engelke noch in Grie­chen­land war, um mit Dietl einen Film zu dre­hen. Ver­gan­gene Woche haben sie dann drei Sen­dun­gen pro­du­ziert, zur Probe, aber mit Publi­kum und pro­mi­nen­ten Gäs­ten, wie eine rich­tige Sen­dung, in den Stu­dios der Firma Brain­pool in Köln-Mühlheim, nicht weit von dem Ort, an dem auch Sie-wissen-schon-wer jeden Tag Sie-wissen-schon-was auf­ge­nom­men hat. Und was herrscht da? Atem­lose Span­nung? Fieb­rige Ruhe? Ner­vöse Hek­tik? Nichts von alle­dem. Aus­ge­rech­net die­ser Ort, an dem diese wich­tige Sen­dung ent­steht, scheint der ein­zige zu sein in Deutsch­land, wo sich die Men­schen nachts nicht schlaf­los im Bett wäl­zen und grü­beln: Ob das was wird?

Bei der drit­ten Pro­be­sen­dung sit­zen Dut­zende Foto­gra­fen und die gesamte Medi­en­jour­na­lis­ten­meute im Publi­kum, der Sen­der­chef ist da und der Unter­hal­tungs­chef, aber das Gefühl, einem Event bei­zu­woh­nen, ver­liert sich, sobald man den Blick auf die eigent­li­chen Macher rich­tet. Wenn hier Geschichte geschrie­ben würde, müßte sich das anders anfüh­len. Ja, Gott, das hat es noch nie gege­ben, welt­weit nicht, daß eine Frau eine Late-Night-Show mode­riert, aber ers­tens kann »die Anke« das, und zwei­tens ist das ja nicht die erste Late-Night-Show, die wir hier auf die Beine stel­len (die Geschichte reicht zurück bis zur selig ver­ges­se­nen »RTL Nacht­show« mit Tho­mas Koschwitz vor zehn Jahren).

Das fast kusche­lige Wohl­ge­fühl hier ist der denk­bar größte Gegen­satz zu der Hys­te­rie drau­ßen, und inter­es­san­ter­weise trifft das auf den Inhalt der Show genauso zu. Zunächst ein­mal ist man über­haupt ver­blüfft, fest­zu­stel­len, daß es sich nur um eine Fern­seh­sen­dung han­delt und nicht die Welt­re­vo­lu­tion und daß es sich bei der Mode­ra­to­rin nicht um eine obskure Frau Engelke han­delt, die gerade vom Him­mel gefal­len oder aus einem Offe­nen Kanal gekrab­belt ist und des­halb den Lesern in Dut­zen­den Por­traits erst mal vor­ge­stellt wer­den mußte, son­dern tat­säch­lich um jene Frau Engelke, die einst im Kin­der­pro­gramm neben einem Hund und einem Vor­stadt­ro­cker als alt­klu­ges dick­li­ches Mäd­chen (unan­ge­nehm) auf­fiel und auch in den 25 Jah­ren dar­auf dem ein oder ande­ren Zuschauer schon begeg­net sein könnte.

Sie hat eine klas­si­sche Late-Night-Show-Dekoration mit einer Sky­line, die von Klin­kern und Stahl­trä­gern ein­ge­rahmt wird. Sie hat eine klas­si­sche Late-Night-Show-Band (mit ihrem Lebens­ge­fähr­ten als Band­lea­der und per­sön­li­chem Bei­stand, der aber, wie sie sagt, wenn es erst mal gut läuft, gegen einen rich­ti­gen Musi­ker aus­ge­tauscht wird). Und sie hat einen nicht ganz so klas­si­schen Schreib­tisch, sty­lisch, »funky«, wie ihr Pro­du­zent sagt, geschwun­gen in weiß und orange, ein biß­chen, als wäre er von Apple, und dane­ben ein hell­graues Sofa, das flau­schig aus­sieht, aber nicht sehr gemütlich.

Sie tritt auf als Anke Engelke, was ganz schön ist im Ver­gleich zu Harald Schmidt, der erst als David Let­ter­man auf­trat und spä­ter als »Harald Schmidt«, sagt »Hallo zu Hause« und muß sich dann lei­der als ers­tes in ein altes Kor­sett zwän­gen, das ihr nicht paßt, das zwickt und kratzt: Die obli­ga­to­ri­sche Stand-up-Nummer, mit nahe­lie­gen­den Ein­zei­lern zu dem, was heute so pas­siert ist, auch Poli­ti­schem. Sat.1-Chef Scha­win­ski ist dar­auf beson­ders stolz, schwärmt von der wich­ti­gen »Tages­ak­tua­li­tät« und hat das Wort »Bedeu­tung« schon wie­der groß auf der Stirn ste­hen, dabei kann man die­sen Teil, zumin­dest in den ers­ten Wochen, bis sie eine eigene Hal­tung gefun­den haben wird, getrost verpassen.

Einige Ein­spiel­filme gibt es, mal mit Pup­pen, mal mit den Schwarz-Weiß-Frauen aus »Lady­kra­cher«, mal mit mit­tel­lus­ti­gen Stra­ßen­um­fra­gen, mal mit Engelke, die sich in Char­lotte Roche ver­wan­delt und dann Char­lotte Roche inter­viewt, was so gut ist, daß es nicht nur für Char­lotte Roche beun­ru­hi­gend wirkt.

Aber das eigent­li­che Gefühl, daß diese Show eine wer­den könnte, auf die man sich freut, ent­wi­ckelt sich, wenn man Anke Engelke im Talk sieht. Außer dem Talent, in ver­schie­dene Rol­len zu schlüp­fen, hat sie das Talent, mit Men­schen zu reden. Sie ist auf­merk­sam, ach­tet auf Stim­mun­gen, rea­giert spon­tan auf das Publi­kum, läßt Situa­tio­nen eska­lie­ren und in unge­ahnte Rich­tun­gen ent­wi­ckeln und holt sie mit einem Witz, einem The­men­wech­sel oder auch einer Pause vom Abgrund zurück. Das Geheim­nis die­ser Gesprä­che ist es, gerade nicht bedeu­tungs­voll sein zu wol­len. »Sabine Chris­ti­an­sen« ist bedeu­tungs­voll, »Beck­mann« ist ein Bedeu­tungs­vam­pir, der alles Gewich­tige aus sei­nen Gäs­ten her­aus­saugt, bei Johan­nes B. Ker­ner strot­zen sogar die Prä­po­si­tio­nen in den Sät­zen, mit denen er seine Gäste vor­stellt, vor Rele­vanz. Und was will Anke Engelke? Schein­bar fast nichts. Die Leute sol­len sich wohl füh­len, nicht ner­vös sein. »Das Unver­stellte will ich sehen. Es gibt in jeder Minute drei, vier Momente, die spon­tan sind und schön.«

Die nordrhein-westfälische Umwelt­mi­nis­te­rin Bär­bel Höhn etwa habe in der Pilot­sen­dung nichts »bekannt­ge­ge­ben«, sagt Engelke. »Die war am Anfang total ver­krampft; dann haben wir erst mal ein paar Erd­bee­ren zusam­men geges­sen.« Danach haben sie über ihre »Ex«-Männer gespro­chen, den Wolf­gang Cle­ment und den Johan­nes Rau, und die Höhn hat erzählt, daß der Cle­ment schon mal mit Akten­ord­nern gewor­fen hat.

Der Hockey­spie­ler Flo­rian Kunz ist in einer Pilot­sen­dung zu Gast, ein Mann, der nicht vor Witz sprüht, ein Thema, das kei­nen beson­de­ren aktu­el­len Anlaß hat, ein Sport, den Frau Engelke zeit­weise mit Eis­ho­ckey ver­wech­selt und auch danach noch vom »Puck« spricht. Es ist, so gese­hen, das bedeu­tungs­lo­seste Gespräch der Welt, aber zuzu­se­hen, wie sie ihn nach der »alber­nen« Lauf­po­si­tion befragt, nach Rücken­schmer­zen und daß er dann ja wohl gut staub­sau­gen könne, und er all­mäh­lich auf­taut und davon erzählt, daß er frisch gewon­nene Pokale mit ins Bett nimmt, ist ange­nehm — weil man das Gefühl hat, daß das Gespräch offen ist, ohne Fra­gen­k­ärt­chen, die abge­ar­bei­tet wer­den, ohne Zwang, nach­her was an die Agen­tu­ren geben zu kön­nen. (Roger Scha­win­ski hat den Reiz lei­der nicht ver­stan­den und hin­ter­her erklärt, unter ech­ten Bedin­gun­gen hätte man so einen Gast natür­lich nur ein­ge­la­den, wenn er gerade die Gold­me­daille gewon­nen hätte.)

Wenn alles gut­geht, könnte »Anke Late Night« diese klei­nen Momente des Fern­seh­glücks zau­bern, wie man sie gele­gent­lich bei ihren Kol­le­gin­nen Bar­bara Schö­ne­ber­ger, Chris­tine Wes­ter­mann oder Char­lotte Roche und auch bei Wigald Bon­ing erlebt. Momente, in denen es schein­bar um nichts geht, die aber auch kein sinn­lo­ses Geblub­ber sind, weil der Zuschauer für einen Augen­blick das Gefühl bekommt, nicht einem Ritual bei­zu­woh­nen, son­dern Men­schen zuzu­se­hen, zwi­schen denen etwas pas­siert. Die sich öff­nen und selbst nicht wis­sen, wohin sich das ent­wi­ckelt. Wenn dann wirk­lich die Mer­kel vor­bei­käme, wüßte man zwar hin­ter­her wahr­schein­lich immer noch nicht, ob sie Kanz­ler­kan­di­da­tin wird, hätte aber viel­leicht ein Gefühl dafür bekom­men, ob sie Humor hat und wie sie rea­giert, wenn ihr ihre eigene Par­odie gegenübersteht.

Viel­leicht seh­nen sich ja die Zuschauer nach sol­chen Augen­bli­cken: nach so was wie Ehr­lich­keit oder auch nur Unbe­re­chen­bar­keit in einem Fern­seh­pro­gramm, das so voll­stän­dig erstarrt ist, daß man selbst bei Live-Sendungen die Texte mit­spre­chen kann. Aber um die­ses Bedürf­nis befrie­di­gen zu kön­nen, muß eine Sen­dung leise sein, fast unschein­bar und kusche­lig wie »Blon­des Gift« oder »Zim­mer frei«. »Anke Late Night« könnte uns womög­lich vier­mal die Woche für eine Stunde mit dem Fern­se­hen ver­söh­nen. Aber dafür müßte die große Show klein sein dürfen.

Daß man sie läßt, ist kaum zu erwarten.

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