Kampagnen-Kamikaze bei der ARD

Ich habe ein biss­chen den Über­blick ver­lo­ren, wie viele ARD-Leute mich in den ver­gan­ge­nen Wochen ange­ru­fen haben, um mich zu fra­gen, ob ich nicht in ihren Sen­dun­gen erzäh­len möchte, wie schlimm die »Bild«-Zeitung ist. Der halbe WDR scheint mit der Recher­che (oder jeden­falls: Akquise) beschäf­tigt zu sein; neben meh­re­ren Radio­sen­dern wol­len offen­bar auch Fern­seh­sen­dun­gen wie »Moni­tor« und »Aktu­elle Stunde« drin­gend mal etwas über »Bild« und ihre Metho­den und Macher brin­gen. Hinzu kom­men Anfra­gen aus dem Haupt­stadt­stu­dio und vom MDR. Ins­ge­samt sind es sicher ein gutes hal­bes Dut­zend, zwei wei­tere gin­gen bei BILDblog-Chef Lukas Hein­ser ein.

Es klingt undank­bar, sich über soviel Auf­merk­sam­keit und Inter­esse zu bekla­gen, und eigent­lich freue ich mich, wenn sich jemand kri­tisch mit der »Bild«-Zeitung beschäf­ti­gen möchte. Aber hin­ter der Flut von Anfra­gen steht kein jour­na­lis­ti­sches Inter­esse an »Bild«, son­dern die pro­phy­lak­ti­sche Muni­tio­nie­rung gegen eine erwar­tete »Bild«-Kampagne. Sie rech­nen bei der ARD mit dem Schlimms­ten — wobei nicht ganz klar ist, ob das Schlimmste ver­nich­tende Wahr­hei­ten oder scham­lose Lügen wären.

Jeden­falls wurde offen­bar flä­chen­de­ckend Panik ange­ord­net, um auf einen Angriff mit einem Gegen­an­griff rea­gie­ren zu kön­nen. Das Aus­maß des Aktio­nis­mus ist in jün­ge­rer Zeit ein­zig­ar­tig, und auch den Kol­le­gen, die des­halb aus­schwär­men, um Kron­zeu­gen wie mich anzu­spre­chen, ist nicht allen wohl bei dem, was sie da tun (müssen).

Ulrike Simon berich­tet heute in der »Ber­li­ner Zei­tung«, dass die ARD-Intendanten beschlos­sen hät­ten, eine »vir­tu­elle Medi­en­re­dak­tion« ein­zu­rich­ten, die eine Kam­pa­gne gegen »Bild« koor­di­niere. Sie schreibt: »Der Ver­dacht liegt nah, dass die Inten­dan­ten der ARD Medi­en­jour­na­lis­mus als pro­ba­tes Mit­tel zur Instru­men­ta­li­sie­rung für eigene Inter­es­sen sehen.«

Das ist auf Sei­ten der meis­ten Ver­lage ins­be­son­dere im Kampf gegen ARD und ZDF nicht anders, aber das macht die Sache nicht besser.

Am Schlimms­ten wäre es, wenn das stimmt, was Ulrike Simon noch schreibt: Die ARD-Intendanten woll­ten mit ihrer Anti-»Bild«-Kampagne »den ers­ten Schuss« von »Bild« gegen den Sen­der­ver­bund abwar­ten: »Sollte das Blatt die Serie unter Ver­schluss hal­ten, werde auch die vir­tu­elle Medi­en­re­dak­tion wie­der in der Ver­sen­kung ver­schwin­den.« Wie ent­lar­vend: Die ARD-Oberen wol­len die zwei­fel­haf­ten Metho­den der »Bild«-Zeitung nur dann anpran­gern, wenn sie selbst davon betrof­fen sind? Solange »Bild« sich nur an ande­ren Opfern abar­bei­tet, ist das kein gro­ßes Thema? Schlimm ist an »Bild« aus ARD-Sicht vor allem, dass sie die ARD angreift?

Der Fair­ness hal­ber muss man sagen, dass es in der ARD durch­aus Medi­en­jour­na­lis­mus gibt, der sich nicht als Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­tion mit ande­ren Mit­teln ver­steht, bei »Zapp« und im Medi­en­ma­ga­zin von Radio Eins, zum Beispiel.

Ist es legi­tim, auf eine Kam­pa­gne mit einer Gegen­kam­pa­gne zu ant­wor­ten? Ins­be­son­dere dann, wenn der Ver­dacht nahe­liegt, dass die »Bild«-Kampagne ihrer­seits nicht jour­na­lis­tisch moti­viert ist, son­dern die aktu­elle juris­ti­sche und publi­zis­ti­sche Groß­of­fen­sive des Springer-Verlags beglei­ten und unter­stüt­zen soll?

Natür­lich kann die ARD, wenn die Vor­würfe der »Bild« unbe­rech­tigt sind, ihr die Feh­ler um die Ohren hauen (und ich bin dabei, wenn ich kann, gerne behilf­lich). Und natür­lich kann sie, falls die Vor­würfe der »Bild« berech­tigt sein soll­ten, ihre Hörer und Zuschauer dar­auf hin­wei­sen, wie ein­sei­tig die Bericht­er­stat­tung seit Jah­ren aus­fällt und was der Grund dafür ist. Das könnte aber — je nach­dem, über was für Vor­würfe wir hier reden — schon nicht mehr ganz so über­zeu­gend sein. Aber auf Kri­tik reflex­ar­tig mit Gegen­kri­tik zu rea­gie­ren, ist eigent­lich nicht zufäl­lig eine Spe­zia­li­tät der »Bild«-Zeitung. (Als der »Spie­gel« vor ein paar Mona­ten ver­sucht hat, groß und kri­tisch über »Bild« zu schrei­ben, stan­den in »Bild« danach unver­mit­telt tage­lang Abge­sänge auf das Maga­zin. Viel­leicht hat das die ARD-Intendanten posi­tiv beeindruckt.)

Der gegen­wär­tige Aktio­nis­mus der ARD ist vor allem eines: sen­sa­tio­nell unge­schickt. Man muss die geplante Gegen­kam­pa­gne nicht ein­mal medi­en­ethisch wür­di­gen, son­dern kann sich allein auf die Frage beschrän­ken, ob sie hilf­reich ist. Spä­tes­tens seit ihrem Bekannt­wer­den heute lässt sich das klar verneinen.

Grenzt ein bisschen an Nestbeschmutzung

Nach zwei Wör­tern habe ich geahnt, dass mich der »Zeit-Magazin«-Artikel über den Umgang von »Bild« mit Pro­mi­nen­ten ent­täu­schen würde.

Charlotte Roche

Ich ver­ehre Char­lotte Roche, und sie hat die »Bild«-Zeitung von ihrer ver­ach­tens­wer­tes­ten Seite ken­nen­ge­lernt. Aber die Epi­sode, wie ihr kurz nach einer Fami­li­en­tra­gö­die von Leu­ten zuge­setzt wurde, die sich als »Bild«-Mitarbeiter aus­ga­ben, ist jetzt fast zehn Jahre her. Sie ist seit­dem viele Male nach­er­zählt wor­den, unter ande­rem schon 2003 und 2005 im »Stern« und 2004 im »Tagesspiegel«.

Natür­lich kann man sie gar nicht oft genug erzäh­len, weil sie womög­lich nicht nur krass ist, son­dern auch typisch für die Art, wie die »Bild«-Zeitung sich Men­schen gefü­gig zu machen ver­sucht. Aber wenn ein Arti­kel im Jahr 2011 über den Umgang der »Bild«-Zeitung mit Pro­mi­nen­ten mit einer zehn Jahre alten, viel­fach erzähl­ten Geschichte beginnt, spricht das nicht dafür, dass die Auto­ren etwas Neues her­aus­ge­fun­den haben. Es spricht lei­der sogar für die »Bild«-Zeitung, weil so der Ein­druck ent­steht, dass es nichts Neues gibt, das die Auto­ren hät­ten her­aus­fin­den können.

Lei­der bestä­ti­gen die über 4000 Wör­ter des Arti­kels das Gefühl, das die ers­ten zwei geweckt haben. Sein Per­so­nal besteht fast voll­stän­dig aus den Leu­ten, die seit mehr als einem hal­ben Jahr­zehnt in unge­fähr jedem kri­ti­schen Arti­kel über die »Bild«-Zeitung vor­kom­men. Neben Char­lotte Roche sind das vor allem der unver­meid­li­che Medi­en­an­walt Chris­tian Schertz und die Künst­ler­agen­tin Heike-Melba Fen­del (»Bar­ba­rella Entertainment«).

Der »Zeit Magazin«-Artikel erwähnt natür­lich auch die Geschichte von Sibel Kekilli. Der Ver­such von »Bild«, sie zu ver­nich­ten, liegt nun auch schon sie­ben Jahre zurück. Aus dem »Zeit Maga­zin« erfahre ich immer­hin, was ich nicht wusste, dass es der Regis­seur Die­ter Wedel war, der ihr anläss­lich der Dreh­ar­bei­ten zu sei­nem Film »Gier« gera­ten habe, wie­der mit »Bild« zusam­men­zu­ar­bei­ten. (Aus­ge­rech­net von dem Mann, der damals als Unter­hal­tungs­chef für die wider­li­che Bericht­er­stat­tung ver­ant­wort­lich war, durfte oder musste sie sich dann in den Him­mel hoch­schrei­ben las­sen.)

Wenn man es nicht schafft, neue Bei­spiele für den bedenk­li­chen Umgang der »Bild«-Zeitung mit Pro­mi­nen­ten zu recher­chie­ren, muss man viel­leicht auf­hö­ren, Arti­kel über den bedenk­li­chen Umgang der »Bild«-Zeitung mit Pro­mi­nen­ten zu schrei­ben. Ich habe mich aus dem Geschäft der täg­li­chen »Bild«-Beobachtung ein biss­chen zurück­ge­zo­gen, aber ich würde behaup­ten, es gibt diese Fälle, auch heute noch. Der Umgang von »Bild« mit Judith Holo­fer­nes vor eini­gen Wochen war ein ver­gleichs­weise harm­lo­ses, aber erhel­len­des Bei­spiel: Die Sän­ge­rin von »Wir sind Hel­den« wei­gert sich, für »Bild« zu wer­ben, und »Bild« nutzt ihre Absage, um für sich zu wer­ben. Die sich als Medi­en­jour­na­lis­ten tar­nen­den Schau­lus­ti­gen waren natür­lich begeis­tert über den Schlag­ab­tausch, aber wie bezeich­nend ist das für die Unver­fro­ren­heit von Kai Diek­mann und sei­nen Leu­ten? Er respek­tiert nicht ein­mal den Wil­len eines Men­schen, nicht als Wer­be­fi­gur für sein Ekel­blatt auf­zu­tre­ten, und schmückt sich noch mit dem Doku­ment der Ablehnung.

Ich weiß nicht, warum sich deut­sche Medien so schwer tun, sich mit han­dels­üb­li­chen jour­na­lis­ti­schen Mit­teln dem Phä­no­men der »Bild«-Zeitung zu wid­men und — wie im Fall des »Spie­gels« vor eini­gen Wochen — in gera­dezu eigen­ruf­schä­di­gen­der Weise schei­tern. Ich fürchte inzwi­schen, dass die meis­ten die­ser Aus­weise der Hilf­lo­sig­keit die »Bild«-Zeitung eher stär­ken als schwächen.

Die »Bild«-Geschichte ist Teil eines gan­zen The­men­hef­tes über Jour­na­lis­mus, und grö­ßere Teile davon sind nicht nur ent­täu­schend, son­dern ärger­lich. Die Arti­kel wir­ken, als woll­ten sie bewei­sen, was im gro­ßen »Zeit«-Titelseiten-Teaser steht: »Im Kri­ti­sie­ren sind Medien gut — Selbst­kri­tik fällt dage­gen schwer.«

Unter der Über­schrift »In eige­ner Sache« berich­ten vier »Zeit«-Journalisten »aus unse­rer Pra­xis«. Es sol­len wohl Bekennt­nisse der eige­nen Unzu­läng­lich­kei­ten sein, des Schei­terns am gro­ßen Anspruch, die »Wahr­heit« zu berich­ten. Der Feuilleton-Redakteur Adam Soboczyn­ski bekennt bei die­ser Gele­gen­heit, dass er im Nach­hin­ein Zwei­fel hat, ob sein Por­trait über den Schrift­stel­ler Gas­ton Sal­va­tore wirk­lich per­fekt war:

Das Por­trät han­delte also vom schwie­ri­gen Umgang der Deut­schen mit einem Chi­le­nen. Sal­va­tore erzählte bei unse­rem Inter­view in Vene­dig, dass er bald einen Roman schrei­ben werde mit dem Titel »Der Lüg­ner«. Er beab­sich­tige, den Roman auf Spa­nisch abzu­fas­sen, obgleich er lange Zeit bei­nahe aus­schließ­lich auf Deutsch geschrie­ben hat. Mein Arti­kel Der Ver­dammte schloss also fol­gen­der­ma­ßen: Sal­va­tore habe jeden­falls die Absicht, bald einen Roman zu schrei­ben. Dies­mal nicht auf Deutsch. Son­dern auf Spa­nisch. Der Arbeits­ti­tel laute: »Der Lügner«.

Das war keine Lüge. Und doch plagt mich eine leise innere Anklage. Am Ende des Arti­kels zu sagen, Sal­va­tore schreibe nicht mehr auf Deutsch, legt nahe, dass er der­art von den Deut­schen ent­täuscht sei, dass er darum auf Deutsch nicht mehr schrei­ben möchte. Das weiß ich, offen gesagt, gar nicht so genau. Ich weiß, dass es stimmt, dass er den Roman auf Spa­nisch und nicht auf Deutsch schrei­ben möchte. Aber viel­leicht möchte er nur sozu­sa­gen zur Abwechs­lung mal auf Spa­nisch schrei­ben. Ich hatte das nicht erfragt. Ich gestehe.

Sind Sie noch wach?

Das ist es also, was »Zeit«-Redakteuren ein­fällt, wenn sie Selbst­kri­tik üben sol­len. Das wäre selbst uns Erb­sen­zäh­lern zu piefig.

Sein Kol­lege Hen­ning Suße­bach berich­tete, wie er eine Repor­tage über einen »Mann am Rande der Gesell­schaft« geschrie­ben hatte, einen »soge­nann­ten Ver­lie­rer«. Es muss, glaubt man Suße­bachs Beschrei­bung von Suße­bachs Arti­kel, ein groß­ar­ti­ger Arti­kel gewe­sen sein, ein­fühl­sam, enga­giert, mit aus­führ­li­chen Zita­ten des Betrof­fe­nen. Das Pro­blem mit dem Arti­kel war, bös­ar­tig zusam­men­ge­fasst, dass er zu gut war.

[…] ich schrieb Sätze, die L. zwar nicht frei­spra­chen von Schuld an sei­nem Schick­sal, aber auch der Gesell­schaft Ver­ant­wor­tung zurech­ne­ten. Schon um die Leser bei der Ehre zu packen. Bis heute bin ich der Mei­nung, dass das rich­tig war. Und doch habe ich L. damit kei­nen Gefal­len getan.

Es klingt schreck­lich arro­gant: Aber für einen Men­schen, für den sich jah­re­lang nie­mand inter­es­siert hat, des­sen bis­he­ri­ges Leben gera­dezu aus Nicht­be­ach­tung bestand, kann ein ein­zi­ger Zei­tungs­ar­ti­kel zu groß sein, zu gewaltig. (…)

Ich traf mich immer wie­der mit L. und merkte: Aus allen soli­da­ri­schen Sät­zen mei­nes Arti­kels hatte er sich eine Hän­ge­matte geknüpft, in die er sich fal­len ließ. Keine Arbeit? Keine Woh­nung? Kein Kon­takt zu den Eltern? Nie war er ver­ant­wort­lich, immer waren es die ande­ren. So hatte er mei­nen Arti­kel ver­stan­den. (So ver­stand ich jetzt jeden­falls ihn.)

Als Suße­bach sei­nem Bericht­ge­gen­stand L. spä­ter sagte, dass er selbst für sich ver­ant­wort­lich sei, habe L. sich ver­ra­ten gefühlt.

Da war er wie­der, der Vor­wurf: Erst heu­chelt der Jour­na­list Ver­ständ­nis, und dann zeigt er sein wah­res, zyni­sches Wesen. In die­sem Fall stimmte das nicht. Genau das macht die Sache so tragisch.

Das ist das Tra­gi­sche an der Geschichte? Dass ein armer »Zeit«-Journalist, der kein Zyni­ker ist, für einen Zyni­ker gehal­ten wird? So ver­dienst­voll es ist, wenn Jour­na­lis­ten sich Gedan­ken machen über die Fol­gen ihrer Arbeit: Das ist keine Selbst­kri­tik, das ist Selbstmitleid.

Es durch­zieht viele der klei­nen Texte, auch die, in denen »Zeit«-Journalisten sich mit Leser-Kritik beschäf­ti­gen. Res­sort­lei­ter Jens Jes­sen erklärt in einer »klei­nen Rede an die Ver­äch­ter des Feuille­tons« (kein Dia­log, wohl­ge­merkt, son­dern eine »Rede an«), dass der Feuille­to­nist gar nicht anders sein kann als einen eli­tä­ren Geschmack zu haben:

Die Kul­tur ist sein Gegen­stand; und mit der Dauer der Beschäf­ti­gung wach­sen die Ansprü­che. Auch wer mit Edgar-Wallace-Krimis im deut­schen Fern­se­hen begann, fin­det irgend­wann Hitch­cock besser.

Die­ses Schick­sal einer unwill­kür­li­chen Erzie­hung des Geschmacks teilt der Feuille­to­nist aber mit sei­nem Publi­kum. Nie­mand, des­sen Lei­den­schaft sich an der Lite­ra­tur ent­zün­det, bleibt bei Harry Pot­ter stehen.

Wer »sel­ten liest, ungern Musik hört und vom Kino nur den Schuh des Manitu erwar­tet«, dürfe aber »gerne umblät­tern«, gestat­tet Jes­sen großmütig.

Das ist eine Kunst: beim Reflek­tie­ren und Nach­den­ken so unein­sich­tig und arro­gant zu wir­ken. Und womög­lich ist das alles sogar gut gemeint. Aber wenn diese »Zeit«-Redakteure über die Unzu­läng­lich­kei­ten ihrer Arbeit und der Arbeit von Jour­na­lis­ten über­haupt reden, wir­ken sie wie ein Por­trait­ma­ler in der Fuß­gän­ger­zone, der irgend­wann zugibt, dass man, wenn ganz genau hin­schaut, viel­leicht doch kleinste Unter­schiede zwi­schen sei­nen Strich­zeich­nun­gen und Fotos erken­nen könnte.

Immer­hin: Heike Fal­ler hat für das Spe­cial in einem lesens­wer­ten Arti­kel nach­voll­zo­gen, warum prak­tisch keine Zei­tung vor der dro­hen­den Finanz­krise warnte und, wich­ti­ger noch: Warum die Mecha­nis­men des Jour­na­lis­mus so sind, dass es auch beim nächs­ten Mal wie­der so käme.

Aber das ist dann alles, was der »Zeit« ein­fällt zum Thema »Was Jour­na­lis­ten anrich­ten«? Chef­re­dak­teur Gio­vanni di Lorenzo warnt im Video die »Zeit«-Leser, die viel­leicht nicht wis­sen, dass außer­halb ihrer Wochen­zei­tung Medi­en­jour­na­lis­mus eine zwar stän­dig bedrohte, aber durch­aus eta­blierte Dis­zi­plin des Jour­na­lis­mus ist, sogar davor, dass das, was man da gewagt habe, »ein biss­chen an Nest­be­schmut­zung« grenze.

Nein, das eigene »Zeit«-Nest hat man schön sau­ber gehal­ten. Die Redak­teure haben sich nicht ein­mal den Hin­weis ver­knif­fen, dass in dem Roman »Ein makel­lo­ser Abstieg«, in dem Mat­thias Frings das Funk­tio­nie­ren der Bou­le­vard­presse beschreibt, die »Zeit« das Vor­bild »für die seriöse Zei­tung« darstelle.

Als ein »recht selbst­zu­frie­de­nes Blatt« hat Oli­ver Gehrs das »Zeit Maga­zin« im ver­gan­ge­nen Jahr — ver­gleichs­weise milde — bezeich­net. Die übli­che Gedie­gen­heit der »Zeit« wird beim Ver­such, selbst­kri­tisch zu sein, zu absto­ßen­der Selbst­ge­rech­tig­keit. Ver­mut­lich ist den Redak­teu­ren wirk­lich beim bes­ten Wil­len nichts ein­ge­fal­len, was sie sich ernst­haft vor­wer­fen könnten.

Ich helfe fürs nächste »Journalismus-Special« gerne mit zwei The­men­tipps aus. Viel­leicht könnte die »Zeit« ihren Lesern ein­mal die bizarre und höchst unjour­na­lis­ti­sche Rolle von Sabine Rück­ert erklä­ren, die für die Zei­tung über den Kachelmann-Prozess berich­tet und dabei in einem Maße mit der Ver­tei­di­gung ver­ban­delt ist, die min­des­tens nach einer Offen­le­gung schreit, wenn sie sie nicht als Auto­rin in die­ser Sache disqualifiziert.

Oder sie könnte die Gele­gen­heit nut­zen, der inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit zu erklä­ren, was es mit fol­gen­der Pas­sage in einer Titel­ge­schichte nach dem Rück­tritt von Karl-Theodor zu Gut­ten­berg auf sich hatte:

In der CSU-Vorstandssitzung am Mon­tag­vor­mit­tag in Mün­chen muss sich Gut­ten­berg Sti­che­leien und zwei­deu­tige Sätze sei­ner Par­tei­freunde gefal­len las­sen. Ver­ein­zelt ver­brei­ten Jour­na­lis­ten bereits das Gerücht, es gebe einen Zusam­men­hang zwi­schen einer Text­stelle in der Dok­tor­ar­beit und sei­ner sexu­el­len Neigung.

Das wäre doch mal ein Thema für das nächste Selbstkritik-Special der »Zeit«: Wie man als seriöse Wochen­zei­tung ande­rer Jour­na­lis­ten Gerüchte ver­brei­tet, und zwar gerade vage genug, dass es rich­tig inter­es­sant klingt.

Aber mit etwas Pech fällt Adam Soboczyn­ski bis dahin ein, dass man in einem sei­ner Por­traits ein Komma falsch aus­le­gen könnte, und das geht natür­lich vor.

Kurz verlinkt (48)

(…) Ich bin der Sohn eines Grie­chen, der wäh­rend der Mili­tär­dik­ta­tur nach Deutsch­land emi­griert ist, und nach dem Ende der Junta in den grie­chi­schen Staats­dienst gegan­gen ist, weil er gelernt hat, dass Demo­kra­tie etwas ist, das man sich jeden Tag erar­bei­ten muss. Und ich habe in mei­nem gan­zen Leben noch nie einen Men­schen getrof­fen, der auch nur annä­hernd so viel arbei­tet wie mein Vater. Heute liest er offene Briefe in der Bild-Zeitung, im Stern und wo nicht noch alles, in denen Jour­na­lis­ten Deutsch­land zur rei­chen Tante fan­ta­sie­ren, die jetzt aber streng mit ihrem fre­chen Nef­fen sein muss, weil der so unver­ant­wort­lich mit ihrem Geld her­um­wirft. Ich bin selbst Jour­na­list und ich schäme mich, wenn ich daran denke, dass mein Vater das liest. (…)

Ich kann die Ver­ach­tung nicht in Worte fas­sen, die ich für die Kol­le­gen mit ihren offe­nen Brie­fen emp­finde, die sich ohne jede Recher­che einen demü­ti­gen­den Witz nach dem ande­ren aus den Fin­gern gesaugt haben, die sehen­den Auges Vor­ur­teile bis hin zum ras­sis­ti­schen Hass geschürt haben und die dabei nichts erreicht haben als den Zockern in den ent­spre­chen­den Invest­ment­ban­ken noch ein biss­chen in die Hände zu spielen. (…)

Bitte lesen Sie die­sen Text von Micha­lis Pantelouris.

»Bild« und Althaus gescheitert

Das war für mich die beste Nach­richt am ver­gan­ge­nen Sonn­tag: dass die Wäh­ler in Thü­rin­ger sich mas­sen­haft von Die­ter Alt­haus abwand­ten. Ich habe sel­ten etwas so Schä­bi­ges erlebt wie den Ver­such die­ses CDU-Ministerpräsidenten, den von ihm ver­ur­sach­ten Ski-Unfall, bei dem eine Frau ums Leben kam, für sich zu instrumentalisieren.

Nun ist er end­lich zurück­ge­tre­ten und kann sich ganz dem Beten, dem Nor­dic Wal­king und dem »Erfah­ren von Ver­ge­bung« widmen.

Ich muss zuge­ben, dass mich diese Nie­der­lage auch aus einem ande­ren Grund freut: Es ist eine wei­tere Nie­der­lage für »Bild«. Die »Bild«-Zeitung war der Medi­en­part­ner von Alt­haus bei sei­nem scham­lo­sen Comeback-Wahlkampf. Sie bekam exklu­sive Fotos und revan­chierte sich dafür mit Unwahr­hei­ten in sei­nem Sinne und mit Wahl­wer­be­tex­ten. Sie erklärte ihn für gesund, für nicht vor­be­straft, für treu und ver­leug­nete sogar ihre eigene Bericht­er­stat­tung, um sich ganz in den Dienst Alt­haus‹ zu stellen.

Das ent­spricht ganz dem Prin­zip, nach dem die »Bild«-Zeitung unter Kai Diek­mann funk­tio­niert: Wer ihr hilft, dem hilft sie. Wer exklu­siv mit »Bild« zusam­men­ar­bei­tet, wird dafür mit freund­li­cher Bericht­er­stat­tung belohnt. Es ist ein Prin­zip, das mehr auf Freund­schaf­ten und gegen­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten beruht als auf Über­zeu­gun­gen, aber am bes­ten funk­tio­niert es natür­lich immer noch mit Men­schen, die auch poli­tisch dem Blatt und sei­nem erz­kon­ser­va­ti­ven Chef­re­dak­teur nahe stehen.

Es muss so ver­lo­ckend sein für jeden Poli­ti­ker, die Zei­tung mit ihren immer noch über elf Mil­lio­nen Lesern auf sei­ner Seite zu wis­sen. Die poli­ti­sche Macht der »Bild«-Zeitung beruht nicht zuletzt dar­auf, von Poli­ti­kern für mäch­tig gehal­ten zu wer­den. Dabei ist der tat­säch­li­che Ein­fluss des Blat­tes auf seine Leser offen­kun­dig deut­lich geringer.

Roland Koch musste das im ver­gan­ge­nen Jahr ähn­lich schmerz­haft erfah­ren wie jetzt Die­ter Alt­haus: Die »Bild«-Zeitung hatte sich begeis­tert zum Wahl­hel­fer gemacht und sei­nen Ver­such, auf dem Rücken von Aus­län­dern wie­der­ge­wählt zu wer­den, mit einer gro­ßen schlim­men Kam­pa­gne gegen »kri­mi­nelle Aus­län­der« unter­stützt. Gehol­fen hat es Koch offen­kun­dig nicht: Seine CDU stürzte um 12 Pro­zent­punkte ab, genau wie jetzt die CDU in Thüringen.

Auch Edmund Stoi­ber konnte die Bun­des­tags­wahl 2002 trotz ein­sei­ti­ger Par­tei­nahme der »Bild«-Zeitung nicht gewinnen.

Nun kann es natür­lich sein, dass all diese CDU-Wahlkämpfer ohne die Unter­stüt­zung durch »Bild« noch deut­li­cher geschei­tert wären. Aber wenn die »Bild«-Propaganda über­haupt einen posi­ti­ven Effekt hat­ten, kann er so groß nicht sein.

Die Liste der in jüngs­ter Zeit von »Bild« ver­lo­re­nen Wah­len ist ansehn­lich: In Ber­lin schei­terte sowohl das von »Bild« mas­siv unter­stützte Volks­be­geh­ren »Pro Reli« als auch der von »Bild« mas­siv unter­stützte Volks­ent­scheid für den Erhalt des Flug­ha­fens Tem­pel­hof. Auf Bezirks­ebene schei­terte ein von »Bild« unter­stütz­ter Ver­such, die Umbe­nen­nung der Koch­straße in Rudi-Dutschke-Straße zu ver­hin­dern. Dage­gen war ein Bür­ger­ent­scheid »Spree­ufer für alle!«, der von »Bild« abge­lehnt wurde, erfolgreich.

Nun ist es natür­lich keine Schande, als Zei­tung eine Min­der­hei­ten­mei­nung zu ver­tre­ten und zu unter­stüt­zen. Als Bou­le­vard­zei­tung mit einer Mis­sion und rie­si­ger Reich­weite würde ich mir aber schon Gedan­ken dar­über machen, warum es mir nicht gelingt, die Leute zu über­zeu­gen und zu mobi­li­sie­ren. Womög­lich sind die Leser gar nicht dumm genug, auf eine Agi­ta­tion her­ein­zu­fal­len, die so plump, ein­sei­tig, schrill und ver­lo­gen ist wie zum Bei­spiel die »Bild«-Kampagne für »Pro Reli«. Womög­lich würde sie eine ernst­hafte, faire Aus­ein­an­der­set­zung sogar eher über­zeu­gen. Das ist aller­dings eine Dis­zi­plin, die die »Bild«-Leute nicht beherr­schen. Wenn sie ihre Leser von einer Sache über­zeu­gen wol­len, fan­gen sie an zu lügen, zu ver­dre­hen und zu brüllen.

(Unter die­sem Gesichts­punkt müsste man auch fra­gen, wie hilf­reich es ist, dass »Bild« auch aus­ge­re­chent mit den »Bild«-Methoden des Weg­las­sens, Ver­dre­hens und Schrei­ens ver­sucht, der Springer-Doktrin gerecht zu wer­den, den Staat Israel zu unterstützen.)

Ver­mut­lich liegt es aber nicht nur an den Metho­den, son­dern auch daran, wofür »Bild« kämpft. Die nicht unbe­dingt sym­pa­thischste, aber nahe­lie­gendste Richt­schnur für die Posi­tion einer Bou­le­vard­zei­tung wäre schlich­ter Popu­lis­mus. Eine sol­che Bou­le­vard­zei­tung hätte ihr Ohr ganz dicht am Volk und in Thü­rin­gen viel­leicht sogar früh­zei­tig gemerkt, dass es dort wenig Lust auf eine wei­tere Althaus-Regierung gibt, und nicht unbe­dingt auf den abseh­ba­ren Ver­lie­rer gesetzt. Doch die Posi­tio­nen von »Bild« sind häu­fig von den poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen ihrer Macher geprägt — oder eben dem schlich­ten Freund-Feind-Prinzip, das Kai Diek­mann per­fek­tio­niert hat.

Wer aber eine Zei­tung nach den Inter­es­sen sol­cher Seil­schaf­ten aus­rich­tet, darf sich nicht wun­dern, wenn sich das Publi­kum abwen­det. Seit Kai Diek­mann Chef­re­dak­teur ist, hat die »Bild«-Zeitung weit über eine Mil­lion oder ein Vier­tel ihrer Käu­fer ver­lo­ren. Sicher nicht nur aus den beschrie­be­nen Grün­den, aber womög­lich auch.

Eigent­lich sind es ethi­sche Gründe, die dage­gen spre­chen, sich als Poli­ti­ker mit der »Bild«-Zeitung ein­zu­las­sen. Ange­sichts des Schick­sals von Die­ter Alt­haus und den ande­ren spricht inzwi­schen auch die schlichte Empi­rie dagegen.

Kurz verlinkt (41)

Ich würde Ihnen gerne die BILDblog-Geschichte zu die­sem Foto und dem unglück­li­chen Mann hin­ten rechts in der Jeans­ja­cke ans Herz legen. Nicht nur, weil es so ein lus­ti­ges Photoshop-Desaster ist. Son­dern auch, weil sich in ihr auf wun­der­bare Weise das übli­che Schlam­per­tum von Bild.de und die übli­che Mani­pu­la­ti­ons­sucht der gedruck­ten »Bild«-Zeitung ergänzen:

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