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Journalismus im Dienst der Angst

von Boris Rosenkranz
29 Jan 15
29. Januar 2015

Ach, wie mutig sie ursprünglich sein wollten in Köln; ein Zeichen wollten sie setzen. Beim Rosenmontagszug in zwei Wochen sollte es einen Wagen geben, der sich mit dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ auseinandersetzt. Eine Skizze des Wagens kursierte schon länger. Sie zeigt einen Clown, der seinen Bleistift in die Mündung einer Schusswaffe rammt; der Terrorist dahinter schaut doof aus seiner Sturmhaube, während ihm Idefix auf den Schuh pinkelt. Und hinter dem Clown steht: „Pressefreiheit! Meinungsfreiheit!“

Motiv-Skizze des Charlie-Wagens beim Kölner Rosenmontagszug

Das Motiv ist nicht sonderlich provokativ, nicht mal besonders kreativ nach allem, was man in den vergangenen Wochen an Karikaturen zu diesem Thema gesehen hat. Dem Festkomitee Kölner Karneval ist es nun aber plötzlich doch zu heikel. Am Mittwochabend beschlossen die Organisatoren ganz überraschend, dass es den geplanten Wagen doch nicht geben wird:

Wir möchten, dass alle Besucher, Bürger und Teilnehmer des Kölner Rosenmontagszuges befreit und ohne Sorgen einen fröhlichen Karneval erleben. Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht.

Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: Ein Festwagen, der für Presse- und Meinungsfreiheit steht, wird zurückgezogen, weil er – angeblich – die „Freiheit und Leichtigkeit des Karnevals“ einschränkt. Das ist nicht nur für sich genommen eine denkwürdige Begründung, sie ist noch mal kurioser, wenn man die Genese dieses Wagens kennt. Das Festkomitee hatte kürzlich erst mit viel Tamtam über das Motiv abstimmen lassen, auf Facebook. 14 Entwürfe standen zur Auswahl. Und dieser, der mit dem Clown, gewann den Wettbewerb. Die Reaktionen waren, laut Festkomitee, überwiegend positiv:

Wir sind sehr dankbar über die zahlreichen Rückmeldungen der Menschen zu dem geplanten Wagen. In den sozialen Netzwerken und in den Medien wurde das Thema des geplanten Wagenbaus vielfach diskutiert. Zudem haben uns in den letzten Tagen zahlreiche Rückmeldungen per Email und auf dem Postweg erreicht. Viele Menschen stimmen uns zu und bekräftigen das Vorhaben, ein Zeichen zu setzen.

Viele Menschen stimmten also zu. Es waren sogar Islamwissenschaftler an der Berwertung der Motive beteiligt, damit keine religiösen Gefühle verletzt werden. Lediglich „einige Rückmeldungen“ besorgter Bürger habe es gegeben, „die wir sehr ernst nehmen“, schreibt das Festkomitee. Sonst aber betonen die Organisatoren, wie sehr sie zu dem Motiv stehen, wie unbedenklich und gleichzeitig wichtig es sei, so als Signal, und dass es auch seitens derer keine Bedenken gegeben habe, die für die Sicherheit des Umzugs zuständig sind:

Nach Auskunft hochrangiger Vertreter der Polizei und weiterer Behörden gegenüber dem Festkomitee besteht und bestand keinerlei Risiko für den Kölner Rosenmontagszug, weder für Teilnehmer noch für Besucher – auch ausdrücklich nicht wegen des Charlie-Hebdo-Wagens.

Kein Risiko also. Keine Bedenken. Aber gottseidank kann man sich, wenn gerade mal keine Panik herrscht, darauf verlassen, dass irgendwelche Medien Panik erzeugen, zum Beispiel der „Kölner Stadtanzeiger“, der gestern, noch vor dem Rückzug des Wagens, titelte:

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Die Überschrift ist bemerkenswert, wenn man den Text darunter liest, in dem eher entwarnt wird. Dort sagt zum Beispiel der Kölner Polizeisprecher, dass es „keinerlei Hinweise auf eine konkrete Gefahr“ gebe, und dass man sich zum Sicherheitskonzept des Umzuges (aus gutem Grund) nicht äußere.

Aber das ist dem „Stadtanzeiger“ natürlich wurscht.

Aus einer ungenannten Quelle will die Zeitung „erfahren“ haben, dass der Wagen „unauffällig von getarnten Beamten eines Spezialeinsatzkommandos (SEK)“ begleitet werden soll, worüber sich die getarnten, unauffälligen Beamten sicher gefreut haben, dass das nun auffällig in der Zeitung stand. Zumal es nicht mal etwas Besonderes ist, wie der Leiter des Umzugs der Zeitung sagt: Der Rosenmonatszug sei ein Millionenevent, bei dem „in jedem Jahr“ Polizei dabei sei, zumindest „seit in der Session 2009 ein Wagen mitrollte, der sich mit dem US-Gefangenenlager Guantanamo beschäftigte“.

Dass der Umzug beschützt wird, ist also offenbar Usus. Dennoch verkauft der „Stadtanzeiger“ das als besondere Neuigkeit. Und auch der „Express“ jazzte die Sache mit dem angeblichen Polizeischutz hoch. Auch hier sagt der Polizeisprecher, dass er nichts sagt, dass es aber auch keine Bedenken gebe. Und wieder taucht irgendeine anonyme Quelle auf, dieses Mal „ein ranghoher Beamter“, der darüber plaudert, wie der Wagen angeblich vor Terroristen geschützt werden solle. Dabei dementiert das Festkomitee ausdrücklich, dass überhaupt irgendein einzelner Wagen besonders geschützt werden sollte:

Dies wurde heute in verschiedenen Medien falsch dargestellt und verursachte somit Verunsicherung bei einigen Lesern.

Und noch etwas stand im „Kölner Stadtanzeiger“ und im „Express“, was das Festkomitee nun dementiert:

In den Medien wurde heute publiziert, dass Gruppen oder Karnevalsgesellschaften gegenüber dem Festkomitee Ängste geäußert hätten, vor oder hinter dem geplanten „Charlie-Hebdo-Wagen“ zu gehen. Auch das ist schlichtweg falsch. Gegenüber dem Festkomitee wurden solche Ängste nicht kommuniziert. Dies war bis heute nicht der Fall.

Es waren also offenbar alle, von vereinzelten besorgten Bürgern mal abgesehen, ganz ruhig und besonnen, da die Lage und der harmlose Wagen ja nach Auskunft der Behörden unbedenklich waren – bis bei diversen Medien die Panikmaschine ansprang, auch bei den so genannten Regionalnachrichten von Sat.1, wo schon die Anmoderation karnevalesk doof ist:

Feiern, Trinken, Lachen – der Kölner Rosenmontagszug steht ja vor allem für eins: für Spaß und Halli Galli. Aber jetzt bekommt diese heile Welt einen Riss. Der Charlie-Hebdo-Wagen, der an die tödlichen Anschläge in Paris erinnern soll, soll nämlich wohl sogar vom SEK begleitet werden – aus Angst vor einem möglichen Islamisten-Attentat. Mit welchem Gefühl wir also dieses Jahr Karneval feiern können (…)

Und wie krampfhaft Sat.1 anschließend im Beitrag versucht, ein Gefühl von Angst heraufzubeschwören! Was aber dummerweise kaum jemand bestätigen möchte. Der Polizeisprecher (wieder) nicht. Das Festkomitee (auch wieder) nicht. Und auch die obligatorische Straßenumfrage liefert nicht das, was sich Sat.1 wohl gewünscht hätte. Eine Frau sagt, dass sie zwar ein mulmiges Gefühl habe in Menschenmengen, dass sie das aber nicht vom Feiern abhalte. Eine andere Frau sagt ungefähr dasselbe: Eine gewisse Angst, joah, aber trotzdem müsse man mitmachen, Spaß am Leben haben. Nur eine einzige Frau, wie als Alibi in den Beitrag eingeschnitten, sagt diesen einen Satz: „Ich hätte da schon Bedenken.“ Mehr nicht.

In einem Beitrag der WDR-Lokalzeit Köln, auch von gestern, ist die Tonalität ganz anders, viel entspannter. Die Session, bei der der WDR gedreht hat, ist ausgelassen, alle freuen sich, es ist nirgends von Bedenken die Rede oder von Polizeischutz, alle sind jut druff. Aber, wie gesagt, da sind halt genug andere Journalisten, die Angst und Bedenken haben. Oder vielleicht auch keine Bedenken, sondern Bock auf eine Geschichte, die sich gut verkauft, weil man mit Angst gut Geschäfte machen kann. In diesem Sinne und zur Freude aller Freiheitsgegner: Kölle Alaaf!

Zeitungsverleger instrumentalisieren „Charlie Hebdo“-Anschlag für Kampf gegen Pegida

09 Jan 15
9. Januar 2015

Diese Karikatur wird morgen als Teil einer Aktion des Zeitungsverlegerverbandes in vielen Zeitungen erscheinen:


Karikatur: Klaus Stuttmann; Quelle: BDZV

Ich halte sie für infam.

Der Vorwurf, der darin steckt, ist perfide und falsch. Er ist perfide, weil er Menschen, die friedlich demonstrieren, mit einem Verbrechen in Verbindung bringt, das sie nicht befürworten, nicht gutheißen und das nicht in ihrem Namen begangen worden ist. Und er ist falsch, weil die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ aus Sicht der Pegida-Leute genau das Gegenteil dessen ist, was sie als „Lügenpresse“ beschimpfen.

Vielleicht sollte ich vorwegschicken: Ich habe keinerlei Sympathien für Pegida und die Ressentiments ihrer Anhänger. Ich halte, bei aller Kritik, die ich an Medien habe, die pauschale Verurteilung für falsch und den Begriff „Lügenpresse“ für inakzeptabel. (Und den Vorwurf von dieser Seite schon deshalb für grotesk, weil Blätter wie die „Bild“ den Pegida-Leuten in den vergangenen Jahren zuverlässig Treibstoff für ihre Paranoia geliefert haben.)

Aber.

Es ist idiotisch, so zu tun, als müssten sich die Pegida-Leute, die sich gerade über die Morde an den Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ empören, dafür schrecklich verbiegen, weil sie doch eigentlich auch gegen die freie Presse seien, wie die islamistischen Attentäter. Denn aus Pegida-Sicht haben die „Charlie Hebdo“-Mitarbeiter dadurch, dass sie sich trauten, den Islam zu kritisieren — im grausamsten Sinne des Wortes: ohne Rücksicht auf Verluste — , genau das getan, was sie in den deutschen Medien vermissen und was einen erheblichen Teil des „Lügenpresse“-Vorwurfs ausmacht.

In dieser Sicht ist „Charlie Hebdo“ das Gegenteil von „Lügenpresse“; seine Mitarbeiter zahlten für ihren Mut, anders als die „Lügenpresse“ die Wahrheit zu sagen, mit dem Leben. Was nicht nur die Wut auf die Täter (und die Religion, auf die sie sich berufen) steigert, sondern auch auf die „Lügenpresse“.

Das ist nicht meine Sicht. Ich mache mir diese Argumentation auch nicht zu eigen. Aber sie hat eine innere Logik.

Äußerlich krankt die Logik natürlich daran, dass man „Charlie Hebdo“ dafür als ein islamkritisches Blatt wahrnehmen muss und nicht als ein Blatt, das sich an allen Religionen abarbeitete, an den Fanatikern, an den Mächtigen, an den Idioten — und nicht zuletzt an den Islamophoben und den Ausländerfeinden wie Marine Le Pen. „Charlie Hebdo“ ist ein Blatt, das den Pegida-Leuten nicht gefallen dürfte. Aber dadurch, dass es offenkundig einem islamistischen Attentat zum Opfer fiel, ist es leicht, sein Wesen fälschlicherweise auf die Verspottung des Islam zu reduzieren.

Es ist schon richtig: Man muss „Charlie Hebdo“ vor der nachträglichen Vereinnahmung durch Islamophobiker bewahren. Und man muss verhindern, dass die Morde der Terroristen in Paris von den Pegida-Leuten für ihre Agitation gegen Ausländer und Moslems instrumentalisiert werden.

Aber die Parallele, die die Karikatur zwischen den Worten der Pegida-Anhänger und den Taten des islamistischen Terroristen zieht, ist falsch. Und ihre Wirkung ist verheerend. Wiederum aus Sicht dieser Leute formuliert: Die deutsche „Lügenpresse“ ist nicht nur zu feige, die Wahrheit zu sagen. Sie erklärt sich nach den Attentaten sogar für solidarisch, wenn nicht identisch mit denen, die dafür nicht zu feige waren. Und erklärt stattdessen ihre Kritiker zu Komplizen der Täter.

Die Presse bestätigt aus Pegida-Sicht so, auf kaum zu übertreffende Weise, den Vorwurf von der „Lügenpresse“.

Und es kommt noch besser. Einer der Vorwürfe, die gegen die Medien erhoben werden, ist der der „Gleichschaltung“ — oder weniger problematisch formuliert: dass es in ihnen an Meinungsvielfalt mangele. Und die Zeitungen bringen nun, als Antwort darauf, gemeinsam in großer Zahl dieselbe infame Karikatur, für alle bereitgestellt vom Zeitungsverlegerverband BDZV? Und das ist klug?

Die Gemeinschaftsaktion besteht nicht nur aus der Zeichnung. Dazu gehört ein Text von Helmut Heinen, dem BDZV-Präsidenten. Er kommt daher wie einer von vielen Appellen, die man in diesen Tagen hören kann, die Meinungs- und Pressefreiheit zu verteidigen. Aber er nutzt die Tragödie von Paris in, wie ich finde, schamloser Weise, Eigen-PR für Zeitungen zu machen. Vermutlich ist es nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass er die Morde nicht dafür nutzt, noch einmal an die Bedeutung des Leistungsschutzrechtes zu erinnern oder die Unverschämtheit zu betonen, dass der Mindestlohn auch für so etwas immanent Kostbares und Edles gelten soll wie das Austragen von Zeitungen.

Es ist ein Dokument der Selbstgerechtigkeit. Heinen klopft sich und den seinen auf die Schulter:

In herausragender Solidarität berichten freie Medien weltweit seit Tagen über dieses unmenschliche Verbrechen (…)

Herausragende Solidarität, was soll das sein? Inwiefern ist das eine journalistische Qualität? Und: Solidarität mit wem oder was? Vielleicht am Ende: mit sich selbst?

Die Medien und gerade auch die Zeitungen tragen durch Kommentare und Hintergrundberichte zur Reflexion über unsere zivilen Standards bei.

Gerade auch die Zeitungen!

Sie sind, mit allen Fehlern und Schwächen, mit ihren Stärken und Vorzügen, eine Errungenschaft unserer Demokratie, die wir stets aufs Neue verteidigen müssen. Das zeigt nicht nur der Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Das zeigen auch Nazi-Schmierereien an den Wänden deutscher Verlagshäuser oder das dumpfe Verunglimpfen der „Lügenpresse“ durch die Pegida-Anhänger.

Ja, auch ich sehe in dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ einen Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit insgesamt. Aber ich hätte davor zurückgeschreckt, von dem blutigen Gemetzel in Paris unmittelbar einen Bogen zu schlagen zu „Schmierereien“ und „Verunglimpfungen“, so lästig sie auch sein mögen. Ich glaube auch, dass es richtig ist, den Rufen von der „Lügenpresse“ etwas entgegenzusetzen, aber sie sind, so unerträglich sie sein mögen und so eindeutig ihr politischer Hintergrund ist, nicht dasselbe wie ein Mordanschlag. Einen anderen Eindruck zu erwecken, ist töricht und kontraproduktiv.

Es klingt, als würde Heinen das in diesen Tagen inflationär benutzte Bekenntnis „Je Suis Charlie“ nicht als Zeichen der Solidarität zu verstehen, sondern als wehleidiges: Ja, uns wird auch Unrecht getan, durch diese bösen Rufe auf Demonstrationen und das alles.

Die Zeitungsverleger instrumentalisieren das Attentat von Paris für ihren Kampf gegen Pegida. Ich möchte mich davon distanzieren.

[Offenlegung: Ich schreibe regelmäßig für die FAZ.]

Nachtrag, 23:45 Uhr. Der „Zollern-Alb-Kurier“ hat seinen Artikel mit der Karikatur gelöscht.

Korrektur, 10. Januar. Die „Welt“ hat sich nicht an der Aktion beteiligt, sondern Heinens Kommentar nur in einem kurzen Auszug dokumentiert.

Übrigens hat der BDZV noch eine Alternativ-Karikatur angeboten. Einige Blätter, wie die „Rhein-Zeitung“, haben diese statt der oben gezeigten abgedruckt.

Nachtrag, 11. Januar. Sehr lesenswert zum Thema:

Nachtrag, 12. Januar. Der Deutsche Journalisten-Verband DJV distanziert sich von der BDZV-Kampagne.