Archiv zum Stichwort: Anke Schäferkordt

Was die RTL-Chefin bei Klaus Boldt hervorwölben lässt

11 Mrz 11
11. März 2011

Der verlogenste Artikel zum Weltfrauentag stand dann aber doch nicht in „Bild“, sondern im Online-Auftritt des „Manager Magazins“. Der Medienredakteur Klaus Boldt, dessen Artikel berühmt dafür sind, dass man mit den in ihnen geflochtenen Girlanden eineinhalb mal sämtliche Karnevalsfeiern des südlichen Rheinlandes ausstatten könnte, hat Anke Schäferkordt getroffen, die erfolgreiche Geschäftsführerin von RTL, eine Frau.

Boldt hat sich in Schäferkordt verliebt. Ich weiß nicht, ob es etwas Erotisches ist, ihre Ausstrahlung, ihre Bilanzen oder auch nur ein gemeinsames Desinteresse am Medium Fernsehen. Ich fürchte, mit einmal kalt Duschen wird es nicht getan sein, aber ein Eimer Wasser über den Kopf könnte sicher nicht schaden.

Boldt ist ganz entrückt angesichts der Tatsache, dass diese Frau so erfolgreich ist und dieser erfolgreiche Manager eine Frau. Er lässt sich nicht davon beeindrucken, dass Schäferkordt die schöne Formulierung benutzt, sie sei „durchgängig gelangweilt“ von dem Thema, dass sie als Frau ein Milliardenunternehmen leite. Er versucht manchmal, seine Ungläubigkeit hinter Uneigentlichkeit zu verstecken, so als seien es nur die anderen, die staunten über diese Kombination von Geschlecht und Gewinn. Es gelingt ihm nicht.

Er schreibt, sie gelte als „Wonder Woman der deutschen Wirtschaft“, aber das hat er sich sicher nur ausgedacht. Sie ist seine Wonder Woman. Sie bringt ihn dazu, den üppigen Platz, den ihm die Zeitschrift eingeräumt hat, nicht nur mit verwegenen Ortsbeschreibungen zu füllen, sondern auch mit etwas, das er selbst „Weibergeschwätz“ nennt:

Wonder Woman kehrt vom Fenster an den Besprechungstisch zurück. Sie trägt einen Hosenanzug, der, wenn nicht alles täuscht, von der Farbe dunkler Alpenveilchen ist. Die Sekretärin liefert einen Cappuccino, Wonder Woman bleibt lieber beim Wasser: Sie ist erkältet und hustet, wofür sie sich höflicherweise jedes Mal entschuldigt.

Schäferkordt wurde, was womöglich Anlass seiner Liebeserklärung ist, in den Aufsichtsrat von BASF berufen, was laut Boldt einerseits eine Versammlung ist, in der sich „Wirtschaft und Weisheit so verdichten“ wie in wenigen anderen, andererseits womöglich übertrieben. Über den BASF-Aufsichtsratschef Eggert Voscherau schreibt er:

Dass Schäferkordt eine Frau sei, habe bei ihrer Berufung überhaupt keine Rolle gespielt. Geschadet hat es aber auch nicht: Man müsse ja „nicht gegen den Trend laufen, wenn man jemanden findet, der passt“, sagt Diplomat Voscherau.

Und so fragt Boldt:

Wer ist diese Frau, deren Aufstieg sich im Reich der Bertelsmann AG vollzog, die zu den Hochburgen des Machismo in diesem Lande gezählt werden darf?

Das „Manager Magazin“, muss man wissen, gehört auch zum Reich der Bertelsmann AG, weshalb man diesen Satz natürlich auch als eine Art augenzwinkernde Entschuldigung für den Chauvinismus des Artikels, in dem er steht, lesen kann, was ungefähr so gut gelingt wie der Versuch, eine Dauererektion unter einer Papierserviette zu verstecken.

Jedenfalls, also, wer ist nun diese Frau?

Wonder Woman ist eine gewandte, mittelgroße Frau; sie hat ein angenehmes Äußeres, ein nicht minder angenehmes Wesen und die sanfte Altstimme einer Schnulzensängerin. Sie ist kinderlos und unverheiratet, aber seit 20 Jahren mit dem Dr. Abteilungsdirektor Biermann vom Haus der Geschichte zu Bonn aufs Glücklichste liiert. Sie ist 48 und sieht aus wie 35.

Sie sah aus wie 35, und er war wieder 16. (War allerdings Winter.)

Das Gestelzte einer Business-School-Amazone geht ihr völlig ab, ihr Blick ist scharf und klar mit etwas Ehrlichem und Unschuldigem und Unverdorbenem darin, was man in dieser Branche nicht allzu oft zu sehen bekommt. Sie ist freundlich, aber auch nicht so vertraulich, als wollte sie einem einen Tipp fürs nächste Pferderennen geben.

Das ist ein Fluch. Wenn andere davon träumen, Pferde zu stehlen, wollen Wirtschaftsmagazinredakteure nur Tipps, wie man mit ihnen Geld verdienen kann.

Vielleicht liegt es nur an mir, aber in diesem Kontext lesen sich selbst Boldts gespreizte Verben fast pornographisch:

Im ersten Halbjahr 2010 wölbte sich der Umsatz (2009: 1,7 Milliarden Euro) um 5 Prozent auf 864 Millionen Euro vor, das Ebita dehnte sich um knapp 63 Prozent auf 257 Millionen Euro aus.

Jedenfalls:

Die Herren des Hauses Bertelsmann, dessen Betriebskapital von RTL in wünschenswertester Weise gestärkt wird, nicken einander zu und lassen die angenehmsten Scherze einfließen, der Art, dass man von außen nicht sagen könne, ob RTL nun von einem Weibe oder einem Manne geführt würde oder nicht.

Mein Draht zu Frau Schäferkordt ist nicht gut genug, um das herauskriegen zu können, aber ich wüsste gerne, ob es ihr beim Lesen dieser Stelle so ging wie mir und die Langeweile kurz von dem Geruch von Erbrochenen überlagert wurde. Aufs angenehmste, natürlich.

Tatsächlich ist bei Schäferkordt schon an dieser Stelle unbedingt die Intuition anzuführen, die den Damen bekanntlich im Übermaß zur Verfügung steht: Ihre Fähigkeit, den Publikumsgeschmack zu erraten, prägte sich bereits aus, als sie noch bei Vox die Sendeleitung innegehabt hatte.

Doch, Bauchgefühl, das haben sie, die Frauen.

In ihrer Amtszeit hat sie dem Senderrepertoire strategische Konturen verliehen und ein loses Ensemble zum soliden Ganzen zusammengeführt. Das Angebot leistet sich kaum Blößen: „Deutschland sucht den Superstar“, „Wer wird Millionär“, „Das Supertalent“, „Bauer sucht Frau“, dazu Boxen und die Rennen der Formel 1 — die Marktanteile der Konkurrenz lösen sich auf wie Brausetabletten.

Was immer „strategische Konturen“ sein mögen: Vier der sechs genannten Sendungen waren lange vor dem Amtsantritt von Schäferkordt tragende Säulen des RTL-Programms und Boxen ist es heute vermutlich weniger denn je. Aber Boldt ist längst zum englischen Patienten geworden:

Es kommt selten vor, dass jemand, nach seiner Arbeit gefragt, so freundlich, ja geradezu hingebungsvoll von seinem „Team“ spricht wie die RTL-Intendantin. Sie hat so eine gewisse Art, die einen an Lazarettschwestern denken lässt, die Verwundeten Erste Hilfe leisten.

„Fernsehen — und das ist wirklich schön und macht mir deswegen so viel Spaß — ist Teamarbeit. Den Programmerfolg würde ich nie für mich persönlich in Anspruch nehmen. Ich muss letztendlich nur alles zusammenhalten und ein wenig die Richtung weisen.“ Sie bringt diese Sätze mit Frische und Aufrichtigkeit vor, aber auch nicht so, als würde sie sie extra in ihr Tagebuch eintragen wollen.

Neinnein, ins Tagebuch nicht. Nur ins „Manager Magazin“.

Schäferkordt ist zwar ideologiefeste Bertelsfrau, und ihre unbeschwerte Arbeitsweise hat einiges damit zu tun, dass sie ihr gesamtes Berufsleben in diesem Unternehmen verbracht hat. Aber nicht nur BASF betrachtet sie mit Augen, in denen sowohl Neid liegt als auch Verlangen.

Verlangen! Sicherheitshalber hat Boldt hinzugefügt:

So eine wie die Schäferkordt hätten auch andere Unternehmen gern.

(Hervorhebung von mir.)

Der Urin-Fleck & Frau Schäferkordts Busen

11 Jan 10
11. Januar 2010

Da ist also einem Kandidaten bei „Deutschland sucht den Superstar“ ein Missgeschick passiert. Als er vor der Jury stand, hatte er einen Urin-Fleck auf der Hose. Dieter Bohlen zeigte mit dem Finger auf ihn und machte sich lustig, dass er sich „in die Hose gepisst“ hätte. RTL bearbeitete die Szene so nach, dass die peinliche Situation noch peinlicher wirkte und die Bloßstellung des 18-Jährigen maximal war, und verwendete dafür auch Sätze Bohlens, die auf einen ganz anderen Kandidaten gemünzt waren. Das hauseigene Videoportal „Clipfish“ zeigte den Ausschnitt unter dem vollen Namen des Möchtegern-Superstars und der Beschreibung als „Pipi-Kandidat“ (inzwischen geändert).

Der Sender meint nicht, dass er den Kandidaten hätte schützen müssen und die Szene weglassen sollen. „Wir zeigen, was beim Casting passiert. Wenn sich ein Kandidat mit nasser Hose vor die Jury stellt, darf er sich nicht wundern, wenn er darauf angesprochen wird“, zitiert der Branchendienst „Meedia“ RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer. „Wir sind jetzt in der siebten Staffel von DSDS. Wer sich bewirbt, sollte wissen, wie die Sendung abläuft.“

· · ·

Vor gut zwei Jahren ist RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt ein Missgeschick passiert. Nichts, was auch nur annähernd so peinlich gewesen wäre, aber sie hatte sich als Gastgeberin des Deutschen Fernsehpreises 2007 ein Kleid ausgesucht, das ihrem Dekolleté eine vermutlich eher nicht beabsichtigte Form gab, was auffiel, wenn die Kameras sie wieder einmal im Publikum einfingen. Ich habe mir die Übertragung der Sendung auf RTL angesehen und live darüber gebloggt, und als eine Kommentatorin auf den unglücklich gepressten Busen hinwies, griff ich das auf und band zur Illustration auch einen Screenshot von der Szene ein, nichts Dramatisches, wie gesagt, nur eine etwas unvorteilhafte Situation.

Christian Körner, der Pressesprecher des Senders, war darüber nicht glücklich. Er rief mich an, bat freundlich darum, das Bild zu entfernen, betonte aber, dass es auch juristische Folgen haben könne, wenn ich es nicht täte. Ich erfüllte seinen Wunsch und ersetzte den Screenshot durch einen entsprechenden Hinweis.

Als ich in der vergangenen Woche las, warum RTL es für richtig hält, das Missgeschick eines Kandidaten groß auszustellen, habe ich meine Entscheidung bereut.

Wusste Frau Schäferkordt damals etwa nicht, dass der „Deutsche Fernsehpreis“ im Fernsehen ausgestrahlt wird? Gilt für Frau Schäferkordt nicht: Wenn sich jemand mit einem unglücklich sitzenden Kleid bei einer eigenen öffentlichen Veranstaltung zeigt, darf sie sich nicht wundern, wenn andere Leute das kommentieren? Aus welchem Grund muss man Frau Schäferkordt mit einer sehr viel harmloseren Panne schützen („vor sich selbst“, wie es immer so schön heißt), einen jungen „DSDS“-Kandidaten aber nicht? Wie kann jemand, der eine Sendung wie „DSDS“ verantwortet, einen besonderen Schutz vor öffentlicher Zuschauerstellung für sich in Anspruch nehmen?

Das fragte ich mich. Und die Presseleute von RTL.

Christian Körner antwortete mir, er finde den Zusammenhang „konstruiert“. Ihm sei schleierhaft, warum ich „einzelne Casting-Auftritte einer Sendung mit der Garderobe der Geschäftsführerin der Sendergruppe/des Senders in unmittelbare Verbindung“ bringe. Es sei — auch juristisch — ein Unterschied, ob man zu einem TV-Casting gehe, „das wenig überraschend auch im TV gezeigt wird“, oder „ein Gast von vielen einer Veranstaltung im Publikum, dem vielleicht mal was verrutscht“. Er fügte hinzu: „Auch die Empörung kann ich nur bedingt nachvollziehen, weil Sie — anders als andere — vorzugsweise davon ausgehen, dass die Menschen, die zB zu einem Casting kommen, vor sich selbst und der Welt geschützt werden müssen.“

Nun wies ich darauf hin, dass Frau Schäferkordt keineswegs Gast, sondern Gastgeberin war, und fügte hinzu, dass ich — anders als er mir unterstellte — gar nicht wisse, ob die Menschen vor sich selbst und der Welt geschützt werden müssen. Ich fragte mich nur, warum Frau Schäferkordt nicht selbst aushalten muss, was sie anderen zumutet.

Es kam darauf keine wirkliche Antwort. Nur, dass die Geschäftsführerin ja „in der Regel nicht persönlich die Sendung schneidet“. Und ich doch machen solle, was ich wolle, denn: „Empörung rund um DSDS kommt sicher nicht nur in Ihrer Redaktion oder Ihrem Blog gut an — und der Beifall ist Ihnen sicher.“

Aber meine Frage ist unbeantwortet: Warum stellen die RTL-Leute andere Menschen auf eine Art und Weise bloß, die sie bei sich selbst schon in viel harmloserer Form unerträglich finden?

25 Jahre RTL: Ein Fall für die Couch

11 Jan 09
11. Januar 2009

Schauen Sie sich mal dieses Bild an:

Fällt Ihnen was auf? Warten Sie, hier sieht man’s noch besser:

Hammer, oder? Und hier verschwinden die letzten Zweifel:

Tatsache. Kein Sofa.

Es muss ich um eine RTL-Show handeln, der Standard-RTL-Show-Moderator steht in der Standard-RTL-Show-Kulisse, alles ist wie immer, aber es fehlt das Sofa!

Einen Augenblick lang dachte ich, RTL habe das Unvorstellbare gewagt und sich und uns zu seinem 25. Geburtstag eine Show geschenkt, die anders ist als all die Shows, die RTL sonst immer zeigt. Aber es stellte sich heraus, dass sich das Sofa nur ein bisschen verspätet hatte, aber nach dem ersten Block, im dem — wie immer — Menschen vor einer Blue-Box sitzen und mit Halbsätzen kommentieren, was sie und die Zuschauer gerade sehen…

…also danach war dann auch das Sofa da und es war fast alles wie immer:

(Später nahm dann statt Günther Jauch, Bruce Darnell und Dieter Bohlen Atze Schröder auf dem Sofa Platz, und es war exakt alles wie immer.)

Man darf das nicht klein reden, das Revolutionäre an der Entscheidung, die Sendung ohne das Sofa zu beginnen, vermutlich waren x Sondersitzungen diverser RTL-Gremien nötig, um diese Abweichung vom vorgeschriebenen RTL-Show-Standard zu genehmigen.

Prominente und Zuschauer staunten angesichts der Ausschnitte aus der RTL-Geschichte, was da früher alles im Sender gelaufen war. Nicht nur, wie unbeholfen und unfertig das oft daher kam, sondern auch welche Bandbreite von Genres es einmal im RTL-Programm gegeben hat — verglichen mit der heutigen Armut und Einfalt. Der mit Abstand erfolgreichste kommerzielle Sender und Taktangeber im deutschen Fernsehen hat fast nur noch eine einzige Art von Show im Programm: eben die, in der Prominente abwechselnd auf dem Sofa und vor der Blue-Box kurze Filmausschnitte kommentieren, in dem immer gleichen Studio, in dem höchstens zwei drei Kulissen verschoben oder die Sofabezüge ausgetauscht werden, wenn statt „25 Jahre RTL“ hier „Die ultimative Chart-Show“ produziert wird, mit der immer gleichen, hinter einem Halbkreis-Tor verborgenen Ecke für die Show-Acts. Unvorstellbar, dass RTL seinen Geburtstag in anderer Form gefeiert hätte, als große Gala, ohne die Schlafmützigkeit eines Oliver Geißen, als Dokumentation, Feature, intime Talkrunde. Es gibt diese Formen nicht im RTL-Programm, um Geschichten aus der Geschichte zu erzählen, es muss alles so sein wie immer, und die Quoten geben, wie man so schön sagt, RTL Recht.

Und es sind nicht nur die Shows: Auch für Geschichten aus dem Leben gibt es bei RTL nur noch eine einziges Genre. Ob die „Super-Nanny“ hilft oder „Rach, der Restauranttester“ kommt, ob Ausreißer gesucht oder Schulden getilgt werden: Erzählweise, Dramaturgie, Tonfall sind immer gleich.

Vielleicht ist das kein Zufall bei einem Sender, der von Anke Schäferkordt als Buchhalterin verwaltet wird. Sie hat gestern der „Süddeutschen Zeitung“ eines ihrer typischen Interviews gegeben, denen man nie anmerkt, ob sie überhaupt ein einziges Programm ihres Senders jemals gesehen hat, geschweige denn so etwas wie Leidenschaft dafür entwickelt hätte. „Was uns auszeichnet, ist unsere Vielfalt“, sagt sie, und auf die Frage, was das kommerzielle Fernsehen der Gesellschaft gebracht habe, antwortet sie: „Vielfalt, Qualität und Wettbewerb, der wach hält.“

Natürlich sagt sie auch den Satz, den alle Fernsehmanager als Mantra gewählt haben: „Wir haben die vielfältigste und qualitativ stärkste Fernsehlandschaft weltweit.“ Leider werden die Schäferkordts nie dazu aufgefordert, diese Behauptung zu begründen und zu erklären, inwiefern zum Beispiel das britische oder amerikanische Fernsehen eintöniger und schlechter wäre. In der „Süddeutschen“ konnte die RTL-Chefin sogar sagen: „Wir haben ein Vollprogramm und bieten in großem Umfang Informationsformate an“, ohne dass der Interviewer sie darauf hinwies, dass ihr Sender die Zuschauer zwischen 19.05 Uhr und 22.15 Uhr an keinem Tag der Woche mit auch nur einem einzigen Informationsprogramm behelligt.

Dabei wäre es so leicht: Oliver Geißen könnte in der Prime-Time die „Ultimative News-Show“ präsentieren, in der Günther Jauch, Rosi Mittermaier, Atze Schröder und Aleksandra Bechtel kurze Clips von aktuellen Neuigkeiten launig kommentieren und Peter Kloeppel als regelmäßiger Gast gelegentlich Faktenbroken einwirft. Vom Sofa aus, klar.

„Horizont“-Journalismus

22 Dez 08
22. Dezember 2008

Vor zwei Wochen hätte „Horizont“, die Fachzeitschrift für Werbung und Medien, ja beinahe einen journalistischen Artikel mit unangenehmen Wahrheiten veröffentlicht, was durch eine größere Rückrufaktion gerade noch verhindert werden konnte. Inzwischen hat man sich in der Redaktion gefasst und produziert wieder Meldungen nach dem üblichen eigenen Qualitätsstandard.

Meldungen wie die, dass Anke Schäferkordt von „Horizont“ als „Medienfrau des Jahres 2008″ ausgezeichnet wird.

Das kann man natürlich machen. Man kann den von ihr geleiteten Sender RTL zum Beispiel dafür bewundern, wie er es geschafft hat, angesichts einer sich ganz von allein zerbröselnden Konkurrenz, einfach stillzuhalten und auf eigene Ideen, Impulse und Risiken zu verzichten. Man kann Frau Schäferkordt auch dafür feiern, dass sie nicht nur Rekordgewinne einfährt, sondern nach Angaben von ver.di auch fleißig weiter Stellen abbaut. Und bestimmt findet man in einem Jahr, in dem die Quoten für RTL fast durchweg schlechter waren als im Vorjahr, auch eine Ausnahme, die man hervorheben kann.

Und natürlich wird man die Gewinnerin des eigenen Preises auf ein hohes Podest stellen. Aber „Horizont“-Chefredakteur Jürgen Scharrer hat es nicht dabei belassen, Schäferkordt Kränze zu flechten. Er hat die fertigen Kränze aufgepumpt, vergoldet und mit einer dicken Schicht rosa Zuckerwatte gerahmt. Aber lesen Sie selbst:

Eine makellose Erfolgsbilanz hat zweifellos Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin bei der Mediengruppe RTL und Medienfrau des Jahres, vorzuweisen. Im November erzielte das Senderflaggschiff RTL bei den 14– bis 49-Jährigen einen Marktanteil von famosen 17 Prozent, mit „Doctor’s Diary“ gelang zudem das Kunststück, endlich auch mal wieder mit einer deutschen Serie Erfolg zu haben. Gute Zahlen, starke Quoten, effiziente Strukturen: So schnell wie bei Schäferkordt war sich die Jury selten zuvor einig, wem die Auszeichnung gebührt.

In einem weiteren Text fügt „Horizont“ sicherheitshalber hinzu:

Die Bilanz Schäferkordts bei RTL kann man nur makellos nennen. Die RTL-Gruppe hat sich als überaus verlässliche Cashcow etabliert. Als gelernte Controllerin hat Schäferkordt das Unternehmen konsequent auf Effizienz getrimmt.

Solche Texte muss man als Journalist erst einmal schreiben wollen.

Wissen Sie übrigens, wer u.a. in der Jury war, die die Männer und Frauen für „Horizont“ gekürt hat? Doch, Sie kommen drauf.

Nachtrag, 11:40 Uhr. Nach Angaben von RTL hat Frau Schäferkordt an der eigenen Wahl selbstverständlich nicht teilgenommen.