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Perpetuum Mobile

Am vergangenen Montag, 2. Januar, berichtete »Spiegel Online« exklusiv:

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE telefonierte Wulff auch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, Mathias Döpfner, um diesen zu bitten, bei Diekmann Einfluss zu nehmen. Doch der Konzernchef, in dessen Haus die »Bild« erscheint, soll ihm in knapper Form beschieden haben, sich nicht in die Belange der Redaktion einmischen zu wollen.

Der Springer-Verlag antwortete zunächst nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob es ein Telefonat mit Döpfner gab. Am Nachmittag bestätigte dann der Verlag den Gesprächsversuch Wulffs mit dem Vorstandschef.

Was danach geschah:

dapd, 2. Januar, 16:14:

Wulff intervenierte auch bei Springer-Chef Döpfner wegen Artikel

(…) Wulff habe neben dem Chefredakteur der »Bild«-Zeitung, Kai Diekmann, auch beim Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, interveniert, sagte ein Sprecher des Konzerns am Montag der Nachrichtenagentur dapd.

Er bestätigte damit einen Bericht von »Spiegel Online«. (…)

epd, 2. Januar, 16:16:

»Süddeutsche Zeitung«: Wulff rief auch bei Springer-Chef Döpfner an

München (epd). Bundespräsident Christian Wulff hat nach Informationen der »Süddeutschen Zeitung« auch mit einem Anruf beim Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlages, Mathias Döpfner, versucht, die Berichterstattung der »Bild«-Zeitung über die Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. »Es ist korrekt, dass der Bundespräsident auch Mathias Döpfner in dieser Angelegenheit angerufen hat und es ist auch korrekt, dass Herr Döpfner auf die Unabhängigkeit der Redaktion hingewiesen hat«, heiße es in einer schriftlichen Stellungnahme des Verlages, aus der die »Süddeutsche Zeitung« in ihrer Dienstagsausgabe zitiert. (…)

dpa, 2. Januar, 17:39:

Wulff wollte »Bild«-Bericht verhindern — Kritik und Protest

(…) Wie die »Bild«-Zeitung am Montag bestätigte, versuchte Wulff persönlich, die erste Veröffentlichung von Recherchen zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. Bei »Bild«- Chefredakteur Kai Diekmann habe er mit strafrechtlichen Konsequenzen für den verantwortlichen Redakteur gedroht. Auch bei Springer-Chef Mathias Döpfner intervenierte Wulff erfolglos. Das bestätigte der Verlag. (…)

dpa, 3. Januar, 15:37:

Der öffentliche Druck auf Wulff wird stärker

Berlin (dpa) — Wegen eines umstrittenen Kredits und seines Umgangs mit den Medien gerät Bundespräsident Christian Wulff immer mehr unter Druck. Ein Rückblick:

12. Dezember 2011: Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht, »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann zu erreichen, um die Veröffentlichung von Recherchen zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. Bei Springer-Chef Mathias Döpfner ruft er ebenfalls an — und laut einem Bericht auch bei Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer. (…)

epd, 4. Januar, 8:47:

(…) Seitdem nach dem Jahreswechsel öffentlich wurde, dass der Bundespräsident »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner angerufen hatte, um Berichterstattung über den Kredit zu verhindern, verschärfte sich der öffentliche Druck auf Wulff noch einmal deutlich. (…)

dpa, 4. Januar, 18:56:

Bundespräsident Christian Wulff hat ARD und ZDF am Mittwoch ein Interview gegeben. (…)

Ulrich Deppendorf: »Jetzt kommen wir mal zu den Kritikpunkten, die Ihnen vorgeworfen werden. Sie sind in den letzten Tagen besonders in die Kritik geraten wegen der Anrufe bei dem Chefredakteur der »Bild«-Zeitung, Kai Diekmann, und bei dem Vorstandsvorsitzenden des Springer-Konzerns, Herrn Döpfner. Ihnen wird Verletzung des Grundrechts der Pressefreiheit vorgeworfen. Sie sollen auf dem Band beide Herren bedroht haben. Sie sprechen von Krieg führen, vom endgültigen Bruch. (…)«

epd, 5. Januar, 8:57:

(…) Seitdem nach dem Jahreswechsel Wulffs Anrufe bei Diekmann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner bekanntgeworden waren, hatte sich der öffentliche Druck auf den Präsidenten noch einmal deutlich erhöht. (…)

dpa, 6. Januar, 15:20

»Bild« contra Wulff — ein Rückblick

Berlin (dpa) — Es war ein Bericht der »Bild«-Zeitung, der Bundespräsident Christian Wulff Mitte Dezember in Erklärungsnot brachte. Jetzt streiten beide über einen ominösen Telefonanruf. Ein Rückblick:

12. Dezember 2011: Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht, »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann zu erreichen, um die Veröffentlichung von Recherchen zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. Bei Springer-Chef Mathias Döpfner ruft er ebenso an. (…)

Reuters, 7. Januar, 17:58:

Spiegel — Wulff soll auch Springer-Chef Döpfner gedroht haben

Berlin, 07. Jan (Reuters) — Bundespräsident Christian Wulff soll einem Medienbericht zufolge neben dem »Bild«-Chefredakteur auch Springer-Verlagschef Mathias Döpfner mit scharfen Worten gedroht haben, um die Veröffentlichung eines Berichts über seine Kreditaffäre zu verhindern. (…)

dapd, 7. Januar, 18:08:

Spiegel: Wulff soll auch Springer-Chef Döpfner gedroht haben

Berlin (dapd). Bundespräsident Christian Wulff soll auch Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner gedroht haben. (…)

dpa, 7. Januar, 18:34:

»Spiegel«: Wulff soll auch Döpfner gedroht haben

Berlin (dpa) — In der Affäre um einen Anruf von Bundespräsident Christian Wulff beim Chefredakteur der »Bild«-Zeitung, Kai Diekmann, kommen weitere Details ans Licht. Nach Informationen des Nachrichten-Magazins »Der Spiegel« soll Wulff dem Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlags, Mathias Döpfner, mit ähnlichen Worten gedroht haben wie dem »Bild«-Chef. Eine Stellungnahme des Präsidialamtes war am Samstagabend zunächst nicht zu erhalten, ebenso wenig vom Springer-Verlag. (…)

dpa, 7. Januar, 19:22

Springer bestätigt Bericht über Wulff-Drohung bei Döpfner

Berlin (dpa) — Der Springer-Verlag hat einen Medienbericht bestätigt, demzufolge Bundespräsident Christian Wulff in der Kreditaffäre auch Verlagschef Mathias Döpfner gedroht haben soll. »Wir können die Darstellung des »Spiegels« bestätigen, wollen das aber nicht weiter kommentieren«, sagte der für die »Bild«-Zeitung zuständige Sprecher Tobias Fröhlich am Samstagabend auf Anfrage. (…)

dapd, 7. Januar, 19:36:

Wulff soll auch Springer-Chef Döpfner gedroht haben
(Neu: Bestätigung Verlagssprecher) (…)

»Spiegel Online«, aktuell:

 
— 7. Januar 2012, 21:03 — 124 Kommentare

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Kampagnen-Kamikaze bei der ARD

Ich habe ein bisschen den Überblick verloren, wie viele ARD-Leute mich in den vergangenen Wochen angerufen haben, um mich zu fragen, ob ich nicht in ihren Sendungen erzählen möchte, wie schlimm die »Bild«-Zeitung ist. Der halbe WDR scheint mit der Recherche (oder jedenfalls: Akquise) beschäftigt zu sein; neben mehreren Radiosendern wollen offenbar auch Fernsehsendungen wie »Monitor« und »Aktuelle Stunde« dringend mal etwas über »Bild« und ihre Methoden und Macher bringen. Hinzu kommen Anfragen aus dem Hauptstadtstudio und vom MDR. Insgesamt sind es sicher ein gutes halbes Dutzend, zwei weitere gingen bei BILDblog-Chef Lukas Heinser ein.

Es klingt undankbar, sich über soviel Aufmerksamkeit und Interesse zu beklagen, und eigentlich freue ich mich, wenn sich jemand kritisch mit der »Bild«-Zeitung beschäftigen möchte. Aber hinter der Flut von Anfragen steht kein journalistisches Interesse an »Bild«, sondern die prophylaktische Munitionierung gegen eine erwartete »Bild«-Kampagne. Sie rechnen bei der ARD mit dem Schlimmsten — wobei nicht ganz klar ist, ob das Schlimmste vernichtende Wahrheiten oder schamlose Lügen wären.

Jedenfalls wurde offenbar flächendeckend Panik angeordnet, um auf einen Angriff mit einem Gegenangriff reagieren zu können. Das Ausmaß des Aktionismus ist in jüngerer Zeit einzigartig, und auch den Kollegen, die deshalb ausschwärmen, um Kronzeugen wie mich anzusprechen, ist nicht allen wohl bei dem, was sie da tun (müssen).

Ulrike Simon berichtet heute in der »Berliner Zeitung«, dass die ARD-Intendanten beschlossen hätten, eine »virtuelle Medienredaktion« einzurichten, die eine Kampagne gegen »Bild« koordiniere. Sie schreibt: »Der Verdacht liegt nah, dass die Intendanten der ARD Medienjournalismus als probates Mittel zur Instrumentalisierung für eigene Interessen sehen.«

Das ist auf Seiten der meisten Verlage insbesondere im Kampf gegen ARD und ZDF nicht anders, aber das macht die Sache nicht besser.

Am Schlimmsten wäre es, wenn das stimmt, was Ulrike Simon noch schreibt: Die ARD-Intendanten wollten mit ihrer Anti-»Bild«-Kampagne »den ersten Schuss« von »Bild« gegen den Senderverbund abwarten: »Sollte das Blatt die Serie unter Verschluss halten, werde auch die virtuelle Medienredaktion wieder in der Versenkung verschwinden.« Wie entlarvend: Die ARD-Oberen wollen die zweifelhaften Methoden der »Bild«-Zeitung nur dann anprangern, wenn sie selbst davon betroffen sind? Solange »Bild« sich nur an anderen Opfern abarbeitet, ist das kein großes Thema? Schlimm ist an »Bild« aus ARD-Sicht vor allem, dass sie die ARD angreift?

Der Fairness halber muss man sagen, dass es in der ARD durchaus Medienjournalismus gibt, der sich nicht als Unternehmenskommunikation mit anderen Mitteln versteht, bei »Zapp« und im Medienmagazin von Radio Eins, zum Beispiel.

Ist es legitim, auf eine Kampagne mit einer Gegenkampagne zu antworten? Insbesondere dann, wenn der Verdacht naheliegt, dass die »Bild«-Kampagne ihrerseits nicht journalistisch motiviert ist, sondern die aktuelle juristische und publizistische Großoffensive des Springer-Verlags begleiten und unterstützen soll?

Natürlich kann die ARD, wenn die Vorwürfe der »Bild« unberechtigt sind, ihr die Fehler um die Ohren hauen (und ich bin dabei, wenn ich kann, gerne behilflich). Und natürlich kann sie, falls die Vorwürfe der »Bild« berechtigt sein sollten, ihre Hörer und Zuschauer darauf hinweisen, wie einseitig die Berichterstattung seit Jahren ausfällt und was der Grund dafür ist. Das könnte aber — je nachdem, über was für Vorwürfe wir hier reden — schon nicht mehr ganz so überzeugend sein. Aber auf Kritik reflexartig mit Gegenkritik zu reagieren, ist eigentlich nicht zufällig eine Spezialität der »Bild«-Zeitung. (Als der »Spiegel« vor ein paar Monaten versucht hat, groß und kritisch über »Bild« zu schreiben, standen in »Bild« danach unvermittelt tagelang Abgesänge auf das Magazin. Vielleicht hat das die ARD-Intendanten positiv beeindruckt.)

Der gegenwärtige Aktionismus der ARD ist vor allem eines: sensationell ungeschickt. Man muss die geplante Gegenkampagne nicht einmal medienethisch würdigen, sondern kann sich allein auf die Frage beschränken, ob sie hilfreich ist. Spätestens seit ihrem Bekanntwerden heute lässt sich das klar verneinen.

 
— 14. Juli 2011, 19:10 — 87 Kommentare

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Grenzt ein bisschen an Nestbeschmutzung

Nach zwei Wörtern habe ich geahnt, dass mich der »Zeit-Magazin«-Artikel über den Umgang von »Bild« mit Prominenten enttäuschen würde.

Charlotte Roche

Ich verehre Charlotte Roche, und sie hat die »Bild«-Zeitung von ihrer verachtenswertesten Seite kennengelernt. Aber die Episode, wie ihr kurz nach einer Familientragödie von Leuten zugesetzt wurde, die sich als »Bild«-Mitarbeiter ausgaben, ist jetzt fast zehn Jahre her. Sie ist seitdem viele Male nacherzählt worden, unter anderem schon 2003 und 2005 im »Stern« und 2004 im »Tagesspiegel«.

Natürlich kann man sie gar nicht oft genug erzählen, weil sie womöglich nicht nur krass ist, sondern auch typisch für die Art, wie die »Bild«-Zeitung sich Menschen gefügig zu machen versucht. Aber wenn ein Artikel im Jahr 2011 über den Umgang der »Bild«-Zeitung mit Prominenten mit einer zehn Jahre alten, vielfach erzählten Geschichte beginnt, spricht das nicht dafür, dass die Autoren etwas Neues herausgefunden haben. Es spricht leider sogar für die »Bild«-Zeitung, weil so der Eindruck entsteht, dass es nichts Neues gibt, das die Autoren hätten herausfinden können.

Leider bestätigen die über 4000 Wörter des Artikels das Gefühl, das die ersten zwei geweckt haben. Sein Personal besteht fast vollständig aus den Leuten, die seit mehr als einem halben Jahrzehnt in ungefähr jedem kritischen Artikel über die »Bild«-Zeitung vorkommen. Neben Charlotte Roche sind das vor allem der unvermeidliche Medienanwalt Christian Schertz und die Künstleragentin Heike-Melba Fendel (»Barbarella Entertainment«).

Der »Zeit Magazin«-Artikel erwähnt natürlich auch die Geschichte von Sibel Kekilli. Der Versuch von »Bild«, sie zu vernichten, liegt nun auch schon sieben Jahre zurück. Aus dem »Zeit Magazin« erfahre ich immerhin, was ich nicht wusste, dass es der Regisseur Dieter Wedel war, der ihr anlässlich der Dreharbeiten zu seinem Film »Gier« geraten habe, wieder mit »Bild« zusammenzuarbeiten. (Ausgerechnet von dem Mann, der damals als Unterhaltungschef für die widerliche Berichterstattung verantwortlich war, durfte oder musste sie sich dann in den Himmel hochschreiben lassen.)

Wenn man es nicht schafft, neue Beispiele für den bedenklichen Umgang der »Bild«-Zeitung mit Prominenten zu recherchieren, muss man vielleicht aufhören, Artikel über den bedenklichen Umgang der »Bild«-Zeitung mit Prominenten zu schreiben. Ich habe mich aus dem Geschäft der täglichen »Bild«-Beobachtung ein bisschen zurückgezogen, aber ich würde behaupten, es gibt diese Fälle, auch heute noch. Der Umgang von »Bild« mit Judith Holofernes vor einigen Wochen war ein vergleichsweise harmloses, aber erhellendes Beispiel: Die Sängerin von »Wir sind Helden« weigert sich, für »Bild« zu werben, und »Bild« nutzt ihre Absage, um für sich zu werben. Die sich als Medienjournalisten tarnenden Schaulustigen waren natürlich begeistert über den Schlagabtausch, aber wie bezeichnend ist das für die Unverfrorenheit von Kai Diekmann und seinen Leuten? Er respektiert nicht einmal den Willen eines Menschen, nicht als Werbefigur für sein Ekelblatt aufzutreten, und schmückt sich noch mit dem Dokument der Ablehnung.

Ich weiß nicht, warum sich deutsche Medien so schwer tun, sich mit handelsüblichen journalistischen Mitteln dem Phänomen der »Bild«-Zeitung zu widmen und — wie im Fall des »Spiegels« vor einigen Wochen — in geradezu eigenrufschädigender Weise scheitern. Ich fürchte inzwischen, dass die meisten dieser Ausweise der Hilflosigkeit die »Bild«-Zeitung eher stärken als schwächen.

Die »Bild«-Geschichte ist Teil eines ganzen Themenheftes über Journalismus, und größere Teile davon sind nicht nur enttäuschend, sondern ärgerlich. Die Artikel wirken, als wollten sie beweisen, was im großen »Zeit«-Titelseiten-Teaser steht: »Im Kritisieren sind Medien gut — Selbstkritik fällt dagegen schwer.«

Unter der Überschrift »In eigener Sache« berichten vier »Zeit«-Journalisten »aus unserer Praxis«. Es sollen wohl Bekenntnisse der eigenen Unzulänglichkeiten sein, des Scheiterns am großen Anspruch, die »Wahrheit« zu berichten. Der Feuilleton-Redakteur Adam Soboczynski bekennt bei dieser Gelegenheit, dass er im Nachhinein Zweifel hat, ob sein Portrait über den Schriftsteller Gaston Salvatore wirklich perfekt war:

Das Porträt handelte also vom schwierigen Umgang der Deutschen mit einem Chilenen. Salvatore erzählte bei unserem Interview in Venedig, dass er bald einen Roman schreiben werde mit dem Titel »Der Lügner«. Er beabsichtige, den Roman auf Spanisch abzufassen, obgleich er lange Zeit beinahe ausschließlich auf Deutsch geschrieben hat. Mein Artikel Der Verdammte schloss also folgendermaßen: Salvatore habe jedenfalls die Absicht, bald einen Roman zu schreiben. Diesmal nicht auf Deutsch. Sondern auf Spanisch. Der Arbeitstitel laute: »Der Lügner«.

Das war keine Lüge. Und doch plagt mich eine leise innere Anklage. Am Ende des Artikels zu sagen, Salvatore schreibe nicht mehr auf Deutsch, legt nahe, dass er derart von den Deutschen enttäuscht sei, dass er darum auf Deutsch nicht mehr schreiben möchte. Das weiß ich, offen gesagt, gar nicht so genau. Ich weiß, dass es stimmt, dass er den Roman auf Spanisch und nicht auf Deutsch schreiben möchte. Aber vielleicht möchte er nur sozusagen zur Abwechslung mal auf Spanisch schreiben. Ich hatte das nicht erfragt. Ich gestehe.

Sind Sie noch wach?

Das ist es also, was »Zeit«-Redakteuren einfällt, wenn sie Selbstkritik üben sollen. Das wäre selbst uns Erbsenzählern zu piefig.

Sein Kollege Henning Sußebach berichtete, wie er eine Reportage über einen »Mann am Rande der Gesellschaft« geschrieben hatte, einen »sogenannten Verlierer«. Es muss, glaubt man Sußebachs Beschreibung von Sußebachs Artikel, ein großartiger Artikel gewesen sein, einfühlsam, engagiert, mit ausführlichen Zitaten des Betroffenen. Das Problem mit dem Artikel war, bösartig zusammengefasst, dass er zu gut war.

[…] ich schrieb Sätze, die L. zwar nicht freisprachen von Schuld an seinem Schicksal, aber auch der Gesellschaft Verantwortung zurechneten. Schon um die Leser bei der Ehre zu packen. Bis heute bin ich der Meinung, dass das richtig war. Und doch habe ich L. damit keinen Gefallen getan.

Es klingt schrecklich arrogant: Aber für einen Menschen, für den sich jahrelang niemand interessiert hat, dessen bisheriges Leben geradezu aus Nichtbeachtung bestand, kann ein einziger Zeitungsartikel zu groß sein, zu gewaltig. (…)

Ich traf mich immer wieder mit L. und merkte: Aus allen solidarischen Sätzen meines Artikels hatte er sich eine Hängematte geknüpft, in die er sich fallen ließ. Keine Arbeit? Keine Wohnung? Kein Kontakt zu den Eltern? Nie war er verantwortlich, immer waren es die anderen. So hatte er meinen Artikel verstanden. (So verstand ich jetzt jedenfalls ihn.)

Als Sußebach seinem Berichtgegenstand L. später sagte, dass er selbst für sich verantwortlich sei, habe L. sich verraten gefühlt.

Da war er wieder, der Vorwurf: Erst heuchelt der Journalist Verständnis, und dann zeigt er sein wahres, zynisches Wesen. In diesem Fall stimmte das nicht. Genau das macht die Sache so tragisch.

Das ist das Tragische an der Geschichte? Dass ein armer »Zeit«-Journalist, der kein Zyniker ist, für einen Zyniker gehalten wird? So verdienstvoll es ist, wenn Journalisten sich Gedanken machen über die Folgen ihrer Arbeit: Das ist keine Selbstkritik, das ist Selbstmitleid.

Es durchzieht viele der kleinen Texte, auch die, in denen »Zeit«-Journalisten sich mit Leser-Kritik beschäftigen. Ressortleiter Jens Jessen erklärt in einer »kleinen Rede an die Verächter des Feuilletons« (kein Dialog, wohlgemerkt, sondern eine »Rede an«), dass der Feuilletonist gar nicht anders sein kann als einen elitären Geschmack zu haben:

Die Kultur ist sein Gegenstand; und mit der Dauer der Beschäftigung wachsen die Ansprüche. Auch wer mit Edgar-Wallace-Krimis im deutschen Fernsehen begann, findet irgendwann Hitchcock besser.

Dieses Schicksal einer unwillkürlichen Erziehung des Geschmacks teilt der Feuilletonist aber mit seinem Publikum. Niemand, dessen Leidenschaft sich an der Literatur entzündet, bleibt bei Harry Potter stehen.

Wer »selten liest, ungern Musik hört und vom Kino nur den Schuh des Manitu erwartet«, dürfe aber »gerne umblättern«, gestattet Jessen großmütig.

Das ist eine Kunst: beim Reflektieren und Nachdenken so uneinsichtig und arrogant zu wirken. Und womöglich ist das alles sogar gut gemeint. Aber wenn diese »Zeit«-Redakteure über die Unzulänglichkeiten ihrer Arbeit und der Arbeit von Journalisten überhaupt reden, wirken sie wie ein Portraitmaler in der Fußgängerzone, der irgendwann zugibt, dass man, wenn ganz genau hinschaut, vielleicht doch kleinste Unterschiede zwischen seinen Strichzeichnungen und Fotos erkennen könnte.

Immerhin: Heike Faller hat für das Special in einem lesenswerten Artikel nachvollzogen, warum praktisch keine Zeitung vor der drohenden Finanzkrise warnte und, wichtiger noch: Warum die Mechanismen des Journalismus so sind, dass es auch beim nächsten Mal wieder so käme.

Aber das ist dann alles, was der »Zeit« einfällt zum Thema »Was Journalisten anrichten«? Chefredakteur Giovanni di Lorenzo warnt im Video die »Zeit«-Leser, die vielleicht nicht wissen, dass außerhalb ihrer Wochenzeitung Medienjournalismus eine zwar ständig bedrohte, aber durchaus etablierte Disziplin des Journalismus ist, sogar davor, dass das, was man da gewagt habe, »ein bisschen an Nestbeschmutzung« grenze.

Nein, das eigene »Zeit«-Nest hat man schön sauber gehalten. Die Redakteure haben sich nicht einmal den Hinweis verkniffen, dass in dem Roman »Ein makelloser Abstieg«, in dem Matthias Frings das Funktionieren der Boulevardpresse beschreibt, die »Zeit« das Vorbild »für die seriöse Zeitung« darstelle.

Als ein »recht selbstzufriedenes Blatt« hat Oliver Gehrs das »Zeit Magazin« im vergangenen Jahr — vergleichsweise milde — bezeichnet. Die übliche Gediegenheit der »Zeit« wird beim Versuch, selbstkritisch zu sein, zu abstoßender Selbstgerechtigkeit. Vermutlich ist den Redakteuren wirklich beim besten Willen nichts eingefallen, was sie sich ernsthaft vorwerfen könnten.

Ich helfe fürs nächste »Journalismus-Special« gerne mit zwei Thementipps aus. Vielleicht könnte die »Zeit« ihren Lesern einmal die bizarre und höchst unjournalistische Rolle von Sabine Rückert erklären, die für die Zeitung über den Kachelmann-Prozess berichtet und dabei in einem Maße mit der Verteidigung verbandelt ist, die mindestens nach einer Offenlegung schreit, wenn sie sie nicht als Autorin in dieser Sache disqualifiziert.

Oder sie könnte die Gelegenheit nutzen, der interessierten Öffentlichkeit zu erklären, was es mit folgender Passage in einer Titelgeschichte nach dem Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg auf sich hatte:

In der CSU-Vorstandssitzung am Montagvormittag in München muss sich Guttenberg Sticheleien und zweideutige Sätze seiner Parteifreunde gefallen lassen. Vereinzelt verbreiten Journalisten bereits das Gerücht, es gebe einen Zusammenhang zwischen einer Textstelle in der Doktorarbeit und seiner sexuellen Neigung.

Das wäre doch mal ein Thema für das nächste Selbstkritik-Special der »Zeit«: Wie man als seriöse Wochenzeitung anderer Journalisten Gerüchte verbreitet, und zwar gerade vage genug, dass es richtig interessant klingt.

Aber mit etwas Pech fällt Adam Soboczynski bis dahin ein, dass man in einem seiner Portraits ein Komma falsch auslegen könnte, und das geht natürlich vor.

 
— 15. April 2011, 15:02 — 79 Kommentare

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Kurz verlinkt (48)

(…) Ich bin der Sohn eines Griechen, der während der Militärdiktatur nach Deutschland emigriert ist, und nach dem Ende der Junta in den griechischen Staatsdienst gegangen ist, weil er gelernt hat, dass Demokratie etwas ist, das man sich jeden Tag erarbeiten muss. Und ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Menschen getroffen, der auch nur annähernd so viel arbeitet wie mein Vater. Heute liest er offene Briefe in der Bild-Zeitung, im Stern und wo nicht noch alles, in denen Journalisten Deutschland zur reichen Tante fantasieren, die jetzt aber streng mit ihrem frechen Neffen sein muss, weil der so unverantwortlich mit ihrem Geld herumwirft. Ich bin selbst Journalist und ich schäme mich, wenn ich daran denke, dass mein Vater das liest. (…)

Ich kann die Verachtung nicht in Worte fassen, die ich für die Kollegen mit ihren offenen Briefen empfinde, die sich ohne jede Recherche einen demütigenden Witz nach dem anderen aus den Fingern gesaugt haben, die sehenden Auges Vorurteile bis hin zum rassistischen Hass geschürt haben und die dabei nichts erreicht haben als den Zockern in den entsprechenden Investmentbanken noch ein bisschen in die Hände zu spielen. (…)

Bitte lesen Sie diesen Text von Michalis Pantelouris.

 
— 7. März 2010, 21:42 — 65 Kommentare

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»Bild« und Althaus gescheitert

Das war für mich die beste Nachricht am vergangenen Sonntag: dass die Wähler in Thüringer sich massenhaft von Dieter Althaus abwandten. Ich habe selten etwas so Schäbiges erlebt wie den Versuch dieses CDU-Ministerpräsidenten, den von ihm verursachten Ski-Unfall, bei dem eine Frau ums Leben kam, für sich zu instrumentalisieren.

Nun ist er endlich zurückgetreten und kann sich ganz dem Beten, dem Nordic Walking und dem »Erfahren von Vergebung« widmen.

Ich muss zugeben, dass mich diese Niederlage auch aus einem anderen Grund freut: Es ist eine weitere Niederlage für »Bild«. Die »Bild«-Zeitung war der Medienpartner von Althaus bei seinem schamlosen Comeback-Wahlkampf. Sie bekam exklusive Fotos und revanchierte sich dafür mit Unwahrheiten in seinem Sinne und mit Wahlwerbetexten. Sie erklärte ihn für gesund, für nicht vorbestraft, für treu und verleugnete sogar ihre eigene Berichterstattung, um sich ganz in den Dienst Althaus‹ zu stellen.

Das entspricht ganz dem Prinzip, nach dem die »Bild«-Zeitung unter Kai Diekmann funktioniert: Wer ihr hilft, dem hilft sie. Wer exklusiv mit »Bild« zusammenarbeitet, wird dafür mit freundlicher Berichterstattung belohnt. Es ist ein Prinzip, das mehr auf Freundschaften und gegenseitigen Abhängigkeiten beruht als auf Überzeugungen, aber am besten funktioniert es natürlich immer noch mit Menschen, die auch politisch dem Blatt und seinem erzkonservativen Chefredakteur nahe stehen.

Es muss so verlockend sein für jeden Politiker, die Zeitung mit ihren immer noch über elf Millionen Lesern auf seiner Seite zu wissen. Die politische Macht der »Bild«-Zeitung beruht nicht zuletzt darauf, von Politikern für mächtig gehalten zu werden. Dabei ist der tatsächliche Einfluss des Blattes auf seine Leser offenkundig deutlich geringer.

Roland Koch musste das im vergangenen Jahr ähnlich schmerzhaft erfahren wie jetzt Dieter Althaus: Die »Bild«-Zeitung hatte sich begeistert zum Wahlhelfer gemacht und seinen Versuch, auf dem Rücken von Ausländern wiedergewählt zu werden, mit einer großen schlimmen Kampagne gegen »kriminelle Ausländer« unterstützt. Geholfen hat es Koch offenkundig nicht: Seine CDU stürzte um 12 Prozentpunkte ab, genau wie jetzt die CDU in Thüringen.

Auch Edmund Stoiber konnte die Bundestagswahl 2002 trotz einseitiger Parteinahme der »Bild«-Zeitung nicht gewinnen.

Nun kann es natürlich sein, dass all diese CDU-Wahlkämpfer ohne die Unterstützung durch »Bild« noch deutlicher gescheitert wären. Aber wenn die »Bild«-Propaganda überhaupt einen positiven Effekt hatten, kann er so groß nicht sein.

Die Liste der in jüngster Zeit von »Bild« verlorenen Wahlen ist ansehnlich: In Berlin scheiterte sowohl das von »Bild« massiv unterstützte Volksbegehren »Pro Reli« als auch der von »Bild« massiv unterstützte Volksentscheid für den Erhalt des Flughafens Tempelhof. Auf Bezirksebene scheiterte ein von »Bild« unterstützter Versuch, die Umbenennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße zu verhindern. Dagegen war ein Bürgerentscheid »Spreeufer für alle!«, der von »Bild« abgelehnt wurde, erfolgreich.

Nun ist es natürlich keine Schande, als Zeitung eine Minderheitenmeinung zu vertreten und zu unterstützen. Als Boulevardzeitung mit einer Mission und riesiger Reichweite würde ich mir aber schon Gedanken darüber machen, warum es mir nicht gelingt, die Leute zu überzeugen und zu mobilisieren. Womöglich sind die Leser gar nicht dumm genug, auf eine Agitation hereinzufallen, die so plump, einseitig, schrill und verlogen ist wie zum Beispiel die »Bild«-Kampagne für »Pro Reli«. Womöglich würde sie eine ernsthafte, faire Auseinandersetzung sogar eher überzeugen. Das ist allerdings eine Disziplin, die die »Bild«-Leute nicht beherrschen. Wenn sie ihre Leser von einer Sache überzeugen wollen, fangen sie an zu lügen, zu verdrehen und zu brüllen.

(Unter diesem Gesichtspunkt müsste man auch fragen, wie hilfreich es ist, dass »Bild« auch ausgerechent mit den »Bild«-Methoden des Weglassens, Verdrehens und Schreiens versucht, der Springer-Doktrin gerecht zu werden, den Staat Israel zu unterstützen.)

Vermutlich liegt es aber nicht nur an den Methoden, sondern auch daran, wofür »Bild« kämpft. Die nicht unbedingt sympathischste, aber naheliegendste Richtschnur für die Position einer Boulevardzeitung wäre schlichter Populismus. Eine solche Boulevardzeitung hätte ihr Ohr ganz dicht am Volk und in Thüringen vielleicht sogar frühzeitig gemerkt, dass es dort wenig Lust auf eine weitere Althaus-Regierung gibt, und nicht unbedingt auf den absehbaren Verlierer gesetzt. Doch die Positionen von »Bild« sind häufig von den politischen Überzeugungen ihrer Macher geprägt — oder eben dem schlichten Freund-Feind-Prinzip, das Kai Diekmann perfektioniert hat.

Wer aber eine Zeitung nach den Interessen solcher Seilschaften ausrichtet, darf sich nicht wundern, wenn sich das Publikum abwendet. Seit Kai Diekmann Chefredakteur ist, hat die »Bild«-Zeitung weit über eine Million oder ein Viertel ihrer Käufer verloren. Sicher nicht nur aus den beschriebenen Gründen, aber womöglich auch.

Eigentlich sind es ethische Gründe, die dagegen sprechen, sich als Politiker mit der »Bild«-Zeitung einzulassen. Angesichts des Schicksals von Dieter Althaus und den anderen spricht inzwischen auch die schlichte Empirie dagegen.

 
— 3. September 2009, 14:02 — 105 Kommentare

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