Roche & Böhmermann und die Backsteintalktapete

[SPOILER-Warnung für alle, die die Sen­dung »Roche & Böh­mer­mann« vom ver­gan­ge­nen Wochen­ende noch nicht gese­hen haben, das aber noch tun und sich über­ra­schen las­sen wollen.]

Ich geb’s zu: Ich war schon auf der Palme. Hab im Kopf knüwer­haft ver­nich­tende Sätze for­mu­liert über die Dep­pen von ZDF.kultur, die ihre kleine feine Talk­show »Roche & Böh­mer­mann« grund­los verhunzen.

Schon der Trai­ler für die neue Staf­fel ließ das Schlimmste befürch­ten. Und dann trat tat­säch­lich vor der Sen­dung nicht Wil­liam Cohn als Retro-Ansager-Parodie auf, son­dern eine über­eu­pho­ri­sierte Frau, die zwar auch erkenn­bar iro­nisch gemeint war, was aber die Sache ja noch nicht gut macht.

Ich hab’s dem Sen­der jeden­falls zuge­traut, den fan­tas­ti­schen edlen Vor­spann, der allein schon Grund genug wäre, jede Sen­dung ein­zu­schal­ten (jeden­falls kurz), durch so eine drei­vier­te­l­iro­ni­sche moderne Vari­ante zu erset­zen. Und dass über dem Namen der Sen­dung nun pein­li­cher­weise »zdf.kultur’s« stand, machte die Sache, seien wir ehr­lich, nur wahrscheinlicher.

In das leere schwarze Stu­dio hatte jemand eine Standard-Backsteintalktapete gestellt, und geraucht und getrun­ken wer­den sollte auch nicht mehr.

Ich hab’s geglaubt, dass das das »neue Stu­dio­büh­nen­bild und ver­bes­serte Kon­zept« der Sen­dung ist. Aber dann, nach lan­gen Minu­ten, nör­gel­ten Char­lotte Roche und Jan Böh­mer­mann, dass die alte Umge­bung doch irgend­wie bes­ser zu ihnen gepasst hätte, und auf Kom­mando kamen Bau­ar­bei­ter her­ein und nah­men den gan­zen brau­nen Tand mit und stell­ten den Whis­key wie­der auf den Tisch (hier ab 7:20).

Rein­ge­fal­len.

Nun kann man die­sen aus­ge­dehn­ten Scherz natür­lich albern, sinn­los und egal fin­den. Mir hat er gefal­len, schon weil er so auf­wen­dig und lie­be­voll umge­setzt war. Und wel­che andere Sen­dung im deut­schen Fern­se­hen hätte Mut und Muße, ihre Zuschauer so in die Irre zu füh­ren, und sei es nur für knapp acht Minuten?

(Außer­dem komm ich dann auch kurz in der Show vor, wenn end­lich alles wie­der alt und gut ist.)

Grenzt ein bisschen an Nestbeschmutzung

Nach zwei Wör­tern habe ich geahnt, dass mich der »Zeit-Magazin«-Artikel über den Umgang von »Bild« mit Pro­mi­nen­ten ent­täu­schen würde.

Charlotte Roche

Ich ver­ehre Char­lotte Roche, und sie hat die »Bild«-Zeitung von ihrer ver­ach­tens­wer­tes­ten Seite ken­nen­ge­lernt. Aber die Epi­sode, wie ihr kurz nach einer Fami­li­en­tra­gö­die von Leu­ten zuge­setzt wurde, die sich als »Bild«-Mitarbeiter aus­ga­ben, ist jetzt fast zehn Jahre her. Sie ist seit­dem viele Male nach­er­zählt wor­den, unter ande­rem schon 2003 und 2005 im »Stern« und 2004 im »Tagesspiegel«.

Natür­lich kann man sie gar nicht oft genug erzäh­len, weil sie womög­lich nicht nur krass ist, son­dern auch typisch für die Art, wie die »Bild«-Zeitung sich Men­schen gefü­gig zu machen ver­sucht. Aber wenn ein Arti­kel im Jahr 2011 über den Umgang der »Bild«-Zeitung mit Pro­mi­nen­ten mit einer zehn Jahre alten, viel­fach erzähl­ten Geschichte beginnt, spricht das nicht dafür, dass die Auto­ren etwas Neues her­aus­ge­fun­den haben. Es spricht lei­der sogar für die »Bild«-Zeitung, weil so der Ein­druck ent­steht, dass es nichts Neues gibt, das die Auto­ren hät­ten her­aus­fin­den können.

Lei­der bestä­ti­gen die über 4000 Wör­ter des Arti­kels das Gefühl, das die ers­ten zwei geweckt haben. Sein Per­so­nal besteht fast voll­stän­dig aus den Leu­ten, die seit mehr als einem hal­ben Jahr­zehnt in unge­fähr jedem kri­ti­schen Arti­kel über die »Bild«-Zeitung vor­kom­men. Neben Char­lotte Roche sind das vor allem der unver­meid­li­che Medi­en­an­walt Chris­tian Schertz und die Künst­ler­agen­tin Heike-Melba Fen­del (»Bar­ba­rella Entertainment«).

Der »Zeit Magazin«-Artikel erwähnt natür­lich auch die Geschichte von Sibel Kekilli. Der Ver­such von »Bild«, sie zu ver­nich­ten, liegt nun auch schon sie­ben Jahre zurück. Aus dem »Zeit Maga­zin« erfahre ich immer­hin, was ich nicht wusste, dass es der Regis­seur Die­ter Wedel war, der ihr anläss­lich der Dreh­ar­bei­ten zu sei­nem Film »Gier« gera­ten habe, wie­der mit »Bild« zusam­men­zu­ar­bei­ten. (Aus­ge­rech­net von dem Mann, der damals als Unter­hal­tungs­chef für die wider­li­che Bericht­er­stat­tung ver­ant­wort­lich war, durfte oder musste sie sich dann in den Him­mel hoch­schrei­ben las­sen.)

Wenn man es nicht schafft, neue Bei­spiele für den bedenk­li­chen Umgang der »Bild«-Zeitung mit Pro­mi­nen­ten zu recher­chie­ren, muss man viel­leicht auf­hö­ren, Arti­kel über den bedenk­li­chen Umgang der »Bild«-Zeitung mit Pro­mi­nen­ten zu schrei­ben. Ich habe mich aus dem Geschäft der täg­li­chen »Bild«-Beobachtung ein biss­chen zurück­ge­zo­gen, aber ich würde behaup­ten, es gibt diese Fälle, auch heute noch. Der Umgang von »Bild« mit Judith Holo­fer­nes vor eini­gen Wochen war ein ver­gleichs­weise harm­lo­ses, aber erhel­len­des Bei­spiel: Die Sän­ge­rin von »Wir sind Hel­den« wei­gert sich, für »Bild« zu wer­ben, und »Bild« nutzt ihre Absage, um für sich zu wer­ben. Die sich als Medi­en­jour­na­lis­ten tar­nen­den Schau­lus­ti­gen waren natür­lich begeis­tert über den Schlag­ab­tausch, aber wie bezeich­nend ist das für die Unver­fro­ren­heit von Kai Diek­mann und sei­nen Leu­ten? Er respek­tiert nicht ein­mal den Wil­len eines Men­schen, nicht als Wer­be­fi­gur für sein Ekel­blatt auf­zu­tre­ten, und schmückt sich noch mit dem Doku­ment der Ablehnung.

Ich weiß nicht, warum sich deut­sche Medien so schwer tun, sich mit han­dels­üb­li­chen jour­na­lis­ti­schen Mit­teln dem Phä­no­men der »Bild«-Zeitung zu wid­men und — wie im Fall des »Spie­gels« vor eini­gen Wochen — in gera­dezu eigen­ruf­schä­di­gen­der Weise schei­tern. Ich fürchte inzwi­schen, dass die meis­ten die­ser Aus­weise der Hilf­lo­sig­keit die »Bild«-Zeitung eher stär­ken als schwächen.

Die »Bild«-Geschichte ist Teil eines gan­zen The­men­hef­tes über Jour­na­lis­mus, und grö­ßere Teile davon sind nicht nur ent­täu­schend, son­dern ärger­lich. Die Arti­kel wir­ken, als woll­ten sie bewei­sen, was im gro­ßen »Zeit«-Titelseiten-Teaser steht: »Im Kri­ti­sie­ren sind Medien gut — Selbst­kri­tik fällt dage­gen schwer.«

Unter der Über­schrift »In eige­ner Sache« berich­ten vier »Zeit«-Journalisten »aus unse­rer Pra­xis«. Es sol­len wohl Bekennt­nisse der eige­nen Unzu­läng­lich­kei­ten sein, des Schei­terns am gro­ßen Anspruch, die »Wahr­heit« zu berich­ten. Der Feuilleton-Redakteur Adam Soboczyn­ski bekennt bei die­ser Gele­gen­heit, dass er im Nach­hin­ein Zwei­fel hat, ob sein Por­trait über den Schrift­stel­ler Gas­ton Sal­va­tore wirk­lich per­fekt war:

Das Por­trät han­delte also vom schwie­ri­gen Umgang der Deut­schen mit einem Chi­le­nen. Sal­va­tore erzählte bei unse­rem Inter­view in Vene­dig, dass er bald einen Roman schrei­ben werde mit dem Titel »Der Lüg­ner«. Er beab­sich­tige, den Roman auf Spa­nisch abzu­fas­sen, obgleich er lange Zeit bei­nahe aus­schließ­lich auf Deutsch geschrie­ben hat. Mein Arti­kel Der Ver­dammte schloss also fol­gen­der­ma­ßen: Sal­va­tore habe jeden­falls die Absicht, bald einen Roman zu schrei­ben. Dies­mal nicht auf Deutsch. Son­dern auf Spa­nisch. Der Arbeits­ti­tel laute: »Der Lügner«.

Das war keine Lüge. Und doch plagt mich eine leise innere Anklage. Am Ende des Arti­kels zu sagen, Sal­va­tore schreibe nicht mehr auf Deutsch, legt nahe, dass er der­art von den Deut­schen ent­täuscht sei, dass er darum auf Deutsch nicht mehr schrei­ben möchte. Das weiß ich, offen gesagt, gar nicht so genau. Ich weiß, dass es stimmt, dass er den Roman auf Spa­nisch und nicht auf Deutsch schrei­ben möchte. Aber viel­leicht möchte er nur sozu­sa­gen zur Abwechs­lung mal auf Spa­nisch schrei­ben. Ich hatte das nicht erfragt. Ich gestehe.

Sind Sie noch wach?

Das ist es also, was »Zeit«-Redakteuren ein­fällt, wenn sie Selbst­kri­tik üben sol­len. Das wäre selbst uns Erb­sen­zäh­lern zu piefig.

Sein Kol­lege Hen­ning Suße­bach berich­tete, wie er eine Repor­tage über einen »Mann am Rande der Gesell­schaft« geschrie­ben hatte, einen »soge­nann­ten Ver­lie­rer«. Es muss, glaubt man Suße­bachs Beschrei­bung von Suße­bachs Arti­kel, ein groß­ar­ti­ger Arti­kel gewe­sen sein, ein­fühl­sam, enga­giert, mit aus­führ­li­chen Zita­ten des Betrof­fe­nen. Das Pro­blem mit dem Arti­kel war, bös­ar­tig zusam­men­ge­fasst, dass er zu gut war.

[…] ich schrieb Sätze, die L. zwar nicht frei­spra­chen von Schuld an sei­nem Schick­sal, aber auch der Gesell­schaft Ver­ant­wor­tung zurech­ne­ten. Schon um die Leser bei der Ehre zu packen. Bis heute bin ich der Mei­nung, dass das rich­tig war. Und doch habe ich L. damit kei­nen Gefal­len getan.

Es klingt schreck­lich arro­gant: Aber für einen Men­schen, für den sich jah­re­lang nie­mand inter­es­siert hat, des­sen bis­he­ri­ges Leben gera­dezu aus Nicht­be­ach­tung bestand, kann ein ein­zi­ger Zei­tungs­ar­ti­kel zu groß sein, zu gewaltig. (…)

Ich traf mich immer wie­der mit L. und merkte: Aus allen soli­da­ri­schen Sät­zen mei­nes Arti­kels hatte er sich eine Hän­ge­matte geknüpft, in die er sich fal­len ließ. Keine Arbeit? Keine Woh­nung? Kein Kon­takt zu den Eltern? Nie war er ver­ant­wort­lich, immer waren es die ande­ren. So hatte er mei­nen Arti­kel ver­stan­den. (So ver­stand ich jetzt jeden­falls ihn.)

Als Suße­bach sei­nem Bericht­ge­gen­stand L. spä­ter sagte, dass er selbst für sich ver­ant­wort­lich sei, habe L. sich ver­ra­ten gefühlt.

Da war er wie­der, der Vor­wurf: Erst heu­chelt der Jour­na­list Ver­ständ­nis, und dann zeigt er sein wah­res, zyni­sches Wesen. In die­sem Fall stimmte das nicht. Genau das macht die Sache so tragisch.

Das ist das Tra­gi­sche an der Geschichte? Dass ein armer »Zeit«-Journalist, der kein Zyni­ker ist, für einen Zyni­ker gehal­ten wird? So ver­dienst­voll es ist, wenn Jour­na­lis­ten sich Gedan­ken machen über die Fol­gen ihrer Arbeit: Das ist keine Selbst­kri­tik, das ist Selbstmitleid.

Es durch­zieht viele der klei­nen Texte, auch die, in denen »Zeit«-Journalisten sich mit Leser-Kritik beschäf­ti­gen. Res­sort­lei­ter Jens Jes­sen erklärt in einer »klei­nen Rede an die Ver­äch­ter des Feuille­tons« (kein Dia­log, wohl­ge­merkt, son­dern eine »Rede an«), dass der Feuille­to­nist gar nicht anders sein kann als einen eli­tä­ren Geschmack zu haben:

Die Kul­tur ist sein Gegen­stand; und mit der Dauer der Beschäf­ti­gung wach­sen die Ansprü­che. Auch wer mit Edgar-Wallace-Krimis im deut­schen Fern­se­hen begann, fin­det irgend­wann Hitch­cock besser.

Die­ses Schick­sal einer unwill­kür­li­chen Erzie­hung des Geschmacks teilt der Feuille­to­nist aber mit sei­nem Publi­kum. Nie­mand, des­sen Lei­den­schaft sich an der Lite­ra­tur ent­zün­det, bleibt bei Harry Pot­ter stehen.

Wer »sel­ten liest, ungern Musik hört und vom Kino nur den Schuh des Manitu erwar­tet«, dürfe aber »gerne umblät­tern«, gestat­tet Jes­sen großmütig.

Das ist eine Kunst: beim Reflek­tie­ren und Nach­den­ken so unein­sich­tig und arro­gant zu wir­ken. Und womög­lich ist das alles sogar gut gemeint. Aber wenn diese »Zeit«-Redakteure über die Unzu­läng­lich­kei­ten ihrer Arbeit und der Arbeit von Jour­na­lis­ten über­haupt reden, wir­ken sie wie ein Por­trait­ma­ler in der Fuß­gän­ger­zone, der irgend­wann zugibt, dass man, wenn ganz genau hin­schaut, viel­leicht doch kleinste Unter­schiede zwi­schen sei­nen Strich­zeich­nun­gen und Fotos erken­nen könnte.

Immer­hin: Heike Fal­ler hat für das Spe­cial in einem lesens­wer­ten Arti­kel nach­voll­zo­gen, warum prak­tisch keine Zei­tung vor der dro­hen­den Finanz­krise warnte und, wich­ti­ger noch: Warum die Mecha­nis­men des Jour­na­lis­mus so sind, dass es auch beim nächs­ten Mal wie­der so käme.

Aber das ist dann alles, was der »Zeit« ein­fällt zum Thema »Was Jour­na­lis­ten anrich­ten«? Chef­re­dak­teur Gio­vanni di Lorenzo warnt im Video die »Zeit«-Leser, die viel­leicht nicht wis­sen, dass außer­halb ihrer Wochen­zei­tung Medi­en­jour­na­lis­mus eine zwar stän­dig bedrohte, aber durch­aus eta­blierte Dis­zi­plin des Jour­na­lis­mus ist, sogar davor, dass das, was man da gewagt habe, »ein biss­chen an Nest­be­schmut­zung« grenze.

Nein, das eigene »Zeit«-Nest hat man schön sau­ber gehal­ten. Die Redak­teure haben sich nicht ein­mal den Hin­weis ver­knif­fen, dass in dem Roman »Ein makel­lo­ser Abstieg«, in dem Mat­thias Frings das Funk­tio­nie­ren der Bou­le­vard­presse beschreibt, die »Zeit« das Vor­bild »für die seriöse Zei­tung« darstelle.

Als ein »recht selbst­zu­frie­de­nes Blatt« hat Oli­ver Gehrs das »Zeit Maga­zin« im ver­gan­ge­nen Jahr — ver­gleichs­weise milde — bezeich­net. Die übli­che Gedie­gen­heit der »Zeit« wird beim Ver­such, selbst­kri­tisch zu sein, zu absto­ßen­der Selbst­ge­rech­tig­keit. Ver­mut­lich ist den Redak­teu­ren wirk­lich beim bes­ten Wil­len nichts ein­ge­fal­len, was sie sich ernst­haft vor­wer­fen könnten.

Ich helfe fürs nächste »Journalismus-Special« gerne mit zwei The­men­tipps aus. Viel­leicht könnte die »Zeit« ihren Lesern ein­mal die bizarre und höchst unjour­na­lis­ti­sche Rolle von Sabine Rück­ert erklä­ren, die für die Zei­tung über den Kachelmann-Prozess berich­tet und dabei in einem Maße mit der Ver­tei­di­gung ver­ban­delt ist, die min­des­tens nach einer Offen­le­gung schreit, wenn sie sie nicht als Auto­rin in die­ser Sache disqualifiziert.

Oder sie könnte die Gele­gen­heit nut­zen, der inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit zu erklä­ren, was es mit fol­gen­der Pas­sage in einer Titel­ge­schichte nach dem Rück­tritt von Karl-Theodor zu Gut­ten­berg auf sich hatte:

In der CSU-Vorstandssitzung am Mon­tag­vor­mit­tag in Mün­chen muss sich Gut­ten­berg Sti­che­leien und zwei­deu­tige Sätze sei­ner Par­tei­freunde gefal­len las­sen. Ver­ein­zelt ver­brei­ten Jour­na­lis­ten bereits das Gerücht, es gebe einen Zusam­men­hang zwi­schen einer Text­stelle in der Dok­tor­ar­beit und sei­ner sexu­el­len Neigung.

Das wäre doch mal ein Thema für das nächste Selbstkritik-Special der »Zeit«: Wie man als seriöse Wochen­zei­tung ande­rer Jour­na­lis­ten Gerüchte ver­brei­tet, und zwar gerade vage genug, dass es rich­tig inter­es­sant klingt.

Aber mit etwas Pech fällt Adam Soboczyn­ski bis dahin ein, dass man in einem sei­ner Por­traits ein Komma falsch aus­le­gen könnte, und das geht natür­lich vor.

Lesenachlese

Eine der Fra­gen, die mir am Don­ners­tag­abend immer wie­der gestellt wurde, war die, ob ich glaubte, dass auch jemand von »Bild« da wäre. Jetzt weiß ich’s: min­des­tens Hagen Meyer. Der Autor von »Bild«-Artikeln wie »Wer läßt sich von mir ver­haf­ten? Ich bin unbe­waff­net. Du kannst gerne nach­gu­cken … Poli­zis­tin Sabrina (22) sucht einen star­ken Mann« berich­tet im Blog der Axel-Springer-Akademie über die Ver­an­stal­tung. (Den Hin­weis, dass er selbst für »Bild« schreibt, hat er vergessen.)

Wenn ich ihn rich­tig ver­stehe, war er ent­täuscht, dass die Ver­an­stal­tung namens »Char­lotte Roche liest BILD­blog« im Wesent­li­chen dar­aus bestand, dass Char­lotte Roche BILD­blog las. Er merkte zudem kri­tisch an, dass das ohne Char­lotte Roche nichts gewe­sen wäre. Recht hat er.

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Aber das wollte ich eigent­lich gar nicht schrei­ben. Eigent­lich wollte ich schon vor Tagen dar­über blog­gen, wie das war, diese Ver­an­stal­tung vor­zu­be­rei­ten. Ich wollte von den vie­len, vie­len Stun­den berich­ten, in denen ich daran saß, die (meist extra von Heiko in tage­lan­ger Arbeit noch ein­mal neu ein­ge­scann­ten) Aus­risse in Form zu brin­gen. Das war näm­lich meine erste Powerpoint-Präsentation über­haupt, und die Idee, das Pro­gramm dabei quasi so neben­bei zu ler­nen, könnte man über­am­bi­tio­niert nen­nen oder auch ein­fach dumm. Schön jeden­falls, dass ich jetzt weiß, dass Word nicht das ein­zige Pro­gramm mit der intui­ti­ven Microsoft-Benutzerführung ist: Es errät mit erstaun­li­cher Tref­fer­quote, was ich tun will, um dann etwas ande­res zu machen.

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Apro­pos: Ist eigent­lich schon mal juris­tisch geprüft wor­den, ob das Pro­gramm­ver­hal­ten von Word bei der Arbeit mit lan­gen Tabel­len und Sei­ten­um­brü­chen mög­li­cher­weise gegen die Gen­fer Men­schen­rechts­kon­ven­tion verstößt?

(Bevor jemand fragt: Word 2007, Power­Point 2007, Vista. Ja, ich weiß.)

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Kniff­lig bei der Zusam­men­stel­lung des Pro­gramms für den Abend waren die Fra­gen: Wie wit­zig muss es sein? Wie ernst darf es sein? Es sollte ein unter­halt­sa­mer Abend wer­den, die Leute soll­ten etwas zu lachen haben, keine Frage. Aber wir woll­ten auch die schlim­men Geschich­ten erzäh­len, an deren Ende nicht unbe­dingt eine Pointe steht, und schon gar keine lus­tige. Ande­rer­seits haben wir schon vor­her bei der Aus­wahl gemerkt, dass viele der kras­sen Geschich­ten gar nicht zum Vor­le­sen in die­sem Rah­men tau­gen; dass wir die Men­schen, die »Bild« zu Opfern gemacht hat, in gewis­ser Weise noch ein­mal miss­brau­chen würden.

Klar: Das war eine Grat­wan­de­rung, und bei der Lesung trat noch ein ande­rer, merk­wür­di­ger Effekt ein. Klaus Raab beschrieb das in der »taz« so:

Frap­pie­rend ist jedoch, dass das Publi­kum nicht nur über die poin­tier­ten Kom­men­tare von Bild­blog lacht, son­dern — selbst im Fall des Hort-Artikels — schon über die Pri­mär­quelle: Bild.

Damit hat­ten wir so nicht gerech­net, und tat­säch­lich scheint das auch ein Wider­spruch zu dem zu sein, was wir schon sehr früh als eine Moti­va­tion für BILD­blog for­mu­liert hatten:

Uns stört die Ten­denz, alles in »Bild« als amü­sante Unter­hal­tung wahrzunehmen.

Haben wir nun womög­lich genau das selbst gemacht? Und unge­wollt bewie­sen, wie gut das funk­tio­niert, wie lus­tig das ist: ein Abend mit »Bild«-Artikeln?

Es ist dann aber doch eine andere Art des Lachens. Es hat nichts von die­ser post­mo­der­nen Hal­tung, die »Bild«-Zeitung als Fik­tion zu lesen und ihre Mach­art, ihre ver­meint­li­che Kunst­fer­tig­keit zu bewun­dern, unab­hän­gig vom Inhalt. Deut­lich wurde das für mich auf der Bühne bei unse­rem Ein­trag zum Brief von Wag­ner an die tür­ki­schen Schü­ler. Das Geläch­ter war nicht nur eines über den armen Wir­ren Franz Josef Wag­ner. Es war auch ein Aus­druck der Fas­sungs­lo­sig­keit über die Ideo­lo­gie, die mit sol­chen »Bild«-Artikeln trans­por­tiert wird. Es hat, kurz gesagt, etwas Kathar­ti­sches, das Lachen.

Chris­toph hat diese These noch am Abend ent­wi­ckelt, und ich glaube, sie stimmt: Da sit­zen Leute, die ihre Ableh­nung die­ser Zei­tung und ihrer Metho­den ver­eint, und lachen »Bild« gemein­sam und öffent­lich aus. Oder wie es eine Kom­men­ta­to­rin bei der »taz« for­mu­liert:

[Das Lachen] ist keine Ver­harm­lo­sung der BILD, son­dern Aus­druck der Unfass­bar­keit, dass die­ser Schrott in der meist­ge­le­se­nen Zei­tung Deutsch­lands ste­hen soll.

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Klaus Raabs Fazit in der »taz« gefällt mir gut:

An die­sem Abend trifft sich also eine nicht bis ins Nacht­pro­gramm hin­ein poli­ti­sierte Gene­ra­tion — aber doch ein Milieu, in dem Bereit­schaft zu poli­ti­schem Den­ken besteht.

Er zitiert mich aller­dings davor mit dem Satz, BILD­blog werde von »20-Jährigen« gele­sen — dabei habe ich das nur als einen Teil unse­rer (ver­mu­te­ten) Leser­schaft angegeben.

Ein ers­ter, unver­bind­li­cher Blick in die (noch nicht abge­schlos­sene) BILDblog-Leser-Umfrage zeigt übri­gens, dass unsere Leser im Schnitt 28,5 Jahre alt sind.

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Und es sind die tolls­ten Leser der Welt. Am Diens­tag vor der Lesung haben wir noch ein paar Kar­ten ver­lost, und wenn ich mal schlechte Laune habe, werde ich in Zukunft nur in den Ord­ner mit den E-Mails schauen müs­sen, die da gekom­men sind.

Es ist immer noch eine sol­che Welle von Sym­pa­thie und Zustim­mung, die uns da ent­ge­gen schwappt. Und es geht nicht darum, dass alle jubeln sol­len über das, was wir machen, oder dass es an BILD­blog all­ge­mein oder im Ein­zel­fall nicht genug zu kri­ti­sie­ren gäbe. Aber ein sol­ches grund­sätz­li­ches Wohl­wol­len von net­ten Men­schen, habe ich noch bei kei­ner ande­ren Arbeit erlebt.

Ich erlebe das immer noch als Glück. Ein biss­chen Stolz ist auch mit dabei, vor allem aber ist das ein gro­ßes, gro­ßes Glück.

Wie unfass­bar das ist, hat mir unsere Lesung wie­der gezeigt: Ich meine, wo gibt es das denn, dass Char­lotte Roche einem sagt: Klar, ich les gerne für euch. Dass man bei Fet­tes Brot anfragt, ob die nicht auf­le­gen wol­len, und keine 24 Stun­den spä­ter sagen die Ja. Ein­fach so, weil die uns gut fin­den (und Char­lotte Roche). Ach, und über­haupt: Dass man eine Lesung macht und trotz 600 Sitz­plät­zen nicht alle rein­kom­men, die rein­wol­len, und sich mit selbst gemal­ten »Suche Karten«-Schildern vor die Tür stellen?

Was ich eigent­lich sagen will: Danke!

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Wenn Sie das jetzt schon sen­ti­men­tal und selbst­be­züg­lich fan­den, dann seien Sie froh, dass ich all das (und viel mehr) nicht schon ver­gan­gene Woche im Glücks­rausch auf­ge­schrie­ben habe. Das ist auch eine inter­es­sante Erfah­rung: Wenn schon mal wirk­lich etwas pas­siert im Leben, über das man blog­gen könnte, kommt man nicht dazu, dar­über zu blog­gen, weil man voll und ganz damit beschäf­tigt ist, es zu erleben.

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Ach ja, die meist­ge­stellte Frage nach der Lesung war diese: Ob wir damit dann jetzt auf Tour­nee gehen.

Keine Ahnung. Wir wis­sen noch nicht, ob wir das könn­ten. Wir wis­sen aber auch noch nicht, ob wir das über­haupt wollten.

Charlotte Roche

Ich ver­lange wirk­lich nicht viel vom Fern­se­hen. Ich wün­sche mir, dass da was pas­siert, nicht alles ein­ge­schweißt und abge­packt ist und nor­miert, poliert, pas­teu­ri­siert vom For­mat­fließ­band kommt. Und ich wün­sche mir, dass ich mich beru­higt vor dem Fern­se­her zurück­leh­nen kann, ohne Sorge, dass irgend­et­was furcht­bar Pein­li­ches pas­sie­ren könnte, bei dem mein Kör­per so damit beschäf­tigt ist, die Fuß­nä­gel auf­zu­rol­len, dass es mir unmög­lich ist, recht­zei­tig wegzuschalten.

Okay, viel­leicht ver­lange ich doch zu viel vom Fern­se­hen. Umso beglü­cken­der ist es, wenn es dann doch jemand schafft, mein Bedürf­nis nach Sicher­heit und meine Sehn­sucht nach Anar­chie gleich­zei­tig zu bedie­nen. Kei­ner schafft das so gut wie Char­lotte Roche.

Als sie in die­ser Woche die Eröff­nungs­gala der Ber­li­nale mode­rierte, kiekste sie vor Freude über das pro­mi­nent besetzte Publi­kum. Sie machte sogar einen klei­nen Hüp­fer, als die Ber­li­nale offi­zi­ell eröff­net war. Sie warf in die Begrü­ßung der Hono­ra­tio­ren Sätze wie: »Nice jacket!«. Sie bemerkte, dass Klaus Wower­eit auf ihre Frage, was er den Besu­chern denn in Ber­lin emp­fehle, nur »Shop­ping« ein­ge­fal­len war, und fragte forsch nach: »Sie, als Kul­tur­se­na­tor, viel­leicht ›ne kul­tu­relle Idee noch?« Und als er abging, rief sie ihm hin­ter­her: »The mayor of Ber­lin, Ladies and Gent­le­men. He even looks good from behind.«

Aber das Sen­sa­tio­nelle an Char­lotte Roche ist, dass sie es nicht nur schafft, das Kor­sett einer sol­chen Ver­an­stal­tung zu spren­gen, son­dern auch, es, wo nötig, zusam­men­zu­hal­ten. Wenn Die­ter Kosslick gerade ansetzt, sich um Kopf und Kra­gen zu reden und den inter­na­tio­na­len Mit­glie­dern von Joy Den­ala­nes Band zu sagen: »Liebe Aus­län­der, lasst uns mit den Deut­schen nicht allein«, unter­bricht sie ihn schnell und unauf­fäl­lig. Jeman­den, der so leb­los ist wie der Kul­tur­staats­mi­nis­ter Bernd Neu­mann, sollte man über­haupt nur noch mit ihr auf­tre­ten las­sen (wenn man ihn schon auf­tre­ten las­sen muss): Lust­voll schubste sie ihn immer wie­der mit klei­nen Pro­vo­ka­tio­nen an den Abgrund, um ihn (und die Show und die Zuschauer) in letz­ter Sekunde von dort wie­der weg­zu­rei­ßen und aufzufangen.

Die Art, wie sie dem Jury-Präsidenten Paul Schr­ader, der angeb­lich sei­nen Zet­tel ver­lo­ren hatte, die deut­schen Eröff­nungs­worte kur­zer­hand ins Ohr vor­sagte, müsste man ins Lehr­buch für Mode­ra­to­ren auf­neh­men. Ande­rer­seits würde es auch dann ver­mut­lich kein ande­rer so char­mant und leicht­fü­ßig, prä­zise und locker machen wie sie.

Warum noch­mal lässt man Char­lotte Roche nicht öfter im Fern­se­hen machen, was sie will?

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung