Stefan Winterbauer, der Blinde unter den Einäugigen beim Braanchendienst »Meedia«, hat das Spiel längst abgepfiffen. Die »taz« sei zum wiederholten Male beim Versuch gescheitert, »Bild«-Chef Kai Diekmann vorzuführen. »Genauso wie Lucy Charlie Brown in letzter Sekunde den Ball wegzieht, lässt sich die taz immer wieder von Kai Diekmann am Nasenring durch die Medienmanege führen«, urteilte er gestern.
Die »taz« hatte Diekmann öffentlich Fragen gestellt zum undurchsichtigen Umgang seines Blattes mit der Nachricht, die Bundespräsident Christian Wulff auf seiner Mailbox hinterlassen hatte. Diekmann machte erst einen Witz daraus, der von »Meedia« gleich aufgeregt nacherzählt wurde, und ließ die Pressestelle dann antworten. »Die Antworten der Bild«, urteilt Winterbauer, »enthielten nichts Brisantes oder Neues, sondern ausführlich dargestellt noch einmal die Angaben zu den Abläufen und die redaktionellen Erwägungen, warum die Mailbox-Nachricht zunächst in der Berichterstattung thematisiert wurde.«
(Er meint vermutlich: nicht.)
Dabei ist die Antwort von »Bild« in mehrfacher Hinsicht entlarvend. Zum Beispiel schreibt die Pressestelle:
Nachdem die Redaktion die Abschrift der Nachricht an das Büro des Bundespräsidenten übermittelt hatte, häuften sich bei der Axel Springer-Pressestelle Anfragen von Journalisten zum vollständigen Inhalt der Nachricht. In Gesprächen wurden einige der bereits bekannten Passagen erläutert.
Wer in seinem Beruf ein bisschen mit Antworten von Pressestellen zu tun hat, kann erahnen, dass die Formulierungen im letzten Satz wohl vor allem der Verschleierung dienen. Journalisten rufen bei Springer an, wollen den kompletten Text wissen und die Pressestelle »erläutert« »einige der bereits bekannten Passagen«? Was bedeutet das überhaupt? Man muss vermutlich bei einem PR-affinen Unternehmen wie »Meedia« arbeiten, um das für eine befriedigende oder gar erschöpfende Antwort von »Bild« zu halten.
In Wahrheit war es offenbar so, dass »Bild« mehreren Journalisten zu verschiedenen Zeitpunkten die Abschrift der Nachricht am Telefon vorgelesen hat — unter der Maßgabe, das Gespräch nicht mitzuschneiden und es nicht vollständig zu veröffentlichen.
Insofern stimmt es in einem sehr engen, sehr wörtlichen Sinne womöglich auch, wenn »Bild« der »taz« antwortet:
Eine Abschrift der Nachricht wurde von der Pressestelle an keine Zeitung oder Zeitschrift geschickt. Es gab keinen Auftrag an Redakteure von Bild, die Nachricht oder Passagen daraus weiterzugeben.
Nicht nur an dieser Stelle klaffen größere Lücken in der Antwort von »Bild«. Genau genommen äußert sie sich nur über ihr Verhalten vor dem 1. Januar und nach dem 5. Januar — das ist leider der »taz« ebensowenig aufgefallen wie Winterbauer. Dabei ist gerade der Zeitraum dazwischen interessant, in dem die Geschichte in die »Süddeutsche Zeitung« kam und dann explodierte. In dem die »Bild«-Zeitung so tat, als habe sie nichts mit der Berichterstattung zu tun. Weshalb sie dann ganz scheinheilig den Bundespräsidenten fragen konnte, ob sie die Nachricht veröffentlichen dürfe, und ganz scheinanständig darauf verzichtete, als er ablehnte.
Ich würde unterstellen, dass die Leerstellen in den Antworten von »Bild« sehr bewusste Leerstellen sind. Es wirkt ein bisschen, als würde man gefragt, ob man eine Geschäftsbeziehung zu einem Unternehmer gehabt habe, und verneint, weil man ja nur mit seiner Ehefrau einen Kreditvertrag hatte.
Als ich den »Bild«-Sprecher für »Spiegel Online« nach einigen dieser Leerstellen fragte, war es plötzlich vorbei mit der Transparenz, die man dem Publikum und Leuten wie Winterbauer vorgespielt hat. Es gab auf keine meiner Fragen eine Antwort. Das ist kein Wunder, denn das ist das normale Verhalten des »Bild«-Sprechers. Zu laufenden Verfahren, zu redaktionellen Entscheidungen, zu Personalspekulationen, zu Interna, zu Thema XY äußert er sich grundsätzlich nicht.
Wenn dieser Verlag, wenn dieses Blatt, jemanden anders zu Transparenz und Wahrhaftigkeit auffordert, dann ist das selbst dann ein böser Witz, wenn die Forderung berechtigt sein sollte.
Aber Kai Diekmann sagt auf kritische Nachfragen manchmal etwas Lustiges, das man aus der Ferne mit Selbstironie verwechseln könnte. Nicht nur für die Leute von »Meedia« ist das mehr wert als jede Wahrheit. Auch deshalb kommt »Bild« so oft mit ihren Halbwahrheiten und Heucheleien durch.
— 18. Januar 2012, 19:06 — 70 Kommentare
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Ich frage mich, ob man als »Bild«-Zeitung-Macher manchmal darunter leidet, dass man es zu leicht hat. Man kann heute alle Register eines unseriösen Schmuddelblattes ziehen, und sich morgen wieder als seriöse Zeitung geben. Man hat die Wahl, Dinge zu veröffentlichen, Dinge nicht zu veröffentlichen und Dinge zu veröffentlichen, ohne sie zu veröffentlichen. Man kann es mit der Wahrheit ganz genau nehmen oder schon das Konzept »Wahrheit« an sich als eine Erfindung von Korinthenkackern abtun. Man muss niemandem Rechenschaft ablegen oder tut es einfach nicht. Und keine Sekunde muss man sich um sein dummes Geschwätz von gestern kümmern.
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Fangen wir der Einfachheit halber ganz hinten an: Beim Auftritt von Nikolaus Blome bei Günther Jauch gestern abend. Blome ist der stellvertretende Chefredakteur der »Bild«-Zeitung. Sein Dackelblick ist in den vergangenen Monaten so etwas wie das menschliche Antlitz von »Bild« in der Öffentlichkeit geworden.
Auch bei Jauch hatte er es leicht. Niemand wollte so recht die Rolle der »Bild«-Zeitung in dem Spektakel der letzten Wochen thematisieren; es ging um Wulff.
Immerhin stellte jemand eine berechtigte Frage: Warum es zwei Wochen gedauert hat, bis Wulffs angebliche Droh-Nachricht auf der Mailbox von »Bild«-Chef Kai Diekmann an die Öffentlichkeit kam.
Blome hatte einen originellen Erklärungsversuch: Er vermutet, dass der Auslöser die Kritik von Bundestagspräsident Norbert Lammert gewesen sei, der es an Silvester gewagt hatte zu sagen: »Auch die Medien haben Anlass zu selbstkritischer Betrachtung ihrer offensichtlich nicht nur an Aufklärung interessierten Berichterstattung.« Daraufhin, so Blomes These, hätten die sich zu Unrecht angegriffen fühlenden Journalisten die Mailbox-Sache in die Öffentlichkeit gebracht.
Außerdem, fügte er hinzu, sei die Geschichte mit der Nachricht auf der Mailbox ja erst richtig groß geworden, nachdem Wulff selbst in seinem Interview in ARD und ZDF darüber geredet und ihren Inhalt — Blomes Ansicht nach — falsch dargestellt habe, nämlich als bloßen Versuch, einen Tag Aufschub herauszuhandeln.
Ich glaube, dass es einen Menschen auf Dauer deformiert, wenn er so etwas sagen kann, ohne dass er schallendes Gelächter erntet oder ihm jemand sachte die Hand auf den Arm legt und sagt: »Herr Blome? Der Bundespräsident musste das Interview überhaupt nur geben, weil der öffentliche Druck so groß geworden war, nachdem die Sache mit der Mailbox an die Öffentlichkeit gekommen war.«
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Was für eine bizarre Situation: In der ARD-Talkshow zitiert Jauch, was der »Spiegel« unter Berufung auf Springer über Wulffs Anrufe bei Diekmann und Vorstandschef Mathias Döpfner schreibt, und fragt Blome, ob das richtig sei. Was der »Spiegel« schreibt. Was er von Springer weiß. Und Blome bestätigt es.
Die »Bild«-Zeitung fragt öffentlich beim Bundespräsidenten an, ob sie den Wortlaut seiner Mailbox-Nachricht veröffentlichen darf. Als er Nein sagt, verzichtet sie, ganz das hyperseriöse Blatt, auf eine Veröffentlichung.
Zu diesem Zeitpunkt haben Springer-Leute anderen Journalisten ausführlich aus der Abschrift der Nachricht am Telefon vorgelesen — unter der Maßgabe, nicht vollständig mitzuschreiben und das Gespräch nicht aufzuzeichnen.
Die »Bild«-Zeitung feuert die Munition, die ihr der Bundespräsident in seiner Dummheit geliefert hat, nicht selbst ab. Sie reicht sie an andere weiter. Sie kann nach dem großen Knall ihre Hände vorzeigen: keine Schmauchspuren.
Sie muss sich keinen Fragen stellen, ob es womöglich ein Vertrauensbruch war, Details aus der Nachricht zu veröffentlichen, wenn Diekmann doch gegenüber Wulff die Sache nach einer Entschuldigung als erledigt bezeichnet hatte. Sie hat sie ja nicht veröffentlicht. Außer doch.
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Letztens hat mich ein Kollege gefragt, wer eigentlich der Böse in der Geschichte sei, »Bild« oder Wulff. Das ist die falsche Frage und in Wahrheit gar keine Alternative. Klar ist, wer der Depp ist und wer der klug Handelnde.
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Ich verstehe den Frust darüber, in welchem Maße sich die Berichterstattung auf den Bundespräsidenten konzentriert und wie wenig sie sich um die Rolle von »Bild« kümmert. Es gibt dafür aber immerhin einen guten Grund: Es geht auf der einen Seite um die Ansprüche an das deutsche Staatsoberhaupt und auf der anderen Seite nur um die an eine Boulevardzeitung.
Anders gesagt: Wir haben in den vergangenen Wochen einiges Neues über den Charakter von Christian Wulff gelernt. Und nichts Neues über den Charakter der »Bild«-Zeitung.
Natürlich kann man sich, wenn man will, darüber empören, dass das, was man Kai Diekmann auf die Mailbox spricht, nicht vertraulich bleibt. Oder, alternativ, dass Diekmann nicht die Eier hat, die Grenzüberschreitung selbst öffentlich zu machen und mit offenem Visier zu kämpfen. Aber hat irgendjemand etwas anderes von Kai Diekmann erwartet?
Es mag allerdings sein, dass Wulff Grund zur Annahme hatte, er könne sich diese Art der Einflussnahme erlauben. Vielleicht hat das früher geklappt, Freundschaftsdienste auf diese Weise einzufordern. Auch das dürfte — angesichts der Art, wie »Bild« für Wulff PR gemacht hat und wie sehr Wulff der »Bild« Exklusiv-Geschichten geschenkt hat — niemanden wundern.
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Erinnert sich noch jemand an das Jahr 2004, als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Pressefreiheit in Deutschland abschaffte? Durch das sogenannte »Caroline-Urteil« wurde das Recht eingeschränkt, über Privates aus dem Leben von Prominenten zu berichten, wenn es keinem anderen Interesse dient als der Sensation oder Unterhaltung. Siebzig Chefredakteure riefen damals in einem offenen Brief »Zensur!«, weil die »wichtigste Aufgabe der freien Presse, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, massiv behindert« werde. Es unterschrieben in einem der traurigsten Akte fehlgeleiteter journalistischer Solidariät unter anderem die Chefredakteure von »Spiegel«, »Stern«, »Playboy«, »Das neue Blatt«, »Neue Post«, »Das Haus« und natürlich »Bild« und »Bild am Sonntag«.
»Bild« beließ es nicht dabei. Öffentlichkeitswirksam kündigte Kai Diekmann damals an, Konsequenzen aus dem Urteil zu ziehen und bis auf weiteres auf Homestories über Politiker zu verzichten. Nach dem »Maulkorburteil« sei unklar, was an kritischer Berichterstattung noch erlaubt sei. »Deshalb müssen wir umgekehrt beim Leser jetzt von vornherein jeden Anschein vermeiden, wir würden mit eingebauter Schere im Kopf nur noch Hofberichterstattung betreiben.«
Das war damals schon lächerlich. Und keine zwei Jahre später begann in »Bild« der große (inzwischen abgeschlossene) Liebesroman »Christian Wulff und sein perfektes Privatleben«, mit Berichten über neue Wohnungen, neue Frisuren, neue Kinder, neues Glück.
Natürlich hatte »Bild« dabei die Schere im Kopf. Es war die ganz eigene Schere der kalkulierten Hofberichterstattung über Menschen, die sich auf das Spiel von »Bild« einlassen und ihr den Stoff geben, den sie begehrt.
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Als Nikolaus Blome von Günther Jauch gefragt wurde, ob man an der Berichterstattung über Wulff — erst rosarot verklärt, dann gnadenlos vernichtend — das berüchtigte Aufzugs-Prinzip von »Bild« erkennen könnte, antwortete der »Bild«-Mann erst mit einer witzig gemeinten Bemerkung darüber, dass es in der Axel-Springer-Zentrale in Berlin einen Paternoster gebe. Dann fand er es abwegig, und meinte das offenbar leider nicht mehr als Witz, dass man »Bild« vorwerfe, aus der »eher glimpflichen Scheidung« der Wulffs »keine Schlammschlacht« gemacht zu haben. Und schließlich sagte er noch, dass einige der PR-Schlagzeilen, die »Bild« Wulff in den Zeiten bester Zusammenarbeit schenkte und die Jauch gezeigt hatte, bloß aus den Regionalausgaben von »Bild« stammten. Blome sagte die Unwahrheit. Jede der gezeigten Geschichten war in der Bundesausgabe.
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Es ist schon richtig, dass an einen Bundespräsidenten andere Ansprüche an Ehrlichkeit zu stellen sind als an den stellvertretenden Chefredakteur einer Boulevardzeitung. Das bedeutet aber nicht, dass man ihm und seinem Blatt jede Lüge, jeden schmierigen Trick, jede irrwitzige Pose einfach durchgehen lassen muss.
Ein chronischer Lügner und Trickser beschuldigt jemanden, zu lügen und zu tricksen. Das ist selbst dann ekelhaft, wenn der Vorwurf — wie offenbar in diesem Fall — stimmt. Deshalb hat die langjährige Freundin von Wulff Recht, wenn sie bei Jauch rührend hilflos fomuliert, sie möchte in keinem Land leben, in dem die »Bild«-Zeitung bestimmt, was Moral und was richtig ist.
Und deshalb ist der Eindruck so verheerend, dass andere Medien sich von »Bild« haben einspannen lassen, der »Bild«-Geschichte an den entscheidenden Stellen die eigene Seriösität leihen und Seite an Seite mit »Bild« kämpfen.
»Es gab keinen Bruch« in der Beziehung zwischen »Bild« und Wulff, heuchelte Blome. Das ist sowohl angesichts der real existierenden Berichterstattung von »Bild« als auch angesichts von Wulffs Nachricht auf der Mailbox offenkundig unwahr. Blome meint natürlich, dass es nie eine innige Beziehung zu Wulff zum beiderseitigem Vorteil gegeben habe.
Das Problem ist, dass bis heute unklar ist, was den Bruch ausgelöst hat. Es könnte einen konkreten Anlass gegeben haben; vielleicht war es auch bloß die Abwägung von »Bild«, dass sich inzwischen ein exklusiver Zugang zu Wulff samt schöner Geschichten weniger lohnt als die Möglichkeit, sich an die Spitze seiner Kritiker zu setzen.
Das ist eine größere Leerstelle in der Geschichte und sie korrespondiert mit vielen kleinen Leerstellen, die der Springer-Verlag gelassen hat. Eine Woche lang musste sich die Nation ein Urteil über eine Nachricht von Christian Wulff erlauben, das allein auf einzelnen kurzen Satzfetzen beruhte, die der Springer-Verlag lanciert oder freigegeben hat. Offenbar hat bis jetzt noch niemand außerhalb des Springer-Verlages die Nachricht selbst gehört. Quelle ist allein eine Abschrift des Telefonates.
Dadurch, dass »Bild« das Gespräch nicht vollständig veröffentlicht hat, schützte das Blatt nicht Wulff, sondern maximierte den Schaden, weil es die Veröffentlichung weitgehend steuern und die Interpretation beeinflussen konnte. (Dass der Bundespräsident dann die geschickt später nachgeschobene Bitte von »Bild«, die Nachricht nun auch offiziell veröffentlichen zu dürfen, ablehnte, spricht natürlich wieder für seine umfassende Ungeschicklichkeit und Dummheit in dieser Sache.)
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Ein Schlüsselmoment in der Affäre ist, als der später entlassene Wulff-Sprecher Olaf Glaeseker den »Bild«-Reporter Martin Heidemanns am 6. Dezember ins Schloss Bellevue bittet. Er will die Gerüchte ausräumen, dass der zwielichtige Unternehmer Carsten Maschmeyer hinter dem Kredit für sein Haus steckt, und deshalb »Bild« verraten, von wem das Geld wirklich stammt.
Das Dokument, mit dem »Bild« von der Verbindung zu den Geerkens erfuhr und die Frage aufwerfen konnte, ob Wulff das niedersächsische Parlament 2010 belogen hat, bekam das Blatt also vom Präsidentensprecher selbst. Strittig ist, unter welchen Voraussetzungen: Wulff sagt, Heidemanns habe versprochen, den Namen des Kreditgebers nicht zu nennen. Das erklärt vermutlich auch seinen Zorn und seine Drohung mit strafrechtlichen Schritten. Heidemanns sagt, er habe vor Ort diese Forderung ausdrücklich abgelehnt, und Glaesekers habe ihm das Dokument dann trotzdem gezeigt.
Ich weiß natürlich nicht, wer die Wahrheit sagt. Aber ich weiß, wer Martin Heidemanns ist. Er ist bei Menschen, die mit ihm zu tun haben mussten, ein besonders verhasster »Bild«-Mann. Seine Drohungen und auf die Betroffenen erpresserisch wirkenden Methoden sind berüchtigt.
Und auf diesen Mann glaubt der Bundespräsident seine Entlastungsstrategie aufbauen zu können? Ihm lässt er die entscheidenden Dokumente zeigen? Ich weiß nicht, ob Heidemanns Stillschweigen versprochen hat oder nicht. Es ist aber auch vollständig egal, da man schon außerordentlich blauäugig sein muss, um ihm zu trauen.
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Christian Wulff ist, das zeigt auch dieses Detail, nicht darüber gestolpert, dass er sich mit »Bild« angelegt hat, sondern darüber, dass er immer noch glaubte, mit ihr gemeinsame Sache machen zu können.
Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn das wäre eine verheerende Lehre, die Prominente und Politiker aus der ganzen Geschichte ziehen könnten: Dass es so tödlich ist, wie man immer schon angenommen hat, sich mit »Bild« anzulegen. Nein, tödlich ist es, zu glauben, einen Pakt mit der »Bild«-Zeitung schließen zu können und davon am Ende profitieren zu können. Im Zweifel wird nur einer von beiden von einem solchen Pakt profitieren, und das ist derjenige, der es sich erlauben kann zu tricksen und zu lügen, heute mit Schlamm zu werfen und morgen seriös zu tun, keine Rechenschaft ablegen zu müssen und sich keine Sekunde um sein Geschwätz von gestern kümmern zu müssen.
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Leseempfehlungen:
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Deutschland will Pleite-Griechen mit bis zu 5 Milliarden helfen! / Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen! / Statt zu sparen, streiken die Pleite-Griechen lieber ihr Land kaputt! / Deutsches Steuergeld für die Pleite-Griechen? / Gestern haben die Pleite-Griechen offiziell Finanzhilfen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) beantragt. / DIESE PLEITE-GRIECHEN! / BILD gibt den Pleite-Griechen die Drachmen zurück. / Reißen die Pleite-Griechen ganz Europa runter? / Pleite-Griechen: Heute General-Streik. / Ackermann ehrt Pleite-Griechen. / Pleite-Griechen, also doch! / Pleite-Griechen wollen ihre Politiker »fressen«. / Noch mehr Milliarden für die Pleite-Griechen. / Keine neuen Milliarden für Pleite-Griechen? / Schafft die Privilegien ab und hört auf zu randalieren, ihr Pleite-Griechen! / Warum war Rösler so nett zu den Pleite-Griechen? / Die Euro-Staaten wollen den Pleite-Griechen einen Teil ihrer Schulden erlassen. / Zahlreiche Politiker fordern nun den Euro-Austritt der Pleite-Griechen. / Wir bürgen für Hunderte Milliarden Euro, um die Pleite-Griechen zu retten. / Am Mittwochabend hatten Merkel und Sarkozy mit den Pleite-Griechen endlich Klartext geredet! / Heftige Schelte für die Pleite-Griechen! / So denken die Pleite-Griechen über BILD.
Das hier oben ist nur eine kleine Auswahl. 48 Artikel hat die »Bild«-Zeitung (Bundesausgabe) in den vergangenen knapp zwei Jahren veröffentlicht, in denen von »Pleite-Griechen« die Rede war; 30 waren es allein in den vergangenen sechs Monaten.
Nun gibt es bei den Komposita, die »Bild« so gerne schöpft und benutzt, häufiger semantische Trennschärfen, und nicht alle sind beabsichtigt. (Anfangs hatte »Bild« die rechtsradikalen Mörder aus Zwickau »Nazi-Killer« genannt, bis jemandem offenbar die Doppeldeutigkeit auffiel und »Killer-Nazis« das Standard-Synonym wurde.)
Theoretisch wäre es denkbar, dass »Bild« mit den »Pleite-Griechen« nur diejenigen Griechen meint, die für die gegenwärtige Krise des Landes verantwortlich sind (dass das Land genaugenommen nicht pleite ist, lassen wir mal als Spitzfindigkeit außen vor). Es wäre ebenso theoretisch auch möglich, dass »Bild« den Ausdruck ganz nüchtern-faktisch meint: die Mitglieder eines Staates, der vom Bankrott bedroht ist.
Doch beides ist nicht der Fall. »Bild« benutzt den Begriff ohne Zweifel als Schimpfwort. Und »Bild« bezeichnet explizit auch die normalen Bürger des Landes, nicht nur die Politiker, als »Pleite-Griechen«. Es gibt für und in »Bild« de facto keine Griechen mehr, nur noch Pleite-Griechen.
»Bild« arbeitet seit Monaten systematisch daran, dass niemand an griechische Menschen denken soll, ohne das Wort Pleite mitzudenken. Die Methode ist dieselbe, die Christa Wolfs Kassandra benutzt, wenn sie den verhassten Achill immer und immer und immer wieder als »Achill, das Vieh« bezeichnet. »Bild« macht systematisch nicht nur einen Staat, sondern alle seine Angehörigen verächtlich. Es ist eine Form von Volksverhetzung.
Am vergangenen Wochenende hat die »Bild«-Zeitung einen Negativ-Preis für ihre Griechenland-Berichterstattung bekommen. Die »Europa-Union Deutschland« überreichte ihr die »Europa-Diestel«, weil sie die europäischen Bürger gegeneinander aufbringe. Der Leiter des »Bild«-Hauptstadtbüros und stellvertretende Chefredakteur Nikolaus Blome nahm den Schmähpreis dummstolz entgegen.
»Bild« widmet seiner Erwiderung heute erstaunlich viel Platz im Blatt. Es ist ein erhellendes, erschütterndes Dokument.
Es beginnt damit, dass er die bloße Kritik an der »Bild«-Berichterstattung als etwas Anrüchiges darstellt und in die Nähe eines Zensurversuchs rückt:
Man kriegt die Distel für etwas, was man besser unterlassen hätte. Für eine Zeitung heißt das: Was sie besser nicht geschrieben hätte. Soll uns der Preis ex post nahelegen zu schweigen, uns also irgendwie »mundtot« machen?
Und dann nimmt Blome die Zuhörer mit auf eine Reise in die irre Welt, die ein leitender »Bild«-Redakteur für die Wirklichkeit hält.
Was hätten wir also nicht schreiben sollen:
Etwa den Kommentar: Tretet aus, Ihr Griechen! (im April 2010). Nun, die Forderung, sich bitte endlich zu entscheiden, haben sich die Bundeskanzlerin und der französische Präsident zwischenzeitlich ganz offiziell zu eigen gemacht.
So klingt es also, wenn »Bild« fordert, sich bitte endlich zu entscheiden:
Darum ist die einzige wirkliche Lösung der klare Schnitt: Griechenland muss den Euro verlassen.
Ich wär gern mal bei Blomes zuhause dabei, wenn er sagt: »Uschi, du musst dich jetzt aber mal entscheiden, was du kochen willst: Erbseneintopf.«
Dass »Bild« den preisgekrönten Nachwuchshetzer Paul Ronzheimer nach Athen schickt, um ihn dort als Deutschen mit Geldscheinen wedeln zu lassen (»BILD gibt den Pleite-Griechen ihre Drachmen zurück«), ist in Blomes Welt ein:
Versuch, mit dem medienüblichen Mittel der Straßenumfrage zu erhellen, ob die Griechen ihre alte Währung zurückwollen. Inzwischen vergehen in Griechenland keine sieben Tage, ohne dass eine solche Umfrage gemacht wird.
Blomes Paralleluniversum ist ein glückliches, denn es gibt in ihm keine Häme. Jede Verächtlichmachung ist bloß eine Zustandsbeschreibung, jede hämische Forderung bloß eine Zukunftsprognose. Er zitiert die »Bild«-Schlagzeile »Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen« und stellt fest:
Auch hier verspreche ich Ihnen: Exakt so wird es kommen.
»Exakt so« im Sinne von:
… UND DIE AKROPOLIS GLEICH MIT!
(…)
Wenn wir den Griechen doch noch mit Milliarden Euro aushelfen müssen, sollten sie dafür auch etwas hergeben — z. B. ein paar ihrer wunderschönen Inseln. Motto: Ihr kriegt Kohle. Wir kriegen Korfu.
(Und da wundert sich »Bild«, dass griechische Demonstranten immer wieder auf die Idee kommen, das Deutschland von heute mit Symbolen aus einer noch nicht ganz vergessenen Zeit in Verbindung zu bringen, als Griechenland von Deutschen besetzt war.)
Blome halluziniert, dass »Bild« bloß anderen, seriösen Zeitungen in der Analyse voraus war. Und an der folgenden Stelle seiner Rede kann ich nur hoffen, dass er so hinter dem Rednerpult stand, dass niemand eine Erektion bemerkt hätte:
Kurzum: Ich gebe zu. Rechthaben macht Spaß. In diesem Maße recht zu haben, und zu behalten, macht fast ein bisschen Angst.
(Ein winziger Realitätscheck dazu beim geschätzten Pleite-Kollegen Pantelouris.)
Ich verdanke Blomes Text aber auch — ganz unironisch — eine brauchbare Kurzformel für die Art von populistischem Pragmatismus, die »Bild« heute von »Bild« etwa in den siebziger Jahren unterscheidet — einem ideologischen Kampfblatt in einer ideologischen Zeit. Blome sagt nämlich, »Bild« hätte »Haltung« bewiesen. »Haltung« ist ein schöner, großer Begriff. Wie lautet die »Haltung«, die die Position von »Bild« in dieser Sache bestimmt, Herr Blome?
Die lautet seit Anfang 2008: Rettet den Euro. Aber nicht so.
Das ist wunderbar und bringt die Postideologie von »Bild« auf den Punkt. Rettet den Euro, aber nicht so. Rettet die Umwelt, aber nicht so. Rettet den Haushalt, aber nicht so.
Und noch etwas Fundamentales über das Selbstverständnis von »Bild« verrät Blome, wenn er fragt:
Und glauben Sie im Ernst, BILD hätte die Griechenland-kritische Stimmung gemacht?
Dann drehen Sie es in Gedanken einmal um. Stellen Sie sich vor, BILD hätte von Anfang gesagt: »Ja, gebt Ihnen das Geld, ganz egal was sie angestellt haben, ganz gleich, ob es ökonomisch sinnvoll ist. Das ist europäische Solidarität, das schulden wir Europa.« Hätte das die Meinung der Deutschen mehrheitlich umgepolt? Ich glaube nicht.
Man möchte lieber mit jedem Vierjährigen in der Trotzphase diskutieren als mit diesem leitenden »Bild«-Redakteur, aber tatsächlich hält man das ja bei seinem Blatt für die Alternative. Am 3. November veröffentlichte das Blatt einen »Wahlzettel zum Volksentscheid« mit folgenden Antwortmöglichkeiten:
JA, schmeißt ihnen weiter die Kohle hinterher!
NEIN, keinen Cent mehr für die Pleite-Griechen, nehmt ihnen den Euro weg!
Sie trauen der Überzeugungskraft ihrer eigenen, nun ja, Argumente so wenig, dass sie nicht einmal fair Pro und Contra referieren können.
Das schlimmere Fundamentale steckt allerdings in Blomes als Verteidigung gemeinten Satz, dass »Bild« die »Griechenland-kritische Stimmung« ja nicht selbst gemacht hätte. Richtig: Das Ressentiment oder wenigstens der Reflex war sicher schon da. »Bild« hat es nur gehegt, gepflegt und verschärft, um davon zu profitieren. Je mehr »Bild« hetzte, um so größer wurde das Ressentiment, und je größer das Ressentiment, umso mehr wurde »Bild« scheinbar zur Stimme des Volkes.
Man denke sich die Argumentation, dass die Hetze nicht so schlimm sei, weil die kritische Stimmung im Volk doch eh schon vorhanden war, übertragen in die zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Juden-kritische Stimmung war schon da.
Blomes Vortrag endet mit den Worten:
Seien Sie froh, dass es uns gibt.
Nachtrag, 20:40 Uhr. Ganz ähnliche Gedanken in den Worten von Stefan Sichermann stehen nebenan im BILDblog.
— 28. November 2011, 19:22 — 142 Kommentare
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Die ARD ist bereit, im Kampf gegen die »Bild«-Zeitung zum Äußersten zu gehen. Wenn das Blatt mit seiner erwarteten Anti-ARD-Kampagne beginnt, droht der WDR, mit einer täglichen einminütigen Comedy auf 1Live zu antworten. Titel: »1LIVE — Brüllt dir deine Meinung«. Zwei Folgen der Reihe, die »satirisch den Alltag in der Redaktion« zeigen soll, sind nach internen Angaben bereits fertig; weitere würden dann kurzfristig realisiert.
Er ist in mancher Hinsicht furchteinflößend, der Themenplan der »Redaktion BILDstörung«, die den publizistischen Gegenangriff der ARD-Anstalten koordiniert. 30 Themen umfasste er, Stand letzte Woche, wobei nicht alle gleich originell sind.

Viele Beiträge sind — bis auf Statements von »Bild«, die dann noch eingeholt werden würden — bereits fertig produziert, darunter:
Zum Konzept der Operation »BILDstörung« gehört auch Eigenlob. Ein Beitrag des NDR lässt unter anderem einen »Roger Wilhelmsen« zu Wort kommen, der die Orchester und Chöre der ARD rühmt. Ein weiterer Bericht behauptet, dass die umstrittene »Tagesschau-App« »in Wahrheit kein Geld extra« koste. In dem Kampf gegen die App sieht die ARD offenbar den Anlass für »Bild«, bei ihrem regelmäßigen ARD-Bashing in diesem Jahr besonders heftig zuzuschlagen. Ein anderer geplanter »BmE« (Beitrag mit Einspielern) soll erklären, warum die »Verlegerträume vom Geldverdienen mit der App platzen könnten«.
Die ARD hat sich intern verboten, von einer »Kampagne« und entsprechend einer »Gegenkampagne« zu sprechen. Immerhin dementiert der Senderverbund inzwischen nicht mehr, dass es solche Planungen gibt, wie sie es Anfang der Woche noch getan hatte. Am Dienstag zitierte die »Berliner Zeitung« aus Papieren der »virtuellen Medienredaktion«, die die ARD gegründet hatte, und pulverisierte damit die offenkundige Strategie von ARD-Sprecher Stefan Wirtz, das Thema mit einer Mischung aus Schweigen und Leugnen zu erledigen — sowie mit der erstaunlichen Argumentation, es sei ganz normal, Anfragen an die Pressestelle an die hauseigene Medienredaktion zu weiterzureichen.
Wolfgang Schmitz, der Hörfunkdirektor des WDR, nennt die detaillierten Themenpläne ein »Brainstorming von Redaktionskollegen«. Nichts davon sei bereits zur Sendung freigegeben; kein einziger Beitrag liege auf Halde bereit. Der Umfang der Anfragen von »Bild« in den vergangenen Wochen deute darauf hin, dass »Bild« »nicht nur einen Einspalter« plane. »Wir wären schlecht beraten, wenn wir uns nicht darauf einstellen würden.« Man bereite sich vor, wie man auf Themen reagieren könne, die offensichtlich bei »Bild« in der Recherche sind. Und all das stehe unter dem Vorbehalt, dass es zu einem solchen Angriff von »Bild« überhaupt komme.
Aber wenn er kommt, reiche es nicht, darauf nur mit Pressemitteilungen zu antworten; man müsse natürlich auch im Programm reagieren. Schmitz sagt, er habe eine »Einladung« an die Medienredaktionen ausgesprochen, sich Gedanken zu machen. Aber es gebe »kein angeordnetes Programm mit vorgegebenem Ergebnis«. Dazu würde sich auch kein ARD-Redakteur hergeben, auch nicht im Auftrag des Hörfunkdirektors. »Wir instrumentalisieren keine Journalisten für Kampagnen, die einem Unternehmensziel dienen«, beteuert Schmitz.
Die redaktionellen Standards würden durch eine solche koordinierte Aktion nicht außer Kraft gesetzt — selbstverständlich müsse zum Beispiel die Gegenseite gehört werden. Schmitz sagt, er werde sich an den tatsächlichen, gesendeten Beiträgen messen lassen. Aber die Vorbereitung solcher Maßnahmen sei noch kein Kampagnenjournalismus.
Das mag nicht ganz falsch sein. Und doch ist die Aufweichung einer klaren Grenze zwischen Unternehmenskommunikation und Medienjournalismus ein prinzipielles Problem. Tatsächlich aber kann die ARD in der Reaktion auf die erwartete »Bild«-Kampagne Punkte machen, wenn sie es schafft, sich nicht in eine Schlammschlacht zu stürzen, sondern journalistisch angemessen und, ja: unabhängig über die Vorwürfe, ihre Berechtigung und ihre vermuteten verlagspolitischen Hintergründe zu berichten. Das mit der Unabhängigkeit ist schon unter normalen Bedingungen schwierig und mit einer solchen Vorgeschichte wie hier fast unmöglich. Es sei denn, die Verantwortlichen insbesondere um die ungeschickte ARD-Vorsitzende Monika Piel lernten etwas aus der (auch internen) Aufregung um ihr Vorgehen.
Übrigens hat der RBB in seinem Politmagazin »Kontraste« gestern gezeigt, dass es möglich ist, in eigener Sache unvoreingenommen und fair zu berichten: Selbst Springer-Außenminister Christoph Keese war zumindest als Privatperson einigermaßen zufrieden mit dem Beitrag über den Kampf um die »Tagesschau«-App. »Es verlangt Mut, als Journalist über das eigene Haus zu berichten und dabei auch Kritikern angemessenen Raum zur Stellungnahme zu geben«, bloggte er. Was vermutlich auch der Grund ist, weshalb es etwa bei der »Welt« niemand tut.
Nachtrag, 23.00 Uhr. Die ARD leugnet nach wie vor. Gegenüber »Spiegel Online« sagt Sendersprecher Wirtz, die ARD plane keine Gegenkampagne gegen »Bild«. Das Papier (das detailliert Themen, Autoren, Gesprächspartner, den aktuellen Recherche– oder Produktions-Fortschritt, das Fertigungsdatum und den verantwortlichen Sender nennt) sei bloß Ergebnis eines Brainstormings. Keineswegs habe man die Produktion der Beiträge daran geknüpft, dass in der »Bild« die erwartete Artikelserie zur ARD erscheine, sagt er — in direktem Widerspruch zur Aussage von Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz mir gegenüber.
Ich wette, er liebt Magritte.
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Ernst Elitz sieht nicht aus wie ein Hetzer, er wirkt nicht wie ein Provokateur oder ein Politclown wie Henryk M. Broder. Er kommt in der Rolle eines Elder Statesman daher. Wenn er mal wieder einen Kommentar für die »Bild«-Zeitung schreibt, macht das Blatt hinter seinen Namen ein Sternchen und erklärt: »Prof. Ernst Elitz ist Gründungsintendant des Deutschlandradios«.
Elitz schreibt ziemlich häufig Kommentare für die »Bild«-Zeitung. Manchmal wirkt es, als hätte er in seinem früheren Berufsleben, als Moderator des »heute journals«, als Chefredakteur des Süddeutschen Rundfunks, als Intendant des Deutschlandradios, nicht genügend Ausrufezeichen setzen dürfen und versuche jetzt, in Jahrzehnten Versäumtes in wenigen Monaten aufzuholen. Seine »Bild«-Kommentare tragen Überschriften wie »Helfen statt jammern!«, »Setzen, Sechs!«, »Sperren UND löschen!«, »4 deutsche Soldaten tot! Rückzug wäre Flucht!«, »Aufschwung!«, »Vom Fußball lernen!«, »Schützt die Opfer, nicht die Verbrecher!«, »Nicht am Sessel kleben!«, »Abregen, anpacken!«, »Mit Sarrazin fliegt die Wahrheit raus!« und »Schäbig, Herr Sarkozy!«
Er hat, trotz der Jahrzehnte in öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, den »Bild«-Sound gut drauf, schafft es, dem berüchtigten Gesunden Menschenverstand und der dröhnend schweigenden Mehrheit eine Stimme zu geben und kann beim Wetteinrennen offener Türen mithalten. Er findet, »dass die Bekämpfung der Gewalt auf den Straßen« wichtiger sein müsste als das »Abkassieren braver Bürger im Parkverbot«. Er wischt die Sorge um den Missbrauch von Zensurstrukturen, die vorgeblich dem Kampf gegen Kinderpornographie dienen sollen, mit dem Satz weg: »Wer das sagt, hat kein Herz.« Er behauptet, es sei ein Menschenrecht, sich nicht davor fürchten zu müssen, vergewaltigt zu werden.
Elitz erledigt auch gerne Auftragsarbeiten, so dass der »Bild«-Chefredakteur nicht selbst schreiben muss, sondern es sich vom »Gündungsintendanten des Deutschlandradios« bestätigen lassen kann: dass ein juristischer Sieg für »Bild« nichts weniger ist als ein »Sieg für die Pressefreiheit«, dass die Griechenland-Hetze der »Bild«-Zeitung »keine Griechenland-Hetze« ist, dass die sensationsheischende Abbildung Fotos verkohlter Opfer eines Flugzeugunglücks auf der »Bild«-Titelseite, die vom Presserat gerügt wurde, »akzeptabel« sei. »Bild« hat Elitz in den vergangenen Jahren sieben Mal zum »Gewinner« des Tages gekürt.
Mir ist schon der sich als kluge Analyse tarnende biedere Populismus von Elitz suspekt. Aber dahinter steckt auch eine gefährliche Radikalität, besonders beim Thema Integration. Über die SPD schrieb er: »Wenn Sarrazin rausfliegt, fliegt die Wahrheit aus der Partei. Dann ist die SPD keine Volkspartei mehr.« Und:
Die SPD will die Partei der kleinen Leute sein. Die leben nicht in feinen Vierteln. Die haben Angst vor kriminellen Araber-Banden, vor Pöbeleien: »Scheiß Deutscher!« Sie wollen nicht, dass Ausländerkinder mit Drogen dealen und die Eltern Hartz IV kassieren.
Das ist womöglich alles richtig und dennoch gefährlicher Unsinn. Haben die »kleinen Leute« weniger Angst vor kriminellen Deutschen-Banden? Wollen sie, dass die Ausländerkinder das Drogendealen und die Ausländereltern das Sozialschmarotzen den Deutschen überlassen?
Oder kann es sein, dass der »Gründungsintendant des Deutschlandradios« tatsächlich nicht einmal sehr subtil suggeriert, dass es ohne Ausländer keine Banden-, Drogen-, Sozialmissbrauch-Probleme gebe?
(Im nächsten Absatz schreibt Elitz: »Millionen Ausländer wollen, dass ihre Kinder gutes Deutsch und kein Multikulti-Kauderwelsch in den Schulen lernen. Sie wollen einen Staat, der nicht von Frechen und Faulen ausgenutzt wird. Das hat Sarrazin ausgesprochen.« Das hat Sarrazin ausgesprochen? Wirklich?)
Eine Woche zuvor hatte Elitz in »Bild« über Sarrazin schon geschrieben, er sage »unverblümt viele Wahrheiten« über Deutschland, und diese »Wahrheiten« so zusammengefasst: »Zu viele Kopftücher, zu viel Hartz IV, zu wenig Leistung.« Er fügte hinzu: »Wer hier lebt, muss Zwangsheiraten ächten und muslimischen Männern und Frauen in Familie und Moschee die gleichen Rechte zugestehen.« — Katholischen Männern und Frauen in der katholischen Kirche die gleichen Rechte zuzugestehen, ist offensichtlich optional.
Heute nun betätigt er sich an gleicher Stelle noch einmal als Türsteher Deutschlands. Er schreibt:
Rund vier Millionen Muslime leben bei uns. Aber zwischen »hier sein« und wirklich »dazugehören« klafft ein Unterschied — himmelweit.
Nun gehören zum »Dazugehören« eigentlich immer zwei Seiten. Jemanden, der dazugehören will, und andere, die ihn dazugehören lassen. Bei Elitz geht es aber nur um eine Seite:
Den Frieden schändet, wer Hassvideos verteilt und zum Heiligen Krieg aufruft.
Wer das tut, verletzt das Vertrauen zwischen Deutschen und ihren muslimischen Nachbarn, die das Grundgesetz achten und die dazugehören.
Das ist eine verräterische Formulierung: Dass die muslimischen Nachbarn auch Deutsche sind oder sein können, ist nicht vorgesehen. (Elitz ist damit nicht allein. Ein früherer Kollege, der MDR-Intendant Udo Reiter, hat seine eigene bestürzende Beschränktheit zu demselben Thema gerade erst eindrucksvoll demonstriert.)
Das ist aber auch eine ungewöhnliche Formulierung: Ein militanter Islamist verletzt das Vertrauen zwischen Deutschen und braven Moslems? Was bedeutet das? Dass ich mir Sorgen mache um den türkischen Gemüsehändler an der Ecke, wenn sich irgendwelche Terroristen auf den Islam berufen? Dass man es den »Deutschen« nicht vorwerfen kann, wenn sie pauschal jedem Moslem misstrauen, auch dem scheinbar netten Nachbarn, weil es ja auch Moslems sind, die die unsere Kultur mit Gewalt vernichten wollen? Das ist ja praktisch.
Elitz fordert:
Integration braucht nicht nur feierliche, sondern auch deutliche Worte:
Wer in deutschen Moscheen betet, muss sich für den Bau christlicher Kirchen auch dort einsetzen, wo bisher nur Minarette erlaubt sind. Wer den Koran in der U-Bahn liest, muss dafür kämpfen, dass in islamischen Staaten der Verkauf von Bibeln und der Übertritt zum christlichen Glauben erlaubt wird.
Das verlangt schon die Fairness.
Das ist die Hürde, die der Gründungsintendant des Deutschlandradios aufbaut, damit ein Ausländer oder ein Moslem »bei uns dazugehören« darf. Es reicht nicht, dass er selbst tolerant ist, er muss auch dafür sorgen, dass andere tolerant sind. Elitz gewährt das Recht, in einer deutschen Moschee zu beten, nicht einfach so. Er verbindet es mit einer Pflicht. Nicht einmal in der U-Bahn im Koran lesen darf jeder in dem Land, das Elitz als sein Land begreift, und das Ärgerlichste daran ist, dass er sich mit den Bedingungen, die er zum öffentlichen Koran-Lesern aufstellt, auch noch ausdrücklich als Verteidiger des Grundgesetzes geriert.
Es genügt Elitz nicht, wenn ein Moslem vielleicht die religiöse Freiheit, die in diesem Land herrscht und durch das Grundgesetz garantiert wird, zu schätzen lernt, gerade auch als Kontrast zum Fehlen dieser Freiheit in islamischen Ländern. Er fordert von diesem Moslem auch noch, in einem anderen Land zu kämpfen — dass dieses andere Land womöglich für ihn ein fremdes Land ist, weil er zwar Moslem ist, aber hier geboren, Deutscher gar, das kommt Elitz natürlich nicht in den Sinn. Moslems sind für ihn Ausländer.
Und das alles unter dem Banner der »Integration«: Die Menschen sollen sich hier integrieren (und das bedeutet konsequenterweise auch: sich als Deutsche fühlen), indem sie für den gesellschaftlichen Fortschritt in anderen Ländern sorgen?
»Das verlangt schon die Fairness«, schreibt Elitz. Das ist eine Variante von Broders Forderung, bestimmte Rechte für Muslime bei uns auszusetzen, bis sie in moslemischen Ländern für Nicht-Muslime gelten: Moscheen dürfen hier (»bei uns«) erst dann gebaut werden, wenn in der Türkei, Ägypten und Pakistan Kirchen gebaut werden dürfen. Claudius Seidl hat das eine »Selbsterniedrigung aufs Niveau orientalischer Verhältnisse« und einen »Rassismus, der sich seiner selbst nur nicht bewusst ist« genannt.
Aber bei Broder ist es in seiner Plakativität wenigstens eine Pointe und im Zweifel, wer weiß es, nicht wörtlich, sondern nur als Denkanstoß gedacht. Bei Elitz, dem Gründungsintendanten des Deutschlandradios, wird daraus eine Forderung an jeden einzelnen praktizierenden Moslem in Deutschland — und eine Ausgrenzung unter dem Mantel vorgeblich angestrebter Integration.
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