Geht sterben (2)

Um 10.25 Uhr hat ges­tern ein Leser die Redak­tion des Online-Angebotes der »Rhei­ni­schen Post« dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich bei ihrer von AFP über­nom­me­nen und (wie bei »RP Online« üblich) zum Eigen­be­richt umde­kla­rier­ten Mel­dung über das geplante EU-Verbot von Syn­chro­ni­sa­tio­nen im öffentlich-rechtlichen Fern­se­hen um eine Falsch­mel­dung handelte:

Er fügte als Beweis einen Link zur Home­page des Euro­pa­par­la­men­tes bei und fasste sei­nen Kom­men­tar sicher­heits­hal­ber mit den Wor­ten zusammen:

Noch­mal: Nie­mand im EP hat vor, Syn­chro­ni­sie­run­gen zu verbieten.

Vier Minu­ten spä­ter kom­men­tierte ein ande­rer Leser an der glei­chen Stelle:

Viel­leicht hat die RP hier etwas missverstanden?

(…) Wer sich die Pres­se­mit­tei­lung des Par­la­ments ein­mal anschaut, wird schnell fest­stel­len, um was es dabei wirk­lich geht: darum, TV-Informationen gene­rell mit Unter­ti­teln für Hör­ge­schä­digte zu ver­se­hen. (In ARD und ZDF ist das bei vie­len Sen­dun­gen auch jetzt schon üblich.) Dass man dies so inter­pre­tiert, als wolle das Euro­päi­sche Par­la­ment die Syn­chro­ni­sie­rung von Fil­men ver­bie­ten, ist … tja, was? Dumm­heit? Böse Absicht?

Am Fuß der Pres­se­info http://www.europarl.europa.eu/news/expert/… ist ein Link zum Text der Erklä­rung. Ein­fach mal nachlesen. :)

Und was mach­ten also die Leute von »RP Online« mit die­sen sach­dien­li­chen Hin­wei­sen? Was sie unge­fähr immer machen: Sie igno­rier­ten sie.

Und als dann am Nach­mit­tag um 16:40 Uhr die Agen­tur AFP ihre Falsch­mel­dung end­lich zurück­zog, was mach­ten die Leute von »RP Online« dann? Was sie unge­fähr immer machen: Sie lösch­ten kom­men­tar­los die ganze Seite, mit­samt den Hin­wei­sen. Statt­des­sen steht da nur noch eine Fehlermeldung:

Ich bin mir nicht sicher, ob die­ser Umgang mit Kri­tik bei den bei­den hilf­rei­chen Kom­men­ta­to­ren und denen, die ihre Kom­men­tare gele­sen haben, das Anse­hen der »Rhei­ni­schen Post« gemehrt hat. Aber das ist sicher ohne­hin nur eine ver­schwin­dend kleine Min­der­heit. Sicher kann die »Rhei­ni­sche Post« auf diese paar Leute als Leser gut ver­zich­ten. Sie macht dann halt ein Medi­en­an­ge­bot für all die Ahnungs­lo­sen, Unkri­ti­schen, Des­in­ter­es­sier­ten. (Und für die­je­ni­gen, natür­lich, denen es vor allem wich­tig ist, dass ein »Arti­kel« über ein angeb­li­ches Sex-Video mit Shakira nicht weni­ger als vier Foto­ga­le­rien ent­hält. Ich schweife ab.)

Es sind nicht alle so. Der »Spie­gel« hat sei­nen Gaga-Artikel über die angeb­li­chen EU-Pläne immer­hin kor­ri­giert und mit einem aus­führ­li­chen Hin­weis auf die Kor­rek­tur ver­se­hen. Das Medi­en­ma­ga­zin »DWDL« hat seine Mel­dung (ohne Erklä­rung) über­ar­bei­tet und sich im Redak­ti­ons­blog ent­schul­digt.

Hier enden die posi­ti­ven Beispiele.

Die »Bild«-Zeitung hat den Feh­ler, den sie ges­tern auf ihrer ers­ten Seite ver­brei­tete, der Ein­fach­heit hal­ber gar nicht korrigiert.

Das erscheint mir aller­dings fast weni­ger unan­stän­dig als das, was »WAZ«–Autor Heiko Kruska heute zu schrei­ben gefiel:

Die Dis­kus­sion um EU-Pläne, deut­sche Syn­chro­ni­sa­tion abzu­schaf­fen, löste sich am Don­ners­tag in Luft auf. Eine Nach­rich­ten­panne in Brüs­sel hatte Öffentlich-Rechtlichen und der Syn­chron­bran­che die Spra­che verschlagen.

Das Euro­pa­par­la­ment will TV-Filme in öffentlich-rechtlichen Sen­dern nur noch als Ori­gi­nal ohne deut­sche Syn­chron­über­set­zung lau­fen las­sen, hieß es am Mitt­woch­nach­mit­tag aus Brüs­sel. Eine glatte Fehl­mel­dung, wie sich ges­tern her­aus­stellte. Eine Nach­rich­ten­agen­tur hatte sich ver­zet­telt – was indes einige Poli­ti­ker nicht davon abhielt, ernst­haft zur fik­ti­ven Mate­rie Stel­lung zu beziehen. (…)

Die »Nach­rich­ten­panne« ein­fach mal klar in Brüs­sel zu ver­or­ten, weit weg vom »WAZ«-Sitz in Essen — soviel Schö­nung ist viel­leicht nor­mal. Aber wie sehr muss man sei­nen Lesern (und sich selbst) etwas vor­ma­chen wol­len, wenn man sich über »einige Poli­ti­ker« mokiert, die »ernst­haft zur fik­ti­ven Mate­rie Stel­lung« bezo­gen, und nicht erwähnt, dass das Ver­zet­teln einer Nach­rich­ten­agen­tur »indes« ihn selbst nicht davon abhielt, einen schwach­sin­ni­gen Kom­men­tar zum Thema zu ver­fas­sen und per Pres­se­mit­tei­lung in die Welt zu pus­ten — wo er hof­fent­lich auf alle Zeit als Mahn­mal für die Däm­lich­keit und Ver­lo­gen­heit von Herrn Kruska ergoo­gelt wer­den kann.

Natür­lich ist der Feh­ler auch im soge­nann­ten Kor­rek­tur­blog des »WAZ«-Onlineportals »Der Wes­ten« nicht kor­ri­giert. Um das zu wis­sen, hätte ich dort aber auch nicht nach­gu­cken müs­sen. Nach­dem dort in den letz­ten fünf Mona­ten kein ein­zi­ger Feh­ler kor­ri­giert wurde: Könnte man die­sem Blog viel­leicht end­lich den Gna­den­schuss verpassen?

Rüh­rend auch die Kol­le­gen von »Welt Online«. Die haben sogar ges­tern nach­mit­tag noch einen eige­nen Bei­trag zur Ente veröffentlicht:

Als irgend­je­man­dem schließ­lich auf­fiel, dass ARD und ZDF zu Recht ein Miss­ver­ständ­nis ver­mu­te­ten, wurde der Arti­kel ein­fach wie­der ent­fernt. Ohne Kom­men­tar, ohne Erklä­rung, ohne Ersatz. Mit ande­ren Wor­ten: Der Jour­na­lis­ten von »Welt Online« sehen sich nicht in der Lage, die­ses Miss­ver­ständ­nis auf­zu­klä­ren. Sie kön­nen den Feh­ler nur ent­we­der ver­brei­ten oder ihn nicht verbreiten.

Was für eine Bankrotterklärung.

Geht sterben

Die Beklopptheit deut­scher Medien ist grenzenlos.

Fast über­all steht die Mel­dung, dass nach einem Vor­stoß des EU-Parlaments die Syn­chro­ni­sa­tion aus­län­di­scher Bei­träge bei ARD und ZDF abge­schafft und durch Unter­ti­tel ersetzt wer­den soll. Das ist Hum­bug. Tat­säch­lich sol­len öffentlich-rechtlichen Fern­seh­pro­gramme alle unter­ti­telt wer­den. Mit der Syn­chro­ni­sa­tion hat das sehr wenig zu tun. Genauer gesagt: nichts.

Aus die­sem Grund kommt das Wort oder auch nur der Gedanke der Syn­chro­ni­sa­tion fremd­sprach­li­cher Pro­gramme zum Bei­spiel in der Pres­se­mit­tei­lung des EU-Parlaments zum Thema nicht vor. Er fehlt auch in der »schrift­li­chen Erklä­rung«, die die Mehr­heit der Par­la­men­ta­rier beschlos­sen hat [pdf]. Der ent­schei­dende Satz dort lautet:

Das Euro­päi­sche Par­la­ment […] ver­tritt die Ansicht, dass die Unter­ti­te­lung aller öffentlich-rechtlichen Fern­seh­pro­gramme in der EU uner­läss­lich ist, um zu gewähr­leis­ten, dass alle Zuschauer, ein­schließ­lich der Tau­ben und der Schwer­hö­ri­gen, Zugang zum voll­stän­di­gen Pro­gramm­an­ge­bot haben; ist der Auf­fas­sung, dass dadurch außer­dem das Erler­nen von Fremd­spra­chen geför­dert wird (…).

Ver­mut­lich hat die Nach­rich­ten­agen­tur AFP das mit dem »Erler­nen von Fremd­spra­chen« falsch ver­stan­den: Die Fremd­spra­che, um die es geht, wäre im Fall von ARD und ZDF natür­lich Deutsch.

Jeden­falls hat AFP (anders als die Agen­tur AP, die nüch­tern und kor­rekt berich­tet) aus dem Beschluss eine Mel­dung gemacht, die auf der Grund­lage die­ses Miss­ver­ständ­nis­ses den Feh­ler mit freien, fan­ta­sie­vol­len Impro­vi­sa­tio­nen zum Thema Syn­chro­ni­sa­tion zu schwin­del­er­re­gen­der Größe aufpumpt:

Fern­seh­filme in Eng­lisch oder ande­ren Spra­chen sol­len nach dem Wil­len des Euro­pa­par­la­ments künf­tig in ARD und ZDF nur noch im Ori­gi­nal mit Unter­ti­teln lau­fen. Eine ent­spre­chende Erklä­rung gegen die Syn­chro­ni­sier­wut nah­men die Abge­ord­ne­ten in Brüs­sel an. Das Par­la­ment for­derte die EU-Kommission auf, einen Geset­zes­vor­schlag vor­zu­le­gen, nach dem öffentlich-rechtliche Fern­seh­sen­der in der EU künf­tig alle Sen­dun­gen unter­ti­teln müss­ten. Auch eine Rede von US-Präsident George W. Bush in der Tages­schau müsste danach im Ori­gi­nal gezeigt werden.

Ori­gi­nal­ver­sio­nen trü­gen nicht nur zum Ler­nen von Fremd­spra­chen bei, son­dern seien auch bes­ser für Schwer­hö­rige oder Taube, heißt es in dem Beschluss­text. Die Abge­ord­ne­ten ver­wie­sen auf einen Beschluss der bri­ti­schen BBC, die seit Anfang des Monats alle Pro­gramme mit Unter­ti­teln ver­sieht. Auch in Län­dern wie Bel­gien oder den Nie­der­lan­den sind Ori­gi­nal­ver­sio­nen im Fern­se­hen üblich.

Um es noch ein­mal deut­lich zu sagen: Das ist alles, alles Unfug. Das Wort »Ori­gi­nal­ver­sion« kommt im Beschluss­text nicht ein­mal vor. Um die »Syn­chro­ni­sier­wut« (was immer damit gemeint sein mag) geht es in kei­nem Neben­satz. Ob George W. Bush im Ori­gi­nal gezeigt wer­den müsste, steht da nicht. Und die lang­jäh­rige Pra­xis der Nie­der­lande und Bel­gi­ens hat nichts mit dem Thema zu tun. Nur der Ver­weis auf die BBC stimmt — und wäre ein Hin­weis dar­auf gewe­sen, dass es über­haupt nicht um die Frage der Syn­chro­ni­sa­tion geht.

Was AFP mel­det, wäre, wenn es stimmt, der Ham­mer. Und was machen deut­sche Medien mit einer Mel­dung, die total unwahr­schein­lich ist und nach einem April­scherz klingt? Rich­tig: Man recher­chiert sie erst ein­mal nach druckt sie sofort unge­prüft nach.

Und so zieht der Schwach­sinn seine Kreise. Zunächst über die übli­chen Ver­däch­ti­gen wie den Online-Ableger der »Rhei­ni­schen Post«, »RP Online«, der Nach­rich­ten von Agen­tu­ren ein­fach als seine eige­nen Mel­dun­gen mit­samt »RPO« als Quelle umde­kla­riert, aber ansons­ten prak­tisch unbe­ar­bei­tet über­nimmt:

Gegen Syn­chro­ni­sie­rung
EU-Parlament: Fern­seh­filme nur noch mit Untertiteln

»Spie­gel Online« berich­tet:

ABSCHAFFUNG DER SYNCHRONISIERUNG: Bush bald nur noch mit Untertiteln? Anhänger fremdsprachiger Originalversionen dürfen sich freuen: Wenn es nach dem Willen des Europaparlaments geht, sollen Fernsehfilme in Deutschland bald im Original und mit Untertiteln gezeigt werden. Selbst die "Tagesschau" wäre betroffen.

Die »Bild«-Zeitung mel­det heute auf ihrer Titelseite:

Ausländische TV-Filme nur mit Untertiteln? Brüssel - Fernsehfilme in Englisch oder anderen Sprachen sollen nach dem Willen des Europa-Parlaments künftig in ARD und ZDF nur noch im Original mit Untertiteln laufen. Das Parlament forderte die EU-Kommission auf, einen Gesetzesvorschlag vorzulegen, nach dem öffentlich-rechtliche Fernsehsender in der EU künftig Sendungen untertiteln müssten.

Die »West­fä­li­sche Rund­schau« fan­ta­siert:

Würde der Plan in die Tat umgesetzt, hieße das für deutsche Zuschauer: "Inspector Barnaby" spricht Englisch - und "Dr. House" Deutsch. Unterschied: Barnaby fahndet im ZDF, Dr. House praktiziert bei RTL.

Selbst der Medi­en­re­dak­teur der »Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung« [Dis­clo­sure: für deren Sonn­tags­aus­gabe ich regel­mä­ßig schreibe] hat den Schmarrn unbe­se­hen geglaubt und empört sich:

Alles auf Eng­lisch?
EU soll Syn­chro­ni­sa­tion verbieten

Das Euro­pa­par­la­ment hat ein selt­sa­mes Ver­ständ­nis von Pres­se­frei­heit. Die Abge­ord­ne­ten haben näm­lich, wie die Agen­tur AFP mel­det, die EU-Kommission auf­ge­for­dert, die Syn­chro­ni­sa­tion fremd­spra­chi­ger Pro­gramme im öffentlich-rechtlichen Fern­se­hen zu unter­sa­gen. So dürf­ten Fern­seh­filme bei ARD und ZDF nur noch im Ori­gi­nal mit Unter­ti­teln lau­fen, betref­fen würde dies sogar die Nach­rich­ten. Ori­gi­nal­ver­sio­nen trü­gen zum Ler­nen von Fremd­spra­chen bei und seien bes­ser für Schwer­hö­rige oder Taube geeig­net, heißt es in dem Beschluss.

Der Köl­ner »Express« sieht alle seine Vor­ur­teile bestä­tigt:

Neuer EU-Wahnsinn
Aus­län­di­sche Filme nur noch mit Untertiteln

Brüs­sel — Die Span­nung steigt, Schüsse fal­len. Aber lei­der hat kei­ner gese­hen, wer im Krimi geschos­sen hat … So könnte es in Zukunft TV-Zuschauern erge­hen. Denn statt gebannt die Hand­lung zu ver­fol­gen, müs­sen sie künf­tig Unter­ti­tel lesen…

Das EU-Parlament for­dert jetzt näm­lich, dass aus­län­di­sche Filme nur noch in Ori­gi­nal­spra­che mit Unter­ti­teln lau­fen dürfen!

Schon wie­der so eine irre For­de­rung der EU-Politiker. Sophie Mar­ceau spricht im Film fran­zö­sisch und Keira Kneight­ley eng­lisch. Syn­chron­spre­cher haben aus­ge­dient. Statt des­sen läuft ein Unter­ti­tel mit: So stel­len sich die EU-Parlamentarier die schöne neue Fern­seh­welt vor. (…)

In der »West­deut­schen All­ge­mei­nen Zei­tung« kom­men­tiert Heiko Kruska:

Thank you, EU!

(…) Dem Euro­pa­par­la­ment ist also zu gra­tu­lie­ren für sei­nen Vor­stoß. Bleibt zu hof­fen, dass nie­man­den Skru­pel beschlei­chen ob der unzäh­li­gen Arbeits­lo­sen in der Syn­chron­bran­che oder einer Wett­be­werbs­ver­zer­rung. Der Kon­kur­renz vom Pri­vat­fern­se­hen soll ja nicht der Mund ver­bo­ten werden.

Heute sahen sich dann meh­rere Online-Medien offen­bar unter Zug­zwang und füg­ten der Falsch­mel­dung einen wei­te­ren Feh­ler hinzu: So nennt das Medi­en­ma­ga­zin DWDL als Quelle für den Schwach­sinn nicht mehr AFP — son­dern »Spie­gel Online«, obwohl im dor­ti­gen Arti­kel die Agen­tur ange­ge­ben ist. DWDL schreibt:

Im Zuge der Europäischen Union könnte die Luft für die deutsche Synchronisationskultur in Film und Fernsehen eng werden. Wie "Spiegel Online" berichtet, forderten die EU-Abgeordneten die EU-Kommission auf, ein Gesetz zu entwickeln, das öffentlich-rechtlichen Sendern vorschreibt, fremdsprachige Sendungen im Originalton mit Untertiteln zu zeigen.

Sei­ten wie wunschliste.de und digitalfernsehen.de schei­nen das nun wie­derum bei DWDL abge­schrie­ben haben.

Nur ein Kol­lege von Heise Online hat das getan, was eigent­lich mal die Auf­gabe von Jour­na­lis­ten war: recher­chiert. Ent­spre­chend mel­det er:

Keine Aktion des EU-Parlaments gegen »Syn­chro­ni­sa­ti­ons­wut« bei ARD und ZDF

Es klingt wie ein ver­spä­te­ter April­scherz: Unter Beru­fung auf die Nach­rich­ten­agen­tur AFP berich­ten aktu­ell meh­rere deut­sche Medien, dass das EU-Parlament die EU-Kommission auf­for­dere, einen Geset­zes­vor­schlag vor­zu­le­gen, der die öffentlich-rechtlichen Fern­seh­sen­der in der EU ver­pflichte, Fern­seh­filme »nur noch im Ori­gi­nal mit Unter­ti­teln« aus­zu­strah­len. Auch eine Rede von US-Präsident George W. Bush in der Tages­schau würde danach angeb­lich im Ori­gi­nal gezeigt wer­den müs­sen. Stut­zig hätte man jedoch bei der angeb­li­chen Begrün­dung für diese Aktion »gegen die Syn­chro­ni­sier­wut« (RP-Online) wer­den kön­nen: So trü­gen Ori­gi­nal­ver­sio­nen laut Beschluss­text nicht nur zum Ler­nen von Fremd­spra­chen bei, son­dern »seien auch bes­ser für Schwer­hö­rige oder Taube«.

Die Men­schen haben allen Grund, das Ver­trauen in klas­si­sche Medien zu verlieren.

Nach­trag, 16:50 Uhr. Nach­dem ich bei AFP nach­ge­fragt habe, hat die Agen­tur die fal­sche Mel­dung vor weni­gen Minu­ten zurückgezogen:

DRINGENDER HINWEIS
Ach­tung Redak­tio­nen,
bitte ver­wen­den Sie unsere Mel­dung «Fern­seh­filme sol­len nur noch mit Unter­ti­teln lau­fen» von ges­tern (Mitt­woch) um 16.11 Uhr nicht mehr. Sie beruht auf einem Miss­ver­ständ­nis. Nach Anga­ben der zustän­di­gen Parlaments-Abgeordneten Lidia Joanna Gerin­ger de Oeden­berg rich­tet sich die Erklä­rung des Euro­pa­par­la­ments nicht gegen Syn­chro­ni­sa­tio­nen; es geht statt­des­sen um die Unter­ti­te­lung aller Pro­gramme im öffentlich-rechtlichen Fern­se­hen. Dabei kön­nen auch syn­chro­ni­sierte Filme unter­ti­telt sein.

Damit wird klar­ge­stellt, dass nach dem Wil­len des EU-Parlaments Fern­seh­filme kei­nes­wegs nur noch im Ori­gi­nal gezeigt wer­den sol­len. Viel­mehr geht es in der Erklä­rung allein um die Unter­ti­te­lung von Sendungen.

[Fort­set­zung hier.]

Ganz simpel

Die Fach­zeit­schrift »Wer­ben & Ver­kau­fen« ver­öf­fent­licht in ihrer aktu­el­len Aus­gabe ein aus­führ­li­ches Inter­view mit Andreas Wiele, dem für Zeit­schrif­ten und die »Bild«-Gruppe zustän­di­gen Vor­stand der Axel Sprin­ger AG. Chef­re­dak­teur Ste­fan Krü­ger und Redak­ti­ons­lei­ter Hel­mut van Rinsum nutz­ten die Gele­gen­heit zu har­ten Nachfragen:

W&V: Wer ist für das Anzei­gen­ge­schäft tat­säch­lich ver­ant­wort­lich? Der Anzei­gen­lei­ter oder die Ver­tre­ter aus dem neu geschaf­fe­nen Bereich des Ver­mark­tungs­chefs Phil­ipp Welte?

Wiele: Der Anzei­gen­lei­ter ist Teil der Ver­mark­tungs­or­ga­ni­sa­tion. Er macht die Ver­mark­tung; das Außen­büro bün­delt und orga­ni­siert den Kun­den­kon­takt. Das ist eine viel­fach erprobte Organisationsform.

W&V: Berich­tet der Anzei­gen­lei­ter an den Ver­lags­ge­schäfts­füh­rer oder an Herrn Welte?

Wiele: Der Anzei­gen­lei­ter berich­tet fach­lich und dis­zi­pli­na­risch an Phil­ipp Welte. Den­noch ist der Ver­lags­ge­schäfts­füh­rer in bestimm­ten Fra­gen gegen­über dem Anzei­gen­lei­ter wei­sungs­be­fugt, sofern dies nicht mit über­grei­fen­den Ver­mark­tungs­zie­len in Wider­spruch steht. Das ist eine ganz sim­ple Spielregel (…).

W&V: Und da kommt es nicht zu Inter­es­sens­kon­flit­ken zwi­schen Ver­lags­ge­schäfts­füh­rern und der zen­tra­len Ver­mark­tungs­ein­heit von Herrn Welte?

Wiele: Nein, denn wenn es um über­ge­ord­nete Ver­mark­tungs­in­ter­es­sen geht, ent­schei­det der Ver­mark­ter und in aller­letz­ter Eska­la­ti­ons­in­stanz ich selber. (…)

W&V: Trotz­dem: Wer ist ver­ant­wort­lich für die ein­zel­nen Titel?

Wiele: Der Chef­re­dak­teur trägt die inhalt­li­che Ver­ant­wor­tung, der Ver­lags­ge­schäfts­füh­rer ist für die Posi­tio­nie­rung des Titels im Ver­triebs– und Anzei­gen­markt zustän­dig. Ver­mark­tung und Ver­kauf wer­den per Dienst­leis­tung vom zen­tra­len Ver­triebs­be­reich und der zen­tra­len Ver­mark­tung übernommen.

Schön, dass das end­lich mal geklärt ist.

Ein Nepal für ein Tibet vormachen

So und so ähn­lich sehen sie aus, die TV-Nachrichten in die­sen Tagen:

Klei­nes Pro­blem: Das da hin­ter dem Mode­ra­tor ist nicht Tibet.

Und so und so ähn­lich sehen sie aus, die Inter­net­sei­ten in die­sen Tagen:

Klei­nes Pro­blem: Das da auf dem Foto ist nicht Tibet.

Es gibt offen­bar hef­tige Unru­hen in Tibet, und die chi­ne­si­sche Poli­zei geht offen­bar mit gro­ßer Härte gegen die Pro­tes­tie­rer vor. Es gibt nur lei­der fast keine Fotos und Videos davon. Zum Glück für die Medien gibt es aber Fotos und Videos von gewalt­sa­men Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit tibe­ti­schen Demons­tran­ten an ande­ren Orten in der Welt — die wer­den dann von Sen­dern wie N24 und RTL, aber auch von ande­ren ein­fach umdeklariert.

Das Foto von RTL.de oben zum Bei­spiel ist nicht in Lhasa ent­stan­den, son­dern offen­bar in Kath­mandu, wo es Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Poli­zei und tibe­ti­schen Demons­tran­ten gab. Und das Bild auf N24 (»Tote bei Kra­wal­len in Tibet«) stammt aus Indien, nicht aus China — unschwer an der Haut­farbe und Uni­form des Man­nes rechts im Bild zu erkennen.

Der Misch­sen­der N24 hat es heute geschafft, zu einer Mel­dung über die Aus­wei­sung der letz­ten Jour­na­lis­ten aus Tibet, die Ver­haf­tung vie­ler Men­schen in Lhasa und das Ein­frie­ren deut­scher Ver­hand­lun­gen mit China Bewegt­bil­der zu zei­gen, von denen offen­bar kein ein­zi­ges in Tibet oder China auf­ge­nom­men wurde. Die Auf­nah­men schei­nen zwar das bru­tale Vor­ge­hen Chi­nas per­fekt zu bele­gen, sind aber (an den Uni­for­men zu erken­nen) eben­falls in Nepal entstanden:

Auch n-tv wählte ein ein­drucks­vol­les dpa-Bild aus Nepal und schrieb »Neue Pro­teste in Tibet« dar­über. Und Bild.de baute zwei dra­ma­tisch aus­se­hende Fotos von Zusam­men­stö­ßen in Nepal zu einem Tea­ser »Hun­derte Tote bei Unru­hen in Tibet« zusammen.

Im Forum der deutsch-chinesischen Seite kaiyuan fin­den sich wei­tere Bei­spiele. (Über den poli­ti­schen Hin­ter­grund die­ser Seite weiß ich nichts; die dort genann­ten Bei­spiele, die ich nach­re­cher­chie­ren konnte, sind aber alle zutreffend.)

Auch bei den Auf­nah­men, die tat­säch­lich aus Tibet stam­men, ist in vie­len Fäl­len nicht ein­deu­tig zu erken­nen, was sie wirk­lich zei­gen. Zei­gen die Auf­nah­men von dem Mann, dem zwei Uni­for­mierte unter die Arme gegrif­fen haben, wirk­lich des­sen bru­tale Fest­nahme? Oder brin­gen sie in Wahr­heit einen Ver­letz­ten aus der Gefah­ren­zone? Die Betex­t­ung sol­cher Fotos in vie­len Medien las­sen diese Frage nicht offen. Jedes Bild scheint für sie ein wei­te­rer Beweis zu sein für die Grau­sam­keit von chi­ne­si­scher Poli­zei und Militär.

Einige der beun­ru­hi­gen­den Fotos, die jetzt um die Welt gehen, stam­men von dem ame­ri­ka­ni­schen Blog­ger Kad­fly, der seit eini­gen Wochen durch Asien reist — eines davon schaffte es auf die erste Seite der »New York Times«. Kad­fly selbst beklagte dar­auf­hin, wie ein­sei­tig die gro­ßen Medien diese Bil­der inter­pre­tier­ten, und dass sie wich­tige Tat­sa­chen in Bezug auf seine Fotos ignorierten:

Yes, the Chi­nese govern­ment bears a huge amount of blame for this situa­tion. But the pro­tests yes­ter­day were NOT peace­ful. The ori­gi­nal pro­tests from the past few days may have been, but all of the eye­wit­nes­ses in this room agree the pro­tes­ters yes­ter­day went from attacking Chi­nese police to attacking inno­cent people very, very quickly.

Ich habe kei­nen Zwei­fel daran, dass den Tibe­tern gro­ßes Unrecht geschieht. Und dass die letz­ten Jour­na­lis­ten Tibet ver­las­sen muss­ten und China Berichte über Tibet zen­siert, spricht eine deut­li­che Spra­che über die Art von Staat, mit dem wir es hier zu tun haben.

Aber gerade die Tat­sa­che, dass die Rol­len von Gut und Böse in die­sem Kon­flikt so klar ver­teilt zu sein schei­nen, ver­führt dazu, es uns als Beob­ach­ter und Bericht­er­stat­ter gefähr­lich bequem zu machen. So bequem wie Franz Josef Wag­ner, der am Mon­tag in »Bild« behaup­tete:

Kein Tibe­ter schlägt nach einer Fliege, die ihn beläs­tigt, die Fliege könnte seine ver­stor­bene Groß­mut­ter sein. Der Tibe­ter glaubt an die Wiedergeburt.

(…) Ein Tibe­ter tötet nicht. Mord ist für einen Tibe­ter unvorstellbar.

Irgend­wie ist an Wag­ner vor­bei­ge­gan­gen, dass eine Gruppe von Tibe­tern in den vor­aus­ge­hen­den Tagen mög­li­cher­weise nicht damit beschäf­tigt war, Flie­gen zu ret­ten, son­dern Chi­ne­sen und ihre Geschäfte anzu­grei­fen. Man mag darin auch eine Form von Not­wehr sehen. Man darf es nur nicht leugnen.

Auch die Chi­ne­sen haben ein Recht dar­auf, dass die Medien keine Auf­nah­men fäl­schen, um mit­hilfe prü­geln­der nepa­le­si­scher Poli­zis­ten die für uns nicht sicht­bare Bru­ta­li­tät chi­ne­si­scher Poli­zis­ten zei­gen zu kön­nen. Vor allem aber haben wir ein Recht darauf.

[via René per Mail]

Lesens­wert auch: Der »Spie­gel­fech­ter« betrach­tet einen ande­ren Aspekt des­sel­ben Phänomens.

Nach­trag, 25. März. RTL.de räumt den Feh­ler jetzt ein und »bedau­ert« ihn — ver­wir­ren­der­weise nicht unter der Über­schrift »RTLaktuell.de ent­schul­digt sich« oder »RTLaktuell.de kor­ri­giert sich«, son­dern »RTLaktuell.de berich­tet unab­hän­gig«.

Fakten sind uns Wurst

Wer mag es wohl unbe­se­hen geglaubt haben und wei­ter ver­brei­ten, das »Bild«-Schauermärchen von dem Jun­gen, der nur nett und unwis­send seine Schweinefleisch-Würstchen mit den mus­li­mi­schen Schul­ka­me­ra­den tei­len wollte und böse dafür bestraft wurde — ein wei­te­rer Schein-Beleg für unsere Kapi­tu­la­tion vor dem Islam, der min­des­tens zwei­fel­haft ist?

Also, mal abge­se­hen von den Hass­blog­gern von »Poli­ti­cally Incor­rect«?

Rich­tig, und ich hätte dar­auf gewet­tet: die »Achse des Guten«. In die­sem Fall Dirk Maxei­ner.

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