Tragischer Sieg beim »NDR Comedy Contest«


Screen­shot: NDR

Erin­nern Sie sich an Nico, den depres­si­ven »Lebens­qua­li­tä­ter«, für den ich vor ein paar Mona­ten getrom­melt habe, weil er sich mit sei­nem Auf­tritt übers »Schei­tern« beim »NDR Comedy Con­test« bewor­ben hatte?

Nun: Er hat es ins Finale geschafft. Und er hat gewonnen.

Ich habe lei­der die Show völ­lig ver­ges­sen — sie lief letzte Nacht im NDR-Fernsehen. Aber hier kann man sich die kom­plette Sen­dung anse­hen, und hier Nicos Auftritt.

Glück­wunsch, Nico!

Christiane Ruff

Es könnte sein, dass sich die­ser Text gleich ein biss­chen zu sehr wie ein Nach­ruf lesen wird, aber keine Sorge: Chris­tiane Ruff lebt. Sie ver­ab­schie­det sich nur in der kom­men­den Woche aus dem Fern­seh­ge­schäft. Das ist aller­dings beson­ders schade. Nicht nur, weil die Geschäfts­füh­re­rin der Pro­duk­ti­ons­firma Sony Pic­tures (frü­her: Colum­bia Tristar) mit ihrer lau­ten, undi­plo­ma­ti­schen, lei­den­schaft­li­chen Art einer Frau aus dem Ruhr­ge­biet so ein sym­pa­thi­scher Fremd­kör­per in der Bran­che war. Son­dern auch, weil sie uns das Genre der deut­schen Sit­com schenkte.

Dabei waren die Anfänge gru­se­lig: Als RTL-Unterhaltungsredakteurin war sie zu Beginn der neun­zi­ger Jahre mit­ver­ant­wort­lich für die Idee, ame­ri­ka­ni­sche Erfolgs­se­rien wie »Eine schreck­lich nette Fami­lie« ein­fach wört­lich ins Deut­sche zu über­set­zen und unter Titeln wie »Hilfe, meine Fami­lie spinnt« nach­spie­len zu las­sen. Aber der Sen­der ließ sie wei­ter pro­bie­ren, und irgend­wann schien sie als Pro­du­zen­tin eine For­mel gefun­den zu haben für warm­her­zige und lus­tige Sit­coms, die ihre Prot­ago­nis­ten ernst nah­men und vom Publi­kum und von der Kri­tik geliebt wur­den: »Nikola«, »Ritas Welt«, »Mein Leben und ich«. (Wenn man die Kri­tik weg­lässt, zäh­len noch »Die Cam­per« und »Alles Atze« dazu.)

Es war sehr ansehn­li­ches, wie­der­hol­ba­res, kom­mer­zi­ell höchst erfolg­rei­ches Unter­hal­tungs­fern­se­hen, und nichts sprach dafür, dass die­ses Genre — mit all sei­nen mehr und weni­ger gelun­ge­nen Nach­ah­mern — je wie­der ver­schwin­den würde. Tat es aber. Nach­dem der jüngste Ver­such, »Der kleine Mann« mit Bjarne Mädel auf Pro Sie­ben, gerade auf sen­sa­tio­nel­les Zuschau­er­des­in­ter­esse stieß, kann selbst ein sehr unge­schick­ter Säge­werks­ar­bei­ter die Zahl der erfolg­rei­chen deut­schen Come­dy­se­rien an einer Hand abzählen.

Bei RTL glaubt man nicht ein­mal an seine eige­nen Auf­trags­pro­duk­tio­nen: Die von Sony pro­du­zierte Schul­comedy »Der Leh­rer«, die der Sen­der schon im Mai 2007 vor­ge­stellt hat und die 2008 für die »Gol­dene Rose« nomi­niert wurde, wird erst jetzt im Spät­som­mer, fast wider­wil­lig, ins Pro­gramm genom­men und schnell in Dop­pel­fol­gen ver­sen­det. Was man in Zukunft von RTL an fik­tio­na­len Seri­en­pro­duk­tio­nen erwar­ten darf, zeigt die Tat­sa­che, dass der Sen­der die ent­spre­chen­den Mit­ar­bei­ter gerade ent­lässt und die Abtei­lun­gen de facto auflöst.

Die gro­ßen Erfolge von Sony lie­gen nun auch schon einige Jahre zurück, die Ver­su­che mit Dra­ma­se­rien waren ambi­tio­niert, aber ver­gleichs­weise erfolg­los, statt­des­sen funk­tio­nierte Schrott wie das Versteckte-Kamera-Fake »Böse Mäd­chen«, und die Spiel­räume wer­den in Zukunft eher schrump­fen. Bes­ser wird’s nicht, sagt Chris­tiane Ruff und geht. Sie wird dem Fern­se­hen feh­len, auch wenn das Fern­se­hen das nicht merkt.

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung

Matze Knop

Gut, man kann natür­lich nicht eine ganze Euro­pa­meis­ter­schaft nur wegen Matze Knop absa­gen. Schon weil sich auch die Fuß­ball– und Fern­seh­welt nicht erpress­bar machen darf. Aber hätte man nicht, auch im Sinne Barack Oba­mas, wenigs­tens spre­chen müs­sen mit ihm, ohne Vor­be­din­gun­gen? Viel­leicht hätte Knop sich ja doch auf einen Han­del ein­ge­las­sen, irgend­ei­nen Deal im Aus­gleich für die Zusage, wenigs­tens an ein­zel­nen Tagen wäh­rend die­ser EM nicht mit einer lus­ti­gen Fuß­bal­ler­par­odie aufzutreten.

Am 24. Januar 2008 hatte Knop nach ein­ein­halb Jah­ren rela­ti­ver Medi­en­ab­sti­nenz in einer Pres­se­er­klä­rung bekannt gege­ben, »wie­der in die Rolle des Kai­sers« zu schlüp­fen. In »guter alter Tra­di­tion« werde er an der Seite von Oli­ver Pocher Franz Becken­bauer spie­len – eine For­mu­lie­rung, in deren Zynis­mus sich die ganze Skru­pel­lo­sig­keit der Bran­che audrückt. Die Ankün­di­gung stand, nicht zufäl­lig, am Anfang die­ses EM-Jahres, und nun ist er über­all, der Matze Knop als Beckenbauer.

Es ist, zuge­ge­ben, nicht seine schlech­teste Num­mer – aber das ist natür­lich eine For­mu­lie­rung, die bei jeman­dem, der als »Supa Richie« bekannt wurde, ver­gleichs­weise wenig Aus­sa­ge­kraft hat. Er hat sich diverse Sprech-Marotten, die man für die von Franz Becken­bauer hal­ten kann, so sehr ange­eig­net, dass er schnell und spon­tan rea­gie­ren kann, ohne aus der Rolle zu fal­len. Das Pro­blem ist nur, dass der Witz (wenn wir ihn mal der Ein­fach­heit so nen­nen wol­len), allein aus die­sen Marot­ten besteht: Guck mal, da ist wie­der die­ser Mann, der so tut, als wäre er Becken­bauer. Irgend­eine wech­selnde Idee dar­über hin­aus gibt es nicht. Das ist von gro­ßer Ein­falt – und wird gerade end­los ver­viel­fäl­tigt. (Klar, ver­mut­lich wird es bis zur WM 2010 wie­der dünn im Auf­trags­buch von Matze Knop, da muss man mit­neh­men, was man kann.)

Aber war Par­odie nicht mal so etwas wie Not­wehr? Ein Ven­til? Aus­gleich und kleine Rache für die Omni­prä­senz und Ner­vig­keit der pro­mi­nen­ten Fern­seh– und Fuß­ball­fi­gu­ren? Irgend­et­was muss schief­ge­lau­fen sein, wenn plötz­lich die Par­odien all­ge­gen­wär­ti­ger und ner­vi­ger sind als das Ori­gi­nal – und man sich schon des­halb über jede echte Pres­se­kon­fe­renz der Natio­nal­mann­schaft freut, ganz unge­bro­chen, unironisch.

Denn der Witz der Par­odien ist längst auf eine Meta-Meta-Ebene geflo­hen: Ist das lus­tig, wie Harald Schmidt Oli­ver Pocher sagt, dass seine Jogi-Löw-Parodie mise­ra­bel ist. Viel­leicht hätte man die EM doch absa­gen müssen.

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung

Gag-Academy

Lachen nach Lehr­plan. Seit aus dem Comedy-Boom eine Indus­trie gewor­den ist, hun­gert die Bran­che stän­dig nach neuen Wit­zen. Mit Semi­na­ren wer­den jetzt erst­mals Nach­wuchs­ta­lente auf den erns­ten Beruf des Gag-Schreibers vorbereitet.

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Fisch­hal­te­fo­lie. Fisch­lein deck dich. Woran erkennt man das Geschlecht eines Fisches? An Brust– oder Schwanz­flosse. Seit 45 Minu­ten sam­melt eine Gruppe jun­ger Humor-Azubis Wort­spiele mit Fisch. Inzwi­schen haben sie meh­rere Blät­ter gefüllt, aber eine wit­zige Angel-Szene für Bas­tian Pas­tewka ist nicht ent­stan­den. Sie ler­nen: 97 Kalauer machen noch kei­nen guten Sketch. Der steht heute auf dem Lehr­plan. In Theo­rie und Pra­xis. Mit Refe­rat und Gesprächs­runde. 13 Comedy-Schüler und zwei Schü­le­rin­nen sit­zen in einem humor­los ein­ge­rich­te­ten Semi­nar­raum in Köln. Vorne die Leh­rer: Regis­seure und Auto­ren der »Harald Schmidt Show«, »Sie­ben Tage, sie­ben Köpfe«, »TVTo­tal« — und Pas­tewka selbst, der Brisko Schnei­der aus der »Wochenshow«.

Jeder von ihnen sagt, die Mög­lich­keit, an einem Exper­ten­ge­spräch namens »Der gute Sketch« teil­zu­neh­men, sei ein Traum. Nicht nur, weil sich das selbst nach einem Stück Comedy anhört. Son­dern auch, ganz ernst­haft, weil sie so etwas selbst gern gehabt hät­ten, als sie ihre ers­ten Schritte in Rich­tung Fernseh-Humor machten.

Zum Bei­spiel 1992, als Mar­tin Keß anfing, für die erste Late Night Show mit Tho­mas Gott­schalk zu schrei­ben. Damals schaute sich Keß Stunde um Stunde ein­schlä­gige US-Sendungen an. Schrieb jeden Witz auf, ana­ly­sierte ihn, kate­go­ri­sierte ihn. Aber das wirk­li­che Wis­sen, was zün­det und was im Rohr kre­piert, kam erst mit den Jah­ren. Heute ist Keß 34, Chef­au­tor der TV-Produktionsfirma »Brain­pool«, und aus dem Comedy-Metier ist längst eine Indus­trie gewor­den. Immer hung­rig nach neuen Lachern.

Da muß Nach­wuchs und Aus­bil­dung her. Seit weni­gen Wochen gibt es drei Ver­su­che, aus Humor ein Lehr­fach zu machen. Die Köl­ner Comedy-Schule etwa, mit RTL im Boot, küm­mert sich um Talente vor der Kamera; zwei ande­ren Comedy-Unternehmen geht es um Auto­ren: »Früh­s­tyx­ra­dio« schult in Han­no­ver für den Hör­funk; »Brain­pool« lud poten­ti­elle TV-Mitarbeiter zur »Gag-Academy« nach Köln.

Sie sind in der Regel zwi­schen 20 und 30 Jahre alt. Etwas Erfah­rung haben die meis­ten, ech­ten Erfolg die wenigs­ten. Vier Academy-Teilnehmer aus Reck­ling­hau­sen haben es immer­hin schon geschafft, für die Chaos-Sendung »Viva Family« zu schrei­ben — aber die ist ein­ge­stellt wor­den. Roland Sla­wik ist es gelun­gen, dem ZDF eine Sit­com zu ver­kau­fen. Die vom Sen­der über­ar­bei­tete Fas­sung hat er gerade zurück­be­kom­men: »Jetzt ver­su­che ich, die Witze wie­der rein­zu­schrei­ben.« Tanja Sawitzki ist erst 18, hat aber schon mit 13 bei Ste­fan Raab als »Zuschaue­rin der Woche« den Kopf hin­ge­hal­ten und seit­dem zwei humo­rige Bücher veröffentlicht.

Wit­zig­sein lohnt sich. Ralf Hus­mann zum Bei­spiel, einer der Refe­ren­ten bei der Gag-Academy, 34 Jahre alt, frü­her Chef­au­tor bei Harald Schmidt, heute für Anke Engelke, hat sich schon vor Jah­ren mit eige­nem Kaba­rett sei­nen Lebens­un­ter­halt ver­dient. »Mit freiem Thea­ter«, sagt er, »wäre das viel schwie­ri­ger gewe­sen.« Vor allem der Ver­kauf ein­zel­ner Witze bringt Geld: Bei einer guten Hand­voll TV-Shows gibt es etwa 200 Mark pro Pointe. Wer würde dage­gen einen ein­zel­nen Büh­nen­dia­log, einen genia­len Reim kaufen?

Wo Scherze indus­tri­ell pro­du­ziert wer­den, zählt nicht Kunst, son­dern vor allem Hand­werk. Harald Schmidts Mono­loge, sagt sein Ex-Chefschreiber Hus­mann, beruh­ten letzt­lich nur auf der Kom­bi­na­tion immer glei­cher Stan­dards mit aktu­el­len The­men. Mal tre­ten Figu­ren wie Jür­gen Drews in den Wit­zen als Sex­mons­ter auf, mal Bill Clin­ton. Und wenn eine Susan Stahnke kommt, darf an ihr das ganze Reper­toire von Blon­di­nen­wit­zen durch­ge­spielt werden.

Hand­werk heißt auch, zu einer bestimm­ten Zeit Brauch­ba­res abzu­lie­fern. Wer auf den Kuß der Muse war­tet, hat ver­lo­ren. Des­halb sieht der Radio-Nachwuchskomiker Rene Stein­berg gerade gar nicht amü­siert aus. Noch zwei Stun­den: Dann muß er einen Hör­funksketch pro­du­ziert haben. Und die Schluß­pointe fehlt immer noch. Mit sei­ner Grund­idee ist er ganz zufrie­den: Ein Pro­fes­sor wird inter­viewt, der alte Ton­band­auf­nah­men von Goe­the gefun­den hat, auf denen der Meis­ter sich als Schwein­igel outet. Aber wie das Ding zum Ende bringen?

Das »Frühstyxradio«-Team um Oli­ver Kalk­ofe kennt Tricks für Not­fälle: sich drei­mal ver­spre­chen und im Chaos enden. Lachen, bis alle mit­la­chen. Eine Katze plat­zen las­sen. Stein­berg ent­schei­det sich am Ende dafür, Goe­thes Saue­reien ins Absurde zu stei­gern. Nicht genial, aber send­bar. Die Schü­ler ler­nen: Irgend­was geht immer, wenn es gehen muß.

In den USA ist Comedy-Autor bereits ein Büro-Job wie jeder andere. Er kommt um neun und geht um fünf. In Deutsch­land kön­nen immer­hin schon um die 100 Leute vom TV-Gagschreiben leben, schätzt Mar­tin Keß. Und der Bedarf nach fri­schen Albern­hei­ten ist groß: »Ich kenne keine Sen­dung, die Bei­träge von neuen Auto­ren ablehnt, weil sie genug Mate­rial hätte«, sagt Hus­mann. Das ist für die jun­gen Comedy-Macher, die bis­lang allein vor sich hin­ge­wit­zelt haben, durch­aus eine ermu­ti­gende Erfah­rung.
Die wenigs­ten von ihnen sind mit dem Vor­satz nach Han­no­ver oder Köln gefah­ren, aus der Begeis­te­rung für Comedy einen Beruf zu machen — nicht, weil sie davon nicht träum­ten, son­dern weil sie es nur für einen Traum hiel­ten. Wie Rene Stein­berg: Plötz­lich ärgert er sich, daß er gerade im Uni-Prüfungsstreß steckt und nicht sofort die offe­nen Türen ein­ren­nen kann, die er ent­deckt hat.

Doch die Anfor­de­run­gen sind hoch, gerade beim Hör­funk, wo man am liebs­ten fer­tige Serien-Dauerbrenner bekäme. Und bei allen Schul­re­geln: Humor bleibt eine Frage des Geschmacks — im Zwei­fels­fall hat der ent­schei­dende Redak­teur einen anderen.

Für sol­che Fälle gibt »TV Total«-Moderator Ste­fan Raab sei­nen Schü­lern die ver­meint­li­che Ant­wort, warum jemand über etwas lacht oder nicht. Seine Mit­ar­bei­ter haben sie — als ste­ten Quell von Trost und zugleich Ver­zweif­lung — — in ihrem Büro auf­ge­hängt. Sie lau­tet: ›Wit­zig ist wit­zig.« Das erklärt nichts und stimmt immer. Und der Nach­wuchs erkennt: Alles kann man eben doch nicht lernen.