Archiv zum Stichwort: Bild-Zeitung

Kurz verlinkt (48)

07 Mrz 10
7. März 2010

(…) Ich bin der Sohn eines Griechen, der während der Militärdiktatur nach Deutschland emigriert ist, und nach dem Ende der Junta in den griechischen Staatsdienst gegangen ist, weil er gelernt hat, dass Demokratie etwas ist, das man sich jeden Tag erarbeiten muss. Und ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Menschen getroffen, der auch nur annähernd so viel arbeitet wie mein Vater. Heute liest er offene Briefe in der Bild-Zeitung, im Stern und wo nicht noch alles, in denen Journalisten Deutschland zur reichen Tante fantasieren, die jetzt aber streng mit ihrem frechen Neffen sein muss, weil der so unverantwortlich mit ihrem Geld herumwirft. Ich bin selbst Journalist und ich schäme mich, wenn ich daran denke, dass mein Vater das liest. (…)

Ich kann die Verachtung nicht in Worte fassen, die ich für die Kollegen mit ihren offenen Briefen empfinde, die sich ohne jede Recherche einen demütigenden Witz nach dem anderen aus den Fingern gesaugt haben, die sehenden Auges Vorurteile bis hin zum rassistischen Hass geschürt haben und die dabei nichts erreicht haben als den Zockern in den entsprechenden Investmentbanken noch ein bisschen in die Hände zu spielen. (…)

Bitte lesen Sie diesen Text von Michalis Pantelouris.

„Bild“ und Althaus gescheitert

03 Sep 09
3. September 2009

Das war für mich die beste Nachricht am vergangenen Sonntag: dass die Wähler in Thüringer sich massenhaft von Dieter Althaus abwandten. Ich habe selten etwas so Schäbiges erlebt wie den Versuch dieses CDU-Ministerpräsidenten, den von ihm verursachten Ski-Unfall, bei dem eine Frau ums Leben kam, für sich zu instrumentalisieren.

Nun ist er endlich zurückgetreten und kann sich ganz dem Beten, dem Nordic Walking und dem „Erfahren von Vergebung“ widmen.

Ich muss zugeben, dass mich diese Niederlage auch aus einem anderen Grund freut: Es ist eine weitere Niederlage für „Bild“. Die „Bild“-Zeitung war der Medienpartner von Althaus bei seinem schamlosen Comeback-Wahlkampf. Sie bekam exklusive Fotos und revanchierte sich dafür mit Unwahrheiten in seinem Sinne und mit Wahlwerbetexten. Sie erklärte ihn für gesund, für nicht vorbestraft, für treu und verleugnete sogar ihre eigene Berichterstattung, um sich ganz in den Dienst Althaus‘ zu stellen.

Das entspricht ganz dem Prinzip, nach dem die „Bild“-Zeitung unter Kai Diekmann funktioniert: Wer ihr hilft, dem hilft sie. Wer exklusiv mit „Bild“ zusammenarbeitet, wird dafür mit freundlicher Berichterstattung belohnt. Es ist ein Prinzip, das mehr auf Freundschaften und gegenseitigen Abhängigkeiten beruht als auf Überzeugungen, aber am besten funktioniert es natürlich immer noch mit Menschen, die auch politisch dem Blatt und seinem erzkonservativen Chefredakteur nahe stehen.

Es muss so verlockend sein für jeden Politiker, die Zeitung mit ihren immer noch über elf Millionen Lesern auf seiner Seite zu wissen. Die politische Macht der „Bild“-Zeitung beruht nicht zuletzt darauf, von Politikern für mächtig gehalten zu werden. Dabei ist der tatsächliche Einfluss des Blattes auf seine Leser offenkundig deutlich geringer.

Roland Koch musste das im vergangenen Jahr ähnlich schmerzhaft erfahren wie jetzt Dieter Althaus: Die „Bild“-Zeitung hatte sich begeistert zum Wahlhelfer gemacht und seinen Versuch, auf dem Rücken von Ausländern wiedergewählt zu werden, mit einer großen schlimmen Kampagne gegen „kriminelle Ausländer“ unterstützt. Geholfen hat es Koch offenkundig nicht: Seine CDU stürzte um 12 Prozentpunkte ab, genau wie jetzt die CDU in Thüringen.

Auch Edmund Stoiber konnte die Bundestagswahl 2002 trotz einseitiger Parteinahme der „Bild“-Zeitung nicht gewinnen.

Nun kann es natürlich sein, dass all diese CDU-Wahlkämpfer ohne die Unterstützung durch „Bild“ noch deutlicher gescheitert wären. Aber wenn die „Bild“-Propaganda überhaupt einen positiven Effekt hatten, kann er so groß nicht sein.

Die Liste der in jüngster Zeit von „Bild“ verlorenen Wahlen ist ansehnlich: In Berlin scheiterte sowohl das von „Bild“ massiv unterstützte Volksbegehren „Pro Reli“ als auch der von „Bild“ massiv unterstützte Volksentscheid für den Erhalt des Flughafens Tempelhof. Auf Bezirksebene scheiterte ein von „Bild“ unterstützter Versuch, die Umbenennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße zu verhindern. Dagegen war ein Bürgerentscheid „Spreeufer für alle!“, der von „Bild“ abgelehnt wurde, erfolgreich.

Nun ist es natürlich keine Schande, als Zeitung eine Minderheitenmeinung zu vertreten und zu unterstützen. Als Boulevardzeitung mit einer Mission und riesiger Reichweite würde ich mir aber schon Gedanken darüber machen, warum es mir nicht gelingt, die Leute zu überzeugen und zu mobilisieren. Womöglich sind die Leser gar nicht dumm genug, auf eine Agitation hereinzufallen, die so plump, einseitig, schrill und verlogen ist wie zum Beispiel die „Bild“-Kampagne für „Pro Reli“. Womöglich würde sie eine ernsthafte, faire Auseinandersetzung sogar eher überzeugen. Das ist allerdings eine Disziplin, die die „Bild“-Leute nicht beherrschen. Wenn sie ihre Leser von einer Sache überzeugen wollen, fangen sie an zu lügen, zu verdrehen und zu brüllen.

(Unter diesem Gesichtspunkt müsste man auch fragen, wie hilfreich es ist, dass „Bild“ auch ausgerechent mit den „Bild“-Methoden des Weglassens, Verdrehens und Schreiens versucht, der Springer-Doktrin gerecht zu werden, den Staat Israel zu unterstützen.)

Vermutlich liegt es aber nicht nur an den Methoden, sondern auch daran, wofür „Bild“ kämpft. Die nicht unbedingt sympathischste, aber naheliegendste Richtschnur für die Position einer Boulevardzeitung wäre schlichter Populismus. Eine solche Boulevardzeitung hätte ihr Ohr ganz dicht am Volk und in Thüringen vielleicht sogar frühzeitig gemerkt, dass es dort wenig Lust auf eine weitere Althaus-Regierung gibt, und nicht unbedingt auf den absehbaren Verlierer gesetzt. Doch die Positionen von „Bild“ sind häufig von den politischen Überzeugungen ihrer Macher geprägt — oder eben dem schlichten Freund-Feind-Prinzip, das Kai Diekmann perfektioniert hat.

Wer aber eine Zeitung nach den Interessen solcher Seilschaften ausrichtet, darf sich nicht wundern, wenn sich das Publikum abwendet. Seit Kai Diekmann Chefredakteur ist, hat die „Bild“-Zeitung weit über eine Million oder ein Viertel ihrer Käufer verloren. Sicher nicht nur aus den beschriebenen Gründen, aber womöglich auch.

Eigentlich sind es ethische Gründe, die dagegen sprechen, sich als Politiker mit der „Bild“-Zeitung einzulassen. Angesichts des Schicksals von Dieter Althaus und den anderen spricht inzwischen auch die schlichte Empirie dagegen.

Kurz verlinkt (41)

20 Aug 09
20. August 2009

Ich würde Ihnen gerne die BILDblog-Geschichte zu diesem Foto und dem unglücklichen Mann hinten rechts in der Jeansjacke ans Herz legen. Nicht nur, weil es so ein lustiges Photoshop-Desaster ist. Sondern auch, weil sich in ihr auf wunderbare Weise das übliche Schlampertum von Bild.de und die übliche Manipulationssucht der gedruckten „Bild“-Zeitung ergänzen:

Wer erklärt mir den Raab?

29 Nov 08
29. November 2008

Ähm…

…nachdem mir Michael auch nicht weiterhelfen kann, muss ich jetzt doch mal in die Runde fragen: Kann mir jemand erklären, was daran beleidigend war?

Stefan Raab sagte bei der Bambi-Verleihung: „Ich möchte mich heute Abend mal bei einer Frau bedanken, ohne die ich nicht hier oben stünde. Bei Uschi Glas. Danke Mama!“

Ich verstehe, ehrlich gesagt, schon den Witz daran nicht, aber wo ist die Beleidigung? Uschi Glas ist 22 Jahre älter als Stefan Raab, sie könnte rein rechnerisch seine Mutter sein — ein Alterswitz ist es also nicht. Was sonst? Die „Bild“-Mitarbeiter Dominik Hug und Annette Pawlu sprechen von einer „Verbal-Attacke“ und nennen es „einen fiesen verbalen Seitenhieb“ — auf was?

Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint: Hä?

[Ausriss: off the record]

Factually Incorrect (6)

24 Nov 08
24. November 2008

Das Schöne an dieser BILDblog-Geschichte ist, dass sie nebenbei auch wieder das erfolgreiche ausländerfeindliche Blog „Politically Incorrect“ bloßstellt — und in knappster Form zeigt, wie dessen Desinformation funktioniert.

Denn die Aussage, die sie Cem Özdemir zuschreiben, ist nicht nur falsch. Sie ist auch Unsinn, weil ein türkischstämmiger Bundeskanzler ebenso wenig seinen Amtseid „auf den Koran“ ablegen wird wie bisherige deutschstämmige Bundeskanzler „auf die Bibel“. Aber sie genügt, um (mindestens fahrlässig unterstützt durch „Bild“) Hunderte Kommentatoren und Leser in ihrem Glauben zu bestärken, dass es mit Deutschland zuende geht.

So einfach funktioniert „Politically Incorrect“: Lügen + Ahnungslosigkeit = Hass.