Tag Archive for: Bild-Zeitung

Im Internet ist jeder Freiwild für „Bild“

22 Jun 12
22. Juni 2012

Die Kollegen von Radio Eins hatten heute morgen Nikolaus Blome im Gespräch, den stellvertretenden „Bild“-Chefredakteur. Sie sprachen ihn auf die Berichterstattung über den gewaltsamen Tod einer jungen Frau in Berlin an. „Bild“ hatte den Fall versehentlich mit dem Foto einer ganz anderen jungen Frau illustriert. Dieses Foto hatte „Bild“ einfach aus deren Blog genommen.

Blome sagte, dass sei ein „Missgriff“ gewesen, aber er halte das nicht für das grundsätzliche „Funktionsprinzip“ von „Bild“. Das Gespräch ging so weiter:

Moderator: Unabhängig davon, dass es die falsche Person war: Ist es denn gut, dann einfach Fotos von irgendwelchen Internetseiten runterzuziehen? Statt zu versuchen, sich die von Angehörigen zu besorgen?

Blome: Na gut, dann hätten Sie uns vorgeworfen, wir würden irgendwelche Witwen schütteln, wie es früher hieß. Da sind wir in einer sehr grundsätzlichen Frage. Wenn Leute, Menschen — viele, viele Menschen offenkundig — ihr ganzes Privatleben im Internet ausbreiten, und das ist nun mal frei zugänglich, dann sind solche Folgen leider mit einzupreisen. Das heißt, dann müssen sich Menschen auch bewusst sein, dass sie sich öffentlich gemacht haben. Und das kann dann auch dazu führen, dass Zeitungen von diesen öffentlich zugänglichen Recherchefeldern, also zum Beispiel Facebook, also zum Beispiel Internet insgesamt, Gebrauch machen.

So ist das bei der Axel-Springer-AG. Der Konzern möchte kleinste Schnipsel, die er produzieren lässt, im Internet durch ein eigenes Recht schützen lassen, während sein wichtigstes Blatt Persönlichkeits– und Urheberrechte im selben Medium konsequent ignoriert.

(Man kann sich allerdings, wenn „Bild“ vom Internet entsprechend „Gebrauch gemacht“ hat, persönlich bei Dietrich von Klaeden von der Axel-Springer-AG beschweren, der sich dann nicht darum kümmert.)

Wo Kai Diekmann arbeitet, werden Fehler gemacht

21 Jun 12
21. Juni 2012

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann beherrscht eine Art Zaubertrick. Sein Standard-Vortrag, mit dem er vor einigen Jahren vor ihm gewogeneren Zuschauern auftrat, war in weiten Teilen ein Appell zur Selbstkritik. Er sagte darin Sätze wie: „Beim Boulevard ist Haltung und der Mut, Fehler einzugestehen, besonders wichtig.“ Er zählte dann viele, viele Fehler auf. Kein einziger war von ihm.

Und wer nicht genau aufgepasst hat, ging mit dem Gefühl nach Hause, dass dieser Diekmann ein wirklich vorbildlich selbstkritischer Journalist ist, ohne dass er es tatsächlich sein musste.

Das habe ich vor zweieinhalb Jahren geschrieben, aber das kann man ja immer wieder schreiben. Man kann alles immer wieder schreiben.

Der Branchendienst turi2 stellt heute ein aktuelles Zitat von Diekmann heraus:

„Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht. Das heißt aber nicht, dass da, wo mit großen Buchstaben gearbeitet wird, zwangsläufig die Fehler größer sind.“

Es stammt aus einem Interview mit dem MDR und war Diekmanns Schein-Antwort auf die Frage: „Gibt es Entscheidungen, die Sie am Ende bereut haben? Wo Sie gesagt haben, okay, das hätte in unserer Zeitung so nicht stehen dürfen?“

Er nannte natürlich kein Beispiel. Die alte Masche funktioniert also immer noch. Er muss sie nicht einmal variieren.

„Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht. Das heißt aber nicht: Wer mit besonders großen Buchstaben arbeitet, macht deshalb auch größere Fehler als andere. Wenn Fehler gemacht werden, muss man dazu aber auch stehen.“

(Kai Diekmann, Juni 2012, im Interview mit dpa.)

„Dort, wo gearbeitet wird, werden auch Fehler gemacht. Das gilt für ‚Bild‘ genauso wie für alle anderen Zeitungen und Medien. Fehler bei ‚Bild‘ sind allerdings oft besonders auffällig, weil wir mit so großen Buchstaben arbeiten.“

(Kai Diekmann, März 2012, im Interview mit „Die Presse“.)

„Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht. Macht ‚Bild‘ mal einen Fehler, ist es gleich eine bösartige Kampagne, wenn nicht gleich eine Fälschung. Fehler passieren allen.“

(Kai Diekmann, 2006, in einem Vortrag über den „Erfolg der Marke ‚Bild‘“.)

„Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht, leider. Große Buchstaben bedeuten aber nicht große Fehler.“

(Kai Diekmann, 2005, im Interview mit Maria Ellebracht und Katrin Zeug für das „Trendbuch Journalismus“.)

Wo gearbeitet wird, da werden Fehler gemacht. Das heißt nicht, daß wo mit besonders großen Buchstaben gearbeitet wird, deshalb auch besonders große Fehler gemacht würden.

(Kai Diekmann, 2004, in einem Brief an seine Mitarbeiter.)

„Wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht.“

(Kai Diekmann, 2001, im Interview mit dem „Spiegel“.)

Ich kann verstehen, wenn Kai Diekmann sich langweilt.

Bild. Macht. Politik.

14 Apr 12
14. April 2012
Spiegel Online

Der schönste und zugleich furchterregendste Satz fällt noch vor dem Vorspann. Edmund Stoiber formuliert ihn auf seine unnachahmliche Art: „Die ‚Bild‘-Zeitung ist schon ein Stück, wenn ich das mal so sagen darf, eine Art direkte Demokratie.“

Das würde der „Bild“ gefallen, das umreißt auch ihren unausgesprochenen Machtanspruch gut: Dass sie für das Volk spricht und in dieser Rolle direkten und massiven Einfluss auf die Politik ausüben darf. Stoibers Satz erklärt auch gut, warum die „Bild“ tatsächlich eine so große Macht hat: Nicht weil sie tatsächlich für das Volk spräche. Nicht einmal weil sie das Volk mit ihren Schlagzeilen und ihrer Parteilichkeit beeinflüsse. Sondern weil Politiker dem Blatt diese Macht zusprechen.

Im Juni wird die „Bild“-Zeitung sechzig Jahre alt. Zum Geburtstag hat die ARD ihr eine Dokumentation geschenkt. Sie läuft am kommenden Montag um 22.45 Uhr im Ersten und heißt etwas verquast: „Bild. Macht. Politik“.

Man könnte das Schlimmste erwarten: Das Verhältnis zwischen „Bild“ und der ARD ist zerrüttet. Im vergangenen Jahr arbeitete „Bild“ an einer großen Kampagne gegen die ARD, im Gegenzug rüstete sich die ARD, mit ähnlichen propagandistischen Mitteln zurückzuschießen.

Doch die Dokumentation von Christiane Meier und Sascha Adamek ist im besten Sinne unaufregt. Sie kommt ohne empörten Off-Kommentar aus, ordnet ihre Fundstücke nicht einer zentralen These unter, wahrt Distanz zu allen Beteiligten und setzt aus kleinen Steinen das Mosaik einer zutiefst widersprüchlichen Zeitung zusammen, die zugleich seriöses Leitmedium und skrupelloses Krawallblatt sein will und deren Wirken einem mindestens unheimlich sein sollte.

Die Dokumentation konzentriert sich fast ausschließlich auf die Rolle von „Bild“ im Politikbetrieb. Sie zeigt, wie sehr Politiker das Blatt fürchten – was für sich genommen natürlich für „Bild“ sprechen könnte: Eine Zeitung, die den Mächtigen unbequem ist, scheint ihrer journalistischen Aufgabe besonders gerecht zu werden.

Doch die Geschichten, die Politiker wie Claudia Roth und Gregor Gysi erzählen, sind keine Geschichten von kritischen Recherchen, sondern von Diffamierungen und Lügen. Man muss den stolzen Blick der Grünen-Chefin gesehen haben, wie sie die riesige Gegendarstellung zeigt, die sie 2005 durchgesetzt hat und von der die „Bild“ trotzdem versucht hat, mit einem Artikel über „Ekel-Kunst“ darüber abzulenken. „Das war der Sieg über die Unwahrheit“, sagt Roth und lässt keinen Zweifel daran, dass der schon psychologisch wichtig war.

„Bild“ hätte ihr, um diese Gegendarstellung zu verhindern, angeboten eine nette Homestory über sie zu bringen. Oder ein Exklusiv-Interview mit ihr. Auch andere berichten im Film von solchen „dreckigen Deals“, wie Claudia Roth das Angebot nennt. Der Bildhauer und „Bild“-Kritiker Peter Lenk sagt, er hätte ein ähnliches Angebot als Wiedergutmachung für eine Falschmeldung schon deshalb abgelehnt, weil ihm eine positive „Bild“-Geschichte „wie Scheiße am Bein“ hängen würde.

Solche Angebote zeigen, dass die „Bild“-Zeitung bereit ist, ihre Berichterstattung ganz anderen als journalistischen Erwägungen unterzuordnen. Und es gibt viele Indizien dafür. Der Film zählt die Interessenskonflikte nüchtern auf: Der Verzicht auf große kritische Schlagzeilen über den AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und seine umstrittenen Methoden – Maschmeyer ist unter anderem ein großer Förderer der „Bild“-Aktion „Ein Herz für Kinder“. Die wohlwollende Berichterstattung über Michael Mronz, den Lebenspartner von Guido Westerwelle – Mronz ist Vorstandsmitglied der „Bild“-Hilfsorganisation.

Und umgekehrt die Frage, ob „Bild“ den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff deshalb plötzlich so nachhaltig und unnachgiebig angriff, weil er „vielleicht ein ‚Bild‘-Aussteiger“ war. Gregor Gysi sagt über Wulff: „Ich glaube, sein Fehler bestand darin, dass er die ‚Bild‘-Zeitung nicht mehr wollte, nachdem er vorher mit ihr gut zusammengearbeitet hat. Weil er dachte, dass er wirklich Bundespräsident ist — das heißt, dass er ganz oben steht und sich das leisten kann. Und die „Bild“-Zeitung wollte ihm beweisen, dass er sich irrt. In diesen Kampf sind wir hineingeraten.“

Es ist ein roter Faden, dass „Bild“ letztlich unter dem Mantel des Journalismus immer wieder in eigener Sache kämpft: Für einen Politiker wie Karl-Theodort zu Guttenberg zum Beispiel, der möglicherweise gezielt zum neuen Kanzler aufgebaut werden sollte. Der frühere „Bild“-Freund Hans-Olaf Henkel, der das erzählt und sich bitter über „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und dessen Machtmissbrauch beklagt, wurde von dem Blatt kürzlich ohne ersichtlichen äußeren Anlass publizistisch vernichtet.

Es geht in diesem Film über die politische Macht von „Bild“ fast gar nicht um politische Inhalte, und das ist sehr treffend. Viel wichtiger als der Kampf um eine politische Ideologie scheint „Bild“ heute der Kampf um die Macht zu sein. Für Karl-Theodor zu Guttenberg sprach aus „Bild“-Sicht weniger ein konkretes politisches Programm des Politikers, als seine Popularität und die Nähe, die er ihr gewährte.

Den Eindruck, dass es um Inhalte irgendeiner Art am allerwenigsten geht, verstärken die Äußerungen von Kai Diekmann. Er versucht vor allem den Eindruck von Harmlosigkeit zu erzeugen und wirkt dabei gelegentlich wie ein niedliches Haustier. Einer ernsten Auseinandersetzung entzieht er sich, etwa wenn er auf die Frage nach der „Macht“ ausweicht: „Es geht auch nicht um Macht oder keine Macht, ich weiß auf jeden Fall, dass ich nicht der beliebteste Chefredakteur Deutschlands bin.“

Das treffende Fazit der ARD-Autoren lautet: „Ihre Millionenauflage macht ‚Bild‘ stark. Aber sie hat nur soviel Macht, wie Politiker ihr einräumen.“

Und damit könnte der Film eigentlich zuende sein, aber dann kommt noch ein Nachklapp. Es geht um die belgischen Kinder, die bei einem furchtbaren Busunglück in der Schweiz ums Leben gekommen sind und deren Gesichter „Bild“ auf der Titelseite gezeigt hat. Kai Diekmann erzählt mit seinem treuherzigen Gesicht von der „sehr würdevollen Darstellung“ und dass man natürlich über den Bürgermeister des Heimatortes die Genehmigung der Eltern gehabt hätte. Der Bürgermeister dementiert das schriftlich, seine Sprecherin vor der Kamera.

Es sind Szenen, die eigentlich vom Thema Politik wegführen, und die doch eine gute Aufforderung an den Zuschauer darstellen, sich an dieser Stelle und überhaupt zu fragen, ob er diesem Chefredakteur und seiner Zeitung trauen will.

Perpetuum Mobile

07 Jan 12
7. Januar 2012

Am vergangenen Montag, 2. Januar, berichtete „Spiegel Online“ exklusiv:

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE telefonierte Wulff auch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, Mathias Döpfner, um diesen zu bitten, bei Diekmann Einfluss zu nehmen. Doch der Konzernchef, in dessen Haus die „Bild“ erscheint, soll ihm in knapper Form beschieden haben, sich nicht in die Belange der Redaktion einmischen zu wollen.

Der Springer-Verlag antwortete zunächst nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob es ein Telefonat mit Döpfner gab. Am Nachmittag bestätigte dann der Verlag den Gesprächsversuch Wulffs mit dem Vorstandschef.

Was danach geschah:

dapd, 2. Januar, 16:14:

Wulff intervenierte auch bei Springer-Chef Döpfner wegen Artikel

(…) Wulff habe neben dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, auch beim Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, interveniert, sagte ein Sprecher des Konzerns am Montag der Nachrichtenagentur dapd.

Er bestätigte damit einen Bericht von „Spiegel Online“. (…)

epd, 2. Januar, 16:16:

„Süddeutsche Zeitung“: Wulff rief auch bei Springer-Chef Döpfner an

München (epd). Bundespräsident Christian Wulff hat nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ auch mit einem Anruf beim Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlages, Mathias Döpfner, versucht, die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung über die Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. „Es ist korrekt, dass der Bundespräsident auch Mathias Döpfner in dieser Angelegenheit angerufen hat und es ist auch korrekt, dass Herr Döpfner auf die Unabhängigkeit der Redaktion hingewiesen hat“, heiße es in einer schriftlichen Stellungnahme des Verlages, aus der die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrer Dienstagsausgabe zitiert. (…)

dpa, 2. Januar, 17:39:

Wulff wollte „Bild“-Bericht verhindern — Kritik und Protest

(…) Wie die „Bild“-Zeitung am Montag bestätigte, versuchte Wulff persönlich, die erste Veröffentlichung von Recherchen zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. Bei „Bild“- Chefredakteur Kai Diekmann habe er mit strafrechtlichen Konsequenzen für den verantwortlichen Redakteur gedroht. Auch bei Springer-Chef Mathias Döpfner intervenierte Wulff erfolglos. Das bestätigte der Verlag. (…)

dpa, 3. Januar, 15:37:

Der öffentliche Druck auf Wulff wird stärker

Berlin (dpa) — Wegen eines umstrittenen Kredits und seines Umgangs mit den Medien gerät Bundespräsident Christian Wulff immer mehr unter Druck. Ein Rückblick:

12. Dezember 2011: Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht, „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann zu erreichen, um die Veröffentlichung von Recherchen zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. Bei Springer-Chef Mathias Döpfner ruft er ebenfalls an — und laut einem Bericht auch bei Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer. (…)

epd, 4. Januar, 8:47:

(…) Seitdem nach dem Jahreswechsel öffentlich wurde, dass der Bundespräsident „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner angerufen hatte, um Berichterstattung über den Kredit zu verhindern, verschärfte sich der öffentliche Druck auf Wulff noch einmal deutlich. (…)

dpa, 4. Januar, 18:56:

Bundespräsident Christian Wulff hat ARD und ZDF am Mittwoch ein Interview gegeben. (…)

Ulrich Deppendorf: „Jetzt kommen wir mal zu den Kritikpunkten, die Ihnen vorgeworfen werden. Sie sind in den letzten Tagen besonders in die Kritik geraten wegen der Anrufe bei dem Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, und bei dem Vorstandsvorsitzenden des Springer-Konzerns, Herrn Döpfner. Ihnen wird Verletzung des Grundrechts der Pressefreiheit vorgeworfen. Sie sollen auf dem Band beide Herren bedroht haben. Sie sprechen von Krieg führen, vom endgültigen Bruch. (…)“

epd, 5. Januar, 8:57:

(…) Seitdem nach dem Jahreswechsel Wulffs Anrufe bei Diekmann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner bekanntgeworden waren, hatte sich der öffentliche Druck auf den Präsidenten noch einmal deutlich erhöht. (…)

dpa, 6. Januar, 15:20

„Bild“ contra Wulff — ein Rückblick

Berlin (dpa) — Es war ein Bericht der „Bild“-Zeitung, der Bundespräsident Christian Wulff Mitte Dezember in Erklärungsnot brachte. Jetzt streiten beide über einen ominösen Telefonanruf. Ein Rückblick:

12. Dezember 2011: Bundespräsident Wulff besucht die Golfregion und versucht, „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann zu erreichen, um die Veröffentlichung von Recherchen zur Finanzierung seines Privathauses zu verhindern. Bei Springer-Chef Mathias Döpfner ruft er ebenso an. (…)

Reuters, 7. Januar, 17:58:

Spiegel — Wulff soll auch Springer-Chef Döpfner gedroht haben

Berlin, 07. Jan (Reuters) — Bundespräsident Christian Wulff soll einem Medienbericht zufolge neben dem „Bild“-Chefredakteur auch Springer-Verlagschef Mathias Döpfner mit scharfen Worten gedroht haben, um die Veröffentlichung eines Berichts über seine Kreditaffäre zu verhindern. (…)

dapd, 7. Januar, 18:08:

Spiegel: Wulff soll auch Springer-Chef Döpfner gedroht haben

Berlin (dapd). Bundespräsident Christian Wulff soll auch Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner gedroht haben. (…)

dpa, 7. Januar, 18:34:

„Spiegel“: Wulff soll auch Döpfner gedroht haben

Berlin (dpa) — In der Affäre um einen Anruf von Bundespräsident Christian Wulff beim Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, kommen weitere Details ans Licht. Nach Informationen des Nachrichten-Magazins „Der Spiegel“ soll Wulff dem Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlags, Mathias Döpfner, mit ähnlichen Worten gedroht haben wie dem „Bild“-Chef. Eine Stellungnahme des Präsidialamtes war am Samstagabend zunächst nicht zu erhalten, ebenso wenig vom Springer-Verlag. (…)

dpa, 7. Januar, 19:22

Springer bestätigt Bericht über Wulff-Drohung bei Döpfner

Berlin (dpa) — Der Springer-Verlag hat einen Medienbericht bestätigt, demzufolge Bundespräsident Christian Wulff in der Kreditaffäre auch Verlagschef Mathias Döpfner gedroht haben soll. „Wir können die Darstellung des „Spiegels“ bestätigen, wollen das aber nicht weiter kommentieren“, sagte der für die „Bild“-Zeitung zuständige Sprecher Tobias Fröhlich am Samstagabend auf Anfrage. (…)

dapd, 7. Januar, 19:36:

Wulff soll auch Springer-Chef Döpfner gedroht haben
(Neu: Bestätigung Verlagssprecher) (…)

„Spiegel Online“, aktuell:

Kampagnen-Kamikaze bei der ARD

14 Jul 11
14. Juli 2011

Ich habe ein bisschen den Überblick verloren, wie viele ARD-Leute mich in den vergangenen Wochen angerufen haben, um mich zu fragen, ob ich nicht in ihren Sendungen erzählen möchte, wie schlimm die „Bild“-Zeitung ist. Der halbe WDR scheint mit der Recherche (oder jedenfalls: Akquise) beschäftigt zu sein; neben mehreren Radiosendern wollen offenbar auch Fernsehsendungen wie „Monitor“ und „Aktuelle Stunde“ dringend mal etwas über „Bild“ und ihre Methoden und Macher bringen. Hinzu kommen Anfragen aus dem Hauptstadtstudio und vom MDR. Insgesamt sind es sicher ein gutes halbes Dutzend, zwei weitere gingen bei BILDblog-Chef Lukas Heinser ein.

Es klingt undankbar, sich über soviel Aufmerksamkeit und Interesse zu beklagen, und eigentlich freue ich mich, wenn sich jemand kritisch mit der „Bild“-Zeitung beschäftigen möchte. Aber hinter der Flut von Anfragen steht kein journalistisches Interesse an „Bild“, sondern die prophylaktische Munitionierung gegen eine erwartete „Bild“-Kampagne. Sie rechnen bei der ARD mit dem Schlimmsten — wobei nicht ganz klar ist, ob das Schlimmste vernichtende Wahrheiten oder schamlose Lügen wären.

Jedenfalls wurde offenbar flächendeckend Panik angeordnet, um auf einen Angriff mit einem Gegenangriff reagieren zu können. Das Ausmaß des Aktionismus ist in jüngerer Zeit einzigartig, und auch den Kollegen, die deshalb ausschwärmen, um Kronzeugen wie mich anzusprechen, ist nicht allen wohl bei dem, was sie da tun (müssen).

Ulrike Simon berichtet heute in der „Berliner Zeitung“, dass die ARD-Intendanten beschlossen hätten, eine „virtuelle Medienredaktion“ einzurichten, die eine Kampagne gegen „Bild“ koordiniere. Sie schreibt: „Der Verdacht liegt nah, dass die Intendanten der ARD Medienjournalismus als probates Mittel zur Instrumentalisierung für eigene Interessen sehen.“

Das ist auf Seiten der meisten Verlage insbesondere im Kampf gegen ARD und ZDF nicht anders, aber das macht die Sache nicht besser.

Am Schlimmsten wäre es, wenn das stimmt, was Ulrike Simon noch schreibt: Die ARD-Intendanten wollten mit ihrer Anti-„Bild“-Kampagne „den ersten Schuss“ von „Bild“ gegen den Senderverbund abwarten: „Sollte das Blatt die Serie unter Verschluss halten, werde auch die virtuelle Medienredaktion wieder in der Versenkung verschwinden.“ Wie entlarvend: Die ARD-Oberen wollen die zweifelhaften Methoden der „Bild“-Zeitung nur dann anprangern, wenn sie selbst davon betroffen sind? Solange „Bild“ sich nur an anderen Opfern abarbeitet, ist das kein großes Thema? Schlimm ist an „Bild“ aus ARD-Sicht vor allem, dass sie die ARD angreift?

Der Fairness halber muss man sagen, dass es in der ARD durchaus Medienjournalismus gibt, der sich nicht als Unternehmenskommunikation mit anderen Mitteln versteht, bei „Zapp“ und im Medienmagazin von Radio Eins, zum Beispiel.

Ist es legitim, auf eine Kampagne mit einer Gegenkampagne zu antworten? Insbesondere dann, wenn der Verdacht naheliegt, dass die „Bild“-Kampagne ihrerseits nicht journalistisch motiviert ist, sondern die aktuelle juristische und publizistische Großoffensive des Springer-Verlags begleiten und unterstützen soll?

Natürlich kann die ARD, wenn die Vorwürfe der „Bild“ unberechtigt sind, ihr die Fehler um die Ohren hauen (und ich bin dabei, wenn ich kann, gerne behilflich). Und natürlich kann sie, falls die Vorwürfe der „Bild“ berechtigt sein sollten, ihre Hörer und Zuschauer darauf hinweisen, wie einseitig die Berichterstattung seit Jahren ausfällt und was der Grund dafür ist. Das könnte aber — je nachdem, über was für Vorwürfe wir hier reden — schon nicht mehr ganz so überzeugend sein. Aber auf Kritik reflexartig mit Gegenkritik zu reagieren, ist eigentlich nicht zufällig eine Spezialität der „Bild“-Zeitung. (Als der „Spiegel“ vor ein paar Monaten versucht hat, groß und kritisch über „Bild“ zu schreiben, standen in „Bild“ danach unvermittelt tagelang Abgesänge auf das Magazin. Vielleicht hat das die ARD-Intendanten positiv beeindruckt.)

Der gegenwärtige Aktionismus der ARD ist vor allem eines: sensationell ungeschickt. Man muss die geplante Gegenkampagne nicht einmal medienethisch würdigen, sondern kann sich allein auf die Frage beschränken, ob sie hilfreich ist. Spätestens seit ihrem Bekanntwerden heute lässt sich das klar verneinen.