Die Aserbaidschan-Connection von dapd

Erin­nern Sie sich an die merk­wür­dig regime­freund­li­che Bericht­er­stat­tung der deut­schen Nach­rich­ten­agen­tur dapd über Aser­baid­schan? Als ich dar­über vor eini­gen Wochen geb­loggt habe, kannte ich das hier noch nicht:

Mar­tin Vor­der­wülbe­cke, Vor­stand und Mit­ei­gen­tü­mer von dapd, war im ver­gan­ge­nen Dezem­ber in Baku. Er hat sich dort mit Ver­tre­tern der staat­li­chen Nach­rich­ten­agen­tur Azer­TAc getrof­fen. Und die berich­tet dar­über wie folgt (Über­set­zung von mir):

Die deut­sche Nach­rich­ten­agen­tur dapd betrach­tet eine Koope­ra­tion mit der staat­li­chen aser­baid­scha­ni­schen Nach­rich­ten­agen­tur Azer­TAc als sehr wichtig. (…)

Die Dis­kus­sion kon­zen­trierte sich auf die Frage, wie eine Zusam­men­ar­beit zwi­schen Azer­TAc und dapd eta­bliert und ein Erfah­rungs­aus­tausch durch­ge­führt wer­den kann. (…)

Mar­tin Vor­der­wülbe­cke sagte, die Eta­blie­rung einer Zusam­men­ar­beit zwi­schen Azer­TAc und dapd würde dazu bei­tra­gen, die Bezie­hun­gen zwi­schen Deutsch­land und Aser­baid­schan anzu­kur­beln. Er fügte hinzu, dass es dapd wich­tig sei, Nach­rich­ten über Aser­baid­schan nach Deutsch­land zu liefern.

Vor­der­wülbe­cke wies dar­auf hin, dass dapd ein neues Büro in Aser­baid­schan eröff­nen werde. Er sagte, ein Erfah­rungs­aus­tausch zwi­schen dapd und Azer­TAc sei für die bei­den Agen­tu­ren nützlich.

Tsis.

Das ist aber alles sehr kusche­lig da. Der Eigen­tü­mer von dapd reist nach Aser­baid­schan und möchte die deutsch-aserbaidschanischen Bezie­hun­gen ver­bes­sern? Ein Bei­rats­mit­glied von dapd hat beste Kon­takte zur PR-Agentur, die das Image von Aser­baid­schan auf­po­lie­ren hilft? Und der dapd-Mann vor Ort taucht das Regime gele­gent­lich in ein mil­des freund­li­ches Licht?

Kann natür­lich sein, dass das alles Zufall ist.

Ich habe bei dapd nach­ge­fragt, wie ich mir die Koope­ra­tion mit Azer­TAc vor­stel­len muss, ob die Agen­tur ihre Auf­gabe darin sieht, für gute Bezie­hun­gen zwi­schen Staa­ten all­ge­mein oder die­sen bei­den kon­kret zu sor­gen, und wie dpad von einem Erfah­rungs­tausch mit Azer­TAc pro­fi­tie­ren könnte. Ich bekam die fol­gende Antwort:

Es gibt keine Koope­ra­tion mit Azer­TAc. Inso­fern erüb­ri­gen sich Ihre Fragen.

Ging dann aber noch weiter:

Rich­tig ist, dass dapd bila­te­rale Ver­trags­be­zie­hun­gen mit Nach­rich­ten­agen­tu­ren in 25 Län­dern unter­hält, u.a. China, Japan, Tsche­chien und Schwe­den. Außer­dem führt dapd lau­fend Son­die­rungs­ge­sprä­che, um für die Kun­den eine eigene Bericht­er­stat­tung (z. B. aus Aser­baid­schan, Turk­me­nis­tan, Usbe­kis­tan oder Iran) sicher­zu­stel­len. dapd berich­tet seit eini­gen Wochen mit zwei eige­nen Kor­re­spon­den­ten unab­hän­gig aus Aser­baid­schan und wird von dort auch wei­ter­hin berich­ten. dapd setzt zudem auf das Netz­werk von unab­hän­gi­gen AP-Journalisten.

Das klärt natür­lich in kei­ner Weise, warum kein Gerin­ge­rer als der Vor­stands­vor­sit­zende von dapd nach Baku fährt und Kon­takte pflegt, die seine Gesprächs­part­ner als weit­rei­chende Koope­ra­ti­ons­an­ge­bote darstellen.

(Der dapd-Sprecher wies dann noch dezent dar­auf hin, dass die dapd-Konkurrenz dpa mit Azer­TAc koope­riere: Beide sind im Agen­tu­ren­netz­werk EANA. Dabei han­delt es sich aller­dings nach Anga­ben von dpa bloß um einen Dach­ver­ver­band, wie es ihn für viele Bran­chen auf euro­päi­scher Ebene gibt: »Es gab und es gibt kei­ner­lei Koope­ra­tion zwi­schen der dpa und Azer­TAc«, so ein Spre­cher. »Die dpa bezieht keine Infor­ma­tio­nen von Azer­TAc und wer­tet deren Agen­tur­dienste nicht aus. Umge­kehrt lie­fern wir auch keine Inhalte und Dienste an AzerTAc.«)

dapd-Chef appelliert an Redaktion: Bewahren Sie Ruhe!

Am Sonn­tag­nach­mit­tag habe ich hier im Blog ein dapd-Feature über Baku kri­ti­siert. Das ver­an­lasste den Chef­re­dak­teur Cord Dreyer, am nächs­ten Tag fol­gende Rund­mail an alle Redak­teure zu verschicken:

Liebe Kol­le­gin­nen und Kollegen,

offen­sicht­lich ärgern sich viele von Ihnen über die Kri­tik in einem Medi­en­blog an einem unse­rer Texte aus Aser­baid­schan. Bitte las­sen Sie sich dadurch nicht aus der Ruhe brin­gen oder gar ver­un­si­chern. Es ist in der Tat so, dass die Arbeit von Unter­neh­men, die auf Erfolgs­kurs sind, in der Bran­che mit­un­ter beson­ders kri­tisch beäugt wird.

Fakt ist:

  • Kein ande­res Medium ist im Vor­feld des ESC für seine Kun­den so lange vor Ort und berich­tet so aus­gie­big und aus­ge­wo­gen über Aser­baid­schan wie dapd. Teil unse­rer Bericht­er­stat­tung sind selbst­ver­ständ­lich viele Berichte über Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, Akti­vi­tä­ten der Oppo­si­tion und regie­rungs­kri­ti­scher Organisationen.
  • Zu einer solch aus­ge­wo­ge­nen und ins­ge­samt kri­ti­schen Bericht­er­stat­tung gehört als eine Stil­form auch ein Städ­te­por­trät mit sub­jek­ti­ven Ein­drü­cken. Nicht jeder Text über Aser­baid­schan kann drei Hin­ter­grund­ab­sätze über die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in dem Land ent­hal­ten, die es ohne Zwei­fel gibt. Im Inter­net fin­den Sie ein Bei­spiel dafür, wie dpa in einem ähn­li­chen Fea­ture kaum anders mit dem Thema umge­gan­gen ist.
  • Als Nach­rich­ten­agen­tur sind wir selbst­ver­ständ­lich unab­hän­gig und berich­ten auch unab­hän­gig. Wir las­sen uns die Form und den Tenor unse­rer Bericht­er­stat­tung nicht vorschreiben.
  • Von die­ser Unab­hän­gig­keit kön­nen Sie sich leicht über­zeu­gen, wenn Sie all die Bei­träge über Aser­baid­schan in unse­rem Dienst lesen.

Ich möchte Sie ermu­ti­gen, Ihre gute Arbeit fort­zu­set­zen und sich durch sol­cher­lei Angriffe nicht beein­dru­cken zu las­sen. Wer Erfolg hat, steht auch immer in der Kri­tik. Daran müs­sen wir uns gewöh­nen. Wir soll­ten mit die­ser Kri­tik aber selbst­be­wusst umgehen.

Herz­li­che Grüße
Ihr
Cord Dreyer

Ent­we­der ist ein dapd-Redakteur also ein so sen­si­bles Geschöpf, das schon auf öffent­li­che Kri­tik an der Arbeit eines Kol­le­gen mit Selbst­zwei­feln, Panik und Alle­s­hin­werf­ge­dan­ken rea­giert, dass der Chef gleich eine Durchhalte-, Kopf­hoch– und Wir-lassen-uns-nicht-unterkriegen-Notfall-Mail ver­fas­sen muss.

Oder die Angst und der Ärger lie­gen doch eher auf Sei­ten des Chefredakteurs.

Sein Vor­schlag, sich von der »Unab­hän­gig­keit« der dapd-Berichterstattung über Aser­baid­schan durch einen Blick ins Archiv zu über­zeu­gen, ist aller­dings ein über­ra­schend guter. Der Unter­neh­mens­spre­cher von dapd hatte mir am Diens­tag die­selbe Anre­gung gege­ben und freund­li­cher­weise gleich ein umfang­rei­ches PDF mit ent­spre­chen­den Agen­tur­mel­dun­gen geschickt, die bele­gen sol­len, dass dapd die not­wen­dige kri­ti­sche Dis­tanz hält.

Mein Ein­druck nach dem Lesen war ein ganz anderer.

Eine Mel­dung des dapd-Korrespondenten in Baku über eine regie­rungs­kri­ti­sche Demons­tra­tion am ver­gan­ge­nen Sonn­tag endete mit fol­gen­den Sätzen:

[Prä­si­dent] Ali­jews Spre­cher Ali Hasa­now sagte der dapd ver­gan­gene Woche, er sehe Demons­tra­tio­nen von Regie­rungs­geg­nern als Beweis für »eine funk­tio­nie­rende Zivil­ge­sell­schaft«. Er wies den Vor­wurf zurück, es gebe »poli­ti­sche Gefan­gene«. »Die sit­zen wegen kon­kre­ten Straf­ta­ten wie bei­spiels­weise Hoo­li­ga­nis­mus im Gefäng­nis«, sagte Hasa­now. Jedem stehe der Weg zum Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rechte frei.

Das ist blan­ker Hohn. Nach Anga­ben der Bun­des­re­gie­rung hat Aser­baid­schan aktu­ell 46 Urteile des Gerichts­hofs wegen Ver­let­zun­gen der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­tio­nen nicht umgesetzt.

Am sel­ben Tag lie­ferte der Baku-Korrespondent von dapd auch ein län­ge­res »Hintergrund«-Stück zum Thema. Anders als des­sen Titel »Vor dem ESC in Aser­baid­schan for­miert sich die Oppo­si­tion« sug­ge­riert, kommt in dem Bericht kein Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­ker zu Wort. Statt­des­sen erhält wie­der die Regie­rung das Wort:

(…) Erst­mals seit rund zehn Jah­ren fin­den in der Haupt­stadt Baku regel­mä­ßig Demons­tra­tio­nen statt. (…) »Es gibt also eine funk­tio­nie­rende Zivil­ge­sell­schaft«, kom­men­tierte Ali Hasa­now, der Spre­cher von Staats­prä­si­dent Ilham Ali­jew, zuletzt im Gespräch mit dapd. (…)

»Das Inter­net ist völ­lig frei«, betont auch Hasa­now, dem die kri­ti­sche inter­na­tio­nale Bericht­er­stat­tung über sein Land zu undif­fe­ren­ziert erscheint. So sei etwa immer wie­der zu lesen, dass regime­kri­ti­sche Demons­tra­tio­nen in der Ver­gan­gen­heit nicht geneh­migt wor­den seien. »Es ging nicht darum, ob demons­triert wer­den darf, son­dern darum, wo«, sagt Hasa­now. Die Oppo­si­tion habe dar­auf bestan­den, im Zen­trum von Baku auf die Straße zu gehen. Wegen des dich­ten Ver­kehrs und den Bau­denk­mä­lern habe die Stadt­ver­wal­tung Sicher­heits­be­den­ken ange­mel­det und Ver­samm­lungs­plätze auf Brach­flä­chen in Vor­or­ten vor­ge­schla­gen. »Erst jetzt wird das von Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen und Oppo­si­ti­ons­par­teien akzep­tiert«, sagt Hasa­now: »Es ist gut, dass sie nun dort demonstrieren.« (…)

Laut Mei­nungs­um­fra­gen kommt Prä­si­dent Ali­jew unter den knapp fünf Mil­lio­nen Wahl­be­rech­tig­ten wei­ter­hin auf traum­hafte Zustim­mungs­quo­ten von über 70 Prozent.

Das mag zum Bei­spiel Aus­druck des­sen sein, was die Friedrich-Ebert-Stiftung die »pater­na­lis­ti­sche Auf­fas­sung von Staats­ge­walt« bei einer Mehr­heit der Ase­ris nennt, »wonach die Regie­rung für die Gesell­schaft sorgt wie Eltern für ihre Kin­der«. Aber in einem Land, in dem der Oppo­si­tion nur wenig Raum in der Öffent­lich­keit und den Medien ein­ge­räumt wird, was natür­lich einen Mei­nungs­bil­dung­pro­zess behin­dert, wäre es für eine seriöse Nach­rich­ten­agen­tur viel­leicht eine gute Idee, die angeb­li­che Zustim­mungs­quote nicht unqua­li­fi­ziert mit dem Wort »traum­haft« zu bejubeln.

Am Tag zuvor war es der aser­baid­scha­ni­sche Ener­gie– und Indus­trie­mi­nis­ter Natig Ali­jew, den dapd aus­führ­lich zu Wort kom­men ließ: »Im Gespräch mit Jakob Lemke beant­wor­tete Ali­jew auch Fra­gen zu inter­na­tio­na­ler Kri­tik an Aserbaidschan (…).«

dapd: Ein ande­res Thema, bei dem Aser­baid­schan inter­na­tio­nale Kri­tik ein­ste­cken muss, sind Zwangs­räu­mun­gen durch die staats­ei­gene Öl– und Gas­firma Socar. Zuletzt wur­den dabei sogar Jour­na­lis­ten ver­letzt, der Pres­se­rat pro­tes­tierte. Was sagen Sie zu sol­chen Vorfällen?

Ali­jew: Ich denke, wenn Socar Maß­nah­men ergrif­fen hat, ist dies durch das Rechts­sys­tem gere­gelt. Das Gesetz steht höher als Per­so­nen oder Fir­men. Nach mei­nen Infor­ma­tio­nen hat Socar Gerichts­ur­teile erwirkt, weil diese Häu­ser ohne Geneh­mi­gung errich­tet wur­den. Socar hat die Grund­stü­cke für Öl– und Gas­pro­jekte bekom­men — das sind keine Grund­stü­cke für Häu­ser. Wenn also die Häu­ser ille­gal errich­tet wur­den, dann liegt Socar rich­tig. Aber ich wie­der­hole: Das Gesetz steht über den Firmen.

Und zum Welt­frau­en­tag am 8. März schenkte dapd Aser­baid­schan ein »Fea­ture«, das zwar auch die Kri­tik von Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen an Benach­tei­li­gun­gen von Frauen the­ma­ti­sierte (»Licht und Schat­ten prä­gen die Rolle der Frau in Aser­baid­schan«), aber Raum fand, dem Prä­si­den­ten­paar ein paar Blu­men­kränze zu flechten:

Nach amt­li­chen Sta­tis­ti­ken sind rund 45 Pro­zent der Ange­stell­ten im Land weib­lich. Vor­bild ist die »First Lady« Meh­ri­ban Ali­jewa, die ihren Mann bei der Moder­ni­sie­rung des Lan­des durch inten­sive Stif­tungs­ar­beit und viele öffent­li­che Auf­tritte unter­stützt. Auch ihre eigene Web­site betreibt Ali­jewa, die Medi­zin und Phi­lo­so­phie stu­diert hat.

Wie gesagt: All diese zitier­ten Mel­dun­gen sind aus­schließ­lich sol­che, die mir dapd eigens her­aus­ge­sucht hat, um die jour­na­lis­ti­sche Dis­tanz der Bericht­er­stat­tung aus Baku zur Regie­rung zu bele­gen. Wer sie liest, erfährt tat­säch­lich gele­gent­lich etwas über die Kri­tik an dem Regime. Vor allem aber wird er aus­führ­lich und weit­ge­hend unge­fil­tert mit des­sen Pro­pa­ganda versorgt.

Es sind Mel­dun­gen, die dazu pas­sen, dass ihr Autor für die tee­trin­ken­den Poli­zis­ten in Baku schwärmt und Sätze schreibt wie: »Angst vor Uni­for­mier­ten ist in Aser­baid­schan nicht notwendig.«

Das muss es sein, was dapd-Chefredakteur mit der »ins­ge­samt kri­ti­schen« Bericht­er­stat­tung sei­ner Agen­tur über Aser­baid­schan meint.

Aber bitte, Herr Dreyer, las­sen Sie sich von die­sem Ein­trag nicht beein­dru­cken, aus der Ruhe brin­gen oder gar verunsichern.

dapd-Feature über Baku: »Naiv, blind oder bezahlt«

Im Herbst 2010 hat die Nach­rich­ten­agen­tur dapd einen drei­köp­fi­gen Bei­rat beru­fen, der die jour­na­lis­ti­sche Unab­hän­gig­keit ihrer Bericht­er­stat­tung schüt­zen soll. Seit­dem kön­nen sich Redak­teure, wenn sie unzu­läs­sige Ver­su­che der Ein­fluss­nahme wahr­neh­men, direkt zum Bei­spiel an den ehe­ma­li­gen ZDF-Intendant Die­ter Stolte wenden.

Das hätte im Fall des auf­fal­lend regime­freund­li­chen dapd-Features über Aser­baid­schan, das vor zehn Tagen erschien, eine schöne Iro­nie. Denn Die­ter Stolte schützt nicht nur die Unab­hän­gig­keit der Bericht­er­stat­tung von dapd. Die­ter Stolte sitzt auch im Bei­rat der PR-Firma Con­sul­tum Com­mu­ni­ca­ti­ons. Und Con­sul­tum Com­mu­ni­ca­ti­ons ist eine Agen­tur, die im Auf­trag Aser­baid­schans daran arbei­tet, das Image des auto­ri­tär regier­ten Lan­des in Deutsch­land zu verbessern.

dapd sieht darin kein Pro­blem. Spre­cher Tobias Lobe schließt eine Ein­fluss­nahme Stol­tes aus: »Pro­fes­sor Stolte steht seit Jahr­zehn­ten für jour­na­lis­ti­sche Unab­hän­gig­keit und Inte­gri­tät. Er beschäf­tigt sich nicht mit tages­ak­tu­el­len Fra­ge­stel­lun­gen der dapd.«

Lobe sieht auch kei­nen grund­sätz­li­chen Inter­es­sens­kon­flikt darin, dass jemand, der die jour­na­lis­ti­sche Unab­hän­gig­keit sicher­stel­len soll, sei­ner­seits im Bei­rat eines Unter­neh­mens sitzt, das davon lebt, Medien in sei­nem Sinne zu beein­flus­sen: »Herr Prof. Stolte würde sich für Der­ar­ti­ges auch nicht miss­brau­chen lassen.«

In dem dapd-Feature wird ein auto­ri­tä­res Regime zur demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Herr­schaft eines all­seits geschätz­ten, güti­gen und groß­zü­gi­gen Prä­si­den­ten ver­klärt. Die Staats­ge­walt, die durch will­kür­li­che Ent­schei­dun­gen, Ver­stöße gegen Men­schen­rechte und Über­griffe gegen Demons­tran­ten und Kri­ti­ker von sich reden macht, tritt hier in Gestalt von gemüt­li­chen Poli­zis­ten auf, die Tee trin­ken, weil nichts zu tun ist. Auf meine Frage, ob die­ser Text den jour­na­lis­ti­schen Stan­dards von dapd ent­spricht, ant­wor­tet Lobe nicht direkt. Statt­des­sen erklärt er unter anderem:

Jour­na­lis­ti­scher Stan­dard einer objek­tiv und pro­fes­sio­nell arbei­ten­den Nach­rich­ten­agen­tur ist, gewis­sen­haft zu infor­mie­ren und nicht zu mani­pu­lie­ren. In die­sem Fall han­delte es sich um ein Reise-Feature, dass auch online im Rei­seres­sort einer Zei­tung ver­brei­tet wurde. Das Auto­ren­stück — ver­fasst von einem Kor­re­spon­den­ten, der viele Jahre für dpa gear­bei­tet hat — legt einen beson­de­ren Schwer­punkt auf die dyna­mi­sche Ent­wick­lung des Lan­des als Magnet für Tou­ris­mus und die inter­na­tio­nale Geschäfts­welt. Es han­delt sich um ein Stadt­por­trait und keine Ana­lyse der poli­ti­schen Ver­hält­nisse. Es ist wohl­ge­merkt ein Arti­kel im Rah­men eines sehr umfang­rei­chen The­men­an­ge­bots der Aserbaidschan-Berichterstattung, die zahl­rei­che kri­ti­sche Arti­kel umfasst. Wir regen an, die Frage nach jour­na­lis­ti­schen Stan­dards auch ande­ren Agen­tu­ren zu stel­len. Ein ähn­li­ches Fea­ture ist u.a. von Focus, Stern, Welt, FR online ver­öf­fent­licht wor­den. Nach­zu­le­sen z. B. unter www.stern.de/reise/baku-das-dubai-des-kaspischen-meeres-1812943.html. In die­sem Bei­trag eines Mit­be­wer­bers wer­den Fra­gen nach Men­schen­rech­ten und Pres­se­frei­heit auch nicht the­ma­ti­siert, da ein ande­rer the­ma­ti­scher Fokus gesetzt wurde. Das kri­ti­sie­ren wir jedoch aus­drück­lich nicht.

Der Unter­schied zwi­schen dem erwähn­ten dpa-Stück und dem dapd-Stück ist aller­dings, dass bei dpa die Poli­tik ganz aus­ge­blen­det ist. Bei dapd ist sie ein ent­schei­den­der Aspekt des Fea­tures — und das ganz im Sinne des Regimes.

Mar­kus Löning, der Men­schen­rechts­be­auf­tragte der Bun­des­re­gie­rung, kom­men­tiert den dapd-Beitrag über Aser­baid­schan so:

Ent­we­der hat hier ein Blin­der geschrie­ben oder ein Dumm­kopf oder es war ein PR-Auftrag. Unglaub­lich wie man so an der Rea­li­tät die­ses Lan­des vor­bei schrei­ben kann. Ich kenne Aser­baid­schan aus vier Besu­chen in den letz­ten zehn Jah­ren. Es gibt dort viel inter­es­san­tes zu sehen und zu ent­de­cken. Fas­zi­nie­ren­des aus einer unru­hi­gen und beweg­ten Geschichte, span­nen­des über den rasan­ten Zufluss an Ölgeld und abstos­sen­des über die gewis­sen­lose Durch­set­zung von Macht– und Geld­in­ter­es­sen. Es ist ein bun­tes Bild mit hef­ti­gen Schat­ten­sei­ten. Wer nur den Son­nen­schein schil­dert muss sich gefal­len las­sen, naiv, blind oder bezahlt genannt zu werden.

Der Men­schen­rechts­be­auf­tragte ist beim Aus­wär­ti­gen Amt ange­sie­delt. Das Außen­mi­nis­te­rium hat Ende ver­gan­ge­nen Jah­res spek­ta­ku­lär ent­schie­den, einen Groß­auf­trag nicht mehr dpa, son­dern der Kon­kur­renz von dapd zu ertei­len. dpa wirft dapd unter ande­rem Preis­dum­ping und Qua­li­täts­män­gel vor.

Nach­trag, 30. April. Mar­kus Löning rudert zurück: Nach der Lek­türe wei­te­rer Berichte des Autors habe er sich bei ihm für den Vor­wurf der ein­sei­ti­gen Bericht­er­stat­tung und seine »scharfe Wort­wahl« ent­schul­digt, schreibt er.

Baku wird erst durch dapd richtig schön

Einer­seits ist es natür­lich trau­rig, dass die Nach­rich­ten­agen­tu­ren dpa und dapd zu ihrem anhal­ten­den Sand­kas­ten­du­ell nicht ein­mal eigene Förm­chen mit­brin­gen. Ande­rer­seits wäre es auch schade, wenn über die Qua­li­tät von dapd dis­ku­tiert würde, ohne deren Fea­ture »Baku — Kau­ka­si­sche Metro­pole zwi­schen Europa und Ori­ent — Geschichte und Moderne dicht bei­ein­an­der — ›Kommt und schaut euch Baku an‹« zu würdigen.

Es ist ein Stück, das sich liest, als hätte es eine der PR-Agenturen Aser­baid­schans selbst dik­tiert — als Kon­trast­pro­gramm zu all den unschö­nen Geschich­ten über zusam­men­ge­schla­gene Jour­na­lis­ten, drang­sa­lierte Regime­geg­ner, ver­haf­tete Demonstranten.

Um es vor­weg zu sagen: Natür­lich ist Aser­baid­schan mehr als ein Ort, an dem Men­schen­rechte ver­letzt wer­den. Es ist ein fas­zi­nie­ren­des Land vol­ler Wider­sprü­che, der viel­leicht säku­larste mus­li­mi­sche Staat der Welt, Baku eine glit­zernde, stau­bige Metropole.

Im Baku-Werbeprospekt von dapd, ver­fasst von Jakob Lemke, liest sich das so:

Gut 20 Jahre nach der Befrei­ung von sowje­ti­scher Fremd­herr­schaft öff­net sich Baku zuneh­mend wie­der dem Wes­ten und den Tou­ris­ten. Am 26. Mai wird man sich als Gast­ge­ber des dies­jäh­ri­gen Euro­vi­sion Song Con­test (ESC) Tau­sen­den von Besu­chern und geschätz­ten 140 Mil­lio­nen Fern­seh­zu­schau­ern prä­sen­tie­ren. Um sich unab­hän­gi­ger vom Öl– und Gas­ge­schäft zu machen, soll Tou­ris­mus ent­wi­ckelt wer­den. Die inter­na­tio­nale Geschäfts­welt strömt bereits wie­der ins Land.

So weit, so gut. Und jetzt geht’s los:

»Baku wird die schönste Stadt der Welt«, ver­spricht Staats­prä­si­dent Ilham Ali­jew regel­mä­ßig. 2008 wurde er mit 88 Pro­zent der abge­ge­be­nen Wäh­ler­stim­men im Amt bestä­tigt. Um viele Pres­ti­ge­pro­jekte wie das ESC-Finale, das neue Tep­pich­mu­seum mit Gol­dor­na­men­ten im Dach oder den prunk­vol­len Bou­le­vard am Kas­pi­schen Meer küm­mert sich die Prä­si­den­ten­fa­mi­lie per­sön­lich. Die Stadt­be­völ­ke­rung scheint den Kurs zu beja­hen. »Seit die Ali­jews regie­ren, geht es auf­wärts«, hört der west­li­che Besu­cher in aller Regel auf die Frage, ob zur wirt­schaft­li­chen Dyna­mik nicht auch mehr Demo­kra­tie passe.

Ein legi­ti­mer Herr­scher, der seine Stadt schön und ihre Bewoh­ner glück­lich macht. Wer will so ein hüb­sches Bild schon zer­krat­zen durch die Infor­ma­tion, dass die Prä­si­dent­schafts­wahl von inter­na­tio­na­len Beob­ach­tern kri­ti­siert wurde, weil zum Bei­spiel die Oppo­si­tion kaum Mög­lich­kei­ten hatte, sich in den Medien oder der Öffent­lich­keit dar­zu­stel­len; dass Demons­tra­tio­nen ver­bo­ten waren, und dass alle grö­ße­ren Oppo­si­ti­ons­par­teien die Wahl boykottierten.

Und klingt es nicht rüh­rend, fast selbst­los, dass sich die Prä­si­den­ten­fa­mi­lie sogar »per­sön­lich« um die auf­re­gends­ten Pro­jekte »küm­mert«? Die Fest­stel­lung an sich ist nicht falsch. Man könnte es, etwas tref­fen­der, viel­leicht so for­mu­lie­ren, dass die Prä­si­den­ten­fa­mi­lie das Land ein­fach behan­delt, als würde es ihr gehö­ren. Aser­baid­schan ist eines der kor­rup­tes­ten Län­der der Welt. Es ist reich (Öl), aber der Reich­tum kommt vor allem einer klei­nen Cli­que zugute. Bür­ger­recht­ler sagen, dass die Prä­si­den­ten­fa­mi­lie und ihre Freunde sich um das Land »küm­mern«, wie es die Mafia tut.

Aber auch mit der kann man sich ja arran­gie­ren, und warum soll man die Men­schen in Baku mit so etwas Anstren­gen­dem wie ech­ter Demo­kra­tie oder Rechts­staat­lich­keit zwangs­be­glü­cken, wenn sie zufrie­den sind, so wie es ist? Zum Beleg dafür zitiert dapd irgend­je­man­den, der nicht genannt wird, und behaup­tet, was er sagt, sei das, was der west­li­che Besu­cher »in aller Regel« hört. Wenn ich Kunde bei einem Laden wäre, der seriöse Nach­rich­ten­agen­tur sein will und eine solch win­dige For­mu­lie­rung durch­ge­hen lässt, würde ich mein Geld zurückverlangen.

Und wie geschickt vage das Zitat ein­ge­baut ist:

»Seit die Ali­jews regie­ren, geht es auf­wärts«, hört der west­li­che Besu­cher in aller Regel auf die Frage, ob zur wirt­schaft­li­chen Dyna­mik nicht auch mehr Demo­kra­tie passe.

Es ist in die­ser For­mu­lie­rung nicht ein­deu­tig, ob es laut (mut­maß­lich von dapd erfun­de­nem) Zitat wirt­schaft­lich auf­wärts geht oder in Bezug auf die Demo­kra­tie. Nach Ansicht von Bür­ger­recht­lern und inter­na­tio­na­len Beob­ach­tern geht es mit der Demo­kra­tie in Aser­baid­schan nicht auf­wärts, nicht ein­mal ein biss­chen. Es wird schlimmer.

Man würde das nicht ahnen, als dapd-Kunde oder –Leser.

Es fol­gen wei­tere Werbe-Sätze:

Wol­ken­krat­zer ent­ste­hen in atem­rau­ben­dem Tempo, an Bus­hal­te­stel­len infor­mie­ren moderne LCD-Bildschirme, Luxus­bou­ti­quen und Ein­kaufs­zen­tren locken — Baku zeigt sich reich. Wer sich auf das Stadt­le­ben ein­lässt, erlebt eine selbst­be­wusste, zukunfts­ori­en­tierte City.

Ich will nicht aus­schlie­ßen, dass es das auch gibt. Mir haben Men­schen, die sich aus­ken­nen oder dort leben, erzählt, dass sie eine Stadt erle­ben mit wenig Kul­tur­le­ben und viel Mate­ria­lis­mus — und dass die klu­gen Köpfe, die es kön­nen, das Land verlassen.

An den Pla­kat­wän­den prangt Wer­bung für Mobil­te­le­fone und Mode­ket­ten, die alten Lada-Taxis haben mitt­ler­weile Kon­kur­renz von vio­let­ten London-Taxis bekommen.

Ja. Oder wie es Peter-Philipp Schmitt in sei­ner Repor­tage in der »Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung« schrieb:

Sei­nen Job hat Saxib auch gleich ver­lo­ren. Er war Taxi­fah­rer, hatte einen Kre­dit auf­ge­nom­men und einen Lada gekauft. Vor eini­gen Wochen aber schaffte Baku Tau­sende Neu­wa­gen an. Sie sehen aus wie die berühm­ten Lon­do­ner Cabs. Gleich­zei­tig erging ein Erlass, dass Autos bestimm­ter Mar­ken wie Lada und Wagen, die vor 2006 gebaut wur­den, nicht mehr auf Bakus Stra­ßen als Taxis fah­ren dür­fen. Baku soll modern und west­lich sein, wenn die Euro­päer kom­men. Doch die alten Taxi­fah­rer, die keine Lizenz für das neue Zeit­al­ter bekom­men, sind arbeits­los geworden.

Aber zurück zu dapd, deren Bericht sich dem pro­pa­gan­dis­ti­schen Tief­punkt nähert:

Auf den Mar­mor­plat­ten des Bou­le­vards pro­me­nie­ren Fami­lien und schwit­zen Jog­ger, dane­ben locken Cafés. Natür­lich patrouil­lie­ren auch Poli­zis­ten – aber meist haben sie Zeit für ein Schwätz­chen oder eine Tasse Tee, denn Baku ist eine Haupt­stadt mit gegen Null ten­die­ren­der Kriminalitätsrate.

Tat­säch­lich scheint Baku eine Stadt zu sein, in der man rela­tiv sicher ist, solange man nicht auf die absurde Idee kommt, sich poli­tisch zu enga­gie­ren, demons­trie­ren zu wol­len, für Bür­ger­rechte zu kämp­fen. Dann aber kann man erle­ben, wie die freund­li­chen aser­baid­scha­ni­schen Alois Dimp­fel­mo­sers doch kurz ihre Tee­tas­sen zur Seite stel­len und mit mas­si­ven Mit­teln dafür sor­gen, dass sich die Prä­si­den­ten­fa­mi­lie wei­ter unge­stört um die Ver­schö­ne­rung der Stadt küm­mern kann.

Geht wei­ter:

Das gilt auch für die ärm­li­che­ren Vor­orte, wo sich Autos über Hol­per­wege mühen und auf dem Markt Ham­mel­köpfe ange­bo­ten wer­den. Kon­krete Wün­sche wie »eine neue Schule« oder »der Spiel­platz sollte reno­viert wer­den« ver­schweigt hier nie­mand — aber umset­zen sol­len das ruhig »die Ali­jews«. Vor man­chem bau­fäl­li­gen Haus parkt ein Mer­ce­des, dane­ben stol­zie­ren junge Frauen hoch­ha­ckig durch ihr Vier­tel. Der auf Öl– und Gas­pro­duk­tion beru­hende neue Reich­tum ver­teilt sich ste­tig, nir­gendwo sind Bett­ler zu sehen.

Es gibt doch keine effek­ti­vere Armuts­be­kämp­fung als das Ent­fer­nen von Bett­lern von der Straße.

Der dapd-Text endet mit einem Mann, der in einer alten Kara­wan­se­rei arbeitet:

Sule­jmanz­ade ist über­zeugt, dass »man­che Kri­tik aus dem Aus­land eigent­lich wie Bes­ser­wis­se­rei von Orts­frem­den klingt«. Man habe nichts zu ver­ste­cken, sagt er. Mit Kli­schees ist Baku nicht bei­zu­kom­men, diese Stadt will sich wie­der selbst definieren.

Der dapd-Reporter Jakob Lemke hat sie nicht ein­mal expli­zit erwähnt, die Kri­tik an der feh­len­den Rechts­staat­lich­keit Aser­baid­schans, am Umgang des Lan­des mit sei­nen Bür­gern, an der Kor­rup­tion, an der Miss­ach­tung uni­ver­sa­ler Men­schen­rechte, an den uner­klär­li­chen Toden von Regime­kri­ti­kern im Poli­zei­ge­wahr­sam, aber sicher­heits­hal­ber dif­fa­miert er sie trotz­dem als »Kri­tik aus dem Aus­land«, als Klischee.

Lemke betreibt übri­gens für dapd auch ein Blog, in dem er über seine Erfah­run­gen in Aser­baid­schan schreibt. Darin ste­hen Sätze wie »Angst vor Uni­for­mier­ten ist in Aser­baid­schan nicht not­wen­dig«. Und: »Uns folgt auch kein Auf­pas­ser, wie ich es in ande­ren ex-kommunistischen Län­dern schon erlebt habe. (…) Und bei Tref­fen mit Per­so­nen, wel­che dem offi­zi­el­len poli­ti­schen Kurs der Füh­rung in Baku wider­spre­chen, haben wir weder bei uns noch beim Gegen­über Angst gespürt.«

Es muss in einem ande­ren Baku gewe­sen sein als dem, das viele Kol­le­gen und ich in den ver­gan­ge­nen Mona­ten besucht haben.

Nach­trag, 22:00 Uhr. »Der Wes­ten« hat den dapd-Artikel gelöscht.

Ein Abschiedsgericht für Barbara Salesch

Das war eine der erstaun­lichs­ten Erfah­run­gen, als Michael Reuf­steck und ich damals ver­such­ten, für unser »Fern­seh­lexi­kon« her­aus­zu­fin­den, was eigent­lich die letz­ten zehn, drei­ßig, fünf­zig Jahre im Fern­se­hen gelau­fen ist: Die Sen­der selbst wis­sen es auch nicht.

Beim NDR hat mich ein Kol­lege in weit abge­le­gene Räume geführt, wo Unmen­gen bes­ten­falls vier­tel­sor­tier­ter Pro­gramm­ab­lauf­pläne und Pres­se­aus­schnitte vor sich hin­rot­te­ten. Bei RTL sagte man uns, dass man in den Anfangs­jah­ren voll und ganz damit aus­ge­füllt war, Fern­se­hen zu machen, und sich nicht auch noch darum küm­mern konnte, für die Nach­welt fest­zu­hal­ten, was man da tat. Und bei Sat.1 bestand das his­to­ri­sche Archiv, soweit die Kol­le­gen sich erin­nern konn­ten, im Wesent­li­chen aus einer Samm­lung von Aus­ga­ben der Fern­seh­zeit­schrift »TV Movie« ab 1991 oder so. (Und ver­mut­lich hat auch die jemand nach der Zwangs­um­sie­de­lung zu Pro­Sie­ben nach Mün­chen kur­zer­hand entsorgt.)

So gese­hen ist es kein Wun­der, dass heute fast über­all steht, Bar­bara Salesch — die zum Ende des Jah­res ihre Gerichts­show auf­ge­ben will — hätte ihre Fern­seh­kar­riere in einer Sen­dung namens »Schieds­ge­richt« begon­nen. Ver­brei­tet wird das unter ande­rem von der Nach­rich­ten­agen­tur dapd:

Salesch ist den Anga­ben [von Sat.1] zufolge Deutsch­lands dienst­äl­teste TV-Richterin. Ihre Fern­seh­kar­riere star­tete die Juris­tin am 27. Sep­tem­ber 1999 in der Sat.1-Sendung »Schieds­ge­richt«, in der echte zivil­recht­li­che Fälle ver­han­delt und rechts­kräf­tige Urteile gespro­chen wur­den. (…) Seit Okto­ber 2000 wer­den in dem For­mat »Rich­te­rin Bar­bara Salesch« aus­schließ­lich fik­tive straf­recht­li­che Fälle verhandelt.

Es gab aber nie eine Sen­dung namens »Schieds­ge­richt«. »Rich­te­rin Bar­bara Salesch« hieß vom ers­ten Tag an »Rich­te­rin Bar­bara Salesch«. Der Feh­ler stammt aber nicht von den dapd-Leuten (denen das unbe­dingt zuzu­trauen wäre), son­dern von Sat.1 selbst, wo mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit außer Frau Salesch und dem Comedy– und Show-Redakteur Josef Bal­ler­stal­ler nie­mand mehr arbei­tet, der dort auch schon 1999 gear­bei­tet hat.

Und weil offen­bar die Neuen nichts mehr haben, wo sie es nach­gu­cken könn­ten (außer, natür­lich, hof­fent­lich, ein Exem­plar des unver­zicht­ba­ren »Fern­seh­lexi­kons«), beginnt die heu­tige Pres­se­mit­tei­lung mit den Worten:

Unter­föh­ring, 1. Juli 2011. Eine TV-Ära geht zu Ende: Am 27. Sep­tem­ber 1999 star­tete »Rich­te­rin Bar­bara Salesch« in SAT.1 als »Schiedsgericht«.

Die For­mu­lie­rung fin­det sich seit 2004 in den Pres­se­mit­tei­lun­gen des Sen­ders (zur 1000. Sen­dung »Rich­te­rin Bar­bara Salesch«, zur 1500. Sen­dung »Rich­te­rin Bar­bara Salesch«, zur 2000. Sen­dung »Rich­te­rin Bar­bara Salesch«). Und das Lus­tige ist, dass sie stim­men würde, wenn man die Anfüh­rungs­zei­chen um »Schieds­ge­richt« weg­ließe, denn es han­delte sich um ein solches.

Aber spä­tes­tens mit dem heu­ti­gen Tag ist die Sen­dung »Schieds­ge­richt«, die es nie gege­ben hat, nach­träg­lich Bestand­teil der Geschichte des deut­schen Fern­se­hens geworden.