Ein Kartell nutzt seine Macht: Wie die Verlage für das Leistungsschutzrecht kämpfen

Es ist kein Spaß, sich mit dem Kar­tell aller gro­ßen Häu­ser anzu­le­gen. Wer will Sprin­ger, Burda, »Süd­deut­sche«, »FAZ«, DuMont und die »WAZ«-Gruppe gegen sich haben? Natür­lich sagen Mathias Döpf­ner, Frank Schirr­ma­cher oder Hubert Burda ihren Redak­teu­ren nicht, was sie schrei­ben sol­len. Das wis­sen die schon von allein.

(Jakob Augs­tein)

· · ·

Mor­gen Dem­nächst will das Bun­des­ka­bi­nett über ein Presse-Leistungsschutzrecht ent­schei­den. Wenn man den Ver­la­gen glaubt — wozu kein Anlass besteht — geht es um nichts weni­ger als um Leben und Tod der freien Presse in Deutschland.

Seit gut drei­ein­halb Jah­ren kämp­fen die Ver­lage öffent­lich für ein sol­ches Recht, mit dem die geschäft­li­che Nut­zung ihrer frei zugäng­li­chen Inhalte im Inter­net lizenz­pflich­tig gemacht wer­den soll. Ursprüng­lich sollte schon das Lesen von Online-Medien auf geschäft­li­chen Com­pu­tern Geld kos­ten; inzwi­schen ist nur noch eine Lex Google übrig geblie­ben, die Such­ma­schi­nen dafür zah­len las­sen will, dass sie kurze Anrisse aus Ver­lags­tex­ten zei­gen, um Nut­zer zu deren Sei­ten zu leiten.

Es sieht im Moment nicht so aus, als ob die Geschichte, wie die Ver­lage die Bun­des­re­gie­rung dazu brach­ten, ihre Rechte und poten­ti­ell ihre Ein­nah­men durch ein neues Gesetz deut­lich aus­zu­wei­ten, am Ende aus Ver­lags­sicht eine Erfolgs­ge­schichte sein wird. Sie ist trotz­dem ein Lehr­stück: Dafür, wie die füh­ren­den deut­schen Zei­tungs– und Zeit­schrif­ten­ver­lage ein poli­ti­sches Klima her­stell­ten, in dem ein sol­ches Gesetz not­wen­dig erschien, und wie sie ihre publi­zis­ti­sche Macht dazu benutz­ten, ihre poli­ti­sche Lob­by­ar­beit zu unterstützen.

wei­ter­le­sen →

Der Bereich »TV– und Videoproduktionen« bei Axel Springer präsentiert erste Ergebnisse seiner Arbeit

Es waren große Auf­ga­ben, die Claus Strunz vor einem Jahr über­tra­gen wur­den. Nach zwei­ein­halb Jah­ren hatte ihn die Axel-Springer-AG als Chef­re­dak­teur des »Ham­bur­ger Abend­blat­tes« abge­löst und ihm einen eige­nen Bereich zum Lei­ten geschaf­fen, in dem seine andau­ern­den Erfolge nicht soviel Scha­den anrich­ten konn­ten. Strunz über­nahm, wie die Pres­se­stelle des Kon­zerns bekannt gab, die Lei­tung des Berei­ches »TV– und Video­pro­duk­tio­nen« bei Axel Springer:

Kern­auf­ga­ben sei­ner neuen Funk­tion sind kon­zern­über­grei­fend die Ent­wick­lung und Umset­zung von TV– und Video­pro­duk­tio­nen für alle digi­ta­len Platt­for­men der Medi­en­mar­ken von Axel Sprin­ger. Er berich­tet direkt an den Vorstandsvorsitzenden.

Große Sache. Die Zukunft, keine Frage.

Der Bran­chen­dienst »Kon­tak­ter« berich­tete in der ver­gan­ge­nen Woche, dass Geschäfts­füh­rer Strunz »nach einer fast ein­jäh­ri­gen Zeit der Fin­dungs­phase erst­mals Ergeb­nisse prä­sen­tie­ren kann«. Das erste sicht­bare Resul­tat sei­ner Pionier-Arbeit ist die Pup­pen­show »Jes­sis EM-Club«. Sie ist seit zwei Wochen exklu­siv auf »Welt Online« zu sehen (sowie auf Bild.de mit dem Hin­weis »exklu­siv auf ›Welt Online‹«).

Und wir blen­den uns direkt in die zwölfte Folge der elf­tei­li­gen Reihe. Der Titel: »So wit­zelt Poldi über die Ita­lie­ner«.


Lukas Podol­ski: Ey, Ales­san­dro, ey, jetzt kommt einer. Was ist ein Ita­lie­ner ohne Arme und Beine?
Ales­san­dro del Piero: Weiß ich nicht.
Podol­ski: Taub­stumm.
Del Piero: Warum wol­len nach einem Län­der­spiel immer alle das Tri­kot von Mario Gomez haben?
Podol­ski: Ah, kein Plan.
Del Piero: Es ist das ein­zige, das nicht ver­schwitzt ist.
Podol­ski: Del Piero, pass auf. Was ist der Grund dafür, dass die Ita­lie­ner immer so klein sind?
Del Piero: Warum?
Podol­ski: Ihre Müt­ter sagen, dass sie arbei­ten müs­sen, wenn sie mal groß sind.

Del Piero: Geht Jogi Löw zum Arzt. »Herr Dok­tor, nie­mand beach­tet mich so rich­tig.« Sagt der Arzt: »Nächste, bitte.»
Podol­ski: Pass auf, ey, Balo­telli hum­pelt vom Platz. Fragt der Trai­ner besorgt: »Ist die Ver­let­zung schlimm?« Sagt Bao­telli, ey: »Nein, nein, Trai­ner, meine Wade ist nur ein­ge­schla­fen.»
Del Piero: Was macht Bas­tian Schwein­stei­ger wenn er die Cham­pi­ons Lea­gue gewon­nen hat?
Podol­ski: Keine Ahnung, ey.
Del Piero: Er macht die Play­sta­tion aus.

Podol­ski: Ich hab auch noch einen, ey. Was sagt der ita­lie­ni­sche Kam­mer­jä­ger, wenn er alle Küchen­scha­ben erle­digt hat? »Ey, ischabe fer­tig.»
Del Piero: Was ist der Unter­schied zwi­schen Mesut Özil und einem Lama?
Podol­ski: Ah, keine Ahnung.
Del Piero: Na, das Lama ist treff­si­che­rer.
(Geläch­ter, Applaus.)
Podol­ski: Alles voll wit­zig, ne?
Del Piero: Ja.
Podol­ski: Ja, voll wit­zig.
(Geläch­ter, Applaus, Abspann.)

(Man muss es eigent­lich im Ori­gi­nal gese­hen haben, aber gleich­zei­tig möchte ich vor dem Anse­hen warnen.)

Es han­delt sich um eine Gemein­schafts­ar­beit des Geschäfts­be­rei­ches TV– und Video­pro­duk­tion der Axel-Springer-AG mit der Sport­re­dak­tion der WELT-Gruppe und TV Ber­lin. Men­schen, die schon mal eine Hand­puppe gebaut oder gespielt oder gese­hen haben, waren offen­bar nicht beteiligt.

Laut »Kon­tak­ter« »wer­kelt« Strunz noch an ande­ren Sen­dun­gen, Quiz– und Doku-Soap-Formaten, die es aber »bis­lang nicht zur Markt­reife geschafft haben«.

Verlegerkampf für eine PC-Presse-Gebühr

Ich wüsste gerne, ob irgendwo in dem Springer-Lobbyisten Chris­toph Keese noch Reste von dem frü­he­ren Jour­na­lis­ten Chris­toph Keese ste­cken. Und ob der gele­gent­lich leise wimmert.

Ges­tern zum Bei­spiel, als Keese auf der Ver­an­stal­tung »Wer ver­dient mit wel­chem Recht?« in Ham­burg eine beson­ders ori­gi­nelle (und mir neue) Begrün­dung nannte, warum ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger auch im Inter­esse der Urhe­ber sei: Weil die Ver­le­ger, wenn sie erst ein­mal ein eige­nes Recht hät­ten, auf­hö­ren könn­ten, den Auto­ren ihre Rechte wegzunehmen.

Man muss dazu wis­sen, dass die deut­schen Ver­lage seit Jah­ren ver­su­chen, die Pres­se­land­schaft zu einem urhe­ber­rechts­freien Raum für Jour­na­lis­ten zu machen. Die Auto­ren sol­len mög­lichst sämt­li­che Rechte an ihren Tex­ten an die Ver­lage abtre­ten, und zwar gerne kos­ten­los, rück­wir­kend und für alle Zeit. Die Ver­lage über­schrei­ten dabei mit einer Regel­mä­ßig­keit und Kon­se­quenz das Gesetz, dass man fast von kri­mi­nel­ler Ener­gie spre­chen möchte, wären die ehr­wür­di­gen und demo­kra­tie­tra­gen­den Ver­lage nicht über jeden sol­chen Ver­dacht erhaben.

Erst in die­ser Woche unter­sagte das Ham­bur­ger Land­ge­richt einst­wei­lig eine ent­spre­chende Ver­ein­ba­rung, die der Ver­lag der »Zeit« sei­nen Mit­ar­bei­tern dik­tie­ren wollte. Zuvor hat­ten sich schon der Bauer-Verlag, die Axel Sprin­ger AG und der Ver­lag des »Nord­ku­rier« mit Ver­su­chen, die Jour­na­lis­ten in ähn­li­cher Form zu ent­eig­nen, vor Gericht blu­tige Nasen geholt.

Aber Chris­toph Keese sagt, eigent­lich woll­ten die Ver­lage gar nicht die gan­zen Rechte der Jour­na­lis­ten. Im Gegen­teil: Eigent­lich seien sie gegen Total-Buy-Out–Ver­träge. Wenn sie gesetz­lich ein eige­nes Recht hät­ten, eben das Leis­tungs­schutz­recht, könn­ten sie sofort damit auf­hö­ren, den Jour­na­lis­ten ihre Urhe­ber­rechte wegzunehmen.

Das ist ange­sichts der Rechts­ver­let­zun­gen, die die Ver­lage bei ihren Ver­su­chen, sich auf Kos­ten der Jour­na­lis­ten zu berei­chern, offen­kun­dig began­gen haben (die Urteile sind noch nicht rechts­kräf­tig), natür­lich eine beson­ders per­fide Aus­sage. Und ande­rer­seits ist sie nicht ganz falsch. Durch ein Leis­tungs­schutz­recht würde die recht­li­che Posi­tion der Ver­lage näm­lich nicht nur gegen­über ver­meint­li­chen Böse­wich­ten wie Google oder der mythi­schen Masse von Content-Dieben gestärkt, son­dern auch gegen­über den Auto­ren. Die könn­ten einen Arti­kel dann nicht mehr ein­fach so zweit­ver­wer­ten, weil das mit dem Leis­tungs­schutz­recht des ers­ten Abneh­mers kol­li­die­ren würde.

Keese, Außen­mi­nis­ter bei Sprin­ger und die trei­bende Kraft auch hin­ter der trau­ri­gen »Ham­bur­ger Erklä­rung« aus dem ver­gan­ge­nen Jahr, ist von außer­or­dent­li­cher Geschmei­dig­keit, wenn er auf dem Podium für die Sache der Ver­lage wirbt. Er redet mich als Mit­dis­ku­tant ebenso wie irgend­wel­che Fra­ge­stel­ler aus dem Publi­kum mit »mein Lie­ber« an und hat extra das Urhe­ber­rechts­ge­setz als dickes, 411-seitiges Buch mit­ge­bracht — mut­maß­lich um sei­nen Argu­men­ten Gewicht zu geben.

Nur kon­kret mag er nicht wer­den, zum Bei­spiel, was die kon­krete Frage der Snip­pets angeht, der Text­aus­schnitte, die Such­ma­schi­nen wie Google in ihren Tref­fer­lis­ten anzei­gen. Das Zitat­recht, beteu­ert Keese, solle vom gewünsch­ten neuen Leis­tungs­schutz­recht unbe­rührt blei­ben; man werde also auch in Zukunft kurze Text­stel­len aus den Ver­lags­ver­öf­fent­li­chun­gen ohne Geneh­mi­gung und kos­ten­los über­neh­men dür­fen, um sie zu bewer­ten, ein­zu­ord­nen, in einen Kon­text zu stel­len: Der »Per­len­tau­cher« etwa könne wei­ter­ma­chen wie bisher.

Und was ist mit Google? Keese sieht einen Unter­schied zwi­schen den Tex­ten, die in der Web-Suche von Google ange­zeigt wer­den und einen quasi zufäl­li­gen Aus­schnitt rund um das gesuchte Wort anzei­gen, und den Text­an­fän­gen, die in der News-Suche von Google auf­tau­chen. Das erste hält er für unpro­ble­ma­ti­scher als das zweite, weil in den so zitier­ten Vor­spän­nen nach Anga­ben von Keese oft viel redak­tio­nelle Arbeit ste­cke, von der Google pro­fi­tiere. Ob das bedeu­tet, dass Google bei einem Presse-Leistungsschutzrecht für die Aus­schnitte und Ver­lin­kun­gen in der News-Suche (mit der sie den Zei­tungs­sei­ten im Netz viele Leser ver­schaf­fen) eine Geneh­mi­gung brau­chen und zah­len müs­sen, konnte ich Kee­ses Aus­füh­run­gen nicht entnehmen.

Man kann es nicht oft genug sagen: Die Pro­bleme, unter denen Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten gerade lei­den, haben nichts mit dem Feh­len eines Leis­tungs­schutz­rech­tes der Ver­lage zu tun. Auch Google ist nicht Schuld daran. Die Ver­lage lei­den im Print unter rück­läu­fi­gen Leser­zah­len und vor allem ein­bre­chen­den Wer­be­ein­nah­men. Und sie lei­den online dar­un­ter, dass die Wer­be­er­löse so viel nied­ri­ger sind. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es plötz­lich sehr viel mehr Wer­be­flä­chen und –mög­lich­kei­ten gibt, und dass es für die Indus­trie oft viel attrak­ti­ver ist, ziel­ge­rich­tet auf den Ergeb­nis­sei­ten bestimm­ter (Google-)Suchen zu wer­ben, als neben irgend­ei­nem noch so gut geschrie­be­nen oder viel geklick­ten Arti­kel, der von Leu­ten gele­sen wird, deren Inter­es­sen man nicht kennt.

Die For­de­rung nach einem Leis­tungs­schutz­recht ist nur der leicht durch­schau­bare Ver­such, sich sub­ven­tio­nie­ren zu las­sen. Des­halb tun sich Leute wie Keese auch so schwer, die juris­ti­schen Details und Not­wen­dig­kei­ten eines sol­chen Geset­zes zu erör­tern. Ihnen ist völ­lig egal, was in die­sem Gesetz steht, solange es nur sein Ziel erreicht: Das Über­le­ben der Ver­lage zu sichern. Denn die Ver­lage sind — nach Ansicht der Ver­lage — die ein­zi­gen Garan­ten dafür, dass die Bevöl­ke­rung gut infor­miert wird. So lange es ihnen gut geht (wohl­ge­merkt: den Ver­la­gen; das Wohl­er­ge­hen der Jour­na­lis­ten ist optio­nal), ist das Funk­tio­nie­ren der Demo­kra­tie gesichert.

Nun ist es nicht so, dass es der Axel Sprin­ger AG schlecht ginge. Der Google-Vertreter auf dem Podium, der Jurist Arnd Hal­ler, zitierte genuss­voll aus einer Pres­se­mit­tei­lung des Ver­la­ges, in der ihr Vor­stands­vor­sit­zen­den Mathias Döpf­ner sagt:

»Axel Sprin­ger hat einen neuen Rekord für das Ergeb­nis eines ers­ten Quar­tals erreicht und die Pro­gnose für das Gesamt­jahr ange­ho­ben — das beweist: Die Trans­for­ma­tion in die digi­tale Welt bie­tet für ein Inhalte-Unternehmen viel mehr Chan­cen als Risi­ken, und die sehr hohen Gewinn­mar­gen der Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten zei­gen: Der Abge­sang auf das Print-Geschäft ist falsch.«

Keese erklärte, dass es nicht der Jour­na­lis­mus sei, mit dem man das Geld im Netz ver­diene, son­dern Fir­men wie idealo.de oder Zanox. Und andere, vor allem regio­nale Ver­lage seien nicht so schlau gewe­sen, sich recht­zei­tig an sol­chen Unter­neh­men zu betei­li­gen, um den Jour­na­lis­mus quer­fi­nan­zie­ren zu kön­nen. Sprin­ger kämpft hier also offen­bar, wie der Rechts­an­walt und Urhe­ber­rechts­ex­perte Till Kreut­zer süf­fi­sant fest­stellte, gar nicht für sich selbst, son­dern ganz unei­gen­nüt­zig für das Wohl­er­ge­hen sei­ner klei­ne­ren, erfolg­lo­se­ren Mitbewerber.

Und wer soll dafür zah­len, dass die Ver­lage über­le­ben kön­nen? Nicht nur Google, son­dern vor allem die All­ge­mein­heit. Die Ver­le­ger wün­schen sich ein Leis­tungs­schutz­recht, das den gewerb­li­chen Abruf von kos­ten­los im Inte­net ver­füg­ba­ren Zei­tungs­ar­ti­keln ver­gü­tungs­pflich­tig macht. Anschei­nend bestel­len gerade Fir­men­kun­den in grö­ße­rer Zahl Zei­tungs– und Zeitschriften-Abonnements ab, weil die Inhalte ja kos­ten­los im Netz ver­füg­bar sind.

Was für eine geniale Idee: Die Zei­tungs­ver­le­ger stel­len ihre Pro­dukte frei­wil­lig kos­ten­los ins Netz, weil sie nicht glau­ben, dass die Leser bereit sind, dafür Geld zu zah­len, kas­sie­ren sie aber über den Umweg eines Leis­tungs­schutz­rech­tes dann trotz­dem dafür ab.

Bei einer frü­he­ren Ver­an­stal­tung nannte Keese das Bei­spiel eines Bank-Mitarbeiters, der sich auf frei zugäng­li­chen Online-Seiten von Zei­tun­gen auf einen Kun­den vor­be­rei­tet. Dafür müsste er in Zukunft eine Ver­gü­tung an eine Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft zah­len, die die Ein­nah­men dann an die Ver­lage (und zu einem noch mit den Gewerk­schaf­ten zu ver­han­deln­den Teil an die Urhe­ber) aus­schüt­tet. Aber nicht nur Bank-Mitarbeiter nut­zen Inhalte von Online-Medien gewerb­lich; fast jeder Berufs­tä­tige tut es, auch freie Jour­na­lis­ten müss­ten natür­lich zah­len. De facto würde mit dem Leis­tungs­schutz­recht eine Presse– oder Verlags-Subventions-Gebühr auf die zig Mil­lio­nen Dienst-Computer in Deutsch­land eingeführt.

Hab ich gerade schon wie­der »Sub­ven­tion« geschrie­ben? Nein, »Sub­ven­tion« ist das ganz fal­sche Wort, sagt Springer-Lobbyist Chris­toph Keese; Sub­ven­tio­nen wol­len die Ver­lage nicht, Sub­ven­tio­nen sind Geld vom Staat. Aber hier kommt das Geld ja von den Bür­gern. Der Staat soll nur die Rechts­grund­lage dafür schaffen.

Die Methode Diekmann

»Was sagen Sie zu Katha­rina Blum«, fragt eine Frau aus dem Publi­kum spitz, als hätte Hein­rich Böll seine Erzäh­lung über eine fik­tive große deut­sche Bou­le­vard­zei­tung, die mit ihrer Bericht­er­stat­tung eine Frau zur Mör­de­rin wer­den lässt, gerade erst ver­öf­fent­licht. Kai Diek­mann, Chef der rea­len gro­ßen deut­schen Bou­le­vard­zei­tung, im blauen samt­ar­ti­gen Anzug mit rosa Hemd ohne Kra­watte, ist nicht beein­druckt. »Ich weiß nicht, wann Sie das Buch zum letz­ten Mal gele­sen haben«, fragt er in die Runde ein­fluss­rei­cher Ham­bur­ger Kauf­leute, denen er gerade den »Erfolg der Marke BILD« erklärt hat. »Ich habe es vor zwei Jah­ren getan.« Und er müsse sagen: Immer­hin habe Katha­rina Blum ja einen Ter­ro­ris­ten ver­steckt! »Ich kann bis heute nicht ver­ste­hen, was falsch daran sein soll, dass man sich mit einer sol­chen Figur publi­zis­tisch beschäf­tigt.« Er halte die geschil­der­ten jour­na­lis­ti­schen Metho­den für »völ­lig zulässig«.

Die Ant­wort ist typisch für Kai Diek­mann: Sie ist nicht grüb­le­risch und defen­siv, son­dern selbst­be­wusst und angriffs­lus­tig, über­ra­schend, unter­halt­sam und beim Publi­kum erfolgreich.

Und falsch. Denn der Mann, den Katha­rina Blum ver­steckt, ist kein Ter­ro­rist. Er wird nur ver­däch­tigt, einer zu sein. Für alle, die den Unter­schied nicht ver­ste­hen, hat Böll in einem Nach­wort spä­ter hin­zu­ge­fügt: »Es gibt in die­ser Erzäh­lung kei­nen ein­zi­gen Ter­ro­ris­ten.« Was es aller­dings gibt, in sei­ner Erzäh­lung, ist ein Repor­ter, der Tat­sa­chen erfin­det und ver­dreht, der lügt und ver­leum­det, der der Blum vor­schlägt, »dass wir jetzt erst ein­mal bum­sen«, und ihre Mut­ter sehen­den Auges in den Tod treibt.

Ver­mut­lich sollte man Kai Diek­mann also in sei­nem eige­nen Inter­esse nicht glau­ben, wenn er sagt, dass er an die­sen, nun ja: fik­ti­ven Recher­che­me­tho­den nichts aus­zu­set­zen habe. Sicher hat er das nur gesagt, weil es in die­sem Moment die ein­drucks­vollste Ant­wort war. Da unter­schei­det sich der Chef­re­dak­teur nicht von sei­ner Zei­tung, die auch die Wahr­heit im Zwei­fels­fall so opti­miert, dass sie kurz­fris­tig beson­ders ein­drucks­voll wirkt.

· · ·

Die Epi­sode ist aus dem Jahr 2006. Sie stammt aus einem län­ge­ren Text über Kai Diek­mann, den ich im Auf­trag des »SZ-Magazins« geschrie­ben habe, das ihn dann aber nicht dru­cken wollte.

Heute kommt mir das unver­öf­fent­lichte Stück von damals merk­wür­dig aktu­ell vor. Denn die Methode des »Bild«-Chefredakteurs, die ich darin zu beschrei­ben ver­su­che, hat er in den ver­gan­ge­nen 99 Tagen in sei­nem Blog, das er am Mitt­woch wie­der abschal­ten will, auf die Spitze getrieben.

Damals fragte ich mich, ob das viel­leicht eine Berufs­krank­heit ist: Viel­leicht lässt einen die Macht, die man als »Bild«-Chef täg­lich erlebt und demons­triert, grö­ßen­wahn­sin­nig wer­den. Viel­leicht ver­liert man im täg­li­chen Spiel mit Halb– und Vier­tel­wahr­hei­ten irgend­wann den Über­blick. Viel­leicht muss der Chef­re­dak­teur einer Zei­tung, die einen Poli­ti­ker angreift, weil er angeb­lich »Geld mit ›tabu­lo­sen Girls‹ macht«, und auf der­sel­ben Seite eine drei­stel­lige Zahl von Anzei­gen von tabu­lo­sen Girls druckt, zu einem gewis­sen Grad schi­zo­phren wer­den. Kai Diek­mann sagt, »nur Mora­lis­ten kön­nen gute Jour­na­lis­ten sein«.

Heute würde ich Diek­manns Schi­zo­phre­nie nicht mehr als »Berufs­krank­heit« bezeich­nen. Sie ist sein Erfolgsrezept.

· · ·


Screen­shot: kaidiekmann.de

Im Jour­na­lis­mus gilt im Zwei­fels­fall die alte Kobold-Regel: Was sich reimt, ist gut. Und weil Kai Diek­mann seine Kri­tik an der »Süd­deut­schen Zei­tung« und der Jury des »Medium Maga­zin« in sei­nem Blog in Form einer Büt­ten­rede vor­trug, ging eine kleine La-Ola-Welle durch die Fach­presse. Fazi­niert doku­men­tier­ten »Mee­dia«, »Turi2«, »DWDL«, und »w&v« die Rede im Wort­laut, und kei­ner fragte, ob das über­haupt stimmt, was er sich da zusammenreimt.

Es ging um die Frage, auf wes­sen Konto die wich­ti­gere Ent­hül­lung über den Ein­satz der Bun­des­wehr gegen die von den Tali­ban ent­führ­ten Tank­last­züge in Kun­dus ging: »Bild« oder die »Süd­deut­sche Zei­tung«. Das ist eine Frage, die außer­halb der klei­nen Jour­na­lis­ten­welt nur wenige inter­es­siert. Aber Kai Diek­mann hätte gerne, dass sein Blatt neu­er­dings als Ort für inves­ti­ga­tive Recher­che respek­tiert wird. Dabei geht es nicht nur um die Aus­zeich­nung »Jour­na­list des Jah­res« des »Medium Maga­zins«, son­dern auch um den »Henri-Nannen-Preis«, den der »Stern« und Gruner+Jahr im Mai wie­der ver­ge­ben — und nach Mög­lich­keit nicht an »Bild« ver­ge­ben möch­ten. Hin­ter den Kulis­sen geht es da wohl schon rund.

Jeden­falls beschloss das »Medium Maga­zin«, in Sachen Kun­dus einen »Son­der­preis für poli­ti­sche Bericht­er­stat­tung« zu ver­ge­ben. An Ste­fan Kor­ne­lius, weil er in der »Süd­deut­schen Zei­tung« am 12. Dezem­ber 2009 ent­schei­dende Details des »Schlüs­sel­do­ku­ments in der Auf­klä­rung des Bombardement-Befehls in Kundus/Afghanistan« öffent­lich gemacht habe: dass der Angriff laut dem gehei­men Bericht von ISAF-Kommandeur Stan­ley McChrys­tal nicht den Fahr­zeu­gen galt, son­dern den Menschen.

Diek­mann kotzte. Sei­ner Mei­nung nach hätte die »Bild«-Zeitung die­sen Preis ver­dient, weil sie (als Teil einer PR-Kampagne für den neuen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theodor zu Gut­ten­berg) zwei Wochen zuvor Details aus einem ande­ren Bericht öffent­lich gemacht hatte, die zu meh­re­ren pro­mi­nen­ten Rück­trit­ten führ­ten. »Bild« ent­hüllte auf der Grund­lage eines Feld­jä­ger­be­rich­tes, dass Oberst Georg Klein vor dem Befehl zum Angriff zivile Opfer nicht aus­schlie­ßen konnte und Infor­ma­tio­nen über sol­che Opfer früh­zei­tig vorlagen.

Nun kann man dar­über strei­ten, wel­che der bei­den Zei­tun­gen damit den grö­ße­ren, den wich­ti­ge­ren Bei­trag zur Auf­klä­rung über den kon­kre­ten Angriff und die Natur des Bundeswehr-Einsatzes ins­ge­samt geleis­tet hat. Unbe­streit­bar ist aller­dings, dass das, was Kor­ne­lius in der SZ berich­tete, eine Neu­ig­keit war, die er aus »Bild« schon des­halb nicht abschrei­ben konnte, weil sie nicht in »Bild« stand.

Genau diese Lüge aber ver­brei­tet Diek­mann in sei­ner Büt­ten­rede:

Denn die Recher­che war echt schwer.
Zum Kiosk hin in München-Mitte
»Ein­mal die Bild — doch heim­lich, bitte« (…)

So wurde aus der Bild-Geschichte,
Gewinn für Münch­ner Leicht­ge­wichte.
Doch trotz der Kränze, Freu­den­mär­sche
Ein Makel haf­tet der Recher­che:
Denn für die Infos floss a Geld
An irgend­ei­nen Kiosk-Held.
Denn für die Bild, da muss man ble­chen
Will man kopie­ren, kos­tets Zechen.

Dass das eine Ver­leum­dung ist, hat aber kei­nen inter­es­siert. Viel wich­ti­ger ist doch: Geil. Der Diek­mann. Reimt. Höhö.

· · ·

Als Kai Diek­mann mit dem Blog­gen begann, habe ich mich gefragt, was wohl der Aus­lö­ser für ihn war, plötz­lich zum Selbst­dar­stel­ler zu wer­den. In den Jah­ren zuvor hatte er sich nicht in die Öffent­lich­keit gedrängt, im Gegen­teil. Er ist nicht durch die Talk­shows getin­gelt, ging nur ein­mal in eine Gesprächs­sen­dung des SWR, deren Mode­ra­to­rin Bir­gitta Weber sich gleich meh­rere Schich­ten Samt­hand­schuhe über­ein­an­der ange­zo­gen hatte. Er mied Auf­tritte, bei denen mit allzu kri­ti­schen Fra­gen zu rech­nen war. Nach einer Podi­ums­dis­kus­sion beim öku­me­ni­schen Kir­chen­tag 2003, bei der das Publi­kum nicht auf sei­ner Seite war, soll er diese Ent­schei­dung gefällt und gesagt haben: »Wenn ich da keine Chance habe, mache ich das nicht mehr.«

Die Kon­fron­ta­tion mei­det er nach wie vor. Alle Anfra­gen, öffent­lich mit jeman­dem von BILD­blog zu dis­ku­tie­ren, lehnt er immer noch ab. Aber mit einem Mal tourt er durch die Medien, wird schein­bar zum Show­mann, den man fast mit sei­nem lang­jäh­ri­gen Freund Die­ter Boh­len ver­wech­seln könnte. Was ist da passiert?

· · ·

Womög­lich nicht viel. Viel­leicht ist es gar nicht erstaun­lich, dass Diek­mann plötz­lich eine Unter­hal­tungs­of­fen­sive als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie für sich ent­deckte. Viel­leicht ist das Erstaun­li­che, dass er so lange dafür gebraucht hat.

In gewis­ser Weise hat sich mit dem Diek­blog ein Kreis geschlos­sen. Als wir vor fünf­ein­halb Jah­ren mit BILD­blog anfin­gen, wehr­ten wir uns vor allem gegen die weit ver­brei­tete Hal­tung, die »Bild«-Zeitung als »lus­ti­ges Quatsch­blatt« zu lesen; zu sagen: Hey, das ist doch lus­tig, ist doch egal, ob das stimmt, geile Über­schrift jeden­falls. Man amü­sierte sich auf einer iro­ni­schen Meta­ebene mit »Bild« und über­sah dabei die Fol­gen ihrer jour­na­lis­ti­schen Feh­ler, die ethi­schen Abgründe und die Opfer, die »Bild« produzierte.

Genau diese Hal­tung hat sich Diek­mann mit sei­nem Blog wie­der zunutze gemacht. Er hat gemerkt, dass es eine viel bes­sere Mög­lich­keit gibt, sich kri­ti­schen Nach­fra­gen zu ent­zie­hen, als sich hin­ter der Schwei­ge­mauer der Springer-Pressestelle zu ver­ste­cken: näm­lich die Jour­na­lis­ten durch Unter­halt­sam­keit und Unbe­re­chen­bar­keit von den Inhal­ten abzulenken.

· · ·

Diek­mann beherrscht eine Art Zau­ber­trick. Sein Standard-Vortrag, mit dem er vor drei Jah­ren vor ihm gewo­ge­ne­ren Zuschau­ern auf­trat, war in wei­ten Tei­len ein Appell zur Selbst­kri­tik. Er sagte darin Sätze wie: »Beim Bou­le­vard ist Hal­tung und der Mut, Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen, beson­ders wich­tig.« Er zählte dann viele, viele Feh­ler auf. Kein ein­zi­ger war von ihm.

Und wer nicht genau auf­ge­passt hat, ging mit dem Gefühl nach Hause, dass die­ser Diek­mann ein wirk­lich vor­bild­lich selbst­kri­ti­scher Jour­na­list ist, ohne dass er es tat­säch­lich sein musste.

· · ·

Ich habe bis heute nicht ver­stan­den, warum so viele Kol­le­gen mei­nen, Diek­manns Blog sei »selbst­iro­nisch«. Ja, gele­gent­lich demons­triert er eine gut­ge­launte Dis­tanz zu sich selbst, und manch­mal kari­kiert er auch die Kari­ka­tur, die seine Kri­ti­ker von ihm zeich­nen. Aber das waren nur Spu­ren­ele­mente und Ablen­kun­gen in einem Blog, das im Wesent­li­chen dazu diente, mit sei­nen Geg­nern abzu­rech­nen. Man muss schon sehr geblen­det sein von der bun­ten, fröh­li­chen, spie­le­ri­schen Ober­flä­che des Gan­zen (und dem unbe­streit­ba­ren Charme sei­nes Namens­ge­bers), um hin­ter der Fas­sade einen locke­ren Spaß­ma­cher zu sehen und nicht einen rach­süch­ti­gen Mann mit Macht, der min­des­tens fünf­stel­lige Rechts­kos­ten in Kauf nimmt und neh­men kann, um seine Geg­ner anzugreifen.

· · ·

So funk­tio­niert Jour­na­lis­mus heute, und natür­lich nicht nur in die­sem Fall: Poli­tik wird von den Mas­sen­me­dien vor allem als Sym­pa­thie– und Schönheits-Wettbewerb wahr­ge­nom­men und insze­niert (die Über­hö­hung Gut­ten­bergs ist gutes Bei­spiel). Ganz ähn­lich redu­zie­ren die klas­si­schen Medien die Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die Diek­mann in sei­nem Blog ange­zet­telt hat, auf Box­kämpfe, bei denen sie ihre Auf­gabe darin sehen, die Tref­fer zu zäh­len und Hal­tungs­no­ten zu ver­tei­len. Als Diek­mann sich an der »taz« abar­bei­tete, war er von einer vir­tu­el­len Traube von Schau­lus­ti­gen umringt, die ihn anfeu­er­ten, wäh­rend er einen Tref­fer nach dem ande­ren lan­dete, und sein Geg­ner ori­en­tie­rungs­los vor sich hintau­melte und sich noch nicht ein­mal über die Kampf­re­geln im Kla­ren war. Nun war die Art, wie sich die »taz« von Diek­mann vor­füh­ren ließ (und vor allem den Feh­ler machte, sich über­haupt auf seine Art von »Spiel« ein­zu­las­sen), sicher keine Glanz­stunde für die alter­na­tive Tages­zei­tung. Aber es war auch ein unglei­cher Kampf: Auf der einen Seite eine Viel­zahl von Idea­lis­ten, die Über­zeu­gun­gen haben und in auf­rei­ben­den Debat­ten dafür kämp­fen, das Rich­tige zu tun. Auf der ande­ren Seite die selbst­ge­schaf­fene Kunst­fi­gur eines Chef­re­dak­teurs, der keine Skru­pel hat und keine Werte kennt; der heute das Gegen­teil von dem tun kann, was er ges­tern gefor­dert hat; der kei­nen Ruf zu ver­lie­ren hat.

Wer in die­sem Kampf bes­ser aus­se­hen würde, war von vorn­her­ein klar.

Oder die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ber­li­ner Rechts­an­walt Johan­nes Eisen­berg. Natür­lich kann man inter­es­siert das juristisch-publizistische Ping-Pong-Spiel ver­fol­gen und sich, wenn man will, dar­über amü­sie­ren, wie Diek­mann Eisen­berg immer wie­der mit dem Stin­ke­fin­ger pro­vo­ziert. Aber man kann doch dar­über nicht ver­ges­sen, was den Kern des Ver­hält­nis­ses aus­macht: Eisen­berg ist des­halb Diek­manns Geg­ner, weil er regel­mä­ßig erfolg­reich Men­schen ver­tritt, die Opfer der Metho­den der »Bild«-Zeitung wur­den. Und weil er Diek­mann bei des­sen Ver­such, die »taz« wegen einer Satire zu einem Schmer­zens­geld zu ver­ur­tei­len, eine emp­find­li­che Teil-Niederlage zuge­fügt hat. Das ver­sucht »Bild« dem Rechts­an­walt seit Jah­ren heimzuzahlen.

Die­ser Hin­ter­grund spielt aber gar keine Rolle mehr bei der Kom­men­tie­rung des von Diek­mann ange­zet­tel­ten Kamp­fes, als des­sen Sie­ger er ohne­hin fest­steht. Wenn er juris­tisch ver­liert, gewinnt er, dass er sich als Opfer insze­nie­ren kann.

· · ·

Man muss Diek­mann dazu gra­tu­lie­ren, wie erfolg­reich seine Stra­te­gie war und wie sehr ihm die unter­hal­tungs­süch­ti­gen Jour­na­lis­ten auf den Leim gegan­gen sind. Er steht nun sogar tat­säch­lich als Kämp­fer für das unbe­dingte Recht auf Satire da, was sehr abwe­gig ist, nicht nur, weil er selbst noch vor weni­gen Mona­ten einen Volon­tär teuer abmah­nen ließ, der in harmlos-satirischer Form sein Foto ver­wen­dete, um als »Der­Chef­red« zu twittern.

Das Spiel ist fast erschüt­ternd leicht: Diek­mann muss nur plötz­lich nach Jah­ren des Schwei­gens einen win­zi­gen Bruch­teil sei­ner Feh­ler zuge­ben, um für seine Offen­heit gefei­ert und mit dem Rest nicht mehr behel­ligt zu wer­den. Natür­lich ist es eine tolle Idee, wenn sich Diek­mann eine Mini-Kamera auf die Brille mon­tie­ren lässt und sei­nen Arbeis­tag filmt und ver­öf­fent­licht. Und er muss nicht ein­mal die Stelle her­aus­schnei­den, in der man sieht, wie eine Schlag­zeile for­mu­liert wird, von der der Chef selbst annimmt, dass sie falsch ist. Der Auf­merk­sam­keits­wert der Kamera-Aktion an sich ist viel grö­ßer ist als das, was man dadurch tat­säch­lich erfährt.

· · ·

Vor drei Jah­ren schrieb ich: Der ganze Grö­ßen­wahn der »Bild«-Leute, sich alles erlau­ben zu kön­nen, ver­bin­det sich mit einem Min­der­wer­tig­keits­kom­plex, von nie­man­dem wirk­lich gemocht oder geschätzt zu wer­den. Fragt man Leute, die ihn ein biss­chen ken­nen, was Diek­mann eigent­lich antreibt, ob er Macht will, die Welt ver­än­dern, berühmt wer­den, sagen einige auch: Er will geliebt wer­den. Er kann sich mit den gan­zen Wich­ti­gen schmü­cken, die mit ihm reden, aber wie viele davon tun es wirk­lich frei­wil­lig und gerne? Natür­lich kann ein »Bild«-Chef eigent­lich nicht geliebt wer­den. Natür­lich weiß Diek­mann das auch. Aber das Wis­sen genügt halt nicht immer.

Das war der Stand damals. Mit dem Blog­gen hat er sich einen Traum erfüllt. Jetzt wird er ein biss­chen geliebt und musste dafür nicht ein­mal ein bes­se­rer Mensch werden.

Springer bleibt seinen Grundsätzen treu

Ich hatte mir ein biss­chen Sor­gen gemacht um die Leute in der Springer-Pressestelle. Jahr­zehn­te­lang hat­ten sie sich hin­ter einer Mauer des Schwei­gens ver­schanzt und sich immer, wenn es inter­es­sant wurde, nur mit einer der Aus­sa­gen zitie­ren lassen:

  • zu Rechts­fra­gen geben wir grund­sätz­lich keine Auskunft.
  • zu Per­so­nal­fra­gen geben wir grund­sätz­lich keine Auskunft.
  • zu Redak­ti­ons­in­terna geben wir grund­sätz­lich keine Auskunft.

Wie mag es die­sen Men­schen und die­sem tra­di­ti­ons­rei­chen Teil der Springer-Kultur ergan­gen sein, da »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann plötz­lich in sei­nem Blog eine angriffs­lus­tige Form der Öffent­lich­keits­ar­beit eta­bliert hat, die man beim flüch­ti­gen Blick fast mit Trans­pa­renz ver­wech­seln könnte?

Ich hätte mir keine Sor­gen machen müs­sen. »Bild«-Sprecher Tobias Fröh­lich ist ganz der Alte geblieben.

· · ·

Von: Stefan Niggemeier
An: Fröhlich, Tobias
Betreff: Rechtskosten kaidiekmann.de
Gesendet: Dienstag, 19. Januar 2010 16:38

Sehr geehr­ter Herr Fröhlich,

ich habe eine kurze Frage zu den Rechts­kos­ten, die Herr Diek­mann beim Blog­gen so pro­du­ziert (und die er ja in einer Art Uhr auf der Seite mit­zählt): Über­nimmt Herr Diek­mann diese Kos­ten per­sön­lich? Oder kommt die Axel Sprin­ger AG dafür auf?

Vie­len Dank,
mit freund­li­chen Grü­ßen
Ste­fan Niggemeier

· · ·

Von: Tobias Fröhlich
An: Stefan Niggemeier
Betreff: AW: Rechtskosten kaidiekmann.de
Gesendet: Mittwoch, 20. Januar 2010 18:53

Sehr geehr­ter Herr Niggemeier,

bitte haben Sie Ver­ständ­nis, dass wir zu lau­fen­den Rechts­strei­tig­kei­ten grund­sätz­lich keine Aus­kunft geben.

Viele Grüße
Tobias Fröh­lich
Axel Sprin­ger AG
Infor­ma­tion und Öffentlichkeitsarbeit

Blättern: 1 2 3