»Bild«-Schlagzeilenwoche

Das ist ja ne schöne Idee. Ich bin gespannt.

Tom Junkersdorf packt aus

Tom Jun­kers­dorf, seit einem Jahr mit eini­gem Erfolg Chef­re­dak­teur der »Bravo«, war vor­her bei »Bild«. Zu sei­ner Amts­zeit als Unter­hal­tungs­chef nahm sich »Bild« Sibel Kekilli in einer Weise vor, die das Ber­li­ner Land­ge­richt als höh­ni­sche Her­ab­set­zung und Ein­griff in die Men­schen­würde bezeich­nete.

Jun­kers­dorf sagt von sich, er habe mit »Bravo« Tokio Hotel »gemacht«. Dem »Kress-Report« sagte er:

»Ich habe von Kai Diek­mann bei ›Bild‹ eini­ges gelernt, was mir jetzt bei ›Bravo‹ nützt: The­men set­zen, an The­men glau­ben und sie mit Gewalt durchziehen.«

Ein span­nen­der Gesprächs­part­ner also. Und das ein­stün­dige Tele­fo­nat, das Planet-Interview.de mit Jun­kers­dorf führte, muss ein rich­tig inter­es­san­tes Gespräch gewe­sen sein. So inter­es­sant, dass der Ver­lag zwei Drit­tel der Ant­wor­ten Jun­kers­dorfs nicht zur Ver­öf­fent­li­chung freigab.

Zum Glück haben die Leute von Planet-Interview.de (ähn­lich wie die »Zeit« vor ein paar Wochen bei einem Inter­view mit Oli­ver Kahn) die wun­der­bare Idee gehabt, das Inter­view auch ohne die Ant­wor­ten Jun­kers­dorfs zu ver­öf­fent­li­chen. Das liest sich ganz wunderbar:

Was hören Sie eigent­lich sel­ber für Musik?
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen —

Und so:

Haben Sie sich schon mal einen Klin­gel­ton run­ter­ge­la­den?
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen —

Und (offen­sicht­lich im Zusam­men­hang mit dem Fall Sibel Kekilli) auch so:

Die Fol­gen, die diese Kam­pa­gne für die Schau­spie­le­rin hatte, sind Ihnen wohl bekannt.
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

Viel­leicht wäre sie auf ande­rem Wege nicht zu die­ser tol­len Rolle gekom­men.
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

Sol­len wir denn eigent­lich alles wis­sen über die Vor­ge­schich­ten von Schau­spie­lern? Ist das Ihr Stre­ben, alles im Pri­vat­le­ben auf­zu­de­cken?
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

Also, ein Gol­de­ner Bär ist ja schon noch etwas ande­res als das Amt der Bun­des­kanz­le­rin.
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

Sie haben dann auch Bil­der aus Ihren Por­no­fil­men abge­druckt.
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

Emp­fan­den Sie das als wür­de­voll?
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

Man hätte ganz nor­male Por­traits ver­wen­den kön­nen. Doch so, wie die Bild ver­fah­ren ist, hat es Frau Kekilli enorm gescha­det, auch psy­chisch glaube ich.
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

Sie emp­fin­den kei­ner­lei Reue?
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

(…) Wenn ich Sie rich­tig ver­stehe: Sie füh­ren sämt­li­che Unwahr­hei­ten in der Bild auf den gro­ßen Redaktions-Apparat zurück, in dem viele Sachen schief lau­fen, weil so viele Redak­teure zusam­men­ar­bei­ten? Die zahl­rei­chen Kla­gen von Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens und die Gegen­dar­stel­lun­gen, wel­che Bild regel­mä­ßig abdru­cken muss: alles nur ein Resul­tat von schlech­ter Orga­ni­sa­tion?
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

Und warum hat dann der Deut­sche Pres­se­rat die Bericht­er­stat­tung der Bild über Frau Kekilli gerügt und eine Ver­let­zung der Men­schen­würde bean­stan­det?
Jun­kers­dorf: — Ant­wort wurde gestrichen –

Das ganze Inter­view steht hier.

 

(Mein bit­tere, ver­nich­tende Pointe wurde von mir gestrichen.)

»Ehrwürdige Institutionen müssen sich unterstützen«

Des­halb unter­stützt »Bild« den Papst. Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann über den erstaun­li­chen neuen Katho­li­zis­mus einer Boulevardzeitung.

Im Novem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res reist eine Dele­ga­tion der »Bild«-Zeitung nach Rom. Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann über­reicht Papst Johan­nes Paul II. im Rah­men einer Pri­vat­au­di­enz eine Bibel — ein Exem­plar der soge­nann­ten »Volks­bi­bel«, die das Blatt zusam­men mit dem Weltbild-Verlag eine Vier­tel­mil­lion Mal ver­kau­fen wird. Diek­mann ver­spricht dem Ober­haupt der katho­li­schen Kir­che: »Mit über zwölf Mil­lio­nen Lesern täg­lich ist uns auch die Ver­brei­tung der christ­li­chen Glau­bens­bot­schaft ein erns­tes Anliegen.«

Unge­fähr seit die­sem Tag ver­sucht »Bild«, sich als papst­treu­este Zei­tung der Welt zu posi­tio­nie­ren. Sie fei­ert Worte und Werke Johan­nes Pauls II., sie hängt an sei­nen Lip­pen, sie berich­tet in gro­ßer Detail­treue (wenn auch nicht immer zutref­fend) über jede neue Wen­dung in sei­ner Kran­ken­ge­schichte. Als andere davon aus­ge­hen, daß der Papst vor­über­ge­hend nicht spre­chen kann, befürch­tet sie, er sei für immer stumm. Als er dann doch wie­der ein paar Worte sagen kann, nennt sie es ein Wun­der. Wer die Poli­tik des Vati­kans kri­ti­siert, zum Bei­spiel das strikte Ver­bot, im Kampf gegen Aids auch Kon­dome benut­zen zu dür­fen, wird von »Bild« als durch­ge­knallt dar­ge­stellt und in der Rubrik »Ver­lie­rer des Tages« oder der Kolumne von Franz Josef Wag­ner abgewatscht.

Die »Bild«-Zeitung hat einen Mit­ar­bei­ter in Rom, der eine Bio­gra­phie über den Papst ver­faßt hat und den sie ihren »Vatikan-Korrespondenten« nennt. Wenn er schreibt, zeigt sie häu­fig ein Bild von ihm, in dem er vor dem Papst kniet. Als der Papst stirbt, tritt die­ser Vatikan-Korrespondent in ver­schie­de­nen Fern­seh­sen­dun­gen auf und weint mehr­fach. Auch noch Tage nach dem Tod des Paps­tes über­man­nen ihn seine Gefühle. Seine Zei­tung führt unter­des­sen die »Wun­der« auf, die Papst Johan­nes Paul II. angeb­lich bewirkt habe, und for­dert quasi seine sofor­tige Heiligsprechung.

Als Kar­di­nal Ratz­in­ger gewählt wird, titelt »Bild«: »Wir sind Papst«. Die Zei­tung berich­tet, daß Ratz­in­gers Eltern Joseph und Maria »waren«. Sie kri­ti­siert, daß der neue Papst »in kei­nem Land der Welt so uner­bitt­lich kri­ti­siert« werde wie in Deutsch­land und daß bri­ti­sche Zei­tun­gen übel gegen ihn »hetz­ten«, die seine Jugend im Drit­ten Reich unan­ge­mes­sen groß in den Mit­tel­punkt rücken. Daß diese Blät­ter über die Mit­glied­schaft Ratz­in­gers in der Hitler-Jugend berich­ten, nennt »Bild« einer­seits eine »Belei­di­gung«, betont aber ande­rer­seits, nie­mand müsse sich dafür »schä­men«, Hitler-Junge gewe­sen zu sein. In ihrem Eifer ver­leug­net »Bild« sogar die Exis­tenz eines KZ in der Nähe von Ratz­in­gers Hei­mat Traunstein.

Der strenge Katho­li­zis­mus wirkt sich auch auf die Bericht­er­stat­tung jen­seits des Vati­kans aus. Mas­siv kämpft »Bild« gegen den Beschluß der Ber­li­ner SPD, kon­fes­si­ons­un­ge­bun­de­nen Wer­te­un­ter­richt an den Schu­len ein­zu­füh­ren, und ver­öf­fent­licht »Zehn ›Bild‹-Gebote für alle Poli­ti­ker«, in denen es unter ande­rem heißt: »Du sollst dei­nen Amts­eid auf Gott schwö­ren« und: »Du sollst das Gott­ver­trauen, das Kin­der haben, nicht aus ihren See­len ver­trei­ben.« Sie kom­men­tiert eine Demons­tra­tion von deut­schen Mos­lems gegen Gewalt mit den Wor­ten: »Schön, daß das auch andere, die in unse­rer frei­heit­li­chen Gesell­schaft mit uns leben, genau so sehen.« Sie illus­triert Über­le­gun­gen, einen isla­mi­schen Fei­er­tag in Deutsch­land ein­zu­füh­ren, mit einer Foto­mon­tage, in der Tau­sende Mos­lems vor dem Reichs­tag beten.

Nicht ver­än­dert hat sich die Posi­tion von »Bild« in ande­ren Fra­gen. Geg­ner der »Bild«-Zeitung wer­den wei­ter mit hei­li­gem Zorn und nicht sel­ten fal­schen Anschul­di­gun­gen ver­folgt, Unschul­dige zu Tätern gemacht und Schwa­che zu Witz­fi­gu­ren, und weder die sex­süch­ti­gen halb­nack­ten Frauen von Seite eins noch die Pro­sti­tu­ier­ten­an­zei­gen hin­ten im Blatt traf bis­her ein Bannstrahl.

Über die neue Reli­gio­si­tät von »Bild« woll­ten wir mit Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann reden. Ein per­sön­li­ches oder tele­fo­ni­sches Inter­view lehnte er »aus Zeit­grün­den« ab. Mög­lich war nur, ihm Fra­gen zu schi­cken, die er schrift­lich beant­wor­tete. Nach­fra­gen konn­ten nicht gestellt werden.

Die »Süd­deut­sche« nannte »Bild« am Frei­tag einen »Osser­va­tore Tede­sco«. Füh­len Sie sich wohl oder unwohl mit die­ser Beschreibung?

Das ist ein Kom­pli­ment: Der »Osser­va­tore Romano«, die Zei­tung des Vati­kans, hat in sei­ner Hei­mat eine Reich­weite von ein­hun­dert Pro­zent. So weit sind wir lei­der noch nicht.

»Wir sind Papst«, hat »Bild« am Mitt­woch geti­telt. Wer sind »wir«? Wir Deut­schen? Wir deut­schen Katho­li­ken? Die »Bild«-Redaktion?

Wir alle. Und ich bin mir ganz sicher: Sie von der »Sonn­tags­zei­tung« doch hof­fent­lich auch?

Wem ist diese Schlag­zeile eingefallen?

Mei­nem Kol­le­gen Georg Strei­ter. Er ist Poli­tik­chef bei »Bild«.

Die »Bild«-Zeitung hat sich in den ver­gan­ge­nen Mona­ten als beson­ders papst­treue Zei­tung posi­tio­niert. Warum?

Weil ehr­wür­dige Insti­tu­tio­nen sich unter­stüt­zen müssen.

Wel­che Bedeu­tung hatte die Audi­enz der »Bild«-Führungsriege beim Papst für Sie?

Eine große Ehre, eine sehr bewe­gende Begegnung.

Glau­ben Sie an Gott? Sind Sie katholisch?

Ja.

In den Grund­sät­zen und Leit­li­nien von Axel Sprin­ger fehlt ein Bezug auf das Chris­ten­tum. Glau­ben Sie, daß eine Ergän­zung sinn­voll wäre? Oder ver­steht es sich ohne­hin von selbst, daß die Medien der Axel Sprin­ger AG sich den abendländisch-christlichen Wer­ten ver­pflich­tet fühlen?

Anima natu­ra­li­ter Christiana*.

Die »Bild«-Zeitung berich­tet seit eini­gen Mona­ten viel stär­ker als frü­her über kirch­li­che The­men, betrach­tet auch gesell­schaft­li­che Fra­gen häu­fi­ger aus reli­giö­ser, ins­be­son­dere katho­li­scher Sicht. Neh­men Sie damit eine Stim­mung in der Bevöl­ke­rung auf? Oder ver­su­chen Sie umge­kehrt, die Bevöl­ke­rung zu beein­flus­sen, quasi zu missionieren?

Jeden Mon­tag heißt unsere Mis­sion »Bun­des­liga«, im Som­mer sind wir auf der Mis­sion »Bikini«, und 365 Tage im Jahr mis­sio­nie­ren wir für bes­se­res Wet­ter. Im Ernst: Wir mis­sio­nie­ren nicht, wir berich­ten, was ist.

Ist der »Bild«-Leser katholisch?

Die »Bild«-Leser sind Katho­li­ken, Pro­tes­tan­ten, Mos­lems, Juden, Athe­is­ten und so wei­ter. Frei nach dem Neuen Tes­ta­ment: In mei­nes Vaters Haus sind viele Wohnungen.

Sie haben sich im ver­gan­ge­nen Jahr aus­drück­lich zu Kam­pa­gnen als legi­ti­mem und posi­ti­vem Mit­tel einer Bou­le­vard­zei­tung bekannt. Ist der Katho­li­zis­mus nur die aktu­elle Kam­pa­gne der »Bild«-Zeitung, die in weni­gen Mona­ten durch eine andere abge­löst wird?

Große Ereig­nisse ver­die­nen große Schlag­zei­len, wie nach der erfolg­rei­chen Lan­dung von Apollo 11: »Der Mond ist jetzt ein Ami«.

Im ers­ten Quar­tal 2005, das schon von vie­len Berich­ten über Johan­nes Paul II. geprägt war, ist die Auf­lage der »Bild«-Zeitung wei­ter gefal­len. Läßt sich mit dem Papst und The­men der katho­li­schen Kir­che womög­lich gar keine Auf­lage machen? Wür­den Sie das in Kauf neh­men als Preis dafür, eine im Sinne der katho­li­schen Kir­che und ihrer Werte bes­sere Zei­tung zu machen?

Ich kann Ihre Frage nur mit einem ein­deu­ti­gen »je nach­dem« beantworten.

Ihr Kolum­nist Franz Josef Wag­ner hat in sei­ner Kolumne in die­ser Woche gemut­maßt, Gott habe den Deut­schen »die­sen Papst geschenkt, damit wir end­lich auf­hö­ren, an fal­sche Göt­ter zu glau­ben«. Glau­ben Sie das auch?

Jeder Kolum­nist soll nach sei­ner Fas­son selig werden.

Für die Kir­che, nicht nur die katho­li­sche, ist Keusch­heit eine Tugend. Für die »Bild«-Zeitung offen­sicht­lich nicht. Müßte eine Zei­tung, die nicht nur in ihrer Bericht­er­stat­tung über den Papst, son­dern auch in der Bewer­tung aktu­el­ler poli­ti­scher Streit­fra­gen die Prin­zi­pien der Kir­che und des christ­li­chen Glau­bens als Maß­stab anlegt, auf­hö­ren, jede ver­se­hent­lich her­aus­ge­rutschte weib­li­che Brust­warze über­le­bens­groß abzu­bil­den und zu feiern?

Ich glaube, wir müs­sen uns mal zusam­men in der Six­ti­ni­schen Kapelle Miche­lan­ge­los Decken­fresko anschauen. Nackt kommst du auf Erden, nackt wirst du von ihr gehen.

Wie christ­lich kann eine Bou­le­vard­zei­tung über­haupt sein? Sehen Sie nicht die Gefahr, je mehr Sie sich als papst­treu­este Zei­tung posi­tio­nie­ren, desto pha­ri­sä­er­haf­ter zu erscheinen?

Wir alle sind Sün­der, aus­ge­nom­men natür­lich die Kol­le­gen von der Sonn­tags­presse: Wer am Tag des Herrn das Wort ver­kün­det, tut dies natür­lich mit rei­ner Seele.

Glau­ben Sie, daß sich Kri­tik am (neuen) Papst per se verbietet?

Ach, Bru­der Niggemeier …

Miß­braucht »Bild« das Pathos der katho­li­schen Kir­che und letzt­lich den Glau­ben nicht, um in einer Zeit, in der alles belie­big erscheint, sich mit schein­ba­rer Bedeu­tung aufzuladen?

Jetzt wer­den Sie mir etwas zu protestantisch.

Wel­ches ist Ihr Lieblings-Gebot?

Bei die­ser Frage möchte ich das Beicht­ge­heim­nis in Anspruch nehmen.

Wel­ches christ­li­che Gebot ist für eine Bou­le­vard­zei­tung am schwie­rigs­ten in der Pra­xis zu beherzigen?

Du sollst nicht steh­len. Eine alte Jour­na­lis­ten­weis­heit besagt näm­lich: Bes­ser gut geklaut, als schlecht erfunden …

Wel­che christ­li­chen Werte sind Ihrer Mei­nung nach heute beson­ders wichtig?

Glaube, Liebe, Hoffnung.

Was ant­wor­ten Sie gläu­bi­gen Chris­ten, die sich daran sto­ßen, daß »Bild« Anzei­gen von Pro­sti­tu­ier­ten veröffentlicht?

»Bild«-Volksbibel, Seite 1046. Für alle ande­ren: Johannes-Evangelium, Kapi­tel 8, Vers 7.**

*) »Die Seele ist natür­li­cher­weise christ­lich«, mit ande­ren Wor­ten: das Chris­ten­tum ist genau das, was der Mensch im Inners­ten sucht. Wort des Kir­chen­füh­rers Ter­tul­lian, 197 nach Christus.

**) »Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ers­ten Stein.«

Mißbrauch

»Bild« rückt Oli­ver Pocher in die Nähe von Kinderschändern.

Am 8. Okto­ber war der Fern­seh­ko­mi­ker Oli­ver Pocher zu Gast in der Talk­show von Johan­nes B. Ker­ner. Man plau­derte über dies und das, und nach gut zehn Minu­ten erkun­digte sich Ker­ner, ob es auch ein Thema gebe, bei dem der Witz­bold ernst wäre. Ja, sagte Pocher, beim Thema Kin­des­miß­brauch sei er »extrem sen­si­bi­li­siert«. Der Sechs­und­zwan­zig­jäh­rige berich­tete dann von einem Fall, der sich in sei­ner Jugend in sei­nem Hei­mat­ort zuge­tra­gen habe. Was kon­kret pas­sierte, ließ er offen, er habe es auch erst »viel spä­ter mit­be­kom­men«. Man habe ver­sucht, dem Mäd­chen zu hel­fen. Aber der Fall sei kom­pli­ziert, weil die Betrof­fene offen­sicht­lich nicht bereit war, eine Aus­sage zu machen. »Man kann nicht ein­fach nur hin­ge­hen und sagen: Der macht das. Es ist schwie­ri­ger, das vor Gericht auch durch­zu­brin­gen«, sagte er. Wütend mache ihn, daß der Ver­däch­tige immer noch frei her­um­laufe. Pocher sagte, auch auf­grund die­ser Erfah­rung enga­giere er sich für ein Kin­der­haus in Nepal, das ein Freund gegrün­det habe.

Ges­tern griff die »Bild«-Zeitung den Fall bun­des­weit auf. Sie zeigte auf ihrer ers­ten Seite ein Foto von Pocher mit der Schlag­zeile: »Oli­ver Pocher — TV-Star schützt Kinder-Schänder«. Sie sprach von einem »Skan­dal«: »Der Komi­ker gab zu, von einem Kin­des­miß­brauch zu wis­sen. Den Täter zeigte er aber nicht an!« Sein Zitat, daß man nicht ein­fach jeman­den beschul­di­gen und damit vor Gericht Erfolg haben könne, wird von »Bild« mit den Wor­ten kom­men­tiert: »Was denkt sich der TV-Star bloß bei sol­chen Aus­sa­gen — in Zei­ten, wo fast täg­lich Kin­der in Deutsch­land geschän­det wer­den?« Pocher müsse jetzt »zum Polizeiverhör«.

»Bild« erwähnte nicht, daß es um kei­nen aktu­el­len Fall geht: Nach Anga­ben Pochers hat er als Vier­zehn­jäh­ri­ger davon erfah­ren; der Miß­brauch liege noch wei­ter zurück. Der Arti­kel erweckt den Ein­druck, Pocher decke einen Kin­der­schän­der und ver­harm­lose das Thema, obwohl Pochers Auf­tritt kei­nen Zwei­fel daran ließ, daß seine Absicht das Gegen­teil war.

Pochers Mana­ge­rin Nina Brkan sagte, man werde mit allen juris­ti­schen Mit­teln gegen die »bös­wil­lige Ver­leum­dung« vor­ge­hen. Weder Pocher noch sie seien vor der Ver­öf­fent­li­chung von der Zei­tung ange­spro­chen wor­den. Dafür habe sich ges­tern eine »Bild«-Redakteurin tele­fo­nisch bei ihr gemel­det und unver­ho­len damit gedroht, wei­tere belas­tende Infos zu ver­öf­fent­li­chen, die sie recher­chiert habe, wenn Pocher nicht bereit sei, mit »Bild« zu reden. Tat­säch­lich sei Pocher von der Poli­zei als Zeuge vor­ge­la­den wor­den, sagte Brkan. Auch das Opfer des Miß­brauchs­falls, über den Pocher berich­tete, habe sich nun dazu durch­ge­run­gen, gegen­über einem Notar Anga­ben zu machen, um der Dar­stel­lung der Zei­tung zu wider­spre­chen. Warum »Bild« in die­ser Form gegen Pocher vor­geht, wisse sie nicht, sagte Brkan. Es gebe »keine Vor­ge­schichte« — außer daß der Komi­ker grund­sätz­lich keine Bou­le­vard­ge­schich­ten mache.

»Bild«-Sprecher Tobias Fröh­lich sagte, die Zei­tung habe die Fak­ten kor­rekt wie­der­ge­ge­ben. Daß Pocher nichts gegen den ver­meint­li­chen Täter unter­nom­men habe, sei ein Skan­dal, daß er dann noch bei Ker­ner dar­über rede, ein wei­te­rer. »Das ist doch nicht okay, da müs­sen wir doch drü­ber schreiben!«

Wie »Bild« Corinna May vor Männern schützt

Sex, Macht, Poli­tik — und Est­land als Test­land: Was uns der Grand Prix in der kom­men­den Woche besche­ren wird.

· · ·

Sie hätte es längst getan haben kön­nen, zum ers­ten Mal seit drei Jah­ren. Sie hätte längst einen gefun­den haben kön­nen, viel­leicht einen est­ni­schen Recken, wie ihre Sän­ge­rin­nen sich wün­schen, viel­leicht einen sech­zig­jäh­ri­gen tür­ki­schen Tän­zer, wie ihn die »Bild«-Zeitung gefun­den hat, jeden­falls jeman­den, der sich »gut anfühlt«, wie sie sel­ber sagt.

Und wir könn­ten längst wei­ter sein in dem Lie­bes­drama um Corinna May, viel­leicht schon in der Phase, wo sie erzählt, wie zärt­lich er im Bett war, oder in der, wo er erzählt, wie sie beim Sex leise singt, oder auch nur in der, wo »Bild« beschreibt, wie lie­be­voll er ihr über die vie­len Klip­pen hilft, die in dem wun­der­schö­nen alten, aber hoff­nungs­los ver­win­kel­ten Hotel Schlößle in Tal­linn zwi­schen dem Ein­gang und ihrem Zim­mer im Erd­ge­schoß lie­gen. Denn eigent­lich wollte die »Bild«-Zeitung die große Corinna-May-sucht-einen-Mann-Serie schon im März brin­gen, aber dann kam Uschi Glas dazwischen.

Seit die schöns­ten Geschich­ten nicht mehr das Leben, son­dern Mark Pit­tel­kau in der »Bild«-Zeitung schreibt, muß man mit sol­chen Unbil­len rech­nen. Wenigs­tens besteht bei Corinna May nicht die Gefahr, daß sie, wie Michelle im ver­gan­ge­nen Jahr, im Bei­sein von Jour­na­lis­ten »ihr« Grand-Prix-Tagebuch in »Bild« liest und erschrickt und widerspricht.

Die anfäng­li­chen Sor­gen des NDR-Unterhaltungschefs und deut­schen Grand-Prix-Beauftragten Jür­gen Meier-Beer sind also ver­flo­gen, daß er nach den Jah­ren mit Ste­fan Raab und sei­ner eige­nen PR-Maschine und Michelle und ihrem Rie­sen­pack Kind­heits– und Tren­nungs­dra­men sich dies­mal gewal­tig anstren­gen müßte, um aus einer stei­fen, sper­ri­gen, blin­den Sän­ge­rin genug Medi­en­stoff für eine Woche zu gene­rie­ren. Und wenn Corinna May wie­der solo blei­ben sollte, kann sich die Rekord­zahl von rund 120 anrei­sen­den deut­schen Jour­na­lis­ten (mehr als bei Raab!) immer noch auf schmut­zige Details aus der Suite von Ralph Sie­gel verlassen.

Der Song-Contest ist nicht nur nicht tot­zu­krie­gen, er lebt mehr denn je. Zum ers­ten Mal in sei­ner Geschichte wird sich in der kom­men­den Woche sogar das ame­ri­ka­ni­sche Nach­rich­ten­ma­ga­zin »Time« mit ihm beschäf­ti­gen. Das freut vor allem das Gast­ge­ber­land, das sich so viel ver­spricht von die­sem Ereignis.

»Eine Milliarden-Dollar-Chance für Est­land« hat der Generaldi-rektor des est­ni­schen Fern­se­hens die Aus­rich­tung des Grand Prix genannt. Über die Zahl kann man strei­ten, über den Kern der Aus­sage nicht. »Jetzt sind wir auf der Land­karte prä­sent«, beschreibt Jörg-Dietrich Nack­mayr, Direk­tor der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tal­linn die Stim­mung im Land, »jetzt sehen die ande­ren Län­der, wie toll wir sind.« Zunächst ein­mal ler­nen sie: »Est­land liegt nicht in der Tun­dra«, nennt der deut­sche Bot­schaf­ter in Tal­linn, Ger­hard Enver Schrömbgens, das Mini­mal­ziel. Er lädt am Diens­tag zu einem Emp­fang in seine Resi­denz auf dem Dom­hü­gel in Tal­linn. Dort wird Ralph Sie­gel sich an den Flü­gel set­zen und mit Corinna May und est­ni­schen Kin­dern sin­gen und mög­li­cher­weise, so Schrömbgens‹ Hoff­nung, einen klei­nen Bei­trag dazu leis­ten, daß die Deut­schen sich an ein Land erin­nern, das ihnen eigent­lich nahe sein müßte. Im Grunde teilt er die Mei­nung der stol­zen Esten, daß sich ihr Land sehen las­sen kann: »Est­land nutzt seine Klein­heit für Fle­xi­bi­li­tät und Agi­li­tät«, sagt er, und daß es in den übli­chen Natio­nen­ver­glei­chen nicht ganz vorne auf­tau­che, liege nur daran, daß es zu klein sei, um über­haupt auf­zu­tau­chen. Bei­spiel Olym­pia: Wür­den die Medail­len­spie­gel pro Kopf der Bevöl­ke­rung erstellt, läge Est­land mit sei­nen drei Medail­len der letz­ten Win­ter­spiele bei sei­nen 1,4 Mil­lio­nen Ein­woh­nern ganz vorne.

Auch nach innen ist die Bedeu­tung des Grand Prix erstaun­lich — zumin­dest die Erwar­tun­gen, die an ihn geknüpft wer­den, sind es. Viel publi­ziert ist, daß die Zustim­mung zu einem EU-Beitritt unter den Esten, die nach ihrer gerade erst erlang­ten Unab­hän­gig­keit zögern, sich nun schon wie­der einem Bünd­nis ein­glie­dern zu sol­len, nach dem Grand-Prix-Sieg im ver­gan­ge­nen Jahr um zehn Pro­zent anstieg. »Through EBU into EU« soll die Regie­rung als Slo­gan aus­ge­ge­ben haben — EBU ist die Euro­vi­sion, der Ver­an­stal­ter des Wett­be­werbs. Seit­dem sind die Umfra­ge­werte zwar wie­der zurück­ge­gan­gen, aber all­ge­mein wird erwar­tet, daß sie in die­sen Wochen, rund um die Ver­an­stal­tung, wie­der anstei­gen wer­den. »Die Esten freuen sich, daß Europa sie zur Kennt­nis nimmt, sich um sie küm­mert«, sagt Nack­mayr. Er glaubt, daß der Grand Prix ein wich­ti­ger emo­tio­na­ler Bestand­teil auf dem Weg nach Europa ist: »Dadurch wer­den auch Teile der Bevöl­ke­rung nach Europa mit­ge­zo­gen, denen der schnelle Wan­del eher angst macht und die vom Wirt­schafts­wun­der nicht pro­fi­tiert haben.«

Kein Wun­der, daß sich die Regie­rung über­re­den ließ, die Aus­rich­tung zu finan­zie­ren — jeden­falls, nach­dem das kleine öffentlich-rechtliche ETV mit der Ein­stel­lung sei­nes Sen­de­be­trie­bes gedroht hatte. Alles, was nicht durch Spon­so­ren oder den Ver­kauf von Ein­tritts­kar­ten her­ein­kommt, zahlt der Staat. Obwohl die Kar­ten regu­lär 300 bis 450 Euro kos­ten (mehr als das durch­schnitt­li­che Monats­ein­kom­men eines Esten), bleibt wohl ein Loch von meh­re­ren Mil­lio­nen Euro. Das weckt Begehr­lich­kei­ten: So wollte die Regie­rung eine eigene Agen­tur beauf­tra­gen, die klei­nen Filme zu dre­hen, die vor den ein­zel­nen Bei­trä­gen lau­fen, um Est­land im rich­ti­gen PR-Licht zu prä­sen­tie­ren. Zum Glück war der est­ni­sche Grand-Prix-Chef Juhan Paa­dam vor­her jah­re­lang so etwas wie der Außen­mi­nis­ter sei­nes Sen­ders und ent­spre­chend erfah­ren in Diplo­ma­tie. Mit sanf­tem Druck über­zeugte er die Regie­rung, daß die beste Wer­bung für Est­land nicht durch Agit-Prop erreicht werde, son­dern durch eine gelun­gene Show ohne poli­ti­sche Einflußnahme.

Wer den Grand Prix nicht als Musik-, son­dern als Fern­seh­er­eig­nis ver­steht, sah schon in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren TV-Shows, die zwei­fels­ohne state of the art waren. Nach­dem die Schwe­den sich 2000 das Ziel setz­ten, eine moderne Show zu ver­an­stal­ten und die Dänen im ver­gan­ge­nen Jahr aus dem Grand Prix ein Mas­se­ner­eig­nis im Fuß­ball­sta­dion mach­ten, stel­len die Esten den Grand Prix erst­mals unter ein Motto: »Ein moder­nes Mär­chen« wol­len sie insze­nie­ren und sich, ihre Unab­hän­gig­keit und all die Kon­traste aus Mit­tel­al­ter und 21. Jahr­hun­dert fei­ern, die das Land aus­ma­chen. Es wird, nach allem was man hört, ein außer­ge­wöhn­li­cher Grand Prix, mit inno­va­ti­vem Büh­nen­kon­zept, schrä­gem Design, moderns­ter Umset­zung. Stau­nen soll die Welt, und zwar nicht zu knapp, über die Krea­ti­vi­tät eines Lan­des, dem viele die erfolg­rei­che Aus­rich­tung eines sol­chen Groß­er­eig­nis­ses gar nicht zuge­traut hätten.

Ach ja, bleibt noch die Musik. In die­sem Jahr lie­gen die Grie­chen beim pan­eu­ro­päi­schen Wett­be­werb um den absur­des­ten Bei­trag weit vorn. Sie schi­cken fünf Män­ner in Leder, die ein elek­tro­ni­sches Lied über Cyber-Sex sin­gen: »Every time you need my love / Before you enter in my world / Give the pass­word.« Gleich eine Hand­voll Län­der hat sich ent­schie­den, mit mehr oder (meis­tens) weni­ger gelun­ge­nen Revi­vals des Disco-Sounds der sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jahre ins Ren­nen zu gehen, es gibt lang­wei­lige Bal­la­den, kal­ku­lier­ten Pop, miß­glückte Anlei­hen bei moder­nen Musik­ein­flüs­sen und viele Exo­ten, die sich alle Mühe geben, daß der Trash-Faktor des Ereig­nis­ses erhal­ten bleibt oder, posi­tiv for­mu­liert, die einen beru­higt stau­nen las­sen über die Viel­falt Euro­pas trotz Glo­ba­li­sie­rung und MTV und allem.

Zum Glück geht es ja nicht um Musik. Der Gewin­ner­ti­tel des ver­gan­ge­nen Jah­res, das Funk-Stück »Ever­y­body« von Tanel Padar und Dave Ben­ton, war ver­mut­lich der am wenigs­ten gehörte, gekaufte und gespielte Sie­ger­ti­tel in der Geschichte des Grand Prix, das Duo hat sich längst im Streit getrennt, einer star­tete seine Solo-Karriere mit einem Live-Konzert vor 41 Zuschau­ern, beide wer­den das Stück wohl nie wie­der gemein­sam auf­füh­ren. Doch das Lied war so erfolg­los wie fol­gen­reich und beschert Est­land nun die größte Auf­merk­sam­keit der euro­päi­schen Öffent­lich­keit seit dem Mittelalter.

Was für Est­land gilt, gilt auch für Corinna May. Natür­lich würde ein Sieg ihres »I can’t live wit­hout music« den Grand Prix auf sei­nem zögern­den Kurs zu Moder­ni­tät und musi­ka­li­scher Rele­vanz um Jahre zurück­wer­fen. Aber was küm­mert sie das, was küm­mern sie die kaum nen­nens­wer­ten Plat­ten­ver­käufe, wenn sie es dank des Grand Prix schafft, nach drei Jah­ren end­lich wie­der Sex zu haben?

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung

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