Tag Archive for: Bild-Zeitung

Reden ist Silber, Löschen ist Gold

22 Jun 07
22. Juni 2007

Ich weiß nicht, ob der „Welt“-Reporter in Brüssel übernächtigt war oder zuviel vom Riesling probiert hat oder doch nur die Tastatur seines Laptops klemmte, bevor er dies bloggte:

Ich würde das nicht aufspießen, wenn „Welt Online“-Oberchef Christoph Keese nicht vor ein paar Wochen so getönt hätte:

Im Journalismus gibt es keinen Einhandbetrieb, sondern Autoren, die Texte schreiben, und Redakteure, die Texte bearbeiten, oft in einem vielstufigen Verfahren. Erst dadurch entsteht professioneller Journalismus.

Gute Redaktionen lesen Texte in drei, vier oder fünf unterschiedlichen Stufen gegen, bevor diese veröffentlicht werden. Was am Ende in der Zeitung oder online erscheint, ist Teamarbeit.

[… Künftig werden] alle Blogs eigener Redakteure vor der Veröffentlichung gegengelesen.

Lustigerweise hat die „Welt“ gestern sämtliche Blog-Einträge, die Keese selbst in seinem „Welt Online“-Blog „Im Newsroom“ geschrieben hat, per RSS-Feed noch einmal verschickt:

Quasi als Abschiedsgruß, denn die Einträge sind nicht mehr da. Und das Blog auch nicht. Wer auf die Links klickt, bekommt nur eine Fehlermeldung. Der „Welt Online“-Chef bloggt nicht mehr vom „Balken hoch über Berlin“, wie er das am 24. April in seinem ersten von insgesamt drei Einträgen nannte.

Das ist vielleicht ein bisschen peinlich, aber nicht sehr. Denn das ist (unter anderem) so schön am Bloggen: Man kann es einfach ausprobieren, es kostet nichts, und wenn man merkt, dass es nicht funktioniert — warum auch immer — lässt man es wieder.

Schlimm ist aber, dass die „Welt“ sich wieder nicht traut, mit ihren Lesern zu kommunizieren. Keeses Blog-Einträge sind einfach gelöscht worden, zusammen mit schätzungsweise ein paar Dutzend Leserkommentaren. Ohne Spuren, ohne Erklärung, nur mit einer Meldung, die den Fehler beim Leser sucht. Welcher Zacken wäre Keese aus der Krone gebrochen, wenn er seinen Lesern noch einen kurzen letzten Eintrag geschenkt hätte, mit ein, zwei Sätzen der Erklärung (Keine Zeit / Aufwand überschätzt / Vielbeschäftigter Chefredakteur / Nur ein Experiment / Trotzdem Dank an die Leser / Verweis auf andere lesenswerte „Welt“-Blogs)?

Zum Relaunch von „Welt Online“ schrieb Keese den Lesern:

Wir wollen uns von einem Sendemedium zu einem Dialogmedium wandeln.

Und zum Start von „Welt Debatte“ hatte sein Kommentarchef Vollzug verkündet:

Damit entwickelt sich WELT ONLINE endgültig vom sender– zum dialogorientierten Medium und ermöglicht den Nutzern ein Höchstmaß an Interaktivität und Offenheit.

[via]

Ein Anschlag auf Diekmanns Kindersitze?

23 Mai 07
23. Mai 2007

Ich habe eine Frage, was den Brandanschlag auf das Auto von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann angeht.

dpa berichtete gestern mehrmals unter der Überschrift „Familienauto mit Kinderwagen und Kindersitzen verbrannt“. AP meldete: „In dem Mercedes-Kombi befanden sich drei Kindersitze und ein Kinderwagen.“ Der Sprecher des Axel-Springer-Verlages erklärte: „Es handelt sich um den Privatwagen von Herrn Diekmann mit drei Kindersitzen, nicht um eine Dienstlimousine.“ Diekmann selbst sagte: „Das war kein Luxusauto, sondern ein Familienkombi.“

Was ich nicht verstehe: Welche Relevanz haben diese Kindersitze?

Als Detailschilderung in einer Reportage würde ich es verstehen; auch als Mittel, den Leser dazu zu bringen, den Menschen hinter dem Amt des „Bild“-Chefredakteurs zu sehen. Aber in nachrichtlichen Agenturmeldungen? Oder als fast einzige Aussage des Arbeitgebers des Opfers zum Thema überhaupt? Wäre der Inhalt des Autos auch so prominent erwähnt worden, wenn es sich um eine Gitarre, eine Tauchausrüstung, die Gesamtausgabe des Brockhaus gehandelt hätte? Schon klar, die Kindersitze sind nur ein Symbol, aber wären Anschläge gegen kinderlose oder gar kindersitzlose Menschen weniger zu verurteilen?

Und welchen Unterschied macht es, dass das Auto Diekmanns Privatwagen war? Wäre es weniger schlimm gewesen, seinen Dienstwagen anzuzünden? Reicht es nicht, dass das Fahrzeug unmittelbar vor seinem Haus stand, um keine Zweifel daran zu lassen, dass der Anschlag im bedrohlichsten Sinne persönlich gemeint war?

Der Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“ ließ seinen Kommentar zum Thema in dem Satz gipfeln: „Brennende Kindersitze in Privatautos kann und will ich mir als Teil der politischen Auseinandersetzung bei uns nicht vorstellen.“

Ja, Himmel, aber brennende Angelausrüstungen in Dienstwagen von Singles doch hoffentlich auch nicht!

„big swinging dick man“

von ix
01 Mai 07
1. Mai 2007

lesenswert fand ix roger boyes kai diekmann-portrait aus diesem buch in der netzeitung. eigentlich kommt boyes schon auf der ersten seite zum fazit als er diekmann nach seinem gehalt fragt und der peinlich betreten ausweicht und sich darauf beruft, dass es „in diesem land“ nicht üblich sei über gehälter zu reden:

Aha. Scheinheiligkeit ist also die Quintessenz des Boulevards. Es ist offenbar in Ordnung, über die Gehälter von Ex-Bundeskanzler Schröder zu mutmaßen, es ist beinahe schon obligatorisch sich über das Sexleben von Berühmtheiten auszulassen, aber Spekulationen über Führungskräfte von Zeitungen – Mitglieder derselben Borchardt– und Bocca-di-Bacco-Tischgesellschaft –, die sollen gefälligst ausbleiben. (quelle)

Qualitätsmedien im Netz, Folge 3272

07 Apr 07
7. April 2007

Vor ein paar Tagen habe ich den Chef von sueddeutsche.de Hans-Jürgen Jakobs gefragt, wie seine Redaktion mit „Bild“ als Nachrichtenquelle umgeht. Antworten ist er mir schuldig geblieben. Das von ihm geleitete Online-Angebot gibt sie auch so.

Am späten Donnerstag unserer Zeit zitiert die amerikanische Nachrichtenagentur AP exklusiv und ausführlich aus den Tagebüchern von Anna Nicole Smith. Am Freitagnachmittag berichtet die deutsche Nachrichtenagentur dpa ebenfalls ausführlich und mit vielen Zitaten über den Inhalt der Bücher. Am Samstagmorgen bringt „Bild“ einen größeren Artikel, der keine exklusiven Information enthält, über den Inhalt der Tagebücher. Am Samstagmittag meldet die französische Agentur AFP, dass die „Bild“-Zeitung aus dem Tagebuch von Anna Nicole Smith zitiere. Eine Stunde später berichtet sueddeutsche.de über den Inhalt der Tagebücher von Anna Nicole Smith.

Also: sueddeutsche.de zitiert die Agentur AFP, die „Bild“ zitiert, die die Agentur AP zitiert, die aus den Tagebüchern zitiert.

Erstaunlicherweise scheinen sich diesmal bei dem Stille-Post-Spiel keine Fehler eingeschlichen zu haben. Aber vielleicht könnte jemand den Qualitätsjournalisten von sueddeutsche.de den Tipp geben, dass es in Deutschland gar keine Pflicht gibt, ein Boulevardthema erst dann aufzugreifen, nachdem „Bild“ darüber berichtet hat. Und dass es in Zeiten des „Zukunftsmediums“ Internet möglich ist, sich ohne den Umweg über mehrere Agenturen und eine unzuverlässige Boulevardzeitung über solche Dinge zu informieren.

Die Hauptstadt von Knut ist Yan Yan

28 Mrz 07
28. März 2007

Was man ja nicht vergessen darf bei der „Bild“-Zeitung: Sie hat viele Regionalausgaben, die teils sogar bis in die Titelseitenaufmachung dramatisch unterschiedliche Prioritäten bei der Nachrichtenauswahl setzen. Um das mal exemplarisch an der gestrigen „Bild“ zu demonstrieren:

„Bild“ Mainz-Wiesbaden:

„Bild“ Berlin-Brandenburg: