Tag Archive for: Barack Obama

2004

04 Nov 08
4. November 2008

Es gibt zwei Möglichkeiten, den Aufstieg Barack Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zu beschreiben. Einerseits als eine Art Wunder oder wenigstens unglaubliches Kunststück, sich als Schwarzer, als angeblich liberalster Senator, ohne irgendeine Art von Regierungserfahrung gegen die Clintons und die Republikaner durchgesetzt zu haben. Und andererseits als das bloß etwas verfrühte Eintreffen dessen, was alle vorhergesagt haben.

Vielleicht ist es nur ein Zeichen dafür, wie sehr die Performance zum entscheidenden Kriterium amerikanischer Wahlen geworden ist, wie sehr sich alles auf das Gelingen von Auftritten konzentriert, den kleinen ebenso wie dem großen Ganzen, dass ein einziger Auftritt Barack Obamas vor vier Jahren beim demokratischen Parteitag genügte, um ihm unisono vorauszusagen, dass er gute Chancen hätte, einmal Präsident zu werden.

Der Blick ins Archiv bringt Dutzendfach Artikel zutage, die heute fast prophetisch wirken:

„Berliner Zeitung“, 27. Juli 2004:

In zehn Jahren wird Barack Obama der erste schwarze Präsident der USA. Davon sind viele Demokraten und vielleicht sogar einige Republikaner schon heute überzeugt.

„Süddeutsche Zeitung“, 28. Juli 2004:

Barack Obama: Demokratischer US-Politiker auf dem Weg nach ganz oben

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 29. Juli 2004:

Ja, er ist es. Jetzt kann man es mit Gewißheit sagen. Vor seiner Rede in der Nacht zum Mittwoch durfte man noch nicht ganz sicher sein, aber jetzt gibt es keinen Zweifel mehr: Barack Obama ist eine der größten Hoffnungen, daß der Demokratischen Partei eine Führungspersönlichkeit vom Schlage eines Bill Clinton, vielleicht sogar eines John F. Kennedy zuwachsen wird. (…)

Wenn nicht alles täuscht, hat in Boston die große Laufbahn eines schwarzen Politikers begonnen, die sehr weit, vielleicht sogar bis ganz nach oben führen dürfte.

„Süddeutsche Zeitung“, 29. Juli 2004:

Vor wenigen Tagen kannte den 42-Jährigen selbst unter den Demokraten noch kaum jemand, diesen Jungen aus Illinois, der gerade dabei ist der erste demokratische Senator mit schwarzer Hautfarbe zu werden. Inzwischen wird er als einer der Geheimkandidaten für das Präsidentenamt im nächsten Jahrzehnt gehandelt.

„Spiegel Kultur“, 19. Oktober 2004:

Barack Obama, 43, steht für die glorreiche Zukunft der USA. Vielleicht wird er ihr erster schwarzer Präsident.

„Die Welt“, 2. November 2004:

Obama hat sich bei seinen Auftritten als Redner hervorgetan und auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten im Juli die Hauptansprache neben Kerry gehalten. Er gilt als künftiger Anwärter auf das Weiße Haus.

„Tagesspiegel“, 4. November 2004:

„Ich habe harte Ellbogen“, verspricht Obama. Schafft er es, die meisten der in ihn gesetzten Hoffnungen zu erfüllen, könnte er durchaus im Weißen Haus landen. Vielleicht auch schon in vier Jahren — als Vize einer demokratischen Präsidentin Clinton.

Okay, „prophetisch“ ist vielleicht das falsche Wort.

(Lesetipp für die heutige Nacht: Mein Kollege Nils Minkmar in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über Barack Obamas Politikstil — „Endlich ein Erwachsener“.)

Der „Economist“ empfiehlt Obama

31 Okt 08
31. Oktober 2008

Das ist sicher eine der unwichtigeren Wahlempfehlungen für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten, aber trotzdem schön zu lesen: Die kluge, konservative Wirtschaftszeitschrift aus Großbritannien für die Welt stimmt für Obama.

There is no getting around the fact that Mr Obama’s résumé is thin for the world’s biggest job. But the exceptionally assured way in which he has run his campaign is a considerable comfort. It is not just that he has more than held his own against Mr McCain in the debates. A man who started with no money and few supporters has out-thought, out-organised and outfought the two mightiest machines in American politics—the Clintons and the conservative right.

In den Vereinigten Staaten haben sich aktuell 234 amerikanische Zeitungen für Obama ausgesprochen, 105 für McCain. Vor vier Jahren stand es zwischen John Kerry und George W. Bush ungefähr unentschieden. Mindestens 47 Zeitungen, die damals für Bush waren, haben sich jetzt für Obama ausgesprochen; eine umgekehrte Bewegung zu McCain gab es nur in vier Fällen.

Die Empfehlungen von Zeitungen sind laut einer Studie des National Bureau of Economic Research nicht völlig wirkungslos. Einen Einfluss haben sie aber vor allem dann, wenn sie angesichts der Linie der Zeitung von den Lesern als überraschend wahrgenommen werden.

Die Mutter aller Wahlwerbespots

30 Okt 08
30. Oktober 2008

Es ist ja nicht damit getan, über die vier Millionen Dollar zu verfügen, um sich eine Woche vor den Präsidentschaftswahlen eine halbe Stunde Sendezeit in der Prime-Time auf den großen amerikanischen Fernsehsendern kaufen und dort gleichzeitig auf sieben Sendern denselben Werbefilm zeigen zu können. Man muss auch etwas daraus machen können.

Barack Obama hat etwas daraus gemacht:

Nach dem Ende dieses Filmes schaltete die Werbung live zu einem Auftritt Obamas in Florida:

Es ist ein Meilenstein in der politischen Wahlwerbung und in seiner genau kalkulierten Mischung aus Krise und Hoffnung, mit all dem Kitsch und Pathos, mit der Inszenierung von Barack Obama als Erzähler statt als Redner und mit der kleinen Dosis Understatement („I will not be a perfect president“) ein Meisterwerk.

McCains Leuten blieb als Antwort nicht viel mehr, als zu erklären:

„As anyone who has bought anything from an infomercial knows, the sales-job is always better than the product. Buyer beware.“

 

Mehr zum Thema:

Von wegen Witzemacher

17 Jul 08
17. Juli 2008

Vermutlich muss man sich ernstlich Sorgen machen um eine Gesellschaft und eine Medienwelt, in der Komiker und Satiriker nicht nur ungefähr die einzigen sind, die noch die Wahrheit sagen, sondern auch die einzigen, die überhaupt erkennen, worum es geht bei einer Diskussion. Andererseits: In Deutschland wüsste ich nicht einmal, wer diese Komiker und Satiriker wären.

Dazu passt, dass „New York Times“-Kolumnist Paul Krugman neulich feststellte, dass wir im Jahre 8 der „Onion“-Ära leben: dem Zeitalter, in dem Artikel des grandiosen amerikanischen Satiremediums „The Onion“ fortwährend zutreffender waren als das, was „ernste“ Zeitungen berichteten.

Am 17. Januar 2001 (!) spann „The Onion“:

WASHINGTON, DC – Mere days from assuming the presidency and closing the door on eight years of Bill Clinton, president-elect George W. Bush assured the nation in a televised address Tuesday that „our long national nightmare of peace and prosperity is finally over.“ (…)

During the 40-minute speech, Bush also promised to bring an end to the severe war drought that plagued the nation under Clinton, assuring citizens that the U.S. will engage in at least one Gulf War-level armed conflict in the next four years.

„You better believe we’re going to mix it up with somebody at some point during my administration,“ said Bush, who plans a 250 percent boost in military spending. „Unlike my predecessor, I am fully committed to putting soldiers in battle situations. Otherwise, what is the point of even having a military?“

Aktuell lautet eine „Onion“-Schlagzeile:

Recession-Plagued Nation Demands New Bubble To Invest In

Nuts!

11 Jul 08
11. Juli 2008

Jesse Jackson hat in einem Fernsehstudio von Fox News vor der Sendung einem anderen Gast zugeflüstert, er wolle Barack Obama, weil er Schwarze so von oben herab behandele, am liebsten die Eier abschneiden.

Es ist nicht ganz abwegig, dass so ein Zitat von einem Politiker, dazu einem Parteifreund und Priester, für Furore sorgt. Aber so begierig sich die vermeintlichen Nachrichtenmedien auf die Geschichte stürzten, so schwer taten sie sich damit, ihren Lesern und Zuschauern zu vermitteln, was genau Jackson gesagt hat, ohne das sonst so harmlose und in diesem Fall so anstößige Wort „nuts“ zu gebrauchen:

[von „23/6″, via „Lost Remote“]

Die „Huffington Post“ hat auch die entsprechenden Verrenkungen der Print-Medien notiert.