Tag Archive for: ARD

„Ich versuche auch in diesen Stunden immer, mich an den Fakten entlang zu hangeln.“

29 Mrz 15
29. März 2015

Als die „New York Times“ die Welt am Donnerstagmorgen mit der Nachricht überraschte, dass einer der beiden Piloten vor dem Sinkflug das Cockpit der Germanwings-Maschine verlassen und vergeblich versucht habe, wieder hineinzukommen, da hatte die ARD zum Glück einen Fachmann, der diese Neuigkeit für uns Zuschauer einordnen und kommentieren konnte: ihren Luftfahrt-Experten Michael Immel.

Im ARD-„Morgenmagazin“ sagte er (alle Hervorhebungen von mir):

Wir sind jetzt natürlich an nem Punkt angekommen, wo wir glasklar die Frage stellen können: Was ist denn mit der Glaubwürdigkeit dieser Ermittler? Und das ist ein Muster, das erleben wir immer wieder bei Flugzeugabstürzen. Wir kommen an einen Punkt, an dem wir sehen: Die Ermittler wissen mehr als wir Menschen draußen. Sie suggerieren in einer Pressekonferenz: Wir informieren, aber dann stellt sich kurze Zeit später heraus, man hat doch nicht alles gesagt. Also, wenn das stimmt, was jetzt die „New York Times“ berichtet hat, dann sind wir genau an diesem Punkt angekommen — und es sind noch keine zwei Tage her, seit dem Absturz. Also, es gibt jetzt den Verdacht, die Ermittler haben — möglicherweise bewusst — etwas zurückgehalten. Und dann stellen sich jetzt natürlich viel mehr neue Fragen: Was wussten sie denn gestern schon? Es gab eine Pressekonferenz, ne Viertelstunde, wo quasi nichts gesagt wurde. Warum denn? Warum ist es ne amerikanische Zeitung, die das ganze veröffentlicht? Jetzt kommen viel mehr Fragen auf und da kriegt das jetzt ne Dynamik, die Schuldfrage, das macht das nur noch komplizierter.

Um kurz nach neun Uhr fügte er in der „Tagesschau“ hinzu:

Die Glaubwürdigkeit der Ermittlungsbehörden ist jetzt massiv angekratzt. Es war ja über die letzten zwei Tage die Erwartungshaltung geweckt worden, wir würden gestern genau informiert über den Stand der Dinge. Erstmal ist das für mich nicht ungewöhnlich, dass Ermittlungsbehörden mehr wissen und nicht alles an die Öffentlichkeit geben. Aber warum kommt dann jetzt eine amerikanische Zeitung mit diesen Informationen? Warum hat man im Vorfeld von viel Transparenz gesprochen auch bei Lufthansa und jetzt kommen solch erschreckende Details? Das wirft jetzt natürlich noch mehr Fragen auf. Und wir haben ja immer in den letzten Tagen gesagt, wir wollen nicht spekulieren, aber jetzt wird noch mehr spekuliert. Es kriegt eine Dramatik. Und ich bin sehr gespannt, was heute mittag um 12.30 Uhr die Staatsanwaltschaft in Marseille uns dann wirklich als Wahrheit verkaufen will.

Dann fand die Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft statt, und um 14.25 Uhr schaltete die „Tagesschau“ wieder zu ihrem Luftfahrtexperten Michael Immel:

Wie bewerten Sie, dass die Staatsanwaltschaft erst jetzt an die Öffentlichkeit gegangen ist, nachdem es entsprechende Informationen in der Presse bereits gab?

Ja, ich glaube, das ist verantwortungsvoll, dass die Staatsanwaltschaft und sämtliche ermittelnden Behörden sich erstmal um die Angehörigen gekümmert haben. Da hat man natürlich auch ne gewisse Zeit gestern gebraucht. Wir haben erfahren, dass die Angehörigen mit unterschiedlichen Maschinen gestern alle nach Marseille geflogen worden sind. Und das ist, glaube ich, ein sehr wichtiges Zeichen, dass erstmal die Angehörigen informiert worden sind, was ist dort vorgefallen, und dass man im nächsten Schritt erst dann die Öffentlichkeit informiert. Das Prozedere ging natürlich über die Nacht, und wenn so viele Menschen beteiligt sind, dann isses aber auch klar, weil viele Journalisten fragen, dass es irgendwann auch an die Öffentlichkeit gelangt, so erste Mosaiksteinchen von Informationen. Aber unterm Strich muss ich sagen, es war verantwortungsvoll, erst die Angehörigen zu informieren und erst heute Mittag dann im zweiten Schritt die Öffentlichkeit.

(Ich halte das hier nicht fest, weil es besonders „schlimm“ war. Sondern weil es mir besonders typisch erscheint. Als kleines, konkretes, anschauliches Beispiel für die Reflexhaftigkeit, die Voreiligkeit und die Besinnungslosigkeit, die die Berichterstattung auch der seriösen Medien in den vergangenen Tagen geprägt hat. In einer der vielen Schalten an diesem Tag formulierte Immel noch den schönen hilflosen Satz: „Ich versuche auch in diesen Stunden immer, mich an den Fakten entlangzuhangeln.“)

Wie „Günther Jauch“ die Stinkefinger-Aussage von Varoufakis verfälschte

15 Mrz 15
15. März 2015

Ich weiß nicht, ob die Aufnahmen echt sind, die zeigen sollen, wie der heutige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis vor zwei Jahren den „Stinkefinger“ zeigt. (Ja, es gibt ein YouTube-Video davon, aber das wäre ja jetzt nicht das erste YouTube-Video, das manipuliert wurde.) Varoufakis nannte das Video in der Sendung von Günther Jauch gefälscht, wörtlich: „doctored“, er habe nie den Stinkefinger gezeigt. — Ja, das fällt mir auch schwer zu glauben.

Was ich weiß: Dass die Redaktion von Günther Jauch die Aussage von Varoufakis in dem Video verfälscht hat. In dem Video von 2013 spricht Varoufakis, damals Wissenschaftler und scharfer Kritiker der griechischen Regierung, davon, dass er vor fünf Jahren die damaligen Bedingungen, die von Deutschland und Europa für die „Rettung“ Griechenlands gestellt wurden, abgelehnt hätte. Er hätte den Weg Argentiniens in den Staatsbankrott gewählt und im Januar 2010 erklärt, dass Griechenland pleite ist. Und Deutschland insofern „den Finger gezeigt“ und gesagt: Ihr könnt das Problem jetzt alleine lösen.

Wörtlich:

My proposal was that Greece should simply announce that it is defaulting — just like Argentina did — , within the Euro, in January 2010, and stick the finger to Germany and say: „Well, you can now solve this problem by yourself.“

Die Redaktion von „Günther Jauch“ tat so, als spreche Varoufakis von der Gegenwart. Sie blendete zwar — kurz — die Zeitangabe „Mai 2013″ ein. Aber sie verkürzte den Ausschnitt entscheidend und stellte die Aussagen in einen ganz anderen, falschen Kontext:

Sprecher: Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben …

Varoufakis: Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann …

Sprecher: … und steht für klare Botschaften, besonders an Deutschland.

Varoufakis: … und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.

Die Aussagen des Sprechers, ohnehin gewagt aufgeteilt in zwei Halbsätze, die mit zwei Halbsätzen Varoufakis‘ verschränkt wurden, erwecken eindeutig den Eindruck, der Minister spreche als Minister („will den Griechen Selbstvertrauen geben“) und beziehe sich auf die Gegenwart. Entsprechend formulierte auch der Moderator unmittelbar im Anschluss:

Jauch: Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten, und werden dafür mit Abstand am meisten kritisiert. Wie passt das zusammen?

Der verantwortliche ARD-Redakteur, NDR-Chefredakteur Andreas Cichowitz, räumte auf Twitter hinterher immerhin ein:

(Eigentlich ist die ganze Diskussion um den „Stinkefinger“, die uns zweifellos jetzt noch ein paar Tage beschäftigen wird, natürlich eine weitere schreckliche Ablenkung, die verhindert, sich den wichtigen Fragen dieser Krise zu stellen. Daran trägt die Redaktion von „Günther Jauch“ eine erhebliche Mitschuld. Aber dafür, dass es ihr in irgendeiner Weise um die Sache ging, sprach an diesem Abend ohnehin nichts.)

Nachtrag, 0:00 Uhr. Michalis Pantelouris zum selben Thema.

Nachtrag, 1:05 Uhr. Die ganze Sendung kann man sich jetzt in der Mediathek ansehen. (Die Szenen, um die es hier geht, beginnen ab ca. 25:30 Minuten.)

Nachtrag, 17. März. „Spiegel Online“ hat die Rede von Varoufakis im Kontext transkribiert und erklärt.

Die „Tagesschau“-Routine

07 Feb 15
7. Februar 2015

Der ARD-Reporter Christoph Maria Fröhder beschwert sich im aktuellen „Spiegel“ über „Tagesschau“ und „Tagesthemen“. Der „Spiegel“ nennt es eine „Abrechnung“. Fröhder scheint vor allem unzufrieden über die Art, wie er und seine Berichte intern behandelt werden. Er hat ein Problem mit Kai Gniffke, dem Ersten Chefredakteur von ARD-aktuell, dem er indirekt vorwirft, dass es ihm nur ums Management geht und nicht um den Journalismus. Aber Fröhder stört sich auch daran, wie diese Nachrichtensendungen das Weltgeschehen aufbereiten.

Er sagt:

Der pseudolockere Ton sagt ja noch nichts über die Haltung. Inhaltlich sind „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ ja weiterhin staatstragend. Der Journalismus dieser Sendungen ist nur noch additiv. Es werden bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen. Da beginnt doch die eigentliche Arbeit. Warum hat sich etwas so entwickelt? Kann es auch anders sein? Wenn ich diese Aufsager vor den Parteizentralen und dem Kanzleramt schon sehe! Die kommen einfach von der Routine nicht weg.

In der vergangenen Woche habe ich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ähnliche Kritik an der 20-Uhr-„Tagesschau“ und ihren Rituale formuliert:

(…) Wenn alle Autos vor– und wieder abgefahren sind, kommt der Korrespondent ins Bild und sagt, was das zu bedeuten hat. Im Hintergrund sieht man immer die Akropolis, damit der Zuschauer weiß, dass er in Athen ist.

„Mit geschwellter Brust und geschwollenem Kamm geht diese Regierung an den Start“, sagt ARD-Mann Peter Dalheimer am Montag.

„Alexis Tsipras scheint alles andere als konfliktscheu zu sein“, stellt er am Dienstag an selber Stelle fest.

„Athen lässt die Säbel rasseln — stumpfe Säbel allerdings“, ergänzt seine Kollegin Mira Barthelmann am Mittwoch ebenda.

„Die Löwen in Athen und Brüssel hatten in den vergangenen Tagen gut gebrüllt“, erzählt ihre Kollegin Ellen Trapp am Donnerstag vor derselben Kulisse. „Wie gut, wenn man miteinander spricht.“ Ihre Analyse gipfelt in der Mahnung: „Er ist der neue griechische Ministerpräsident. Das müssen in Brüssel nicht alle gut finden, aber auf jeden Fall sollten sie ihn tolerieren.“

Sie stehen dort nicht, um uns Dinge zu sagen, die wir noch nicht wissen. Sie stehen dort, um uns Dinge zu sagen, die wir schon wissen; die sie uns am Tag vorher schon gesagt haben und am nächsten Tag wieder sagen werden; die unseren Blick auf eine komplexe Entwicklung auf eine einfache, vertraute, im Zweifel bequeme Position verengen. Und Politik oft auf das reduzieren, was sie mit Politikern macht. (…)

Kai Gniffke antwortet darauf in der neuen F.A.S.:

(…) Die „Tagesschau“ wird im Kern bleiben, was sie ist. Aber sie wird sich wandeln. Wir werden noch härter sieben, was den Weg in unser Angebot findet. Es könnte darauf hinauslaufen, dass wir die Zahl der Themen reduzieren, um die verbleibenden ausführlicher aufzubereiten. Dann könnten noch häufiger Hintergrundinformationen in den Korrespondentenberichten enthalten sein, wie Stefan Niggemeier am Beispiel rechtsextremer ukrainischer Truppenteile nicht ohne Grund einfordert.

Unser mediales Umfeld hat sich tiefgreifend verändert. Die Möglichkeiten für jedermann, unsere Arbeit zu überprüfen und nachzurecherchieren, haben sich durch Internet und soziale Netzwerke erheblich ausgeweitet. Das ist ein wesentlicher Grund für das gewaltig angewachsene Feedback. Der Dialog mit dem Publikum nimmt viel Zeit in Anspruch und ist auch nicht immer vergnüglich. Aber er ist wichtig, weil er unsere Sinne zur Einhaltung unserer Standards schärft und zu konstruktiven Diskussionen in der Redaktion wie in dieser Woche führt. Und weil er die Chance bietet, unserem Ziel näher zu kommen, Menschen für den gesellschaftlichen Diskurs zu gewinnen. 

60 Prominente gegen den Krieg sind keine Nachricht für ARD und ZDF

08 Dez 14
8. Dezember 2014

Am Freitag haben mehrere Dutzend Prominente, darunter ein ehemaliger Bundespräsident, ein ehemaliger Bundeskanzler, mehrere ehemalige Ministerpräsidenten und Bundesminister und viele bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Publizistik, einen Appell für eine „neue Entspannungspolitik“ und einen Dialog mit Russland veröffentlicht: „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“

Falls Sie davon gehört haben, dann nicht aus den Fernseh-Nachrichten von ARD und ZDF. Die haben darüber nämlich nicht berichtet.

Der Aufruf wurde vom früheren Kanzlerberater Horst Teltschik (CDU) initiiert, der zur Motivation sagte: „Uns geht es um ein politisches Signal, dass die berechtigte Kritik an der russischen Ukraine-Politik nicht dazu führt, dass die Fortschritte, die wir in den vergangenen 25 Jahren in den Beziehungen mit Russland erreicht haben, aufgekündigt werden.“

Die Unterzeichner richten sich nicht nur an Regierung und Parlament, sondern auch an die Medien:

Wir appellieren an die Medien, ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung überzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen. Jeder außenpolitisch versierte Journalist wird die Furcht der Russen verstehen, seit NATO-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im Bündnis zu werden. Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen. Es geht um Europa. Es geht darum, den Menschen wieder die Angst vor Krieg zu nehmen. Dazu kann eine verantwortungsvolle, auf soliden Recherchen basierende Berichterstattung eine Menge beitragen.

Eine höchst illustre Schar von sechzig Persönlichkeiten kritisiert Politik und Medien in Sachen Krieg und Frieden. Und „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, „heute“ und „heute journal“, tagesschau.de und heute.de ist das kein Wort wert.

ARD und ZDF können das erklären. Elmar Theveßen, der stellvertretende ZDF-Chefredakteur, schreibt mir auf Nachfrage, warum die Nachricht nicht in den Sendungen vorkam:

„Wir hätten es gern gemacht. Aber wir mussten wegen der nachfolgenden ‚Was nun…‘ mit einer deutlich verkürzten Sendezeit auskommen. Neben der Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen nahmen weitere Themen wie IS-Urteil, Taifun und Opel den Raum ein. (…) Ein ‚heute journal‘ gab es leider auch nicht.

Die grundsätzliche Haltung, die im Appell zum Ausdruck kommt, haben wir in unseren Sendungen mehrfach reflektiert, beispielsweise in einem Interview mit Matthias Platzeck im heute-journal und in der Berichterstattung über Seehofers Äußerungen zur Außenpolitik Steinmeiers.
 
Wir bleiben daran, möglichst auch mit einem Beitrag zur Diskussion um den Appell, sofern wir die unterschiedlichen Ansichten auch per Kamera einfangen können.

Nun gut, auch für eine Berichterstattung über den Start der Raumsonde Orion fand die „heute“-Sendung am Freitag Platz und für einen ausführlichen Sportblock. Tatsächlich gab es kein „heute journal“, weil das ZDF an diesem Tag seinen stundenlangen Jahresrückblick mit Markus Lanz ausstrahlte, dafür aber nicht eine Folge von „Der Alte“ ausfallen lassen wollte, sondern eben: das „heute journal“.

Die Erklärung von ARD-aktuell ist ganz ähnlich. „Dass verschiedene Qualitätsmedien erst mit etwas Abstand auf den Appell eingegangen sind, mag daran liegen, dass der Freitag bundespolitisch dominiert war von der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten“, teilt mir Christian Nitsche mit, der zweite Chefredakteur von ARD-aktuell. „Auch ansonsten war der Tag nachrichtenstark. Den Aufruf an diesem besonderen Tag relativ spät zu veröffentlichen, haben die Initiatoren sicher im Nachhinein selbst als weniger gelungen empfunden.“

Die „Tagesschau“ war schon so gut wie voll mit Ramelow, und die „Tagesthemen“ waren es auch: Ein Bericht über Ramelow, ein Interview mit Ramelow, ein Kommentar zu Ramelow — danach blieb nur noch Zeit für einen Meldungsblock und Opel, weil die „Tagesthemen“ keine halbe Stunde lang waren, sondern nur gut 15 Minuten. Das ist freitags immer so, aus Gründen, die einem vermutlich der ARD-Programmdirektor erklären kann, am einfachsten mit dem Verweis auf die Quote der dadurch regulär schon um 22 Uhr startenden „Tatort“-Wiederholung.

Der Freitagnachmittag ist tatsächlich ungefähr der schlechteste Termin, um die Aufmerksamkeit der medialen Öffentlichkeit zu gewinnen. Die Medienleute sind dann schon halb im Feierabend und im Wochenende. Und an diesem Freitag war ja auch viel los, und die „Tagesthemen“ sind da eh immer so kurz, und aus unglücklichen Umständen gab es auch kein „heute journal“, und bei heute.de und tagesschau.de waren sie anscheinend auch mit irgendwas anderem beschäftigt, dieser Appell kam auch nur einmal von dpa über den Ticker, also, mei, dumm gelaufen.

Ich halte das nicht einmal für abwegig, dass es genau so war. Fast wünscht man sich, wenn man diese traurigen Erklärungen hört, dass es stattdessen wenigstens brutales Kalkül war, wie die hyperventilierenden Wutschnauber von der „Propagandaschau“ meinen, die in ARD und ZDF eh „US-Propagandisten und Treiber des neuen Kalten Krieges“ sehen sowie „von einer transatlantischen 5. Kolonne unterwanderte Staatssender, die seit Monaten eine Lügen-und Desinformationskampagne gegen Russland, gegen das deutsche Volk und gegen den Frieden in Europa betreiben“.

Ich halte das, wie gesagt, für Unsinn. Aber ich merke, dass beim Wahrscheinlichkeitstest meine Trauriger-Redaktionsalltag-in-nichtsmerkenden-Senderbehörden-Theorie zunehmend an Boden verliert gegenüber jeder Verschwörungstheorie.

Es geht ja hier — wie auch bei den Symbolbildern von Putin neulich — nicht um eine einzelne Meldung. Es geht um eine Gesamtsituation, in der ARD und ZDF seit Monaten in außerordentlichem Maße vorgeworfen wird, dass ihre Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine einseitig und gefährlich sei. (In welchem Maße diese Vorwürfe berechtigt sind, sei ganz dahingestellt.) Und nun gibt es einen Appell, der eben diese Vorwürfe wiederholt, unterzeichnet nicht von unbekannten Ins-Internet-Schreibern oder möglicherweise vom Kreml bezahlten anonymen Trollen, sondern von 60 teils prominentesten Persönlichkeiten.

Und bei ARD und ZDF denkt man nicht: Okay, da sollten wir uns jetzt aber nicht noch zusätzlich angreifbar machen, sondern das sauber berichten, erstens weil es eh eine Nachricht ist, und zweitens weil der Vorwurf sich womöglich auch irgendwie gegen uns richtet, schon als vertrauensbildende Maßnahme?

Sondern bei ARD und ZDF denkt man: Oh, puh, aber, naja, blöd, heute am Freitag, schon so viel los, gibt ja auch Wichtigeres?

Sie merken nichts. Sie lernen nichts.

PS: „Tagesthemen“-Moderator Thomas Roth hat den Appell heute, gut drei Tage nach seiner Veröffentlichung, in einem Interview mit Angela Merkel angesprochen. ARD-aktuell-Mann Nitsche sagt, die Redaktion habe dem Aufruf „damit hohes Gewicht beigemessen“ und mit dem Merkel-Interview „einen guten Anlass gefunden, den Aufruf prominent aufzugreifen“.

Von Putinverstehern und Journalistenverstehern

05 Nov 14
5. November 2014

Man kann es sich natürlich so einfach machen wie Udo Grätz, der stellvertretende Chefredakteur des WDR. Der twitterte als Reaktion auf meinen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über die wachsende Kritik an den etablierten Medien:

Weiterhin. Er hätte angesichts der vielstimmigen und keineswegs immer unbegründeten Kritik an der Arbeit auch seiner Redaktionen wenigstens sagen können: „Noch präziser arbeiten“, aber selbst das war wohl schon zuviel verlangt.

Nicht beirren lassen, das ist eine Reaktion auf den spürbaren Gegenwind, den die Mainstream-Medien derzeit erfahren. Was mich, je nach persönlicher Stimmung, wütend macht oder besorgt, ist diese Selbstgewissheit, die aus manchen Reaktionen etablierter Medien auf die Kritik spricht (und natürlich vor allem auch den Nicht-Reaktionen); die Überzeugung, dass man sich nichts oder jedenfalls nichts Gravierendes vorzuwerfen hat; die Diffamierung der Kritik als von Russland gesteuert.

Ich weiß es ja auch nicht. Ich weiß nicht, wie viele Kommentatoren von Russland gekauft sind, so wenig wie ich weiß, wie viele Journalisten von den Vereinigten Staaten gekauft sind. Vielleicht bin ich da naiv, wenn ich in beiden Fällen die jeweilige Verschwörungstheorie so lange für unwahrscheinlich halte, wie ich das Verhalten der Betroffenen auch anders erklären kann.

Und es sind ja, im Fall der Kritiker, nicht nur irgendwelche anonymen „Trolle“, die das Gefühl haben, dass sie von den Medien nicht umfassend informiert werden. Es sind nicht nur die Paranoiker und Leute, die mit Hysterie Geschäfte und Politik machen wie Ulfkotte und der Kopp-Verlag oder die Bindestrichphobiker von den „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“. Es sind zum Beispiel auch die Nachdenkseiten von Albrecht Müller, die einer politischen Nähe zu Kopp & Co. unverdächtig sind. Und es sind, glaube ich, tatsächlich unauffällige, politisch interessierte und zunehmend von den Mainstream-Medien desillusionierte Menschen.

Ein Leser schreibt mir:

Ich selbst gehöre auch zu den Einwohnern Deutschlands, deren Vetrauen in die Medien dieses Landes in den vergangen Wochen besonders gelitten hat. Um jegliches Missverständnis auszuräumen: Ich habe nie in einem Internetformum oder im Kommentarbereich irgendwelcher Medien Beiträge gepostet oder mich als Troll betätigt.

Ich habe mir einfach nur eine kritische Berichterstattung zu den Dingen gewünscht, sei es in der Ukraine, Syrien oder von einem der sonstigen Kriesenherde der Welt.

Als besonders frustrierend dabei habe ich empfunden, wie Medien teilweise die von den Zuschauern/Lesern angebrachte Kritik beim Thema Ukraine aufgenommen haben: Als Antwort darauf wurden auch auf den Seiten der FAZ Artikel darüber veröffentlicht, dass vom Kreml gesteuerte Agenten die Foren zumüllen und Propaganda betreiben. Nicht gerade das was man souverän nennt.

Ich selbst hatte vor einigen Jahren das Buch von Peter Scholl Latour über Russland gelesen. Meine Meinung zum aktuellen Konflikt fußt wesentlich auf diesem Buch. Mir dann pauschal zu unterstellen, ich wäre mit meinen Ansichten Opfer oder gar Teil eines von Moskau gesteuerten Netzwerks, finde ich schon ein besonders starkes Stück. Wie soll ich dann solchen Institutionen Vetrauen schenken? Man wundert sich eben.

Auf Twitter schrieb mir jemand:

Ich habe mich erkannt. Ich bin in den 80ern in der BRD aufgewachsen. Grundkoordinate war, dass „wir“ die „Guten“ sind, nicht die DDR. Ich habe am 2. Mai das Odessa Massaker im Livestream gesehen, wie aus Fenstern Fallende am Boden liegend tot geschlagen wurden. Die deutschen MSM [Mainstream-Medien]: Bei einem Unglück (!) sind auf unbekannte Weise (!) durch einen Brand (!) Menschen verstorben. Das hat alles, an was ich geglaubt habe (wir sind die Guten!), zerstört und eine lodernde Wut entfacht, die bis heute andauert.

Marco Herack schrieb schon im April in seinem FAZ.net-Blog „Wostkinder“:

Und fürwahr, es gab in den letzten Jahren wohl nur wenige Diskurse, in denen die Meinung zwischen den Gatekeepern und den Bürgern soweit auseinanderging wie in Bezug auf die Ukraine. Während die Artikel klar gen bösen Putin weisen, erschöpfen sich viele Leserkommentare in genau dem Gegenteil. Nicht Putin ist der Böse, man äußert ein gewisses Verständnis und zweifelt an dem Treiben der eigenen Regierung. Umfragen deuten darauf hin, dass es sich hierbei keineswegs um Russen handelt, die im Auftrag von Putin die Kommentarspalten bevölkern. Die öffentliche Meinung, die Bürger dieses Landes, sind schlichtweg anderer Meinung und äußern sie.

Die Reaktion auf diese andere Meinung der Bürger war im Politik-Bereich dieser Zeitung genau das, was man der Lesermeinung vorwarf. Verschwörungstheorie, geäußert von Julian Staib. Aber auch andere Zeitungen zogen nach, zum Beispiels Jens Bisky in der Süddeutschen. Das zeigt vor allem, dass man nicht bereit ist den Fehler bei sich selbst zu suchen. Und warum Worte wie „Systemmedien“ in Mode sind. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Bestsellerlisten Büchern führen, die davon handeln, dass Meinungen unterdrückt werden.

Einer dieser Bestseller ist Udo Ulfkottes Buch „Gekaufte Journalisten“, kommende Woche auf Platz 6 der „Spiegel“-Liste. Ulfkotte ist in vielerlei Hinsicht irre, aber ich halte es für falsch, so zu tun, als gäbe es ihn nicht und als wäre sein Buch kein Erfolg. Es enthält neben absurden Übertreibungen und Verdrehungen bekannte, aber tatsächliche journalistische Skandale, und die atemberaubende Mischung aus beidem macht das Buch brisant und für manchen Leser womöglich glaubwürdig.

Ein anderer Bestseller ist „Wir sind die Guten“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer. Es stellt viele unbequeme Fragen, an die Rolle der Amerikaner und des Westens im Ukraine-Konflikt — vor allem aber auch an die Medien, die diese Rolle so wenig hinterfragen. Es ist von seiner Haltung und seinem Tonfall mit Ulfkottes Pamphlet nicht zu vergleichen, aber es hinterlässt umso mehr das Gefühl, dass es hier eine Leerstelle gibt in der Berichterstattung der etablierten Medien.

Und dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, dass es in eben jenen Medien keine große Auseinandersetzung gibt über das Buch. Dass es nicht als Anlass gesehen wird, sich mit den Fragen, die es aufwirft, auseinanderzusetzen — und sei es, sie nüchtern und klar zu beantworten und der Analyse zu widersprechen.

Ich kenne mich da nicht aus. Ich weiß sehr wenig über die Ukraine, und ich bin — anders als gefühlt erstaunlicherweise jeder andere — kein Experte für ukrainische Geschichte, russische Psyche oder die Grenzen des Völkerrechts. Umso mehr bin ich darauf angewiesen, Menschen, die darüber berichten, zu vertrauen. Es gibt vielleicht Dinge, die ich nachprüfen kann, und Aspekte, die mit meinem Vorwissen übereinstimmen. Aber am Ende bleibt ein großer Teil, bei dem ich einem Augenzeugen, einem Reporter, einem Kommentator, einem Medium schlicht vertrauen muss.

Dieses Vertrauen ist an vielen Stellen angeknackst.

Ich glaube nicht, dass viele deutsche Journalisten in irgendeinem engeren oder weiteren Sinne gekauft sind. Ich glaube aber, dass sie nicht unvoreingenommen sind. Dass die Berichterstattung tatsächlich, vermutlich oft unterschwellig und unbewusst, geprägt ist von einer klaren Überzeugung, dass es hier eine gute Seite und eine böse Seite gibt. Dass man den Aussagen der einen Seite prinzipiell glauben kann, bis das Gegenteil erwiesen ist, und den Aussagen der anderen Seite prinzipiell nicht glauben kann, bis das Gegenteil erwiesen ist.

So ließen sich auch die vielen, oft kleinen Fehler erklären, die in der Berichterstattung zuungunsten der russischen Seite zu passieren scheinen. (Die Seite der Kritiker erliegt natürlich demselben Phänomen und interpretiert die Berichterstattung ausschließlich vor der Schablone, dass sie vermutlich falsch, gesteuert und anti-russisch ist und hat eine entsprechend gefärbte Wahrnehmung, die zu Fehlurteilen führt. Viele Anti-Mainstream-Medien-Blogs sind insofern mindestens so voreingenommen.)

Um ein vergleichsweise läppisches Beispiel zu nehmen: Im Frühjahr, als die umstrittene Abstimmung auf der Krim über den Anschluss an Russland stattfand, sahen die deutschen Medien, dass dort durchsichtige Wahlurnen verwendet wurden, und nahmen das als weiteres Indiz dafür, dass es kein Wahlgeheimnis gab und die Wahl also eine Farce sei. Tatsache ist, dass in der Ukraine solche durchsichtigen Wahlurnen Tradition haben. Tatsache ist sogar, dass die OSZE den Einsatz solcher Urnen als vertrauensbildende Maßnahme aktiv unterstützt.

Aber weil die Organisatoren des Referendums böse waren, war klar, dass auch hinter dem Einsatz der für uns ungewöhnlichen Kisten eine böse Absicht stecken musste. Dafür ist gar keine Absprache, keine Verabredung, kein „Kauf“ der Journalisten nötig, nur eine entsprechende Voreingenommenheit, die den Blick auf alles, was passiert, entsprechend prägt — und trübt.

Ich habe bewusst ein kleines Beispiel gewählt, weil es in größeren Zusammenhängen natürlich schnell unübersichtlich und komplex wird; zum Beispiel etwa, wenn es darum geht, welche Vorgänge verfassungswidrig sind. Die Abspaltung der Krim von der Ukraine? Die Absetzung Wiktor Janukowitschs als Präsident?

Mein subjektiver (und natürlich zu pauschaler) Eindruck ist, dass die Berichterstattung über die Vorgänge in der Ukraine von solcher Voreingenommenheit geprägt ist. Dass die etablierten deutschen Medien sich erstaunlich wenig mit den zweifelhaften Umständen der Revolution beschäftigt haben — Bröckers und Schreyer liefern Beispiele dafür.

Gerade das wäre aber nötig. Gerade in einem Konflikt, der so gefährlich ist und uns so sehr betrifft. Viele Medien wirken, als betrachteten sie sich als Teil der Auseinandersetzung; sie kämpfen mit und für „den Westen“ gegen Russland und seinen irren, gefährlichen, skrupellosen Präsidenten. Es ist nicht nur Gut gegen Böse, sondern sogar Wir Guten gegen Die Bösen.

Bröckers und Schreyer schreiben:

Ob sie es selbst nun merkten oder nicht, viele Journalisten hatten im Frühjahr 2014 bereits in den Kriegsmodus geschaltet, dessen Logik vor allem besagte: Traue niemals dem Feind. (…)

Im Ergebnis dient das Vehikel der „russischen Propaganda“, ebenso wie der in anderen Zusammenhängen häufig verwendete Begriff „Verschwörungstheorie“, einer pauschalen Abwertung und Ausgrenzung jeglicher missliebigen Information. Da die vorgeblichen Fakten ja vom Feind stammen und der Feind bekanntlich gerne lügt, ist eine weitere Diskussion von Einzelheiten überflüssig. Ende der Debatte also. Wir sind doch nicht blöd und glauben am Ende noch den Russen — so der mehr oder weniger unterschwellige Tenor.

Es geht dabei nicht darum, der russischen Propaganda blauäugig gegenüberzutreten. Es geht darum, zu erkennen, dass dem russischen Propagandafeldzug nicht auf der anderen Seite Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gegenübersteht; dass auch „der Westen“, die Nato, die „westlich orientierte“ Regierung der Ukraine diesen Kampf um die Meinungshoheit mit allen Mitteln führt. Und zu erkennen, dass es die Aufgabe freiheitlicher Medien ist, gerade auch diese vermeintlich eigene und vermeintlich gute Seite besonders kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Ich vermisse dieses Bewusstsein in der Berichterstattung.

Die WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich schreibt im „Medium Magazin“:

Trotzdem gewinne ich dem Rauschen aus dem Netz einiges ab, denn er schärft mein Selbstverständnis als Journalistin. Von Zeit zu Zeit muss das sein! Erst beim Irak-Krieg stellten wir die Grundsatzfrage, ob wir „embedded“ arbeiten dürfen. (Als ob Kriegsreporter zuvor nicht auch mit einer der Parteien „reingingen“.) Erst als CNN beim Bombardement von Bagdad News in Real Time lieferten, beschäftigten wir uns mit den Folgen der beschleunigten Übertragungswege. Und ja, erst bei dieser neuen Eiszeit zwischen Ost und West verdrängen wir nicht mehr, dass unsere Arbeit Propagandastrategien direkt und indirekt beeinflusst. Wir sind Kriegsteilnehmer, ob wir es wollen oder nicht.

Das stimmt, und doch ist der vorletzte Satz erstaunlich umständlich formuliert. Die Arbeit von Journalisten beeinflusst nicht nur Propagandastrategien, sie ist auch von Propagandastrategien beeinflusst — und Journalisten scheinen da erstaunlich wenig Widerstand oder Selbst-Bewusstsein zu entwickeln.

Bei einer Diskussion bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises Ende Oktober an Golineh Atai sagte Mikich:

Wir erleben hier einen qualitativen Sprung sondergleichen, mit dem Internet als Echo-Raum. Wo alles, was wir sagen, zehnfach zurückkommt. Verzerrt, gehässig, manchmal kritisch und gut, aber auf jeden Fall schwierig, Arbeit machend und so weiter. (…) Wir machen Nachrichten, Berichte in einer Empörungsdemokratie, die da im Internet unendlich stark auf uns einwirkt, und zwar so einwirkt, dass man sich verkrampft. (…) Wir verkrampfen uns. (…) Ich verkrampfe mich. Wenn ich jetzt überlege, Golineh will einen Bericht machen, meinetwegen über junge russische Demokraten: Macht sie das, um einer Öffentlichkeit, um dieser Internetgemeinde zu sagen, wir sind ja gar nicht so, wir sehen das auch? Oder macht sie das, weil sie journalistische Neugier hat. Diese Verkrampfung halte ich wirklich für einen ganz großen Schaden, und der ist dem Internet vor allem geschuldet.

Ich verstehe, was sie meint, und natürlich dürfen sich Journalisten nicht einschüchtern lassen, nicht von einem oft maßlos formulierenden und unfassbar aggressiv agierenden Mob, und schon gar nicht von persönlichen Drohungen, denen sich Korrespondenten wie Atai offenbar ausgesetzt sehen.

Andererseits höre ich Sätze wie „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht unter Druck setzen lassen“, wie sie „Spiegel“-Autor Christian Neef formulierte, mit einem Unbehagen. Weil das auch ein bequemes Abtun der Kritik bedeuten kann.

Gerade angesichts der vielfältigen Kritik müsste es doch ein viel stärkeres Problembewusstsein geben in den Redaktionen. Stattdessen passieren absurde Pannen wie der gleich mehrfache grob irreführende Einsatz von alten Fotos zur Illustration aktueller Vorgänge im WDR. Man sollte doch denken, dass Journalisten inzwischen so sensibilisiert sind — sensibilisiert, nicht verkrampft — dass sie den Einsatz jedes Symbolfotos zu diesem Konflikt doppelt hinterfragen. Wie viele „reine Unaufmerksamkeiten“ können denn passieren? Ja, Fehler passieren immer und überall und lassen sich nicht vermeiden, aber kann man vom Qualitätsjournalismus wirklich nicht verlangen, unbestätigte Meldungen über angebliche russische Truppenbewegungen in der Ukraine nicht mit Fotos von russischen Truppenbewegungen in Russland zu bebildern, wie es die „Frankfurter Rundschau“ gerade wieder gemacht hat?

Und wie ist es zu erklären, dass ARD-Korrespondent Udo Lielischkies, der von den Kritikern besonders massiv angegangen wird, nach der Parlamentswahl in der Ukraine in der 20-Uhr-„Tagesschau“ zur Legitimation dieser Abstimmung sagte: „Mit einer Wahlbeteiligung von gut 52 Prozent immerhin höher als der Durchschnitt der letzten drei Parlamentswahlen“ — wenn es mit Abstand die niedrigste Wahlbeteiligung war?

(Soviel zum Thema „weiterhin journalistisch präzise arbeiten“, Herr Grätz.)

ZDF-Chefredakteur Peter Frey hat bei der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis-Diskussion gesagt, das ZDF habe eine Art internen Qualitätszirkel eingerichtet und die eigene Berichterstattung kritisch reflektiert.

Natürlich müssen wir das beachten, was uns da entgegenschlägt. Es darf uns aber nicht im Mark verunsichern. Denn: Die Glaubwürdigkeit der Nachrichtensendungen hat nicht Schaden gelitten. Das Interesse der Zuschauer ist doch groß. Einen Glaubwürdigkeitsverlust der großen Plattformen, „Tagesschau“, „heute“, „heute-journal“, „Tagesthemen“, kann ich nicht erkennen. (…) In dieser Situation ist es gar nicht möglich, keinen Fehler zu machen. Aber am Ende seien wir doch selbstbewusst, dass unsere Redakteure und Korrespondenten, jedenfalls zu 98 Prozent hier, einen Prima-Job gemacht haben.

Es gab Applaus an dieser Stelle.

Ich bin nicht so überzeugt. Ich glaube, dass wir von unseren Qualitätsmedien erwarten können, dass sie genauer berichten. Dass sie weniger Fehler machen, vor allem, wenn es um Krieg und Frieden geht. Dass sie sensibilisiert sind für eine mögliche eigene Voreingenommenheit, was die Berichterstattung kleiner Details angeht, aber auch das große Ganze. Dass sie in einem viel größeren Maße ihre Rolle reflektieren, die Position, die sie einnehmen. Dass sie bewusst die Perspektiven wechseln und sich nicht als Kriegs– oder Konfliktpartei verstehen. Und dass sie sich kritisch und selbstkritisch mit Vorwürfen, wie sie zum Beispiel Bröckers und Schreyer erheben, auseinandersetzen — all das, was die staatlich gelenkten russischen Propagandamedien nie tun würden.