Jolie macht’s mit Aline

Die Zeit­schrift »Jolie« ist ja der »moderne Hoch­glanz­ti­tel mit Beauty-Schwerpunkt im Pocket-Format für junge Frauen« aus dem Hause Axel Springer.

Das Wort »Hoch­glanz« buch­sta­biert der Online­auf­tritt des Maga­zins so:

(Außer, wenn gerade die Wer­bung der REWE-Group ein­ge­blen­det wird. Dann ergibt sich die­ser inter­es­sante Effekt.)

Nach­trag, 17. März: Mit einem Mal ist der gesamte Arti­kel bei jolie.de ver­schwun­den.

Springer 1968, im »Spiegel« der Zeit

Springer-Blätter fäl­schen und unter­drü­cken Nach­rich­ten. Das war das schlichte Urteil von Kai Her­mann, als er im Früh­ling 1968 für die »Zeit« unter­suchte, wie »Bild«, »B.Z.« und die ande­ren Zei­tun­gen aus dem Hause Axel Sprin­ger über die Demons­tra­tio­nen nach dem Atten­tat auf Rudi Dutschke berichteten.

Sprin­ger for­derte dar­auf­hin von der »Zeit« eine Unter­las­sungs­er­klä­rung. Die Wochen­zei­tung sollte sich ver­pflich­ten, nicht mehr zu behaupten:

  • Die Ber­li­ner Springer-Zeitungen ver­fäl­schen die Wahrheit.
  • Die Redak­teure der meis­ten Springer-Blätter konn­ten das Fäl­schen nicht lassen.
  • In den Ber­li­ner Springer-Zeitungen wur­den Nach­rich­ten unterdrückt.

Weil die »Zeit« aber, wie der »Spie­gel« am 13. Mai 1968 gut gelaunt berich­tete, gerne bereit war, »mit einer Fülle von Bele­gen« diese Behaup­tun­gen nach­zu­wei­sen, sorg­ten sich die Rechts­ver­tre­ter Sprin­gers, dass das selbst bean­tragte Ver­fah­ren zum Springer-Tribunal würde. Plötz­lich ver­such­ten die Anwälte, das Thema von der Springer-Berichterstattung auf die Bericht­er­stat­tung der Ber­li­ner Springer-Blätter zu Ostern zu redu­zie­ren. Und Otto Köh­ler schrieb im »Spiegel«:

Doch auch die ver­zwei­felte Selbst­be­schrän­kung nützte dem Ver­lags­haus Sprin­ger nichts. Denn selbst die Beweis­mit­tel, die [Sprin­gers Anwalt] Arning dafür anbot, daß die Springer-Zeitungen wenigs­tens zu Ostern nicht gefälscht hät­ten, erschie­nen dem Gericht zu dürftig.

Ein Bei­spiel: Kai Her­mann hatte es als »Falsch­mel­dung« bezeich­net, daß »Bild« als ein­zige Zei­tung der Bun­des­re­pu­blik einen Glad­be­cker Möbel­haus­brand mit der Sug­ges­tiv­schlag­zeile »Ist das Demons­tra­tion? Ist das Dis­kus­sion? Möbel­haus in Brand gesteckt« oppo­si­tio­nel­len Stu­den­ten zur Last legte.

Um zu bewei­sen, daß »Bild« hier nicht gefälscht habe, legte Arning dem Gericht eine dpa-Meldung vor. Doch der Hin­weis auf stu­den­ti­sche Betei­li­gung lau­tete: »Mög­li­cher­weise in Zusam­men­hang mit den Demons­tra­tio­nen der letz­ten Tage steht ein Groß­brand am Oster­sonn­tag.« Das reichte, um mit »Bild«-Balken-Zeilen in der gan­zen Bun­des­re­pu­blik Demons­tran­ten zu Möbel­haus­an­zün­dern zu machen.

Das Gericht gab der »Zeit« weit­ge­hend Recht und ent­schied, dass man einst­wei­lig behaup­ten dürfe, dass die Ber­li­ner Springer-Blätter die Wahr­heit ver­fäl­schen und ihre Redak­teure das Fäl­schen nicht las­sen kön­nen. Die »Zeit« hätte aller­dings nicht behaup­ten dür­fen, dass »in Ber­li­ner Springer-Zeitungen Nach­rich­ten von Über­grif­fen und Bru­ta­li­tä­ten auf sei­ten der Poli­zei kon­se­quent unter­drückt wer­den«. Denn wie der »Spie­gel« süf­fi­sant hinzufügte:

Kon­se­quent nicht. Da auch Springer-Redakteure Men­schen sind, geht ihnen solch eine Nach­richt manch­mal durch.

Was für Zei­ten das waren! Was für Zei­ten das waren, kann man wun­der­ba­rer­weise jetzt selbst nach­le­sen; geschil­dert nicht nur aus dem Rück­blick der His­to­ri­ker, son­dern aus Zeug­nis­sen der dama­li­gen Gegen­wart: In den »Spiegel«-Artikeln von damals, die mit dem gan­zen Archiv seit kur­zem kos­ten­los zugäng­lich sind.

Kaum eine Woche ver­ging im Jahr 1968, in der sich der »Spie­gel« nicht an Axel Sprin­ger und sei­nem Impe­rium abar­bei­tete. Manch­mal genügte es, ein­fach unkom­men­tiert ein Gerichts­ur­teil abzu­dru­cken, wie die bemer­kens­werte Ent­schei­dung des Amts­ge­rich­tes Ess­lin­gen, das es am 22. Okto­ber 1968 ablehnte, ein Haupt­ver­fah­ren wegen Nöti­gung gegen einen Anti-Springer-Demonstranten zu eröff­nen. Der 25-Jährige hatte vor der Aus­fahrt eines Ess­lin­ger Ver­la­ges geparkt, um die Aus­lie­fe­rung der »Bild-Zeitung« ver­zö­gern zu hel­fen. Und das Gericht argumentierte:

(…) Der Ver­le­ger Axel Cäsar Sprin­ger beherrscht einen Groß­teil des deut­schen Zei­tungs­mark­tes. Diese Macht­stel­lung wird bei der öffent­li­chen Mei­nungs­bil­dung wie auch im wirt­schaft­li­chen Leben rigo­ros aus­ge­nutzt … Die Springer-Zeitungen sind außer­dem Mus­ter­bei­spiele publi­zis­ti­scher Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit. Es wird nicht objek­tiv berich­tet — viele Rich­ter wis­sen das auf­grund der fal­schen Gerichts­be­richte über eigene Ver­hand­lun­gen (auch in Ess­lin­gen sind kon­krete Fälle bekannt) –, son­dern aus Stim­mungs­ma­che, oder um einen Knül­ler zu haben, die Wahr­heit gebo­gen, ja, es wird effek­tiv gelogen.

So wird im nicht­po­li­ti­schen Sek­tor wahr­heits­wid­ri­ger, gefühls­be­ton­ter Klatsch gemacht; im poli­ti­schen Sek­tor, wo nicht so leicht zwi­schen Wahr­heit und Unwahr­heit unter­schie­den wer­den kann, wird zumin­dest die Kri­tik eli­mi­niert und nur eine bestimmte Mei­nung gemacht. Was dies bei der Ver­brei­tung ins­be­son­dere der »Bild-Zeitung« bei der ein­fa­che­ren Bevöl­ke­rung bedeu­tet, bedarf kei­ner Erörterung.

(…) Auch die poli­tisch enga­gier­ten Stu­den­ten erkann­ten die Gefahr für unsere Demo­kra­tie durch die Kon­zen­tra­tion und die Gleich­schal­tung der Presse und ver­tra­ten mehr­fach diese Mei­nung, spe­zi­ell im Hin­blick auf die Springer-Presse.

Diese unbe­que­men Stu­den­ten wur­den hier­auf von der Springer-Presse in einen Topf gewor­fen mit Gamm­lern und Halb­star­ken und als Radau­brü­der qua­li­fi­ziert … Die poli­ti­schen Ansich­ten die­ser Stu­den­ten mögen radi­kal, ja revo­lu­tio­när sein; in einer frei­heit­li­chen Demo­kra­tie sollte eine freie Presse aber objek­ti­ver dar­über berich­ten. Wenn »Bild« am 7. 2. 1968 schreibt: »Man darf über das, was zur Zeit geschieht, nicht ein­fach zur Tages­ord­nung über­ge­hen. Und man darf auch nicht die ganze Dreck­ar­beit der Poli­zei und ihren Was­ser­wer­fern über­las­sen«, so ist dies nicht eine demo­kra­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit einem Anders­den­ken­den, son­dern üble Stim­mungs­ma­che und Auf­het­zung zu Gewalt­ta­ten (§ 130 StGB!).

Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Mei­nung, der Mord­an­schlag auf Rudi Dutschke sei ein mit­tel­ba­rer Erfolg der durch die Springer-Presse gegen die radi­ka­len Stu­den­ten auf­ge­wie­gel­ten und mani­pu­lier­ten Öffent­lich­keit, zumin­dest verständlich. (…)

Auf fast zwei Sei­ten doku­men­tierte der »Spie­gel« nach den Oster-Unruhen über­wie­gend kri­ti­sche Stim­men über Sprin­ger — dar­un­ter die­ses wun­der­bare Zitat aus der »Baye­ri­schen Staats­zei­tung« vom 19. April 1968:

Zahl­rei­che Ana­ly­sen des Inhalts der »Bild-Zeitung« haben den Nach­weis erbracht, daß die­ses Blatt seit Jah­ren immer wie­der seine Leser ein­sei­tig, lücken­haft und unsach­lich infor­miert … Sie scheut nicht davor zurück, die Wahr­heit zu ver­fäl­schen, wenn mit der Unwahr­heit Res­sen­ti­ments auf­ge­rührt wer­den konn­ten. Die »Bild-Zeitung« spie­gelt sehr deut­lich wider, wie Zeit­fra­gen von einem Teil unse­rer Gesell­schaft, und zwar von den intel­lek­tu­ell wenig Geschul­ten, von ein­sei­tig Ori­en­tier­ten und halb Infor­mier­ten erör­tert wer­den. Die­ses Gespräch ist durch­setzt mit Halb­wahr­hei­ten, Neid, Haß und Vor­ur­tei­len, mit Dumm­heit, Spieß­bür­ger­tum und Desinteresse.

Schon mit der ers­ten Aus­gabe des Jah­res 1968 hatte der »Spie­gel« eine acht­tei­lige Serie über Axel Sprin­ger begon­nen (»Ich werde Deutsch­land wie­der­ver­ei­ni­gen, ob Sie es glau­ben oder nicht«). Darin unter ande­rem auch ein »Psy­cho­gramm Axel Sprin­gers« von Wil­helm Back­haus, der pikan­ter­weise jah­re­lang als Kolum­nist für Sprin­ger schrieb und die Bedeu­tung von »Bild« so zusammenfasste:

In Deutsch­land hin­ge­gen sind seit dem Kriege gerade Min­der­wer­tig­keits­ge­fühle und Res­sen­ti­ments ver­le­ge­risch zu nut­zen, und das gelang Sprin­ger mit dem kon­ge­nia­len Chef­re­dak­teur von »Bild«, Peter Boe­nisch, noch auf eine beson­dere, viel gefähr­li­chere Weise. Sie erreich­ten es, daß sich der Kon­su­ment von »Bild« nicht mehr mit dem Lesen begnügt; er wird akti­viert, man ani­miert ihn zur Zuschrift, man redet ihm ein, daß seine Stimme Vol­kes Stimme sei, daß Deutsch­land durch sei­nen Mund spricht.

So ist das Mil­lio­nen­heer der »Bild«-Leser bewußt zu einer poli­ti­schen Macht auf­ge­baut wor­den, die ebenso bewußt gelenkt wie aus­ge­spielt wer­den kann. Ihr Gewicht ist längst viel zu groß, als daß irgend­ein Poli­ti­ker es noch wagt, sich ihr ent­ge­gen­zu­stel­len. Daß dies keine bloß kon­stru­ier­ten Spe­ku­la­tio­nen sind, hat Sprin­ger selbst durch die wie­der­holte Behaup­tung bestä­tigt, er und seine Poli­tik erhiel­ten ihren Auf­trag, ihre Legi­ti­ma­tion durch die täg­li­che Mil­lio­nen­zahl sei­ner Zei­tungs­käu­fer und –leser.

Am 22. Januar beschrieb der »Spie­gel« das Ver­hält­nis zwi­schen Axel Sprin­ger und dem »Bild«-Chefredakteur Peter Boenisch:

(…) »Bild«-Boenisch weiß, was der »Bild«-Verleger wünscht — edel sein ober­halb der Rentabilitätsgrenze.

Um die­ses respek­ta­blen Ziels wil­len wird täg­lich der eklige »Bild«-Brei aus Blut, Trä­nen und Hor­mo­nen ange­rührt und an Mil­lio­nen Leser ver­füt­tert. Es Boe­nisch vor­zu­hal­ten, hieße einem Marinaden-Händler den Matjes-Geruch ankrei­den. Eine Zei­tung, die täg­lich von fünf Mil­lio­nen Deut­schen gekauft wer­den soll, muß wider­wär­tig sein. (…)

Selbst die »Spiegel«-Leserbriefe jener Zeit sind lesenwert:

Als Zei­tungs– und Zeit­schrif­ten­händ­ler, der sich gegen die ein­sei­tige, uni­for­mierte Mei­nungs­ma­che der Springer-Presseerzeugnisse zur Wehr setzte und in Leser­brie­fen (auch im SPIEGEL, wie extra vom Chef­jus­ti­tiar erwähnt wurde) sei­ner Mei­nung Aus­druck gab, wurde mir von einem zum ande­ren Tag die Belie­fe­rung aller im Springer-Verlag erschei­nen­den Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten gesperrt; »damit wurde meine Exis­tenz­grund­lage vernichtet.

Ich begrüße daher die SPIEGEL-Serie über die­sen Mam­mut­kon­zern, der nicht dis­ku­tie­ren will, son­dern jeden, der sich die ver­öf­fent­lichte Mei­nung die­ser Blät­ter nicht auf­zwin­gen läßt und wider­spricht, unter Druck setzt. Ich hoffe, daß die­ser Presse-Allmacht recht bald die Flü­gel beschnit­ten wer­den, damit unsere Demo­kra­tie leben­dig bleibt und nicht im Sumpf dik­ta­to­ri­scher Gleich­ma­che­rei zur Farce wird.
Mel­len­dorf (Nie­ders.) HERMANN PIEPER

Gebt Sprin­ger auch den Rest der Presse, dann hält die Wahr­heit ganz die Fresse!
Ber­lin ALEX ARMBRÜSTER

Stärkt Axel Sprin­ger, bekämpft alle Pin­scher!
Esch­born (Hes­sen) WILHELM HÖRNICKE

Und genüss­lich zitierte das Nach­rich­ten­ma­ga­zin, was Axel Sprin­ger über den »Spie­gel« sagte – natür­lich nicht dem »Spie­gel« direkt, son­dern in einem Fernsehgespräch:

In der Sen­dung »Dia­log« des Zwei­ten Deut­schen Fern­se­hens fragte Klaus Harpp­recht am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag Axel Sprin­ger, was er von der Kri­tik an sei­nem Kon­zern halte:

SPRINGER: Ich würde sagen, die Angriffe im SPIEGEL und »Stern«, die berüh­ren mich wenig, fast gar nicht. Ich will hier etwas ver­ra­ten: Ich lese die auch nicht. Es ist der Rat­schlag eines guten Freun­des, sie nicht zu lesen. Ich lasse sie lesen. Das, was dort an per­fi­den Din­gen, unwah­ren Din­gen über mich gesagt wor­den ist und über unser Haus gesagt wor­den ist, da haben mich die juris­ti­schen Bera­ter mei­nes Hau­ses belehrt, daß man heut­zu­tage da nicht ein­schrei­ten kann. Wir haben es also auch gelassen.

Wenn man all das heute liest, fällt auf, mit wie­viel Lei­den­schaft und teil­weise offen­sicht­li­cher Lust sich der »Spie­gel« in die Aus­ein­an­der­set­zung mit Sprin­ger stürzte — natür­lich auch selbst nicht frei von Ideo­lo­gie, aber in beein­dru­cken­der Breite und Tiefe, mit vie­len Doku­men­ta­tio­nen und offen­kun­dig getra­gen von dem Gefühl der gro­ßen Bedeu­tung die­ses Themas.

Die Bedie­nung des neuen »Spiegel«-Wissensportals ist noch ein ziem­li­cher Alp­traum. Aber die Schätze, die sich darin fin­den, loh­nen das müh­same Gra­ben. Und weil sich alle Arti­kel unmit­tel­bar ver­lin­ken las­sen und ohne Regis­trie­rung gele­sen wer­den kön­nen, wird das Archiv all­mäh­lich von Google ent­deckt wer­den, und bei irgend­wel­chen Suchen wird man ganz selbst­ver­ständ­lich auf »Spiegel«-Artikel aus ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten sto­ßen. Das ist, nicht nur wenn es um die 68er geht: revolutionär.

Wehret den Anfängen!

Pres­se­spre­cher bei Sprin­ger ist ver­mut­lich auch kein Traum­job. Die meiste Zeit ver­bringt man damit, auf Pres­se­an­fra­gen zu ant­wor­ten, dass man zu lau­fen­den Ver­fah­ren / Per­so­nal­spe­ku­la­tio­nen / Interna / die­sem Thema grund­sätz­lich nicht Stel­lung nehme.

So gese­hen war »Bild«-Sprecher Tobias Fröh­lich sicher froh, dass er ges­tern end­lich ein­mal etwas Ori­gi­nel­les sagen durfte:

»›Bild­blog‹ han­delt wie ein Abmahn­ver­ein und instru­men­ta­li­siert den Pres­se­rat für eigene kom­mer­zi­elle Inter­es­sen«, sagte Ver­lags­spre­cher Tobias Fröh­lich am 19. Februar dem epd. (…)

Fröh­lich erklärte, es gehe dem Ver­lag nicht um die Anzahl der bis­her von »Bild­blog« ein­ge­reich­ten Beschwer­den, son­dern »um das Prin­zip«. Durch das Auf­kom­men von Blogs sei eine ganz neue mediale Situa­tion ent­stan­den. Man müsse hier auch den Anfän­gen weh­ren, bevor sich Nach­ah­mer fän­den, die den Pres­se­rat miss­bräuch­lich in Anspruch nähmen.

Programmänderung

Es hat sich da offen­bar bei der Dis­kus­sion »Von der Edel­fe­der zum Con­tent­lie­fe­ran­ten? — Print­me­dien im Wan­del« am 11. Sep­tem­ber eine kleine Ver­än­de­rung ergeben:

Vor­her:

Jetzt:

Es heißt, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­che­fin der Axel Sprin­ger AG, Edda Fels, sei es trotz bes­ten Bemü­hens auch lei­der nicht gelun­gen, im Haus einen Ersatz für Chris­toph Keese zu finden.

Wenn er eh nicht kommt, gibt mir das einen Vor­wand, auf der Geschichte rum­zu­rei­ten, die der Bran­chen­dienst »Kon­tak­ter« vor gut drei Wochen neben­bei erwähnt hat. Er berich­tete, dass ein Por­trait Kee­ses, das Tho­mas Dele­kat 2002 für die »Welt« über den dama­li­gen Chef der »Finan­cial Times Deutsch­land« geschrie­ben hatte, irgend­wann aus dem inter­nen Springer-Archiv ent­fernt wor­den sei.

Ich habe lei­der kei­nen Zugriff auf das interne Springer-Archiv, aber im Online-Archiv der »Welt« lässt sich der Arti­kel auch nicht fin­den. Und wer immer ihn gelöscht hat — er hat ganze Arbeit geleis­tet: Im Ganz­sei­ten­ar­chiv der »Welt« fehlt am 8. Juli 2002 die Seite 30 — das war die Medi­en­seite, auf das Por­trät stand, gleich über dem Fern­seh­pro­gramm, das auch gelöscht wurde, aber wohl nie­mand vermisst.

Dabei scheint dem sorg­fäl­tig ent­fern­ten Arti­kel objek­tiv Bri­sanz zu feh­len. Er ist keine Hin­rich­tung. Er beschreibt Kee­ses Erfolge, aber auch — mit amü­sier­ter Dis­tanz — sein Macht­ge­habe und seine Eitel­keit. Dele­kat erwähnt Kee­ses demons­tra­tive Begeis­te­rung für Ham­let und für Vito Cor­leone, den Paten aus »Der Pate«, dem er eine Seite in der »FTD« gewid­met habe, um den Lesern die elf mafio­sen Prin­zi­pien des Mach­ter­werbs und des Macht­er­halts zu erklär­ten (Punkt 10: »Macht schwin­det schlei­chend. Wehre dich gegen kleine Nie­der­la­gen, denn sie haben große Auswirkungen.«)

Dele­kat schrieb:

(…) Keese ist 38, ein Jung­ma­na­ger in unver­wüst­lich auf­ge­räum­ter Stim­mung, einer von der Sorte mit über­schüs­si­gem Elan. Jeden Tag beschließt er mit der Ent­täu­schung, den Ter­min­ka­len­der schon um 24 Uhr been­den zu müssen. (…)

Nur die Wirt­schaft, das fin­det er, kann sei­ner Schau­lust auf das Dra­ma­ti­sche im Leben genü­gen: Kampf, Ein­sam­keit, Gewinn und Ver­lust. Im letz­ten hal­ben Jahr, sagt Keese, habe er fast alle Vor­stands­chefs der Dax– Liste besucht. Die seien zwar Jour­na­lis­ten gewohnt. Aber bei ihm muss es außer­or­dent­lich gewe­sen sein: »Die sind begeis­tert, wenn sie jeman­den haben, mit dem sie auf Augen­höhe reden können.«

Es stimmt, sagt Keese, es duzt sich jeder in der Redak­tion. Ein ehr­li­ches »Du«, behaup­tet der Chef­re­dak­teur, und tat­säch­lich gibt es dafür eine Erklä­rung: Er habe sich sämt­li­che 150 Mit­ar­bei­ter im per­sön­li­chen Examen vor­ge­knöpft, »mit Rönt­gen­blick« durch­schaut, sei­nen Instinkt zuge­schal­tet, sei­nem per­sön­li­chen Geschmack freien Lauf gelas­sen und dann über eine Ein­stel­lung ent­schie­den. Es ist sein Team, auf Keese ein­ge­stimmt, abge­stimmt. Wenn die Redak­tion ein Sand­kas­ten wäre: Keese hätte das Mono­pol auf die Förmchen. (…)

Ich habe nicht nach­ge­fragt bei Chris­toph Keese oder Sprin­ger, was hin­ter der Löschung die­ses Arti­kels stand (und von wem sie ver­an­lasst wurde und wann). Ich hätte ver­mut­lich auch keine Ant­wort bekom­men. Mein letz­ter Kon­takt mit Herrn Keese war Anfang des Jah­res im Zusam­men­hang mit die­ser Geschichte, und nach einer (zuge­ge­ben: sehr ver­är­ger­ten und unfreund­li­chen) Mail von mir, ant­wor­tete er, er habe genug von mei­nen »imper­ti­nen­ten Unter­stel­lun­gen« und »selbst­ge­rech­ten Vor­wür­fen« und wün­sche keine wei­tere Kommunikation.

Wäre inter­es­sant gewor­den, am 11. Sep­tem­ber. Wird’s aber bestimmt trotz­dem. (Anmel­dung hier.)

Springers Kommunikationskultur

Ich ver­mute, sie haben lange gefeilt bei Sprin­gers, an der offi­zi­el­len Stel­lung­nahme der Axel Sprin­ger AG zu Alan Poseners gelösch­tem Blog-Eintrag zu Kai Diek­mann auf »Welt Debatte«. Bemer­kens­wert finde ich die­sen Satz:

Der Bei­trag von Alan Pose­ner über Kai Diek­mann ist ohne Wis­sen der Chef­re­dak­tion in den Web­log von Alan Pose­ner gestellt worden.

Mal abge­se­hen von der lus­ti­gen Passiv-Konstruktion, die irgend­wie die Mög­lich­keit nicht aus­zu­schlie­ßen scheint, dass Unbe­fugte den Bei­trag in Poseners Blog gestellt haben: Was heißt das: »ohne Wis­sen der Chefredaktion«?

Zunächst ein­mal heißt das natür­lich: Chris­toph Keese ist nicht Schuld. Keese ist Chef­re­dak­teur von »Welt Online« und Chef­re­dak­teur der »Welt am Sonn­tag«, wo Pose­ner das Kom­men­tar­res­sort lei­tet, und die Axel Sprin­ger AG teilt mit: Er kann nichts dafür, er wusste von nichts. Das ist eine wich­tige Infor­ma­tion. Vor allem für Chris­toph Keese.

Aber wenn man Springer-Sprecherin Edda Fels beim Wort nimmt (und es gibt kei­nen Grund, das nicht zu tun), müs­sen die »Welt«-Blogger vor dem Blog­gen brav der Chef­re­dak­tion Bescheid sagen.

Lie­ber Daniel Fiene,
lie­ber Don Dah­l­mann,

ist das so? Was bedeu­tet es, auf »Welt Online« zu blog­gen? Bloggt Ihr nur Dinge, mit denen Chris­toph Keese ein­ver­stan­den ist? Habt Ihr die Springer-Leute dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie Euch durch die For­mu­lie­rung in eine unmög­li­che Situa­tion brin­gen? Habt ihr da eine Frei­heit beim Blog­gen oder seid Ihr den glei­chen, sagen wir: ver­lags­po­li­ti­schen und arbeits­recht­li­chen Ein­schrän­kun­gen aus­ge­setzt wie­der jeder fest­an­ge­stellte »Welt«-Journalist?

Könnte es die »Unter­neh­mens­kul­tur« von Axel Sprin­ger mit ihrem »Mei­nungs­plu­ra­lis­mus« aus­hal­ten, wenn Daniel Fiene in sei­nem Medi­en­blog (!) auf »Welt Online« die Dis­kus­sion um den Vor­fall auf­griffe? Sach­lich, poin­tiert, wie auch immerß Und wenn er es täte: Würde dann Keese den Bei­trag, bevor er in Fie­nes Blog »gestellt wird«, redigieren?

Die Reak­tion auf die Debatte um die (Selbst-)Zensur bei Sprin­ger finde ich fast auf­schluss­rei­cher als den Akt selbst. Wie erbärm­lich ist das: Die ein­zige Reak­tion, die der Axel Sprin­ger AG auf die hef­tige Debatte ein­fällt, ist sich tot­stel­len. So zu tun, als gebe es sie nicht.

Aber es gibt sie. Auch die »Welt Online«-Leser ken­nen sie. Aktu­ell sind die bei­den meist­ge­le­se­nen und meist­kom­men­tier­ten Blog-Einträge auf Welt Debatte zwei Ein­träge von Pose­ner. Dar­un­ter dis­ku­tie­ren die Leser den aktu­el­len Fall von (Selbst-)Zensur. Aber sie dis­ku­tie­ren unter sich. Von Sprin­ger, von der Welt, von »Welt Online«, von »Welt«- »Debatte« dis­ku­tiert nie­mand mit.

Seit drei Wochen hat Chris­toph Keese sein eige­nes Blog. Er scheint nicht so viel zu erzäh­len zu haben, aber das wäre doch mal ein guter Anlass. Wofür ist sein Blog da, wenn nicht zur Kom­mu­ni­ka­tion mit den Lesern? Warum kann ein Chef­re­dak­teur, des­sen Beruf es theo­re­tisch ist, zu kom­mu­ni­zie­ren (auch wenn er mir vor kur­zem in ande­rem Zusam­men­hang mit­ge­teilt hat, wei­tere Kom­mu­ni­ka­tion sei wegen mei­ner »imper­ti­nen­ten Unter­stel­lun­gen« und mei­ner »selbst­ge­rech­ten Vor­würfe« »nicht erwünscht«), warum kann die­ser Chef­re­dak­teur sich nicht dem Dia­log, der »Debatte« mit sei­nen Lesern stel­len? Warum kann er ihnen nicht erklä­ren, warum es sei­ner Mei­nung nach die rich­tige Ent­schei­dung war, Poseners Bei­trag zu löschen?

Ich fürchte, bei Sprin­gers glau­ben sie wirk­lich, wenn sie The­men nur kon­se­quent genug tot­schwei­gen, seien sie tat­säch­lich tot.

Sie wer­den sich noch wundern.

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