Böse Bescherung bei »Big Brother«

RTL 2 hat sich nach Infor­ma­tio­nen des Medi­en­ma­ga­zins DWDL.de von sei­nem Pro­gramm­di­rek­tor Axel Kühn getrennt, und Schuld sein sol­len nicht zuletzt die schlech­ten Quo­ten von »Big Bro­ther«. Ein gro­ßes Rät­sel­ra­ten herr­sche im Sen­der und bei der neu­er­dings von Ex-9Live-Chef Mar­cus Wol­ter geführ­ten Pro­duk­ti­ons­firma Endemol, woran das lie­gen mag, dass die jun­gen Men­schen die täg­li­che Container-Show plötz­lich ver­schmä­hen. Dabei sind die Kan­di­da­ten extra schon in Dezem­ber für ein Drei­vier­tel­jahr in den Con­tai­ner gezo­gen. »Weih­nach­ten und Sil­ves­ter im Haus — fern ab von den lie­ben Ver­wand­ten und Bekann­ten«, hatte Kühn zuvor gesagt, »das ist ein­fach spannend.«

Nun. Dann schauen wir uns das doch mal an.

Hei­lig­abend im »Big Brother«-Haus. Der Mor­gen beginnt für viele mit einem Kater. Beson­ders für Made­leine, die gro­ßes Inter­esse an Daniel hat, der sein Inter­esse für sie am Abend vor­her aber in fol­gende Worte kleidete:

»Es ist so, dass ich die schö­nen Sachen an dir sehe. Aber es ist auch so, dass es halt einige Sachen gibt, die nicht mit dem über­ein­kom­men, was ich in einer Part­ne­rin fin­den möchte.«

Er meint wohl ihr Aussehen.

Die 29-jährige Desi taucht als neue Mit­be­woh­ne­rin auf. »Schließ­lich muss ja nicht immer nur Weih­nach­ten vor der Tür ste­hen«, sagt der Spre­cher aus dem Off. Wir wer­den noch viel von ihm hören.

Alle stel­len sich Desi vor. Bussi.

Desi­ree bekommt das Haus gezeigt, das erneut in einen rei­chen und einen armen Bereich geteilt ist, die sich dies­mal aber »Him­mel« und »Hölle« nen­nen, was natür­lich ganz etwas ande­res ist. Die Leute in der Hölle müs­sen zum Bei­spiel auch den Müll der Him­mels­be­woh­ner tren­nen und ihre Wäsche waschen.

Jana erklärt Desi, was blöd ist an der Hölle: das Duschen im Freien:

»Wenn es win­dig ist, ist blöd, dann stehste nicht mehr unter dem Strahl. Aber das drau­ßen Schla­fen ist ober­cool. Wir haben viel bes­sere Luft als die da oben.«

Die Frauen sind sich einig, dass das Schlimmste an der Hölle ist, dass man in einer Art Sträflings-Einheitskleidungherumlaufen muss. »Du kannst Dich gar nicht iden­ti­fi­zie­ren«, sagt Made­leine. Desi stellt fest, dass es schwie­rig ist, ohne eigene Sachen, zu zei­gen, ob man Tussi ist, Schi­cki­mi­cki oder eher so locker.

Noch ein neuer Bewoh­ner zieht ein: Oli­ver. Alle stel­len sich vor. Bussi.

Die ande­ren Him­mels­be­woh­ner müs­sen ent­schei­den, wer von den bei­den Neuen in die Hölle muss. Weil es vier Män­ner und nur zwei Frauen sind, ent­schei­den sie sich für Desi­ree. Hey, nur des­we­gen, echt.

Oli­ver muss in die erste Etage gehen, sich dort aus­zie­hen und gelangt durch eine Rut­sche wie­der ins Erd­ge­schoss — aber auf die Höllenseite.


Weih­nachts­mann. Screen­shot: RTL 2

»Besuch ist ein­ge­trof­fen«, erzählt der Spre­cher. »Ho-ho-hoher Besuch, denn kein gerin­ge­rer als der Weih­nachts­mann höchst­per­sön­lich gibt sich die Ehre.« Tat­sa­che: Ein trau­ri­ger alter Mann mit Bart steht da. Er sagt unbewegt:

»Das Leben hält immer Über­ra­schun­gen bereit. Und was eben noch dun­kel und aus­weg­los erschien, dreht sich viel­leicht im nächs­ten Moment. Heute fei­ert ihr den Hei­li­gen Abend, wie ihr ihn noch nie gefei­ert habt. Und nicht nur ihr fei­ert ihn anders, son­dern eure Leute zuhause auch. Mit einer, einer Sicher­heit könnt ihr natür­lich hier blei­ben: Sie den­ken an euch. Sie den­ken an euch.«

Seine Anspra­che treibt meh­re­ren Kan­di­da­ten die Trä­nen in die Augen, viel­leicht aber nur aus Rührung.

Nur die Him­mels­be­woh­ner bekom­men nun je ein Päck­chen und per­sön­li­che Worte:

»Orhan, du bist impul­siv, hast sehr viel Ener­gie, und manch­mal weißt du gar nicht, wohin damit.«

»Sascha, ich weiß, dein Humor ist sehr spe­zi­ell. Und du magst es manch­mal, unbe­quem zu sein. Du bist du, kon­se­quent und wil­lens­stark. Und das ist gut so.«

Bevor er geht, schlägt der Weih­nachts­mann den leer aus­ge­gan­ge­nen Höl­len­be­woh­nern vor, sich »mit dem klei­nen Wört­chen Danke« zu beschenken.

End­lich Besche­rung. Zwei Wochen sind die Bewoh­ner von zuhause weg, aber schon ein Bild der Liebs­ten reicht, dass sie völ­lig die Fas­sung ver­lie­ren. Einer nach dem ande­ren heult Schnot­ten und Rotz. Die ande­ren heu­len aus Soli­da­ri­tät mit.

Sascha hat eine große Fahne bekommen:

»Super-Geschenk. Viele Leute haben unter­schrie­ben. Hier haben viele Leute unter­schrie­ben, die ich teil­weise ein­mal im Jahr sehe oder bis jetzt auch nur ein­mal gese­hen habe.«

Ver­mut­lich hätte man ihm eine noch grö­ßere Freude gemacht, wenn noch Leute unter­schrie­ben hät­ten, die er noch nie getrof­fen hat.


Cathy, auf­ge­löst, mit Geschenk. Screen­shot: RTL 2

Cathy wird von »Big Bro­ther« vor die Wahl gestellt, ob sie ihre Geschenke von zuhause haben will oder statt­des­sen ihr Herz­blatt Beni aus der Hölle zu sich holen. Cathy ent­schei­det sich für ihn. Beni sagt, sie darf das nicht tun. Cathy ent­schei­det sich für die Geschenke. Sie heult. Sie bekommt ein Foto von ihrer Schwes­ter. »Sie was das wun­der­schönste Baby, das ich je gese­hen habe«, erklärt Cathy den ande­ren fas­sungs­los. »Ja, danke. Ich liebe euch. Und ver­misse euch ganz doll. Frohe Weihnachten.«

Der Tisch ist fest­lich gedeckt für das Weih­nachts­es­sen. Aber nur für die Bewoh­ner des Him­mels. Gro­ßer Auf­ruhr. Die Him­mels­be­woh­ner beschlie­ßen, wenn die ande­ren nichts krie­gen, auch nichts zu essen. Das sind zwar eigent­lich die Spiel­re­geln, aber jetzt ist Weih­nach­ten. Und Weih­nach­ten ist, wie Made­leine sagt, »ein ande­rer Tag«.

Der Spre­cher stab­reimt etwas vom »Bankett-Boykott« und »fest­li­chem Fasten«:

»Mit den Her­zen sind die Himmels-Bewohner ganz nah bei ihren höl­li­schen Nach­barn; mit dem Magen… naja. (…) Lie­ber ein gutes Gewis­sen als ein fest­li­cher Bis­sen. (…) Stullen-Nacht statt Stil­ler Nacht?«

Immer­hin hat der Weih­nachts­mann den Sascha glück­lich gemacht.

»Die ers­ten Worte, wo alle gelacht haben, ob sie mei­nen Humor ver­ste­hen oder nicht: So bin ich, so bin ich auch drau­ßen. Aber als er meinte, weisse was: Du bist dir treu. Was schö­ne­res… klar: Brief wich­tig, Fahne wich­tig, aber dass du dir sel­ber treu bist, das hat sonst kei­ner gehört. Weisse? Die­ses Ding ist für mich das wich­tigste, weisse?«

Es gibt dann noch ein paar Dis­kus­sio­nen, ob man sich nur nor­mal küs­sen las­sen muss, wenn man unter dem Mistel­zweig durch­geht, oder auch mit Zunge, und dann ist Hei­lig­abend vor­bei im »Big Brother«-Haus. Am nächs­ten Tag wird »Big Bro­ther« die Gren­zen zwi­schen den Berei­chen auf­he­ben, das gibt ein gro­ßes Hallo.

Komisch, dass das kei­ner sehen wollte.

Fernsehaufsicht in Deutschland

Am 1. Dezem­ber 2004 schickt »Big Bro­ther« die Container-Bewohnerin Fran­ziska für zehn Stun­den in ein »Bestra­fungs­zim­mer« und spielt ihr immer wie­der das­selbe Lied vor.

Am 20. Dezem­ber 2006 ent­schei­det der Vor­stand der Ham­bur­gi­schen Anstalt für Neue Medien, die Über­tra­gung die­ser Aktion im Tages­pro­gramm des (seit über einem Jahr nicht mehr exis­tie­ren­den) Sen­ders MTV2Pop förm­lich zu beantstanden.

Und die­sen Witz­fi­gu­ren ist es nicht ein­mal zu pein­lich, dazu noch eine Pres­se­mit­tei­lung herauszugeben.

Wie gesagt.

(via Pop­kul­tur­jun­kie)

Nach­trag. Gerade erst gese­hen: Die arbei­ten sich ja in einen rich­ti­gen Rausch, bei der Ham­bur­gi­schen Lan­des­me­di­en­an­stalt. Vor gut zwei Wochen erst, am 5. Dezem­ber 2006, rüg­ten sie eine MTV2Pop-Sendung vom Sep­tem­ber 2004.

Badezimmerfotos für »Big Brother VII«

Wenn Sie Ihren Lebens­ge­fähr­ten dabei erwi­schen, wie er heim­lich Bade-, Schlaf– und Wohn­zim­mer und Ihr Haus von außen foto­gra­fiert, soll­ten Sie sich Sor­gen machen. Diese Auf­nah­men muss man näm­lich ein­schi­cken, um sich für die siebte Staf­fel von »Big Bro­ther« zu bewerben.

Und einen Kata­log mit knapp 817 Fra­gen [pdf] aus­fül­len. Meine Favoriten:

Was war die schlecht­be­zahl­teste Arbeit, die Sie nach Ihrem Schul­ab­schluss ange­nom­men haben und wie lange haben Sie diese ausgeübt?

Sind Sie sich dar­über im Kla­ren, dass Sie als poten­ti­elle® Kandidat(in) gege­be­nen­falls alle erdenk­li­chen Aus­künfte und Infor­ma­tio­nen erbrin­gen müs­sen? Dies beinhal­tet z.B. Poli­zei­li­ches Füh­rungs­zeug­nis, psy­cho­lo­gi­sches Gut­ach­ten, SCHUFA-Auskunft, medi­zi­ni­sche Tests inklu­sive HIVTest?

Was sind Ihre sexu­el­len Vorlieben?

Was sind Ihre wirk­li­chen Ängste?
(Tod, Krank­heit und Arbeits­lo­sig­keit ein­mal ausgeschlossen)

Was wür­den Sie für Geld machen, was Sie ansons­ten ableh­nen würden?

Bitte benut­zen Sie die­ses Blatt und erin­nern Sie sich an fünf Ereig­nisse aus Ihrer Ver­gan­gen­heit, die Ihr wei­te­res Leben posi­tiv oder nega­tiv beein­flusst haben. Beschrei­ben Sie diese bitte so aus­führ­lich wie mög­lich! Nen­nen Sie Name und Anschrift der Per­so­nen, die an die­sen Ereig­nis­sen teil hat­ten, bzw. dafür ver­ant­wort­lich waren!

Aller Tage Vorabend

Es wird nie mehr auf­hö­ren: Wie »Big Bro­ther« vom Aus­lauf­mo­dell zum Fern­seh­for­mat der Zukunft wurde.

Es gab neu­lich — Sie haben das sicher ver­paßt — eine total bewe­gende Geschichte bei »Big Bro­ther«. Mark hatte geklagt, daß er schon viel zu lange Sin­gle sei, und die Pro­duk­ti­ons­firma beschloß, ihm zu hel­fen. Sie rief die Zuschaue­rin­nen dazu auf, sich für ein Date mit Mark zu bewer­ben. Zwei davon durfte er tref­fen und mit ihnen ein paar Minu­ten plau­dern, danach sollte er sich ent­schei­den, mit wel­cher von ihnen er einen Tag ver­brin­gen wollte — bei Ker­zen­licht und Cham­pa­gner, nur er und sie. Und wir Zuschauer natürlich.

Was machte Mark? Schüch­tern gestand er den Kan­di­da­tin­nen, daß er sich für keine ent­schei­den könne, das hätte nichts mit ihnen zu tun, er könne das ein­fach nicht, jetzt, so spon­tan und über­haupt. Und die Mäd­chen ver­lie­ßen das Con­tai­ner­dorf, und Mark ging zurück in die Gemein­schafts­räume, und die Mit­ar­bei­ter konn­ten das ganze Schäferstündchen-Arrangement abräu­men und muß­ten nicht ein­mal die Bett­wä­sche rei­ni­gen las­sen, und es war ganz merk­wür­dig trau­rig und auf­re­gend. Oder hat es das bei »Herz­blatt« schon ein­mal gege­ben, daß ein Kan­di­dat sagt, nö, die drei waren mir jetzt alle zu blöd, dann bleib‹ ich lie­ber Single?

Bei »Big Bro­ther« pas­sie­ren Sachen, mit denen nie­mand rech­net, nicht ein­mal die Macher, und nicht alles ist so, daß man sich dafür schämt. Aus einer Sen­dung, die die große Fern­seh­re­vo­lu­tion ver­sprach und vor allem ent­setz­li­che Lan­ge­weile ver­brei­tete, ist eine gewor­den, die tat­säch­lich regel­mä­ßig die Gesetze des Fern­se­hens auf den Kopf stellt.

Das fängt damit an, daß es sie über­haupt noch gibt und daß sie ein Erfolg ist. Die täg­li­che Show um 19 Uhr schafft bei jun­gen Zuschau­ern im Schnitt 13,5 Pro­zent Markt­an­teil — RTL 2 hat sonst 7,8 Pro­zent. Das Publi­kum wird des Zuse­hens nicht müde; die Quo­ten sind ziem­lich kon­stant. »Gute Zei­ten, schlechte Zei­ten« und »Explo­siv«, jah­re­lang die RTL-Vorabend-Bastion, lei­den hef­tig und muß­ten die Wer­be­preise senken.

Der kom­mende Mitt­woch ist der ein­hun­dertste Tag der fünf­ten Staf­fel. Wäre alles wie frü­her, wür­den dann die letz­ten den Con­tai­ner ver­las­sen und für ein paar hek­ti­sche Wochen durch »TV Total« tin­geln, Sin­gles auf­neh­men und sich bei Neun Live bewer­ben, bevor sie in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Doch dies­mal geht die Stre­cke über ein gan­zes Jahr, und die Frage, ob das ein Mensch aus­hält, selbst einer die­ser täto­wier­ten, gepierc­ten Arbeits­lo­sen, die über­wie­gend das Haus bewoh­nen, ist offen. Fünf­zehn Kan­di­da­ten sind bis heute aus­ge­schie­den, viele frei­wil­lig, das sind mehr, als über­haupt aktu­ell im Spiel sind. Doch die gewal­tige Fluk­tua­tion scheint nie­man­den zu stö­ren. Nur ein paar zen­trale Cha­rak­tere, die lange dabei sind, brau­chen die Pro­du­zen­ten, um ihre Soap zu modellieren.

Denn anstatt wie frü­her die Frem­den ein­fach ein­zu­sper­ren und zu sehen, was pas­siert, funk­tio­niert »Big Bro­ther« heute mehr denn je wie eine »rich­tige« Sei­fen­oper, bei der die ein­zel­nen Rol­len in maß­ge­schnei­derte Situa­tio­nen gebracht wer­den. »Wir gehen offe­ner und direk­ter mit den ein­zel­nen Cha­rak­te­ren der Kan­di­da­ten um«, sagt Pro­du­zent Rai­ner Laux. »Wir mani­pu­lie­ren nicht, aber wir lösen Reak­tio­nen aus.« Nun ja, die Fäden, an denen die Kan­di­da­ten geführt wer­den, sind noch sicht­ba­rer als frü­her, vor allem »Bestra­fun­gen« sind ein prak­ti­sches Regu­la­tiv: Als unter der Zahl der Glat­zen­trä­ger im Haus die Über­sicht­lich­keit litt, bestand die Strafe für einen Regel­ver­stoß für einen darin, sich nicht den Kopf rasie­ren zu dürfen.

Auch die Erzähl­weise hat sich längst aus der Strenge des doku­men­ta­ri­schen »Real Life« ver­ab­schie­det. Wenn sich im Gespräch einer auf Ver­gan­ge­nes bezieht, zeigt »Big Bro­ther«, wovon er redet, schwarz­weiß, als Rück­blende. Und wenn zwei mal wie­der so end­los vor­ein­an­der hin­re­den, nimmt der Regis­seur regel­mä­ßig den Impuls des Zuschau­ers vor­weg und spult vor, mit lus­ti­gem Micky-Mouse-Stimmeffekt. Obwohl die End­los­dia­loge nach den Wor­ten von Laux immer noch das sind, was die Zuschauer am meis­ten fes­selt, mehr noch als der Geschlechts­akt unter der Bett­de­cke. »Wenn es Sex gibt, ist das natür­lich super, aber das ist nur ein kur­zer Moment.«

»Big Bro­ther« ist trotz der Mono­to­nie des Con­tai­ner­le­bens zu einem der fle­xi­bels­ten und viel­fäl­tigs­ten Fern­seh­for­mate gewor­den. Die »taz« hat dafür den Aus­druck »Platz­halt­er­fern­se­hen« gefun­den, was Laux gefällt. Mal wird aus der Soap ein Quiz, in dem die Bewoh­ner gegen­ein­an­der oder sogar gegen ein­zelne Zuschauer antre­ten, mal eine Action-Show, mal eine Lang­zeit­doku, in der ein Bewoh­ner auf den Mara­thon vor­be­rei­tet wird, mal eine Sit­com, in der die Zusam­men­fas­sun­gen mit Lach­spur unter­legt sind. Wenn RTL ein »Pro­mi­bo­xen« ver­an­stal­tet, läßt »Big Bro­ther« einen Bewoh­ner schon ein paar Tage vor­her gegen einen abge­half­ter­ten Boxer antre­ten; zur Euro­pa­wahl kommt der Bru­der vom Kanz­ler, und alle plau­dern über Poli­tik. Die Sen­dung tauge auch als Labor für neue Pro­gramme, die man erst ein­mal güns­tig im fes­ten Rah­men von »Big Bro­ther« teste, meint Laux.

Ein­mal hat »Big Bro­ther« den Bewoh­nern ein Auto in den Hof gestellt und »Touch the car« gespielt: Alle müs­sen den Wagen anfas­sen, wer zuletzt die Hand vom Blech nimmt, gewinnt ihn. Das ist unend­lich stumpf und hat doch eine merk­wür­dige Anzie­hungs­kraft, weil es selbst den Rah­men einer Außen­wette von »Wet­ten daß?« sprengt: Hier ist völ­lig offen, ob der letzte nach neun­zig Minu­ten die Lust ver­liert oder nach drei­ein­halb Tagen vor Erschöp­fung unter dem Kot­flü­gel zusam­men­bricht und wie groß die Opfer sind, die man dafür zu brin­gen bereit ist (Mark hat sich sogar in die Hosen gemacht; er hat trotz­dem nicht gewon­nen). Nein, das ist nicht immer schön anzu­se­hen, meis­tens sogar nicht, und Pro­du­zent Laux sagt auch, daß es mit harm­lo­ser Spiel­rou­tine auf Dauer nicht getan ist: »Die Reiz­schwelle der Zuschauer hat sich gestei­gert, da müs­sen wir natür­lich krea­tiv blei­ben und neue Trends set­zen. Natür­lich wer­den wir immer wie­der an die Gren­zen gehen. Wir ver­le­gen mit dem For­mat die Schie­nen immer ein Stück wei­ter.« Das heißt zum Bei­spiel, daß vor der für den Herbst ange­kün­dig­ten Welle von Doku­soaps über Schön­heits­ope­ra­tio­nen im deut­schen Fern­se­hen mit Sicher­heit ein Chir­urg im Con­tai­ner auf­tau­chen und einem Bewoh­ner ein Ange­bot machen wird. Laux sagt, daß das durch­aus päd­ago­gisch sein könnte, der jun­gen Ziel­gruppe so zu zei­gen, mit wie­viel Unwäg­bar­kei­ten und Belas­tun­gen etwa eine Brust­ver­grö­ße­rung ver­bun­den ist — der erste Auf­bau eines Ope­ra­ti­ons­ti­sches im Haus ist aber dan­kens­wer­ter­weise vor­erst abge­bla­sen worden.

Nicht weni­ger als 250 Mit­ar­bei­ter arbei­ten in drei Schich­ten rund um den Con­tai­ner, und doch ist die Sen­dung ganz außer­or­dent­lich lukra­tiv. Jeden Mon­tag rufen hun­dert­tau­send Zuschauer kos­ten­pflich­tig an, um jeman­den raus­zu­wäh­len, es gibt teure Hot­lines, Spiele, Logos und Klin­gel­töne. 50 000 Men­schen geben 15 Euro im Monat allein dafür aus, bei Pre­miere rund um die Uhr in den Con­tai­ner schauen zu dür­fen, macht allein schon einen Umsatz von 750 000 Euro. Den Wer­be­kun­den kann RTL 2 dann mit eini­ger Plau­si­bi­li­tät erzäh­len, daß »Big Brother«-Zuschauer gute Kon­su­men­ten sind, die nicht zwei­mal über­le­gen, bevor sie etwas kaufen.

Bei der Pro­duk­ti­ons­firma Endemol plant man schon für die Zeit nach dem Ende die­ser Staf­fel im Mai 2005. Die nahe­lie­gendste Lösung liegt auf der Hand: »Big Bro­ther 6″ könnte nicht hun­dert Tage dau­ern, nicht ein Jahr, son­dern so lange, wie es sich rech­net. Also womög­lich für immer.

Big Brother

Wie es Euch gefällt. »Big Bro­ther« oder die Frage: Expe­ri­ment außer Kontrolle?

Frü­her gal­ten die Deut­schen als Talkshow-untaugliches Volk. Anders als die Ame­ri­ka­ner woll­ten sie nur im Publi­kum sit­zen. Müh­sam muss­ten ihnen Anhei­zer vor der Sen­dung ein­schär­fen, dass sie doch bitte ihren Teil sagen soll­ten. Auf­ste­hen, urtei­len. Gern auch unfundiert.

Die Deut­schen haben gelernt. Heute rei­chen ihnen drei wider­sprüch­li­che Sätze über eine dubiose Fami­li­en­fehde, um öffent­lich zu urtei­len. Bei Birte, Bär­bel, Vera sagen täg­lich Zuschauer ande­ren Men­schen, die sie nie gese­hen haben, ins Gesicht, was sie von ihnen hal­ten. Dass sie ihre Män­ner ver­las­sen sol­len. Dass sie zu ihren Män­nern zurück­keh­ren sol­len. Dass sie schlechte Müt­ter sind. Huren. Dumm.

Als Ste­fan Raab sich über Regine Zind­ler und ihren Maschen­draht­zaun lus­tig machte, war sie genau so zum Abschuss frei. Jeder durfte urtei­len, vor allem über den Geis­tes­zu­stand der Frau. Man durfte sie vor ihrem Haus anpö­beln und Stü­cke aus ihrem Zaun schnei­den. Das Fern­se­hen bescherte uns etwas Neues: Men­schen, die es wirk­lich gibt und die wir schein­bar bes­ser ken­nen als Frau Meier nebenan. Sie sind real, aber auch Kunst­fi­gu­ren, wes­halb wir auf sie nicht so viel Rück­sicht neh­men müs­sen wie auf Frau Meier, son­dern nur so wenig wie zum Bei­spiel auf Donald Duck. Es gibt keine Dis­tanz mehr, kei­nen Ab– und kei­nen Anstand.

Und jetzt Big Bro­ther: Noch mehr Nähe, Urteil, Anma­ßung. Vor dem Con­tai­ner stan­den am Sonn­tag 5000 Fans, um ihren Stars zuzu­ju­beln. Fans? Stars? Es sind ihre Stars, in jeder Hin­sicht. Ohne sie, die Fans, wären sie nichts. Dar­aus folgt: Sie kön­nen mit ihnen machen, was sie wol­len. »Manuela, du Schlampe«, stand auf einem Ban­ner. Was für ein Spaß. 4,7 Mil­lio­nen junge Leute haben Zlat­kos Aus­schei­den am Bild­schirm ver­folgt. Bei den 14– bis 29-Jährigen sah nur jeder zweite etwas anderes.

Gefähr­lich ist nicht, eini­gen Leu­ten beim Duschen und Pickel­aus­drü­cken zuzu­schauen. Gefähr­lich ist, dass diese Leute zu Spiel­fi­gu­ren wer­den. Sie haben keine Kon­trolle über das, was die Öffent­lich­keit aus ihnen macht. Das ist gefähr­lich für die Kan­di­da­ten: Zlatko war vor sechs Wochen ein unbe­kann­ter arbeits­lo­ser Schwabe. Als er am Sonn­tag den Con­tai­ner ver­ließ, war er ein Pop­star wie Frau Zind­ler: Bekannt bei Mil­lio­nen, gleich­zei­tig Held und Witz­fi­gur. Viel­leicht kann er mit die­sem plötz­li­chen Ruhm umge­hen, viel­leicht nicht. Es ist auch gefähr­lich für die Zuschauer, die anhand der Shows ler­nen kön­nen, dass es nur auf eins ankommt: Spaß haben. Nicht auf die, nun ja, Men­schen­würde der Betrof­fe­nen. »Leb, so wie du dich fühlst«, for­dert eine Zeile der Big-Brother-Titelmusik. Das ist nicht der Unter­gang des Abend­lan­des. Aber doch gespens­tisch, die ent­hemm­ten Mas­sen drau­ßen zu sehen und die Kan­di­da­ten drin­nen, die ver­geb­lich ver­su­chen, sich einen Reim auf das zu machen, was sie da hören. Und zu ahnen, dass die TV-Macher sich im Zwei­fel für Quote und gegen Dees­ka­la­tion ent­schei­den wür­den. Ein Reiz von Big Bro­ther ist es, dass das Expe­ri­ment jeder­zeit außer Kon­trolle gera­ten kann.

Repor­te­rin Sophie Rosen­tre­ter war die Erste, die Zlatko mit sei­nem iro­ni­schen Spitz­na­men The Brain anre­dete. Mode­ra­tor Percy Hoven inter­viewte ihn mit unglaub­li­cher Über­heb­lich­keit. Viel­leicht erklärt das, warum sich Men­schen mit sol­cher Begeis­te­rung auf diese neuen Anti-Helden stür­zen: Weil man sich über sie unab­hän­gig von eige­nen Schwä­chen lus­tig machen darf — wenn selbst das dümmste Mode­ra­to­ren­paar im deut­schen Fern­se­hen sich traut, so auf sie herabzuschauen.