Lichtgestalten, die uns mit Prothesen wärmen: Der »Stern« malt sich den Fall Pistorius aus

Mein vor­läu­fi­ger Lieb­lings­satz des Jah­res stand ver­gan­gene Woche im »Stern« und lau­tet so:

Eine über­ra­schende Wen­dung scheint bis­lang nicht in Sicht.

Der Satz hat nicht nur die­ses irre innere Flir­ren — denn wenn es über­haupt etwas gibt, das man mit Sicher­heit von über­ra­schen­den Wen­dun­gen sagen kann, dann doch, dass sie sich nicht vor­her ankündigen.

Der Satz schil­lert noch schö­ner, wenn man sei­nen Kon­text kennt. Er steht näm­lich am Ende eines Arti­kels über den südamerafri­ka­ni­schen Sport­star Oscar Pis­to­rius, der seine Freun­din Reeva Steen­kamp erschos­sen hat. Am Don­ners­tag, als der »Stern« erschien, gab es die über­ra­schende Wen­dung, dass der Haupter­mitt­ler vom Fall abge­zo­gen wurde, weil gegen ihn wegen ver­such­ten Mor­des ermit­telt wurde. Schon am Tag zuvor, als der »Stern« in Druck war, musste die Poli­zei über­ra­schend ein­räu­men, dass sie keine Beweise habe, die die Pis­to­rius‹ Aus­sage wider­le­gen, er habe Steen­kamp ver­se­hent­lich erschos­sen. Und am Frei­tag kam Pis­to­rius über­ra­schend gegen Kau­tion frei.

Das lässt den »Stern« nicht nur alt aus­se­hen. Es lässt ihn schlecht aussehen.

Denn die ganze große Geschichte beruht auf der Annahme, dass Pis­to­rius seine Freun­din absicht­lich umge­bracht hat. Natür­lich weiß auch der »Stern«, dass er das gar nicht weiß und benutzt des­halb immer wie­der Wör­ter wie »mut­maß­lich«. Aber das hin­dert ihn nicht, all die Schluss­fol­ge­run­gen zu zie­hen und Inter­pre­ta­tio­nen zu wagen, die man zie­hen und wagen würde, wenn man wüsste, dass Pis­to­rius der Typ Mann ist, der aus Eifer­sucht seine Freun­din umbringt.

Und die man nur zie­hen und wagen kann, wenn man als jour­na­lis­ti­sches Medium der Mei­nung ist, dass man spä­tes­tens fünf Tage nach einer Tat alles weiß, was man wis­sen muss, um zu einem abschlie­ßen­den Urteil zu kom­men, denn was soll danach noch Über­ra­schen­des herauskommen?

Das Elend beginnt schon im Edi­to­rial, in dem »Stern«-Chefredakteur Tho­mas Oster­korn die Frage stellt:

Wie kann ein gefei­er­tes Idol sich zu einer sol­chen Tat hin­rei­ßen lassen?

Gegen­frage: Was für eine Tat genau?

Ein paar Stun­den klam­mer­ten sich seine süd­afri­ka­ni­schen Lands­leute an die Hoff­nung, es könne ein tra­gi­sches Ver­se­hen gewe­sen sein.

Doch mitt­ler­weile deu­tet nur noch wenig auf einen Unfall hin.

»Mitt­ler­weile« hier im Sinne von »zwi­schen­zeit­lich am ver­gan­ge­nen Dienstag«.

stern-Reporter Marc Goer­gen, ehe­mals stern-Korrespondent in Süd­afrika, machte sich mit dem Foto­gra­fen Per-Anders Pet­ters­son sofort auf den Weg nach Pre­to­ria, um Ant­wor­ten zu fin­den. Sie spra­chen mit Freun­den von Täter und Opfer, mit den Ermitt­lern und recher­chier­ten im Umfeld von Pis­to­rius‹ Haus.

Die Art von gro­ßer Recher­che also, die sich kaum noch jemand leis­ten kann. Qualitätsjournalismus.

Auf dem Cover ist die Geschichte mit der Zeile »Oscar Pis­to­rius unter Mord­ver­dacht: Exklu­sive Fotos« ange­kün­digt. Das fand man offen­bar nicht obszön.

Goer­gen fängt sein Stück an wie ein Krimi:

Ein Mann, so muss man es sich nach durch­ge­si­cker­ten Polizei-Informationen vor­stel­len, trägt seine schwer ver­letzte Freun­din die Treppe her­un­ter. Er hält sie in bei­den Armen. Sie trägt nur ein Nacht­hemd. Sie röchelt.

Ihre Arme und ihr Kopf bau­meln leb­los am Kör­per. Blut rinnt aus Wun­den am Kopf, an der Hand, an der Hüfte. Es tropft auf den schwar­zen Mar­mor der Treppe.

Wir lesen noch ein­mal, was uns Oster­korn schon erzählt hat:

Ein paar Stun­den lang hält sich zunächst noch die Erklä­rung, Pis­to­rius habe die Frau für einen Ein­bre­cher gehal­ten, doch mit jeder wei­te­ren Zeu­gen­aus­sage, jeder wei­te­ren Spur erscheint diese Ver­sion unwahr­schein­li­cher. Reeva Steen­kamp, so die Ermitt­ler, wurde mit vier Kugeln aus einer halb­au­to­ma­ti­schen Tau­rus, Kali­ber neun Mil­li­me­ter, getö­tet. Der Waffe von Oscar Pistorius.

Es ist ein Drama, das einen genauso erschüt­tert wie rat­los zurück­lässt: Wie kann ein bewun­der­tes Idol sich zu einer sol­chen Tat hin­rei­ßen lassen?

Es folgt eine wei­tere Frage, die womög­lich mein zweit­liebs­ter Satz des Jah­res ist:

Hat uns die Licht­ge­stalt mit den Kar­bon­pro­the­sen nicht nur gewärmt, son­dern auch geblendet?

Beim drit­ten Lesen habe ich zwar gemerkt, dass die Kar­bon­pro­the­sen gar nicht das Dativ-Objekt instru­men­tale Adver­bial des Sat­zes sein sol­len und uns inso­fern auch weder gewärmt noch geblen­det haben, aber der schö­nen Schiefe des Bil­des nahm das nur wenig.

Der »Stern«-Reporter erklärt dann, dass viele Sport­stars das Gefühl hät­ten, sich alles erlau­ben zu kön­nen, und zählt die »ziem­lich lange Liste gefal­le­ner Sport­stars« auf: Mike Tyson (Ver­ge­wal­ti­gung) O. J. Sim­pson (Ver­dacht des Mor­des an sei­ner Frau), Tiger Woods (»bil­li­ger Rin­gel­piez mit gleich Dut­zen­den Bar­da­men und Grou­pies«), Magic John­son (HIV-positiv mit über 1000 Frauen geschla­fen), Kobe Bryant (Vor­wurf der Vergewaltigung).

Und Oscar Pistorius?

Auch Oscar Pis­to­rius muss es ken­nen, die­ses Gefühl, dass einem die Welt zu Füßen liegt.

(sic!)

Nun ist der »Stern« aber natür­lich nicht auf eine psy­cho­lo­gi­sche Fern­dia­gnose ange­wie­sen, son­dern selbst nach Süd­afrika geflo­gen, um zu recher­chie­ren. Das hier sind die Ergebnisse:

Wen immer man nach Tref­fen mit Oscar Pis­to­rius befragt, jeder betont des­sen Höf­lich­keit. Er halte Frauen die Tür auf. Er wisse zuzu­hö­ren. Er setze sich nicht zu Tisch, bevor sein Gast Platz genom­men habe. (…)

Auch Freun­din­nen von Reeva Steen­kamp kön­nen sich nicht erin­nern, dass die Erschos­sene jemals Andeu­tun­gen über Gewalt gemacht habe.

Der »Stern«-Reporter hat vor Ort sogar eine Freun­din von Steen­kamp auf­ge­tan, die sie rich­tig lange kannte und sich zitie­ren ließ: Mir­riam Ngo­mani. Das kleine Foto von ihr, wie sie mit irgend­wem anders vor dem Fern­se­her sitzt und eine Sen­dung mit ihrer erschos­se­nen Freun­din sieht, muss auch eines der »exklu­si­ven Fotos« sein, die der »Stern« auf dem Titel ankün­digte, zusam­men mit zwei nichts­sa­gen­den brief­mar­ken­gro­ßen Auf­nah­men von Pis­to­rius‹ Geschwis­tern vor dem Polizeirevier.

Jeden­falls:

Mir­riam Ngo­mani kannte Steen­kamp seit mehr als zehn Jah­ren. Sie arbei­te­ten für die­selbe Model-Agentur und wur­den Freun­din­nen. Am Wochen­ende vor den töd­li­chen Schüs­sen waren sie noch gemein­sam auf einer Party. »Reeva hat nie­mals Pro­bleme mit Oscar erwähnt. Über­haupt hat sie nicht viel über ihn gespro­chen«, sagt die Freundin.

Schön, dass man das ein­mal doku­men­tiert sieht.

»Aber das war wohl, weil er so bekannt war und sie keine Gerüchte über ihn streuen wollte.« Ngo­mani traf die bei­den ein paar­mal gemein­sam, aber auch sie hat keine düs­te­ren Vor­zei­chen bemerkt. »Oscar war nett und höf­lich. Das war’s.«

Oder eben nicht.

Oder eben nicht. Da sind diese Mosa­ik­stein­chen. Jedes für sich unschein­bar, doch im Licht des mut­maß­li­chen Mor­des betrachtet …

Dies wäre ver­mut­lich der win­zige Moment gewe­sen, in dem der »Stern« die Rea­li­tät, die wild win­kend und ges­ti­ku­lie­rend vor sei­nem Redak­ti­ons­ge­bäude stand, hätte wahr­neh­men kön­nen: Wir wis­sen nicht, ob Pis­to­rius wirk­lich einen Mord began­gen hat. Wir wis­sen viele unschein­bare Details, denen wir eigent­lich keine große Bedeu­tung bei­mes­sen wür­den. Wir schrei­ben ihnen nur eine Bedeu­tung zu, weil wir wis­sen, dass der Mann ein Mör­der ist, was an sich schon zwei­fel­haft genug wäre, in die­sem Fall aber noch dadurch ver­schärft wird, dass wir genau das nicht wissen.

Aber der »Stern« merkte nichts und hielt nicht inne.

… doch im Licht des mut­maß­li­chen Mor­des betrach­tet, erge­ben sie das Bild eines ande­ren Oscar Pis­to­rius: eines Adre­na­lin– Jun­kies, der das Leben bis zum Letz­ten aus­reizt. Pis­to­rius besitzt meh­rere Sport­wa­gen, mit denen er gern mit 250 Stun­den­ki­lo­me­tern über die High­ways bret­terte. 2009 raste er mit einem Speed­boat in einen Pier hin­ein und knallte mit dem Kopf aufs Steuer. (…)

Manch­mal wirkte es, als ob ein wil­des Kind im 26-Jährigen steckte.

Die Frauen an sei­ner Seite wech­sel­ten häu­fig; er sei der ulti­ma­tive Play­boy, gab eine Ex der Klatsch­presse zu Pro­to­koll. Eines sei­ner Tat­toos, den Bibel­vers »Ich laufe nicht wie einer, der ziel­los läuft«, ließ er sich nachts um zwei spon­tan in einer puerto-ricanischen Kaschemme in New York in die Schul­ter ste­chen. Dann wie­der schaffte er sich zwei weiße Tiger an, bis die ihm zu groß wur­den und er sie abge­ben musste.

Klar, dass so einer ein Mör­der wird, wenn er zum Mör­der wird. Auch wenn er total höf­lich den Frauen die Tür aufhält.

Erstaun­li­cher­weise blei­ben auch für den »Stern«-Reporter ein paar Fra­gen offen:

Was also ist in Pis­to­rius gefahren?

War es Eifer­sucht? Waren es Dro­gen, Alko­hol, Ste­ro­ide, die bei ihm offen­bar gefun­den wurden?

Ah, höm. Kleine »über­ra­schende Wen­dung«: Es wur­den keine Ste­ro­ide bei Pis­to­rius gefun­den. Das Mit­tel, das ursprüng­lich für ein Tes­to­ste­ron­prä­pa­rat gehal­ten wurde, ent­puppte sich inzwi­schen als Potenz­mit­tel auf der Basis von Tier­her­zen und –hoden sowie Heil­pflan­zen und Vitaminen.

Wei­ter im »Stern«:

Was war da los im Haus in der Bushwil­low­straat? Infor­ma­tio­nen aus Ermitt­ler­krei­sen legen nahe:

(…) Gegen 1.30 Uhr in der Nacht hör­ten Nach­barn Lärm und beschwer­ten sich beim Sicher­heits­dienst der Anlage. Um 3.20 Uhr dann die Schüsse. Offen­bar, so eine Ver­sion aus Poli­zei­krei­sen, schoss Pis­to­rius im Schlaf­zim­mer das erste Mal auf Reeva Steenkamp.

Wäre das nicht eine gute Gele­gen­heit, in den Kon­junk­tiv zu wech­seln? Nein:

Die Kugel traf sie in die Hüfte. Sie schleppte sich ins angren­zende Bad und ver­rie­gelte die Tür. Pis­to­rius feu­erte drei­mal durchs Holz und traf Steen­kamp in Kopf, Arm und Hand. Dann rief er sei­nen Vater an. Der erreichte gemein­sam mit Pis­to­rius‹ Schwes­ter gegen halb vier das Haus — als sein Sohn gerade die ster­bende Reeva Steen­kamp die Treppe her­un­ter­trug. Einer ande­ren Ver­sion zufolge fie­len alle Schüsse durch die Badezimmertür.

Der »Stern«-Artikel endet so:

Das Bett war auf bei­den Sei­ten benutzt. Sowohl Pis­to­rius wie auch Steen­kamp hat­ten offen­bar vor der Tat darin geschla­fen. Es ist der Moment, in dem der Krimi beginnt — und das Mär­chen des Oscar Pis­to­rius wohl endet. Eine über­ra­schende Wen­dung scheint bis­lang nicht in Sicht. Man kann sich die­sen Moment in all sei­ner Grau­sam­keit aus­ma­len. Die Schreie und Schüsse, das split­ternde Holz der Tür, das Blut, die Sze­nen im Schlaf­zim­mer, im Bade­zim­mer, auf der Treppe.

Wirk­lich begrei­fen kann man ihn beim bes­ten Wil­len nicht.

Jaha, »aus­ma­len« kann man sich echt viel. Man bräuchte dafür sogar ver­mut­lich kei­nen »Stern«-Reporter, der eigens samt Foto­graf nach Süd­afrika fliegt, um es für einen zu tun.

PS: Die Kon­kur­renz von der »Bun­ten« fand schon ein Fra­ge­zei­chen hin­ter ihrer Schlag­zeile zuviel der Serio­si­tät. Da weiß man wenigs­tens, was man hat. Und vor allem: was nicht.

Sonnengrüße von der Tanja May

Jörg Kachel­mann hat heute Mit­tag über Twit­ter ein Doku­ment ver­öf­fent­licht, das einen inter­es­san­ten Ein­blick in die jour­na­lis­ti­schen Metho­den des Burda-Verlages bie­tet. Es ist nach sei­nen Anga­ben eine Nach­richt, die die »Bunte«-Chefreporterin Tanja May zusam­men mit einem gro­ßen Blu­men­strauß an eine Zeu­gin ver­schickt hat. Darin bat sie die Zeu­gin darum, sie doch noch vor ihrer Aus­sage vor Gericht zu treffen.

Lei­der ist das Foto auf Twit­pic jetzt gelöscht wor­den. Von wem oder warum, weiß ich nicht, jeden­falls nach Kachel­manns Anga­ben nicht von ihm selbst.

So sah das aus:


(Ver­pi­xe­lung von Han­dy­num­mer und E-Mail-Adresse von mir.)

Kachel­mann twit­tert dazu:

Wann wird man durch Hubert Burda befördert?

Wenn man sol­che Tele­gramme mit gaaaanz viel Blu­men an Zeu­gin­nen schickt. Man beachte: Erst zu BUNTE, dann Gericht. http://twitpic.com/586fia

Huberts bunte Blu­men wur­den gegen Ende August ver­schickt. Woher kannte Burda­bunte die Ladungs­liste des Gerichts?Woher die Zeuginnenadressen

Zur Vor­ge­schichte: Die »Bunte« hatte drei Zeu­gin­nen bis zu 50.000 Euro dafür bezahlt, noch vor der Haupt­ver­hand­lung in der Illus­trier­ten aus­führ­lich gegen Kachel­mann aus­zu­sa­gen, und war vom Gericht dafür gerügt wor­den. »Bunte«-Chefredakteurin Patri­cia Rie­kel, die die ein­sei­tige Bericht­er­stat­tung ihres Blat­tes »aus­ge­wo­gen und neu­tral« nannte, hatte gegen­über der FAZ erklärt, es habe sich um Stan­dard­ver­träge gehan­delt, wie sie »in allen Redak­tio­nen üblich« seien. Der Ver­dacht, Zeu­gin­nen zu mani­pu­lie­ren, sei »ehr­ver­let­zend und diskriminierend«.

Kachel­mann hat bereits mehr­mals auf Twit­ter auch Papa­razzi gezeigt, die er foto­gra­fierte, wäh­rend sie ihm auf­lau­er­ten. Da er inzwi­schen weder auf einen Ruf als Sym­pa­thie­trä­ger noch auf das Wohl­wol­len der Medien Rück­sicht neh­men muss, kann er fast unge­hemmt die Aus­wüchse des Spek­ta­kels um ihn herum doku­men­tie­ren. Das kön­nen bemer­kens­werte Ein­bli­cke in den jour­na­lis­ti­schen All­tag in Blät­tern wie der »Bun­ten« wer­den — wie die Fleurop-Recherche von Tanja May.

Nach­trag, 21:15 Uhr. Die Tanja May schrieb laut NDR-Medienmagazin »Zapp« übri­gens bereits im März 2010 auch an das angeb­li­che Opfer:

Wie ich Ihnen schon mehrfach geschrieben habe, habe ich Ihnen von Anfang an geglaubt, was Herr Kachelmann Ihnen angetan hat. [...] Sonnengrüße schickt Ihnen die Tanja May.

[via Theo in den Kommentaren]

Observationen am offenen Herzen

Man­ches ethi­sche Dilemma löst sich in der prak­ti­schen jour­na­lis­ti­schen Arbeit wie von selbst. Als der »Stern« im Juni ver­gan­ge­nen Jah­res die über 200 Opfer des abge­stürz­ten Air­bus 447 im Bild zeigte, konnte das Blatt nach den Wor­ten von Chef­re­dak­teur Andreas Pet­zold schon des­halb nicht die Geneh­mi­gung von Ange­hö­ri­gen oder Urhe­bern ein­ho­len, weil die Zeit dafür bis zum Redak­ti­ons­schluss viel zu knapp war. Und zei­gen musste der »Stern« die gan­zen Opfer im Bild, weil er sei­nen Lesern laut Pet­zold nur so das ganze Aus­maß der Tra­gö­die deut­lich machen konnte.

Es ist ver­mut­lich ein Fort­schritt, dass der »Stern«-Chefredakteur sich über­haupt zu sol­chen The­men äußert. Im Zusam­men­hang mit dem Amok­lauf von Win­nen­den hatte das Maga­zin Fra­gen nach der Her­kunft der gezeig­ten Opfer­bil­der und dem Ein­ver­ständ­nis der Ange­hö­ri­gen noch mit dem Hin­weis abge­bü­gelt: »Zu Redaktions-Interna ertei­len wir keine Auskunft.«

Aber seit der »Stern« im Früh­jahr berich­tet hat, mit wel­chen Metho­den eine Agen­tur für die »Bunte« das Pri­vat­le­ben von Poli­ti­kern aus­ge­späht hat, ist das Maga­zin in der unwahr­schein­li­chen Rolle des Ver­tei­di­gers jour­na­lis­ti­scher Stan­dards. Und so ritt Pet­zold auf einem sehr hohen Ross in eine Dis­kus­sion über »Gren­zen der Recher­che im People-Journalismus — Anfor­de­run­gen an eine ›lau­tere‹ Recher­che«, zu der der Deut­sche Pres­se­rat am Mitt­woch in Ber­lin gela­den hatte.

Es war ein Gip­fel der Heuchler.

Patri­cia Rie­kel erklärte noch ein­mal, warum es ein öffent­li­ches Inter­esse daran gege­ben habe, Franz Münte­fe­ring aus­zu­spio­nie­ren. (Das Wort »aus­spio­nie­ren«, das Pet­zold benutzt hatte, ver­bat sich Rie­kel empört. Sie hät­ten »recher­chiert«.) Dass der SPD-Politiker mit einer vier­zig Jahre jün­ge­ren Frau zusam­men sei, mache »ver­än­derte Akzep­tan­zen über Part­ner­schaf­ten deut­lich«, das seien Fra­gen, die »gesell­schafts­po­li­tisch rele­vant« seien. Außer­dem erin­nerte sie daran, dass Münte­fe­ring sich zuvor aus der Poli­tik zurück­ge­zo­gen hatte, um seine schwer kranke Frau zu pfle­gen. »Wenn ein Spit­zen­po­li­ti­ker mit einer so emo­tio­na­len Ent­schei­dung an die Öffent­lich­keit geht, öff­net er auch sein Herz, und das Publi­kum schaut hin­ein«, sagte Rie­kel. »Und die­ses Inter­esse bleibt bestehen.«

Rie­kel for­derte zu unter­schei­den zwi­schen dem, was man recher­chie­ren darf, und dem, was man ver­öf­fent­lich darf. Sie betonte, dass die »Bunte« die bereits vor­her aus­ge­kund­schaf­tete Bezie­hung von Münte­fe­ring erst öffent­lich gemacht habe, als er selbst mit der Frau öffent­lich auf­ge­tre­ten sei. »Es darf keine Vor­zen­sur geben, wenn einer Redak­tion ein Ver­dacht oder ein Gerücht bekannt wird.«

Die Richt­li­nien zur Zif­fer 4 des Pres­se­ko­dex, auf die sich Rie­kel berief, erlaubt die »ver­deckte Recher­che« nur im Ein­zel­fall, »wenn damit Infor­ma­tio­nen von beson­de­rem öffent­li­chen Inter­esse beschafft wer­den, die auf andere Weise nicht zugäng­lich sind«. Aber was sind Infor­ma­tio­nen von beson­de­rem öffent­li­chen Inter­esse? Hans Ley­en­de­cker von der »Süd­deut­schen Zei­tung« nannte als Bei­spiel das Thema Tier­trans­porte, bei dem anders als durch Undercover-Recherche die wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen nicht beschafft wer­den könn­ten. Rie­kel erwi­derte, sie per­sön­lich inter­es­siere sich auch sehr für Tier­trans­porte, »aber es gibt Men­schen, die inter­es­sie­ren sich nun mal für andere Men­schen. Das sei eine Frage des Standpunktes.«

Sie blieb dabei: Eine »Vor­re­cher­che« bei Gerüch­ten müsse in jedem Fall mög­lich sein. (Auf spä­tere Nach­frage stellte sich her­aus, dass sich eine »Vor­re­cher­che« von einer »Recher­che« dadurch unter­schei­det, dass sie bei der »Bun­ten« so genannt wird.)

Nico­laus Fest aus der »Bild«-Chefredaktion über­raschte Rie­kel und Publi­kum mit der Aus­sage, sein Blatt wäre Münte­fe­ring nicht wegen sei­ner neuen Liebe nach­ge­stie­gen. »Ich weiß nicht, was die poli­ti­sche Dimen­sion die­ser Geschichte sein soll. Es gab keine Pro­tek­tion, es ist reine Pri­vat­sa­che.« Die Rede kam auch auf den Fall des CSU-Vorsitzenden Horst See­ho­fer: Die Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer waren sich einig, dass es erlaubt war, seine Ver­hält­nis zu einer Freun­din, die auch ein Kind von ihm erwar­tete, öffent­lich zu machen, weil See­ho­fer mit sei­nem intak­ten Fami­li­en­le­ben Wahl­kampf gemacht hatte und der Lebens­wan­del den Ansprü­chen einer christ­li­chen Par­tei wider­sprach. »Wür­den wir das auch bei einem Poli­ti­ker machen, der freie Liebe pro­pa­giert«, fragte Fest und ant­wor­tete mit Nein.

Ein beson­ders bizar­rer Neben­strang der Dis­kus­sion beschäf­tigte sich mit freien Mit­ar­bei­tern. Die Dis­kus­sion um die Frage, wel­che Gren­zen bei der Recher­che des Pri­vat­le­bens von Poli­ti­kern im Auf­trag von »Bunte« über­schrit­ten wur­den, wird näm­lich dadurch erschwert, dass die Illus­trierte die Recher­che (oder, wie sie sagen würde: »Vor­re­cher­che«) an eine dubiose Agen­tur out­ge­sourct hatte. Des­halb ist umstrit­ten: Was die »Bunte« genau gewusst hat über das Vor­ge­hen der Agen­tur­leute, inwie­weit sie dafür ver­ant­wort­lich ist, aber auch, inwie­fern schon die Aus­la­ge­rung der Recher­che ein Pro­blem ist.

Rie­kel betonte, auf Out­sour­cing könne heute gene­rell nicht ver­zich­tet wer­den, aber die Freien müss­ten sorg­fäl­tig aus­ge­sucht und kon­trol­liert wer­den. Die »Bunte« erar­beite gerade eine Art Ver­hal­tens­ko­dex, in dem sich die Freien zu »kor­rek­ten Recher­che­me­tho­den« ver­pflich­ten. Rie­kel hielt schon in ihrem Ein­füh­rungs­state­ment ein ebenso flam­men­des wie rät­sel­haf­tes Plä­do­yer für die »30.000 Free­lan­cer«, die »nicht bes­ser oder schlech­ter« arbei­te­ten als fest­an­ge­stellte Jour­na­lis­ten. »Der Sta­tus ent­schei­det nicht über die Qua­li­tät eines Journalisten«.

Beim »Stern« sieht man das anders. »Das Kern­ge­schäft darf man nicht out­sour­cen«, for­derte Pet­zold. In Bezug auf inves­ti­ga­tive Recher­chen sagte er: »Jeder freie Mit­ar­bei­ter, den ich beschäf­tige, erhöht das Risiko.«

Nico­laus Fest hatte in der Dis­kus­sion neben Rie­kel und Pet­zold lange Zeit fast ver­nünf­tig und seriös gewirkt (er wies Pet­zold dar­auf hin, dass Freie vor allem bei Spe­zi­al­the­men oft über Kon­takte ver­füg­ten, die die Redak­tion nicht habe, und for­mu­lierte in Bezug auf Recher­che­me­tho­den: »Der Zweck hei­ligt das Mit­tel, aber der Zweck muss stim­men«). Sein sei­nem Wesen eher ent­spre­chende Ein­satz kam erst, als es um Nicht-Prominente ging, um Men­schen, deren Fotos Medien ver­öf­fent­li­chen, weil sie Opfer von Unglü­cken oder Ver­bre­chen gewor­den sind. Zur »Love Parade« sagte er: »Die Leute, die dahin gin­gen, sind zu einem hohen Teil von Exhi­bi­tio­nis­mus oder Voy­eu­ris­mus getrie­ben.« Er ver­stehe nicht das »merk­wür­dige Miss­ver­hält­nis«, dass Men­schen, die kein Pro­blem haben, foto­gra­fiert zu wer­den, wenn sie dort ihre Brüste ent­blö­ßen, ande­rer­seits nicht gezeigt wer­den wol­len, wenn der Anlass ein »jour­na­lis­ti­scher« ist, weil sie näm­lich zum Opfer des Unglücks wur­den. Er beklagte hier eine »Instru­men­ta­li­sie­rung des Per­sön­lich­keits­rech­tes wie bei Pro­mi­nen­ten«: Man sei mit der Ver­öf­fent­li­chung von Fotos ein­ver­stan­den, »solange es schöne Fotos sind«.

Den Leit­fa­den, den der Pres­se­rat gerade zur Bericht­er­stat­tung über Amok­läufe vor­ge­legt hat [pdf], nannte Fest »außer­or­dent­lich pro­ble­ma­tisch«. Er stößt sich schon am ers­ten Satz in der ers­ten Emp­feh­lung, wonach die Redak­tion »sorg­fäl­tig zwi­schen dem öffent­li­chen Inter­esse an dem Gesche­hen und den Per­sön­lich­keits­rech­ten des Täters abwä­gen« müsse. Fest hält eine sol­che Abwä­gung für absurd: Der Amok­lauf bringe ein öffent­li­ches Inter­esse mit sich wie kein ande­res Ver­bre­chen. Über den Täter soll man teil­weise nur anony­mi­siert berich­ten dür­fen, auf die Nen­nung von per­sön­li­chen Details über die Opfer soll ganz ver­zich­tet wer­den: »Das ist ein mas­si­ver Ein­griff in das Bericht­er­stat­tungs­recht«, sagte Fest.

Bei allen Mei­nungs­un­te­schie­den — die Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter von Rie­kel, Fest und Pet­zold ähnel­ten sich frap­pie­rend: Wenn ihre spe­zi­elle Form der Sen­sa­ti­ons­be­richt­er­stat­tung nicht erlaubt sei, könne man gar nicht berich­ten und der Jour­na­lis­mus sei ins­ge­samt bedroht. Natür­lich konnte sich auch kei­ner von ihnen zu einem kla­ren Bekennt­nis dazu durch­rin­gen, auf die unge­neh­migte Ver­wen­dung von Pri­vat­fo­tos aus sozia­len Netz­wer­ken zu ver­zich­ten. Nach zwei Stun­den Dis­kus­sion blieb der Ein­druck: Jour­na­lis­ti­sche Ethik ist für sie nicht mehr als der nach­träg­li­che Ver­such, Ent­schei­dun­gen zu recht­fer­ti­gen, die man unter dem Druck von Zeit und Kon­kur­renz und nach dem Kal­kül der Stei­ge­rung von Auf­lage und Auf­merk­sam­keit trifft.

Zum Glück war dann da aber noch Jür­gen Christ, ein freier Foto­graf aus Köln und ein Mann, dem Sonn­tags­re­den fremd zu sein schei­nen. Er achte »pein­lich genau« dar­auf, die Gesetze ein­zu­hal­ten — »aber nur aus prak­ti­schen Grün­den«, um kei­nen Ärger mit der Jus­tiz zu bekom­men. »Jeman­dem mit dem Auto zu ver­fol­gen, ist doch nichts ver­werf­li­ches«, sagte er, und auch am Anmie­ten einer gegen­über­lie­gen­den Woh­nung zur Obser­va­tion konnte er nichts ver­werf­li­ches fin­den — ob der Pres­se­ko­dex sol­che »ver­deckte Recher­che« nun in der Regel unter­sagt oder nicht. Dass die Beschat­ter von Münte­fe­ring einen Bewe­gungs­mel­der in die Fuß­matte ein­bauen woll­ten, fände er hin­ge­gen »nicht gut«: Es gebe doch prak­ti­sche Kame­ras mit Bewegungsmelder!

Fröh­lich erzählte er, wie er ver­sucht hatte, ein Foto von dem Chefs eines Spen­den­ver­eins mit des­sen Luxus­wa­gen zu bekom­men. Als tage­lan­ges Obser­vie­ren nicht half, bat er einen Taxi­fah­rer, ganz dicht am Wagen vor­bei­zu­fah­ren, dann an der Tür zu klin­geln und zu sagen, er habe da viel­leicht eine Schramme ver­ur­sacht. Der Mann hat zwar nur sei­nen Assis­ten­ten nach unten geschickt. Aber er hat aus dem Fens­ter geguckt, und Christ hatte sein Foto.

»Für wen arbei­ten Sie so«, fragte Patri­cia Rie­kel ihn und kannte die Ant­wort natür­lich. »›Spie­gel‹, ›Focus‹, ›Stern‹, ›Bunte‹…«

Mit Stalkern kennt Frau Riekel sich aus

Was ich ganz ver­ges­sen hatte bei der Geschichte, wie das deut­sche Fach­blatt für Moral, die »Bunte«, Poli­ti­ker mög­li­cher­weise sys­te­ma­tisch bespit­zeln ließ: Mit Stal­kern kennt Chef­re­dak­teu­rin Patri­cia Rie­kel sich ja aus.

Mitte Januar befragte sie der dama­lige Blog­ger Kai Diek­mann am Rande eines dpa-Empfanges, wor­über sie sich in den letz­ten Tagen in den deut­schen Medien am meis­ten geär­gert habe.

Frau Rie­kel antwortete:

»Über Stal­ker. Jour­na­lis­ti­sche Stal­ker, das gibt es auch, ja.«

Auf die Frage, wo sie die sehe, ant­wor­tete sie ausweichend:

»Nicht im Magazinbereich.«

Wen sie meinte, war den­noch kein Geheim­nis: Hans-Jürgen Jakobs, den frü­he­ren Medi­en­re­dak­teur und heu­ti­gen Online-Chef der »Süd­deut­schen Zei­tung«. Der hatte gerade ein gro­ßes Stück im Blatt ver­öf­fent­licht, in dem Hel­mut Mark­wort, der »Focus«-Chef und Lebens­ge­fährte von Frau Rie­kel, nicht so gut weg­kam. Und das geht ja nun gar nicht.

Mark­wort selbst sagte in Diek­manns Kamera:

»Ich bin scho­ckiert, ja, dass die ›Süd­deut­sche Zei­tung‹ (…), dass die einen Stal­ker beschäf­tigt. Die ›Süd­deut­sche Zei­tung‹ hat ja in vie­len Tei­len gute Auto­ren und ver­nünf­tige Jour­na­lis­ten und ist teil­weise ein sehr seriö­ses Blatt. Aber die beschäf­ti­gen einen Stal­ker, der mich seit Jah­ren mit Hass und Neid ver­folgt und spuckt Gift und Galle.«

(Mark­wort spricht das Wort »Stal­ker« übri­gens deutsch aus, so als könnte man Kühe und Pferde darin auf­be­wah­ren, was seine Wut beson­ders nied­lich wir­ken lässt, aber das nur am Rande.)

Der Vor­wurf von Rie­kel und Mark­wort war nicht nur im Affekt dahin­ge­wor­fen. Mark­wort wie­der­holte ihn in einem gro­ßen Inter­view mit der Fach­zei­tung »Horizont«:

Herr Mark­wort, »Focus« wird medial seit Wochen hef­tig unter Feuer genom­men. Den Vogel schoss Hans-Jürgen Jakobs ab, der Sie in der »Süd­deut­schen« auch per­sön­lich hart angreift.

Es ist ja schon das dritte Mal, dass Jakobs mich so atta­ckiert. Für mich ist der Mann ein Stal­ker. Aus irgend­ei­nem Grund ver­folgt Jakobs mich mit Hass, Neid und Wut. Ich staune, dass ein seriö­ses Blatt wie die »Süd­deut­sche Zei­tung« einen sol­chen Fall von Stal­king im Jour­na­lis­mus zulässt.

Das sind harte Vorwürfe.

Was glau­ben Sie, was ich für SMS bekomme! Die Leute fra­gen mich, was ich dem Herrn Jakobs denn ange­tan habe, dass der so um sich schlägt. Auch unbe­fan­gene Leser mer­ken, wie hass­er­füllt die­ser Arti­kel ist. Als Jour­na­list, für den Fair­ness ein hoher Wert ist, bin ich fas­sungs­los, wie fak­ten­frei und agi­ta­to­risch hier über »Focus« geschrie­ben wird.

So über­sicht­lich sind Gut und Böse in der sau­be­ren Welt des Publi­zis­ten­paa­res Markwort-Riekel ver­teilt: Wenn ein augen­schein­lich gut infor­mier­ter Jour­na­list kon­ti­nu­ier­lich und kri­tisch über ihre Arbeit berich­tet, han­delt es sich um »Stal­king«. Wenn ein Klatsch­blatt eine Detek­tei damit beauf­tragt, durch inten­sive Recher­chen im Pri­vat­le­ben dem unge­heu­ren Ver­dacht nach­zu­ge­hen, ein ver­wit­we­ter Poli­ti­ker könne eine neue Freun­din haben, erfüllt es nur seine staats­bür­ger­li­che Pflicht.

Es schnüffelt

Nur einige win­zige Anmer­kun­gen zur aktu­el­len Schlamm­schlacht zwi­schen »Stern« und »Bunte«. Die Ham­bur­ger Illus­trierte wirft der Münch­ner Illus­trier­ten bekannt­lich vor, dass sie das Pri­vat­le­ben von Poli­ti­kern von einer Agen­tur mit ange­schlos­se­ner Detek­tei sys­te­ma­tisch und mit unlau­te­ren Metho­den aus­spä­hen ließ. Der Burda-Verlag und die »Bunte« rea­gie­ren dar­auf mit wüs­tem Geschrei, Kla­ge­an­dro­hun­gen, eini­gen offen­kun­di­gen Quatschar­gu­men­ten, schö­nen Leer­sät­zen (»Inves­ti­ga­ti­ver Jour­na­lis­mus … wird auch von allen natio­na­len und inter­na­tio­na­len Publi­ka­tio­nen betrie­ben«) und dem wie­der­holt geäu­ßer­ten, ver­mut­lich ver­nich­tend gemein­ten Hin­weis, der »Stern«-Bericht über die »Bunte« sei bloß der »Angriff auf einen erfolg­rei­chen Mit­be­wer­ber, der zuletzt den Stern im Ein­zel­ver­kauf am Kiosk über­holt hat«.

Das ist ebenso kin­der­gar­ten­haft wie per­fide: »Bunte«-Chefredakteurin Patri­cia Rie­kel unter­stellt also unge­fähr, dass es beim »Stern« eine Kri­sen­sit­zung gab, in der die Ver­ant­wort­li­chen über­leg­ten, was sie tun könn­ten, damit sie beim Kio­skver­kauf in Zukunft nicht mehr von der »Bun­ten« über­holt wer­den, und beschlos­sen, es mit einer gro­ßen Lügen­ge­schichte über die Kon­kur­renz zu ver­su­chen. Der Vor­wurf wirkt gleich­zei­tig wie eine geschickt in die Bericht­er­stat­tung geschmug­gelte Wer­be­bot­schaft nach dem Motto: Ach, übri­gens, wir haben den »Stern« ein biss­chen überholt.

Bevor man ein Urteil dar­über abgibt, wie plau­si­bel der »Bunte«-Vorwurf ist, sollte man sich viel­leicht diese Kurve ansehen:

Die »Bunte« hat am Kiosk nicht jetzt plötz­lich oder gar zum ers­ten Mal den »Stern« über­holt. Die bei­den Illus­trier­ten lie­gen seit Jah­ren in die­ser Kate­go­rie unge­fähr gleich­auf. Beim »Stern« sinkt die­ser Teil der Auf­lage etwas schnel­ler als bei der »Bun­ten«. Aber die »Bunte« lag immer mal wie­der vor dem »Stern«.

Aber jetzt, auf ein­mal, hat es dem »Stern« gereicht und er hat des­halb eine ver­nich­tende Geschichte über die Kon­kur­renz in Auf­trag gegeben?

PS: Weiß eigent­lich jemand, ob nur »Spit­zen­po­li­ti­ker« »Vor­bild­funk­tion« haben, wie die »Bunte« heu­chelt, und des­halb auf Pri­vat­sphäre ver­zich­ten müs­sen? Oder sind Chef­re­dak­teure viel­leicht auch »Leit­fi­gu­ren unse­res Wer­te­sys­tems«, deren »pri­va­tes Ver­hal­ten daher Aus­wir­kun­gen auf die Moral der Gesell­schaft« hat? Wenn ja, könnte sich bitte jemand opfern und Details des Lie­bes­le­bens von Frau Rie­kel mit ((oder ohne, was weiß ich)) Herrn Mark­wort recher­chie­ren, damit sich unsere Moral dann ent­spre­chend dar­auf ein­stel­len kann? Vie­len Dank.

PPS: Was genau ist die Logik hin­ter der Ent­schei­dung des »Stern«, in dem Arti­kel, der die Ver­let­zung der Pri­vat­sphäre der Poli­ti­ker anpran­gert, selbst detal­liert deren Adres­sen und Woh­nungs­num­mern anzu­ge­ben, die von den Detek­ti­ven erschnüf­felt wurden?

Nach­trag, 15:20 Uhr. Der »Stern« weist mich dar­auf hin, dass die genann­ten Adres­sen der Poli­ti­ker alle­samt alt und nicht mehr aktu­ell seien. Ich weiß trotz­dem nicht, warum man das in die­ser Detailfreude dokumentiert.

Blättern: 1 2