Tag Archive for: Bild-Zeitung

Schwarzer-Humor

12 Jul 07
12. Juli 2007

Alice Schwarzer wirbt für „Bild“.

Die Frau, die vor knapp 30 Jahren den „Stern“ wegen sexistischer Titelbilder verklagt und vor knapp 15 Jahren Aktfotos von Helmut Newton „sexistisch“, „faschistisch“ und „rassistisch“ genannt hat, wirbt für das Blatt, das vielleicht mehr als jedes andere gegen die Gleichstellung der Frau getan hat, in dem irgendwelche Studentinnen zu sexsüchtigen „Nymphomaninnen“ werden und jeden Tag Hupen-Alarm ist und das über eine Mittvierzigerin, die gerade erfahren hat, dass ihr Mann als Mörder gesucht wird, schreibt, es sei für sie „wie ein Hauptgewinn im Lotto“ gewesen, dass sie „noch mal einen zehn Jahre jüngeren Mann abgreifen“ konnte.

Erster Gedanke: Die haben sie nicht gefragt. Die nehmen sie einfach als Werbefigur, ohne eine Genehmigung einzuholen.

Falsch. Die haben sie gefragt. Sie haben bei Frau Schwarzer angefragt, ob sie gegen ein Honorar für „Bild“ werben will, und sie hat Ja gesagt.

Zweiter Gedanke: Sie muss einen guten Grund haben. Als „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann eine Werbeaktion mit willigen, sexgeilen jungen Frauen erfand, diagnostizierte Schwarzers Zeitschrift „Emma“ bei ihm noch einen „sehr persönlichen Trend zur Pornografie“ und urteilte über die Kampagne, sie ziele „auf eine Verhurung aller Frauen“. Als Sibel Kekilli „Bild“ öffentlich wegen der „dreckigen Hetzkampagne“ gegen sie angriff, lobte „Emma“ sie noch für ihren „Löwinnenmut“. Als die „Bild“-Zeitung vor zweieinhalb Jahren einen Papstaudienz bekam, schrieb „Emma“ noch über die „bigotte Mischung von Frömmelei und Obszönität“ der „Bild“-Zeitung und kennzeichnete das tägliche Seite-1-Mädchen als „die übliche heiße Hündin mit verblödetem Blick und gespitzten Ficklippen“.

Aber vielleicht findet Alice Schwarzer ja, dass „Bild“ sich gebessert hat. Vielleicht hat sie kein so kritisches Verhältnis mehr zu „Bild“ und zweifelt nicht mehr so sehr an dem Wahrheitgehalt dessen, was „Bild“ schreibt. Vielleicht hat sie irgendeinen Grund gefunden, der dafür spricht, für diese Zeitung jetzt doch und trotz allem zu werben.

Falsch. Auf ihrer Homepage beantwortet Alice Schwarzer die Frage, warum sie an dieser Werbeaktion teilnimmt, so:

Ganz einfach, weil ich finde, dass es nicht schaden kann, wenn in so einer Runde — von Gandhi bis Willy Brandt — auch mal eine Frau auftaucht. Und eine sehr lebendige noch dazu.

Sie selbst.

Womöglich hat sie nicht gemerkt, dass die anderen in dieser Runde — von Gandhi bis Willy Brandt — sich nicht mehr dagegen wehren konnten, von „Bild“ zu „Bild“-Werbefiguren gemacht zu werden. Womöglich glaubt sie sogar, dass „Bild“ mit dieser Kampagne für sie wirbt und nicht sie für „Bild“.

Jedenfalls findet Alice Schwarzer es gut, dass Alice Schwarzer ihren verdienten Platz bekommen hat. Als Alice Schwarzer findet sie es gut. Und als Frau. Denn sie macht das ja nicht nur für sich. Sie macht das als Kämpferin für die Gleichberechtigung: Wo kämen wir denn da hin, wenn nur Männer für dieses bigotte, frauenverachtende Blatt würben?

Anatomie eines Schlüsselerlebnisses

06 Jul 07
6. Juli 2007

Am 30. Juni endete nach 16 Jahren der Vertrag von Volker Finke als Trainer beim SC Freiburg, und die letzten Wochen waren einigermaßen turbulent.

Aber das ist hier keine Sport-Geschichte, sondern eine Medien-Geschichte. Sie beginnt, wie so viele, in der „Bild“-Zeitung. Sie berichtet am Dienstag, Finke habe „trotz mehrfacher Aufforderung seine Schlüssel nicht abgegeben“. Der Verein habe deshalb die Schlösser ausgetauscht, schreibt „Bild“ und zitiert den neuen Sportdirektor Dirk Dufner mit dem Satz: „Ja – wir wollten einfach unsere Ruhe und keinen Ärger haben!“

Schöne Geschichte. In einer Meldung des Sport-Informationsdienstes (sid) von 11.45 Uhr am Dienstag liest sie sich dann so:

Finke gibt Schlüssel nicht ab
SC Freiburg tauscht Schlösser aus

Freiburg (sid) (…) Nach SC-Angaben hat Finke (…) trotz mehrfacher Aufforderung seine Schlüssel für den Management-Raum nicht abgegeben.

Aus diesem Grund tauschten die Freiburger in der vergangenen Woche vor der Abreise der SC-Profis in das Trainingslager nach Schruns sicherheitshalber die Schlösser aus. „Wir wollten einfach unsere Ruhe und kein Ärger haben“, sagte Sportdirektor Dirk Dufner der Bild-Zeitung.

Die Formulierung „nach SC-Angaben“ ist interessant. Bedeutet sie, dass der sid beim Verein selbst nachgefragt hat? Oder nur, dass der sid die angeblichen „SC-Angaben“ der „Bild“-Zeitung entnommen hat? Der sid will das auf Nachfrage nicht beantworten. Es könne beides bedeuten, sagt der diensthabende Chef vom Dienst, das gehe niemanden etwas an. Auf die Idee, in jedem Fall auch eine Stellungnahme Volker Finkes zu den Vorwürfen einzuholen, ist der sid jedenfalls nicht gekommen.

Auch nicht die Nachrichtenagentur dpa, wo die Geschichte am Dienstag um kurz nach 12 Uhr auftaucht. Hier scheint wenigstens die Quellenlage eindeutig:

Fußball-Trainer Volker Finke hat nach seinem Abschied vom SC Freiburg seine Schlüssel nicht abgegeben. (…) Der neue SC-Sportdirektor Dirk Dufner ließ daher in der vergangenen Woche die Schlösser zu den Management-Büros austauschen. „Ich habe keine andere Möglichkeit gesehen. Wir wollten ganz sicher gehen“, sagte Dufner am Dienstag und bestätigte einen Bericht der „Bild“-Zeitung.

Es scheint also keinen Grund zu geben, am Wahrheitsgehalt der Geschichte zu zweifeln — bis der Online-Auftritt der „Badischen Zeitung“ am Dienstagnachmittag mit einem Dementi überrascht:

(…) Ex-Trainer Volker Finke soll (…) — und seinen Schlüssel bei Vertragsende am 30. Juni nicht abgegeben haben, trotz mehrmaliger Aufforderung. Doch das ist falsch.

Gegenüber der Badischen Zeitung erklärte SC-Sportdirektor Dirk Dufner, dass Finke seinen Schlüssel sehr wohl abgegeben habe — und das fristgerecht. Warum er von der Nachrichtenagentur dpa im gegenteiligen Sinn zitiert wurde, ist Dufner ein Rätsel. (…)

Der Tausch der Schlösser sei nur eine „präventive Maßnahme“ gewesen. Am Tag darauf in der gedruckten Ausgabe der „Badischen Zeitung“ macht Dufner das „Rätsel“ noch konkreter: „Von denen“, sagt er auf dpa gemünzt, „hat keiner mit mir gesprochen.“

Das ist, wie so vieles in dieser Geschichte, nicht ganz falsch, aber noch lange nicht richtig. Und wir müssen kurz die Chronologie verlassen und zum Freitag vergangener Woche zurückgehen und zu einem Treffen, mit dem das ganze Drama begann. Am Rande des Trainingslagers des SC Freiburg stand Dufner offenbar mit ein paar Journalisten zusammen, ein Mann von dpa war dabei und der Kollege von der „Bild“-Zeitung, und man redete über Volker Finke. Und anscheinend erzählte Dufner bei dieser Gelegenheit auch von möglicherweise fehlenden Schlüsseln und der Schloss-Austauschaktion — vielleicht unter der Maßgabe, die Journalisten sollten darüber nicht berichten, vielleicht nur in der Annahme, sie täten es nicht.

Als „Bild“ dann die vermeintliche Schlüsselaffäre publik machte, erinnerte sich der dpa-Mann, dass er ja dabei war, als Dufner davon erzählt hatte. Er verzichtete deshalb darauf, bei Dufner noch einmal nachzufragen, und lieferte stattdessen ein Zitat Dufners, das er selbst am Freitag vor Ort notiert hatte. Die Agenturmeldung datierte dieses Zitat jedoch auf den Dienstag — und erweckte den falschen Eindruck, Dufner habe den „Bild“-Bericht nach dessen Erscheinen bestätigt. Was besonders verheerend war, denn ob Dufner sich tatsächlich so über Finke geäußert hat, ist die eine Frage; ob er diese Äußerung im Nachhinein „bestätigt“ hätte, eine ganz andere. Gegenüber der „Badischen Zeitung“ (die offenbar beim kleinen Journalistentreffen am Rande des Trainingslagers nicht dabei war), ruderte er jedenfalls heftig zurück.

Zu spät. Am Mittwochmorgen, als in der „Badischen Zeitung“ das Dementi steht, steht die Meldung von Finkes Schlüssel-Affäre in vielen Tageszeitungen, zum Beispiel in „SZ“, „Welt“, „taz“ und „Tagesspiegel“. Erst am Mittwochnachmittag schwenkt dpa, wo man sich intern inzwischen intensiv um eine Aufklärung der Vorgänge bemüht, auf eine offenbar sehr sorgfältig formulierte Version um, auf die sich alle Beteiligten inzwischen verständigt zu haben scheinen:

Freiburgs Ex-Coach Finke wehrt sich: «Habe Schlüssel abgeliefert»

Freiburg (dpa) — Die «Schlüsselaffäre» beim Fußball-Zweitligisten SC Freiburg um Ex-Trainer Volker Finke hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. «Ich habe meinen Schlüssel am 29. Juni abgeliefert», teilte der 59-Jährige, dessen Vertrag am 30. Juni ausgelaufen ist, der Deutschen Presseagentur dpa mit. Er reagierte damit auf einen Medienbericht, in dem es unter Berufung auf SC-Sportdirektor Dirk Dufner geheißen hatte, der Sportclub habe die Schlösser ausgetauscht, weil die Schlüssel nicht vollzählig seien.

Dufner hatte zuvor vor Medienvertretern erklärt, dass Schlösser an Gebäuden auf dem Freiburger Trainingsgelände ausgewechselt worden waren. «Vor der Abreise ins Trainingslager wurde vorsorglich das Schloss im Management-Büro ausgetauscht, weil bei einer Bestandsaufnahme festgestellt worden war, dass nicht alle Schlüssel da waren. Dort lagern schließlich wichtige Papiere. Volker Finke hat seinen Schlüssel aber inzwischen fristgerechtigt abgegeben», sagte Dufner am Mittwoch.

Auf Aufforderung, den Schlüssel abzugeben, sei zunächst aber keine Reaktion Finkes erfolgt, hatte unter anderem die dpa aus einem Gespräch mit Dufner berichtet.

Bei dpa hofft man, dass sich mit dieser Meldung auch eine juristische Auseinandersetzung erledigt hat: Der empörte Volker Finke fordert über seinen Anwalt nämlich von dpa Richtigstellung und Widerruf der ursprünglichen Behauptungen. Die „Bild“-Zeitung hat ihre Version bis heute nicht korrigiert; ihr Sprecher will auf Anfrage nicht sagen, ob Finke auch gegen „Bild“ vorgeht, was logisch wäre.

Und beim sid verbittet der Chef vom Dienst alle Fragen nach Quellen, Wahrheitsgehalt und juristischen Folgen seiner Meldungen. Dort ringt man sich erst am Donnerstagnachmittag, 24 Stunden nach dpa, zu einer Korrektur durch — die allerdings auf jede noch so leise Andeutung verzichtet, dass es sich um eine Korrektur einer eigenen Meldung handelt:

Freiburg (sid) Ex-Trainer Volker Finke hat vor Ablauf seines Vertrages am 30. Juni seinen Schlüssel für den Managementraum des Fußball-Zweitligisten SC Freiburg zurückgegeben. Dies bestätigte SC-Manager Dirk Dufner der Badischen Zeitung: „Wir haben — übrigens in sehr angenehmer Atmosphäre — natürlich über dieses Thema gesprochen. Er hat seinen Schlüssel am 29. Juni abgegeben, also vor dem offiziellen Ende seines Vertrages.“ (…)

Das ist die Geschichte von der Schlüsselaffäre des SC Freiburg. Ein Lehrstück über den Umgang mit Quellen und verschiedene Varianten des Stille-Post-Spiels im modernen „Nachrichten“-Journalismus.

Und das letzte Wort soll der „Tagesspiegel“ haben, dessen Mitarbeiter Claus Vetter von der kleinen, irreführenden dpa-Meldung zu einem großen Meisterwerk der Fantasie angeregt wurde:

Mal heimlich nachts in die alte Trainerkabine schleichen und kiebitzen, was der neue Trainer taktisch so vorhat? Oder nach Geschäftsschluss in der Geschäftsstelle einen Gratiskaffee trinken? So muss sich Volker Finke das vorgestellt haben, als er die Schlüssel von seinem alten Arbeitgeber, dem SC Freiburg, eingesteckt und trotz mehrfacher Aufforderung nicht herausgerückt hat. Finke hat wohl gedacht, der Klub lasse ihn schalten und walten wie die 16 Jahre zuvor. (…)

Volker Finke, eine traurige Freiburger Schlüsselfigur? Ja, das ist der 59 Jahre alte Fußballlehrer wohl. (…) Zu Hochzeiten wollte sogar mal der FC Bayern etwas von Finke. Doch der konnte nie loslassen in Freiburg — bis heute. Nun muss er draußen bleiben. Der traurige Trainer, der seinen Klub verloren hat und darüber nicht hinwegkommt.

Lemminge Online

von Christoph Schultheis
29 Jun 07
29. Juni 2007

Heute Nacht um kurz vor 2 Uhr veröffentlichte die Nachrichtenagentur dpa eine kurze Meldung, in der sie die Titelgeschichte der heutigen „Bild“-Zeitung zusammenzufassen glaubte — gleichzeitig aber auch der Onlinemedienwelt die Gelegenheit gab, sich mal wieder ein Armutszeugnis auszustellen.

Unter der Meldung stand „(Der Beitrag lag dpa in redaktioneller Fassung vor)“ und in der Meldung hieß es:

Knapp vier Jahre nach dem tödlichen Fallschirmabsturz des früheren FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann am 5. Juni 2003 sorgt jetzt ein weiteres Amateur-Video für Diskussionen. Die „Bild“-Zeitung berichtet am Freitag erstmals über die Aufnahmen, von denen bisher nur bekannt war, dass sie Teil der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft waren.

Selbst einem unbedarften Leser hätte bei der Lektüre auffallen können, dass da was nicht stimmt: Ein „weiteres“ Video, das „Teil der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft“ war?!

Zum Glück aber war ja, als dpa seine Meldung veröffentlichte, der „Bild“-Artikel (der dpa in redaktioneller Fassung vorlag) bereits seit mehreren Stunden auf der Internetseite von „Bild“ mühelos aufzufinden und kostenlos nachzulesen gewesen. Und dort hätte der unbedarfte Leser feststellen können, dass „Bild“ gar nicht behauptet, es sei ein „weiteres“ Video aufgetaucht. Im Gegenteil: „Bild“ behauptet bloß, ein Video, „das auch Bestandteil der Ermittlungsakte war“, sei „jetzt bekannt geworden“ und „liegt BILD vor“…

Offensichtlich sitzen in den Online-Redaktionen der großen Nachrichtenportale jedoch keine unbedarften Leser, sondern Online-Redakteure.

Und ohne mit der Wimper zu zucken, haben die sich bei „Spiegel Online“, bei sueddeutsche.de, bei „Focus Online“*, bei Netzeitung.de, bei FAZ.net und bei „Welt Online“ entschieden, die dpa-Meldung über den (ohnehin völlig erkenntnisfreien) „Bild“-Aufmacher ohne weitere Recherche zu übernehmen:

Besonders peinlich ist das natürlich für „Focus Online“. Denn der gedruckte „Focus“ selbst hatte vor vier Jahren erstmals und sehr ausführlich über das Video berichtet, das laut „Focus Online“ nun „aufgetaucht“ sei.

Aber auch in den Archiven der „Süddeutschen Zeitung“, „FAZ“ und „Welt“ finden sich aufschlussreiche Artikel aus dem Jahr 2003, in denen das Möllemann-Video bereits Gegenstand der Berichterstattung war — und aus denen eindeutig hervorgeht, dass „Bild“ gar nicht „erstmals“ über die Aufnahmen berichtet und von denen weit mehr bekannt ist, als dass sie „Teil der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft waren“. Die Artikel sind zum Teil bis heute online — und bei FAZ.net beispielsweise sogar direkt neben dem dpa-Unsinn in einem „Zum Thema“-Kasten verlinkt. Sueddeutsche.de behauptet sogar (mit Link auf einen eigenen Archivtext) ahnungslos: „Die Existenz des Videos war (…) schon lange bekannt, die Details sind neu.“

Aber natürlich bringt es viel mehr Klicks, einfach nachzubeten, was „Bild“ (mit freundlicher Unterstützung von dpa) als Neuigkeit verkauft, als selbst mit zwei drei Klicks festzustellen, dass es gar keine Neuigkeit ist.

*) Bei „Focus Online“ ist das Armutszeugnis inzwischen samt Kommentaren aus dem Angebot entfernt worden bzw. „leider nicht vorhanden“. Dafür gibt es dort einen neuen Text (Überschrift: „Neuer Wirbel um altes Video“) der sich vom ursprünglichen „Bild“-Bericht deutlich distanziert, dafür aber vermutet, es handele sich um Aufnahmen „von zwei Amateurfilmern“. Das jedoch behauptet nicht nur niemand sonst, sondern nicht mal „Bild“.

Christoph Schultheis ist einer der Betreiber von BILDblog.de

Reden ist Silber, Löschen ist Gold

22 Jun 07
22. Juni 2007

Ich weiß nicht, ob der „Welt“-Reporter in Brüssel übernächtigt war oder zuviel vom Riesling probiert hat oder doch nur die Tastatur seines Laptops klemmte, bevor er dies bloggte:

Ich würde das nicht aufspießen, wenn „Welt Online“-Oberchef Christoph Keese nicht vor ein paar Wochen so getönt hätte:

Im Journalismus gibt es keinen Einhandbetrieb, sondern Autoren, die Texte schreiben, und Redakteure, die Texte bearbeiten, oft in einem vielstufigen Verfahren. Erst dadurch entsteht professioneller Journalismus.

Gute Redaktionen lesen Texte in drei, vier oder fünf unterschiedlichen Stufen gegen, bevor diese veröffentlicht werden. Was am Ende in der Zeitung oder online erscheint, ist Teamarbeit.

[… Künftig werden] alle Blogs eigener Redakteure vor der Veröffentlichung gegengelesen.

Lustigerweise hat die „Welt“ gestern sämtliche Blog-Einträge, die Keese selbst in seinem „Welt Online“-Blog „Im Newsroom“ geschrieben hat, per RSS-Feed noch einmal verschickt:

Quasi als Abschiedsgruß, denn die Einträge sind nicht mehr da. Und das Blog auch nicht. Wer auf die Links klickt, bekommt nur eine Fehlermeldung. Der „Welt Online“-Chef bloggt nicht mehr vom „Balken hoch über Berlin“, wie er das am 24. April in seinem ersten von insgesamt drei Einträgen nannte.

Das ist vielleicht ein bisschen peinlich, aber nicht sehr. Denn das ist (unter anderem) so schön am Bloggen: Man kann es einfach ausprobieren, es kostet nichts, und wenn man merkt, dass es nicht funktioniert — warum auch immer — lässt man es wieder.

Schlimm ist aber, dass die „Welt“ sich wieder nicht traut, mit ihren Lesern zu kommunizieren. Keeses Blog-Einträge sind einfach gelöscht worden, zusammen mit schätzungsweise ein paar Dutzend Leserkommentaren. Ohne Spuren, ohne Erklärung, nur mit einer Meldung, die den Fehler beim Leser sucht. Welcher Zacken wäre Keese aus der Krone gebrochen, wenn er seinen Lesern noch einen kurzen letzten Eintrag geschenkt hätte, mit ein, zwei Sätzen der Erklärung (Keine Zeit / Aufwand überschätzt / Vielbeschäftigter Chefredakteur / Nur ein Experiment / Trotzdem Dank an die Leser / Verweis auf andere lesenswerte „Welt“-Blogs)?

Zum Relaunch von „Welt Online“ schrieb Keese den Lesern:

Wir wollen uns von einem Sendemedium zu einem Dialogmedium wandeln.

Und zum Start von „Welt Debatte“ hatte sein Kommentarchef Vollzug verkündet:

Damit entwickelt sich WELT ONLINE endgültig vom sender– zum dialogorientierten Medium und ermöglicht den Nutzern ein Höchstmaß an Interaktivität und Offenheit.

[via]

Ein Anschlag auf Diekmanns Kindersitze?

23 Mai 07
23. Mai 2007

Ich habe eine Frage, was den Brandanschlag auf das Auto von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann angeht.

dpa berichtete gestern mehrmals unter der Überschrift „Familienauto mit Kinderwagen und Kindersitzen verbrannt“. AP meldete: „In dem Mercedes-Kombi befanden sich drei Kindersitze und ein Kinderwagen.“ Der Sprecher des Axel-Springer-Verlages erklärte: „Es handelt sich um den Privatwagen von Herrn Diekmann mit drei Kindersitzen, nicht um eine Dienstlimousine.“ Diekmann selbst sagte: „Das war kein Luxusauto, sondern ein Familienkombi.“

Was ich nicht verstehe: Welche Relevanz haben diese Kindersitze?

Als Detailschilderung in einer Reportage würde ich es verstehen; auch als Mittel, den Leser dazu zu bringen, den Menschen hinter dem Amt des „Bild“-Chefredakteurs zu sehen. Aber in nachrichtlichen Agenturmeldungen? Oder als fast einzige Aussage des Arbeitgebers des Opfers zum Thema überhaupt? Wäre der Inhalt des Autos auch so prominent erwähnt worden, wenn es sich um eine Gitarre, eine Tauchausrüstung, die Gesamtausgabe des Brockhaus gehandelt hätte? Schon klar, die Kindersitze sind nur ein Symbol, aber wären Anschläge gegen kinderlose oder gar kindersitzlose Menschen weniger zu verurteilen?

Und welchen Unterschied macht es, dass das Auto Diekmanns Privatwagen war? Wäre es weniger schlimm gewesen, seinen Dienstwagen anzuzünden? Reicht es nicht, dass das Fahrzeug unmittelbar vor seinem Haus stand, um keine Zweifel daran zu lassen, dass der Anschlag im bedrohlichsten Sinne persönlich gemeint war?

Der Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“ ließ seinen Kommentar zum Thema in dem Satz gipfeln: „Brennende Kindersitze in Privatautos kann und will ich mir als Teil der politischen Auseinandersetzung bei uns nicht vorstellen.“

Ja, Himmel, aber brennende Angelausrüstungen in Dienstwagen von Singles doch hoffentlich auch nicht!