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Stefan Niggemeier | BILDblog

Tag Archive for: BILDblog

BILDblog ist ein „Bild“-Favorit

19 Nov 06
19. November 2006

Im Zusammenhang mit den Merkwürdigkeiten um ein Cover der neuen „Popstars“-Band, das voreilig bei Amazon zu sehen war, zeigt Bild.de einen Screenshot von der entsprechenden Seite — inklusive der Menuleisten des Internet Explorers.

Und wenn man ganz, ganz genau hinsieht, wie es ein aufmerksamer BILDblog-Leser getan hat, kann man sogar erkennen, welche Favoriten der „Bild“- oder Bild.de-Mitarbeiter in seiner Links-Liste als Lesezeichen abgelegt hat:


…Google, Bild.de, SPIEGEL, BILDblog, Agenturen, SpringerNet, Textarchiv…

Warum nicht Kai Diekmann fotografieren?

16 Okt 06
16. Oktober 2006

Was ist so schlimm daran, Kai Diekmann zu fotografieren?

Das ist keine rhetorische Frage, sondern eine ernst gemeinte: Was ist daran so schlimm? Wenn man zu den sorgfältig ausgewählten Bildern des „Bild“-Chefredakteurs und seiner Frau bei öffentlichen Empfängen oder Privataudienzen beim Papst auch mal eins sieht, wo er sich vielleicht etwas unglücklich bückt. Wenn man zu den Episoden aus dem Privatleben von Herrn Diekmann und Frau Kessler, die sie über viele Folgen in einer Kolumne für die „Für Sie“ beschrieben hat, auch die passenden optischen Eindrücke bekommt. Wenn man sich ein Bild machen kann vom dem Mann, der so viel Einfluss auf das hat, worüber wir alle reden, und ihn in zutiefst menschlichen Posen sieht: beim Joggen, beim Nasepopeln, in dem Moment, wo er sich versehentlich im Café mit Kuchen bekleckert hat.

Ist das Schlimme daran, dass man Kai Diekmann die Kontrolle darüber nimmt, welche Bilder er von sich in der Öffentlichkeit sehen will? Dass man ihn der lästigen Situation aussetzt, gelegentlich ein Fotohandy auf sich gerichtet zu sehen? Dass er das Gefühl bekommt, nichts mehr tun zu können, ohne dabei beobachtet zu werden? Dass auf diese Weise Details über Diekmanns Privatleben herauskommen könnten, die er eigentlich privat halten wollte? Dass die Gefahr besteht, dass Leute im falschen Ehrgeiz, ein ganz besonderes Foto zu schießen, strafrechtliche Grenzen überschreiten?

Was genau ist so schlimm daran, Kai Diekmann zu fotografieren?

Oder ist das Schlimme der öffentliche Aufruf dazu? Menschen überhaupt erst auf die Idee zu bringen, etwas zu tun, was sie (als Bewohner bestimmter Stadtteile, als Besucher bestimmter Veranstaltungen, bei zufälligen Begegnungen) jederzeit tun könnten?

Natürlich haben wir mit kritischen Reaktionen auf die BILDblog-Aktion „Fotografiert Kai Diekmann!“ gerechnet. Diese Debatte ist eines ihrer Ziele. Aber in vielen Fällen erscheint mir die Kritik bislang sehr reflexhaft. Als ob es einen Konsens gebe, dass solche Fotos von jemandem, die nicht bei offiziellen Auftritten entstehen, eigentlich unzulässig sind. Das Gegenteil ist der Fall: Es gibt einen breiten Konsens in unserer Gesellschaft, jenseits irgendwelcher Gesetze, dass solche Fotos zulässig sind. Dass Prominente sich sowas gefallen lassen müssen. Alle Medien sind voll von solchen Aufnahmen, nicht nur „Bild“. Auch der „Stern“, die „Bunte“, ARD und ZDF, die Boulevardmagazine der Privatsender. Das ist nichts besonderes mehr, das ist Alltag, ob mir das gefällt oder nicht. (Mir gefällt es nicht.) So zu tun, als sei diese Art von Fotos geächtet und nur das vermeintliche Schmuddelblatt „Bild“ würde sich darüber hinwegsetzen, ist absurd.

Als der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte, dass auch Prominente wie Caroline von Monaco das Recht haben, auf der Straße zu gehen, im Café zu sitzen oder Fahrrad zu fahren, ohne dass Aufnahmen davon hunderttausendfach kommerziell verbreitet werden, entrüstete sich nicht nur Kai Diekmann über das Urteil. Die Chefredakteure von „Stern“, „Spiegel“, „Focus“, „Bunte“ und anderen protestierten mit einem gemeinsamen Aufruf, und die Verlegerverbände übten massiven Druck auf die Bundesregierung aus, gegen das Urteil vorzugehen. Anscheinend ist eine große Mehrheit der deutschen Medien der Meinung, dass sie (und wir, die Leser) auf solche privaten Aufnahmen nicht verzichten können.

Ich bin anderer Meinung. Aber dass die Mehrheit der Medien solche privaten Aufnahmen, die keinem anderen Interesse dienen, als die Schaulust des Publikums zu bedienen, für unverzichtbar hält, ist eine Tatsache.

Woher kommt dann aber dieses Ausmaß an Empörung, wenn wir angekündigt haben, diesen vielen Fotos auch welche von Kai Diekmann hinzufügen zu wollen? Nur weil das auch gegen das Caroline-Urteil verstoßen könnte, das von einem großen Teil der Öffentlichkeit ohnehin nicht wirklich anerkannt wird?

Wie kommt es, dass Kritiker von einer „Hetzjagd“ reden? Dass einer, der falsch behauptet, wir wollten „heimlich“, etwa vor Diekmanns Haustür geschossene Fotos, sich sogar an die Kriegshetze der Nationalsozialisten im Dritten Reich erinnert fühlt: Es scheine, als führten wir „so eine Art ‚Wollt Ihr den totalen Krieg‘-Strategie“?

Warum sind sich so viele anscheinend einig, dass unsere Aktion eine „‚Bild‘-Methode“ ist und wir damit auf „‚Bild‘-Niveau“ abgerutscht sind? Wo wir noch nicht ein Foto veröffentlicht haben? Der Einsatz von Leser-Reportern ist keine „Bild“-Methode: Die „Saarbrücker Zeitung“ war eine der ersten, die das Mittel eingesetzt hat, der „Stern“ ist auch groß eingestiegen.

Die „Bild“-Methode ist etwas anderes. Die „Bild“-Methode ist es, Menschen zu bezahlen, die das Haus von Prominenten rund um die Uhr beschatten. Die „Bild“-Methode ist es nach Aussage von Betroffenen, Menschen mit Fotos zu erpressen und zum Wohlverhalten zu erzwingen. Die „Bild“-Methode ist es, auch Kinder in die Recherche einzuspannen. Die „Bild“-Methode ist es, sich bei der Veröffentlichung von Fotos immer und immer wieder über elementarste Rechte der Betroffenen und der Angehörigen hinwegzusetzen. Die „Bild“-Methode ist es, nicht nur Prominente in privaten Situationen zu zeigen, sondern auch Nichtprominente, die von Leser-Reportern „erwischt“ wurden, nach Belieben und mit nicht immer ausreichender Recherche an den Pranger zu stellen.

Es ist keine rhetorische Frage: Was ist so schlimm daran, Kai Diekmann zu fotografieren? Was ist so schlimm daran, dazu aufzurufen?


Abbildung: „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann probiert eine Kirsche auf dem Hamburger Isemarkt. Aus einer NDR-Reportage über „Hamburgs heimliche Herrscher“ vom 21.12.2004. Unkenntlichmachung von mir.

BILDblog

30 Mai 05
30. Mai 2005

Vom Glück, BILDblog zu machen.

Am 7. Januar erschien in „Bild“ eine kleine Meldung auf der letzten Seite. Eine portugiesische Familie habe bei einem Picknick in Pamplona Fleischspieße grillen wollen, stand darin. Die 93-jährige Oma sei, während die anderen Holz suchten, auf einem Klappstuhl zurückgelassen worden, ins Feuer gefallen und verbrannt. „Bild“ hatte eine vermutlich lustig gemeinte Überschrift darüber gesetzt: „Großmutter aus Versehen gegrillt“.

Die Geschichte war nicht nur eklig. Sie klang auch irgendwie unwahrscheinlich. Sie war sonst nirgends zu finden, jedenfalls nicht in deutsch- oder englischsprachigen Medien. Und mit unserem Spanisch ist es nicht so weit her. Wir konnten nicht beweisen, dass der Artikel falsch war. Aber wir wollten ihn auch nicht auf sich beruhen lassen. Dann hatten wir eine Idee, die uns revolutionär vorkam: Wir fragten in einem Eintrag unsere Leser, ob jemand vielleicht die Originalquelle für den „Bild“-Artikel ausfindig machen könnte. Innerhalb kürzester Zeit schrieben uns vier Leute und bestätigten mit Links und Übersetzungen unseren Verdacht: „Bild“ hatte die Familien-Picknick-Geschichte erfunden. Es gab keine Grillspieße und keine Holzsuche. Die „gegrillte Großmutter“ war eine obdachlose Frau, die schrecklich verbrannte, als sie sich an einem Feuer in einer Blechtonne wärmen wollte und sich die Decken entzündeten, in die sie sich gehüllt hatte.

Für langjährige Blogger mag das eine banale Anekdote sein; für einen klassischen Journalisten ist die Erkenntnis ein Kulturschock: Wir können ja unsere Leser fragen. Unter den vielen Tausend Unbekannten, die täglich auf BILDblog.de vorbeikommen, sind nicht nur Menschen, die spanisch sprechen, sondern auch Experten für Steuerrecht, für Astronomie und für die Feinheiten beim Rangieren von Eisenbahnen. Unsere Leser wissen alles. Wir müssen sie nur fragen. Und manchmal schreiben sie uns auch so.

Wir bekommen am Tag ungefähr zwanzig „sachdienliche Hinweise“. Manche davon sind Lappalien. Manche unbrauchbar, weil der Leser irgendetwas missverstanden hat. Manche genau richtig, aber zu speziell, als dass man daraus einen Eintrag machen könnte. Aber ohne die Mitarbeit unserer Leser könnten wir BILDblog nicht machen. Ein paar sind regelmäßige Lieferanten, so etwas wie Hilfs-BILDblogger, die mit großer Ausdauer und Energie „Bild“ nach Bedenklichem und Falschem durchforsten. Andere melden sich, wenn ein „Bild“-Bericht in ihr eigenes persönliches oder fachliches Umfeld berührt.

Diese Nähe, die Kommunikation löst bei einem Journalisten, der sonst, wenn es hoch kommt, in der Woche einen Leserbrief, aber siebzehn „sachdienliche Hinweise“ von PR-Agenturen bekommt, ein ungeahntes Glücksgefühl aus. Viele machen unser BILDblog zu ihrem BILDblog und zeigen uns das durch Beteiligung – und Kritik. Unsere Leser wissen nicht nur alles, sie wollen auch alles. Sie wollen einen RSS-Feed (selbstverständlich!), aber am liebsten auch einen Newsletter; sie wollen, dass die Seite auch im Ganzbildmodus von Opera 8.0 gut aussieht und dass sie auch als reine Feed-Leser informiert werden, wenn sich in der Link-Liste etwas tut; sie wollen, dass man einzelne Einträge auch ausdrucken kann (wörtlich: „Ich will ab morgen eine Funktion zum Ausdrucken implementiert haben aufstampf“), und wehe, man nimmt das Angebot wegen technischer Probleme wieder zurück.

Aber dafür schicken Sie uns auch hundertfach Entwürfe, wenn wir sie bitten, uns eine Gratis-Werbepostkarte zu gestalten. Als wir so unvorsichtig waren, sie um Erklärungen für eine besonders unerklärliche „Bild“-Formulierung zu bitten, hatten wir nach drei Minuten fünf E-Mail-Antworten und nach drei Stunden 170. Die meisten mit klugen Gedanken, und einige mit wunderbar abwegigen Theorien. Die Lust, mitzuwirken an BILDblog, scheint grenzenlos.

Und führt gelegentlich zu beunruhigenden Auswüchsen. Als wir einmal einen Beitrag über Hauke Brost brachten, einen „Bild“-Kolumnisten, der zu seinen Artikeln voller Klischees über Frauen und Ausländer nur stehen kann, indem er sie als Satire verstanden wissen will, war darin auch ein Link zu seiner Homepage enthalten. In kürzester Zeit hatten unsere Leser dem Mann sein Gästebuch, man kann es nicht anders sagen: vollgekotzt. Eine offenbar jahrelang aufgestaute Wut brach sich Bahn. Erschrocken verfolgten wir, wie sich – trotz unserer Bitten um Zurückhaltung – die Schreiber in immer groteskeren und abstoßenderen Beschimpfungen überboten. Ein Mitarbeiter von „Bild“ sagte später: Da sehe man mal, wir sollten von unserem hohen moralischen Ross runterkommen. Unter unseren Lesern sei genauso ein „Mob“ wie unter denen der Zeitung, für die er arbeitet. Wir hätten ihm den vermeintlichen Beweis für diese Illusion lieber nicht geliefert.

Als wir vor gut einem Jahr anfingen, ein paar Notizen über die „Bild“-Zeitung in einem Blog zu sammeln, hatten wir keinen Plan, wohin das einmal führen sollte. Wir hatten keine Vorstellung, wie viele Leute das lesen wollen würden, sondern nur das Bedürfnis, all das, was uns täglich in „Bild“ begegnete, festzuhalten. Für uns. Und jeden, den es interessiert. Wir haben bis heute keine Werbung gemacht, es gibt nach über einem Jahr immer noch kein offizielles BILDblog-Banner (weshalb viele Leser sich rührenderweise selbst welche basteln), und trotzdem schauen an Werktagen inzwischen deutlich über 20.000 verschiedene Menschen vorbei, ob es etwas Neues bei uns gibt. Fast jede Woche kommen neue hinzu, und erstaunlicherweise bleiben die meisten.

Fast vom ersten Tag an bekamen wir Mails mit der Frage, ob wir Unterstützung gebrauchen könnten, Spenden oder so. Als wir dann endlich eine Kontonummer eingerichtet hatten, gaben uns viele Geld. Es kam nicht ganz so viel zusammen, wie wir uns erhofft hatten. Denn die, die etwas spendeten, gaben meistens kleine und kleinste Beträge – gelegentlich mit dem Hinweis, mehr sei leider nicht drin. Wir hatten gehofft, dass sich noch mehr Menschen mit kleinen Beträgen beteiligen, dass sich vielleicht ein paar Großspender finden würden, und vor allem: dass das Geld regelmäßiger fließen würde. Nachdem die erste Welle vorbei war und die Einnahmen nur noch tröpfelten, waren wir etwas ernüchtert. Aber dass überhaupt so viele Leute es Wert fanden, uns Geld zu geben, bleibt eine wunderbare Erfahrung.

Die meisten Leser stellen uns (und anscheinend auch sich) nicht die Frage, ob das etwas bringt, was wir da machen. Ob man an „Bild“ etwas ändern kann, an ihrer Skrupellosigkeit, ihrer Fahrlässigkeit, ihrer Parteilichkeit, ihren Lügen– oder wenigstens an der Art, wie „Bild“ wahrgenommen wird. Wir haben BILDblog nicht gegründet in der festen Annahme, damit bei anderen etwas bewirken zu können. Wir hätten uns nicht erträumt, eines Tages zu erfahren, dass viele „Bild“-Redakteure morgens im Büro als erstes mit mulmigem Gefühl bei uns nachsehen, ob es sie heute „erwischt“ hat.

Nach einem Jahr BILDblog fühle ich mich gegenüber der größten und einflussreichsten deutschen Zeitung weniger ohnmächtig denn je. Es fängt damit an, dass ich mich früher nicht getraut hätte, der „Bild“- Zeitung „Lügen“ zu unterstellen – aus Furcht vor juristischen Konsequenzen und aus dem Gefühl, das möglicherweise nicht beweisen zu können: dass „Bild“ wissentlich Fakten falsch darstellt. Heute weiß ich: Mit dem Archiv, das BILDblog darstellt, kann ich es beweisen, wenn ich muss. Und jeder andere, der es will, kann es auch.

Viele Skeptiker nehmen an, dass wir mit unserem Projekt nur die Leute erreichen, die sich ohnehin keine Illusionen machen, was die Qualitäten von „Bild“ angeht. Ich glaube, das ist doppelt falsch: Erstens liefern wir denen, die immer schon das Gefühl hatten, dass „Bild“ häufig nicht die Wahrheit schreibt, erstmals aktuelle Argumente und Beweise. Und zweitens erreichen wir auch ganz andere Leute als die vielleicht anzunehmende Zielgruppe von Linken und Intellektuellen. Seit wir über ein paar grobe Schnitzer in der Fußballberichterstattung geschrieben haben, lesen uns zum Beispiel nachweislich viele Mitglieder von Fanclubs. Und zum Tollsten gehört es, in Internetforen zu beliebigen Themen die Kraft der Aufklärung am Werk zu sehen. Wenn irgendjemand eine „Tatsache“ gepostet hat und auf „Bild“ als Quelle verweist, findet sich oft schnell ein anderer, der mit einem dezenten Hinweis auf uns die Glaubwürdigkeit dieser Quelle in Frage stellt – und im Idealfall sogar auf einen Eintrag bei uns verlinken kann, der den Sachverhalt in ein anderes Licht rückt.

Auch das ist eine Form unmittelbarer Wirkung, von der ich als klassischer Journalist immer geträumt habe und als BILDblogger am Anfang nicht zu träumen gewagt hätte.