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Roche & Böhmermann und die Backsteintalktapete

03 Sep 12
3. September 2012

[SPOILER-Warnung für alle, die die Sendung „Roche & Böhmermann“ vom vergangenen Wochenende noch nicht gesehen haben, das aber noch tun und sich überraschen lassen wollen.]

Ich geb’s zu: Ich war schon auf der Palme. Hab im Kopf knüwerhaft vernichtende Sätze formuliert über die Deppen von ZDF.kultur, die ihre kleine feine Talkshow „Roche & Böhmermann“ grundlos verhunzen.

Schon der Trailer für die neue Staffel ließ das Schlimmste befürchten. Und dann trat tatsächlich vor der Sendung nicht William Cohn als Retro-Ansager-Parodie auf, sondern eine übereuphorisierte Frau, die zwar auch erkennbar ironisch gemeint war, was aber die Sache ja noch nicht gut macht.

Ich hab’s dem Sender jedenfalls zugetraut, den fantastischen edlen Vorspann, der allein schon Grund genug wäre, jede Sendung einzuschalten (jedenfalls kurz), durch so eine dreiviertelironische moderne Variante zu ersetzen. Und dass über dem Namen der Sendung nun peinlicherweise „zdf.kultur’s“ stand, machte die Sache, seien wir ehrlich, nur wahrscheinlicher.

In das leere schwarze Studio hatte jemand eine Standard-Backsteintalktapete gestellt, und geraucht und getrunken werden sollte auch nicht mehr.

Ich hab’s geglaubt, dass das das „neue Studiobühnenbild und verbesserte Konzept“ der Sendung ist. Aber dann, nach langen Minuten, nörgelten Charlotte Roche und Jan Böhmermann, dass die alte Umgebung doch irgendwie besser zu ihnen gepasst hätte, und auf Kommando kamen Bauarbeiter herein und nahmen den ganzen braunen Tand mit und stellten den Whiskey wieder auf den Tisch (hier ab 7:20).

Reingefallen.

Nun kann man diesen ausgedehnten Scherz natürlich albern, sinnlos und egal finden. Mir hat er gefallen, schon weil er so aufwendig und liebevoll umgesetzt war. Und welche andere Sendung im deutschen Fernsehen hätte Mut und Muße, ihre Zuschauer so in die Irre zu führen, und sei es nur für knapp acht Minuten?

(Außerdem komm ich dann auch kurz in der Show vor, wenn endlich alles wieder alt und gut ist.)

Grenzt ein bisschen an Nestbeschmutzung

15 Apr 11
15. April 2011

Nach zwei Wörtern habe ich geahnt, dass mich der „Zeit-Magazin“-Artikel über den Umgang von „Bild“ mit Prominenten enttäuschen würde.

Charlotte Roche

Ich verehre Charlotte Roche, und sie hat die „Bild“-Zeitung von ihrer verachtenswertesten Seite kennengelernt. Aber die Episode, wie ihr kurz nach einer Familientragödie von Leuten zugesetzt wurde, die sich als „Bild“-Mitarbeiter ausgaben, ist jetzt fast zehn Jahre her. Sie ist seitdem viele Male nacherzählt worden, unter anderem schon 2003 und 2005 im „Stern“ und 2004 im „Tagesspiegel“.

Natürlich kann man sie gar nicht oft genug erzählen, weil sie womöglich nicht nur krass ist, sondern auch typisch für die Art, wie die „Bild“-Zeitung sich Menschen gefügig zu machen versucht. Aber wenn ein Artikel im Jahr 2011 über den Umgang der „Bild“-Zeitung mit Prominenten mit einer zehn Jahre alten, vielfach erzählten Geschichte beginnt, spricht das nicht dafür, dass die Autoren etwas Neues herausgefunden haben. Es spricht leider sogar für die „Bild“-Zeitung, weil so der Eindruck entsteht, dass es nichts Neues gibt, das die Autoren hätten herausfinden können.

Leider bestätigen die über 4000 Wörter des Artikels das Gefühl, das die ersten zwei geweckt haben. Sein Personal besteht fast vollständig aus den Leuten, die seit mehr als einem halben Jahrzehnt in ungefähr jedem kritischen Artikel über die „Bild“-Zeitung vorkommen. Neben Charlotte Roche sind das vor allem der unvermeidliche Medienanwalt Christian Schertz und die Künstleragentin Heike-Melba Fendel („Barbarella Entertainment“).

Der „Zeit Magazin“-Artikel erwähnt natürlich auch die Geschichte von Sibel Kekilli. Der Versuch von „Bild“, sie zu vernichten, liegt nun auch schon sieben Jahre zurück. Aus dem „Zeit Magazin“ erfahre ich immerhin, was ich nicht wusste, dass es der Regisseur Dieter Wedel war, der ihr anlässlich der Dreharbeiten zu seinem Film „Gier“ geraten habe, wieder mit „Bild“ zusammenzuarbeiten. (Ausgerechnet von dem Mann, der damals als Unterhaltungschef für die widerliche Berichterstattung verantwortlich war, durfte oder musste sie sich dann in den Himmel hochschreiben lassen.)

Wenn man es nicht schafft, neue Beispiele für den bedenklichen Umgang der „Bild“-Zeitung mit Prominenten zu recherchieren, muss man vielleicht aufhören, Artikel über den bedenklichen Umgang der „Bild“-Zeitung mit Prominenten zu schreiben. Ich habe mich aus dem Geschäft der täglichen „Bild“-Beobachtung ein bisschen zurückgezogen, aber ich würde behaupten, es gibt diese Fälle, auch heute noch. Der Umgang von „Bild“ mit Judith Holofernes vor einigen Wochen war ein vergleichsweise harmloses, aber erhellendes Beispiel: Die Sängerin von „Wir sind Helden“ weigert sich, für „Bild“ zu werben, und „Bild“ nutzt ihre Absage, um für sich zu werben. Die sich als Medienjournalisten tarnenden Schaulustigen waren natürlich begeistert über den Schlagabtausch, aber wie bezeichnend ist das für die Unverfrorenheit von Kai Diekmann und seinen Leuten? Er respektiert nicht einmal den Willen eines Menschen, nicht als Werbefigur für sein Ekelblatt aufzutreten, und schmückt sich noch mit dem Dokument der Ablehnung.

Ich weiß nicht, warum sich deutsche Medien so schwer tun, sich mit handelsüblichen journalistischen Mitteln dem Phänomen der „Bild“-Zeitung zu widmen und — wie im Fall des „Spiegels“ vor einigen Wochen — in geradezu eigenrufschädigender Weise scheitern. Ich fürchte inzwischen, dass die meisten dieser Ausweise der Hilflosigkeit die „Bild“-Zeitung eher stärken als schwächen.

Die „Bild“-Geschichte ist Teil eines ganzen Themenheftes über Journalismus, und größere Teile davon sind nicht nur enttäuschend, sondern ärgerlich. Die Artikel wirken, als wollten sie beweisen, was im großen „Zeit“-Titelseiten-Teaser steht: „Im Kritisieren sind Medien gut — Selbstkritik fällt dagegen schwer.“

Unter der Überschrift „In eigener Sache“ berichten vier „Zeit“-Journalisten „aus unserer Praxis“. Es sollen wohl Bekenntnisse der eigenen Unzulänglichkeiten sein, des Scheiterns am großen Anspruch, die „Wahrheit“ zu berichten. Der Feuilleton-Redakteur Adam Soboczynski bekennt bei dieser Gelegenheit, dass er im Nachhinein Zweifel hat, ob sein Portrait über den Schriftsteller Gaston Salvatore wirklich perfekt war:

Das Porträt handelte also vom schwierigen Umgang der Deutschen mit einem Chilenen. Salvatore erzählte bei unserem Interview in Venedig, dass er bald einen Roman schreiben werde mit dem Titel „Der Lügner“. Er beabsichtige, den Roman auf Spanisch abzufassen, obgleich er lange Zeit beinahe ausschließlich auf Deutsch geschrieben hat. Mein Artikel Der Verdammte schloss also folgendermaßen: Salvatore habe jedenfalls die Absicht, bald einen Roman zu schreiben. Diesmal nicht auf Deutsch. Sondern auf Spanisch. Der Arbeitstitel laute: „Der Lügner“.

Das war keine Lüge. Und doch plagt mich eine leise innere Anklage. Am Ende des Artikels zu sagen, Salvatore schreibe nicht mehr auf Deutsch, legt nahe, dass er derart von den Deutschen enttäuscht sei, dass er darum auf Deutsch nicht mehr schreiben möchte. Das weiß ich, offen gesagt, gar nicht so genau. Ich weiß, dass es stimmt, dass er den Roman auf Spanisch und nicht auf Deutsch schreiben möchte. Aber vielleicht möchte er nur sozusagen zur Abwechslung mal auf Spanisch schreiben. Ich hatte das nicht erfragt. Ich gestehe.

Sind Sie noch wach?

Das ist es also, was „Zeit“-Redakteuren einfällt, wenn sie Selbstkritik üben sollen. Das wäre selbst uns Erbsenzählern zu piefig.

Sein Kollege Henning Sußebach berichtete, wie er eine Reportage über einen „Mann am Rande der Gesellschaft“ geschrieben hatte, einen „sogenannten Verlierer“. Es muss, glaubt man Sußebachs Beschreibung von Sußebachs Artikel, ein großartiger Artikel gewesen sein, einfühlsam, engagiert, mit ausführlichen Zitaten des Betroffenen. Das Problem mit dem Artikel war, bösartig zusammengefasst, dass er zu gut war.

[…] ich schrieb Sätze, die L. zwar nicht freisprachen von Schuld an seinem Schicksal, aber auch der Gesellschaft Verantwortung zurechneten. Schon um die Leser bei der Ehre zu packen. Bis heute bin ich der Meinung, dass das richtig war. Und doch habe ich L. damit keinen Gefallen getan.

Es klingt schrecklich arrogant: Aber für einen Menschen, für den sich jahrelang niemand interessiert hat, dessen bisheriges Leben geradezu aus Nichtbeachtung bestand, kann ein einziger Zeitungsartikel zu groß sein, zu gewaltig. (…)

Ich traf mich immer wieder mit L. und merkte: Aus allen solidarischen Sätzen meines Artikels hatte er sich eine Hängematte geknüpft, in die er sich fallen ließ. Keine Arbeit? Keine Wohnung? Kein Kontakt zu den Eltern? Nie war er verantwortlich, immer waren es die anderen. So hatte er meinen Artikel verstanden. (So verstand ich jetzt jedenfalls ihn.)

Als Sußebach seinem Berichtgegenstand L. später sagte, dass er selbst für sich verantwortlich sei, habe L. sich verraten gefühlt.

Da war er wieder, der Vorwurf: Erst heuchelt der Journalist Verständnis, und dann zeigt er sein wahres, zynisches Wesen. In diesem Fall stimmte das nicht. Genau das macht die Sache so tragisch.

Das ist das Tragische an der Geschichte? Dass ein armer „Zeit“-Journalist, der kein Zyniker ist, für einen Zyniker gehalten wird? So verdienstvoll es ist, wenn Journalisten sich Gedanken machen über die Folgen ihrer Arbeit: Das ist keine Selbstkritik, das ist Selbstmitleid.

Es durchzieht viele der kleinen Texte, auch die, in denen „Zeit“-Journalisten sich mit Leser-Kritik beschäftigen. Ressortleiter Jens Jessen erklärt in einer „kleinen Rede an die Verächter des Feuilletons“ (kein Dialog, wohlgemerkt, sondern eine „Rede an“), dass der Feuilletonist gar nicht anders sein kann als einen elitären Geschmack zu haben:

Die Kultur ist sein Gegenstand; und mit der Dauer der Beschäftigung wachsen die Ansprüche. Auch wer mit Edgar-Wallace-Krimis im deutschen Fernsehen begann, findet irgendwann Hitchcock besser.

Dieses Schicksal einer unwillkürlichen Erziehung des Geschmacks teilt der Feuilletonist aber mit seinem Publikum. Niemand, dessen Leidenschaft sich an der Literatur entzündet, bleibt bei Harry Potter stehen.

Wer „selten liest, ungern Musik hört und vom Kino nur den Schuh des Manitu erwartet“, dürfe aber „gerne umblättern“, gestattet Jessen großmütig.

Das ist eine Kunst: beim Reflektieren und Nachdenken so uneinsichtig und arrogant zu wirken. Und womöglich ist das alles sogar gut gemeint. Aber wenn diese „Zeit“-Redakteure über die Unzulänglichkeiten ihrer Arbeit und der Arbeit von Journalisten überhaupt reden, wirken sie wie ein Portraitmaler in der Fußgängerzone, der irgendwann zugibt, dass man, wenn ganz genau hinschaut, vielleicht doch kleinste Unterschiede zwischen seinen Strichzeichnungen und Fotos erkennen könnte.

Immerhin: Heike Faller hat für das Special in einem lesenswerten Artikel nachvollzogen, warum praktisch keine Zeitung vor der drohenden Finanzkrise warnte und, wichtiger noch: Warum die Mechanismen des Journalismus so sind, dass es auch beim nächsten Mal wieder so käme.

Aber das ist dann alles, was der „Zeit“ einfällt zum Thema „Was Journalisten anrichten“? Chefredakteur Giovanni di Lorenzo warnt im Video die „Zeit“-Leser, die vielleicht nicht wissen, dass außerhalb ihrer Wochenzeitung Medienjournalismus eine zwar ständig bedrohte, aber durchaus etablierte Disziplin des Journalismus ist, sogar davor, dass das, was man da gewagt habe, „ein bisschen an Nestbeschmutzung“ grenze.

Nein, das eigene „Zeit“-Nest hat man schön sauber gehalten. Die Redakteure haben sich nicht einmal den Hinweis verkniffen, dass in dem Roman „Ein makelloser Abstieg“, in dem Matthias Frings das Funktionieren der Boulevardpresse beschreibt, die „Zeit“ das Vorbild „für die seriöse Zeitung“ darstelle.

Als ein „recht selbstzufriedenes Blatt“ hat Oliver Gehrs das „Zeit Magazin“ im vergangenen Jahr — vergleichsweise milde — bezeichnet. Die übliche Gediegenheit der „Zeit“ wird beim Versuch, selbstkritisch zu sein, zu abstoßender Selbstgerechtigkeit. Vermutlich ist den Redakteuren wirklich beim besten Willen nichts eingefallen, was sie sich ernsthaft vorwerfen könnten.

Ich helfe fürs nächste „Journalismus-Special“ gerne mit zwei Thementipps aus. Vielleicht könnte die „Zeit“ ihren Lesern einmal die bizarre und höchst unjournalistische Rolle von Sabine Rückert erklären, die für die Zeitung über den Kachelmann-Prozess berichtet und dabei in einem Maße mit der Verteidigung verbandelt ist, die mindestens nach einer Offenlegung schreit, wenn sie sie nicht als Autorin in dieser Sache disqualifiziert.

Oder sie könnte die Gelegenheit nutzen, der interessierten Öffentlichkeit zu erklären, was es mit folgender Passage in einer Titelgeschichte nach dem Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg auf sich hatte:

In der CSU-Vorstandssitzung am Montagvormittag in München muss sich Guttenberg Sticheleien und zweideutige Sätze seiner Parteifreunde gefallen lassen. Vereinzelt verbreiten Journalisten bereits das Gerücht, es gebe einen Zusammenhang zwischen einer Textstelle in der Doktorarbeit und seiner sexuellen Neigung.

Das wäre doch mal ein Thema für das nächste Selbstkritik-Special der „Zeit“: Wie man als seriöse Wochenzeitung anderer Journalisten Gerüchte verbreitet, und zwar gerade vage genug, dass es richtig interessant klingt.

Aber mit etwas Pech fällt Adam Soboczynski bis dahin ein, dass man in einem seiner Portraits ein Komma falsch auslegen könnte, und das geht natürlich vor.

Lesenachlese

29 Okt 07
29. Oktober 2007

Eine der Fragen, die mir am Donnerstagabend immer wieder gestellt wurde, war die, ob ich glaubte, dass auch jemand von „Bild“ da wäre. Jetzt weiß ich’s: mindestens Hagen Meyer. Der Autor von „Bild“-Artikeln wie „Wer läßt sich von mir verhaften? Ich bin unbewaffnet. Du kannst gerne nachgucken … Polizistin Sabrina (22) sucht einen starken Mann“ berichtet im Blog der Axel-Springer-Akademie über die Veranstaltung. (Den Hinweis, dass er selbst für „Bild“ schreibt, hat er vergessen.)

Wenn ich ihn richtig verstehe, war er enttäuscht, dass die Veranstaltung namens „Charlotte Roche liest BILDblog“ im Wesentlichen daraus bestand, dass Charlotte Roche BILDblog las. Er merkte zudem kritisch an, dass das ohne Charlotte Roche nichts gewesen wäre. Recht hat er.

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Aber das wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Eigentlich wollte ich schon vor Tagen darüber bloggen, wie das war, diese Veranstaltung vorzubereiten. Ich wollte von den vielen, vielen Stunden berichten, in denen ich daran saß, die (meist extra von Heiko in tagelanger Arbeit noch einmal neu eingescannten) Ausrisse in Form zu bringen. Das war nämlich meine erste Powerpoint-Präsentation überhaupt, und die Idee, das Programm dabei quasi so nebenbei zu lernen, könnte man überambitioniert nennen oder auch einfach dumm. Schön jedenfalls, dass ich jetzt weiß, dass Word nicht das einzige Programm mit der intuitiven Microsoft-Benutzerführung ist: Es errät mit erstaunlicher Trefferquote, was ich tun will, um dann etwas anderes zu machen.

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Apropos: Ist eigentlich schon mal juristisch geprüft worden, ob das Programmverhalten von Word bei der Arbeit mit langen Tabellen und Seitenumbrüchen möglicherweise gegen die Genfer Menschenrechtskonvention verstößt?

(Bevor jemand fragt: Word 2007, PowerPoint 2007, Vista. Ja, ich weiß.)

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Knifflig bei der Zusammenstellung des Programms für den Abend waren die Fragen: Wie witzig muss es sein? Wie ernst darf es sein? Es sollte ein unterhaltsamer Abend werden, die Leute sollten etwas zu lachen haben, keine Frage. Aber wir wollten auch die schlimmen Geschichten erzählen, an deren Ende nicht unbedingt eine Pointe steht, und schon gar keine lustige. Andererseits haben wir schon vorher bei der Auswahl gemerkt, dass viele der krassen Geschichten gar nicht zum Vorlesen in diesem Rahmen taugen; dass wir die Menschen, die „Bild“ zu Opfern gemacht hat, in gewisser Weise noch einmal missbrauchen würden.

Klar: Das war eine Gratwanderung, und bei der Lesung trat noch ein anderer, merkwürdiger Effekt ein. Klaus Raab beschrieb das in der „taz“ so:

Frappierend ist jedoch, dass das Publikum nicht nur über die pointierten Kommentare von Bildblog lacht, sondern — selbst im Fall des Hort-Artikels — schon über die Primärquelle: Bild.

Damit hatten wir so nicht gerechnet, und tatsächlich scheint das auch ein Widerspruch zu dem zu sein, was wir schon sehr früh als eine Motivation für BILDblog formuliert hatten:

Uns stört die Tendenz, alles in „Bild“ als amüsante Unterhaltung wahrzunehmen.

Haben wir nun womöglich genau das selbst gemacht? Und ungewollt bewiesen, wie gut das funktioniert, wie lustig das ist: ein Abend mit „Bild“-Artikeln?

Es ist dann aber doch eine andere Art des Lachens. Es hat nichts von dieser postmodernen Haltung, die „Bild“-Zeitung als Fiktion zu lesen und ihre Machart, ihre vermeintliche Kunstfertigkeit zu bewundern, unabhängig vom Inhalt. Deutlich wurde das für mich auf der Bühne bei unserem Eintrag zum Brief von Wagner an die türkischen Schüler. Das Gelächter war nicht nur eines über den armen Wirren Franz Josef Wagner. Es war auch ein Ausdruck der Fassungslosigkeit über die Ideologie, die mit solchen „Bild“-Artikeln transportiert wird. Es hat, kurz gesagt, etwas Kathartisches, das Lachen.

Christoph hat diese These noch am Abend entwickelt, und ich glaube, sie stimmt: Da sitzen Leute, die ihre Ablehnung dieser Zeitung und ihrer Methoden vereint, und lachen „Bild“ gemeinsam und öffentlich aus. Oder wie es eine Kommentatorin bei der „taz“ formuliert:

[Das Lachen] ist keine Verharmlosung der BILD, sondern Ausdruck der Unfassbarkeit, dass dieser Schrott in der meistgelesenen Zeitung Deutschlands stehen soll.

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Klaus Raabs Fazit in der „taz“ gefällt mir gut:

An diesem Abend trifft sich also eine nicht bis ins Nachtprogramm hinein politisierte Generation — aber doch ein Milieu, in dem Bereitschaft zu politischem Denken besteht.

Er zitiert mich allerdings davor mit dem Satz, BILDblog werde von „20-Jährigen“ gelesen — dabei habe ich das nur als einen Teil unserer (vermuteten) Leserschaft angegeben.

Ein erster, unverbindlicher Blick in die (noch nicht abgeschlossene) BILDblog-Leser-Umfrage zeigt übrigens, dass unsere Leser im Schnitt 28,5 Jahre alt sind.

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Und es sind die tollsten Leser der Welt. Am Dienstag vor der Lesung haben wir noch ein paar Karten verlost, und wenn ich mal schlechte Laune habe, werde ich in Zukunft nur in den Ordner mit den E-Mails schauen müssen, die da gekommen sind.

Es ist immer noch eine solche Welle von Sympathie und Zustimmung, die uns da entgegen schwappt. Und es geht nicht darum, dass alle jubeln sollen über das, was wir machen, oder dass es an BILDblog allgemein oder im Einzelfall nicht genug zu kritisieren gäbe. Aber ein solches grundsätzliches Wohlwollen von netten Menschen, habe ich noch bei keiner anderen Arbeit erlebt.

Ich erlebe das immer noch als Glück. Ein bisschen Stolz ist auch mit dabei, vor allem aber ist das ein großes, großes Glück.

Wie unfassbar das ist, hat mir unsere Lesung wieder gezeigt: Ich meine, wo gibt es das denn, dass Charlotte Roche einem sagt: Klar, ich les gerne für euch. Dass man bei Fettes Brot anfragt, ob die nicht auflegen wollen, und keine 24 Stunden später sagen die Ja. Einfach so, weil die uns gut finden (und Charlotte Roche). Ach, und überhaupt: Dass man eine Lesung macht und trotz 600 Sitzplätzen nicht alle reinkommen, die reinwollen, und sich mit selbst gemalten „Suche Karten“-Schildern vor die Tür stellen?

Was ich eigentlich sagen will: Danke!

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Wenn Sie das jetzt schon sentimental und selbstbezüglich fanden, dann seien Sie froh, dass ich all das (und viel mehr) nicht schon vergangene Woche im Glücksrausch aufgeschrieben habe. Das ist auch eine interessante Erfahrung: Wenn schon mal wirklich etwas passiert im Leben, über das man bloggen könnte, kommt man nicht dazu, darüber zu bloggen, weil man voll und ganz damit beschäftigt ist, es zu erleben.

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Ach ja, die meistgestellte Frage nach der Lesung war diese: Ob wir damit dann jetzt auf Tournee gehen.

Keine Ahnung. Wir wissen noch nicht, ob wir das könnten. Wir wissen aber auch noch nicht, ob wir das überhaupt wollten.

Charlotte Roche

11 Feb 07
11. Februar 2007

Ich verlange wirklich nicht viel vom Fernsehen. Ich wünsche mir, dass da was passiert, nicht alles eingeschweißt und abgepackt ist und normiert, poliert, pasteurisiert vom Formatfließband kommt. Und ich wünsche mir, dass ich mich beruhigt vor dem Fernseher zurücklehnen kann, ohne Sorge, dass irgendetwas furchtbar Peinliches passieren könnte, bei dem mein Körper so damit beschäftigt ist, die Fußnägel aufzurollen, dass es mir unmöglich ist, rechtzeitig wegzuschalten.

Okay, vielleicht verlange ich doch zu viel vom Fernsehen. Umso beglückender ist es, wenn es dann doch jemand schafft, mein Bedürfnis nach Sicherheit und meine Sehnsucht nach Anarchie gleichzeitig zu bedienen. Keiner schafft das so gut wie Charlotte Roche.

Als sie in dieser Woche die Eröffnungsgala der Berlinale moderierte, kiekste sie vor Freude über das prominent besetzte Publikum. Sie machte sogar einen kleinen Hüpfer, als die Berlinale offiziell eröffnet war. Sie warf in die Begrüßung der Honoratioren Sätze wie: „Nice jacket!“. Sie bemerkte, dass Klaus Wowereit auf ihre Frage, was er den Besuchern denn in Berlin empfehle, nur „Shopping“ eingefallen war, und fragte forsch nach: „Sie, als Kultursenator, vielleicht ‚ne kulturelle Idee noch?“ Und als er abging, rief sie ihm hinterher: „The mayor of Berlin, Ladies and Gentlemen. He even looks good from behind.“

Aber das Sensationelle an Charlotte Roche ist, dass sie es nicht nur schafft, das Korsett einer solchen Veranstaltung zu sprengen, sondern auch, es, wo nötig, zusammenzuhalten. Wenn Dieter Kosslick gerade ansetzt, sich um Kopf und Kragen zu reden und den internationalen Mitgliedern von Joy Denalanes Band zu sagen: „Liebe Ausländer, lasst uns mit den Deutschen nicht allein“, unterbricht sie ihn schnell und unauffällig. Jemanden, der so leblos ist wie der Kulturstaatsminister Bernd Neumann, sollte man überhaupt nur noch mit ihr auftreten lassen (wenn man ihn schon auftreten lassen muss): Lustvoll schubste sie ihn immer wieder mit kleinen Provokationen an den Abgrund, um ihn (und die Show und die Zuschauer) in letzter Sekunde von dort wieder wegzureißen und aufzufangen.

Die Art, wie sie dem Jury-Präsidenten Paul Schrader, der angeblich seinen Zettel verloren hatte, die deutschen Eröffnungsworte kurzerhand ins Ohr vorsagte, müsste man ins Lehrbuch für Moderatoren aufnehmen. Andererseits würde es auch dann vermutlich kein anderer so charmant und leichtfüßig, präzise und locker machen wie sie.

Warum nochmal lässt man Charlotte Roche nicht öfter im Fernsehen machen, was sie will?

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung