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Rainald Becker verschläft „Berliner Runde“

11 Mai 15
11. Mai 2015

Irgendwer hat gestern vergessen, rechtzeitig die Batterien von Rainald Becker auszuwechseln, und dann reichte sein Akku bei der „Berliner Runde“ nach der Bremer Bürgerschaftswahl gerade nur noch für eine schwungvolle Begrüßung.

Man schimpft ja gerne über Politiker und das, was sie gerade bei solchen Gelegenheiten an Phrasen von sich geben. Andererseits ist es schon eine beachtliche Leistung, im Angesicht eines langsam wegdämmernden Moderators wachzubleiben, geduldig abzuwarten, bis ihm ein Wort eingefallen ist, und auch noch in der Frage, die er formuliert, genug Sinn zu finden, um so etwas ähnliches wie eine Antwort darauf zu improvisieren.

Den politischen Geschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, verblüffte Rainald Becker mit der Frage, ob er sich angesichts der Tatsache, dass die Grünen in Bremen deutlich besser abschnitten als im Bund, nicht langsam Sorgen machen müsste, dass der Partei die Themen verloren gehen.

Für Matthias Höhn von der Linken reihte Becker mühsam folgende Wörter aneinander:

Herr Höhn. Die Linke im Bremen. Beachtliches Ergebnis. Aber … Was heißt das? Im Westen stabilisiert? Wenn man auf andere Länder guckt, sicherlich nicht.

Je weiter die Sendung fortschritt, desto ermatteter war Becker, bis er mit etwa derselben Leidenschaft und Wachheit, demselben Esprit und Interesse moderierte wie RTL-Superschluff Oliver Geißen. Aber sehen Sie selbst:

Ich will nicht ausschließen, dass das Problem bei mir liegt und nicht bei Rainald Becker. Vielleicht hab ich die „Berliner Runde“ zu lange schon nicht mehr gesehen und bin den Umgang mit solchen Sedativa nicht mehr gewohnt.

Andererseits hätte Becker auch genauso gut kurz in die Runde hätte fragen können: „Tja, Bremen. Auch egal, oder?“, und alle hätten mit den Achseln gezuckt, und nach dreißig Sekunden wären sie was trinken oder arbeiten gegangen und die ARD hätte stattdessen einen schönen Naturfilm gezeigt oder was von Loriot.

Becker, der im kommenden Jahr Chefredakteur der ARD wird, hatte sich zur Vorbereitung der Sendung mutmaßlich die Wörter „Nickeligkeiten“ und „Wahlbeteiligung“ auf einen Zettel geschrieben. Passende Fragen dazu wollte er womöglich spontan aus der Situation und dem Wahlergebnis improvisieren. Aber Becker hatte in Wahrheit keine Fragen an die Leute, die eh nur deshalb mit ihm in einem Studio saßen, weil das so üblich ist nach einer Wahl, sogar bei einer, die CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer bösartig aber treffend eine „Kommunalwahl“ nannte.

Gegen Ende dieser halben Stunde fragte Becker nicht sich, aber die Politiker, wie das kommt, dass so wenige Leute wählen gehen. CDU-Generalsekretär Peter Tauber antwortete, dass man sich immer wieder selbstkritisch hinterfragen müsse, „ob die Art, wie wir reden, wie wir auftreten, wie wir wirken, dazu führt, dass Menschen zuhören. Ob heute viele zugehört haben, wird man ja an der Einschaltquote sehen.“ Becker widersprach: „Einschaltquoten sind da ein ganz schlechter Gradmesser“, und musste lachen.

„Ich versuche auch in diesen Stunden immer, mich an den Fakten entlang zu hangeln.“

29 Mrz 15
29. März 2015

Als die „New York Times“ die Welt am Donnerstagmorgen mit der Nachricht überraschte, dass einer der beiden Piloten vor dem Sinkflug das Cockpit der Germanwings-Maschine verlassen und vergeblich versucht habe, wieder hineinzukommen, da hatte die ARD zum Glück einen Fachmann, der diese Neuigkeit für uns Zuschauer einordnen und kommentieren konnte: ihren Luftfahrt-Experten Michael Immel.

Im ARD-„Morgenmagazin“ sagte er (alle Hervorhebungen von mir):

Wir sind jetzt natürlich an nem Punkt angekommen, wo wir glasklar die Frage stellen können: Was ist denn mit der Glaubwürdigkeit dieser Ermittler? Und das ist ein Muster, das erleben wir immer wieder bei Flugzeugabstürzen. Wir kommen an einen Punkt, an dem wir sehen: Die Ermittler wissen mehr als wir Menschen draußen. Sie suggerieren in einer Pressekonferenz: Wir informieren, aber dann stellt sich kurze Zeit später heraus, man hat doch nicht alles gesagt. Also, wenn das stimmt, was jetzt die „New York Times“ berichtet hat, dann sind wir genau an diesem Punkt angekommen — und es sind noch keine zwei Tage her, seit dem Absturz. Also, es gibt jetzt den Verdacht, die Ermittler haben — möglicherweise bewusst — etwas zurückgehalten. Und dann stellen sich jetzt natürlich viel mehr neue Fragen: Was wussten sie denn gestern schon? Es gab eine Pressekonferenz, ne Viertelstunde, wo quasi nichts gesagt wurde. Warum denn? Warum ist es ne amerikanische Zeitung, die das ganze veröffentlicht? Jetzt kommen viel mehr Fragen auf und da kriegt das jetzt ne Dynamik, die Schuldfrage, das macht das nur noch komplizierter.

Um kurz nach neun Uhr fügte er in der „Tagesschau“ hinzu:

Die Glaubwürdigkeit der Ermittlungsbehörden ist jetzt massiv angekratzt. Es war ja über die letzten zwei Tage die Erwartungshaltung geweckt worden, wir würden gestern genau informiert über den Stand der Dinge. Erstmal ist das für mich nicht ungewöhnlich, dass Ermittlungsbehörden mehr wissen und nicht alles an die Öffentlichkeit geben. Aber warum kommt dann jetzt eine amerikanische Zeitung mit diesen Informationen? Warum hat man im Vorfeld von viel Transparenz gesprochen auch bei Lufthansa und jetzt kommen solch erschreckende Details? Das wirft jetzt natürlich noch mehr Fragen auf. Und wir haben ja immer in den letzten Tagen gesagt, wir wollen nicht spekulieren, aber jetzt wird noch mehr spekuliert. Es kriegt eine Dramatik. Und ich bin sehr gespannt, was heute mittag um 12.30 Uhr die Staatsanwaltschaft in Marseille uns dann wirklich als Wahrheit verkaufen will.

Dann fand die Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft statt, und um 14.25 Uhr schaltete die „Tagesschau“ wieder zu ihrem Luftfahrtexperten Michael Immel:

Wie bewerten Sie, dass die Staatsanwaltschaft erst jetzt an die Öffentlichkeit gegangen ist, nachdem es entsprechende Informationen in der Presse bereits gab?

Ja, ich glaube, das ist verantwortungsvoll, dass die Staatsanwaltschaft und sämtliche ermittelnden Behörden sich erstmal um die Angehörigen gekümmert haben. Da hat man natürlich auch ne gewisse Zeit gestern gebraucht. Wir haben erfahren, dass die Angehörigen mit unterschiedlichen Maschinen gestern alle nach Marseille geflogen worden sind. Und das ist, glaube ich, ein sehr wichtiges Zeichen, dass erstmal die Angehörigen informiert worden sind, was ist dort vorgefallen, und dass man im nächsten Schritt erst dann die Öffentlichkeit informiert. Das Prozedere ging natürlich über die Nacht, und wenn so viele Menschen beteiligt sind, dann isses aber auch klar, weil viele Journalisten fragen, dass es irgendwann auch an die Öffentlichkeit gelangt, so erste Mosaiksteinchen von Informationen. Aber unterm Strich muss ich sagen, es war verantwortungsvoll, erst die Angehörigen zu informieren und erst heute Mittag dann im zweiten Schritt die Öffentlichkeit.

(Ich halte das hier nicht fest, weil es besonders „schlimm“ war. Sondern weil es mir besonders typisch erscheint. Als kleines, konkretes, anschauliches Beispiel für die Reflexhaftigkeit, die Voreiligkeit und die Besinnungslosigkeit, die die Berichterstattung auch der seriösen Medien in den vergangenen Tagen geprägt hat. In einer der vielen Schalten an diesem Tag formulierte Immel noch den schönen hilflosen Satz: „Ich versuche auch in diesen Stunden immer, mich an den Fakten entlangzuhangeln.“)

Wie „Günther Jauch“ die Stinkefinger-Aussage von Varoufakis verfälschte

15 Mrz 15
15. März 2015

Ich weiß nicht, ob die Aufnahmen echt sind, die zeigen sollen, wie der heutige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis vor zwei Jahren den „Stinkefinger“ zeigt. (Ja, es gibt ein YouTube-Video davon, aber das wäre ja jetzt nicht das erste YouTube-Video, das manipuliert wurde.) Varoufakis nannte das Video in der Sendung von Günther Jauch gefälscht, wörtlich: „doctored“, er habe nie den Stinkefinger gezeigt. — Ja, das fällt mir auch schwer zu glauben.

Was ich weiß: Dass die Redaktion von Günther Jauch die Aussage von Varoufakis in dem Video verfälscht hat. In dem Video von 2013 spricht Varoufakis, damals Wissenschaftler und scharfer Kritiker der griechischen Regierung, davon, dass er vor fünf Jahren die damaligen Bedingungen, die von Deutschland und Europa für die „Rettung“ Griechenlands gestellt wurden, abgelehnt hätte. Er hätte den Weg Argentiniens in den Staatsbankrott gewählt und im Januar 2010 erklärt, dass Griechenland pleite ist. Und Deutschland insofern „den Finger gezeigt“ und gesagt: Ihr könnt das Problem jetzt alleine lösen.

Wörtlich:

My proposal was that Greece should simply announce that it is defaulting — just like Argentina did — , within the Euro, in January 2010, and stick the finger to Germany and say: „Well, you can now solve this problem by yourself.“

Die Redaktion von „Günther Jauch“ tat so, als spreche Varoufakis von der Gegenwart. Sie blendete zwar — kurz — die Zeitangabe „Mai 2013″ ein. Aber sie verkürzte den Ausschnitt entscheidend und stellte die Aussagen in einen ganz anderen, falschen Kontext:

Sprecher: Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben …

Varoufakis: Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann …

Sprecher: … und steht für klare Botschaften, besonders an Deutschland.

Varoufakis: … und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.

Die Aussagen des Sprechers, ohnehin gewagt aufgeteilt in zwei Halbsätze, die mit zwei Halbsätzen Varoufakis‘ verschränkt wurden, erwecken eindeutig den Eindruck, der Minister spreche als Minister („will den Griechen Selbstvertrauen geben“) und beziehe sich auf die Gegenwart. Entsprechend formulierte auch der Moderator unmittelbar im Anschluss:

Jauch: Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten, und werden dafür mit Abstand am meisten kritisiert. Wie passt das zusammen?

Der verantwortliche ARD-Redakteur, NDR-Chefredakteur Andreas Cichowitz, räumte auf Twitter hinterher immerhin ein:

(Eigentlich ist die ganze Diskussion um den „Stinkefinger“, die uns zweifellos jetzt noch ein paar Tage beschäftigen wird, natürlich eine weitere schreckliche Ablenkung, die verhindert, sich den wichtigen Fragen dieser Krise zu stellen. Daran trägt die Redaktion von „Günther Jauch“ eine erhebliche Mitschuld. Aber dafür, dass es ihr in irgendeiner Weise um die Sache ging, sprach an diesem Abend ohnehin nichts.)

Nachtrag, 0:00 Uhr. Michalis Pantelouris zum selben Thema.

Nachtrag, 1:05 Uhr. Die ganze Sendung kann man sich jetzt in der Mediathek ansehen. (Die Szenen, um die es hier geht, beginnen ab ca. 25:30 Minuten.)

Nachtrag, 17. März. „Spiegel Online“ hat die Rede von Varoufakis im Kontext transkribiert und erklärt.

Die „Tagesschau“-Routine

07 Feb 15
7. Februar 2015

Der ARD-Reporter Christoph Maria Fröhder beschwert sich im aktuellen „Spiegel“ über „Tagesschau“ und „Tagesthemen“. Der „Spiegel“ nennt es eine „Abrechnung“. Fröhder scheint vor allem unzufrieden über die Art, wie er und seine Berichte intern behandelt werden. Er hat ein Problem mit Kai Gniffke, dem Ersten Chefredakteur von ARD-aktuell, dem er indirekt vorwirft, dass es ihm nur ums Management geht und nicht um den Journalismus. Aber Fröhder stört sich auch daran, wie diese Nachrichtensendungen das Weltgeschehen aufbereiten.

Er sagt:

Der pseudolockere Ton sagt ja noch nichts über die Haltung. Inhaltlich sind „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ ja weiterhin staatstragend. Der Journalismus dieser Sendungen ist nur noch additiv. Es werden bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen. Da beginnt doch die eigentliche Arbeit. Warum hat sich etwas so entwickelt? Kann es auch anders sein? Wenn ich diese Aufsager vor den Parteizentralen und dem Kanzleramt schon sehe! Die kommen einfach von der Routine nicht weg.

In der vergangenen Woche habe ich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ähnliche Kritik an der 20-Uhr-„Tagesschau“ und ihren Rituale formuliert:

(…) Wenn alle Autos vor– und wieder abgefahren sind, kommt der Korrespondent ins Bild und sagt, was das zu bedeuten hat. Im Hintergrund sieht man immer die Akropolis, damit der Zuschauer weiß, dass er in Athen ist.

„Mit geschwellter Brust und geschwollenem Kamm geht diese Regierung an den Start“, sagt ARD-Mann Peter Dalheimer am Montag.

„Alexis Tsipras scheint alles andere als konfliktscheu zu sein“, stellt er am Dienstag an selber Stelle fest.

„Athen lässt die Säbel rasseln — stumpfe Säbel allerdings“, ergänzt seine Kollegin Mira Barthelmann am Mittwoch ebenda.

„Die Löwen in Athen und Brüssel hatten in den vergangenen Tagen gut gebrüllt“, erzählt ihre Kollegin Ellen Trapp am Donnerstag vor derselben Kulisse. „Wie gut, wenn man miteinander spricht.“ Ihre Analyse gipfelt in der Mahnung: „Er ist der neue griechische Ministerpräsident. Das müssen in Brüssel nicht alle gut finden, aber auf jeden Fall sollten sie ihn tolerieren.“

Sie stehen dort nicht, um uns Dinge zu sagen, die wir noch nicht wissen. Sie stehen dort, um uns Dinge zu sagen, die wir schon wissen; die sie uns am Tag vorher schon gesagt haben und am nächsten Tag wieder sagen werden; die unseren Blick auf eine komplexe Entwicklung auf eine einfache, vertraute, im Zweifel bequeme Position verengen. Und Politik oft auf das reduzieren, was sie mit Politikern macht. (…)

Kai Gniffke antwortet darauf in der neuen F.A.S.:

(…) Die „Tagesschau“ wird im Kern bleiben, was sie ist. Aber sie wird sich wandeln. Wir werden noch härter sieben, was den Weg in unser Angebot findet. Es könnte darauf hinauslaufen, dass wir die Zahl der Themen reduzieren, um die verbleibenden ausführlicher aufzubereiten. Dann könnten noch häufiger Hintergrundinformationen in den Korrespondentenberichten enthalten sein, wie Stefan Niggemeier am Beispiel rechtsextremer ukrainischer Truppenteile nicht ohne Grund einfordert.

Unser mediales Umfeld hat sich tiefgreifend verändert. Die Möglichkeiten für jedermann, unsere Arbeit zu überprüfen und nachzurecherchieren, haben sich durch Internet und soziale Netzwerke erheblich ausgeweitet. Das ist ein wesentlicher Grund für das gewaltig angewachsene Feedback. Der Dialog mit dem Publikum nimmt viel Zeit in Anspruch und ist auch nicht immer vergnüglich. Aber er ist wichtig, weil er unsere Sinne zur Einhaltung unserer Standards schärft und zu konstruktiven Diskussionen in der Redaktion wie in dieser Woche führt. Und weil er die Chance bietet, unserem Ziel näher zu kommen, Menschen für den gesellschaftlichen Diskurs zu gewinnen. 

60 Prominente gegen den Krieg sind keine Nachricht für ARD und ZDF

08 Dez 14
8. Dezember 2014

Am Freitag haben mehrere Dutzend Prominente, darunter ein ehemaliger Bundespräsident, ein ehemaliger Bundeskanzler, mehrere ehemalige Ministerpräsidenten und Bundesminister und viele bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Publizistik, einen Appell für eine „neue Entspannungspolitik“ und einen Dialog mit Russland veröffentlicht: „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“

Falls Sie davon gehört haben, dann nicht aus den Fernseh-Nachrichten von ARD und ZDF. Die haben darüber nämlich nicht berichtet.

Der Aufruf wurde vom früheren Kanzlerberater Horst Teltschik (CDU) initiiert, der zur Motivation sagte: „Uns geht es um ein politisches Signal, dass die berechtigte Kritik an der russischen Ukraine-Politik nicht dazu führt, dass die Fortschritte, die wir in den vergangenen 25 Jahren in den Beziehungen mit Russland erreicht haben, aufgekündigt werden.“

Die Unterzeichner richten sich nicht nur an Regierung und Parlament, sondern auch an die Medien:

Wir appellieren an die Medien, ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung überzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen. Jeder außenpolitisch versierte Journalist wird die Furcht der Russen verstehen, seit NATO-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im Bündnis zu werden. Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen. Es geht um Europa. Es geht darum, den Menschen wieder die Angst vor Krieg zu nehmen. Dazu kann eine verantwortungsvolle, auf soliden Recherchen basierende Berichterstattung eine Menge beitragen.

Eine höchst illustre Schar von sechzig Persönlichkeiten kritisiert Politik und Medien in Sachen Krieg und Frieden. Und „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, „heute“ und „heute journal“, tagesschau.de und heute.de ist das kein Wort wert.

ARD und ZDF können das erklären. Elmar Theveßen, der stellvertretende ZDF-Chefredakteur, schreibt mir auf Nachfrage, warum die Nachricht nicht in den Sendungen vorkam:

„Wir hätten es gern gemacht. Aber wir mussten wegen der nachfolgenden ‚Was nun…‘ mit einer deutlich verkürzten Sendezeit auskommen. Neben der Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen nahmen weitere Themen wie IS-Urteil, Taifun und Opel den Raum ein. (…) Ein ‚heute journal‘ gab es leider auch nicht.

Die grundsätzliche Haltung, die im Appell zum Ausdruck kommt, haben wir in unseren Sendungen mehrfach reflektiert, beispielsweise in einem Interview mit Matthias Platzeck im heute-journal und in der Berichterstattung über Seehofers Äußerungen zur Außenpolitik Steinmeiers.
 
Wir bleiben daran, möglichst auch mit einem Beitrag zur Diskussion um den Appell, sofern wir die unterschiedlichen Ansichten auch per Kamera einfangen können.

Nun gut, auch für eine Berichterstattung über den Start der Raumsonde Orion fand die „heute“-Sendung am Freitag Platz und für einen ausführlichen Sportblock. Tatsächlich gab es kein „heute journal“, weil das ZDF an diesem Tag seinen stundenlangen Jahresrückblick mit Markus Lanz ausstrahlte, dafür aber nicht eine Folge von „Der Alte“ ausfallen lassen wollte, sondern eben: das „heute journal“.

Die Erklärung von ARD-aktuell ist ganz ähnlich. „Dass verschiedene Qualitätsmedien erst mit etwas Abstand auf den Appell eingegangen sind, mag daran liegen, dass der Freitag bundespolitisch dominiert war von der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten“, teilt mir Christian Nitsche mit, der zweite Chefredakteur von ARD-aktuell. „Auch ansonsten war der Tag nachrichtenstark. Den Aufruf an diesem besonderen Tag relativ spät zu veröffentlichen, haben die Initiatoren sicher im Nachhinein selbst als weniger gelungen empfunden.“

Die „Tagesschau“ war schon so gut wie voll mit Ramelow, und die „Tagesthemen“ waren es auch: Ein Bericht über Ramelow, ein Interview mit Ramelow, ein Kommentar zu Ramelow — danach blieb nur noch Zeit für einen Meldungsblock und Opel, weil die „Tagesthemen“ keine halbe Stunde lang waren, sondern nur gut 15 Minuten. Das ist freitags immer so, aus Gründen, die einem vermutlich der ARD-Programmdirektor erklären kann, am einfachsten mit dem Verweis auf die Quote der dadurch regulär schon um 22 Uhr startenden „Tatort“-Wiederholung.

Der Freitagnachmittag ist tatsächlich ungefähr der schlechteste Termin, um die Aufmerksamkeit der medialen Öffentlichkeit zu gewinnen. Die Medienleute sind dann schon halb im Feierabend und im Wochenende. Und an diesem Freitag war ja auch viel los, und die „Tagesthemen“ sind da eh immer so kurz, und aus unglücklichen Umständen gab es auch kein „heute journal“, und bei heute.de und tagesschau.de waren sie anscheinend auch mit irgendwas anderem beschäftigt, dieser Appell kam auch nur einmal von dpa über den Ticker, also, mei, dumm gelaufen.

Ich halte das nicht einmal für abwegig, dass es genau so war. Fast wünscht man sich, wenn man diese traurigen Erklärungen hört, dass es stattdessen wenigstens brutales Kalkül war, wie die hyperventilierenden Wutschnauber von der „Propagandaschau“ meinen, die in ARD und ZDF eh „US-Propagandisten und Treiber des neuen Kalten Krieges“ sehen sowie „von einer transatlantischen 5. Kolonne unterwanderte Staatssender, die seit Monaten eine Lügen-und Desinformationskampagne gegen Russland, gegen das deutsche Volk und gegen den Frieden in Europa betreiben“.

Ich halte das, wie gesagt, für Unsinn. Aber ich merke, dass beim Wahrscheinlichkeitstest meine Trauriger-Redaktionsalltag-in-nichtsmerkenden-Senderbehörden-Theorie zunehmend an Boden verliert gegenüber jeder Verschwörungstheorie.

Es geht ja hier — wie auch bei den Symbolbildern von Putin neulich — nicht um eine einzelne Meldung. Es geht um eine Gesamtsituation, in der ARD und ZDF seit Monaten in außerordentlichem Maße vorgeworfen wird, dass ihre Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine einseitig und gefährlich sei. (In welchem Maße diese Vorwürfe berechtigt sind, sei ganz dahingestellt.) Und nun gibt es einen Appell, der eben diese Vorwürfe wiederholt, unterzeichnet nicht von unbekannten Ins-Internet-Schreibern oder möglicherweise vom Kreml bezahlten anonymen Trollen, sondern von 60 teils prominentesten Persönlichkeiten.

Und bei ARD und ZDF denkt man nicht: Okay, da sollten wir uns jetzt aber nicht noch zusätzlich angreifbar machen, sondern das sauber berichten, erstens weil es eh eine Nachricht ist, und zweitens weil der Vorwurf sich womöglich auch irgendwie gegen uns richtet, schon als vertrauensbildende Maßnahme?

Sondern bei ARD und ZDF denkt man: Oh, puh, aber, naja, blöd, heute am Freitag, schon so viel los, gibt ja auch Wichtigeres?

Sie merken nichts. Sie lernen nichts.

PS: „Tagesthemen“-Moderator Thomas Roth hat den Appell heute, gut drei Tage nach seiner Veröffentlichung, in einem Interview mit Angela Merkel angesprochen. ARD-aktuell-Mann Nitsche sagt, die Redaktion habe dem Aufruf „damit hohes Gewicht beigemessen“ und mit dem Merkel-Interview „einen guten Anlass gefunden, den Aufruf prominent aufzugreifen“.