Was die RTL-Chefin bei Klaus Boldt hervorwölben lässt

Der ver­lo­genste Arti­kel zum Welt­frau­en­tag stand dann aber doch nicht in »Bild«, son­dern im Online-Auftritt des »Mana­ger Maga­zins«. Der Medi­en­re­dak­teur Klaus Boldt, des­sen Arti­kel berühmt dafür sind, dass man mit den in ihnen gefloch­te­nen Gir­lan­den ein­ein­halb mal sämt­li­che Kar­ne­vals­fei­ern des süd­li­chen Rhein­lan­des aus­stat­ten könnte, hat Anke Schä­fer­kordt getrof­fen, die erfolg­rei­che Geschäfts­füh­re­rin von RTL, eine Frau.

Boldt hat sich in Schä­fer­kordt ver­liebt. Ich weiß nicht, ob es etwas Ero­ti­sches ist, ihre Aus­strah­lung, ihre Bilan­zen oder auch nur ein gemein­sa­mes Des­in­ter­esse am Medium Fern­se­hen. Ich fürchte, mit ein­mal kalt Duschen wird es nicht getan sein, aber ein Eimer Was­ser über den Kopf könnte sicher nicht schaden.

Boldt ist ganz ent­rückt ange­sichts der Tat­sa­che, dass diese Frau so erfolg­reich ist und die­ser erfolg­rei­che Mana­ger eine Frau. Er lässt sich nicht davon beein­dru­cken, dass Schä­fer­kordt die schöne For­mu­lie­rung benutzt, sie sei »durch­gän­gig gelang­weilt« von dem Thema, dass sie als Frau ein Mil­li­ar­den­un­ter­neh­men leite. Er ver­sucht manch­mal, seine Ungläu­big­keit hin­ter Unei­gent­lich­keit zu ver­ste­cken, so als seien es nur die ande­ren, die staun­ten über diese Kom­bi­na­tion von Geschlecht und Gewinn. Es gelingt ihm nicht.

Er schreibt, sie gelte als »Won­der Woman der deut­schen Wirt­schaft«, aber das hat er sich sicher nur aus­ge­dacht. Sie ist seine Won­der Woman. Sie bringt ihn dazu, den üppi­gen Platz, den ihm die Zeit­schrift ein­ge­räumt hat, nicht nur mit ver­we­ge­nen Orts­be­schrei­bun­gen zu fül­len, son­dern auch mit etwas, das er selbst »Wei­ber­ge­schwätz« nennt:

Won­der Woman kehrt vom Fens­ter an den Bespre­chungs­tisch zurück. Sie trägt einen Hosen­an­zug, der, wenn nicht alles täuscht, von der Farbe dunk­ler Alpen­veil­chen ist. Die Sekre­tä­rin lie­fert einen Cap­puc­cino, Won­der Woman bleibt lie­ber beim Was­ser: Sie ist erkäl­tet und hus­tet, wofür sie sich höf­li­cher­weise jedes Mal entschuldigt.

Schä­fer­kordt wurde, was womög­lich Anlass sei­ner Lie­bes­er­klä­rung ist, in den Auf­sichts­rat von BASF beru­fen, was laut Boldt einer­seits eine Ver­samm­lung ist, in der sich »Wirt­schaft und Weis­heit so ver­dich­ten« wie in weni­gen ande­ren, ande­rer­seits womög­lich über­trie­ben. Über den BASF-Aufsichtsratschef Eggert Voscherau schreibt er:

Dass Schä­fer­kordt eine Frau sei, habe bei ihrer Beru­fung über­haupt keine Rolle gespielt. Gescha­det hat es aber auch nicht: Man müsse ja »nicht gegen den Trend lau­fen, wenn man jeman­den fin­det, der passt«, sagt Diplo­mat Voscherau.

Und so fragt Boldt:

Wer ist diese Frau, deren Auf­stieg sich im Reich der Ber­tels­mann AG voll­zog, die zu den Hoch­bur­gen des Machismo in die­sem Lande gezählt wer­den darf?

Das »Mana­ger Maga­zin«, muss man wis­sen, gehört auch zum Reich der Ber­tels­mann AG, wes­halb man die­sen Satz natür­lich auch als eine Art augen­zwin­kernde Ent­schul­di­gung für den Chau­vi­nis­mus des Arti­kels, in dem er steht, lesen kann, was unge­fähr so gut gelingt wie der Ver­such, eine Dau­ere­rek­tion unter einer Papier­ser­vi­ette zu verstecken.

Jeden­falls, also, wer ist nun diese Frau?

Won­der Woman ist eine gewandte, mit­tel­große Frau; sie hat ein ange­neh­mes Äuße­res, ein nicht min­der ange­neh­mes Wesen und die sanfte Alt­stimme einer Schnul­zen­sän­ge­rin. Sie ist kin­der­los und unver­hei­ra­tet, aber seit 20 Jah­ren mit dem Dr. Abtei­lungs­di­rek­tor Bier­mann vom Haus der Geschichte zu Bonn aufs Glück­lichste liiert. Sie ist 48 und sieht aus wie 35.

Sie sah aus wie 35, und er war wie­der 16. (War aller­dings Winter.)

Das Gestelzte einer Business-School-Amazone geht ihr völ­lig ab, ihr Blick ist scharf und klar mit etwas Ehr­li­chem und Unschul­di­gem und Unver­dor­be­nem darin, was man in die­ser Bran­che nicht allzu oft zu sehen bekommt. Sie ist freund­lich, aber auch nicht so ver­trau­lich, als wollte sie einem einen Tipp fürs nächste Pfer­de­ren­nen geben.

Das ist ein Fluch. Wenn andere davon träu­men, Pferde zu steh­len, wol­len Wirt­schafts­ma­ga­zin­re­dak­teure nur Tipps, wie man mit ihnen Geld ver­die­nen kann.

Viel­leicht liegt es nur an mir, aber in die­sem Kon­text lesen sich selbst Boldts gespreizte Ver­ben fast pornographisch:

Im ers­ten Halb­jahr 2010 wölbte sich der Umsatz (2009: 1,7 Mil­li­ar­den Euro) um 5 Pro­zent auf 864 Mil­lio­nen Euro vor, das Ebita dehnte sich um knapp 63 Pro­zent auf 257 Mil­lio­nen Euro aus.

Jeden­falls:

Die Her­ren des Hau­ses Ber­tels­mann, des­sen Betriebs­ka­pi­tal von RTL in wün­schens­wer­tes­ter Weise gestärkt wird, nicken ein­an­der zu und las­sen die ange­nehms­ten Scherze ein­flie­ßen, der Art, dass man von außen nicht sagen könne, ob RTL nun von einem Weibe oder einem Manne geführt würde oder nicht.

Mein Draht zu Frau Schä­fer­kordt ist nicht gut genug, um das her­aus­krie­gen zu kön­nen, aber ich wüsste gerne, ob es ihr beim Lesen die­ser Stelle so ging wie mir und die Lan­ge­weile kurz von dem Geruch von Erbro­che­nen über­la­gert wurde. Aufs ange­nehmste, natür­lich.

Tat­säch­lich ist bei Schä­fer­kordt schon an die­ser Stelle unbe­dingt die Intui­tion anzu­füh­ren, die den Damen bekannt­lich im Über­maß zur Ver­fü­gung steht: Ihre Fähig­keit, den Publi­kums­ge­schmack zu erra­ten, prägte sich bereits aus, als sie noch bei Vox die Sen­de­lei­tung inne­ge­habt hatte.

Doch, Bauch­ge­fühl, das haben sie, die Frauen.

In ihrer Amts­zeit hat sie dem Sen­der­re­per­toire stra­te­gi­sche Kon­tu­ren ver­lie­hen und ein loses Ensem­ble zum soli­den Gan­zen zusam­men­ge­führt. Das Ange­bot leis­tet sich kaum Blö­ßen: »Deutsch­land sucht den Super­star«, »Wer wird Mil­lio­när«, »Das Super­ta­lent«, »Bauer sucht Frau«, dazu Boxen und die Ren­nen der For­mel 1 — die Markt­an­teile der Kon­kur­renz lösen sich auf wie Brausetabletten.

Was immer »stra­te­gi­sche Kon­tu­ren« sein mögen: Vier der sechs genann­ten Sen­dun­gen waren lange vor dem Amts­an­tritt von Schä­fer­kordt tra­gende Säu­len des RTL-Programms und Boxen ist es heute ver­mut­lich weni­ger denn je. Aber Boldt ist längst zum eng­li­schen Pati­en­ten geworden:

Es kommt sel­ten vor, dass jemand, nach sei­ner Arbeit gefragt, so freund­lich, ja gera­dezu hin­ge­bungs­voll von sei­nem »Team« spricht wie die RTL-Intendantin. Sie hat so eine gewisse Art, die einen an Laza­rett­schwes­tern den­ken lässt, die Ver­wun­de­ten Erste Hilfe leisten.

»Fern­se­hen — und das ist wirk­lich schön und macht mir des­we­gen so viel Spaß — ist Team­ar­beit. Den Pro­gram­mer­folg würde ich nie für mich per­sön­lich in Anspruch neh­men. Ich muss letzt­end­lich nur alles zusam­men­hal­ten und ein wenig die Rich­tung wei­sen.« Sie bringt diese Sätze mit Fri­sche und Auf­rich­tig­keit vor, aber auch nicht so, als würde sie sie extra in ihr Tage­buch ein­tra­gen wollen.

Neinn­ein, ins Tage­buch nicht. Nur ins »Mana­ger Magazin«.

Schä­fer­kordt ist zwar ideo­lo­gie­feste Ber­tels­frau, und ihre unbe­schwerte Arbeits­weise hat eini­ges damit zu tun, dass sie ihr gesam­tes Berufs­le­ben in die­sem Unter­neh­men ver­bracht hat. Aber nicht nur BASF betrach­tet sie mit Augen, in denen sowohl Neid liegt als auch Verlangen.

Ver­lan­gen! Sicher­heits­hal­ber hat Boldt hinzugefügt:

So eine wie die Schä­fer­kordt hät­ten auch andere Unter­neh­men gern.

(Her­vor­he­bung von mir.)

Der Urin-Fleck & Frau Schäferkordts Busen

Da ist also einem Kan­di­da­ten bei »Deutsch­land sucht den Super­star« ein Miss­ge­schick pas­siert. Als er vor der Jury stand, hatte er einen Urin-Fleck auf der Hose. Die­ter Boh­len zeigte mit dem Fin­ger auf ihn und machte sich lus­tig, dass er sich »in die Hose gepisst« hätte. RTL bear­bei­tete die Szene so nach, dass die pein­li­che Situa­tion noch pein­li­cher wirkte und die Bloß­stel­lung des 18-Jährigen maxi­mal war, und ver­wen­dete dafür auch Sätze Boh­lens, die auf einen ganz ande­ren Kan­di­da­ten gemünzt waren. Das haus­ei­gene Video­por­tal »Clip­fish« zeigte den Aus­schnitt unter dem vol­len Namen des Möchtegern-Superstars und der Beschrei­bung als »Pipi-Kandidat« (inzwi­schen geändert).

Der Sen­der meint nicht, dass er den Kan­di­da­ten hätte schüt­zen müs­sen und die Szene weg­las­sen sol­len. »Wir zei­gen, was beim Cas­ting pas­siert. Wenn sich ein Kan­di­dat mit nas­ser Hose vor die Jury stellt, darf er sich nicht wun­dern, wenn er dar­auf ange­spro­chen wird«, zitiert der Bran­chen­dienst »Mee­dia« RTL-Sprecherin Anke Eick­meyer. »Wir sind jetzt in der sieb­ten Staf­fel von DSDS. Wer sich bewirbt, sollte wis­sen, wie die Sen­dung abläuft.«

· · ·

Vor gut zwei Jah­ren ist RTL-Geschäftsführerin Anke Schä­fer­kordt ein Miss­ge­schick pas­siert. Nichts, was auch nur annä­hernd so pein­lich gewe­sen wäre, aber sie hatte sich als Gast­ge­be­rin des Deut­schen Fern­seh­prei­ses 2007 ein Kleid aus­ge­sucht, das ihrem Dekol­leté eine ver­mut­lich eher nicht beab­sich­tigte Form gab, was auf­fiel, wenn die Kame­ras sie wie­der ein­mal im Publi­kum ein­fin­gen. Ich habe mir die Über­tra­gung der Sen­dung auf RTL ange­se­hen und live dar­über geb­loggt, und als eine Kom­men­ta­to­rin auf den unglück­lich gepress­ten Busen hin­wies, griff ich das auf und band zur Illus­tra­tion auch einen Screen­shot von der Szene ein, nichts Dra­ma­ti­sches, wie gesagt, nur eine etwas unvor­teil­hafte Situation.

Chris­tian Kör­ner, der Pres­se­spre­cher des Sen­ders, war dar­über nicht glück­lich. Er rief mich an, bat freund­lich darum, das Bild zu ent­fer­nen, betonte aber, dass es auch juris­ti­sche Fol­gen haben könne, wenn ich es nicht täte. Ich erfüllte sei­nen Wunsch und ersetzte den Screen­shot durch einen ent­spre­chen­den Hin­weis.

Als ich in der ver­gan­ge­nen Woche las, warum RTL es für rich­tig hält, das Miss­ge­schick eines Kan­di­da­ten groß aus­zu­stel­len, habe ich meine Ent­schei­dung bereut.

Wusste Frau Schä­fer­kordt damals etwa nicht, dass der »Deut­sche Fern­seh­preis« im Fern­se­hen aus­ge­strahlt wird? Gilt für Frau Schä­fer­kordt nicht: Wenn sich jemand mit einem unglück­lich sit­zen­den Kleid bei einer eige­nen öffent­li­chen Ver­an­stal­tung zeigt, darf sie sich nicht wun­dern, wenn andere Leute das kom­men­tie­ren? Aus wel­chem Grund muss man Frau Schä­fer­kordt mit einer sehr viel harm­lo­se­ren Panne schüt­zen (»vor sich selbst«, wie es immer so schön heißt), einen jun­gen »DSDS«-Kandidaten aber nicht? Wie kann jemand, der eine Sen­dung wie »DSDS« ver­ant­wor­tet, einen beson­de­ren Schutz vor öffent­li­cher Zuschau­er­stel­lung für sich in Anspruch nehmen?

Das fragte ich mich. Und die Pres­se­leute von RTL.

Chris­tian Kör­ner ant­wor­tete mir, er finde den Zusam­men­hang »kon­stru­iert«. Ihm sei schlei­er­haft, warum ich »ein­zelne Casting-Auftritte einer Sen­dung mit der Gar­de­robe der Geschäfts­füh­re­rin der Sendergruppe/des Sen­ders in unmit­tel­bare Ver­bin­dung« bringe. Es sei — auch juris­tisch — ein Unter­schied, ob man zu einem TV-Casting gehe, »das wenig über­ra­schend auch im TV gezeigt wird«, oder »ein Gast von vie­len einer Ver­an­stal­tung im Publi­kum, dem viel­leicht mal was ver­rutscht«. Er fügte hinzu: »Auch die Empö­rung kann ich nur bedingt nach­voll­zie­hen, weil Sie — anders als andere — vor­zugs­weise davon aus­ge­hen, dass die Men­schen, die zB zu einem Cas­ting kom­men, vor sich selbst und der Welt geschützt wer­den müssen.«

Nun wies ich dar­auf hin, dass Frau Schä­fer­kordt kei­nes­wegs Gast, son­dern Gast­ge­be­rin war, und fügte hinzu, dass ich — anders als er mir unter­stellte — gar nicht wisse, ob die Men­schen vor sich selbst und der Welt geschützt wer­den müs­sen. Ich fragte mich nur, warum Frau Schä­fer­kordt nicht selbst aus­hal­ten muss, was sie ande­ren zumutet.

Es kam dar­auf keine wirk­li­che Ant­wort. Nur, dass die Geschäfts­füh­re­rin ja »in der Regel nicht per­sön­lich die Sen­dung schnei­det«. Und ich doch machen solle, was ich wolle, denn: »Empö­rung rund um DSDS kommt sicher nicht nur in Ihrer Redak­tion oder Ihrem Blog gut an — und der Bei­fall ist Ihnen sicher.«

Aber meine Frage ist unbe­ant­wor­tet: Warum stel­len die RTL-Leute andere Men­schen auf eine Art und Weise bloß, die sie bei sich selbst schon in viel harm­lo­se­rer Form uner­träg­lich finden?

25 Jahre RTL: Ein Fall für die Couch

Schauen Sie sich mal die­ses Bild an:

Fällt Ihnen was auf? War­ten Sie, hier sieht man’s noch besser:

Ham­mer, oder? Und hier ver­schwin­den die letz­ten Zweifel:

Tat­sa­che. Kein Sofa.

Es muss ich um eine RTL-Show han­deln, der Standard-RTL-Show-Moderator steht in der Standard-RTL-Show-Kulisse, alles ist wie immer, aber es fehlt das Sofa!

Einen Augen­blick lang dachte ich, RTL habe das Unvor­stell­bare gewagt und sich und uns zu sei­nem 25. Geburts­tag eine Show geschenkt, die anders ist als all die Shows, die RTL sonst immer zeigt. Aber es stellte sich her­aus, dass sich das Sofa nur ein biss­chen ver­spä­tet hatte, aber nach dem ers­ten Block, im dem — wie immer — Men­schen vor einer Blue-Box sit­zen und mit Halb­sät­zen kom­men­tie­ren, was sie und die Zuschauer gerade sehen…

…also danach war dann auch das Sofa da und es war fast alles wie immer:

(Spä­ter nahm dann statt Gün­ther Jauch, Bruce Dar­nell und Die­ter Boh­len Atze Schrö­der auf dem Sofa Platz, und es war exakt alles wie immer.)

Man darf das nicht klein reden, das Revo­lu­tio­näre an der Ent­schei­dung, die Sen­dung ohne das Sofa zu begin­nen, ver­mut­lich waren x Son­der­sit­zun­gen diver­ser RTL-Gremien nötig, um diese Abwei­chung vom vor­ge­schrie­be­nen RTL-Show-Standard zu genehmigen.

Pro­mi­nente und Zuschauer staun­ten ange­sichts der Aus­schnitte aus der RTL-Geschichte, was da frü­her alles im Sen­der gelau­fen war. Nicht nur, wie unbe­hol­fen und unfer­tig das oft daher kam, son­dern auch wel­che Band­breite von Gen­res es ein­mal im RTL-Programm gege­ben hat — ver­gli­chen mit der heu­ti­gen Armut und Ein­falt. Der mit Abstand erfolg­reichste kom­mer­zi­elle Sen­der und Takt­an­ge­ber im deut­schen Fern­se­hen hat fast nur noch eine ein­zige Art von Show im Pro­gramm: eben die, in der Pro­mi­nente abwech­selnd auf dem Sofa und vor der Blue-Box kurze Film­aus­schnitte kom­men­tie­ren, in dem immer glei­chen Stu­dio, in dem höchs­tens zwei drei Kulis­sen ver­scho­ben oder die Sofa­be­züge aus­ge­tauscht wer­den, wenn statt »25 Jahre RTL« hier »Die ulti­ma­tive Chart-Show« pro­du­ziert wird, mit der immer glei­chen, hin­ter einem Halbkreis-Tor ver­bor­ge­nen Ecke für die Show-Acts. Unvor­stell­bar, dass RTL sei­nen Geburts­tag in ande­rer Form gefei­ert hätte, als große Gala, ohne die Schlaf­müt­zig­keit eines Oli­ver Gei­ßen, als Doku­men­ta­tion, Fea­ture, intime Talk­runde. Es gibt diese For­men nicht im RTL-Programm, um Geschich­ten aus der Geschichte zu erzäh­len, es muss alles so sein wie immer, und die Quo­ten geben, wie man so schön sagt, RTL Recht.

Und es sind nicht nur die Shows: Auch für Geschich­ten aus dem Leben gibt es bei RTL nur noch eine ein­zi­ges Genre. Ob die »Super-Nanny« hilft oder »Rach, der Restau­rant­tes­ter« kommt, ob Aus­rei­ßer gesucht oder Schul­den getilgt wer­den: Erzähl­weise, Dra­ma­tur­gie, Ton­fall sind immer gleich.

Viel­leicht ist das kein Zufall bei einem Sen­der, der von Anke Schä­fer­kordt als Buch­hal­te­rin ver­wal­tet wird. Sie hat ges­tern der »Süd­deut­schen Zei­tung« eines ihrer typi­schen Inter­views gege­ben, denen man nie anmerkt, ob sie über­haupt ein ein­zi­ges Pro­gramm ihres Sen­ders jemals gese­hen hat, geschweige denn so etwas wie Lei­den­schaft dafür ent­wi­ckelt hätte. »Was uns aus­zeich­net, ist unsere Viel­falt«, sagt sie, und auf die Frage, was das kom­mer­zi­elle Fern­se­hen der Gesell­schaft gebracht habe, ant­wor­tet sie: »Viel­falt, Qua­li­tät und Wett­be­werb, der wach hält.«

Natür­lich sagt sie auch den Satz, den alle Fern­seh­ma­na­ger als Man­tra gewählt haben: »Wir haben die viel­fäl­tigste und qua­li­ta­tiv stärkste Fern­seh­land­schaft welt­weit.« Lei­der wer­den die Schä­fer­kordts nie dazu auf­ge­for­dert, diese Behaup­tung zu begrün­den und zu erklä­ren, inwie­fern zum Bei­spiel das bri­ti­sche oder ame­ri­ka­ni­sche Fern­se­hen ein­tö­ni­ger und schlech­ter wäre. In der »Süd­deut­schen« konnte die RTL-Chefin sogar sagen: »Wir haben ein Voll­pro­gramm und bie­ten in gro­ßem Umfang Infor­ma­ti­ons­for­mate an«, ohne dass der Inter­viewer sie dar­auf hin­wies, dass ihr Sen­der die Zuschauer zwi­schen 19.05 Uhr und 22.15 Uhr an kei­nem Tag der Woche mit auch nur einem ein­zi­gen Infor­ma­ti­ons­pro­gramm behelligt.

Dabei wäre es so leicht: Oli­ver Gei­ßen könnte in der Prime-Time die »Ulti­ma­tive News-Show« prä­sen­tie­ren, in der Gün­ther Jauch, Rosi Mit­ter­maier, Atze Schrö­der und Aleksan­dra Bech­tel kurze Clips von aktu­el­len Neu­ig­kei­ten lau­nig kom­men­tie­ren und Peter Klo­ep­pel als regel­mä­ßi­ger Gast gele­gent­lich Fak­ten­bro­ken ein­wirft. Vom Sofa aus, klar.

»Horizont«-Journalismus

Vor zwei Wochen hätte »Hori­zont«, die Fach­zeit­schrift für Wer­bung und Medien, ja bei­nahe einen jour­na­lis­ti­schen Arti­kel mit unan­ge­neh­men Wahr­hei­ten ver­öf­fent­licht, was durch eine grö­ßere Rück­ruf­ak­tion gerade noch ver­hin­dert wer­den konnte. Inzwi­schen hat man sich in der Redak­tion gefasst und pro­du­ziert wie­der Mel­dun­gen nach dem übli­chen eige­nen Qualitätsstandard.

Mel­dun­gen wie die, dass Anke Schä­fer­kordt von »Hori­zont« als »Medi­en­frau des Jah­res 2008″ aus­ge­zeich­net wird.

Das kann man natür­lich machen. Man kann den von ihr gelei­te­ten Sen­der RTL zum Bei­spiel dafür bewun­dern, wie er es geschafft hat, ange­sichts einer sich ganz von allein zer­brö­seln­den Kon­kur­renz, ein­fach still­zu­hal­ten und auf eigene Ideen, Impulse und Risi­ken zu ver­zich­ten. Man kann Frau Schä­fer­kordt auch dafür fei­ern, dass sie nicht nur Rekord­ge­winne ein­fährt, son­dern nach Anga­ben von ver.di auch flei­ßig wei­ter Stel­len abbaut. Und bestimmt fin­det man in einem Jahr, in dem die Quo­ten für RTL fast durch­weg schlech­ter waren als im Vor­jahr, auch eine Aus­nahme, die man her­vor­he­ben kann.

Und natür­lich wird man die Gewin­ne­rin des eige­nen Prei­ses auf ein hohes Podest stel­len. Aber »Horizont«-Chefredakteur Jür­gen Schar­rer hat es nicht dabei belas­sen, Schä­fer­kordt Kränze zu flech­ten. Er hat die fer­ti­gen Kränze auf­ge­pumpt, ver­gol­det und mit einer dicken Schicht rosa Zucker­watte gerahmt. Aber lesen Sie selbst:

Eine makel­lose Erfolgs­bi­lanz hat zwei­fel­los Anke Schä­fer­kordt, Geschäfts­füh­re­rin bei der Medi­en­gruppe RTL und Medi­en­frau des Jah­res, vor­zu­wei­sen. Im Novem­ber erzielte das Sen­der­flagg­schiff RTL bei den 14– bis 49-Jährigen einen Markt­an­teil von famo­sen 17 Pro­zent, mit »Doctor’s Diary« gelang zudem das Kunst­stück, end­lich auch mal wie­der mit einer deut­schen Serie Erfolg zu haben. Gute Zah­len, starke Quo­ten, effi­zi­ente Struk­tu­ren: So schnell wie bei Schä­fer­kordt war sich die Jury sel­ten zuvor einig, wem die Aus­zeich­nung gebührt.

In einem wei­te­ren Text fügt »Hori­zont« sicher­heits­hal­ber hinzu:

Die Bilanz Schä­fer­kordts bei RTL kann man nur makel­los nen­nen. Die RTL-Gruppe hat sich als über­aus ver­läss­li­che Cash­cow eta­bliert. Als gelernte Con­trol­le­rin hat Schä­fer­kordt das Unter­neh­men kon­se­quent auf Effi­zi­enz getrimmt.

Sol­che Texte muss man als Jour­na­list erst ein­mal schrei­ben wollen.

Wis­sen Sie übri­gens, wer u.a. in der Jury war, die die Män­ner und Frauen für »Hori­zont« gekürt hat? Doch, Sie kom­men drauf.

Nach­trag, 11:40 Uhr. Nach Anga­ben von RTL hat Frau Schä­fer­kordt an der eige­nen Wahl selbst­ver­ständ­lich nicht teilgenommen.