Grand Prix Eurovision de la Manipulation: ESC zu kaufen?

Sagen wir so: Wenn in den nächs­ten Tagen Mit­glie­der der dies­jäh­ri­gen aser­baid­scha­ni­schen Eurovisions-Jury leb­los ans Ufer des kas­pi­schen Mee­res ange­spült wür­den, wäre es keine große Über­ra­schung. Die sind näm­lich offen­kun­dig ver­ant­wort­lich für das schänd­li­che Null-Punkte-Votum Aser­baid­schans für den rus­si­schen Bei­trag. Der aser­bai­scha­ni­sche Außen­mi­nis­ter musste sich dafür vom rus­si­schen Außen­mi­nis­ter öffent­lich hef­tige Vor­würfe anhö­ren.

Das Regime sieht die Schuld aller­dings anschei­nend bis­lang noch beim Aus­rich­ter des Grand-Prix, der EBU. Die habe Russ­land um die Stim­men Aser­baid­schans betrogen.

Die Poli­ti­ker haben sogar etwas, das wie ein Beweis aus­sieht: Die aser­baid­scha­ni­sche Regie­rung hat sich bei den Tele­fon­ge­sell­schaf­ten des Lan­des die Abstim­mungs­er­geb­nisse besorgt, und danach lag der rus­si­sche Bei­trag in der aser­baid­scha­ni­schen Publi­kums­gunst auf dem zwei­ten Platz. Dass das Land trotz­dem kei­nen ein­zi­gen Punkt an Russ­land ver­gab, ließe sich nur durch eine skan­da­löse Ver­schwö­rung oder wenigs­tens einen Feh­ler bei den west­li­chen Ver­ant­wort­li­chen erklären.

Die Nach­rich­ten­agen­tur AFP (blind über­nom­men von »Spie­gel Online« und ande­ren) macht sich die aserbaidschanisch-russische Regie­rungs­pro­pa­ganda gleich zu eigen, spricht vom abwei­chen­den »tat­säch­li­chen« Abstim­mungs­er­geb­nis der Aser­baid­scha­ner und einer »jetzt publik gewordene[n] Panne«, als han­dele es sich tat­säch­lich um eine solche.

Die EBU bestrei­tet das aber vehe­ment und glaub­wür­dig. Denn das Votum des Publi­kums macht nur die Hälfte der zu ver­ge­be­nen Punkte eines Lan­des aus. Die andere Hälfte wird von fünf Juro­ren bestimmt. Denen muss der rus­si­sche Bei­trag so wenig gefal­len haben, dass sie ihn weit nach unten plat­zier­ten. In der Addi­tion von Jury– und Zuschauer-Votum sei Russ­land nicht unter die Top-Ten Aser­baid­schans gekom­men, sagt die EBU. Das Votum der Juro­ren sei nota­ri­ell beglaubigt.

Das ist natür­lich undenk­bar in einem Land wie Aser­baid­schan: dass Juro­ren bei einem sol­chen inter­na­tio­na­len Wett­be­werb ihrem eige­nen Urteil fol­gen und nicht der Staats­rai­son. Genau so erwar­tet die EBU das zwar von den Betei­lig­ten. Aber sie könnte die Betrof­fe­nen nun, nach­dem sich der Staat die Televoting-Ergebnisse besorgt hat und dar­aus das Jury-Urteil rekon­stru­ie­ren kann, auch nicht vor Repres­sio­nen schüt­zen. Dass die Leute in ihrem Land nie wie­der in irgend­ei­ner offi­zi­el­len Jury sit­zen wer­den, darf man als sicher anneh­men — es ist aber auch die harm­lo­seste mög­li­che Folge.

So poli­tisch ist der Grand-Prix in machen Län­dern, so wich­tig. Ich komme gleich noch­mal drauf zurück.

Vor­her aber ein Aus­flug in die Sta­tis­tik. Dass ein Bei­trag, der beim Publi­kum weit vorne lan­det, trotz­dem ohne Punkte aus­ge­hen kann, ist näm­lich Folge einer im Vor­feld kaum beach­te­ten Regel­än­de­rung. Bis­lang wur­den für jedes Land die Jury– und Televoting-Ergebnisse ein­zeln in die übli­chen ESC-Punkte 12, 10, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 umge­rech­net und dann addiert, um die Gesamt­rei­hen­folge zu bestim­men. Dadurch wur­den beim Mit­teln jeweils nur die zehn Favo­ri­ten von Jury bzw. Publi­kum berücksichtigt.

In die­sem Jahr wur­den erst­mals alle 26 Län­der in die Rei­hen­folge ihres jewei­li­gen Abschnei­dens bei Jury und Publi­kum gebracht, bevor sie addiert wur­den. Das klingt nach einer mar­gi­na­len Ände­rung, aber die Wir­kung ist erheb­lich, wenn Jury– und Publikums-Votum sich deut­lich unterscheiden.

Ein Titel, der bei der Jury kom­plett durch­fiel, lag frü­her rech­ne­risch vor der inter­nen Addi­tion nicht schlech­ter als auf Platz 11. Dadurch hatte er, wenn das Publi­kum ihn liebte, immer noch gute Chan­cen, ins­ge­samt unter den Top Ten und also im Punk­te­be­reich zu lan­den. Das ist nach der neuen Rechen­me­thode nicht mehr unbe­dingt der Fall. Setzt die Jury den Publi­kums­lieb­ling zum Bei­spiel auf Platz 18 oder 26, hat er trotz einer Höchst­wer­tung von den Zuschau­ern kaum eine Chance, ins­ge­samt in den Bereich der Punkte eines Lan­des zu kommen.

Genau das ist offen­kun­dig in Aser­baid­schan pas­siert: Ein Platz sehr weit hin­ten in der Jury-Rangliste sorgte dafür, dass Russ­land trotz eines zwei­ten Plat­zes im Publi­kums­vo­ting keine Punkte aus Aser­baid­schan bekam — so unwahr­schein­lich das klin­gen mag.

In Ita­lien ist etwas ähn­li­ches pas­siert. Die RAI hat freund­li­cher­weise die Televoting-Ergebnisse ver­öf­fent­licht. Danach haben im Finale sagen­hafte 23,2 Pro­zent der Anru­fer in Ita­lien für Rumä­nien gestimmt. Trotz­dem bekam der rumä­ni­sche Bei­trag nur einen Punkt. Bei den Juro­ren muss er auf einem der letz­ten Plätze gelan­det sein.

Die­ses Maß an Rela­ti­vie­rung ist von der EBU gewollt: Extrem popu­läre Geschmacks­aus­rei­ßer wie Lordi 2006 sol­len keine Chance mehr haben. Die neue Addi­ti­ons­weise der Jury– und Zuschauer-Stimmen pro Land begüns­tigt Kon­sen­skan­di­da­ten — aber eben auch Ver­schwö­rungs­theo­rien wie die in Aser­baid­schan und ein zumin­dest gefühl­tes Gerech­tig­keits­pro­blem: Soll ein Bei­trag, der in einem Land auf so breite Unter­stüt­zung bei den Anru­fern stößt wie Rumä­nien jetzt in Ita­lien wirk­lich von fünf Ein­zel­per­so­nen in der Jury so her­un­ter­ge­stuft wer­den können?

Hel­fen würde es, wenn die EBU die natio­na­len Ein­zel­er­geb­nisse von Jurys und TED getrennt ver­öf­fent­li­chen würde, damit man das Gesamt­vo­tum wenigs­tens nach­voll­zie­hen kann. Ande­rer­seits wäre dann der Druck auf die Jurys in unde­mo­kra­ti­schen Län­dern wie Aser­baid­schan, sich für ein poli­tisch unab­hän­gi­ges Votum recht­fer­ti­gen zu müs­sen, noch größer.

Die Eurovisions-Verantwortlichen haben noch andere Gründe, sol­che Trans­pa­renz abzu­leh­nen. Sie würde auch andere Unzu­läng­lich­kei­ten im Abstim­mungs­pro­zess gna­den­los öffent­lich machen. Zum Bei­spiel, wenn die Teil­nahme am Tele­vo­ting in einem Land so nied­rig war, dass die Zuschau­er­stim­men nicht in die Wer­tung ein­gin­gen. Die EBU gibt weder die Höhe des not­wen­di­gen Quo­rums bekannt noch die Län­der, die daran jeweils geschei­tert sind. Es ist aber angeb­lich kein sel­te­ner Fall, dass aus die­sem Grund nur das Jury-Ergebnis eines Lan­des gewer­tet wurde.

Wären die Fälle mit so nied­ri­ger Abstimmungs-Teilnahme kon­kret bekannt, so die Argu­men­ta­tion der EBU, würde man es poten­ti­el­len Betrü­gern zu leicht machen. Sie könn­ten sich diese Län­der her­aus­pi­cken, um zu ver­su­chen, mit rela­tiv weni­gen zusätz­li­chen, gekauf­ten Stim­men das Ergeb­nis zu beeinflussen.

Ein mit ver­steck­ter Kamera gefilm­tes Video soll zei­gen, wie Aser­baid­schan das in Litauen ver­sucht hat. Auf­fäl­lige (und nicht allein durch Nach­bar­schaft oder kul­tu­relle Ähn­lich­kei­ten erklär­bare) Abstim­mungs­er­geb­nisse gibt es einige. So gibt Malta seit vier Jah­ren plötz­lich Aser­baid­schan im Finale kon­se­quent zwölf Punkte.

Die Köl­ner Firma digame, die für die Abwick­lung des Votings zustän­dig ist, hat Mecha­nis­men ein­ge­baut, die Mani­pu­la­tio­nen erschwe­ren sol­len. Das Sys­tem regis­triert unge­wöhn­li­che Zusam­men­bal­lun­gen, wenn, sagen wir, in einem klei­nen Ort in Irland plötz­lich abwei­chend vom Trend Hun­derte Anrufe für Aser­baid­schan abge­ge­ben wer­den. Sol­che Stim­men wer­den aus­sor­tiert. EBU-Verantwortliche räu­men aller­dings ein, dass das Sys­tem bei einem gut und geschickt orga­ni­sier­ten Stim­men­kauf macht­los ist — und in klei­ne­ren Län­dern ist der Auf­wand dafür für jeman­den, der daran inter­es­siert wäre, durch­aus überschaubar.

Es sind wohl weni­ger die Fern­seh­sen­der oder Staa­ten selbst, die hin­ter sol­chen Mani­pu­la­ti­ons­ver­su­chen ste­hen. Ein Inter­esse daran, ein Land mit allen Mit­teln zum Sieg zu brin­gen, könn­ten vor allem regie­rungs­nahe Orga­ni­sa­tio­nen oder Wirt­schafts­ver­bände haben, die sich davon Vor­teile von der Auf­merk­sam­keit und dem mög­li­chen Image­ge­winn ver­spre­chen. Län­der mit schlech­tem Image oder EU-Anwärter sind beson­dere Kan­di­da­ten dafür.

Unab­hän­gig davon, ob sich die Berichte aus Litauen als zutref­fend her­aus­stel­len, scheint die EBU ein ech­tes Pro­blem darin zu sehen, diese Form der Mani­pu­la­tion des Ergeb­nis­ses zuver­läs­sig zu verhindern.

Anstatt Zuschau­er­stim­men zu kau­fen, bie­tet sich natür­lich auch der Ver­such an, die Jurys zu beein­flus­sen. Wenn es da Ver­dachts­fälle gibt, schickt die EBU nach eige­nen Anga­ben unan­ge­kün­digt einen Wirt­schafts­prü­fer bei der Jury-Sitzung vor­bei. Bei begrün­de­ten Zwei­feln soll es auch mög­lich sein, dass das Jury-Votum eines Lan­des nicht gewer­tet wird. Ob das schon ein­mal vor­ge­kom­men ist, wollte man mir nicht sagen.

Nach der Auf­merk­sam­keit, die die ver­schie­de­nen Vor­würfe in die­sem Jahr bekom­men haben, bis hin zur Außen­mi­nis­ter­ebene, will die EBU in den nächs­ten Wochen über die not­wen­di­gen Kon­se­quen­zen dis­ku­tie­ren. Dass sie in der Folge auf grö­ßere Trans­pa­renz setzt, gilt aller­dings als unwahr­schein­lich. Immer­hin will sie das Gesamt­er­geb­nis in der Auf­tei­lung nach Jury und Tele­vo­ting in die­sem Jahr nicht erst nach Wochen ver­öf­fent­li­chen, son­dern schon in die­sen Tagen.

Aserbaidschan und die Pflicht zu hassen

Keine guten Nach­rich­ten aus Aserbaidschan.

Der aser­baid­scha­ni­sche Schrift­stel­ler Akram Ajl­isli hat Ende ver­gan­ge­nen Jah­res in einer rus­sisch­spra­chi­gen Zeit­schrift die Novelle »Stein­träume« ver­öf­fent­licht. Sie spielt wäh­rend der anti-armenischen Pogrome in Aser­baid­schan zum Ende der Sowjet­union und schil­dert, wie zwei aser­baid­scha­ni­sche Män­ner ver­su­chen, ihren arme­ni­schen Nach­barn zu schützen.

Arme­nien ist der Erz­feind Aser­baid­schans und hält nach dem Krieg vor 20 Jah­ren die Region Berg­ka­ra­bach besetzt. Eine freund­li­che Dar­stel­lung von Arme­ni­ern ist in Aser­baid­schan eine Unmöglichkeit.

Ajl­isli sagt, er hätte damit gerech­net, dass sein Werk Auf­re­gung pro­vo­zie­ren würde, aber die Hef­tig­keit des Auf­ruhrs habe ihn scho­ckiert. Vor sei­nem Haus ver­sam­melte sich ein Mob, rief Beschimp­fun­gen und ver­brannte sein Por­trait. Ein Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat setzte eine Beloh­nung von umge­rech­net 10.000 Euro aus für jeden, der Ajl­is­lis Ohr abschnei­det. Wäh­rend einer Debatte im Par­la­ment emp­fahl einer der Abge­ord­ne­ten, ihm seine Staats­bür­ger­schaft abzu­er­ken­nen. Der hoch­ran­gige Regie­rungs­ver­tre­ter Ali Hasa­nov for­derte das aser­baid­scha­ni­sche Volk auf, »öffent­lich Hass« gegen­über Leu­ten wie Ajl­isli kundzutun.

Prä­si­dent Ali­jew erkannte Ajl­isli Ehren­preise, Staats­rente und den Titel des Volks­schrift­stel­lers ab. Seine Frau und sein Sohn ver­lo­ren ihre Stel­len. Die Bür­ger­rechts­kämp­fe­rin Leyla Yunus spricht von einer »sta­li­nis­ti­schen Reak­tion« der auto­ri­tä­ren Regierung.

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Der aser­baid­scha­ni­sche Blog­ger Emin Milli ist heute nach zwei Wochen Arrest frei­ge­kom­men. Er war wie zahl­rei­che andere Bür­ger­recht­ler und Oppo­si­tio­nelle bei einer unan­ge­mel­de­ten Demons­tra­tion in Baku fest­ge­nom­men wor­den. Andere, wie die Ent­hül­lungs­jour­na­lis­tin Kha­dija Ismailowa, wur­den zu Geld­stra­fen verurteilt.

Milli war 2009 inter­na­tio­nal bekannt gewor­den, als das Regime gegen ihn vor­ging, nach­dem er mit einem Freund ein sati­ri­sches Video über die Kor­rup­tion von Poli­ti­kern gedreht hatte. Er war trotz inter­na­tio­nale Pro­teste auf­grund einer höchst zwei­fel­haf­ten Anklage zu ein­ein­halb Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den. Anläss­lich des Inter­net Gover­nance Forums, das Ende ver­gan­ge­nen Jah­res in Baku statt­fand, hatte er einen offe­nen Brief an Prä­si­den­ten Ali­jew geschrie­ben und die »Gesell­schaft der Angst« in sei­ner Heimt beklagt.

Die Pro­teste gegen die Regie­rung haben in den ver­gan­ge­nen Wochen zuge­nom­men; die Härte, mit denen der Staat dage­gen vor­geht, und die Schi­ka­nen, denen sich Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen aus­ge­setzt sehen, ebenfalls.

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Das aser­baid­scha­ni­sche Regime hat Freunde in Deutsch­land, und einer der pro­mi­nen­tes­ten ist die große mora­li­sche Auto­ri­tät der FDP, Hans-Dietrich Gen­scher. Der ehe­ma­lige Außen­mi­nis­ter ist Ehren­vor­sit­zen­der im Bei­rat der Agen­tur Con­sul­tum Com­mu­ni­ca­ti­ons des frü­he­ren »Bild«-Journalisten Hans-Erich Bil­ges, die, wie es der »Spie­gel« for­mu­liert, »unde­mo­kra­ti­schen Regie­run­gen bei der Image­pflege hilft«. Zu den Kun­den gehö­ren oder gehör­ten neben Län­dern wie Kasachs­tan und Weiß­russ­land auch Aser­baid­schan, und Gen­scher hilft, das Pres­tige der dor­ti­gen Macht­ha­ber zu heben.

Als Bil­ges eine große Feier zum 20-jährigen Unab­hän­gig­keits­tag Aser­baid­schans in Ber­lin orga­ni­sierte, kam neben der dama­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten­gat­tin Bet­tina Wulff auch Genscher.

Gleich zwei­mal reiste Gen­scher in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch nach Baku, um Prä­si­dent Ali­jew zu tref­fen: im Novem­ber 2010 und im Juni 2012. Laut aser­baid­scha­ni­scher Regie­rung lobte der FDP-Ehrenvorsitzende dabei den rasan­ten Ent­wick­lungs­fort­schritt des Lan­des und sagte, Deutsch­land wolle die Zusam­men­ar­beit mit Aser­baid­schan auf allen Gebie­ten aus­bauen. Auch am Rande der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz traf sich Gen­scher im ver­gan­ge­nen Jahr mit dem aser­baid­scha­ni­schen Präsidenten.

Eine Anfrage vom mir im ver­gan­ge­nen Som­mer, was die Absicht des dama­li­gen Tref­fens mit Ali­jew war, wer die Mit­glie­der sei­ner Dele­ga­tion waren und ob es einen Zusam­men­hang mit den Akti­vi­tä­ten von Con­sul­tum gebe, ließ das Büro Gen­schers unbeantwortet.

Ein aserbaidschanischer Held

Am 18. Februar 2004 kauft sich der aser­baid­scha­ni­sche Sol­dat Ramil Safa­rov eine Axt. Er ist mit Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen aus ande­ren Län­dern in Buda­pest, um an einem Nato-Fortbildungsprogramm teil­zu­neh­men. In der über­nächs­ten Nacht nimmt er die Axt, geht ins Zim­mer eines schla­fen­den Teil­neh­mers aus dem ver­fein­de­ten Nach­bar­land Arme­nien und erschlägt ihn im Schlaf. Die Obduk­tion wird erge­ben, dass er ihn sech­zehn Mal im Gesicht trifft und den Kopf fast vom Rumpf trennt.

Danach macht sich Safa­rov auf den Weg, einen wei­te­ren arme­ni­schen Sol­da­ten im Gebäude zu töten. Bevor er in des­sen Zim­mer ein­drin­gen kann, wird er von der Poli­zei verhaftet.

Ein unga­ri­sches Gericht ver­ur­teilte Safa­rov 2006 zu lebens­läng­li­cher Haft. Frü­hes­tens 2036 sollte er begna­digt wer­den kön­nen. Der Rich­ter begrün­dete das Urteil mit der Bru­ta­li­tät der Tat und dem Feh­len jeder Reue.

Am ver­gan­ge­nen Frei­tag wurde Safa­rov von Ungarn nach Aser­baid­schan aus­ge­lie­fert. Nach Anga­ben der unga­ri­schen Regie­rung hatte ihr das aser­baid­scha­ni­sche Regime zuge­si­chert, dass Safa­rov den Rest sei­ner Strafe würde ver­bü­ßen müssen.

Unmit­tel­bar nach sei­ner Ankunft in Baku begna­digte Prä­si­dent Ilham Aliyev den Mör­der. Er wurde von jubeln­den Men­schen emp­fan­gen und als Volks­held gefei­ert. Das Regime in Baku hatte Safa­rovs Taten nie ver­ur­teilt und Medien und Orga­ni­sa­tio­nen im eige­nen Land ermun­tert, ihn als pro­mi­nente Per­sön­lich­keit zu behandeln.

Safa­rov besuchte nach sei­ner Rück­kehr ins Land die Märtyrer-Allee und legte Blu­men am Grab von Heydar Aliyev nie­der. Der aser­baid­scha­ni­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter stellte ihm kos­ten­los eine Woh­nung zur Ver­fü­gung, zahlte ihm den in den ver­gan­ge­nen acht Jah­ren ent­gan­ge­nen Lohn nach und beför­derte ihn in den Rang eines Majors.

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Es kommt mir im Nach­hin­ein so naiv vor, dass wir im Mai beim Euro­vi­sion Song Con­test annah­men, dass in einer Disco, die Teil des offi­zi­el­len Pro­gramms war, Musik aus Arme­nien gespielt wer­den könnte. Mir erscheint aber auch der Gedanke absurd, dass eine arme­ni­sche Dele­ga­tion in die­sem poli­ti­schen Klima in die­sem Land an dem Grand-Prix hätte teil­neh­men können.

Es stimmt: Das aser­baid­scha­ni­sche Regime hatte dem Ver­an­stal­ter, der Euro­pean Broad­cas­ting Union (EBU) ver­spro­chen, dass sie für die Sicher­heit der Dele­ga­tio­nen bürge. Aber ver­mut­lich wusste es damals schon, dass man die­ser Orga­ni­sa­tion fol­gen­los alles ver­spre­chen konnte.

Ende Mai ist ein nor­we­gi­scher Repor­ter, der sich am Rande des ESC über die poli­ti­sche Situa­tion im Lande lus­tig gemacht hatte, bei der Aus­reise am Flug­ha­fen eine Stunde lang fest­ge­hal­ten, bedroht und miss­han­delt wor­den. Auch das wider­sprach den Garan­tien, die Aser­baid­schan der EBU gege­ben hatte. Die angeb­lich lau­fende »Unter­su­chung« des Vor­falls durch die EBU ist bis heute, über ein Vier­tel­jahr danach, zu kei­nem Ergeb­nis gekommen.

Aserbaidschan: Kritischer Journalist als »Hooligan« verhaftet


Meh­man Huseynov. Foto: Emin Huseynov

Die Nach­richt aus Aser­baid­schan ist schlecht, aber keine Über­ra­schung: Der 23-jährige Jour­na­list und Foto­graf Meh­man Huseynov ist ges­tern abend ver­haf­tet wor­den. Nach Anga­ben des Insti­tuts für die Frei­heit und Sicher­heit von Repor­tern (IRFS), für das er gear­bei­tet hat, wird ihm Hoo­li­ga­nis­mus vor­ge­wor­fen. Anlass (oder Vor­wand) sei eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Poli­zis­ten am Rande einer Demons­tra­tion vor dem Büro des Bür­ger­meis­ters am 21. Mai, in der Woche des Euro­vi­sion Song Con­test. Die Poli­zis­ten hatte die Pro­teste mit Gewalt auf­ge­löst und war auch gegen Bericht­er­stat­ter vorgegangen.

Laut IRFS war Huseynov bereits im März von den Behör­den ver­hört wor­den. Die Beam­ten hät­ten ihm gera­ten, weni­ger aktiv zu sein. Auch die bei­den Blog­ger Emin Milli und Adnan Haji­z­ade, die es gewagt hat­ten, sich mit einem sati­ri­schen Video über Kor­rup­tion in der Ver­wal­tung lus­tig zu machen, waren vor drei Jah­ren wegen Hoo­li­ga­nis­mus ver­ur­teilt wor­den.

Die Orga­ni­sa­tion »Repor­ter ohne Gren­zen« teilte mit, sie halte die Vor­würfe gegen ihn für poli­tisch moti­viert und ver­mute, er solle für seine kri­ti­schen Berichte vor dem Grand-Prix bestraft wer­den. Meh­man ist der jün­gere Bru­der von Emin Huseynov, einem der bei­den Haupt-Organisatoren der Kam­pa­gne »Sing for Demo­cracy«. Auch Meh­man selbst war ein sehr sicht­ba­rer Teil der Bür­ger­rechts­be­we­gung. Am Abend, an dem in not­ge­drun­gen klei­nem Rah­men das Kon­zert von »Sing for Demo­cracy« statt­fand, hüpfte er mit sei­ner Kamera quir­lig und glück­lich durch den Saal.

In den Wochen vor dem Grand-Prix ist er unter ande­rem von stern.de und dem NDR-Medienmagazin »Zapp« vor­ge­stellt worden.

Nach­trag, 21:50 Uhr. Meh­man scheint wie­der auf freiem Fuß zu sein.

Der homosexuelle Mann… und die Grenze der Toleranz bei der »taz«

Die Tole­ranz der »taz« ist groß. Sie ist so groß, dass sie es sogar zulässt, dass ihr Redak­teur Jan Fed­der­sen auf taz.de aus­dau­ernd Leute ver­ächt­lich macht, weil sie sich in einem Land wie Aser­baid­schan für Men­schen­rechte einsetzen.

Doch auch die Tole­ranz der »taz« kennt Gren­zen. Und so wird mor­gen die tra­di­ti­ons­rei­che Kolumne »Der homo­se­xu­elle Mann…« von Elmar Kraus­haar nicht erschei­nen. Kraus­haar schreibt sie seit 1995 monat­lich auf der »Wahrheit«-Seite. In der nächs­ten Aus­gabe wollte er sich der Lage der Schwu­len in Aser­baid­schan wid­men und dem eigen­wil­li­gen Blick des »taz«-Redakteurs Jan Fed­der­sen darauf.

Doch am Mit­tag, kurz vor Redak­ti­ons­schluss, habe die Chef­re­dak­tion den Text von der Seite genom­men, sagt Kraus­haar — angeb­lich ohne Begrün­dung außer dem Hin­weis, Fed­der­sen habe der Text nicht gefallen.

Auf Nach­frage erklärt mir Chef­re­dak­teu­rin Ines Pohl, es gebe seit lan­gem eine Über­ein­kunft in der »taz«:

Man greift Kol­le­gen nicht per­sön­lich in der eige­nen Zei­tung an, auch nicht über Zitate Drit­ter. Das geht nur in Form offe­ner Schreib­schlacht, Pro & Con­tra. Die­ses Pro & Con­tra hat­ten wir zu der Sache aber schon wäh­rend des Grand Prix, Nig­ge­meier und Fed­der­sen. Ein zwei­tes Pro & Con­tra wollte kei­ner der Beteiligten.

Das ist die Grenze der Tole­ranz bei der »taz«. Das — und nicht das Redak­ti­ons­sta­tut, in dem es über das »Selbst­ver­ständ­nis« der Zei­tung heißt: »Sie tritt ein für die Ver­tei­di­gung und Ent­wick­lung der Menschenrechte (…).«

Fol­gen­der Text erscheint des­halb mor­gen nicht in der »taz«:

Der homo­se­xu­elle Mann …

… in Aser­baid­schan ist dem West­eu­ro­päer ein Frem­der. Mög­li­cher­weise ist — wie es in quee­rer Ter­mi­no­lo­gie heißt — sein Kon­zept sowohl von Homo­se­xua­li­tät als auch von Homo­se­xu­el­len­un­ter­drü­ckung ein ganz ande­res. Der gerade zu Ende gegan­gene Euro­vi­sion Song Con­test sollte Auf­schluß dar­über geben. Denn kaum war im ver­gan­ge­nen Jahr in Düs­sel­dorf das Duo aus Baku zum Sie­ger gekürt, frag­ten die ESC-Fans schon nach: Kann man als Schwu­ler über­haupt nach Baku rei­sen oder wird man gleich fest­ge­nom­men beim ers­ten spit­zen Schrei?

Viele von denen, die jetzt da waren, haben ihre Beob­ach­tun­gen mit­ge­teilt, das Ergeb­nis ist ein »sowohl« als »auch«. Fest­ge­nom­men wurde wohl kei­ner der schwu­len Gäste, aber wirk­lich gerne gese­hen war man auch nicht. Falls man über­haupt von »gese­hen« spre­chen kann. Denn das scheint die oberste Maxime der hei­mi­schen Schwu­len zu sein: Auf­pas­sen, dass man nicht gese­hen wird. Ein schwu­les Leben ist mög­lich — als Dop­pel­le­ben, im Ver­steck und in der Nacht.

Ein­zig Jan Fed­der­sen, in Per­so­nal­union Baku-Blogger für taz und NDR, hat es anders wahr­ge­nom­men. Die Unter­drü­ckung der Homo­se­xu­el­len? »West­li­che Gerüchte«, schreibt Fed­der­sen, »Gräu­el­pro­pa­ganda von Men­schen­rech­tis­ten«, statt­des­sen sei Baku ein ein­zi­ger »schwu­ler Cat­walk« mit Män­nern in »haut­en­gen T-Shirts« und »Jeans mit ein­ge­bau­ten Gemäch­te­beu­len«. Und die hal­ten Händ­chen in aller Öffent­lich­keit und sind »Bud­dies« ein Leben lang.

Fed­der­sens höh­ni­scher Ton immer dann, wenn es um Pres­se­frei­heit und Men­schen­rechte in Aser­baid­schan ging, erstaunte die übri­gen Pres­se­ver­tre­ter, seine ver­klär­ten Worte über das schwule Leben dort erzürnte die Beob­ach­ter schwu­ler Medien. »Das Min­deste, das du jetzt tun könn­test, aus Soli­da­ri­tät zu den­je­ni­gen, die ein ande­res Ver­hält­nis zu den Rea­li­tä­ten haben«, schreibt queer.de-Redakteur Chris­tian Scheuß in einem offe­nen Brief an Jan Fed­der­sen, »halt in Sachen Men­schen­rechte doch ein­fach die Klappe.« Frank & Ulli schla­gen auf ihrer Web-Seite »2mecs« vor, Fed­der­sens Wort­schöp­fung »Men­schen­rech­tist« zum Unwort des Jah­res zu küren. Für die bei­den Auto­ren macht es kei­nen Sinn einen neuen Begriff ein­zu­füh­ren, es gebe doch die »Menschenrechts-Aktivisten«: »Es sei denn«, unter­stel­len sie Fed­der­sen, »man wolle ihrer Arbeit eine nega­tive Kon­no­ta­tion anhän­gen, sie dif­fa­mie­ren, sie ver­ächt­lich machen.«

Auch Patsy l’Amour laLove lässt in ihrem Patsy-Blog kein gutes Haar an Fed­der­sen und stellt — mit Blick auf seine idyl­li­schen Mut­ma­ßun­gen über mus­li­misch kon­no­tierte Män­ner­freund­schaf­ten — fest: »Wenn Män­ner­sex in Bade­häu­sern en vogue ist, dann träume ich nicht davon, wie befreit diese Gesell­schaft sein muß, son­dern denke dar­über nach, warum schwu­ler Sex nur in der Begrenzt­heit die­ser Räume statt­fin­den darf.« Die Polit­t­unte setzt ihre For­de­rung gegen jeg­li­chen fal­schen Zun­gen­schlag: »Soli­da­ri­tät mit unse­ren Schwes­tern anstatt selbst­ge­fäl­li­ger Roman­ti­sie­rung!« Denn »die Schwu­len­un­ter­drü­ckung in Aser­baid­schan ist kein Gerücht son­dern Alltagsrealität!«

Elmar Kraus­haar

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