Nicht mein Willy

In unse­rer Reihe »Eta­blierte Medien bekla­gen die Feh­ler­haf­tig­keit der Wiki­pe­dia« lesen Sie heute: die »Ber­li­ner Zei­tung«.

Seit Beste­hen der Internet-Enzyklopädie gab es immer wie­der inhalt­li­che Feh­ler oder Aus­las­sun­gen, die teil­weise bewusst ein­ge­streut wur­den. Der Medi­en­jour­na­list Ste­fan Nig­ge­meier prüfte mit­tels Wiki­pe­dia die Recher­che­me­tho­den deut­scher Redak­tio­nen, als er Karl-Theodor zu Gut­ten­berg nach des­sen Ernen­nung zum Wirt­schafts­mi­nis­ter einen wei­te­ren Vor­na­men andichtete.

Nee.

Josef Depenbrock spricht!

Man konnte in den ver­gan­ge­nen Mona­ten den Ein­druck bekom­men, der ver­hasste Chef­re­dak­teur der »Ber­li­ner Zei­tung«, Josef »Auf das Ver­trauen der Redak­tion bin ich nicht ange­wie­sen« Depen­brock, wolle grund­sätz­lich keine Inter­views geben. Der Ein­druck war falsch. Es musste nur das rich­tige Medium kommen.

Am Rande des Neu­jahrs­emp­fangs der »Ber­li­ner Zei­tung« stellte er sich unter ande­rem Namen den Fra­gen des loka­len Rum­pel– und Schleich­wer­be­sen­ders FAB:

Nun zwingt sich ja die Frage auf: Wie geht‘s mit Ihnen weiter?

Mit mir, ja, das möchte jeder wis­sen. Das wird beant­wor­tet Ende März. Ende März ist ja die Über­gabe des Unter­neh­mens an den Ver­lag DuMont Schau­berg. Und dann stellt sich auch die Frage, wie ich mich wei­ter posi­tio­niere. Jetzt ist es so, die Eigen­tü­mer haben ver­ein­bart, dass das Unter­neh­men über­tra­gen wer­den soll. Die Kar­tell­be­hör­den müs­sen dazu Stel­lung bezie­hen, also, eine Geneh­mi­gung ertei­len. Erst wenn diese Geneh­mi­gung erteilt ist, kann man auch seriö­ser­weise dar­über reden, wie die wei­tere Ent­wick­lung sein wird. Das war­ten wir doch mal ab.

Sind Sie ein wenig traurig?

Öh… ach… Wir haben ‘ne inhalt­li­che Idee ver­folgt. Diese inhalt­li­che Idee war sehr umstrit­ten. Wir haben hart dafür gekämpft. Wir sind im Markt gut posi­tio­niert. Es hat viele Dinge gege­ben, die aus unse­rer Sicht auch bes­ser sind. Das ist von der Fach­presse nie so gese­hen wor­den, weil wir viel­leicht einen unor­tho­do­xe­ren Ansatz hat­ten. Das ging bis in den Bereich der Unfair­ness auch gegen Per­so­nen. Und inso­fern ist es ein biss­chen schade, dass wir das nicht zuende füh­ren konn­ten. Man muss aber auch letzt­lich ver­ste­hen, dass in Zei­ten, wie sie jetzt auch in Lon­don im Finanz­markt da sind, dass eine Gesell­schaft sich auch kon­so­li­die­ren muss. Und so hat Mecom die Ent­schei­dung getrof­fen, sich aus Deutsch­land zurück­zu­zie­hen und die­ses Unter­neh­men an den Ver­lag DuMont Schau­berg zu geben. Und DuMont Schau­berg ist eine erst­klas­sige Adresse, ‘ne gute Heim­stätte für den Ber­li­ner Ver­lag. Zusam­men wird das Unter­neh­men mit dem Ber­li­ner Ver­lag zu einem der größ­ten deut­schen Zei­tungs­häu­ser auf­stei­gen, und ich denke, für die Mit­ar­bei­ter und für die Blät­ter ist das wirk­lich ein Garant für eine erfolg­rei­che Zukunft.

Nun würde man natür­lich gerne noch erfah­ren, worin die »inhalt­li­che Idee« bestand, für die Depen­brock gekämpft hat, ob die Erfül­lung von kurz­fris­ti­gen Ren­di­te­zie­len für ihn schon als eine sol­che galt und ob die »Ber­li­ner Zei­tung« sei­ner Mei­nung nach heute noch bes­ser im Markt posi­tio­niert wäre, wenn ihr Auf­la­gen­vor­sprung vor der Kon­kur­renz noch schnel­ler gesun­ken wäre. Aber man kann ver­mut­lich nicht alles haben.

Leser fragen, Journalisten schweigen

Über­ra­schung!

schreibt Dome­nika Ahl­richs, die Chef­re­dak­teu­rin der »Net­zei­tung«, die auch für den Online-Auftritt der »Ber­li­ner Zei­tung« zustän­dig ist. Der sieht seit heute ganz anders aus, wes­halb sich Ahl­richs an die »lie­ben Lese­rin­nen und Leser« wen­det und am Ende fragt:

Wie gefällt Ihnen dies alles? Wo kön­nen wir noch nach­bes­sern? Was hat sich zum Vor­teil ver­än­dert? Kom­men­tie­ren Sie den neuen Online-Auftritt im Kom­men­tar­feld am Ende die­ses Arti­kels. Wir möch­ten mit Ihnen ins Gespräch kom­men, denn wir arbei­ten kon­ti­nu­ier­lich an wei­te­ren Ver­bes­se­run­gen — dies tun wir für Sie, des­halb auch gern mit Ihnen.

Sie meint das nicht so.

Unter Ihrer Ein­la­dung zum Gespräch ste­hen aktu­ell 73 Kom­men­tare. Sie sind oft ver­nich­tend, manch­mal ehr­lich besorgt, die meis­ten, weil sie schlicht die Res­sorts nicht wie­der­fin­den. Dut­zende Leser fra­gen kon­kret, wo das Feuille­ton geblie­ben ist, viele fürch­ten, die Brandenburg-Seiten seien abge­schafft, man­che suchen ver­geb­lich nach der Seite 3, den Kom­men­ta­ren, der Karikatur.

Seit fünf Stun­den füllt Leser um Leser, wie gewünscht, sei­nen Frust und seine Fra­gen in das Kom­men­tar­feld am Ende des Arti­kels. Seit fünf Stun­den gibt es keine Reak­tion von Frau Ahl­richs. Kein Hin­weis, wie man die ver­damm­ten Res­sorts im neuen Alp­traum von Online-Auftritt fin­det. Nicht ein­mal ein ver­trös­ten­der Kom­men­tar eines Prak­ti­kan­ten im Sinne von: »Oh, da hakt es wohl noch, haben Sie ein biss­chen Geduld.«

Sie wer­den es nie lernen.

Niedrige Lebens– und Denkerwartungen

Die Stu­die der bei­den bri­ti­schen Wis­sen­schaft­ler Mark Bel­lis und John Ash­ton ist genau der Stoff, nach dem unsere Bou­le­vard­me­dien (vulgo: unsere Medien) süch­tig sind. Sie haben her­aus­ge­fun­den, dass Rock­stars ein erheb­lich erhöh­tes Risiko haben, jung zu sterben.

Es gibt dazu meh­rere Agen­tur­mel­dun­gen. Eine seriöse ist von AFP und liest sich so:

Stu­die: Rock­stars leben in ers­ten fünf Jah­ren des Ruhms gefähr­lich / Wilde 70er waren für Pop­mu­si­ker beson­ders riskant

Rock­stars ster­ben frü­her als Otto Nor­mal­ver­brau­cher. Zu die­sem Ergeb­nis kommt eine Stu­die der John-Moores-Universität in Liver­pool, die die Lebens­er­war­tung von glo­ba­len Grö­ßen der Rock­mu­sik mit der der gewöhn­li­chen Bevöl­ke­rung ver­gleicht. Der Lebens­weg von mehr als tau­send Musi­kern, die aus einer Liste der 1000 meist­ver­kauf­ten Plat­ten aus dem Jahr 2000 aus­ge­wählt wur­den, wurde von den Wis­sen­schaft­lern ausgewertet. (…)

Ins­ge­samt 100 Welt­stars star­ben in der Zeit von 1956 bis 2005. Über eine Zeit­spanne von 25 Jah­ren war ihre Sterb­lich­keit 70 Pro­zent höher als die der Durch­schnitts­men­schen. Als beson­ders gefähr­lich erwie­sen sich die ers­ten fünf Jahre des Ruh­mes, wäh­rend derer die Wahr­schein­lich­keit 240 Pro­zent höher ist, das Zeit­li­che zu seg­nen, als bei Normalsterblichen.(…)

Die Ver­sion von AP ist, vor­sich­tig gesagt, nicht ganz so seriös:

Pop­stars ster­ben früher

(…) Eine bri­ti­sche Stu­die zeigt, dass nord­ame­ri­ka­ni­sche pro­mi­nente Musi­ker durch­schnitt­lich nur 42 Jahre alt wer­den. Euro­päi­sche Stars ster­ben dem­nach noch deut­lich frü­her, näm­lich schon mit 35 Jahren. (…)

Von wegen. Das ist nicht das Alter, das Rock­stars durch­schnitt­lich errei­chen. Son­dern das Alter, das die­je­ni­gen 100 der ins­ge­samt 1000 unter­such­ten Rock­stars durch­schnitt­lich erreicht haben, die bereits gestor­ben sind. Dadurch, dass all die, die früh gestor­ben sind, in die Berech­nung ein­ge­gan­gen sind, aber noch lebende Opas wie Paul McCart­ney, Mick Jag­ger und Elton John nicht, wird die Rech­nung natür­lich verzerrt.

Und eigent­lich könnte man als Jour­na­list auch ahnen, dass die Aus­sage nicht stim­men kann, euro­päi­sche Rock­stars wür­den im Schnitt nur 35 Jahre alt. Aber natür­lich nur, wenn das Gehirn nicht völ­lig damit beschäf­tigt ist, sich die dazu pas­sende geile Über­schrift oder die Klick­zah­len, die sich mit ihre gene­rie­ren las­sen, auszumalen.

Ent­spre­chend fin­det die Falsch­mel­dung von AP guten Absatz. Sie steht heute zum Bei­spiel in der gedruck­ten »Ber­li­ner Zei­tung«, bei »Welt Online«, auf FTD.de (mit Bil­der­ga­le­rie »Die erfolg­reichs­ten toten Musi­ker«). Auf der Titel­seite von »Bild« ist die AP-Meldung zu die­ser erstaun­li­chen Über­schrift geronnen:

Rockstars sterben mit 35

Aber den Vogel schießt Spie­gel Online beim Ver­such ab, das ver­meint­li­che Ergeb­nis zu personalisieren:

Nord­ame­ri­ka­ni­sche pro­mi­nente Musi­ker, die die Stu­die berück­sich­tigte, wur­den durch­schnitt­lich 42 Jahre alt, euro­päi­sche Stars star­ben im Schnitt sogar noch frü­her, näm­lich schon mit 35 Jah­ren. Babyshambles-Sänger Pete Doh­erty, 28, hätte er [sic] dem­nach noch sie­ben Jahre zu leben.