Wer erklärt mir den Raab?

Ähm…

…nach­dem mir Michael auch nicht wei­ter­hel­fen kann, muss ich jetzt doch mal in die Runde fra­gen: Kann mir jemand erklä­ren, was daran belei­di­gend war?

Ste­fan Raab sagte bei der Bambi-Verleihung: »Ich möchte mich heute Abend mal bei einer Frau bedan­ken, ohne die ich nicht hier oben stünde. Bei Uschi Glas. Danke Mama!«

Ich ver­stehe, ehr­lich gesagt, schon den Witz daran nicht, aber wo ist die Belei­di­gung? Uschi Glas ist 22 Jahre älter als Ste­fan Raab, sie könnte rein rech­ne­risch seine Mut­ter sein — ein Alter­switz ist es also nicht. Was sonst? Die »Bild«-Mitarbeiter Domi­nik Hug und Annette Pawlu spre­chen von einer »Verbal-Attacke« und nen­nen es »einen fie­sen ver­ba­len Sei­ten­hieb« — auf was?

Die Frage ist nicht rhe­to­risch gemeint: Hä?

[Aus­riss: off the record]

Factually Incorrect (6)

Das Schöne an die­ser BILDblog-Geschichte ist, dass sie neben­bei auch wie­der das erfolg­rei­che aus­län­der­feind­li­che Blog »Poli­ti­cally Incor­rect« bloß­stellt — und in knapps­ter Form zeigt, wie des­sen Des­in­for­ma­tion funktioniert.

Denn die Aus­sage, die sie Cem Özde­mir zuschrei­ben, ist nicht nur falsch. Sie ist auch Unsinn, weil ein tür­kisch­stäm­mi­ger Bun­des­kanz­ler ebenso wenig sei­nen Amts­eid »auf den Koran« able­gen wird wie bis­he­rige deutsch­stäm­mige Bun­des­kanz­ler »auf die Bibel«. Aber sie genügt, um (min­des­tens fahr­läs­sig unter­stützt durch »Bild«) Hun­derte Kom­men­ta­to­ren und Leser in ihrem Glau­ben zu bestär­ken, dass es mit Deutsch­land zuende geht.

So ein­fach funk­tio­niert »Poli­ti­cally Incor­rect«: Lügen + Ahnungs­lo­sig­keit = Hass.

Antwort 2917

… auf die Frage: »Wer glaubt denn schon, was in der ›Bild‹-Zeitung steht


(»Süd­deut­sche Zei­tung«, Panorama-Seite, 23. Juli)

[mit Dank an Ste­fan K.!]

Wie »Bild« Ausländerfeindlichkeit fördert

Das Gute an Blogs wie »Poli­ti­cally Incor­rect« ist, dass sie Pro­zesse, die frü­her weit­ge­hend im Pri­va­ten statt­fan­den, an Stamm­ti­schen und in Dis­kus­sio­nen am Arbeits­platz oder im Freun­des­kreis, mit einem Mal sicht­bar machen. Nun kann man gele­gent­lich zuse­hen, wie die latente, oft sub­tile Frem­den­feind­lich­keit der »Bild«-Zeitung Wir­kung zeigt. Wie sie neuen Treib­stoff für alte Res­sen­ti­ments lie­fert, Irr­glau­ben mit Miss­ver­ständ­nis­sen und Vier­tel­wahr­hei­ten erhärtet.

Da ist der Pro­zess gegen einen aus­län­di­schen Mann, der zum wie­der­hol­ten Mal ohne (deut­schen) Füh­rer­schein gefah­ren ist und zuletzt einen Motor­rad­fah­rer über­sah und töd­lich ver­letzte (siehe BILD­blog). Der Fall an sich ist schreck­lich und empö­rend genug: Dass da jemand ist, der sich nach­hal­tig nicht davon abhal­ten lässt, mit dem Auto zu fah­ren, obwohl er das nicht darf. Und doch ist das Unglück offen­bar auch schlicht ein Unglück: Der Fah­rer ist anschei­nend nicht zu schnell gefah­ren, son­dern mit 6 km/h abge­bo­gen. Auf Pro­zess­deutsch ist vom »Augen­blicks­ver­sa­gen« die Rede. Der Motor­rad­fah­rer, der ihm ent­ge­gen­kam, war ein biss­chen zu schnell unter­wegs — viel­leicht hätte er den Unfall ver­mei­den kön­nen, wenn er sich an Tempo 50 gehal­ten hätte, man weiß es nicht. Das Gericht folgte in sei­nem Urteil dem Antrag der Staats­an­walt­schaft und ver­ur­teilte den Auto­fah­rer wegen fahr­läs­si­ger Tötung zu einer Bewäh­rungs­strafe von neun Monaten.

Man kann das empö­rend wenig fin­den, selbst wenn es im Rah­men des Übli­chen lie­gen sollte, und dass die Ange­hö­ri­gen des Opfers außer sich sind vor Trauer, Wut und Zorn über die­ses Urteil, ver­stehe ich gut. Man kann sich auch als Bou­le­vard­zei­tung ganz auf ihre Seite stel­len und das Urteil skan­da­li­sie­ren. Aber darum geht es nicht.

Es geht darum, dass sich die »Bild«-Zeitung in ihrer Bericht­er­stat­tung mit kei­nem der Details, die mit dem Unfall zu tun haben, beschäf­tigt. Statt­des­sen beschäf­tigt sich »Bild«-Redakteur Damian Imöhl aus­führ­lich mit der Natio­na­li­tät des Fah­rers. Er erwähnt nicht neben­bei, dass der Fah­rer aus dem Irak kommt. Er stellt es demons­tra­tiv an den Anfang sei­ner Arti­kel zum Thema. An den Anfang jedes sei­ner bis­her drei Arti­kel zum Thema. Die Art, wie »Bild« beschreibt, dass der Auto­fah­rer kein Asyl, aber von den Behör­den eine »Dul­dung« bekom­men habe, skan­da­li­siert schon diese Form der for­ma­len Aus­set­zung einer Abschie­bung an sich. Im Grunde, sug­ge­riert »Bild«, lebt der Fah­rer ille­gal bei uns.

Er ist für »Bild« ein durch und durch schlech­ter Mensch, was stim­men mag, aber das Schlecht­sein ist in »Bild« kaum trenn­bar mit sei­ner Natio­na­li­tät ver­bun­den. (Und ähn­lich wie »Bild« kürz­lich titelte: »Tod durch BVG-Streik«, könnte die Über­schrift dies­mal lau­ten: »Tod durch Asylrecht«.)

Und dann ist da das Gericht. »Bild« sieht in Bewäh­rungs­stra­fen grund­sätz­lich keine Stra­fen; eine Ver­ur­tei­lung auf Bewäh­rung ist wie ein Frei­spruch. In die­sem Fall schreibt »Bild«, der Rich­ter habe den Fah­rer »lau­fen las­sen«. Weil die »Bild«-Zeitung ihren Lesern sämt­li­che Hin­weise für die sach­li­chen Erwä­gun­gen, die hin­ter die­sem Urteil ste­hen, vor­ent­hält und fälsch­li­cher­weise noch behaup­tet, der Fah­rer sei »gerast«, ist es ein Leich­tes für die Leser, als Erklä­rung für das uner­klär­li­che Urteil das zu neh­men, wor­über »Bild« aus­führ­lich schreibt: die Natio­na­li­tät des Fahrers.

Von dort ist es ein klei­ner Schritt zu dem Gedan­ken: Unser Land ist vol­ler ille­ga­ler Aus­län­der, die unsere Kin­der tot­fah­ren, und die Gerichte kuschen vor ihnen, soweit ist es schon gekommen.

Das steht nicht expli­zit in die­sen »Bild«-Zeitungs-Artikeln, aber durch ihr geschick­tes Weg­las­sen, Ver­dre­hen und Hin­zu­fü­gen kann sich der mut­maß­lich erheb­li­che Teil der Bevöl­ke­rung, der die­sen Gedan­ken nicht für völ­lig abwe­gig hält, in sei­nen schlimms­ten Befürch­tun­gen bestä­tigt sehen.

In wel­chem Maße das tat­säch­lich geschieht, aus­ge­löst von der »Bild«-Version der Ereig­nisse und unter aus­drück­li­chem Bezug sie, lässt sich zum Bei­spiel an den Kom­men­ta­ren auf Short­news able­sen. Oder, in der dras­tischs­ten Form, auf »Poli­ti­cally Incor­rect«. Das Fazit der anony­men Auto­ren aus dem »Bild«-Artikel steht dort gleich im ers­ten Satz:

Die Ungleich­be­hand­lung von Men­schen vor deut­schen Gerich­ten nach ihrer Her­kunft nimmt immer dreis­tere For­men an.

Ent­spre­chend durch die ver­meint­li­chen Fak­ten ange­spornt, toben sich in Hun­der­ten Kom­men­ta­ren dann in gro­ßer Zahl die sich nicht für Ras­sis­ten hal­ten­den Ras­sis­ten aus:

Als Mos­lem hat man halt die Lizenz zum töten. (…)

Ich ver­stehe und akzep­tiere die Ent­schei­dung jeden Bür­gers der sich ent­schei­det selbst für Gerech­tig­keit zu sorgen. (…)

Wäre ich die Mutter/der Vater des Opfers, bedürfte es kei­ner Gerichtsverhandlung.

Über deut­sche Schick­sen, die auf die »Lie­bes­schwüre« nur gedul­de­ter Mos­lems rein­fal­len, ver­liere ich hier lie­ber kein Wort…würde gegen die Regeln des Anstands verstoßen. (…)

Und: wenn ich schon den Namen Has­san, Moha­med, Hus­sein und wie sie alle hei­ßen höre, dann bekomme ich eine Hasskappe! (…)

Schade das der Täter auf dem Foto nicht zu erken­nen ist. (…)

Bür­ger­weh­ren bil­den!
Feme­ge­richte abhal­ten und sol­che dre­cki­gen Kana­cken wenn sie von Rich­te­rIn “Almuth Gut-Gnädig” lau­fen­ge­las­sen wer­den ihnen durch eine bewaff­nete Bür­ger­mi­liz die ange­mes­sene Strafe zukom­men lassen (…)

Gibt es Bil­der des Rich­ters?
Ich möchte die Fresse eines sol­chen »Rich­ters »sehen.

Sol­che Abschaum-Belohner……. wo wer­den die groß?
Direkt von der Gosse in den Gerichts­saal?
Diese Fresse sollte jeden Later­nen­pfahl zie­ren! So rich­ten deu­sch­lands Richter. (…)

Ist doch klar, dass man ihn sofort lau­fen ließ. Er mußte doch drin­gend zu sei­ner deut­schen Schlampe, weil die wohl noch nicht schwan­ger ist.

(Kleine, reprä­sen­ta­tive Auswahl)

Ver­mut­lich wür­den viele der Deut­schen, die dort und anderswo gegen Aus­län­der hetz­ten und ver­schie­dene mög­li­che Reak­tio­nen bis hin zur Lynch­jus­tiz abwä­gen, auch ohne die »Bild«-Zeitung Mate­rial fin­den, mit dem sie glau­ben, ihre Aus­län­der­feind­lich­keit legi­ti­mie­ren zu kön­nen. Aber die­ser kon­krete Fall taugte dazu nur dadurch, dass die »Bild«-Zeitung aus der Geschichte eine Aus­län­der­ge­schichte gemacht und ent­schei­dende Tat­sa­chen ver­schwie­gen oder ver­dreht hat — und fahr­läs­sig das Ver­trauen der Men­schen in den Rechts­staat beschädigt.

Es spricht lei­der nichts dafür, dass »Bild« das ver­se­hent­lich tut.

Heuchler

Manch­mal ist es schwer, im BILD­blog eine ange­mes­sene Form zu fin­den, die der mora­li­schen und mensch­li­chen Ver­kom­men­heit der »Bild«-Zeitung und ihrer Mit­ar­bei­ter gerecht wird. Ich weiß gar nicht, was ich an die­ser Geschichte absto­ßen­der finde: Die »Bild«-Zeitung, die es sich nicht neh­men lässt, die Homo­se­xua­li­tät eines aus dem Liba­non stam­men­den jun­gen Man­nes öffent­lich zu machen, und dabei (wis­sent­lich oder fahr­läs­sig) in Kauf nimmt, dass er oder seine Fami­lie dort in Gefahr gera­ten könn­ten. Oder die »Bild am Sonn­tag«, die sich am nächs­ten Tag an die­ser Gefahr berauscht, schein­bar besorgt die Kon­se­quen­zen des Outings ihrer Schwes­ter­zei­tung beschreibt und nicht ein­mal den Anstand hat, das hin­zu­schrei­ben: dass es die »Bild«-Zeitung war, die ihn in diese von »Bild am Sonn­tag« detail­liert beschrie­bene Gefahr gebracht hat. Und weil Her­aus­ge­ber bei­der Zei­tung Kai Diek­mann ist, kann er mit sich selbst Good-Cop-Bad-Cop spie­len, darf gleich­zei­tig unbe­schwert vor sich hin zün­deln und vor den Risi­ken des Zün­delns warnen.

Man darf auch »Bild«-Mitarbeiter nicht belei­di­gen, anspu­cken oder schub­sen (und ich meine das nicht als rhe­to­ri­sche Flos­kel). Aber ich würde mir wün­schen, dass alle, die für die­ses Blatt arbei­ten, wenigs­tens in den nächs­ten paar Tagen unun­ter­bro­chen gefragt wer­den, wie sich das anfühlt. Ob man sich häu­fi­ger duschen muss als andere Leute. Wie man schafft, in den Spie­gel zu sehen, ohne sich in die Augen zu bli­cken. Und ob da nichts mehr ist: kein Gefühl, keine Zwei­fel, keine Angst, keine Erin­ne­rung an Rai­mund Harm­storf, um nur einen zu nennen.

Sie bil­den ein per­fek­tes Team, die »Bild«-Zeitung und die »Bild am Sonn­tag«. Und Bild.de ergänzt die Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit der einen und die Schein­hei­lig­keit der ande­ren noch um Unfä­hig­keit. Das hier war der Bild.de-Aufmacher in der ver­gan­ge­nen Nacht (Unkennt­lich­ma­chung von mir):

Nach­trag, 14. April, 14:30 Uhr. Ich habe mich ent­schie­den, den Namen des Betrof­fe­nen auf dem Screen­shot nach­träg­lich unkennt­lich zu machen. Das mag merk­wür­dig wir­ken, weil sich sein Name leicht her­aus­fin­den lässt und die Geschichte auf unge­zähl­ten Sei­ten nach­zu­le­sen ist. Ande­rer­seits: Die »Bild«-Zeitung hat kein Recht, das Pri­vat­le­ben des Sän­gers öffent­lich zu machen — ins­be­son­dere, wenn er es geheim gehal­ten hat und offen­bar gute Gründe dafür hatte. Und wenn die »Bild«-Zeitung kein Recht dazu hat, dar­über zu berich­ten, habe ich kein Recht dazu, für eine wei­tere Ver­brei­tung zu sor­gen — egal wie klein mein Anteil daran auch sein mag.

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