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Sonnengrüße von der Tanja May

Jörg Kachelmann hat heute Mittag über Twitter ein Dokument veröffentlicht, das einen interessanten Einblick in die journalistischen Methoden des Burda-Verlages bietet. Es ist nach seinen Angaben eine Nachricht, die die »Bunte«-Chefreporterin Tanja May zusammen mit einem großen Blumenstrauß an eine Zeugin verschickt hat. Darin bat sie die Zeugin darum, sie doch noch vor ihrer Aussage vor Gericht zu treffen.

Leider ist das Foto auf Twitpic jetzt gelöscht worden. Von wem oder warum, weiß ich nicht, jedenfalls nach Kachelmanns Angaben nicht von ihm selbst.

So sah das aus:


(Verpixelung von Handynummer und E-Mail-Adresse von mir.)

Kachelmann twittert dazu:

Wann wird man durch Hubert Burda befördert?

Wenn man solche Telegramme mit gaaaanz viel Blumen an Zeuginnen schickt. Man beachte: Erst zu BUNTE, dann Gericht. http://twitpic.com/586fia

Huberts bunte Blumen wurden gegen Ende August verschickt. Woher kannte Burdabunte die Ladungsliste des Gerichts?Woher die Zeuginnenadressen

Zur Vorgeschichte: Die »Bunte« hatte drei Zeuginnen bis zu 50.000 Euro dafür bezahlt, noch vor der Hauptverhandlung in der Illustrierten ausführlich gegen Kachelmann auszusagen, und war vom Gericht dafür gerügt worden. »Bunte«-Chefredakteurin Patricia Riekel, die die einseitige Berichterstattung ihres Blattes »ausgewogen und neutral« nannte, hatte gegenüber der FAZ erklärt, es habe sich um Standardverträge gehandelt, wie sie »in allen Redaktionen üblich« seien. Der Verdacht, Zeuginnen zu manipulieren, sei »ehrverletzend und diskriminierend«.

Kachelmann hat bereits mehrmals auf Twitter auch Paparazzi gezeigt, die er fotografierte, während sie ihm auflauerten. Da er inzwischen weder auf einen Ruf als Sympathieträger noch auf das Wohlwollen der Medien Rücksicht nehmen muss, kann er fast ungehemmt die Auswüchse des Spektakels um ihn herum dokumentieren. Das können bemerkenswerte Einblicke in den journalistischen Alltag in Blättern wie der »Bunten« werden — wie die Fleurop-Recherche von Tanja May.

Nachtrag, 21:15 Uhr. Die Tanja May schrieb laut NDR-Medienmagazin »Zapp« übrigens bereits im März 2010 auch an das angebliche Opfer:

Wie ich Ihnen schon mehrfach geschrieben habe, habe ich Ihnen von Anfang an geglaubt, was Herr Kachelmann Ihnen angetan hat. [...] Sonnengrüße schickt Ihnen die Tanja May.

[via Theo in den Kommentaren]

 
— 7. Juni 2011, 17:33 — 233 Kommentare

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Observationen am offenen Herzen

Manches ethische Dilemma löst sich in der praktischen journalistischen Arbeit wie von selbst. Als der »Stern« im Juni vergangenen Jahres die über 200 Opfer des abgestürzten Airbus 447 im Bild zeigte, konnte das Blatt nach den Worten von Chefredakteur Andreas Petzold schon deshalb nicht die Genehmigung von Angehörigen oder Urhebern einholen, weil die Zeit dafür bis zum Redaktionsschluss viel zu knapp war. Und zeigen musste der »Stern« die ganzen Opfer im Bild, weil er seinen Lesern laut Petzold nur so das ganze Ausmaß der Tragödie deutlich machen konnte.

Es ist vermutlich ein Fortschritt, dass der »Stern«-Chefredakteur sich überhaupt zu solchen Themen äußert. Im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Winnenden hatte das Magazin Fragen nach der Herkunft der gezeigten Opferbilder und dem Einverständnis der Angehörigen noch mit dem Hinweis abgebügelt: »Zu Redaktions-Interna erteilen wir keine Auskunft.«

Aber seit der »Stern« im Frühjahr berichtet hat, mit welchen Methoden eine Agentur für die »Bunte« das Privatleben von Politikern ausgespäht hat, ist das Magazin in der unwahrscheinlichen Rolle des Verteidigers journalistischer Standards. Und so ritt Petzold auf einem sehr hohen Ross in eine Diskussion über »Grenzen der Recherche im People-Journalismus — Anforderungen an eine ›lautere‹ Recherche«, zu der der Deutsche Presserat am Mittwoch in Berlin geladen hatte.

Es war ein Gipfel der Heuchler.

Patricia Riekel erklärte noch einmal, warum es ein öffentliches Interesse daran gegeben habe, Franz Müntefering auszuspionieren. (Das Wort »ausspionieren«, das Petzold benutzt hatte, verbat sich Riekel empört. Sie hätten »recherchiert«.) Dass der SPD-Politiker mit einer vierzig Jahre jüngeren Frau zusammen sei, mache »veränderte Akzeptanzen über Partnerschaften deutlich«, das seien Fragen, die »gesellschaftspolitisch relevant« seien. Außerdem erinnerte sie daran, dass Müntefering sich zuvor aus der Politik zurückgezogen hatte, um seine schwer kranke Frau zu pflegen. »Wenn ein Spitzenpolitiker mit einer so emotionalen Entscheidung an die Öffentlichkeit geht, öffnet er auch sein Herz, und das Publikum schaut hinein«, sagte Riekel. »Und dieses Interesse bleibt bestehen.«

Riekel forderte zu unterscheiden zwischen dem, was man recherchieren darf, und dem, was man veröffentlich darf. Sie betonte, dass die »Bunte« die bereits vorher ausgekundschaftete Beziehung von Müntefering erst öffentlich gemacht habe, als er selbst mit der Frau öffentlich aufgetreten sei. »Es darf keine Vorzensur geben, wenn einer Redaktion ein Verdacht oder ein Gerücht bekannt wird.«

Die Richtlinien zur Ziffer 4 des Pressekodex, auf die sich Riekel berief, erlaubt die »verdeckte Recherche« nur im Einzelfall, »wenn damit Informationen von besonderem öffentlichen Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind«. Aber was sind Informationen von besonderem öffentlichen Interesse? Hans Leyendecker von der »Süddeutschen Zeitung« nannte als Beispiel das Thema Tiertransporte, bei dem anders als durch Undercover-Recherche die wichtigen Informationen nicht beschafft werden könnten. Riekel erwiderte, sie persönlich interessiere sich auch sehr für Tiertransporte, »aber es gibt Menschen, die interessieren sich nun mal für andere Menschen. Das sei eine Frage des Standpunktes.«

Sie blieb dabei: Eine »Vorrecherche« bei Gerüchten müsse in jedem Fall möglich sein. (Auf spätere Nachfrage stellte sich heraus, dass sich eine »Vorrecherche« von einer »Recherche« dadurch unterscheidet, dass sie bei der »Bunten« so genannt wird.)

Nicolaus Fest aus der »Bild«-Chefredaktion überraschte Riekel und Publikum mit der Aussage, sein Blatt wäre Müntefering nicht wegen seiner neuen Liebe nachgestiegen. »Ich weiß nicht, was die politische Dimension dieser Geschichte sein soll. Es gab keine Protektion, es ist reine Privatsache.« Die Rede kam auch auf den Fall des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer: Die Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass es erlaubt war, seine Verhältnis zu einer Freundin, die auch ein Kind von ihm erwartete, öffentlich zu machen, weil Seehofer mit seinem intakten Familienleben Wahlkampf gemacht hatte und der Lebenswandel den Ansprüchen einer christlichen Partei widersprach. »Würden wir das auch bei einem Politiker machen, der freie Liebe propagiert«, fragte Fest und antwortete mit Nein.

Ein besonders bizarrer Nebenstrang der Diskussion beschäftigte sich mit freien Mitarbeitern. Die Diskussion um die Frage, welche Grenzen bei der Recherche des Privatlebens von Politikern im Auftrag von »Bunte« überschritten wurden, wird nämlich dadurch erschwert, dass die Illustrierte die Recherche (oder, wie sie sagen würde: »Vorrecherche«) an eine dubiose Agentur outgesourct hatte. Deshalb ist umstritten: Was die »Bunte« genau gewusst hat über das Vorgehen der Agenturleute, inwieweit sie dafür verantwortlich ist, aber auch, inwiefern schon die Auslagerung der Recherche ein Problem ist.

Riekel betonte, auf Outsourcing könne heute generell nicht verzichtet werden, aber die Freien müssten sorgfältig ausgesucht und kontrolliert werden. Die »Bunte« erarbeite gerade eine Art Verhaltenskodex, in dem sich die Freien zu »korrekten Recherchemethoden« verpflichten. Riekel hielt schon in ihrem Einführungsstatement ein ebenso flammendes wie rätselhaftes Plädoyer für die »30.000 Freelancer«, die »nicht besser oder schlechter« arbeiteten als festangestellte Journalisten. »Der Status entscheidet nicht über die Qualität eines Journalisten«.

Beim »Stern« sieht man das anders. »Das Kerngeschäft darf man nicht outsourcen«, forderte Petzold. In Bezug auf investigative Recherchen sagte er: »Jeder freie Mitarbeiter, den ich beschäftige, erhöht das Risiko.«

Nicolaus Fest hatte in der Diskussion neben Riekel und Petzold lange Zeit fast vernünftig und seriös gewirkt (er wies Petzold darauf hin, dass Freie vor allem bei Spezialthemen oft über Kontakte verfügten, die die Redaktion nicht habe, und formulierte in Bezug auf Recherchemethoden: »Der Zweck heiligt das Mittel, aber der Zweck muss stimmen«). Sein seinem Wesen eher entsprechende Einsatz kam erst, als es um Nicht-Prominente ging, um Menschen, deren Fotos Medien veröffentlichen, weil sie Opfer von Unglücken oder Verbrechen geworden sind. Zur »Love Parade« sagte er: »Die Leute, die dahin gingen, sind zu einem hohen Teil von Exhibitionismus oder Voyeurismus getrieben.« Er verstehe nicht das »merkwürdige Missverhältnis«, dass Menschen, die kein Problem haben, fotografiert zu werden, wenn sie dort ihre Brüste entblößen, andererseits nicht gezeigt werden wollen, wenn der Anlass ein »journalistischer« ist, weil sie nämlich zum Opfer des Unglücks wurden. Er beklagte hier eine »Instrumentalisierung des Persönlichkeitsrechtes wie bei Prominenten«: Man sei mit der Veröffentlichung von Fotos einverstanden, »solange es schöne Fotos sind«.

Den Leitfaden, den der Presserat gerade zur Berichterstattung über Amokläufe vorgelegt hat [pdf], nannte Fest »außerordentlich problematisch«. Er stößt sich schon am ersten Satz in der ersten Empfehlung, wonach die Redaktion »sorgfältig zwischen dem öffentlichen Interesse an dem Geschehen und den Persönlichkeitsrechten des Täters abwägen« müsse. Fest hält eine solche Abwägung für absurd: Der Amoklauf bringe ein öffentliches Interesse mit sich wie kein anderes Verbrechen. Über den Täter soll man teilweise nur anonymisiert berichten dürfen, auf die Nennung von persönlichen Details über die Opfer soll ganz verzichtet werden: »Das ist ein massiver Eingriff in das Berichterstattungsrecht«, sagte Fest.

Bei allen Meinungsunteschieden — die Argumentationsmuster von Riekel, Fest und Petzold ähnelten sich frappierend: Wenn ihre spezielle Form der Sensationsberichterstattung nicht erlaubt sei, könne man gar nicht berichten und der Journalismus sei insgesamt bedroht. Natürlich konnte sich auch keiner von ihnen zu einem klaren Bekenntnis dazu durchringen, auf die ungenehmigte Verwendung von Privatfotos aus sozialen Netzwerken zu verzichten. Nach zwei Stunden Diskussion blieb der Eindruck: Journalistische Ethik ist für sie nicht mehr als der nachträgliche Versuch, Entscheidungen zu rechtfertigen, die man unter dem Druck von Zeit und Konkurrenz und nach dem Kalkül der Steigerung von Auflage und Aufmerksamkeit trifft.

Zum Glück war dann da aber noch Jürgen Christ, ein freier Fotograf aus Köln und ein Mann, dem Sonntagsreden fremd zu sein scheinen. Er achte »peinlich genau« darauf, die Gesetze einzuhalten — »aber nur aus praktischen Gründen«, um keinen Ärger mit der Justiz zu bekommen. »Jemandem mit dem Auto zu verfolgen, ist doch nichts verwerfliches«, sagte er, und auch am Anmieten einer gegenüberliegenden Wohnung zur Observation konnte er nichts verwerfliches finden — ob der Pressekodex solche »verdeckte Recherche« nun in der Regel untersagt oder nicht. Dass die Beschatter von Müntefering einen Bewegungsmelder in die Fußmatte einbauen wollten, fände er hingegen »nicht gut«: Es gebe doch praktische Kameras mit Bewegungsmelder!

Fröhlich erzählte er, wie er versucht hatte, ein Foto von dem Chefs eines Spendenvereins mit dessen Luxuswagen zu bekommen. Als tagelanges Observieren nicht half, bat er einen Taxifahrer, ganz dicht am Wagen vorbeizufahren, dann an der Tür zu klingeln und zu sagen, er habe da vielleicht eine Schramme verursacht. Der Mann hat zwar nur seinen Assistenten nach unten geschickt. Aber er hat aus dem Fenster geguckt, und Christ hatte sein Foto.

»Für wen arbeiten Sie so«, fragte Patricia Riekel ihn und kannte die Antwort natürlich. »›Spiegel‹, ›Focus‹, ›Stern‹, ›Bunte‹…«

 
— 15. September 2010, 23:38 — 55 Kommentare

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Mit Stalkern kennt Frau Riekel sich aus

Was ich ganz vergessen hatte bei der Geschichte, wie das deutsche Fachblatt für Moral, die »Bunte«, Politiker möglicherweise systematisch bespitzeln ließ: Mit Stalkern kennt Chefredakteurin Patricia Riekel sich ja aus.

Mitte Januar befragte sie der damalige Blogger Kai Diekmann am Rande eines dpa-Empfanges, worüber sie sich in den letzten Tagen in den deutschen Medien am meisten geärgert habe.

Frau Riekel antwortete:

»Über Stalker. Journalistische Stalker, das gibt es auch, ja.«

Auf die Frage, wo sie die sehe, antwortete sie ausweichend:

»Nicht im Magazinbereich.«

Wen sie meinte, war dennoch kein Geheimnis: Hans-Jürgen Jakobs, den früheren Medienredakteur und heutigen Online-Chef der »Süddeutschen Zeitung«. Der hatte gerade ein großes Stück im Blatt veröffentlicht, in dem Helmut Markwort, der »Focus«-Chef und Lebensgefährte von Frau Riekel, nicht so gut wegkam. Und das geht ja nun gar nicht.

Markwort selbst sagte in Diekmanns Kamera:

»Ich bin schockiert, ja, dass die ›Süddeutsche Zeitung‹ (…), dass die einen Stalker beschäftigt. Die ›Süddeutsche Zeitung‹ hat ja in vielen Teilen gute Autoren und vernünftige Journalisten und ist teilweise ein sehr seriöses Blatt. Aber die beschäftigen einen Stalker, der mich seit Jahren mit Hass und Neid verfolgt und spuckt Gift und Galle.«

(Markwort spricht das Wort »Stalker« übrigens deutsch aus, so als könnte man Kühe und Pferde darin aufbewahren, was seine Wut besonders niedlich wirken lässt, aber das nur am Rande.)

Der Vorwurf von Riekel und Markwort war nicht nur im Affekt dahingeworfen. Markwort wiederholte ihn in einem großen Interview mit der Fachzeitung »Horizont«:

Herr Markwort, »Focus« wird medial seit Wochen heftig unter Feuer genommen. Den Vogel schoss Hans-Jürgen Jakobs ab, der Sie in der »Süddeutschen« auch persönlich hart angreift.

Es ist ja schon das dritte Mal, dass Jakobs mich so attackiert. Für mich ist der Mann ein Stalker. Aus irgendeinem Grund verfolgt Jakobs mich mit Hass, Neid und Wut. Ich staune, dass ein seriöses Blatt wie die »Süddeutsche Zeitung« einen solchen Fall von Stalking im Journalismus zulässt.

Das sind harte Vorwürfe.

Was glauben Sie, was ich für SMS bekomme! Die Leute fragen mich, was ich dem Herrn Jakobs denn angetan habe, dass der so um sich schlägt. Auch unbefangene Leser merken, wie hasserfüllt dieser Artikel ist. Als Journalist, für den Fairness ein hoher Wert ist, bin ich fassungslos, wie faktenfrei und agitatorisch hier über »Focus« geschrieben wird.

So übersichtlich sind Gut und Böse in der sauberen Welt des Publizistenpaares Markwort-Riekel verteilt: Wenn ein augenscheinlich gut informierter Journalist kontinuierlich und kritisch über ihre Arbeit berichtet, handelt es sich um »Stalking«. Wenn ein Klatschblatt eine Detektei damit beauftragt, durch intensive Recherchen im Privatleben dem ungeheuren Verdacht nachzugehen, ein verwitweter Politiker könne eine neue Freundin haben, erfüllt es nur seine staatsbürgerliche Pflicht.

 
— 27. Februar 2010, 10:56 — 27 Kommentare

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Es schnüffelt

Nur einige winzige Anmerkungen zur aktuellen Schlammschlacht zwischen »Stern« und »Bunte«. Die Hamburger Illustrierte wirft der Münchner Illustrierten bekanntlich vor, dass sie das Privatleben von Politikern von einer Agentur mit angeschlossener Detektei systematisch und mit unlauteren Methoden ausspähen ließ. Der Burda-Verlag und die »Bunte« reagieren darauf mit wüstem Geschrei, Klageandrohungen, einigen offenkundigen Quatschargumenten, schönen Leersätzen (»Investigativer Journalismus … wird auch von allen nationalen und internationalen Publikationen betrieben«) und dem wiederholt geäußerten, vermutlich vernichtend gemeinten Hinweis, der »Stern«-Bericht über die »Bunte« sei bloß der »Angriff auf einen erfolgreichen Mitbewerber, der zuletzt den Stern im Einzelverkauf am Kiosk überholt hat«.

Das ist ebenso kindergartenhaft wie perfide: »Bunte«-Chefredakteurin Patricia Riekel unterstellt also ungefähr, dass es beim »Stern« eine Krisensitzung gab, in der die Verantwortlichen überlegten, was sie tun könnten, damit sie beim Kioskverkauf in Zukunft nicht mehr von der »Bunten« überholt werden, und beschlossen, es mit einer großen Lügengeschichte über die Konkurrenz zu versuchen. Der Vorwurf wirkt gleichzeitig wie eine geschickt in die Berichterstattung geschmuggelte Werbebotschaft nach dem Motto: Ach, übrigens, wir haben den »Stern« ein bisschen überholt.

Bevor man ein Urteil darüber abgibt, wie plausibel der »Bunte«-Vorwurf ist, sollte man sich vielleicht diese Kurve ansehen:

Die »Bunte« hat am Kiosk nicht jetzt plötzlich oder gar zum ersten Mal den »Stern« überholt. Die beiden Illustrierten liegen seit Jahren in dieser Kategorie ungefähr gleichauf. Beim »Stern« sinkt dieser Teil der Auflage etwas schneller als bei der »Bunten«. Aber die »Bunte« lag immer mal wieder vor dem »Stern«.

Aber jetzt, auf einmal, hat es dem »Stern« gereicht und er hat deshalb eine vernichtende Geschichte über die Konkurrenz in Auftrag gegeben?

PS: Weiß eigentlich jemand, ob nur »Spitzenpolitiker« »Vorbildfunktion« haben, wie die »Bunte« heuchelt, und deshalb auf Privatsphäre verzichten müssen? Oder sind Chefredakteure vielleicht auch »Leitfiguren unseres Wertesystems«, deren »privates Verhalten daher Auswirkungen auf die Moral der Gesellschaft« hat? Wenn ja, könnte sich bitte jemand opfern und Details des Liebeslebens von Frau Riekel mit1 Herrn Markwort recherchieren, damit sich unsere Moral dann entsprechend darauf einstellen kann? Vielen Dank.

PPS: Was genau ist die Logik hinter der Entscheidung des »Stern«, in dem Artikel, der die Verletzung der Privatsphäre der Politiker anprangert, selbst detalliert deren Adressen und Wohnungsnummern anzugeben, die von den Detektiven erschnüffelt wurden?

Nachtrag, 15:20 Uhr. Der »Stern« weist mich darauf hin, dass die genannten Adressen der Politiker allesamt alt und nicht mehr aktuell seien. Ich weiß trotzdem nicht, warum man das in dieser Detailfreude dokumentiert.

  1. oder ohne, was weiß ich []
 
— 26. Februar 2010, 0:16 — 43 Kommentare

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Lafontaine & das Medien-Perpetuum-Mobile

In einem Punkt immerhin gibt der »Spiegel« zu, in seiner Berichterstattung über Oskar Lafontaine und sein angebliches Verhältnis zu Sahra Wagenknecht einen Fehler gemacht zu haben.

Aber machen wir vorher noch einen kurzen Abstecher in die heutige Medienkolumne von Kai-Hinrich Renner im »Hamburger Abendblatt«, in der er schreibt:

In Berliner Politik-Kreisen gilt es mittlerweile als gesichert, dass die »Spiegel«-Story stimmig ist. Der klagefreudige Lafontaine hat bisher nicht mal eine Gegendarstellung verlangt.

»Stimmig« ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang. Offenbar wissen weder Renner noch die »Kreise«, mit denen er gesprochen hat, ob die »Spiegel«-Geschichte stimmt. Vielleicht hatte das »Abendblatt« auch nur keine Lust, die angebliche Klagefreude des Politikers doch noch herauszufordern.

Aber das erleichtert die journalistische Arbeit natürlich ungemein, wenn sich Stimmigkeit oder Plausibilität als neues publizistisches Kritierium durchsetzt: Endlich nicht mehr recherchieren müssen, was war, sondern nur noch, was gewesen sein könnte. Das veröffentlicht man dann, und wenn der Betroffene »nicht mal eine Gegendarstellung verlangt«, nimmt man es fortan als wahr an. (Was hätte Lafontaine in der vergangenen Woche auch anderes zu tun gehabt, als sich um Gegendarstellungen zu kümmern — mal abgesehen von der Frage, wie klug ein solches Vorgehen gewesen wäre. Im übrigen behauptet der »Spiegel« nicht einmal, Lafontaine habe ein Verhältnis zu Wagenknecht, sondern nur, dass es Gerüchte in der Linkspartei gebe, die ihm das unterstellen. Was hängen bleibt, ist natürlich etwas anderes.)

Ich kann nicht beurteilen, ob die »Spiegel«-Behauptungen über Lafontaine wahr (oder auch nur »stimmig«) sind, und zu der perfiden Art, wie der »Spiegel« seine Umwidmung zum Klatschblatt rechtfertigt, ist an anderen Stellen schon genug gesagt worden. Aber nachhaltig faszinierend finde ich es, wie die »Spiegel«-Autoren sich zu ihrem Gerüchtetext, der überwiegend aus Fragen besteht, eine zusätzliche Scheinquelle gebastelt haben. Sie schreiben:

Auch ein Bericht der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« vor zwei Wochen (»Lafo hat was am Laufen mit Sahra Wagenknecht«) blieb unwidersprochen.

Aber die »FAS« hat das nicht berichtet. Sie hat in ihrer wöchentlichen Kolumne »Herzblatt-Geschichten«, die ironisch die Behauptungen der Klatschblätter kommentiert, berichtet, dass das in der »Bunten« stehe, dort angedeutet unter anderem durch die Formulierung:

»Die Kommunistin Sahra Wagenknecht, intime Kennerin von Lafontaines Positionen und nicht nur in Streikfragen mit ihm auf Augenhöhe, verlangt wie er regelmäßig französische Verhältnisse.«

Und woher hat die »Bunte« diesen merkwürdigen Satz? Aus dem »Spiegel«, wo sich die Autoren Stefan Berg, Markus Deggerich und Frank Hornig mit ihm Mitte Oktober für eine »vielversprechende Karriere in der Bütt« empfohlen hätten, wie Jens Berger treffend kommentiert.

Also noch einmal: Der »Spiegel« schreibt, was die »FAS« schreibt, was die »Bunte« schreibt, was der »Spiegel« schreibt. Oder kürzer: Der »Spiegel« bestätigt sein eigenes Gerücht mit seinem eigenen Gerücht. Hut ab vor soviel Chuzpe.

Ich habe gestern Georg Mascolo, den »Spiegel«-Chefredakteur gefragt, ob so ein Vorgehen seriös sei. Er hat das nicht direkt beantwortet, sagt aber:

»Die Autoren haben für dieses Stück wochenlang recherchiert. Es gibt keinen Anlass an der Darstellung zu zweifeln.

Bei dem Text in der FAS handelt es sich erkennbar um eine Glosse; sie hätte so im SPIEGEL nicht zitiert werden dürfen.«

Wie gesagt: Immerhin.

PS: Natürlich hat sich das Klatschblatt »Bunte« auch in dieser Woche wieder dem Thema gewidmet, unter der bestimmt lustig gemeinten Überschrift: »Oskar und die linke Lady«. »Bunte« weist darauf hin, dass Frau Wagenknecht »süß-saure Krabben im Wok oder Lammhüfte in Rotweinjus« koche und 1997 mit »reichlich Brautschmuck im Haar« geheiratet habe, »obwohl« sie noch 1989 in die SED eingetreten sei. Und als einen Beleg für die Affäre nennt »Bunte« was? Natürlich:

Auch die renommierte »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« berichtete vor zwei Wochen: »Lafo hat was am Laufen mit Sahra Wagenknecht.«

Die Medien haben das Perpetuum Mobile entdeckt. Läuft ohne Antrieb von außen, macht aber viel Dreck.

[Offenlegung: Ich schreibe regelmäßig für die FAS.]

 
— 21. November 2009, 14:18 — 62 Kommentare

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